WB-Adventskalender 2011

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      Mitreißende Klänge dringen durch das siebte Türchen, und wer hindurchspäht findet sich mitten auf einer Bühne und als Teil eines Bandauftritts wieder. Das Publikum, ein wogendes Meer aus Köpfen und nach oben gereckten Händen unter freiem Himmel, steht ganz unter ihrem Bann. Nur eine einzige Person steht reglos auf der Bühne, an der Spitze der Band. Ihr ganzer Körper, ihre ganze Konzentration, ist nur auf einen Moment ausgerichtet, und dieser Moment ist nahe…



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      Musik, bitte!

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      Sie näherten sich dem Höhepunkt, sie spürten es.
      Da standen sie - Caréssha und ihre Truppe - auf der Bühne des großen Dward-Frühlings-Festivals und spielten die Vorgruppe zu den berühmten Ord Eméreon, den angesagten, abgefahrenen Urgesteinen des Neuen Lagers! Tausende Leute hörten sie, hörten ihre Lieder, sogen ihre Worte auf und, das absurdeste überhaupt, freuten sich und jubelten!
      Wie absolut irre, dachte Caréssha. Sie und ihre Leute, das waren die Arabaendrash, ein improvisierter Name, der bei Gelegenheit in etwas bedeutungsvolles, programmatisches, ewiges geändert werden musste. Sechs waren sie, absolut neu, vor einem halben Jahr zusammengefunden.
      Der Trommelwirbel des Schlagzeugers Mogaerol schwoll an, die Geiger spielten um ihr Leben, die Gitarre summte wie ein Bienenschwarm und Mardé entlockte seiner Flöte einen wilden Tanz.
      Caréssha, genannt die Rote, stand an der Spitze ihrer Truppe, sog die Musik in sich auf und wartete. Gleich kam ihr Einsatz, das Finale des Liedes. Das Publikum war gespannt, aufgewühlt, sie verlangten nach dem Höhepunkt. Die Erregung war greifbar, überwand die schmale Kluft zwischen Caréssha und der im Dunkel der Nacht stehenden Menge, elektrisierte die Haare auf ihren Armen und jagte ein um die andere Adrenalinwelle durch ihren euphorisierten Körper. Die Fackeln rings um die Bühne sandten Hitze und Licht aus, doch in ihr brannte bereits eine Glut, viel heißer und stürmischer als die Flammen.
      Es war so weit. Ihr Einsatz.
      Carésshas Lungen füllten sich schlagartig mit der kalten, stimmungsgeladenen Luft und sie sang aus voller Kehle. Der rhythmische Refrain sprang ihr förmlich über die Lippen und stürzte sich auf die Ohren der Zuhörer wie ein ausgehungertes Raubtier auf seine Beute.
      Die Leute johlten, Caréssha trommelte den Takt mit dem Fuß auf die Bühnenbretter und ließ die Hüften kreisen. Die Menge tobte, sang lautstark mit, das Glitzern in ihren Augen erfüllt von Musik und Trance. Das Blut rauschte Caréssha in den Ohren, sie fühlte das pure Leben in sich, in jeder Faser, in jedem Haar, mit jedem Atemzug. Ihre Umgebung verschwamm, es gab nur noch sie und die Musik. Am Rande nahm sie die freudig entrückten Bewegungen ihrer Gruppe wahr, die ebenfalls unter dem Bann der Musik standen. Sie fühlte sich tief mit ihnen verbunden; von irgendwo hinter ihrem Bauchnabel kam ein leichtes Ziehen, sofort wurde es von einem wohlig warmen Kribbeln erwidert, das sich rasend schnell in ihrem Körper ausbreitete, über ihre Haut kroch und sie erregte. Ihre Stimme war laut, tief, voll und beherrschte die Nacht von ihr hin bis zu den Sternen.
      Noch einmal hoben alle Instrumente gemeinsam an, vereinten sich wie in einem Liebesakt und tönten weit hin in die Welt, bis tief in ihren Körper hinein, erfüllten ihn von innen. Caréssha stimmte ein und legte alle Kraft hinein, ihr Herz schien für einen Moment innezuhalten, die Augen hatte sie geschlossen, ihre Arme zuckten in ekstatischen Bewegungen und ihre Stimme hatte schon längst ihren samtenen Liebreiz verloren, sie brüllte aus Leibeskräften, dreckig, laut und heiser. Geil, es war verdammt noch mal so geil! Es sollte ein ewiger Moment sein. Nie enden!
      Dann war es vorbei.
      Gitarre und Geigen, Flöte und Schlagzeug verstummten, das letzte Wort hallte über das Areal, hing schwer über den Köpfen der Menge und drückte sie in einer unnatürlich lauten Stille nieder, einer Stille, die die Ohren klingeln und das Herz rasen ließ. Carésshas Atem ging schnell und flach und schien kaum Luft in die Lungen zu saugen. Ihr war schwindelig und ihre Knie zitterten, in ihr Gesicht aber brannte sich ein berauschtes Grinsen, das gefühlt zu beiden Seiten über ihr Gesicht hinauszuragen schien.
      Der Jubel, der nach dem Moment der absoluten Stille einsetzte, war gigantisch, wie eine Faust aus Lärm schlug er Caréssha entgegen und schleuderte sie förmlich rückwärts in die Arme ihrer Kameraden, die sich nun in einer Reihe aufstellten und sie in die Mitte nahmen.
      Sie verbeugten sich, immer noch grinsend, als hätten sie sich eine breite Straße Naftasch die Nase hochgezogen und der Jubel ebbte ab, brandete erneut auf, die Leute klatschten rhythmisch in die Hände, stimmten Arabaendrash-Sprechchöre an, pfiffen und stampften mit den Füßen. Aberwitzige Verehrer warfen dunkelrote Solésonaknospen - Symbole der körperlichen Liebe - auf die Bühne, atemlose Damen fielen in Ohnmacht, die Ästheten weinten vor Verzückung.
      Caréssha fand zwischen der zweiten und dritten Verbeugung die Gelegenheit, kurze Blicke zur Seite zu werfen. Zu ihrer Linken war Mardé, der Flötentänzer. Er grinste sein zahnlückiges Grinsen, sein wirres, widerspenstiges Haar umrahmte sein gerötetes Gesicht. Er fing ihren Blick auf und zwinkerte ihr zu. Neben ihm stand Laegavé, der Gitarrenvirtuose. Er gab vor, ihren Blick nicht zu bemerken, doch meinte sie zu erkennen, wie sein Lächeln eine Spur breiter wurde. Zu ihrer rechten Seite verbeugte sich elegant Loaredaon, der Violinist mit Starattitüde, und kokettierte mit den hyperventilierenden Damen der ersten Reihe. Eine von ihnen versuchte sich ihre Kleider von der Brust zu reißen, wurde aber von ihrem empörten Mann daran gehindert, der noch kurz zuvor Caréssha eine rote Knospe zugeworfen hatte. Neben Loaredaon stand Méjrenja, das Geigenwunder von Burtas, und warf den atemlosen Verehrerinnen verstohlen eifersüchtige Blicke zu. Den Abschluss der Reihe bildete der riesenhafte Mogaerol.

      "Mann, was für ein geiler Auftritt, mann!", sagte Mardé nun schon zum zehnten Mal. Oder zum elften. So genau wusste das niemand mehr, die Flasche mit der Leandischen Spätlese hatte zu oft die Runde gemacht und die definitiv nachteilige Eigenschaft angenommen, überaus leer zu sein.
      "Wie wahr, wie wahr, mein Kamerad", sekundierte Loaredaon und ging an diesem Abend niemandem mit seiner erlesenen Wortwahl auf den Geist. Dafür war das Konzert einfach zu gut gewesen, ebenso die Spätlese. Nun saßen sie abseits vom Konzertgelände vor ihren Zelten ums Feuer und begossen den Erfolg. In der Ferne rumorte die Nacht, die meisten Besucher feierten ebenfalls laut und flüssig.
      Recht haben sie, dachte Caréssha, an einen Baumstamm gelehnt, und starrte in die Nacht.
      Unser größter Auftritt, unser längster Applaus und die besten Einnahmen. Fünf Verbeugungen! Das gab es sonst nur bei den Großen im Geschäft. Ein Grund zu feiern!
      "Auf uns!", rief sie in die Runde und griff nach einer Flasche, die noch nicht die negative Eigenschaft der Leandischen Spätlese nachgeahmt hatte. Dabei verschätzte Caréssha sich jedoch, griff ins Leere und fiel unter allgemeinem Gelächter auf die Seite.
      "Graziös wie ein Sack Mehl", beschied ihr Mogaerol, der Schlagzeuger, und griff seinerseits vergeblich nach der Flasche, behielt jedoch seine sitzende Haltung bei.
      "Aber in weitaus besserer Form als du", kommentierte Laegavé, der Gitarrist, mit glasigem Blick auf Carésshas knappe, rote Lederweste, die durch den Sturz unfreiwillig tiefe Einblicke gewährte. Sie bemerkte den Blick und auch den Unterton in seiner Stimme, ließ sich jedoch Zeit, sich aufzusetzen und ihre Kleidung zu ordnen. Laegavé entging das nicht und sein Mundwinkel zuckte in einem leichten Lächeln.
      Loaredaon hatte inzwischen die noch nicht geleerte Flasche erobert und sich wankend aus seiner erhabenen Denkerpose erhoben, die er immer auf dem alten Hocker einzunehmen pflegte.
      "Höret, ihr wackern Spielmannsleut", rief er aus und gebärdete sich wie ein höfischer Ankündiger.
      Méjrenja, die die zweite Geige spielte und auf Loaredaon stand, fing an zu kichern und erntete einen vernichtenden Blick des hochtrabenden Violinisten, der seine Wirkung aber dadurch verfehlte, dass Loaredaon nicht mehr in der Lage war, einen Punkt dauerhaft zu fixieren.
      "Höret, ihr wackern Spielmannsleut", wiederholte er etwas lauter, "dies ist unser Tag! Also Nacht mag es sein, doch der Tag ist unser! Darauf trinken wir! Es ist unser Triumph und das verdammt noch mal geilste Gefühl der Welt, hmm, mit Ausnahme vielleicht von hmm...", ein scheeler Blick zu Méjrenja, "aber auf jeden Fall, hmm, also das tollste und überhaupt fürwahr Beste, was edlen Künstlern, wie wir es sind, widerfahren kann. Darauf erhebe ich meine Flasche und trinke mit Euch, über Euch, hmm, nein, auf euch. Prosit!" Er nahm einen tiefen Schluck und ließ sich unvermittelt auf seinem Hocker nieder.
      "Prosit!", stimmten alle ein. Dann kreiste die Flasche rundherum, bis auch sie die definitiv nachteilige Eigenschaft erwarb, überaus leer zu sein.

