WB-Adventskalender 2012

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    • WB-Adventskalender 2012

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      ADVENTSKALENDER-ÜBERSICHT:

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      [01. Türchen] Wochenende von Veria
      [02. Türchen] Wie Tanahareni Hattamananma bekämpfte von Vinni
      [03. Türchen] Ein Tag im Leben von Rudson Divy Punksten von Zoey
      [04. Türchen] Mondnacht von PolliMatrix
      [05. Türchen] Der Oberste der Omiik von Efyriel
      [06. Türchen] Heimkehr von Amanita
      [07. Türchen] Die Schöpfung von Forticus
      [08. Türchen] Trolljagd von Eld
      [09. Türchen] Leben von Heinrich
      [10. Türchen] Das Glasvögelchen von Vinni
      [11. Türchen] Ein Hauch von Freundschaft von Lomaril
      [12. Türchen] Bronzekuss von Knochen
      [13. Türchen] Das Wort eines Kriegers von Sturmfaenger
      [14. Türchen] Ein Brief von Berthold von PolliMatrix
      [15. Türchen] Die Nacht der Magierin von Assantora
      [16. Türchen] Weit und weiß von Heinrich
      [17. Türchen] Tanahareni und der Sohn der hartherzigen Mutter von Vinni
      [18. Türchen] Von Göttern und Kindern von Veria
      [19. Türchen] Hoffnung zweier Seelen von Assantora
      [20. Türchen] Echte Freunde von Silph
      [21. Türchen] Die Legende von Padoban und Zaitá von Yelaja
      [22. Türchen] Cris Tag von Sturmfaenger
      [23. Türchen] Lilien im Schnee von datLy
      [24. Türchen] Habeas Corpus von Ehana


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      Langsam, langsam, weicht die nächtliche Dunkelheit dem zögerlichen Grau der ersten Morgenstunden. Das erste Adventskalendertürchen hebt sich zunächst nur schwach von der umgebenden Dunkelheit ab. Doch dann errötet der Horizont immer mehr, und die Sonne schickt ihre Strahlen aus. Sie hauchen der Welt Farbe und Leben ein, und durchdringen das Adventskalendertürchen so mühelos als sei es aus Fensterglas…




      Wochenende


      Helle Sonnenstrahlen drangen durch die großen Fenster und durch die kunstvoll gestickten Seidenvorhänge, dann tanzten sie durch die Gläser der achtlos abgelegten Brille und zeichneten ihren Fokus auf das helle Holz des Schreibtisches. An der Schrankwand hüpfte ein Lichtpunkt hin und her, wann immer die Taschenuhr auf dem Bauch des im Sessel schlafenden alten Mannes sich mit dessen Atem bewegte. Auch die goldene Borte an seinem waldgrünen Samtjackett glänzte im Sonnenlicht, die seitlich an der Hüfte auftragslos baumelnde Gürtelschnalle klimperte vereinzelt leise und der offene Hosenknopf versteckte sich unter der beachtlichen Wampe, die auch die Knöpfe des roten Hemdes deutlich strapazierte.
      Das Gesicht des Mannes war vom Alter gegerbt und zerknittert, eine rotbraune Perücke saß schief auf der dünnen grauen Strubbelfrisur, und auf der Perücke ein edelsteinbesetztes Prachtstück von Krone.

      Mit einem Mal ging die eine weisse Türe auf, ein wirbelnder Meter in einem roten Kleid flitzte hinein, knallte die Türe zu, rannte durch den Raum, riss die andere weisse Türe auf und knallte sie hinter sich ebenfalls wieder zu. Das wiederholte sich auch sogleich mit einem wirbelnden Meter in einem blauen Kleid, und damit war der alte Mann wach.
      Die eine weisse Türe öffnete sich wieder, ein halber Meter in einem gelben Kleid hing an der kaum erreichbaren Türklinke, tappte dann um die Türe herum und schob sie energisch wieder zu: Knall.
      "Lianna!", donnerte der alte Mann, "Was habe ich euch gesagt?"
      "Guten Morgen, Opa", sagte das Mädchen artig, ignorierte aber den Ausbruch und rannte zur anderen Türe.
      "Lianna!"
      "Ja, Opa?"
      "Das hier ist das Arbeitszimmer!", erklärte er, "Das Spielzimmer ist im Nordflügel!"
      "Und das Schlafzimmer auch!", gab Lianna frech zurück, streckte sich nach der Türklinke und zog die Türe auf. Und schon war sie weg, die Türe blieb offen.
      Der alte Mann zog möglichst seinen Bauch ein, zwängte die Hose zu und schloss den Gürtel, dann rückte er auch noch Perücke und Krone zurecht. So war er bereit, den roten Wirbelwind beim nächsten Durchgang an der ersten Türe abzufangen und am Ohr zu packen.
      "Aua, Opa, wir haben doch gar nicht gekreischt und geschrien!", protestierte das Mädchen.
      "Aber mit den Türen geknallt, Mariket."
      "Tschuldigung, Opa." Mariket befreite ihr Ohr und rannte zur zweiten Türe, die sie hinter sich zuknallte.
      "Jaja ...", seufzte der alte Mann und verließ kopfschüttelnd das Arbeitszimmer.

      "Guten Morgen, Majestät", grüßte ein Bediensteter.
      "Guten Morgen, Levan."
      "Ich hoffe, Majestät haben gut geschlafen."
      "Aber ja, aber ja, nur, vielleicht sollten Schalldämpfer in den Türen erwogen werden."
      "Sehr wohl, Majestät." Levan verneigte sich knapp und beide setzten ihren jeweiligen Weg fort.

      "Ah, Papa", kam eine Dame im engen Reitanzug herbei, "bist du auch wach."
      Der alte Mann kratzte sich verlegen am Hals und griff mit der anderen Hand nach seiner Taschenuhr, es war schon mitten am Vormittag. "Gute Güte! Wir waren aber doch nicht heute zum Ausritt verabredet?"
      "Du hast Glück, nein", schmunzelte sie, "Woran hast du denn so lange gearbeitet?" Er seufzte leise und schlurfte kopfschüttelnd weiter. "Nichts? Du gehst zum schlafen ins Arbeitszimmer?"
      "Ach, Mardina, natürlich nicht", murmelte er, "Ich habe gelesen."
      "Was denn?"
      "Heimat der roten Sterne."
      "Seichter Kitsch", bemerkte Mardina.
      Er zögerte einen Moment, dann nickte er: "Seichter Kitsch. Aber ich bin zu alt für tiefgründige Literatur."

      "Guten Morgen, Majestät", grüßte der Tafelmeister, als Vater und Tochter den prächtigen, aber menschenleeren Saal betraten. Für vierhundert Menschen wäre Platz, gedeckt war für sieben und einer der prächtigen Sessel war durch einen einfachen hölzernen Hochstuhl vom Möbelhaus ersetzt.
      Der alte Mann setzte sich ächzend und verhedderte seine Füße für einen Moment im langen Tischtuch.
      In den nächsten Minuten trudelte auch fast der ganze Rest der Familie ein, schließlich trugen zwei Bedienstete das Frühstück auf. Obst und Brot und Käse für die Erwachsenen und das Mädchen im roten Kleid, Joghurt mit Nussgetreideflocken aus der bunten Pappschachtel mit tollem Gewinnspiel für Adea mit dem blauen Kleid und die Jüngste im Hochstuhl.
      Der Tafelmeister verneigte sich knapp und wies fragend auf einen Sessel.
      "Nur zu", sagte der alte Mann und der Tafelmeister setzte sich.
      "Majestät, Meran hat gesagt, dass der Nyc-Botschafter schon wieder einen Aufstand macht, weil es ihm nicht passt, dass die Leute demonstrieren."
      "Pah ... hat der seinen Chef überhaupt schon angerufen?", grummelte der Alte.
      "Mit Sicherheit nicht. Majestät, soll Meran ein Schreiben aufsetzen, damit das auch ankommt?"
      "Jaja", nickte er zwischen zwei Bissen, dann fuhr er mit vollem Mund, aber dennoch deutlich fort: "Dyacel Castass Lynida, Kaiser von Lyn, Herzog von Pipapo, Erzgraf Dings und so weiter, der dem Parlament von Tecandria in Nycobet seine volle Wertschätzung et cetera versichert, weist ernst darauf hin ..." Noch ein Bissen und begleitend eine Sprechpause. "... dass der Abschuss des lynidischen Rettungsbootes Sowieso trotz gegebener Hinweise ... die Hinweise sind wichtig, Beweise sind es keine! ... auf eine Übernahme durch Terroristen der sogenannten Dinaman-Bewegung, immer noch einen aggressiven ... äh ... Luyen, helfe er mir bitte!"
      "Immer noch einen aggressiven Akt gegenüber dem lynidischen Volk und Staat darstellt, Majestät."
      "Genau, Luyen. Danke."
      Der Tafelmeister schaltete das Diktiergerät aus. "Ich gebe das Band an Meran weiter", sagte er.
      "Ja, tue er das", nickte Kaiser Dyacel.
      "Sehr wohl, Majestät." Luyen erhob sich, verneigte sich knapp und ging.
      "Die Nycs sind doof", tat Mariket im roten Kleid grimassierend kund.
      "Doof doof doof doooooof", wiederholte die kleine Lianna und patschte ihren Löffel in ihre Frühstücksflocken, dass die Milch spritzte.
      "Unsinn", sagte Mardina, die Mutter der drei Mädchen, und ihr Gatte Darestan ergänzte: "Die haben halt Angst vor Dinaman, denn die sprengen Sachen und Leute in die Luft."
      "Die Nycs sind trotzdem doof", beharrte Mariket, "Wir sind ja nicht Dinaman."
      "Mariket!", tadelte Mardina, "Das macht sie nicht doof! Los, erklär mir, was Dinaman will und warum die Nycs dagegen sind!" Das Mädchen zog ausgiebig eine Schnute, griff nach einem Veloraschnitz, tauchte ihn in Karamellcreme und biss ab. "Mariket, Antwort!"
      "Mamaaa ...", seufzte Mariket als ganz kurze Unterbrechung ihrer schmatzenden Tätigkeit.
      "Wo sind die Nycs?", fragte Darestan streng und klopfte mit seiner Gabel auf den Tisch.
      "Ganz im Norden."
      "Der Staat heißt?"
      "Tecandria."
      "Hauptstadt?"
      "Nycobet."
      "Sehr gut", nickte Mardina, "Und Dinaman? Wo sind die?"
      Mariket rollte mit den Augen. "Überall!"
      "Nein."
      "Na gut, fast überall", grummelte sie und rutschte fast vom Stuhl, "Sind bestimmt bei uns auch welche ..."
      "Das meint deine Mutter nicht", brachte sich Darestan wieder ein, "Sie meint, dass sich Dinaman aus der tecandrinischen Politik entwickelt hat."
      Triumphierend setzte sich Mariket wieder ganz auf. "Na sag ich doch! Die Nycs sind ganz selber schuld! Die haben ihre Politik halt so blöd gemacht, dass es jetzt Dinaman gibt." Darestan und Mardina war der stumme Seufzer deutlich anzusehen. "Oder?", heischte Mariket noch nach Zustimmung.
      Nun beschloss der Kaiser, sich einzumischen. "Sag mal, Mariket, was will Dinaman, was die Nycs nicht wollen?"
      "Die Dinaman-Leute aus dem Gefängnis."
      "Das auch", seufzte er, "Aber womit hat es angefangen?"
      "Die haben demonstriert", sagte Mariket fest, "und das ist bei den Nycs verboten, nicht so wie bei uns, wo man das darf."
      Kollektives Seufzen bei den Erwachsenen.
      "Sie haben ihre Macht demonstriert, nicht einfach so demonstriert", bemühte sich Darestan, "Das bestand damals darin, eine Schule zu sprengen!"
      "Oh."
      "Ja, oh! Wenn du nicht ständig neben den Nachrichten mit irgendwelchen Freundinnen telefonieren würdest, hättest du auch alles davon mitbekommen! Oder wenn du mal diplomatische Notizen lesen würdest! Oder Archiveinträge!"
      "Wenn ihr die Nachrichten im Fernsehen hättet wie halbwegs moderne normale Leute, statt in dem popligen Radio, dann hätte ich es auch sehen können!", wurde Mariket patzig, "Richtig moderne Leute haben sogar Satellitenempfang! Warum sind ausgerechnet wir so prähistorisch?"
      "Weil der Inhalt überall derselbe ist!", knurrte Mardina, "Wir brauchen die blöde Kiste einfach nicht."
      "Mamaaa!"
      "Es ist ein Glück, dass die politisch ungebildetste Tochter des Hauses auch am hinteren Ende der Thronfolge steht", ergänzte sie bissig.
      "Lassen wir das", beeilte sich Darestan, seine Gattin zu unterbrechen, jene schluckte die weitere Fortsetzung der Rede auch brav hinunter. "Also, Mariket, warum haben Dinaman die Schule gesprengt? Was hat ihnen nicht gepasst?"
      "Die U-Boote und die Raketen."
      "Ja. Warum sind sie gegen U-Boote und Raketen?"
      "Weil wir Menschen dann den Anspruch auf die Welt verlieren", war Mariket stolz zu wissen.
      "Ja, sie glauben, dass das passiert, wenn Menschen ins All fliegen", nickte Darestan, "Bei den U-Booten ist es anders. Wie ist es da?"
      "Dann ... müssten wir unter Wasser wohnen?"
      "Nein."
      "Überschwemmungen?"
      "Nein."
      "Ähhh ... aber die Fische würden schon wütend, oder?"
      Erleichtert nickte ihr Vater. "Ja, Dinaman glauben, dass die Válun sich dann mit bösen Außerirdischen gegen uns verbünden würden, anstatt uns zu beschützen."
      "Die sind bescheuert", beschloss Mariket, "Die spinnen. Die haben doch noch nie einen Válun gesehen. Wer hat denn schon mal einen Válun gesehen? Gibt es die überhaupt wirklich?"
      "Ja", sagte der Kaiser energisch, "und ich habe schon einmal welche gesehen. Hunderte!"
      "Echt jetzt?"
      "Ja, Mariket", seufzte er, "und sie werden bestimmt nicht wütend, nur weil wir Menschen U-Boote bauen. Ich war immerhin in einem U-Boot da unten!"
      "Boah!"
      "Steht alles in den Archiveinträgen", schmunzelte er, "Das ist spannender als deine Dämonenjägerliteratur. Na?"
      Mariket verzog ihr Gesicht gewaltig und vertiefte sich in einen Veloraschnitz von beachtlicher Größe. Die Erwachsenen zuckten mit den Schultern und widmeten sich den eigenen Tellern.
      "Die Nycs sind trotzdem doof ...", erklärte Mariket schließlich, "Immerhin haben sie ein Boot von uns abgeschossen."
      "Tja ..." Der Kaiser seufzte ausgiebig. "Ich gehe wieder arbeiten", sagte er dann, "und, Mariket, kein Türknallen, und halte auch deine Schwestern davon ab."
      "Ja, Opa", nickte sie nun ganz artig.