      Der Mond hatte sich längst hinterm Horizont verkrochen, die Sonne schlief noch und die Nacht hüllte sich in Schwärze. Schließlich war auch die letzte Flasche geleert, die sich in ihre Nähe verirrt hatte, das Feuer heruntergebrannt und allen nachhaltig klar geworden, "was für ein geiler Auftritt, mann!" das gewesen war und so zogen sie sich, glücklich, ausgepumpt und sturzbesoffen in ihre Zelte zurück.
      "Bis irgendwann, wenn die Sonne ihren Rausch verwunden hat, ihr tapfren Leutz!", rief Loaredaon und machte seine übliche höfische Verbeugung, dann verschwand er torkelnd im Geigerzelt. Dichtauf folgte ihm Méjrenja, unnatürlich still und schüchtern.
      Vermutlich war dies ihre Reaktion auf große Mengen des Flascheninhalts, der das Etikett "Leandische Spätlese" trug. Kurz darauf ertönte jedoch verhaltenes Gelächter aus dem Zelt und recht eindeutige Geräusche von vom Leib gerissenen Klamotten und aufeinandertreffenden Körpern.
      Caréssha und die anderen nahmen dies diskret zum Anlass, sich ebenfalls schnellstmöglich, wenn auch nicht gerade auf direktestem Wege in ihre Zelte zu begeben. Mardé und Mogaerol teilten ein Zelt - wenn auch nicht die Betten - und Laegavé schlief allein im Gitarristenzelt, weil die zweite Gitarre die Gruppe kurz vor ihrem Auftritt verlassen hatte. Caréssha schlief allein.
      Jedoch nicht in dieser Nacht.
      Sie schälte sich gerade aus ihrer roten Lederweste und nahm das Band, das ihre Rastalocken im Nacken gebändigt hatte, heraus, da spürte sie einen Lufthauch. Laegavé stand im Zelteingang, schwankend, mit heftiger Fahne und glasigem Blick. Sie seufzte. Sein Blick war auf ihren fast entkleideten Oberkörper gerichtet und ein leichtes Grinsen spielte um seinen Mund. Er war augenscheinlich absolut dicht und total entrückt. Konnte es eine Bedeutung haben, was diese Nacht passieren würde?
      Spielte das überhaupt eine Rolle, fragte eine kehlige Stimme in ihr, denn je länger sie ihn da stehen sah, umso heißer wurde ihr. Er war in der Dunkelheit nur schwer zu erkennen und der Geruch von Wein stach betörend in ihre Nase. Aber dennoch brachte sein Anblick ihr Herz zum Rasen und sie spürte, dass ihre Wangen rot wurden. Ihr war bewusst, dass sie nicht bei klarem Kopf war, doch was hieß das schon? Es war ihre Nacht und niemand sollte jetzt allein sein. Laegavé räusperte sich umständlich, setzte mit enormer Verspätung an, etwas zu sagen, um sein Eintreten zu rechtfertigen, doch die Worte blieben ihm im Halse stecken.
      Caréssha hatte sich nun vollends zu ihm umgewandt und ihre rote Weste fallen gelassen, die sie bei seinem Erscheinen an ihren Körper gedrückt hatte.
      Unter dieser Weste trug sie für gewöhnlich nichts weiter.
      Wen scherte es, welche Bedeutung es hatte, was diese Nacht geschah? Es war ihr Erfolg, sie hatten begonnen, den Weg zu gehen, den sie zu gehen gewagt hatten. Der Weg, der vorherbestimmt war für sie. Der Weg, auf dem sie alles ändern wollten. Warum nicht diese Nacht anfangen? Warum allein bleiben? Zusammen hatten sie diesen Weg betreten, warum nicht auch diese Nacht teilen?

      Diese Gedanken rasten durch Carésshas Kopf, schlugen Salti und wirbelten umher. Die Hitze von Laegavés Berührungen verdrängte sie, die Lust vernebelte ihre Sinne und die Nacht hüllte ihr schwarzes Tuch über das wilde Spiel der erhitzten Leiber.

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    • Ui. Überaus sexy, diese Geschichte. Hätte ich im Adventskalender eigentlich nicht erwartet, gefällt mir aber.

      Veria
      Don't diagnose and drive.

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      Die liegende Acht, das Symbol der Unendlichkeit, ziert als Mosaik den Boden unter dem achten Türchen. Es befindet sich auf einem windumwehten Hügel in Sichtweite eines einsamen schiefen Turms, und unter seinem hoch geschwungenen Torbogen, genau im Mittelpunkt des Mosaiks, sitzt eine rotumhüllte Gestalt in Meditationshaltung da. Als sie bemerkt dass sie nicht mehr alleine ist, öffnen sich ihre Augen. Sie sind grau und endlos wie ein Regenhimmel. Worte tropfen von ihren Lippen…



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      Nordwind

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      Auf dem Hügel neben der Stadt lebten die Rote Frau und die Hexenzwillinge.

      In der Stadt selbst lebten nur die Kleinen Leute, Menschen vom kleinen Volk. Stolz und wehrhaft hatte die Stadt mit dem schiefen Kirchturm dem eisigen Nordwind getrotzt und dem Kreideland die Stirn geboten, bis die Rote Frau vom Nordwind zur Stadt getragen worden war und die Hexenzwillinge von den Kreidefelsen mit einem Geruch von stählernem Feuer den Platz vor der Kirche betreten hatten.

      Die Kleinen Leute kamen einst aus dem Osten, wie die Roten Frauen und Männer aus dem Norden kamen und die Hexenzwillinge aus dem Westen.
      Im Süden verliefen die dunklen Pfade von Wahr, das Netz der Rose.
      Obwohl es verboten war, trieb die Neugier die Kleinen Leute in den Süden. Dort fanden sie den goldenen Spiegel. Sie brachten ihn in den Osten. Dort drehte er die Magie der Kleinen Leute, aus Willen die Welt zu machen, um. Sie wurde, schleichend wie Nebel, zu einer Magie, aus Willen die Welt zu zerstören.

      Trotzdem fürchteten die Kleinen Leute nichts mehr als das Auftauchen der Roten Frau unten in der Stadt, wenn sie dort ihre Einkäufe machte. Stets war sie in Begleitung der Hexenzwillinge, die wie Schatten an ihrem roten Mantel hingen. Auf das Gesicht des einen Zwillings war ein Lachen gemalt, auf das des Anderen nicht.

      Stets kaufte die Rote Frau eine Tafel Schokolade und zwei große, bunte Bonbons, die der Süßigkeitenmann mit seinen fleckigen Händen zitternd aus einem der hübschen Gläser fischte. Dann ging sie weiter zum Metzger, wo sie Ziegenfleisch kaufte, und dann ließ sie die Hexenzwilllinge zwei Liter Milch bei einem der Bauern holen.

      Die Zwillinge sprachen nicht. Die Bauern aber wussten: Gib den Kreidewesen Milch, den Roten Menschen Ziegenfleisch und Schokolade. Das war bekannt und es war weise. Denn die Milch zügelte die Macht des Kreidelands und das Ziegenfleisch nahm dem Nordwind den eisigen Stachel.

      Sobald die Gruppe von drei wieder auf dem Hügel war, da klapperten die Türen in der Stadt, die Kleinen Leute kamen aus ihren Häusern, ob bei Sonnenschein oder Sturm und Regen, und sie sammelten sich in der Kirche mit dem schiefen Turm, in der der goldene Spiegel hing. Sie flüsterten und tuschelten und raunten.

      Und in den nächsten Wochen rührte jedwedes Unglück von den grauen Augen der Roten Frau oder von dem Lächeln des einen oder dem traurigen Gesicht des anderen Zwillings.
      Man verstauchte sich den Knöchel, schnitt sich in den Finger oder eine Fensterscheibe zerbrach.

      Irgendwann, es war unvermeidbar, flog der erste Stein aus einem eilig wieder verschlossenen Fenster. Der Roten Frau fiel die Schokoladentafel aus der Hand und die Bonbons, kugelrund, rollten über die Straße und es war nur der erste Stein.

      Die einzige Magie, die die Roten Männer und Frauen und die Kreidekinder vor den Kleinen Leuten schützen konnte, war die Angst. Doch wie die Angst sie schützte, so wurde sie ihnen zum Verhängnis. Denn der erste Stein wurde immer aus Angst geworfen.

      Kurze Zeit später, nachdem zwei bunte Bonbons in eine Pfütze gerollt waren, die sich bald rot färben sollte, brannte die Stadt bis auf den Kirchturm nieder.

      Die Kreidekinder zogen in den Krieg den goldenen Spiegel zu vernichten und die Roten Männer und Frauen beobachteten mit ihren grauen Augen, wie es ihre Art war.

      Und der schiefe Kirchturm trotzte dem Nordwind allein.

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    • Wieder zwei schöne Geschichte. :D

      Bei der letzten verstehe ich nicht wirklich, um was es geht, aber trotz - oder gerade wegen - der Weltenbegriffe, hat die Geschichte eine Stimmung, die mir gut gefällt. Da würde ich gern mehr von erfahren.

      Und die Geschichte davor... sowas hätte ich hier auch nicht erwartet :eyebrow: Gefällt mir ;D
      Mir hatten doch nüscht! Damals, kurz nach dem Krieg!
    • Ehrlich gesagt war jetzt die heutige Geschichte so für sich alleine nicht so ganz mein Fall. Zu viele Andeutungen auf weltinterne Dinge, die man nicht versteht, und keine Handlung, die einem wirklich klar wird. Was ist jetzt eigentlich am Schluss passiert? Wurden die rote Frau und die Hexenzwillinge getötet, oder haben die Krieg mit jemand ganz anderem angefangen? Vielleicht kann mich ja ein anderer Leser aufklären, beim normalen Durchlesen wurde mir das aber irgendwie nicht klar.
      Bei dieser Geschichte bräuchte man meiner Meinung nach definitiv mehr Infos und einen größeren Zusammenhang. Aber ergibt sich vielleicht an Weihnachten ja. ;)
      Die von gestern war wirklich interessant, und auch überraschend. Nicht genau das, womit man in einem Adventskalender rechnet, aber trotzdem gut. :) Die dortige Welt hört sich auch wirklich spannend an. Technologisch scheint das alles noch etwas altmodischer zu sein, wenn ich richtig zwischen den Zeilen gelesen habe, aber trotzdem schon Konzerte, die vom Ablauf her an unsere Welt erinnern. Die Geschichte hat es geschafft, Fragen zur Welt aufzuwerfen und trotzdem auch schon für sich stehen zu können, was ich bei der heutigen ein bisschen schwierig fand.
    • Ich schließe mich Vinni an: wieder zwei schöne Geschichten :)

      Die "Musik, bitte" Geschichte: Hat die nicht so einen Unterton, nach dem Motto: Genieß das Leben, alles ist erlaubt. Ich frage mich, ob der Schreiber vielleicht selbst begeisterter Musiker ist, wobei ich da vermute, dass eine junge Dame es geschrieben hat :)

      @ Amanita
      Was am Schluss passiert ist? Ja, die Frau mit ihren Kindern wurde umgebracht, doch durch dessen Tod ist die Macht, die diese drei in Fesseln hielten, frei geworden. Diese drei Personen, so scheint es für mich haben entweder eine symbolische Bedeutung, oder aber sie spielen so eine Art Hüterrolle.

      Ich habe fast die Vermutung, warum diese Geschichte in den Adventskalender gekommen ist, auch wenn sie ein wenig düster ist: "Der werfe den ersten Stein, der ohne Sünde ist" ein Zitat aus der Bibel, von einem Mann, dem die baldigen Festtage gewidmet sind.

      Auf jeden Fall gefallen mir bisher alle Geschichten und ich weiß gar nicht so recht, welche ich am besten finden soll, sind alle toll. Respekt an alle Schreiber :thumbup:
      Dieses Zitat braucht in meine Welt noch einen Platz: Spuck mir in die Suppe und ich schlage dir den Kopf ab

      In Ermangelung an geschlechtlichen Optionen, zogen meine Eltern mich als Jungen auf :lol:
    • Ich wiederhol das einfach mal: wieder zwei sehr schöne Geschichten. Und sie sind sehr verschieden, was ich auch toll finde. Sehr viel Abwechslung - nicht nur in ihrem Thema, sondern auch in ihrer Art. Die eine geht sehr ins Detail, ist sehr persönlich, die andere ist distanziert und zeigt nur einen Schimmer der Oberfläche. Eine heiße Geschichte und eine kalte. ;D
      Ist doch nur meine Meinung. Ich find ja auch die Drachenlanze blöd, und Millionen Leute lieben die Bücher trotzdem.
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      Schattenhafte Umrisse begrüßen jeden, der durch das neunte Türchen tritt, und im leisen Zwitschern der erwachenden Vogelwelt nehmen sie allmählich die Gestalt von Blättern, Zweigen und Blüten an. Es riecht nach frischem Grün und den verschiedensten Blumen.
      Auf den großen Sandsteinplatten, die einen Weg durch diesen wunderschönen Garten bilden, schleicht ein kleines Mädchen vorbei, ohne das Türchen zu beachten. Zusammen mit den ersten Sonnenstrahlen erreicht die Kleine ihr Ziel.





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      Die Blume

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      Es war ein klarer Morgen. Die Sonne hatte sich erst vor kurzem über den Horizont geschoben und überflutete die Welt mit goldenem Licht. Die angenehme Kühle der Nacht hatte die Pflanzen mit einer funkelnden Tauschicht bedeckt. Sie würde erst in einigen Stunden der wärmenden Kraft der Sonne weichen.
      Diese Zeit des Tages, wenn die Natur gerade erwachte, während der Haushalt des Leviatans noch schlief, war Sitas Lieblingszeit. Sie hatte sich leise aus ihrem Zimmer geschlichen und saß nun, noch in ihr knöchellanges seidenes Nachthemd gekleidet, auf einer Sandsteinbank inmitten eines kleinen Gartens. Die Gärtner hatten Gräser und Sträucher sauber gestutzt und die Blumenbeete akkurat angelegt. Die Pflanzen bildeten mit ihren in leuchtende Farben getauchten Blüten prachtvoll angelegte Muster. Die Gärtnerskunst, die anderen Besuchern des Gartens Gefühle von Harmonie und Entspannung vermitteln sollte, nahm Sita jedoch gar nicht wahr. Sie saß mit geschlossenen Augen inmitten des Lebens und atmete die kühle, Feuchtigkeitsgeschwängerte Luft. Sita sah den Garten auf ihre eigene Art. Sie sah ihn mit ihrem dritten Auge, wie ihre Adda es nannte. Sita wusste nicht was das bedeutete, denn sie hatte an ihrem Körper kein drittes Auge entdecken können, obwohl sie gründlich gesucht und sich von allen Seiten im Spiegel betrachtet hatte.
      Ihre Adda war sehr glücklich gewesen, als ihr Sita vor einigen Monaten erzählt hatte, dass sie die goldenen Fäden, die sich netzartig durch die Welt zogen, sehr mochte, weil sie schön glitzerten. Adda hatte vor Freude geweint und gesagt, dass dies ein Zeichen großer Begabung sei und ihrer kleinen Familie viel Glück bringen würde.
      Sita konnte sich nicht vorstellen, dass es etwas Besonderes wäre, die goldenen Fäden zu mögen, wo sie doch so schön funkelten. Aber wenn ihre Adda das sagte, dann würde es schon richtig sein.
      Sita saß also mit geschlossenen Augen da und konnte sich so ganz auf das funkelnde Goldgeflecht des Gartens konzentrieren. Sie verfolgte gespannt einen einzelnen Lichtfaden der von dem Geflecht einer Blume weg auf sie zu verlief. An einer Stelle kräuselte er sich, dann verlief er wieder schnurgerade und schließlich verschwand er in ihrem eigenen Geflecht, etwa an der Stelle, wo sie ihre Brust sehen würde, wenn sie die Augen aufschlug. Direkt daneben flogen andere Goldfäden aus ihr heraus und erstreckten sich, weite Bögen beschreibend oder sacht und harmonisch schwingend, in das Netzwerk des Gartens hinein. Obwohl Sita schon viele Stunden damit verbracht hatte, das Geflecht des Gartens zu studieren, ergriff sie immer wieder ein freudiges Glücksgefühl, wenn sie betrachtete, wie alles Lebende miteinander in Verbindung stand. Wie sich die sachten Schwingungen ihres Körpergeflechts langsam auf die geraden, strengen Linien der Sandsteinbank unter ihr übertrugen und wie auch die Sonne goldene bebende Linien in die Welt aussandte. Manchmal, wenn sie ganz alleine war, zupfte Sita sacht an den Goldfäden, erzeugte sanfte Vibrationen oder verbog eine der Linien mit einer kleinen Handbewegung. Auch heute spielte Sita wieder auf dem Geflecht ihrer Lieblingsblume. Es war eine zierliche Blume mit einer weißen Blüte, deren Kronblätter so zart waren, dass das Licht durch sie hindurch schien. Als Sita das erste Mal in den Garten gekommen war, war ihre Blume klein und kümmerlich gewachsen und lugte kaum unter der großen Kakhumahecke hervor. Aber obwohl sie klein und unscheinbar gewesen war, mochte Sita die kleine Pflanze, die sich gierig nach dem Licht reckte und sich verbissen weigerte das Leben loszulassen und im Schatten zu vergehen. Sita hatte an ihren Fäden gezupft und sanft an ihnen gezogen. Liebevoll hatte sie ihre Finger über die güldenen Linien gleiten lassen, gleich einer Harfenspielerin, die zärtlich über die Saiten ihres Instruments streicht und ihm liebliche Klänge voll Harmonie und Schönheit entlockt. Und wie das Spielen der Harfenistin dem Instrument anmutig schwebende Musik entlockt, so entlockte Sitas Spiel der Blume Anmut und Schönheit und die Blume entfaltete ihre filigrane Blüte und sandte ihren betörenden Duft aus. Da lächelte Sita und atmete den Duft ihrer Blume ein und sie liebte ihre Blume, die nur für Sita ihre Blüte öffnete und nur für Sita duftete. Glück. Ein wohliges Gefühl von Zufriedenheit durchströmte Sita. Sie fühlte sich geborgen, sie fühlte sich im Einklang mit allem was sie umgab. Mit den Pflanzen des Gartens, mit dem kleinen Käfer der gerade an ihrer Blume empor kroch, die Flügel noch klamm und verklebt vom Morgentau. Ja selbst die Würmer unter der Erde spürte Sita und war mit ihnen im Einklang.