      Zurück im Arbeitszimmer öffnete Dyacel als erstes den unangenehm engen Gürtel und bei der Gelegenheit auch gleich den Hosenknopf, erst dann fiel ihm auf, dass am Schreibtisch ja jemand sass. "Lialan", murmelte er geschreckt und beeilte sich, die entstandene Kleidungsunordnung irgendwie mit seinem Jackett zu verdecken.
      "Morgen, Papa", gähnte die Frau im Nachthemd auf seinem Sessel, "Hast du hier irgendwo das Zeug vom Landwirtschaftsminister? Der ist mir gestern Abend so auf die Nerven gegangen, Dürre hier, Wassermangel da ... und ich wusste nicht einmal, was Sache ist."
      "Äh ..."
      "Auch egal, ich frage beim Ministerialarchiv nach." Sie stand auf und stöckelte mit grünglitzernden hochhackigen Schuhen los. Im Nachthemd!
      "Äh ... sag mal, was willst du denn mit den Schuhen?"
      "Filmfest", sagte sie.
      "Meine Güte! Das ist heute?"
      "Ja, Papa."
      "Meine Güte!", griff er sich an den Kopf. "Aber du hast doch gar nichts Richtiges an!" Er wandte sich hektisch um und lief aus dem Raum.
      "Papa!", schallte es hinter ihm her, "Ich laufe doch nur die Schuhe ein, es ist doch erst am Abend!"
      Erleichtert kehrte er ins Arbeitszimmer zurück. "Ah, ja, wann ist es denn?"
      "Der Garderobenmeister hat alles im Blick, beruhige dich", sagte Lialan, "Aber du solltest deine Tabletten nehmen und viel trinken."
      "Tabletten?"
      "Tabletten." Sie ging zum Schreibtisch, nahm die Medikamentenschachtel und schüttelte sie, dann runzelte sie die Stirn und öffnete den Deckel. "Papa! Die Tabletten für gestern sind noch da! Du musst doch etwas für dein Gedächtnis tun!"
      "Ahjaaa!" Jetzt fiel es ihm wieder ein.
      "Gut." Lialan öffnete eine Geheimtüre und füllte aus dem Wasserhahn dahinter ein Glas mit Wasser, dann reichte sie dieses, eine gelbe Tablette und eine gelb-rote Tablette ihrem Vater, der die Medikamente auch brav einnahm. "Und mach die Hose zu", sagte sie schließlich. Auch das tat er sogleich. "Papa, wenn du so weitermachst, blamierst du dich noch irgendwann fürchterlich und vor allem öffentlich."
      "Oh, du weißt doch, Lilili, in der Öffentlichkeit bin ich gleich ein ganz anderer Mensch."
      "Nur vergisst der andere Mensch seine Tabletten auch ... Papa, du musst auch den Leibarzt öfter rufen, am besten soll er einfach alle paar Tage herkommen." Sie fasste ihn an den Schultern und sah ihm in die Augen. "Wenn Blutdruck, Blutzucker und werweißwasnoch Purzelbäume schlagen, könnte alles Mögliche passieren. Ich bin nicht scharf drauf, ganz schnell Kaiserin zu werden."
      "Aber Lilili ..."
      "Komm mir nicht mit Lilili!", unterbrach ihn Lialan energisch, "Du darfst deine schwindende Gesundheit nicht einfach links liegen lassen. Der Leibarzt wird zweimal wöchentlich herkommen! Klar?"
      Der Kaiser schrumpfte in sich zusammen und murmelte kleinlaut: "Klar."
      "Gut", sagte seine Tochter, "Ich ziehe mir was an, dann rufe ich ihn an und mache das aus. Das Ministerialarchiv kann warten."
      Dyacel sah ihr nach, wie sie aus dem Arbeitszimmer eilte, dann setzte er sich hinter den Schreibtisch und lehnte sich zurück. Nach all dem musste er sich dringend etwas ausruhen. Er öffnete wieder Gürtel und Hosenknopf, ließ sich bequem in den Sessel sinken und machte ein Nickerchen.

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      An Weihnachten wird aufgelöst, welcher Text von wem stammt, dann können die Autoren dort gesammelt auf das Feedback antworten.

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      Sanfte Wellen schwappen um die Türpfosten des zweiten Türchens. Wer hindurchgeht, findet sich im seichten Wasser direkt vor einer wunderschönen grünen Insel stehend. Rechts und links des Türchens graben sich die hölzernen Rümpfe von Beibooten in den weichen Sand. Die Männer die in ihnen sitzen, tragen einen grimmigen Gesichtsausdruck. Ihr Anführer lässt seinen Blick über den Strand schweifen, er sieht eher nachdenklich aus...



      Wie Tanahareni Hattamananma bekämpfte


      Tanahareni wurde wiedergeboren im Schoß einer Königin der großen Inseln, in einer Zeit, als es dort noch Könige und Königinnen gab. Er wurde wiedergeboren als jüngerer Sohn, dem das Erbe des Thrones versagt war. Die Königin wünschte, er möge klug und stark werden und waffenkundig, um seiner Schwester, der nächsten Königin, als Feldherr dienen zu können. So nannte sie ihn Ati, das ist das Wort für Kriegspfeil in jener Gegend.

      Im Königspalast wuchs Ati heran. Er lernte laufen und schwimmen, springen und fischen und jagen. Und er übte sich im Kriegshandwerk, lernte Speer und Bogen zu führen und war bald in jeder Kunst der geschickteste. Ein enges Band von Freundschaft und Liebe verband ihn dabei mit seiner älteren Schwester Omjeri, die einst Königin werden sollte. Die Geschwister verbrachten die Tage zusammen, lernten gemeinsam Lesen und Schreiben, Geschichtskunde, Rechtswissen und Kriegstaktiken. Und wenn Omjeri lernte, einem Staatswesen vorzustehen, vervollkommnete Ati seine Waffenkünste.

      Mit den Jahren wurde Omjeri eine schöne und kluge Königin, die nur zu bald die Aufgaben der kränkelnden Mutter übernahm. Ati, in ihren Diensten, führte das Heer und war immer dort zur Stelle, wo Angriffe zurückgeschlagen und Feinde vertrieben werden mussten. Bald wuchs sein Ruhm über die Grenzen des Landes hinaus und glänzte wie ein Edelstein in der Krone des Reiches. Es war jedoch nicht Blutdurst, der seinen Kampfesmut antrieb. Er zollte auch Feinden Respekt und vergoss nicht ohne Not Blut. Sein Sinnen und Streben galt dem Schutz und der Stärke des Inselkönigtums.

      Eines Tages fügte es sich, dass ein Teil des königlichen Reiches gegen die Krone aufbegehrte. Es war die schöne Insel Iamalak, die sich nicht länger der friedlichen Herrschaft fügen wollte, Abgaben verweigerte und die Gesandten der Königin beschämte und verjagte. Das war eine Anmaßung, die Omjeri nicht dulden konnte. Iamalak war eine Provinz, auf die man nicht verzichten konnte. Die Insel war reich und grün und so fruchtbar wie ein Euter voller Nahrung.