      Doch plötzlich fühlte Sita in der Ferne ein Zupfen an den goldenen Fäden. Es war so sacht und zart, dass sie es fast nicht bemerkt hätte, doch jetzt, da sie ihre Aufmerksamkeit auf diese neue Wahrnehmung lenkte, konnte sie es deutlich erkennen. Etwas versetzte das goldene Geflecht des Gartens in Schwingung. Und die Quelle dieser Veränderung kam näher, denn das Zupfen wurde stärker und Sita spürte jetzt die Disharmonie dieser neuen Bewegung. Sie fügte sich nicht ein, sie wurde nicht eins mit dem Geflecht. Vielmehr riss sie an den goldenen Strahlen, brutal, hart, grausam. Verbog sie, zertrümmerte sie. Sita hasste diese Veränderung. Und sie hasste und fürchtete zugleich ihre Quelle. Erschrocken schlug sie die Augen auf. Da bemerkte sie, dass die Sonne aufgegangen war und sich schon eine handbreit über den Horizont geschoben hatte.
      Sie hatte die Zeit vergessen und hatte ihre Unterrichtsstunde versäumt! Sita sprang sofort von der Bank auf und drehte sich den Dienstbotengebäuden zu. Sie wollte nach drinnen laufen und sich schnell fertig machen, doch da sah sie ihn schon. Pharos. Ihr Onkel kam auf sie zu. Mit finstrer Miene kam er näher. Dabei ging er nicht, sondern er schwebte, wie üblich, etwa eine Handbreit über dem Boden. Dies war, wie Sita jetzt erkannte, auch der Ursprung des Reißens und Bebens, das das goldene Geflecht erschüttert hatte. Sita erstarrte.
      Onkel Pharos kam direkt auf sie zu und als er sie erreicht hatte, baute er sich vor ihr auf. Er hatte einen Kaftan aus kostbaren Seidenstoffen angelegt, der reichlich mit goldenen Stickereien verziert war. An den Füßen trug er Pantoffeln aus weichem Leder, die mit Seide überzogen und mit goldenen Pailletten verziert waren. In der Hand trug er einen dünnen Stock aus Bambus. Seine Schulterlangen schwarzen Haare hatte er zu einem strengen Zopf zusammen gebunden und zwischen den scharfen Linien seiner Augenbrauen ragte eine steile Falte auf. Seine bernsteinfarbenen Augen funkelten dunkel vor Zorn. „Sita...“ zischte er gleich einer Schlange. „der Unterricht hätte schon vor einer halben Stunde beginnen sollen. Wieder musste ich meine kostbare Zeit an dich verschwenden, weil du deinen nutzlosen Tagträumen nachgehangen bist.“ „Es tut mir Leid, Onkel.“ Erwiderte Sita. „Nenn mich nicht Onkel!“ Fauchte Pharos. „Ich bin nicht dein Oheim, ich bin dein Lehrer und dein Unvermögen oder deine Unwilligkeit Interesse an meinem Unterricht zu zeigen und pünktlich zu sein beschämen mich.“ „Entschuldigung, Meister.“ Murmelte Sita. Pharos Stimme troff vor Verachtung: „Deine Mutter mag von deinem Talent überzeugt sein, aber in diesem ehrwürdigen Haus obliegt die Beurteilung der Adepten allein mir. Und wenn du meinen Erwartungen nicht gerecht wirst, dann werde ich dich und deine Mutter aus unserem Haus zu entfernen wissen.“ Sita zitterte. Die unverhohlenen Feindseligkeiten trafen sie wie Nadelstiche ins Herz.
      Onkel Pharos war der jüngere Bruder von Sakash, dem Herren des Hauses. Er war der oberste Magier des Hauses und war mit der Erziehung und Ausbildung von Sita und ihrem Vetter Dobin in magischen Dingen beauftragt worden. Pharos war nicht wirklich Sitas Onkel, das hatte ihre Adda gesagt, aber weil Addas Schwester die zweite Frau von Sakash und Dobins Mutter, die Mutter des Erben, war, war Sita praktisch mit Pharos verwandt. Sie waren eine Familie. Das hatte Adda gesagt. Pharos war da offensichtlich anderer Meinung.
      Pharos kniff die Augen zusammen und musterte Sita. Dann landete er auf den polierten Bodenplatten und ging langsam um Sita herum. Als er wieder vor ihr stand, sagte er: „Zeig mir die Übungen.“
      Sita hob gehorsam die Hände und begann die komplizierten Muster in die Luft zu zeichnen, die ihr Pharos gezeigt hatte. Sie riss dabei an den goldenen Fäden. Zerfetzte einige, durchschnitt andere, lenkte sie um. Sie verstand nicht, warum sie diese Übungen machen musste, doch Pharos Augen hafteten auf jeder ihrer Bewegungen und sie wagte es nicht, aufzuhören, bevor er ihr nicht die Erlaubnis dazu gab.
      Also machte sie weiter und das goldene Netzwerk des Gartens begann zu beben. Sie fuhr fort, bis jede einzelne der Linien ein Zittern durchlief und Sitas Blume, die besonders stark mit ihr verbunden war, durchlief ein heftiges Beben und ihr Geflecht drohte auseinander zu brechen. Da ließ Sita erschrocken die Hände sinken und Pharos Augen flammten auf. Sita sah Zorn aber auch Genugtuung in ihnen.
      „Zeig mir deine Hände.“ Befahl er kalt. Sita streckte zögernd die Hände nach vorne und blickte angstvoll zu Pharos. Ihre Blicke trafen sich und Sita konnte den Hass sehen, der wie ein blutrünstiges Monster hinter Pharos Augen tobte. Da sauste plötzlich der Bambusstock herab und traf Sitas ausgestreckte Hände. Schmerz flammte auf und Sita schossen Tränen in die Augen. Auf ihren Händen erschien eine leuchtend rote Linie und Sita konnte das Schluchzen, das in ihrer Kehle steckte nur schwer unterdrücken. „Vielleicht wird dich das lehren, meinem Unterricht mit mehr Eifer zu verfolgen.“ Pharos lächelte kalt. Er ging auf den Garten zu. „Und vielleicht hilft es deiner Konzentration, wenn ich einige Ablenkungen beseitige...“ Und wieder sauste der Bambusstab herab und traf wie eine Sense zwischen die Blumen des Gartens. Die leuchtenden Blüten fielen zu Boden, als wären sie enthauptet worden. Und Pharos ging weiter und wieder schlug er auf die Pflanzen ein. Und bei jedem Schlag zuckte Sita zusammen als hätte der grausame Stecken sie selbst getroffen. Das Leben floss aus den Pflanzen heraus. Goldfäden, die eben noch vor Lebenskraft vibriert hatten, verstummten, standen still oder lösten sich in feinen Staub auf und zerfielen. Sita rannen Tränen über die Wangen, aber sie wagte nicht einen Laut von sich zu geben. Da stand Pharos plötzlich vor der Kakhumehecke und sein Blick fiel auf Sitas Blume, die sich unter dem dichten Gebüsch hervorgekämpft hatte und sich nun Richtung Sonne reckte. Sita stockte der Atem. Ihr Herz hämmerte wild gegen ihren Brustkorb, als wolle es herausspringen, und ihre Knie begannen zu zittern. Da sauste noch einmal der Bambusstecken herab, zerfetzte die zarte Blüte, durchbrach den schlanken Hals der Blume und enthauptete sie. Und als die edle Blüte zu Boden fiel, fiel auch Sita auf den harten Steinboden nieder und unbändiges Schluchzen schüttelte ihren Körper.
      Sita hörte Pharos Schritte als er auf sie zukam und vor ihr stehen blieb. Ohne eine Gefühlsregung sagte er: „Sei morgen pünktlich.“ Dann begann das Reißen und Beben von Pharos Levitationszauber wieder und er erhob sich über den Boden und schwebte davon.
      Sita hob den Blick und sah die Verwüstung, die Pharos im Garten angerichtet hatte, die abgeschlagenen Blumenköpfe, die achtlos auf dem Steinplatten der Wege verstreut lagen und dort zertreten worden waren. Und zwischen all den Blumen lag auch Sitas Blume. Ihr Geflecht war zerrissen und die Fäden, die harmonisch ineinander verschlungen gewesen waren, endeten nun lose, gleich einem ausgefransten Stück Seil. Sitas Schluchzen erstarb. Ihr ganzer Körper bebte. Zorn wallte in ihr auf. Pharos.
      Sie drehte sich in die Richtung um, in der er davon schwebte und voll Ekel spürte sie das behäbige, plumpe Beben seines Levitationszaubers. Da packte Sita einen der goldenen Fäden, strich mit ihrer Hand darüber und mit einer winzigen Bewegung ihres Handgelenks sandte sie eine Schwingung in den Faden aus, die wie eine Welle an der goldenen Linie entlang lief. Und als sie Pharos erreichte, zertrümmerte sie mit geradezu absurder Leichtigkeit Pharos Zauber und Pharos, dem plötzlich der Boden unter den Füßen wegbrach, stolperte und fiel der Länge nach hin. Er blieb wie betäubt einen Moment liegen, bevor er sich aufrappelte und überrascht und verwundert an sich herunter sah. Während er noch zu verstehen versuchte, was gerade geschehen war, traf sein Blick auf Sita, die immer noch am Boden kniete, und die Verwunderung in seinen Augen wurde augenblicklich wieder zu Zorn. Er wirbelte herum und lief raschen Schrittes auf das Haupthaus zu. Sita schaute ihm verdutzt hinterher. Schon einen Herzschlag, nachdem sie die Welle an dem goldenen Faden entlang geschickt hatte, hatte sie es schrecklich bereut, denn sie hatte gewusst, dass Pharos sie fürchterlich bestrafen würde und doch war er einfach gegangen, als ob er gar nicht verstanden hätte, dass es Sita war, die ihn zu Fall gebracht hatte.
      Sita schaute noch einen Augenblick in die Richtung, in der Pharos verschwunden war, dann stand sie auf und ging in den verwüsteten Garten hinein. Sie schritt den Steinweg entlang und achtete darauf, auf keine der Blüten zu treten, bis sie schließlich vor ihrer Blume ankam und vor ihr niederkniete.
      Sanft hob sie die zarte Blüte auf und barg sie in ihren hohlen Händen. Dann schloss sie die Augen, damit sie die goldenen Linien deutlicher sehen konnte und griff nach einem der losen Enden. Sie öffnete ihre Hände und führte den Faden wieder zu seinem Gegenstück und verband sie wieder miteinander und so machte sie es mit jeder der zerrissenen Linien und als sie damit fertig war und das Geflecht wieder zusammengefügt war, griff sie an die goldenen Linien und strich sanft über sie hinweg. Zupfte dort, wo eine Schwingung sein sollte, beruhigte die Linien dort, wo sie bewegungslos ruhen sollten, bis alles wieder im Einklang war. Sita lächelte und war wieder glücklich.
      Und als sie ihre Augen aufschlug, stand vor ihr ihre Blume. Sie hatte ihre alabasterfarbenen Kronblätter weit geöffnet und verströmte ihren betörenden Duft.

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    • Ah, eine Geschichte, die auch ganz eindeutig zu etwas Größeren gehört.
      Aber trotzdem versteht man hier gut, was vor sich geht, die Magieform ist wirklich sehr schön und anschaulich beschrieben. Und mir ist es etwas peinlich, dass ich die Welt nicht vor Augen habe, zu der das gehört. Das wird sich auf jeden Fall ändern, wenn ich dann mal weiß, von wem es ist. :)
      Wirklich eine sehr gelungene Geschichte, wobei du manchmal vielleicht doch ein kleines bisschen zu viel beschreibst, aber ich denke, zu der Erzählerin passt das auch ganz gut.
      Und man fragt sich natürlich auch, warum sich dieser Pharos so unsympathisch verhält, man merkt aber schon, dass da im Hintergrund einiges an familiären und sonstigen Verwicklunen angelegt ist, was das vielleicht erklären könnte. ;)
    • Geschichte 9 gefällt mir richtig gut. Sowohl inhaltlich als auch von der Art her. Ich finde die kindliche Perspektive gut gelungen, die Beschreibungen sehr bildhaft und auch den Aufbau der Geschichte und des Konflikts fand ich sehr natürlich. :)

      Geschichte 8 hat auch sehr viel Stil. Ich versteh leider nicht so viel, weil sie sehr knapp formuliert und andeutet. Hier hätte mir etwas mehr Information sehr geholfen. Dennoch gefällt sie mir, sie hat ein gewisses Flair in ihrer Begrifflichkeit, der Himmelsrichtungssymbolik und überhaupt.
      Gib jedem Tag die Chance, der beste deines Lebens zu werden. - Mark Twain
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      Schimmerndes Mondlicht fällt durch das zehnte Türchen, welches als Fenster getarnt Teil eines Gemachs ist, das auf den ersten Blick einer Prinzessin würdig ist. Auf den zweiten Blick erkennt man allerdings dass das Holz der Möbel schartig, der Stoff der weichen Kissen zerschlissen und die Teppiche abgenutzt sind. Eine wunderschöne Maid sitzt traurig auf ihrem Bett, und ignoriert das Klopfen an der von innen verriegelten Tür…



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      Die Amselprinzessin

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      Es war einmal ein König, der war ein rechter Verschwender. Er liebte es, sich mit Gold und Glanz zu umgeben. Sein Palast war auf das prächtigste ausgestattet. Seine Kleider waren aus kostbarer Seide und farbenprächtigem Atlas, und er feierte Feste, die man sich rauschender nicht vorstellen kann. Es kümmerte ihn nicht, dass seine Ratgeber und Schatzmeister sorgenvoll die Häupter schüttelten und seine Kasse immer leerer wurde.
      Dieser König nun, der hatte eine Tochter. Sie war schön wie eine Sommernacht, zart ihre Gestalt und ihre Züge, rein und blass wie Mondstein ihre Haut, und ihr Haar so schwarz und glänzend wie Vogelgefieder. Ihr Name war Myrla, und im Gegensatz zu ihrem Vater, war sie klug und warmherzig und bescheiden. Sie liebte die Blumen des Gartens, die Tiere des Waldes und das fröhliche Spiel mit ihren Gefährtinnen. Die rauschenden Feste ihres Vaters schienen ihr hohl und falsch, so wie der schmeichelnde Hofton, mit dem die Würdenträger und Höflinge um ihre Gunst buhlten. Sie mied diese Vergnügungen und tanzte und sang lieber mit den Freundinnen auf den blumenreichen Wiesen des Schlossgeländes.
      Doch es kam, wie es kommen musste. Die sorgenfreie Zeit schwand dahin mit dem Staatsschatz des Königs. Bald mussten die gastlichen Tore des Schlosses geschlossen werden, die Musik verklang und die leichtfertigen Freunde des Königs suchten das Weite, nachdem sein Hof allen Glanz verlor. Das kam ihm bitter an. Den lieben langen Tag klagte er über das ungerechte Schicksal, anstatt wie seine Tochter tapfer die neuen Verhältnisse anzunehmen. Sie suchte, einen Teil des verlassenen Schlosses behaglich zu halten, mit den verbliebenen Ratgebern die Staatsgeschäfte zu führen und ihren jammernden Vater aus seinen trüben Stimmungen zu reißen.
      Da traf es sich eines Tages, dass ein reicher Graf im Schloss vorsprach. Er kam mit vielen Männern in prächtiger Rüstung, mit kostbaren Pferden und glänzenden Waffen. Sogleich lebte der alte König auf und tat alles, um den Gast gefällig zu sein. Der Graf war kein junger Mann mehr, er hatte es sich aber in den Kopf gesetzt, die schöne Prinzessin zu freien. Gold und Gut bot er dem König für ihre Hand. Er versprach, die Schatzkammern des Schlosses wieder zu füllen und die reichen Feste zurückzubringen. Da wurde der König schwach, und ohne seine Tochter gefragt zu haben, versprach er dem reichen Grafen ihre Hand. Der war es zufrieden, richtete sich mit seinen Männern im Schlosse ein und ließ wohlweislich Wachen um Hof und Garten stellen.
      Wie groß war da die Überraschung für die arme Myrla! Nicht im Traume dachte sie daran, sich für Geld an diesen Mann zu verkaufen! Er war nicht jung und nicht schön, und schlimmer noch, er war grob zu seinen Leuten und von aufbrausendem, herrschsüchtigem Wesen. Wie sollte sie da ihr junges Leben an diesen reichen Wüstling ketten?! Nein, so sehr der Vater auch bat und flehte, der Graf sollte ihre Hand nicht erhalten. Mit diesem Nein floh Myrla in ihre Gemächer und warf sich weinend auf das Bett. All die schweren Zeiten war sie tapfer und unverzagt geblieben, doch jetzt war ihr Mut zu Ende. Sie sah die Wachen und die Waffen des Grafen, kannte seine Hartnäckigkeit. Sie fürchtete, er würde mit Gewalt nehmen, was ihm mit Geld und guten Worten nicht gelang. Doch was sollte sie tun? Wohin fliehen?
      Den ganzen Tag und den ganzen Abend weinte Myrla bittere Tränen. Als die Turmuhr Mitternacht schlug, wurde sie jedoch von einem Klingen und Schimmern aus ihrem Jammer aufgeschreckt. Licht und Läuten leuchteten in ihrem Zimmer und schließlich trat eine seltsame Frau daraus hervor. Sie war klein und weißhaarig, auch wenn ihr Gesicht faltenlos und ewigjung schien. Ihre Augen schimmerten wie Mondenschein und ihr weißes Gewand war so zart, als sei es aus Spinnenseide gewoben. Myrla fand vor Staunen keine Worte. Die Fremde lachte wie klingelnde Glöckchen. „Staune nur, mein Kind. Du kennst mich nicht, aber ich habe dich immer beobachtet. Du warst immer tapfer und wusstest dir selbst zu helfen. Nun, da du meine Hilfe brauchst, bin ich zu dir gekommen.“
      Myrla richtete sich auf. „Wer seid Ihr?“, wagte sie zu fragen.
      Wieder lachte die Fremde. „Ich bin deine gute Fee. Deine Mutter – möge sie in Frieden ruhen – hat mich gebeten, auf dich acht zu geben.“
      Von Hoffnung erfüllt sprang Myrla auf die Füße. „Oh bitte, liebe gute Fee, bitte mach, dass ich ihn nicht heiraten muss! Hilf mir zu entkommen!“
      „Auch, wenn du dafür das Schloss und den Vater zurücklassen musst? Und alle Reichtümer, die der Freier dir bietet?“
      „Ich will ihn nicht“, rief die Prinzessin heftig, „ich will nichts von dem, was er bietet. Lieber gehe ich allein in die Welt hinaus! Lieber sterben, als ihn zum Manne nehmen!“
      „Nun, so weit soll es nicht kommen.“ Die Fee strich Myrla tröstend übers Haar. „Ich will dir helfen zu entkommen. Sieh hier, das soll deine Verkleidung und dein Schutz sein.“ Mit diesen Worten zog sie eine schwarze Feder hervor. Eine Amselfeder. Sie schwenkte die Feder durch die Luft und im nächsten Moment, hatte sich diese zu einem Kleid aus Amselfedern verwandelt. Es glänzte schwarz im Kerzenschein, schien dabei leicht und weich wie Vogelflaum zu sein. Die Prinzessin konnte ihren Augen kaum glauben. Doch als sie mit vorsichtigen Fingern über den Stoff strich, waren es wirklich Federn und wirklich ein Kleid.
      „Wasch dich und kämm dein Haar“, riet die Fee. „Dann lege das Kleid an und es wird dich in eine Amsel verwandeln. Solange du es trägst, bleibst du in Vogelgestalt. Keiner wird dich erkennen und aufhalten.“
      Die Prinzessin eilte, dem Rat zu folgen. Sie wusch sich eilig die Tränen aus dem Gesicht, kämmte ihr Haar und entkleidete sich bis auf ihr seidenes Untergewand. Dann griff sie nach dem Amselkleid, bereit, alles Wagnis auf sich zu nehmen.
      „Hör mich an“, hielt sie die Fee zurück, „Du darfst niemandem von dem Kleid und der Verwandlung erzählen. Niemals darf dich jemand bei der Verwandlung beobachten. Und niemals darf eine fremde Hand das Kleid berühren. Du wirst sonst für immer in der Vogelgestalt gefangen sein.“
      Die Prinzessin versprach all diese Dinge. Dann warf sie das Kleid über. Es schmiegte sich an ihre holde Gestalt – und schon im nächsten Augenblick war Myrla eine Amsel. Der Vogel ließ sich zutraulich auf der Hand der Fee nieder und sah sie aus klugen Augen an.
      „Sei vorsichtig“, mahnte die Fee, „Gib auf dich acht. Und wenn du Hilfe brauchst, dann komm zu mir.“ Damit öffnete sie ein Fenster und ließ den Vogel hinaus. Unbeachtet von allen wachenden Augen, flatterte der Vogel davon. Myrla war frei.