      Omjeri ließ ihren Bruder rufen. „Ich sende dich nach Iamalak“, sprach sie, „nimm Schiffe und Krieger und zeige ihnen die Macht des Königreiches. Sie sollen unterworfen werden und ewige Gefolgschaft schwören.“

      „Ich bringe dir die Aufrührer“, versprach Ati, „sie sollen ihre Aufsässigkeit bereuen.“

      Schiffe wurde gerüstet, Soldaten gemustert, und es dauerte nicht lang, da hatte Ati eine schlagkräftige Truppe beisammen, die nach Iamalak segelte. Ohne Zwischenfälle erreichten sie die Insel. Die Schiffe legten an, und Ati und ein Teil seiner Truppe errichteten ein Lager an der Küste. Das blieb den Leuten von Iamalak freilich nicht lange verborgen. Sie sahen die Waffen, sie sahen die Schiffe, sie sahen die königlichen Farben der Segel, und da wussten sie, dass es zum Kampf kommen würde. Ati selbst rief ihnen zu, dass sie der Rebellion abschwören sollten und sich unterwerfen. Er wollte gnädig sein und die Königin würde verzeihen, wenn sie sich besannen. Es lag ihm nichts daran, ohne Not Blut zu vergießen. Da es galt, die Einheit des Inselreiches zu festigen, blieb jedoch nur Unterwerfung oder Kampf. Doch die Leute von Iamalak blieben bei ihrer Weigerung, die Königin als ihre Herrschaft anzuerkennen. Sie riefen Beleidigungen und Spott und schworen, die Eindringlinge von der Insel zu vertreiben. Dann sprachen die Waffen. Wie Brandung und Fels, die aufeinanderprallen, so trafen die Truppen aufeinander. Schwerter klirrten, Pfeile flogen. Ati war stets mitten im Gefecht. Mit schneller Hand und sicherem Auge fand er die Lücken der Verteidigung. Führte seine Leute kundig zwischen die Reihen der Feinde und hielt selbst blutige Mahd. Von seinem Schwert troff das Blut unzähliger Siege, als sich zum Abend die Truppen trennten. Atis Leute hatten wacker gefochten. Die Leute von Iamalak hatten unzählige Verluste erlitten – aber die Insel war groß, es mochte dort noch viele Männer und Frauen geben, die die Waffen gegen die königlichen Truppen erheben konnten. Ati tröstete seine Leute und sprach ihnen Mut zu. Er ließ die Verwundeten verbinden und die Toten bergen und gestattete auch den Gegnern, ihre Gefallenen vom Schlachtfeld zu holen. Sie mochten Feinde sein, doch das war Menschenpflicht, die keine Fronten kannte.

      Am nächsten Morgen rief Ati wieder seine Forderungen an die Gegner. Sie sollten sich ergeben und wieder dem Königreich anschließen. Nur so konnte das Blutvergießen beendet werden. Wieder wehrten die Leute von Iamalak ab – aber ihr Spott war leiser geworden. Sie hatten Ati kämpfen sehen, seine Geschicklichkeit, seinen Mut und seine Tugend, sie wussten nun, dass ein bitterer Kampf bevorstand. Und so war es auch. Den ganzen Tag wogte wilder Kampf. Das Blut floss in Strömen und zahllose Tapfere verloren ihr Leben. Und wieder waren die Verluste der Feinde größer und Atis Truppen überlegen. Doch ein Sieg konnte nicht errungen werden. Wie lange mochte das so weitergehen?

      Am dritten Tag schließlich stand Ati wieder an der Spitze seiner Leute und rief mit sicherer Stimme zu den Feinden: „Ergebt euch dem Königreich. Unterwerft euch, und ihr werdet Frieden haben, damit nicht noch mehr Blut Strand und Felder tränkt.“

      Da trat ein alter Mann aus der Reihe der Gegner. Er hob die Hände hoch zum Himmel. „Wehe euch“, rief er laut, „wir wollen eurer Königin nicht dienen. Zu lange folgten wir dem Wort fremder Herrschaft. Doch nun ist Hattamananma unser Herr, der uns beschützt und auch in diesem Kampf beistehen wird. Wehe euch, er wird euch alle vernichten!“

      „Ich kenne keinen anderen Herr als Omjeri, die Königin“, rief Ati, „und wer immer kommt und mit uns kämpfen will, dem werden wir uns stellen.“

      Da hob der alte Mann wieder die Hände. „Hattamananma!“ rief er laut. Und all seine Männer und Frauen in Waffen riefen „Hattamananma!“ Wie eine Stimme klang der Ruf. Laut und drohend, dass es Atis Truppen kalt wurde. „Hattamananma!“ scholl es zum dritten Mal. Und da erhob sich von See ein großes Brausen. Das Wasser türmte sich auf und ein riesiger Wal brach an die Oberfläche. Er war weiß und sein Rücken war schrundig. Seine Schwanzflosse war größer als ein Schiff und rauschte durch das Meer mit der Kraft eines Mahlstromes. Sein riesiges Maul starrte vor Zähnen.

      „Hattamananma!“ jubelten da die Leute von Iamalak. „Vernichte unsere Feinde, großer Hattamananma!“

      Da richtete der Wal seine Augen auf Ati und dessen Truppen. Mit einem Brüllen tauchte er wieder unter und auf die königlichen Schiffe zu. Das erste zerbarst unter seinen mächtigen Schwanzhieben, das zweite wurde vom Anker losgerissen und trieb steuerlos davon. Schreiend sprangen die Seeleute über Bord, bemannten hastig die Rettungsboote. Manch Bewaffneter versuchte mit Speer, Schwert oder Bogen dem riesigen Wal stand zu halten, doch dessen urgewaltiger Kraft waren sie nicht gewachsen. Auch die Truppen am Ufer versuchten, den Wal anzugreifen. Auch gegen sie schwamm er an. Auch sie trafen die mächtigen aufgewirbelten Wellen und drohten die Hiebe der Schwanzflosse. Und dann waren da noch die Leute von Iamalak, die die Verwirrung nutzten und zum Angriff übergingen. Von zwei Seiten wurden die königlichen Truppen nun bedrängt und wehrten sich erbittert ihrer Haut. Ati war überall. Er kämpfte in vorderster Front, er eilte zum Strand, um die Boote zu verteidigen. Mancher Speer flog von seiner Hand gegen den Wal. Er griff zu, um Ertrinkende aus dem Wasser zu ziehen, ganz gleich, welcher Truppe sie angehörten. Er sprang seinen Leuten bei, um Lücken der Verteidigung zu schließen. Sein Schwert tanzte wie eine Schlange durch die Gegner und fand zahllose Opfer. Und immer wieder stellte er sich dem Wal, wich Schlägen aus und setzte Schwerthiebe und Speerstöße. Er war durchnässt und zerschlagen – aber er hielt stand. Und mit ihm hielt seine Truppe stand gegen den doppelten Angriff. Am Abend zogen sich die Kämpfer zurück. Es wurde still bis auf das Klagen der Verletzten und das Rauschen des Meeres. Ati sah auf das blutgetränkte Schlachtfeld und seine gelichtete Truppe. Und er sah, was alle dachten: einen weiteren Tag zwischen den Fronten würden sie schwerlich überstehen. Da ging Ati an den Strand, ohne Schwert, ohne Speer, ohne Schild. „Hattamananma“ rief er laut. Und tatsächlich, es rauschte und brauste und der riesige helle Wal näherte sich aus der Dunkelheit. „Lass uns reden“, rief Ati ihm entgegen, „wie ein Feldherr mit dem anderen.“

      Der Wal grollte und brummte, aber es klang belustigt. „Wenn du es wagst“, sagte er schließlich, „dann komm zu mir. Zu dem Felsen hier draußen, da können wir reden.“

      Ati machte sich ohne zu zögern daran, ein Boot ins Wasser zu schieben. Entsetzt versuchten seine Freunde, ihn zurückzuhalten. Er konnte doch nicht zu diesem Ungetüm hinausfahren, ohne Sicherheit, ohne Rückendeckung! Sie schalten ihn wahnsinnig und konnten ihn doch nicht zurückhalten. Ati ruderte furchtlos hinaus, stieg auf den Felsen vor der Küste und machte das Boot fest. Der Wal aber war die ganze Zeit in seiner Nähe gewesen, neben ihm, unter seinem Boot, wie eine drohende, wilde Gefahr. „Du bist mutig, Mensch“, grollte der Wal, als er schließlich vor Ati den mächtigen Kopf aus dem Wasser hob. „Ich habe dich beobachtet, die ganze Zeit. Du bist mutig und ehrenhaft und dennoch werdet ihr den Kampf verlieren.“

      Ati hob achtungsvoll die Hände. „Du bist mächtig und klug, großer Wal“, sprach er, „und es mag sein, dass wir den Kampf verlieren und unser Leben. Aber siehe, wenn wir unterliegen, dann werden andere kommen, mehr und mehr und die Insel mit Feuer und Tod überziehen. Und mehr noch, sie werden die Insel abschließen nach außen. Keiner wird mit Iamalak handeln, keiner wird euch Gastrecht gewähren oder auch nur Kunde von außen. Eure Schiffe werden überall gejagt. Ist es das wert, nur um euren Stolz gegen das Bündnis zu stellen, das all die Jahre bestand und für alle Früchte trug?“

      Wieder brummte der Wal und schlug mit der Flosse, dass die Wellen gegen den Stein klangen. „Du kämpft mit Worten wie mit Waffen, Mensch“, sagte er dann und es klang Achtung aus seiner Rede. „Doch du musst verstehen, dass die Leute dieser Insel sich keinem Herrn unterwerfen, weil sie mich zu ihrem König erkoren haben. Es ist nun meine Insel, es sind meine Gewässer und nicht mehr das Land deiner Königin.“

      Ati neigte das Haupt. „Aber würde das Bündnis nicht auch dir mehr nützen als schaden? Und wenn deine Leute sich so dem Reich nicht unterwerfen können, dann kannst du doch mit der Königin ein Bündnis eingehen? In Freundschaft und Respekt und gegenseitigem Nutzen? Ist das nicht besser als endloses Blutvergießen?“

      Wieder grollte und brummte der Wal, aber er bedachte Atis Worte. Seine Aufrichtigkeit gefiel ihm, so wie zuvor schon seine Tapferkeit. Und auch, dass er sprach wie der Gleiche zum Gleichen, ohne Hochmut und auch ohne kriechende Unterwürfigkeit, wusste Hattamananma zu schätzen. So sprachen sie lange von dem, was für die Insel von Nutzen war, für die Königin und für den Wal. Sie sprachen, wie ein Feldherr zu dem anderen – und schließlich wie ein Freund zum anderen. Als dann der Morgen dämmerte und Atis Freunde längst seinen Tod beweinten, da stieg der wieder in sein Boot und ruderte zurück an Land. An seiner Seite – für Freund und Feind gut zu sehe – schwamm einträchtig und friedlich der riesige Wal. Gemeinsam verkündeten sie den staunenden Truppen, dass nun wieder Frieden herrschen sollte auf Iamalak. Dass die Insel dem Königreich in Freundschaft verbunden sein solle zum Nutzen aller. Groß war da das Erstaunen auf beiden Seiten der Front. Doch da alle der Kämpfe müde waren, Schmerz und Erschöpfung übermächtig, wurde der Entschluss freudig begrüßt. Endlich konnte man ausruhen und die Verletzungen pflegen. Und so geschah es. Aus beiden Kriegslagern wurde eines, die Truppen mischten sich, und gleich welcher Herkunft wurden die Verletzten versorgt. Die Leute von Iamalak brachten Speisen und Getränke und dann wurde ein Fest gefeiert. Zögernd zunächst, doch dann in Gewissheit des Friedens ausgelassener. Hattamananma ließ sich im seichten Wasser vor dem Strand treiben und erfreute sich an dem Fest. Und Ati, der war an seiner Seite, so wie er den Freund auch später auf einer langen Reise begleitete.

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      Mehrere leise murmelnde Gestalten in Schülergewandung huschen im Essenszimmer hin und her, decken den Tisch, schenken Getränke ein, bereiten Speisen und Besteck vor. Es scheint früh am Morgen zu sein, denn sie gähnen hin und wieder und reiben sich die Augen. Ihre Blicke wandern dabei immer wieder zur dritten Adventskalendertür. Sie muss wohl in einige weitere Räume führen, und irgendjemand in diesen Räumen scheint heute morgen auf sich warten zu lassen…



      Ein Tag im Leben von Rudson Divy Punksten,
      3. Winder, Weiser, Zeremonieführer und Lehrmeister des Hauses Ky4.



      Rudson blinzelte. Er hatte keine Lust, jedes Jahr der gleiche Terz. Er konnte ja das ganze Brimborium um den Tag der Schützer verstehen, schließlich war es ja nett, wenn man geschützt wurde und so eine Woche ein wenig Ehrerbietung zeigte, das tat sicherlich auch Not. Auch den einzelnen Feiertagen um die Elemente konnte er etwas abgewinnen, aber der Geburtstag des Ehrwürdigen war in seinen Augen totaler Blödsinn. Der Ehrwürdige war der älteste Bariter unter ihnen. Das Problem war nur, dass der Amtsinhaber ständig wechselte. Es konnte schon mal vorkommen, dass zwanzig Geburtstage in einer Periode gefeiert wurden, Rudson erinnerte sich mit Grauen daran.

      Mühselig, als ob ihn alle Knochen weh tun würden, die natürlich nicht schmerzten, aber er mochte einen theatralischen Abgang aus seinem Bett, um seinen Schülern noch einmal sein Alter zu verdeutlichen, stand er auf. Nur ein Stock würde noch fehlen, aber das war auch zu viel des Guten, befand Rudson. Man sollte es ja nun nicht übertreiben.
      Rudson starrte in den Bottich, das Wasser in ihm glättete sich sofort als er darüber strich. "Du sahst auch schon mal besser aus, Junge." Heute musste Katzenwäsche reichen, er würde sich doch nicht für so ein sinnloses Fest zurechtmachen.
      Schlurfend gesellte er sich zu seinen Schülern in die Küche. Ihm war nicht nach dem Essenszimmer, zu viele Zeromonien. Es war eigentlich auch nicht ungewöhnlich, dass er sich beim Frühstück zu seinen Schülern setzte, wenn er schlechte Laune hatte und das hatte er oft. Es gab dort oft eine Gelegenheit jemanden anzuschnauzen, irgendwer machte doch immer irgendetwas falsch. Es tat so herrlich gut und danach fühlte er sich einfach besser. Zufrieden beobachtete er seine Lehrlinge, die sehr darauf bedacht waren ja kein Fehler zu machen.

      Auf dem Bett lag fein säuberlich ein Umhang, ein Gewand und ein paar Federn. Na, wenigstens hatte die Haushilfe die Kleidung ordentlich glätten können. Ein Klopfen ertönte. "Ist es wichtig?" brüllte Rudson. Einer seiner vermaledeiten Gefährten streckte sein Kopf herein und ehe sich Rudson versah, war auch der Rest drin.
      "Guck mal, Rudson." Er holte einen sehr albernen Hut hervor, der vorne zwei Hände angebracht hatte. Fordry zog ein paar Mal an einer Schnur, woraufhin die Hände klatschten.
      "Ist doch klasse, oder?" Rudson hielt sich den Kopf, als würde er gerade große Schmerzen verspüren, war er nur noch von Idioten umgeben? Kurzerhand riss er den Hut von Fordrys Kopf. "Sei nicht albern, guck dich mal an. Glaubst du, ich lass mich so mit dir sehen? Du bist so alt wie ich!"

      Fordry trug dann keinen Hut und auch die anderen sahen davon ab jegliche Sachen zu tragen, die ihn oder sein Haus in irgendeiner Form entrücken könnten. Cuxan, in Rudsons Augen ein Taugenichts, trotz seines hohen Alters, empfing ihn außen vor seinem Haus und überreichte ihm den Zeremonieablauf. "Die Feier gehört dir."
      Rudson sah aus als ob er gerade zu seinem eigenen Wurf über die Todesklippe schreiten würde.
      Da stand er also, Westor, der Ehrwürdige. Um ihn herum die ganze Meute, und Rudson konnte es kaum glauben, es hatten tatsächlich einige diese albernen Hüte auf. Ehe er es sich versah hatte auch Westor solch einen Hut auf. "Ihr möget verzeihen, Zeremonieführer, aber es war mein Wunsch", lächelte Westor süffisant. Hätte er sich ja denken könnte, je älter desto kauziger.
      Rudson hielt seine Rede, der eigentliche Applaus hörte sich eher lasch an, wobei die Mützenhände frenetisch aufeinander eindroschen. Musik spielte, einige Leute zeigten ein paar Tricks mit dem Wind, eine Art Theaterstück, was Rudson aber schon etliche Male gesehen hatte und ihn nur noch zu einem müden höflichen Lächeln inspirierte. Die Feuerspiele waren da spannender, aber die hatte Rudson ja verboten. Im Allgemeinen war ihm Feuer viel zu gefährlich und suspekt.

      Westor trat am Ende der Feier noch auf ihn zu und überreichte ihm ein silbernes Monokel und eine Flasche gereinigtes Wasser. "Sie müssen wirklich entschuldigen für diese kleine Einlage, aber eine meiner Gefährtinnen bastelt schon seit Ewigkeiten an diesen Hüten und dieser Tag war geradezu prädestiniert für den Einsatz ebendieser. Ich danke Ihnen also hiermit, dass wir sie einsetzen konnten." Eigentlich lag Rudson noch ein lockerer Spruch auf der Zunge, doch das Monokel zog all seine Aufmerksamkeit auf sich und ließ ihn verstummen.

      Vor dem Zu-Bett-gehen stand Rudson wieder vor dem Wasserbottich - mit Monokel - und ein leicht zufriedener Ausdruck spielte sich in seinem Gesicht wieder. Er wirkte nun viel mehr wie ein Weiser und Gelehrter. Hui, was würden seine Schüler Augen machen und ihn noch mehr zu respektieren wissen. Hatte das Amt des Zeromonienmeisters doch etwas Gutes.

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      Das vierte Türchen führt in eine schleimtriefende, aber einladend warme Bruthöhle hinein. An das rötliche Gestein sind seltsam geschwungene Schriftzeichen gemalt, denen eine fließende Eleganz innewohnt. Die gelblich phosphoreszierende Fingerfarbe ist noch nicht ganz trocken. Zu Füßen der Höhlenwand liegt eine einfache Schale, gefertigt aus dem Exoskelett eines Rieseninsekts, die noch Farbreste enthält. Was hier wohl geschrieben steht?



      Sheh-n'-yuuru - Mondnacht


      gulyo-b'fu ge guru-ta.

      yana-a nemlu.
      muyana-u tamu-nei,
      hiiga mu kamu-nye ishu.

      monju-a nemlu.
      muju-u tamu-nei,
      yana mu kamu-nye ishu.

      sh'maeju-a nemlu.
      mujumeh-u tamu-nei,
      monju mu kamu-nye ishu.

      krokumon-a gahku.
      moloh'un-u taru,
      m'da-ju kamu-nye ishu.

      waju-mo gahku.
      amuru-u meshu,
      n'su-a waju-nye ishu.

      gulyo-b'fu ge igu-nda.


      --------

      Die schwarze Kälte ist gekommen.

      Die Pflanzen schlafen.
      Sie schenken keine Frucht,
      kein Licht nährt sie.

      Die Tiere schlafen.
      Sie schenken keinen Nachwuchs,
      keine Pflanze nährt sie.

      Die Schwestern schlafen.
      Sie schenken keine Kinder,
      kein Tier nährt sie.

      Die Bestien erwachen.
      Sie bringen das Verderben,
      die Unachtsamen nähren sie.

      Auch ich erwache.
      Ich schaue auf die blaue Kugel,
      ihre Hoffnung nährt mich.

      Die schwarze Kälte wird gehen.


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      Moose und Flechten behaupten trotzig ihre Stellung auf dem steinernen Bogen des fünften Türchens, welches sich farblich kaum vom verwitterten Fels der Bergflanke abhebt. Von hier oben hat man einen guten Blick auf ein Truppenlager im Tal, das um einige wenige Gebäude herum errichtet wurde. Um von dieser Höhe aus mehr zu erkennen, müsste man aber Augen wie ein Falke haben, doch… was war das für ein Geräusch? Es klang beinahe wie das Rauschen großer Schwingen…



      Der Oberste der Omiik


      Die Atmosphäre war mehr als angespannt. Wäre Arika eine Katze gewesen, hätten sich sicher all ihre Haare gesträubt. Müde rieb sie sich über die Augen. „Und von wo erfolgte der Angriff?“ fragte sie den Ungkitori, der die Meldung gemacht hatte. Er war einer der Befehlshaber vor Ort gewesen und hatte obendrein ihr vollstes Vertrauen. „Sie kamen von oberhalb der Tokarschlucht und durchquerten den Aktifur gegen Mitternacht.“ Der Aktifur war an dieser Stelle nicht sehr tief, da sich das Wasser über eine Breite mehrerer Ahren verteilte. Sicher hatten sie die Gegend zuvor schon erkundet. „Ist jemand der Dorfbewohner zu Schaden gekommen?“ Der Ungkitori schüttelte den Kopf und Arika atmete erleichtert auf.
      „Arika!“ erklang die Stimme ihres Bruders, man hörte ihn noch bevor man ihn sah, wie immer. „Guten Morgen Tzarkur, was gibts?“ gähnte sie ihm entgegen. „Sie haben sich zurückgezogen! Ich komme eben von der westlichen Tokarhöhe.“ Der Ungkitori runzelte die Stirn und machte Tzarkur Platz, als dieser mit schlammbespritzten Stiefeln in den Raum polterte. Ihr Bruder war nicht gerade der Eleganteste und weigerte sich das Tanzen zu lernen. Kramuk, ihr anderer Bruder war da ganz anders, darum war er nun auch nicht hier.