      Es begann nun ein sonderbares Leben für die Prinzessin. Sie lebte mit den Vögeln im Wald. Manchmal, wenn sie sich nach menschlichen Stimmen sehnte, wagte sie sich in die Nähe eines Dorfes. Doch sie flüchtete stets schnell zurück in den Schutz der Bäume, zu grob erschienen ihr die Menschen jetzt, zu laut und ungestüm. Da zog sie doch die Gesellschaft ihrer gefiederten Freunde vor, tanzte mit ihnen in den Lüften und sang mit ihnen ihre Lieder. Tief im Wald auf einsamen Lichtungen legte die Prinzessin auch ihr Vogelkleid ab. Sie badete dann in stillen Waldseen. Sie schlief auf weichen Moospolstern und manchmal sang sie auch in ihrer menschlichen Gestalt ihre Lieder. Traurige Lieder über ihre Einsamkeit, die sie doch nicht zu verlassen wagte.
      Eines Tages, als Myrla durch ihren Wald flog, vernahm sie Pferdeschnaufen und Rüstungsgeklirr. Sie fürchtete der Graf und seine Häscher wären auf ihrer Spur und wollten sie fangen. Sie floh in die obersten Spitzen der Bäume und lauschte mit pochendem Herzen. Aber es war keine Reiterschar. Es waren keine Soldaten. Es war nur ein einzelner Reiter, der langsam zwischen den Waldbäumen hindurchritt. Langsam beruhigte sich Myrlas panischer Herzschlag. Der Angst folgte jedoch bald die Neugier, so dass sie sich von Ast zu Ast tiefer wagte, um einen Blick auf den Reiter zu erhaschen. Es war ein junger Mann, ein junger Ritter auf einem falben Pferd. Die Rüstung hatte er verpackt hinter seinem Sattel, wo ihr Klirren unter einer Decke hervordrang. Nur das Schwert hing griffbereit an seiner Seite.
      Die Amselprinzessin flatterte neugierig ein Stück näher, um einen Blick auf das Gesicht des jungen Ritters werfen zu können. Er war groß und blond. Seine Gestalt war schön wie sein Gesicht, und seine blauen Augen zeugten von Fröhlichkeit und einem guten Herzen. Er sah sich um, und für einen Moment hingen ihre Augen ineinander. Vogelaugen und Menschenaugen, doch Menschenherzen hinter beiden verborgen. Myrla erschrak und flatterte davon. Sie sah nicht mehr, wie der junge Ritter ihr nachsah und dann kopfschüttelnd weiterritt.
      In den nächsten Tagen zog es Myrla immer wieder in die Nähe des jungen Ritters. Sie sah ihn reiten, sie sah ihn rasten. Sie hörte seine Stimme, als er mit seinem Pferd sprach. Sie folgte ihm und manchmal hatte sie das Gefühl, er würde ihre Nähe und ihre Blicke spüren. Wie gern hätte sie sich ihm in ihrer normalen Gestalt gezeigt. Wie gern hätte sie mit ihm gesprochen. Aber sie wagte es nicht. Sie war doch nur eine Geflohene, und der Kontakt mit Menschen mochte nur die Gefahr zurückbringen. Auch trug sie neben ihrem Federkleid nur das seidene Unterkleid, mit dem sie gewiss keinem Mann vor die Augen treten konnte. Und doch wurde ihr der junge Ritter immer lieber. Myrla fürchtete den Tag, an dem er ihren Wald für immer verlassen würde. Die Einsamkeit würde sie dann noch schlimmer treffen; schon jetzt schmerzte der Gedanke, allein zurückzubleiben. Und immer größer wurde die Sehnsucht, den jungen Ritter auch einmal aus menschlichen Augen zu betrachten. Eines Morgens ergab sich die Gelegenheit. Als die Amsel sich dem Lager näherte, war es dort noch still. Das Feuer war erloschen und der junge Mann lag in seine Decken gehüllt daneben. Solange er schlief, konnte er sie nicht bemerken, nicht wissen, wer sie war und woher sie kam und an ihre Häscher verraten. Vernunft rang mit Neugier, dann legte Myrla aber doch das Federkleid ab und näherte sich in ihrer menschlichen Gestalt. Ganz leise, ganz langsam schlich sie näher. Sie verharrte an seiner Seite, bereit, sofort wieder aufzuspringen, und betrachtete sein Gesicht. Die blonden Haare fielen ihm in die Stirn. Die schönen blauen Augen waren geschlossen, seine ganzen Züge waren entspannt im Schlaf. Myrla betrachtete ihn gedankenverloren. Da schnaubte plötzlich das Pferd und der Mann schlug die Augen auf. Einen Moment hingen ihre Augen wie verzaubert ineinander – dann riss sich Myrla los. Sie sprang auf und wollte fliehen, panisch, wie ein erschrecktes Reh.
      „Warte!“ rief ihr der Ritter hinterher.
      Myrla hatte fast schon den Schutz der Bäume erreicht, da hielt seine Stimme sie auf wie ein Zauberbann. Zitternd blieb sie stehen und sah zu ihm zurück. Er hatte sich aufgerichtet, eine Hand nach ihr ausgestreckt, ganz ruhig, so wie man ein scheues Tier lockt. „Warte“, wiederholte er freundlich, „ich weiß, dass du mir folgst. Ich weiß, dass du mich beobachtest.“
      Myrlas Herz verkrampfte sich vor Angst. Woher wusste er das? Was hatte er vor? Aber sie konnte nicht sprechen, konnte nicht fragen. Die Angst lähmte ihre Zunge. Mit großen, erschreckten Augen sah sie ihn an.
      „Keine Angst“, versuchte er, sie zu beruhigen. „Ich will dir nichts tun. Ich bin Firian, ich komme aus dem Land hinter den Bergen. Wer bist du?“
      Firian. Nun kannte sie seinen Namen. „Myrla“, hauchte sie den ihren.
      Er richtete sich noch ein Stück weiter auf, immer noch die Hand nach ihr ausgestreckt. „Myrla“, wiederholte er ihren Namen, so als wolle er ihn sich für alle Zeiten einprägen. „Bist du ein Mensch?“
      Sie nickte. Sie war ein Mensch, kein Tier, kein Geist, keine Fee. Sie war ein Mensch, mit einem liebenden Herzen. Doch in diesem Moment schnaubte wieder das Pferd. Myrla erinnerte sich daran, wo sie war und was sie hier tat – und mit einem Laut des Entsetzens fuhr sie herum und floh. Hinter den Bäumen raffte sie ihr Amselkleid an sich und lief weinend davon. Sie hätte nicht herkommen dürfen. Sie hätte ihm nicht begegnen dürfen. Sie würde ihm nur Unglück bringen.

      Firian war wie erstarrt sitzengeblieben nach ihrer Flucht. Er starrte auf den Wald, in dem sie verschwunden war und fragte sich einen Moment, ob er nicht nur alles geträumt hatte. Nein, das hatte er nicht. Er wusste, sie war Wirklichkeit, so wie er schon seit Tagen gespürt hatte, dass jemand in der Nähe war. Blicke gespürt hatte. Er hatte sich darüber keine Sorgen gemacht, es hatte keine Gefahr in diesem Gefühl gelegen. Nun hatte er sie gesehen. Dieses wunderschöne Mädchen mit den angstvollen Augen. Firian hatte sofort sein Herz an sie verloren und wollte nun nichts mehr, als sie zu beschützen. Myrla. Er musste sie wiederfinden. Musste ihr Geheimnis lüften und sie vor dem retten, was sie bedrohte. Das schwor sich Firian in dieser Stunde und das sollte von nun an sein Leitstern sein.
      Für die nächsten Tage blieb der junge Ritter in der Gegend, in der Hoffnung, dass sie sich noch einmal zeigte. Aber Myrla wagte sich nicht noch einmal in seine Nähe, ganz gleich in welcher Gestalt. Firian hatte es befürchtet, aber er ließ sich nicht entmutigen. Er erkundete den Wald und zog größer werdende Kreise um den Ort, an dem sie sich begegnet waren. Schließlich stieß Firian auf einen klaren Waldsee. Er blickte trübsinnig auf die Wasserfläche, ohne die Schönheit des Ortes zu sehen. Sein Herz war schwer. Da erregte eine Bewegung am anderen Ufer seine Aufmerksamkeit. Ein Vogel, eine Amsel, die sich dort niederließ – und im nächsten Moment in die geliebte Frau verwandelte. Sie streifte ein schwarzes Kleid ab und setzte sich ans Wasser. Noch aus der Entfernung konnte Firian sehen, dass sie weinte. Nun hielt ihn nichts mehr. Als hätten seine Stiefel Flügel, so eilte er um den See herum. Aber kurz vor dem Ziel hielt er inne, um die Liebste nicht wieder zu verscheuchen. Er musste ihr Geheimnis kennenlernen und ihren Kummer. Leise schlich der junge Ritter näher. Myrla saß immer noch am Wasser, sie hatte das Gesicht in den Händen verborgen und weinte, so dass es ihn ins Herz schnitt. Ihre offenen schwarzen Haare umflossen sie und neben ihr lag ein Kleid aus Federn. Das musste das Geheimnis sein. Das Kleid war es, das sie in den Vogel verwandelte! Firian hielt nun nichts mehr zurück. Er eilte zu der Geliebten, umarmte sie und fasste dabei nach dem Kleid, um es von ihr fern zu halten.
      „Nun habe ich dich gefunden. Ich will dich retten und beschützen und das Kleid soll keine Macht mehr über dich haben!“
      Myrla schrie auf vor Entsetzen, und dieser Laut ließ Firian kalt werden. Der Laut und die Erkenntnis, einen Fehler begangen zu haben. Das Kleid löste sich in seiner Hand in einzelne Federn auf. Schwarze Federn, die sie beide umwehten.
      „Nein“, schrie Myrla. Sie wurde von einem Sturmwind aus Firians Armen gerissen. Die schwarzen Federn wirbelten um sie herum, begannen sie einzuhüllen und schier mit ihr zu verwachsen. In höchstem Schmerz schrie sie auf und streckte die Arme nach Firian auf. „Weh mir“, rief sie verzweifelt, „nun muss ich für immer ein Vogel sein.“ Ihre Gestalt schrumpfte und veränderte sich und wurde wieder zur Amsel. Ihre menschliche Stimme hallte noch nach, während der Vogel bereits die Flügel schüttelte und sich in die Luft erhob. „Wenn du mich retten willst“, klang ihre Stimme schon aus der Ferne, „dann folge mir!“ Damit war sie verschwunden und Firian blieb allein zurück. Als ihm bewusst wurde, was geschehen war, brach er in die Knie und begann zu weinen. Was hatte er nur getan?