      „Sie haben sich einfach so zurückgezogen?“ hakte sie ungläubig nach. Es sah den Riostern gar nicht ähnlich einfach umzukehren. Besonders nicht, nachdem sie eine ganze Schlucht und die östliche Tokarhöhe erobert hatten. „Konntet ihr keinen Grund dafür erkennen?“ Tzarkur strahlte über beide Ohren und glühte dabei wie ein Kaminofen. „Doch, haben wir.“ Arika zog die Augenbrauen zusammen und er fuhr schnell fort, ehe sie etwas dazu sagen konnte. „Hat der Kjugi denn nichts Ungewöhnliches wahrgenommen? Wenn sich die Geflügelten ins Geschehen einmischen, sollte er das doch sofort merken.“ „Die Omiik haben eingegriffen?“ Tzarkur strahlte weiter und nickte.
      Die Omiik waren die Vogelmenschen aus den westlichen Bergen, welche sich sonst immer aus allen Streitigkeiten der Menschen heraus hielten. Nun hatten sie sich also dazu entschlossen sie zu unterstützen. Arika schüttelte ungläubig den Kopf, was war vorgefallen, dass sie nun für sie Partei ergriffen? Doch Tzarkur war noch immer nicht fertig: „Der oberste Omiik kam zu uns auf die Tokrahöhe. Seine Flügel sind wirklich überwältigend!“ Nun beugte Arika sich über den Tisch und suchte den Blick ihres Bruders. „Er kam zu euch?!“
      Nun war ihr klar, warum Tzarkur so strahlte. Wenn er einen Omiik getroffen hatte, war das eine ganz normale Reaktion. Es kam nur selten vor, dass die Geflügelten sich mit den Menschen abgaben. Das der Oberste selbst von den Bergen herab kam, war beinahe schon ein Wunder. Als Arikas Vater sich vor acht Jahren mit dem obersten Omiik hatte treffen wollten, musste er dafür weit in die Berge hinauf steigen. Und nun, in dieser misslichen Situation kam er einfach herab und sprach mit den Menschen. Sicher hatte Tzarkur mit ihm gesprochen, als ranghöchster vor Ort.
      „Was hat er gesagt?“ Ihr Bruder grinste und setzte sich dann erstmal auf den Stuhl, welcher ihm der Ungkitori geholt hatte. Er nickte dankbar und erzählte dann, wie der Geflügelte gelandet war und erklärt hatte, dass sie es nicht akzeptieren konnten, dass die Rioster in ihre Gebiete vordrangen. Arika hatte zwar nicht gewusst, dass sie die Tokarhöhen zu ihrem Gebiet zählten, aber in diesem Fall war es ihr nur recht. Vielleicht konnte sie dann diese Nacht noch etwas schlafen. Die letzten Nächte hatte sie kaum Ruhe gefunden.
      „Hörst du mit überhaupt zu? Arika!“ Sie zuckte zusammen und rieb sich über die Augen. Was hatte er gesagt? „Er möchte dich sprechen!“ Plötzlich war sie wieder hellwach und sprang auf. „Mich? Er möchte mich sprechen?“ „Aber sicher!“ lachte Tzarkur. „Wer ist denn unsere Königin?“ Natürlich hatte Tzarkur recht.

      Vor lauter Aufregung konnte sie dann doch nicht schlafen. Tzarkur hatte ihr zwar versichert, dass sie noch genügend Zeit hatte, dennoch brach sie noch vor Sonnenaufgang zum Treffpunkt auf. Der Ungkitori begleitete Arika und war ebenfalls auf das Treffen gespannt. Sie überquerten den Aktifur und ritten auf die östliche Tokarhöhe hinauf. Dort wurden sie von einem kräftigen Wind empfangen, der die Kälte des kommenden Winters in sich trug. Scheinbar war Arika nicht die einzige, die dem Treffen entgegen fieberte. Auf dem Felsen, welcher sie „die Klippe“ nannten, stand eine dunkle Gestalt. Der Mond beleuchtete die Szene nur spärlich und dennoch zogen die gewaltigen Schwingen Arikas Blick geradezu magisch an. Auf einmal fühlte sie sich nicht nur aufgeregt, ein Gefühl der Unsicherheit hatte sich hinzu gesellt. Aus der Höhe glitt ein Schatten heran und ein weiterer Omiik landete anmutig auf der „Klippe“. Der Ungkitori kam ihr nach, als sie vom Rücken ihres Reittieres stieg und sich den Geflügelten näherte.
      Sein Gefieder war von einem kräftigen Braun und die Spitzen der Schwingen waren heller gefärbt. Sie konnte nicht sagen, was sie erwartet hatte, doch sah er ansonsten sehr menschlich aus. Auf seinem Kopf lockten sich dunkle Haare, keine Federn. Arika stockte der Atem, als der oberste der Omiik sich ihr zu wandte und sie ansah. „Der Wind sei euch wohl gesonnen“, sprach er mit seltsam klingendem Akzent. „Seid mir gegrüßt Herr der Höhen“, entgegnete Arika respektvoll. Er hatte seine Flügel zusammengefaltet, dennoch streiften ihre Spitzen den Boden. Sicher legten sie die meisten Strecken fliegend zurück. Arikas Blick wanderte zu seinen Füßen und sie stellte fest, dass er keine Schuhe trug. „Mein Name ist Seidheliesfin“, stellte er sich vor und lächelte, als sie voller Verlegenheit schnell wieder auf sah. „Ich heiße Arika. – Es freut mich euch kennen lernen zu dürfen.“ Der zweite Geflügelte trat einen Schritt nach vorn und flüsterte Seidheliesfin etwas in ihrer Sprache zu. Sein Gefieder war grau und an manchen Stellen weiß. Seidheliesfin nickte und der andere erhob sich mit einem Nicken in Arikas Richtung wieder in die Lüfte. „Meine Leute behalten die Umgebung im Blick, damit wir nicht von Riostern überrascht werden.“ Arika nickte verstehend und unterdrückte ein Gähnen. Vielleicht hätte sie zumindest versuchen sollen zu schlafen. Der Wind schien dem Omiik nicht das mindeste auszumachen, sie hingegen war über ihren dicken Mantel froh.

      „Ihr fragt euch sicher, warum wir erst jetzt mit euch in Verbindung treten. Es ist so, dass die Menschen uns oft nicht verstehen, darum halten wir Abstand. Aber wenn die Rioster meinen, sie müssten unsere Gebiete ebenso ausbeuten, wie sie es bei ihren und nun teilweise den euren tun, können wir nicht tatenlos zusehen.“ Das konnte Arika verstehen, die Rioster waren gierig und wollten immer mehr Land und mehr Erträge. Der Ungkitori stand sichernd neben seiner Königin und behielt die Umgebung im Auge. Die Wachen waren zurück geblieben um den Omiik nicht zu verunsichern. Nun meinte Arika, dass es ihn sicher nicht gestört hätte, wären sie ebenfalls näher gekommen. Er schien keine Angst vor den Menschen zu haben, die Menschen vor ihm hingegen schon. Einige waren scheinbar ganz froh einen gewissen Abstand halten zu können. Arika ging es ja kaum anders, etwas sehr fremdartiges ging von Seidheliesfin aus. Sie war sich sicher, es lag nicht nur an den Schwingen und den ungewöhnlichen Kleidern. Seine Ausstrahlung glich jener eines Kjugi, eines Magiebegabten. Arika zitterte ein klein wenig, als der Omiik ein paar Schritte näher kam. „Ich gedenke ab heute gelegentlich Besuche bei den Menschen zu machen. Es wird Zeit, dass wir uns besser kennenlernen.“
      Arika freute sich schon auf weitere Treffen und darauf mehr über die Geflügelten zu erfahren, auch wenn er ihr etwas unheimlich war. Ein Ruf aus den Lüften beendete ihre Unterhaltung frühzeitig und Seidheliesfin musste sich verabschieden um zu sehen, was seine Leute entdeckt hatten. Mit dem Versprechen sie bald wieder aufzusuchen schwang er sich mit rauschendem Flügelschlag in die Höhe. Staunend stand Arika auf der „Klippe“ und sah ihm nach, bis seine Gestalt nicht mehr zu sehen war.

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      Ein alter Mann im roten, mit weißem Pelz besetzten Mantel späht zwischen den tief hängenden schneeschweren Zweigen eines Nadelbaums hindurch auf die zugewehte Zufahrtsstraße, die zu einem kleinen Dörfchen führt.
      Nach einer Weile lächelt er plötzlich. Es ist an der Zeit. Er nimmt einen alten Sack, schnürt ihn kurz auf und späht hinein. Ein paar Laibe Brot liegen darin. Der Mann lächelt, und bindet den Sack so fest, dass er gut sichtbar am stärksten Zweig baumelt. Dann zieht er sich wieder zurück.
      Selbst bei gutem Wetter hätte man von diesem Vorfall im Dorf nichts bemerkt. Doch es schneit, heftig, wie seit Tagen schon. Schwere Schneeflocken wirbeln vom grauen Himmel herab. Vom Wind in Schwärmen um Häuser und Bäume getrieben, legen sie sich wie dichter Flaum auf Köpfe und Schultern der dick gegen die Kälte vermummten Dorfbewohner, die gerade aus einem Gebäude ins Freie treten. Ein Husten ist zu hören, jemand schnieft.
      Eine Hand greift nach der großen Schaufel, die am abblätternden Holzrahmen des sechsten Türchens gelehnt hat. „Los, Leute. Pause vorbei. Es schippt sich nicht von selbst.“ Kurz darauf erfüllt wieder der kratzende Rhythmus von Schaufeln auf gefrorener Erde die Stille.




      Heimkehr


      Die Schneeschipperei war anstrengend. Es schneite so heftig, dass die Arbeit ziemlich zwecklos war. Der Weg, den die Dorfbewohner freigeschaufelt hatten, war schon wieder von einer weißen Schicht bedeckt.
      Rijuna hustete. Ein paar Leute schauten in ihre Richtung, doch dann setzten sie gleich wieder ihre Arbeit fort. Sobald es ging, tat Rijuna es ihnen gleich. Sie lebte und das war alles, was zählte. So viele andere hatte dieser Krieg getötet, sie musste froh sein. Nächstes Frühjahr würden es sechs Jahre sein. Rijunas halbes Leben. Ihren Vater sah sie nur noch an wenigen Tagen im Jahr, nie wusste sie, ob er zurückkommen würde. Doch sie hatte noch Glück, zumindest ihre Mutter war noch da und Rijuna musste nicht einem Heim für die Soldatenkinder aufwachsen.
      Sie musste weiterarbeiten, dann hatte sie wenigstens keine Zeit, sich zu fürchten. Sobald sie aufhörte, ging es an. Ob die Flugzeuge wiederkommen würden? Vielleicht würde dieser Tag ihr letzter sein.
      Seit jener Nacht hatten sie es aufgegeben, sich im Wald zu verstecken, auch dort waren sie nicht sicher. Keiner im Dorf wusste, was da draußen geschah, die Straßen waren zerstört, die Flüsse zugefroren, die Wege versanken im Schnee. Keine Zeitung schaffte es mehr hierher, Strom oder Batterien für die Radios gab es nicht mehr.
      Es schneite immer heftig und der Wind wurde stärker. Die Nacht brach herein.
      „Genug“, erklang schließlich die Stimme der Ortsvorsteherin. „Morgen geht’s weiter.“
      Oder auch nicht. Niemand sagte diesen Satz, doch alle dachten ihn. Rijuna kehrte mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern zum Haus zurück. Wenigstens stand es noch, so viel Glück hatten die meisten Menschen in den Städten nicht gehabt.

      Rijunas Mutter schloss sofort alle Türen und Fensterläden. So wenig Wärme wie möglich sollte nach draußen dringen, denn sie hatten kaum Brennholz. Es war alles vergiftet, genau wie das Essen auf den Feldern. Sie mussten sich mit dem begnügen, was man ihnen aus anderen Teilen des Landes gebracht hatte. Schon lange war keine Lieferung mehr in diese abgelegene Region gekommen. Gas gab es überhaupt nicht mehr, es wurde gar nicht mehr hergestellt. Die Magier hatten wichtigere Aufgaben zu erledigen, sie mussten die Menschen vor den Angreifern aus dem Süden schützen.
      Vor der Kälte mussten sich jeder selber schützen.
      Rijunas Mutter benutze eine alte Zeitung, um dem Herdfeuer auf die Sprünge zu helfen. Rijuna konnte die Schlagzeile vorne drauf noch lesen. „Staatslenker tot, Partei bestimmt Donika Anesèja zur Nachfolgerin.“
      Schon seit über zwei Monaten hatten sie eine neue Staatslenkerin, doch geändert hatte sich nichts. Trotzdem hofften alle, dass sie ihnen endlich den Sieg bringen würde. Es musste doch möglich sein. Sie waren im Recht, die Geister der Wälder standen auf ihrer Seite. Ewig würde sich der frevelnde Feind nicht halten können. So sagte es jedenfalls die Partei in Radio und Zeitung, solange die noch gehört wurden.
      Alle drei Kinder sammelten sich ums Feuer, als es endlich brannte. Sie würden auch alle in diesem Raum schlafen, in den anderen war es viel zu kalt.
      Rijunas Mutter griff in die Kiste mit den Kartoffeln, Rijuna schaute ihr dabei über die Schulter. Sie wurde immer leerer, dabei sparten sie doch schon so. Rijunas Mutter kochte eine Suppe mit viel Wasser und etwas Salz, dazu eine kleine Kartoffel für jeden.
      „Was machen wir, wenn die Kartoffeln alle sind?“, fragte Rijunas Schwester.
      „Es wird wieder jemand kommen und uns neue bringen“, sagte ihre Mutter entschieden. „Es kommt sicher jemand. Die Partei sorgt für uns.“
      Rijuna seufzte tief. Sie war sich nicht sicher, ob ihre Mutter selbst daran glaubte, oder ob sie nur die Kleine trösten wollte. Jedenfalls passte sie extrem auf, dass sie nicht zu viel verbrauchte. Zu essen gab es immer dasselbe. Morgens Haferbrei und sonst Kartoffeln und Rüben. Rijuna konnte sich kaum noch daran erinnern wie richtiges Brot schmeckte, besser sie dachte nicht daran. Sonst wurde sie nur noch hungriger.
      Sie musste schon wieder husten. War das die Grippe oder immer noch die Vergiftung? Sie hatten im Krankenhaus behauptet, dass alles in Ordnung wäre, angeblich hatte die Magie sie geschützt. Rijuna wusste nicht, ob es wirklich stimmte. Hoffentlich würde es nicht schlimmer werden, denn Medikamente hatten sie kaum noch.
      Endlich war die Suppe fertig. Wirklich satt wurde davon niemand, aber sie wärmte doch den Magen und Rijuna fühlte sich etwas besser.
      Draußen vor dem Fenster fiel immer noch der Schnee. Hoffentlich würde er die Feinde vom Angreifen abhalten. In diesem Wetter konnte man kein Flugzeug fliegen, oder?

      „Mama, erzählst du uns eine Geschichte?“, fragte Rijunas Bruder und sie tat es. Alle vier kuschelten sich eng aneinander und hörten sich an, wie die tapfere Atorka damals die dreiköpfige Schlange vom Roten See besiegt hatte. Rijuna mochte diese Geschichte. Diese Atorka hatte es wirklich geschafft etwas zu tun und die Menschen, die am Roten See lebten von dieser Schlange zu befreien. Sie hatte immer ihre Tiere gestohlen und manchmal auch Kinder, die allein unterwegs waren.
      Außerdem ging es in dieser Geschichte nicht darum Menschen zu töten. Das hatte Rijuna in letzter Zeit oft genug gesehen.
      Ihre Schwester war bald eingeschlafen, doch Rijuna hörte gerne zu. Wenn sie doch nur auch so tapfer sein könnte wie Atorka. Doch sie war nicht tapfer. Sie wollte keine Soldatin werden und Feinde töten, Feinde, die auch Menschen waren. Das wusste Rijuna nämlich, sie hatte schon welche von ihnen gesehen.
      Am Ende der Geschichte war die Schlange tot und alle Dorfbewohner feierten ein großes Fest. Normalerweise gehörte zur Geschichte auch noch eine Beschreibung der tollen Gerichte, die zum Fest serviert worden waren, doch diesen Teil ließ Rijunas Mutter weg. Sonst würden nur alle wieder Hunger bekommen.
      Langsam merkte auch Rijuna wie sie immer müder wurde. Die Arbeit im Schnee war doch ziemlich anstrengend gewesen. Als sie jedoch schlief hatte sie einen schrecklichen Traum. Fremde Soldaten drangen in ihre Wohnung an, und wollten ihnen etwas Schreckliches antun. Entsetzt schlug sie die Augen auf. Da klopfte wirklich jemand an der Tür. Rijuna machte sich ganz klein. Kamen sie etwa wirklich? Das durfte nicht sein. Sie mussten sich verstecken.
      Es klopfte wieder.

      „Mama“, sagte Rijuna mit zitternder Stimme. „Mama. Da ist jemand.“ Die Angst kroch durch ihren Körper wie kaltes Wasser. Was würden sie mit ihnen machen?
      Ihre Mutter stand auf und nahm die Waffe in die Hand, die hinter der Türe hing. Rijuna lugte um die Ecke. Sie hatte Angst, aber sie wollte auch wissen, was da geschah, ihrer Mutter notfalls zur Hilfe kommen.
      Sie öffnete die Tür, dort draußen stand wirklich ein Mann in Uniform. Einen kurzen Augenblick lang hielt Rijuna die Luft an, doch dann erkannte sie, wer es war.
      „Papa, du darfst heute heimkommen?“, fragte sie ungläubig. Davon hatte sie gar nichts gewusst.
      Ihre Mutter umarmte ihn. „Derian! Mit dir habe ich ja überhaupt nicht gerechnet.“
      Rijunas Vater umarmte nun auch seine Tochter. „Ja Riju, ich darf heute heimkommen. Und hierbleiben.“
      „Wie kommt das?“, fragte Rijunas Mutter, sie selbst begriff überhaupt nicht, was sie da hörte. „Lasst mich erstmal reinkommen“, sagte Rijunas Vater.
      Während er seinen Mantel aufhängte, sagte er: „Ihr habt ja wirklich ein Mistwetter hier. Die Post wird gar nicht durchgekommen sein, oder?“
      „Nein, wir haben schon seit Tagen nichts mehr gehört“, sagte Rijunas Mutter. „Komm rein ins Warme.“
      Die drei setzten sich neben die Reste des verglühenden Herdfeuers, Rijuna wollte ihre Geschwister wecken, doch ihr Vater winkte ab. „Lass die Kleinen schlafen, wir haben morgen noch genug Zeit.“

      „Ich will die frohe Botschaft gar nicht mehr länger für mich behalten“, sagte Rijunas Vater nun. „Es ist vorbei. Der Krieg ist aus.“ Ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. „Sie haben begriffen, dass sie uns nicht in die Knie zwingen, ganz egal was für Schändlichkeiten sie sich ausdenken.“
      Rijuna hörte seine Worte, doch zuerst hatten sie überhaupt keine Bedeutung für sie. Langsam, ganz langsam begriff sie. „Der Krieg ist vorbei? Wirklich vorbei?“ Seit sie sechs Jahre alt war, war immer Krieg gewesen. Sie konnte sich das kaum vorstellen.
      „Ja, er ist vorbei. Und wir werden frei bleiben. Sie haben ja noch gehofft, dass sie siegen werden, nachdem sie den Staatslenker getötet haben, aber da haben sie sich getäuscht. Unsere neue Staatslenkerin ist ihnen genauso entschlossen entgegengetreten.“
      Rijuna schaute auf die Reste der verbrannten Zeitung.
      Rijunas Mutter umarmte ihren Mann noch einmal. „Ihr habt wirklich unheimlich tapfer gekämpft“, sagte sie mit Tränen in den Augen. „Da hatten selbst die keine Chance.“
      Der Krieg war vorbei. Die Feinde würden nicht in ihr Dorf kommen und sie auch nicht mehr aus der Luft angreifen. Sie hatten begriffen, dass sie Rijunas Volk nicht besiegen konnten.
      „Es lebe Staatslenkerin Anesèja!“, sagte Rijunas Mutter. „Sie wird unser Land in eine glückliche Zukunft führen, ohne noch mehr Krieg.“
      „Das hoffen wir alle. Es wird nicht einfach werden, dafür wurde zu viel zerstört, aber wir können jetzt neu anfangen“, sagte Rijunas Vater.
      „Auch du Rijuna“, er schaute seiner Tochter tief in die Augen. „Ich habe gehört, dass du eine Magierin geworden bist, Rijuna.“
      Rijuna errötete. Sie hatte nur ein einziges Mal in jener Nacht so etwas wie eine Gabe benutzt. Seitdem hatte sie nichts mehr davon gemerkt, während des letzten Kriegsjahres war es nicht sicher gewesen Magier auszubilden, die Feinde hatten die Schulen direkt angegriffen.
      „Du weißt davon?“ fragte sie.
      „Selbstverständlich. Donika Brajana war mit uns im Feld, nachdem sie hier den Opfern des Massakers geholfen hatte“, sagte Rijunas Vater. „Sie hat dich in höchsten Tönen gelobt.“
      Rijuna fasste sich an die Stirn. Sie war ganz heiß, trotz der Kälte im Haus. Sie hätte nie gedacht, dass sich eine so wichtige Frau wie Brajana ihren Namen merkte.
      Der Krieg war vorbei, sie würde nicht getötet werden, sondern konnte endlich lernen, ihre Magie zu benutzen.
      Es war wie ein schöner Traum, Rijuna wartete darauf, dass sie aufwachen würde.

      Doch als sie am nächsten Morgen tatsächlich erwachte, war ihr Vater immer noch da. Der Duft von Brot erfüllte die Stube.
      „Es ist nicht mehr ganz frisch, aber ich wollte es euch trotzdem mitbringen. Ich weiß ja, dass es hier ziemlich knapp aussieht“, sagte er.
      „Danke“, sagte Rijuna und half schnell dabei den Tisch zu decken. „Wir hatten hier schon seit Ewigkeiten gar kein Brot mehr. Da ist es doch egal, wie frisch es ist.“
      Draußen hatte es aufgehört zu schneien und die Sonne schien auf das kalte Land.
      Es war kein Traum.
      Der Krieg war vorbei, sie hatten alle überlebt und für ganz Sarilien stand ein neues Leben bevor.

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      Das siebte Adventstürchen führt auf einen nächtlichen Innenhof hinaus. Eine kapuzenverhüllte Gestalt überquert ihn gemessenen Schrittes, hält aber in der Mitte des Platzes inne und blickt lange in den Himmel. Groß und prächtig strahlt Elloy in ihrem silberblauem Kleid herab und Shomyn erhebt sich gerade über die sanft schimmernden Dachziegel. Schließlich setzt die Gestalt ihren Weg fort. Als sie an einer Fackel vorbeikommt, sieht man, dass sie eine kostbar verzierte Schriftrolle vorsichtig an sich drückt. Was wohl auf diesem alten Pergament geschrieben steht?



      Die Schöpfung


      Zur Blütezeit des Reiches Lakistan begann das Jahr mit dem längsten Tag. Das Neujahrsfest jedoch begann in der Nacht, in der Elloy in voller Größe am Himmel stand. Es dauerte drei Tage und drei Nächte. An jedem der drei Tage trat der Dshazor mit neun Schriften auf eine der drei Brücken Ladikars. Und als Nedjel am höchsten stand, verlas er drei dieser Schriften. So war es Brauch seit 99 Generationen und so also war der Wortlaut der ersten Schrift vom ersten Tage:

      Die Nadere sind. Sie waren und sie werden sein. Der ihren ist die Zeit und Nedjel ist der ihren.

      Nedjel erlaubte einer Welt zu sein. Dies ist Bramosh.
      Und Nedjel teilte Bramosh in Wasser, in Himmel und in Erde. Dies ist Ushelija.
      Und Nedjel erfüllte Ushelija mit Wurzeln, mit Wimmel und mit Wetter. Dies ist das Leben.