      Es dauerte lange, bis Firian sich wieder gefasst hatte, dann holte er sein Pferd und folgte ihr. Nichts anderes zählte, er musste ihr folgen und sie retten. Tagelang ritt er in die Richtung, in die die Amsel geflogen war, ließ sich nicht von Hunger, Durst oder Müdigkeit abhalten. Als sein Pferd vor Erschöpfung nicht weiterkonnte, schenkte er ihm die Freiheit und ging zu Fuß weiter, nur mit seinem Schwert und den Sachen, die er am Leibe trug. Er lief durch Wälder und Berge, durch ödes Land. Er durchquerte Flüsse und Sumpfland, ohne zu rasten und zu ruhen. Schließlich, schon fast am Ende seiner Kräfte, erreichte er einen dunklen Waldessaum. Die knorrigen Bäume waren ineinander verschlungen und hüllten alles in tiefe Finsternis. Dornige Ranken versperrten den Weg. So feindlich und undurchdringlich erschien der Waldsaum, dass Firian doch einen Moment innehielt, um einen Zugang zu finden. Da trat plötzlich ein altes Weib aus diesem Wald. Sie war in Lumpen gehüllt, hatte graues Haar und ein faltiges Gesicht mit langer warziger Nase. Auf ihrem Buckel trug sie eine Last trockener Zweige, die sie im Wald gesammelt haben mochte. Firian nahm ihr, ohne sich lange bitten zu lassen, die schwere Last. Die Alte dankte ihm und führte ihn zu ihrer Hütte. Es war ein weiter Weg und er war schwer mit dieser Bürde. Trotzdem lehnte er Rast und Erfrischung ab, als ihn die Alte zum Dank in die Hütte bat.
      „Nein, ich muss weiter“, sagte er ihr. „Ich muss meine Liebste finden, die in eine Amsel verwandelt wurde.“
      „Gib das auf“, riet die Alte, „Der Weg ist weit und schwer und du kannst sie doch nicht retten.“
      „Du weißt wo sie ist?“
      Die Alte wiegte bedenklich den Kopf. „Du musst noch den finsteren Wald durchqueren, an dem du mich getroffen hast. Es ist ein gefährlicher Wald mit giftigen Dornen und wilden Tieren. Hör auf meinen Rat und geh heim. Du bist ein guter Junge, du sollst nicht an einer unlösbaren Aufgabe zugrunde gehen!“
      Firian schüttelte den Kopf. „Nein, ich werde nicht umkehren. Ich werde sie retten oder bei dem Versuch umkommen. Ich werde nicht aufgeben.“ Er nickte der Alten freundlich zum Abschied zu. „Hab Dank für deinen Rat und deine Sorge. Aber ich werde nicht umkehren.“ Damit kehrte er ihr den Rücken und ging zurück zu dem finsteren Wald. Er sah nicht, dass die Alte ihm mit hellen Mondscheinaugen nachblickte und wohlfällig nickte.
      Diesmal hielt Firian nicht inne am Waldesrand. Er kämpfte sich einen Eingang durch die Dornen, die sich ihm entgegenreckten und drang tiefer in den Wald hinein. Es war ein böser Weg. Dornen zerkratzten ihm Gesicht und Hände. Wurzeln schlangen sich um seine Füße und brachten ihn zu Fall. Die Stämme und Äste waren so dicht, dass er oft klettern oder kriechen musste. Und mehr als einmal traf ihn ein schwerer Schlag von einem fallenden Ast. Firian blutete und taumelte, aber er gab nicht auf. Stunde um Stunde kämpfte er sich weiter, wohl wissend, dass ihm hier keine Rast beschieden war. Er musste immer weiter, kam zu Fall und stand wieder auf, und als er schon glaubte, wirklich nicht mehr weiter zu können, wurde es endlich hell zwischen den Bäumen. Noch ein Stück weiter, dann lichteten sich die Bäume und der Wald nahm ein Ende. Firian fiel auf frisches grünes Gras und spürte endlich wieder die Sonne auf dem Gesicht. Sein ganzer Körper schmerzte, seine Kleidung war zerrissen und seine Haut trug blutige Striemen. Alles verlangte nach Ruhe und Stärkung, aber Firian gönnte sich keine lange Rast. Er rappelte sich wieder auf – und bemerkte erst jetzt, dass er sich in einem lichten Talkessel befand, durch den ein klares Flüsschen rann. Ein Stück flussaufwärts stand eine kleine Hütte, aus deren Schornstein anheimelnd Rauch aufstieg. Firian erhob sich, wusch sich notdürftig im Flusswasser und trank auch einige Schluck davon. Erst dann ging er zu der Hütte hinüber und klopfte an die Tür. Wie schlug sein Herz, als er aus dem Inneren Vogelgezwitscher hörte! Der Blick in die Hütte blieb ihm jedoch verwehrt. Eine Frau öffnete die Tür, sie war groß und schlank mit streng zurückgebundenem Haar. Sie blickte Firian mit kalter Miene an und fragte nach seinem Begehr.
      „Ich suche die Amselprinzessin“, begann er und erzählte ihr seine Geschichte.
      Ihre Miene wurde noch eisiger. „Ich habe, was du suchst“, bekannte sie dann. „Doch so leicht gebe ich sie nicht aus meiner Hut.“
      Firian dachte an sein Schwert und daran, dass er sich auch den Weg freikämpfen konnte, aber etwas sagte ihm, dass Gewalt hier nicht weiterhelfen konnte. „Was verlangst du?“ fragte er also. „Ich bin bereit, alles für ihre Rettung zu tun.“
      Die Frau maß ihn mit durchdringendem Blick. „Du hast meinen wachenden Wald durchquert. Das will ich dir als erste Prüfung anrechnen. Nun wollen wir sehen, ob du auch erkennst, was du liebst.“ Sie trat aus dem Haus auf die Wiese und stieß einen trillernden Pfiff aus. Im Nu schwärmten aus dem Haus und aus allen Himmelsrichtungen Vögel herbei. Amseln, die sich im Gras und auf ihren Armen niederließen. Unzählige Vögel, die einander wie ein Ei dem anderen glichen.
      „Such dir deine Prinzessin aus“, sagte die Frau mit kaltem Spott, „aber wenn du die falsche wählst, ist alles verloren.
      Firian sah hilflos zwischen den Vögeln umher. Manche erwiderten seinen Blick, manche kümmerten sich nicht um ihn, sondern pickten nach Nahrung. Manche scheuten seine Nähe, manche kamen neugierig heran. Nichts, was ihm bei der Wahl helfen könnte. Dann besann sich der junge Ritter auf sein Herz. Er hatte schon einmal ihre Nähe gespürt, schon einmal gewusst, dass sie ihn beobachtete. Er liebte sie und er wusste, dass er auch ihr nicht gleichgültig war. Das musste ihm helfen, die richtige Wahl zu treffen. „Diese ist es!“ sagte er schließlich mit fester Stimme und deutete auf eine der Amseln. Mit lautem Geschrei erhoben sich die Vögel in die Lüfte – nur der eine blieb und verwandelte sich vor seinen Augen zurück in die wunderschöne Myrla. Tränen stürzten ihr aus den Augen und sie streckte ihm die Arme entgegen. Doch bevor er sie berühren konnte, trat die Frau zwischen sie. „Du hast die Probe bestanden.“ Sie schob Firian ein Stück fort von der Geliebten. „Wenn du auch die dritte Probe bestehst, dann soll sie frei sein und ihre menschliche Gestalt zurück erhalten.“
      Firian warf einen Blick zu Myrla zurück. Sie hatte die Hände gefaltet und sah ihm angstvoll nach. So nahe schien die Rettung schon. „Was verlangst du?“
      „Gib mir dein Schwert“, sagte die Frau, „und knie dich hin.“
      Firian wurde kalt. Aber er gehorchte. Er hatte geschworen, Myrla zu retten und sollte es auch sein Leben kosten. Ein hoher Preis, aber er würde nicht feilschen.
      Die Frau wog das Schwert in der Hand und sah erbarmungslos auf ihn herab. Sie hob die Klinge zum Stoß – da warf sich Myrla dazwischen und Firian um den Hals. Überrascht legte der die Arme um sie. „Nein“, rief die Prinzessin ungestüm. „Nein, lieber will ich mein Leben lang ein Vogel bleiben, als dass ihm ein Leid geschieht.“
      Da geschah etwas Seltsames. Die strenge, kalte Frau wurde von einem Klingeln und Leuchten umgeben. Sie ließ das Schwert fallen und schrumpfte ein Stück zusammen. Und sie lachte dabei. Ein fröhliches, freundliches Lachen wie Glöckchenklang. „Ihr seid einander wert!“ Es war niemand anderes als die Fee, die Myrla einst das Amselkleid gegeben hatte. „Verzeiht, wenn ich euch quälte, doch ich wollte sicher sein, dass eure Liebe auch stark und wahr genug für ein glückliches Leben ist. Es ist nun genug geprüft und bewiesen, ihr habt euch euer Glück verdient.“
      Ungläubig staunend blickten die beiden auf die freundliche Frau mit den Mondlichtaugen. Und dann erst wurde ihnen gewahr, dass sie einander in den Armen hielten. Firian drückte die Liebste an sein Herz und dann küssten sie einander voll überschäumenden Glücks. Die Fee aber lachte und freute sich an den beiden Liebenden. Mehr noch, sie erfüllte ihnen den Wunsch, nach Hause zu kommen. In Firians Heimat, wo sie bald darauf heirateten und ein langes glückliches Leben teilten. Eie Amselfeder aber nahmen sie mit, als Erinnerung und Zeichen ihrer großen Liebe.