      Nedjel umgab Bramosh mit seinem Licht und seiner Wärme und war zufrieden.

      Nedjel erlaubte dem Leben Geburt und Tod. Dies ist die Zeit
      Und Nedjel teilte die Zeit. Er kam am Morgen und ging am Abend. Dies ist Tag und Nacht.
      Und Nedjel erfüllte die Nacht mit einer Gefährtin für Bramosh. Sie trug ein silberblaues Kleid. Dies ist Elloy.

      Nedjel schaute auf Elloy und war zufrieden.

      Nedjel erlaubte Elloy, die Nacht bei Bramosh zu verbringen.
      Und Elloy gebar Ramyn, Shomyn und Moryn, die nachts am Himmel wandeln.
      Und Elloy erhellte drei Mal drei Nächte, bevor sie sich Nedjel zuwandte. Dies ist das Laster.

      Nedjel teilte die Nächte mit Elloy.
      Und Elloy gebar Adin, Elin und Owin, die sich im Dämmerlicht umhertreiben.
      Und Elloy erhellte abermals und abermals drei Mal drei Nächte für Bramosh. Dies ist die Tugend.

      Nedjel erfüllte Elloy ein weiteres Mal.
      Und Elloy gebar die Leshnoy, die vom Himmel kamen und sich mit dem Leben auf Ushelija vereinten.
      Und daraus kamen die Kindeskinder. Dies sind wir.

      Nedjel strahlte über uns und war zufrieden.


      So also war der Wortlaut der ersten Schrift, die am ersten Tag des Neujahrsfestes vom Dshazor verlesen wurde und beschlossen mit den Worten:
      Alles ist von Nedjel. Alles ist dem Nedjel. Wir alle sind Nedjela.

      * ENDE *

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      Manche Höhlen sollte man nur mit einem gebührenden Maß an Vorbereitung betreten, selbst wenn ein Adventskalendertürchen wie das achte direkt hineinführt. Der geneigte Reisende möge sich zuvor des Mensch-Seins entledigen, sowie sich mit den neusten Erkenntnissen über Astronomie und anderen gelehrigen Gesprächsthemen bewaffnen, er möge außerdem ein dickes Zeitpolster und eine Rüstung aus Philosophischen Betrachtungen anlegen, ach ja und, äh… Trollisch sollte er auch können.



      Trolljagd



      Der Polartroll Terechkarpalag Nedorawad, kurz Terech, lag zufrieden in seinem Winterquartier, einer mit Laub und Fell ausgestatteten Erdhöhle. Terech erfreute sich an der Wärme, die er spürte, während draußen Schnee fiel und die Erde versteckte. Er lag auf dem Rücken und zählte einen Reim ab, den ihm einst seine Mutter beigebracht hatte. Damit bestimmte er die Zeit. Er wusste nicht genau, wie das funktionierte, er hatte die Erklärung seiner Mutter nicht ganz verstanden.

      Entgegen der weit verbreiteten Irrmeinung hielten Trolle keinen Winterschlaf. Für Wesen ihrer Größe war das Nahrungsangebot in der Zeit des Schnees lediglich so gering, dass es sich nicht lohnte, danach zu suchen. Trolle, insbesondere die Polartrolle, waren daher zu dem vernunftbasierten Entschluss gekommen, eine Winterdiät zu halten. Um nicht unnötig Energie zu verschwenden, verbrachten sie die Schneezeit daher in bewegungsarmer Weise an einem warmen Ort und widmeten sich dem Denken und Schlafen. Die kleinen Menschlein hatten für solche Überlegungen natürlich kein Verständnis. Immerzu wuselten sie herum, rannten, schrien, fuchtelten mit ihren kurzen Ärmchen und machten einen Lärm wie kleine Kinder.
      Trolle wurden von Menschen natürlich für dumm und behäbig erachtet. Wie denn auch sonst, wenn man ein Wesen von doppelter Menschengröße war und sich so schnell bewegte wie sacht rieselnde Schneeflocken. In ihrer Kurzlebigkeit aber hatten Menschen noch nicht gelernt, dass Schneeflocken, von einem Sturm getrieben, auch schnell und stechend scharf sein konnten. Terech war fasziniert von der Unwissenheit und der Lebensweise der Menschen. Da war es ihm nur recht gewesen, als sein Herr, Trollkönig Sjungrivar, ihn als Freund und Lehrer zu den Waldtrollen im Süden geschickt hatte. Verbindungsmann sollte er sein, ihnen Astronomie näher bringen und mehr von ihnen über Menschen und den Süden erfahren. Anlass war gewesen, dass Sjungrivar bei einer Reise durch sein Reich einem Menschen begegnet war, der ihn angegriffen hatte. Natürlich eine seltene Dummheit, für die sich der Mann sicher in den Allerwertesten gebissen hätte, wenn er ihn - also den Hintern - denn im Magen Sjungrivars noch erreicht hätte.

      Terech kam zum Ende seines Zählreims und zu dem Ergebnis, dass es noch zehn Tage bis zur Sonnenwende waren. Morgen würde er aufbrechen, um nicht zu spät zu kommen.
      Der Weg war nicht sehr weit, nur etwa sieben Tage. Doch falls ein Schneesturm losbrach, war es gut einen Vorsprung zu haben und wenn er zu früh ankam, konnte er sich mit alten Bekannten unterhalten. Allgemein recht behäbig und phlegmatisch, waren Trolle doch recht beachtliche Reisende.
      Niemand konnte so schnell auf zwei Beinen durch den winterlichen Norden stapfen wie ein Polartroll. Und von den Vierbeinern kamen nur Rentiere und Eisbären in Frage. Terech vermutete, dass es daran lag, dass Trolle über das Laufen nicht nachdenken mussten, sonst wären sie so langsam, dass sie im Frühjahr zur nächsten Wintersonnenwende aufbrechen müssten. Die Sonnenwende war eines der wichtigsten astronomischen Ereignisse, derer die Polartrolle gedachten. Es war das Zeichen, dass die Welt sich weiterdrehte und wenn die Tage wieder länger wurden, kam bald das Frühjahr und die Fastenzeit hatte ein Ende. Viele Polartrolle kamen zusammen, Terechs Stamm traf sich an der Südgrenze des Reiches von Sjungrivar. Es wurde dann immer getanzt und gelacht und gesungen, Geschichten erzählt und natürlich der Himmel beobachtet. Vielleicht kamen sogar ein paar Waldtrolle aus dem Süden, er hatte ihnen oft von dem Fest vorgeschwärmt. Vielleicht würde Terech eine schlaue, starke Trollin finden. Schon lange war Terech auf der Suche nach einer Partnerin, mit der er gemeinsam Sterne beobachten, Fische fangen, Höhlen bauen und Bäume schälen konnte. Bisher leider noch ohne Erfolg.

      Insgeheim wusste er, woran das lag. Er lebte zu weit im Süden, bei den Menschlingen, im Gebiet der Waldtrolle. Hier waren die Winter kurz, nicht einmal ein halbes Jahr. Und gefährlich. Menschen, so hieß es in den Geschichten der Waldtrolle, gingen manchmal auf Trolljagd. Sie trieben Trolle im Winter aus ihren Quartieren und töteten und zerstückelten sie und nahmen die Teile mit zu ihren Weibern, um damit anzugeben. Eine barbarische Sitte, doch Terech hatte bisher noch keinen Kontakt zu solchen Menschen gehabt. Über diesen Gedanken schlief Terech ein und träumte von einer Trollfrau, mit der er leben konnte.

      Als er die Augen aufschlug, um die Dunkelheit seiner Höhlendecke anzustarren, konnte er zunächst nicht sagen, wo und wer er war. Dann lauschte er seinem Herzschlag und die Erinnerung kam zurück, dafür blieb jedoch ein seltsames Gefühl. Er konnte es nicht genau benennen, aber es war das, was ihn vermutlich hatte aufwachen lassen. Hatte er verschlafen? Er wollte doch aufbrechen, um zur Sonnenwende zu gehen. Terech begann seinen Zählreim, musste jedoch husten, sodass er aus dem Takt kam. Es war ein dunkler, trockener, staubiger Husten, heiß und qualmig. Terech schnupperte. Ein seltsamer Geruch lag in der Luft und hatte ihn husten lassen. Nach einer Weile kam er zu der Erkenntnis, dass es nach einem Feuerdämon roch. Noch etwas später kam er zu der Entscheidung, dass Rauch der Atemluft zwar ein interessantes Aroma verlieh, aber für das Wohlbefinden eindeutig von Nachteil war. Terech entschloss sich daher kurzerhand und äußerst spontan, seine Höhle zu verlassen, um nach der Quelle des Rauchs zu sehen.
      Als er sich dem Höhleneingang näherte, wurde das Kratzen und Beißen in Nase und Augen richtiggehend unangenehm, ja fast schmerzhaft. Als er schließlich die Öffnung im Hang erreichte und die verschneite Landschaft unscharf durch die Schwaden erahnte, musste Terech feststellen, dass direkt neben seiner Höhle ein großes Feuer loderte.
      Ein Lagerfeuer, das fein gehackte Äste und tote Zweige verzehrte und inmitten eines plattgetrampelten Platzes tanzte. Von dieser Beobachtung zutiefst beunruhigt kroch Terech auf allen vieren aus seinem Quartier und richtete sich zu seiner vollen Größe auf. Im selben Moment kam er zu dem Schluss, dass das Feuer von irgendjemandem entfacht worden sein musste.
      Er sah sich um. Niemand. Nur viele Fußabdrücke, die Menschen gehören mussten. Was hatte das zu bedeuten? Ein Lager aufzuschlagen und dann zu verschwinden, entsprach nicht der Vorstellung von Logik, die die Trolle hatten, und soweit Terech wusste, auch nicht der von Menschen. Über dieses Rätsel grübelnd stapfte Terech zu dem Feuer, sammelte zwei Arme voll Schnee und wollte damit das Feuer löschen. Lager hin oder her, aber doch nicht direkt vor seiner Höhle.
      Einen kurzen Moment überlegte er, einen Ast aus dem Feuer zu nehmen und es erst dann zu löschen. Er würde dann auf die Menschen warten und ihnen den Ast geben und sie bitten, das Feuer auf der windabgewandten Seite seines Quartiers aufzuschlagen.
      Wie gesagt, Terech überlegte das nur für einen Moment. Nämlich genau so lange, wie es dauert, einen Arm voll Schnee fallen zu lassen, sich nach einem brennenden Ast zu bücken und einen schweren Stein an den Kopf geschleudert zu bekommen. Dann nahm Terech schlagartig Abstand von seiner Idee, richtete sich wieder auf und sah etwa ein Dutzend Feuerteufel auf die Lichtung stürmen, großes Geschrei erhebend und mit den Krallen klirrend.
      Es sind Menschen, kroch ein Gedanke in seinen Kopf, der sich langsam von dem Steinschlag erholte. Kleine, rot angemalte Menschen mit Waffen, die mich angreifen.
      Diese Erkenntnis versetzte Terech in einen kurzen Moment der Panik. Sie griffen ihn an! Wieso? Wer war das? Was sollte er tun? Konnte er verhandeln? Sollte er weglaufen? Sein Quartier aufgeben?
      Nein, er würde kämpfen müssen, sie einschüchtern, vielleicht konnte er danach einen Frieden aushandeln, wenn sie erst einmal Respekt vor ihm hatten. Obwohl Terech nur sehr, wirklich sehr kurz in Panik geriet und in geistiger Höchstform zu seiner Entscheidung fand, reichte dieser winzige Augenblick den Menschlingen aus, durch den kniehohen Schnee auf ihn zuzustapfen, die dreißig Trollschritte von ihren Verstecken bis zu Terech, und ihn umgehend und ohne formale Kriegserklärung anzugreifen. Die Geschichten der Waldtrolle über die Schnelligkeit von Menschen stimmten also. Kaum sah man einen Moment nicht hin, schon wurde man umzingelt.