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      Vor dem elften Türchen liegen zusammengerollte Taue und einige Fässer, die sein Durchqueren erschweren. Aber wer hindurch will muss sich ohnehin am knarrenden hölzernen Türchenrahmen festhalten, denn das Türchen ist Teil eines größeren Schiffs, welches durch den Seegang schwankt und schaukelt…



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      Die Überfahrt

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      Nalda blinzelte der Sonne entgegen, deren Strahlen sich im wellenreichen Meer spiegelten und ihr wie kleine Funken entgegenglitzerten. Hier war sie nun also, auf einem Schiff der Händler, auf dem Weg zu ihrer Stadt, auf der Suche nach Roldo, ihrem Gefährten.
      Sie seufzte. Sie war ab und zu mit einem kleinen Flößchen um ihre kleine Heimatinsel gefahren, deswegen war sie das Schaukeln des Schiffes gewohnt. Trotzdem war das große Schiff auf dem sie sich befand natürlich überhaupt nicht zu vergleichen mit ihren kleinen Touren. Sie streckte und räkelte sich, an die Betten musste sie sich gewöhnen. Normalerweise schlief sie nur auf ein Haufen getrocknetem Gras. Die Kojen besaßen hier aber wunderbar weiche Decken und Kissen. Für Naldas Geschmack etwas zu weich, sie brauchte immer eine Ewigkeit sich einigermaßen erstickungssicher reinzulegen, da sie etwas kleiner und dementsprechend zierlicher war als die Händler, mit denen sie fuhr. Aber trotzdem genoss sie die Fahrt.
      Die braunhäutigen Händler waren alle miteinander nett zu ihr und versorgten sie mit allem was sie brauchte, besonders der Händler "Kistenfracht" hatte es ihr angetan. Kistenfracht war einer der Älteren, hatte schon überall unzählige Falten und hatte für Nalda immer ein herzliches Lächeln auf dem Gesicht. Außerdem hatte Kistenfracht eine unendliche Geduld mit ihr und beantwortete all ihre Fragen, die sie zu all den unglaublichen Gerätschaften auf dem Schiff hatte.
      Da waren zum Beispiel überall merkwürdige Griffe rund ums Schiff. In manchen Gefilden gab es sehr viele und sehr schnelle Schnecken, die sich an den Rumpf saugten und sich ins Schiff hinein bohrten. Rund um die Unterseite waren kleine Schienen angebracht auf denen kleine Schrubber mit Hilfe der Griffe hin und herfuhren und so die Schnecken vom Rumpf wieder wegwischten.
      Hinter Nalda, die sich die Griffe nochmal genau anschaute, um herauszufinden wie die Schrubber hin und hersausten, tauchte Kistenfracht auf, der sie wieder einnehmend anlächelte. "Na? Gut geschlafen, Prinzessch'n?" Nalda hatte ihm schon unzählige Male erklären wollen, dass ihr Name nicht Prinzessch'n sondern Nalda war, aber das schien ihm nicht mal im Entferntesten zu interessieren und somit hatte sie es aufgegeben. Sie nickte. Er blickte in die Ferne und lächelte sie verschmitzt an. "Gleich komm' wat viel interessanteres als das da." Er zeigte auf die Schrubber. Nalda schaute verwundert in die Richtung in der Kistenfracht blickte, konnte aber nichts erkennen. Sie bemerkte aber, das alsbald alle Crewmitglieder ohne Ausnahme an Deck waren. Selbst der Koch, den sie nur in der Küche oder im Gemeinschaftsraum gesehen hatte, war auf dem Deck aufgetaucht. Alle hatten sie ein kleines Flößchen in den Händen und eine Art Kerze. Die sonst so laute und lustige Mannschaft erschien ihr geradezu penetrant ehrfürchtig. Kistenfracht zog sie zur Seite und zeigte mit dem Finger auf ... einen riesigen Kopf im Meer. Nalda traute ihren Augen kaum, da starrte sie ein gewaltiger Kopf aus dem Wasser an, der fast so groß war wie das Schiff selber. Drumherum waren ungefähr 5 große Pfeiler verteilt, deren Spitzen müde in den Himmel ragten. "De' Pfeiler stehen für de' fünf verschieden'n Himmelsrichtung'n." erläuterte ein Matrose. Um den Kopf wabberte und strömte das Wasser so sehr, dass man im kalten Nass nicht viel erkennen konnte. Nalda fragte sich, ob die Pfeiler bis zum Boden reichten, sie waren gewaltig. Ebenso der restliche Körper vom Kopf, sie sah nur ab und an den Mund, der von den Wellen umspült wurde.
      Die Mitglieder der Mannschaft traten einer nach dem anderen vor, zündeten die Kerzen an, verschlossen die Behälter, die vor dem Wind schützten, und ließen sie von einer Leiter runter ins Wasser gleiten.
      "Das is' Riem, Gott des Meeres, " erklärte Kistenfracht flüsternd. "Jedesmal wenn wir an ihm vorbeifahr'n, geb'n wir ihm was er nich' hat: Lich'." Nalda blickte etwas irritiert zur Sonne, verkniff sich aber jegleichen Kommentar. "Siehst' die fünf Pfeiler rund um Riem? Die Flössch'n müss'n zu ihm reinfahr'n, sonst lässt er uns nich' weiter fahr'n und gibt uns nich' seinen Seg'n..." Das letzte Floß hatte das Schiff verlassen. "... für's heil nach Hause komm'n." fügte Kistenfracht noch schnell hinzu als er Naldas fragenden Blick sah. Alle - Nalda eingeschlossen - hielten den Atem an und schauten den Flößchen bedächtig zu wie sie auf Riem zuschipperten. Riem selber hatte sich während der ganzen Prozedur keinen Zentimeter bewegt, aber es schien als beobachtete er alles ganz genau. Nalda schauderte. "Was passiert, wenn gar keins trifft?" - "Sch!" Ein Händler schaute sie fast zornig an. "Das woll'n wa' nich' hoff'n, nich' klaine Prinzessch'n?" Kistenfracht stubste sie an. Doch als hätte Nalda es heraufbeschworen, schipperten einige der kleinen Flösse an den Pfeilern vorbei. "Das war zu früh, das war zu früh! Wir ham se' zu früh losgelass'n!" brüllte einer der Seemänner. Eine regelrechte Panik brach aus, Nalda starrte wie gebannt auf Riem, der sich wie zuvor nicht regte. Ein Floss war durch, aber dafür waren vier von ihnen ganz verloren.
      "RUHE!" schrie der Kaptäin. "Macht noch ein paar Flösse fertig, schnell!" Sie spurteten und rannten, um noch ein paar Flösse mit Kerzen aus dem Frachtraum zu holen, doch es war zu spät. Ein lautes Knarzen zeugte davon, dass sie feststeckten. "Riem hat uns gepackt, Riem hat uns gepackt!" hallten Schreie durch das ganze Schiff. Nalda stellte sich eine riesige Hand vor, traute sich aber nicht, auf das Meer zu gucken. Ihr Herz raste.
      Der Koch schnappte sich alle möglichen Flösse, die sie noch hatten und rannte zu einen der Beiboote, wobei er die Hälfte auf dem Weg dorthin verlor. Kistenfracht hielt ihm am Arm fest: "Was hast'n vor?" - "Wir müss'n ihn halt besänftigen. Mit 'nem Boot kann ich besser ran. Siehst doch, dass kaum eins trifft." - "Die Strömungen sind viel zu gefährlich, Mann." Der Koch riss sich los und ließ sich mit dem Boot runter auf Wasser gleiten. "Das is' Wahnsinn."
      "Aaaaaaan die Schrubber!" rief der 1. Offizier und wie von Sinnen betätigten alle die Griffe, selbst Nalda schnappte sich einen, schob und zog. Wenn die Lage nicht so ernst gewesen wäre, hätte sie bestimmt mit ihrer Größe alle Lacher auf ihrer Seite, sie hoppelte und zappelte mit dem Schwung der Schrubber mit. Im Augenwinkel sah sie wie 'Kellenlöffel', der Koch, vor den Pfeilern angelangt war. Regelrecht zitternd zündete er die Kerzen an den Flössen mit einem Feuerzeug an und schraubte die Verschlüsse für die Behälter der Kerze wieder zu. Die Strömung hatte Kellenlöffels Boot geschnappt, sie zog ihn mitten in den Kreis zu Riem rein. Kellenlöffel schmiss alle Flösse ins Wasser.
      Er hatte es endlich geschafft, in dem Kreis befanden sich 24 Flösse von 26 Mann.
      Durch den Auftrieb den die Schrubber auslösten, konnte sich das Schiff befreien. Ein großer Jubel der Begeisterung übernahm das ganze Schiff, einer der Männer nahm sogar Nalda hoch und schmiss sie in die Luft. "Holt Kellenlöffel, unseren Helden!" rief einer der Seemänner, doch als sie sich umdrehten und ihm ein Rettungsseil zuwerfen wollten, war der Koch mitsamt Boot nicht mehr zu sehen. Sie drehten in einem großen Abstand noch ein paar Runden um Riem, doch er war in die Tiefen gerissen worden. "Er hat sich für uns geopfert. Is'n Held." seufzte Kistenfracht.
      Es waren kaum Schäden auszumachen, hier und da konnten einige Schrubber nicht mehr betätigt werden und kleinere Lecks waren auszumachen, die aber recht flink geflickt werden konnte, man hatte schließlich Erfahrung durch die Schnecken, die gern mal Löcher reinfraßen.
      Die restliche Überfahrt verlief wirklich verhältnismäßig ruhig, kein großer Wellengang, kein Sturm und auch kaum Regen. Nur ein paar Tröpfchen erreichten das Deck des Schiffes. Nalda blickte auf ein ein kleines Foto von Kellenlöffel, das sie an der Tür zur Küche aufgehängt hatten. Bei jedem Essen hauten sie kräftig auf den Tische und brüllten: "Kellenlöffel, Kellenlöffel, Kellenlööööffel!", so dass die Wände wackelten, wenn sie das nicht sowieso schon durch den Wellengang taten.
      Als sie dann endlich in die Stadt der Händler ankam, fragte sie nach, ob sie das Bild des Koches haben dürfe, was der Kapitän bejahte. Nalda freute sich und verstaute es in ihrem Rucksack. So könne sie Kellenlöffel, den sie kaum gekannt hatte und zuvor als mürrisch abgestempelt hatte, immer in Ehren halten.

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