      Etwas spitzes traf Terech in den Bauch, ein Pfeil, wie er schnell herausfand. Er zog ihn heraus, er war zum Glück in der untersten Hautschicht hängen geblieben. Er blutete nicht einmal.
      Plötzlich stand ein wilder Mann vor ihm, die Lanze zum Stoß erhoben. Sie zielte auf Terechs Hüfte, also auf Brusthöhe des Mannes.
      Mit einem Mal floss die Zeit, sonst so klar wie Eisquellwasser, zäh dahin wie winterkalter Honig. Terechs Körper war, ohne dass er davon wusste, in den stürmischen Zustand übergegangen. Wie die alten Trolle, die schon gekämpft hatten, zu berichten wussten, geschah dies, sobald ein Troll ernsthaft in Gefahr geriet und womöglich bereits verwundet worden war. Dann fiel sämtliche Lethargie, Gelassenheit und behäbige Wohlbedacht von ihnen ab und die ältesten, animalischen Instinkte erwachten aus ihrem Tiefschlaf, wie eine trudelnde Schneeflocke, die in stürmische Winde geriet, daher auch der Begriff Sturmzustand.
      Von dem Angriff in diesen Zustand versetzt, fand Terech plötzlich, dass sich der Mann vor ihm mit einer unglaublich albernen Langsamkeit bewegte. Fast hätte er gelacht, doch das schien die Anstrengungen des Mannes dann doch zu sehr zu schmälern. Es war ein leichtes für den Troll, einen Arm auszustrecken und den Mann mit einem sanften, bestimmten Streich zur Seite zu schieben, der ihn gemächlich durch die Luft schweben und zehn Schritte entfernt sacht zu Boden gehen ließ, sodass er regungslos liegenblieb. Vielleicht gönnte er sich ein Nickerchen von dieser anstrengenden Langsamkeit, mit der er seine Lanze geschwungen hatte.
      Wie auch immer, Terech fand keine Zeit darüber zu sinnieren, denn soeben schob sich ein zweiter Mann in sein Blickfeld, von rechts hereinschwebend, eine große Axt zum Schlag erhoben.
      Terech nahm die Gelegenheit für eine gründlichere Studie seiner Kontrahenten wahr und musterte den Mann eindringlich, bevor er ihn mit einem leichten Stupser in die Schneewehe zu befördern dachte.
      Der Mensch war für seine Art recht groß, ging Terech bis zum Bauchnabel, war in Leder, Fell und Nieten gekleidet und hübsch aufgemacht. Sein langes, rot gefärbtes Haar war zu vielen kleinen Zöpfen geflochten, die ihm wild um den Kopf wehten. In den Spitzen der Zöpfe waren kleine Gold- und Bronzeplättchen eingearbeitet, die den Eindruck, sein Kopf stünde in Flammen, noch verstärkten. Sein Gesicht war in Schwarz und Rot bemalt. Die Stirn, die Wangen, die Nase, die Mundpartie in Rot, die Augenhöhlen in Schwarz.
      Sein langer, geschwärzter Kinnbart war zu drei Zöpfen geflochten, die ebenfalls durch diese schicken Metallplatten verziert wurden. Sein Schnurrbart, ebenfalls schwarz, umrahmte seinen zu einem Schrei aufgerissenen Mund.
      Nach einem kleinen Augenblick der Langeweile kam der Krieger endlich vor Terech zum Stehen, sodass dieser ihn geduldig in den Schneehaufen schubsen konnte, der hinter dem Mensch lag.
      Während der Mann, mit plötzlich etwas blässlich rotem Gesichtsausdruck in besagte Anhäufung kristallinen Wassers stürzte, drehte sich Terech nach links. Einen aberwitzigen Kerl, der mit einer Stachelkeule auf ihn eingeprügelt hatte, hob er hoch um ihn auf einem tief hängenden Ast abzusetzen. Von dieser Tätigkeit ein wenig angeödet, überlegte er, ob er etwas über Menschen wusste, die sich feurige Köpfe aufmalten. Terech hatte schon den ein oder anderen Mensch aus der Ferne gesehen und sich auch einmal mit einem kleinen Mädchen unterhalten, das Feuerholz gesammelt hatte. Nachdem sie endlich mit Kreischen aufgehört hatte, war sie sogar recht gesprächig gewesen. Aber bewaffnete Männer hatte er noch nicht getroffen.
      Als ein zweiter Stein den Weg zu seinem Kopf fand, frontal an seiner Stirn anklopfte, über seinen Schädel hinwegschrapnellte und einen unförmigen Abdruck hinterließ, fiel es Terech wieder ein.
      In den Geschichten der Waldtrolle hatte er von diesen Menschen gehört. Es waren Kherolim, genauer gesagt, die kämpfenden Männchen dieses Volkes.
      In den Erzählungen des alten Waldtrolls Kurlugchar, mit dem sich Terech oft unterhalten hatte, klangen die Kämpfe gegen die sogenannten Feuermänner allerdings deutlich bedrohlicher und gefährlicher, ja geradezu existenzbedrohend. Aber das mochte dem Imponiergehabe eines alten Trolles entspringen und der Tatsache geschuldet sein, dass Waldtrolle zwei Köpfe kleiner und ein Drittel leichter waren als Polartrolle wie Terech. Für so kleine Trolle waren diese Krieger, zumindest in großer Zahl, vermutlich recht ernstzunehmende Gegner.
      Für Terech, der gerade den Feuermann mit der Steinschleuder gefunden hatte, waren sie jedoch eher lästige kleine Frettchen, die in Zeitlupe einen Kriegstanz aufführten.
      Solange es niemandem gelang, seine Lanze durch Terechs zähe Haut und dicke Fettschicht zu bohren, bestand kein Grund zu der Annahme, er könne ernsthaft zu Schaden kommen.

      So machte sich der Polartroll schließlich auch einen Spaß daraus, die Männer nicht zu zermalmen, sondern einfach umzuschubsen, wegzuschieben, auf Bäume zu setzen oder anzubrüllen, bis niemand mehr auf seinen Füßen stand. Die Friedensverhandlungen fielen recht kurz und einseitig, aber zugunsten von Terech aus.
      Terech blickte sich um. Der Schnee der Lichtung war nun zu einem matschigen Etwas verunstaltet worden. Das Feuer flackerte immer noch. Ach ja, deswegen war er ja auch eigentlich aufgestanden.
      Er stapfte zu dem kleinen Feuerdämon und ertränkte ihn in Schnee. Während er das tat, nahm die Zeit ihre altbekannte Fließgeschwindigkeit an und plätscherte durch das Realitätsgefüge wie ein Bach voll Schmelzwasser im Frühjahr. Einer der Feuermänner fiel vom Baum und landete mit einem erstickten Quieken im tiefen Matsch.
      Nachdem das Feuer gelöscht war, setzte sich Terech und begann erneut seinen Zählreim, diesmal in Abstimmung mit der Beobachtung des Sonnenstandes. Es war der achte Tag vor der Sonnenwende. Er sollte aufbrechen, doch irgendwie war er unglaublich müde und kraftlos. Er beschloss, ein kleines Nickerchen zu machen und am siebten Tag vor der Wende aufzubrechen.
      Terech würde dann so spät eintreffen, dass er keine Zeit mehr hätte, von seinem Kampf allzu vielen Trollfrauen zu erzählen. Vielleicht bot sich aber danach die Gelegenheit?
      Die anderen Mitglieder seines Stammes lebten ja alle oben im Land von Trollkönig Sjung und hatten höchstens alle Hundert Jahre einmal Kontakt zu Menschen. Mit der Geschichte würde er sich Anerkennung verdienen. In dieser Hoffnung legte sich Terech schlafen. Schade, dachte er noch, dass er keinem den Kopf abgemacht hatte, um einen Beweis dabei zu haben. Trollfrauen fuhren total auf Schädelbecher ab.
      Aber damit war Terech auch schon ins Reich der Träume entglitten.

      Die vierzehn Feuermänner, die Terech so sanftmütig zurückgewiesen hatte, schleppten sich mit diversen Quetschungen, Blutergüssen und Knochenbrüchen und einem stark angeschlagenen Stolz zurück in ihre Heimatsiedlung. Dort erzählten sie von dem großen Kampf, wie sie gegen drei riesige Waldtrolle gekämpft und zwei davon erschlagen hätten. Doch dann seien ihre Wunden so zahlreich gewesen, dass sie dem verbliebenen Troll zugestanden hätten, von dannen zu ziehen. Nicht, dass noch ein Krieger unnötig zu Tode kam. Leider habe der Troll in der anschließenden Pause des Ausruhens heimlich seine toten Kameraden fortgeschleift, sodass man keine Trophäen vorzuweisen vermochte. Der Ehrenkodex verbot natürlich, dem Troll nachzustellen, nachdem man ihm erst freien Abzug zugestanden hatte.

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      Dunkelheit hält das Land umfangen. Eisenratten und Rostlinge huschen durch die Ruinen der Stadt. Eine von ihnen beschnüffelt das neunte Türchen, beschließt jedoch, ihr Glück beim Aufspüren alter Batterien woanders zu versuchen. Sonst regt sich nichts. Zu Hören ist nur das leise Heulen des Windes, der zwischen den verrosteten Streben eines eingebrochenen Hochhauses hindurchstreicht. Doch… bewegt sich da vorne nicht etwas?
      Organisch, lebendig, wie ein Fremdkörper in dieser toten Welt, nähert sich eine Gestalt im Schutzanzug…




      Leben


      Dolgoon stand auf einem Felsvorsprung des Tarkon und sah hinab auf die Stadt. Seine Kiemen juckten heute wieder fürchterlich. Das Wasser im Anzug war schon einige Wochen alt, aber wenn hier irgendwo Wasser zu finden war, so war es verseucht. Zwanzig Jahre wanderte er schon als Verbannter durch die Oberwelt. Das machte sich bemerkbar. Früher war er gesund und stark gewesen, war der Schnellste beim Wettschwimmen und hatte die Länder mit seinen Kumpanen erkundet. Heute fühlte er sich wie die Ruinen unter ihm: verbraucht und müde. Sein Rücken schmerzte, seine Augen trübten sich und seine Haut war verschrumpelt und voller Knoten. Er wusste, dass die Knoten ihn irgendwann töten würden, aber hier oben gab es keine Ärzte. Hier oben gab es niemanden. Wer wollte auch schon in einer Gegend leben, die nur den Tod zu bieten hatte? Dolgoon betrachtete das Detrimeter in seiner Hand. Die Werte waren sogar für die Kuppelvölker viel zu hoch. Sein Anzug war für eine so starke Verseuchung nicht ausgelegt. Er würde sich beeilen müssen, wenn er wieder lebend aus dem Tal heraus kommen wollte. Aber wollte er das überhaupt? Was trieb ihn noch an, weiter zu machen? Das Gerät wieder an den Gürtel hängend, machte er sich an den Abstieg. Nur nicht darüber nachdenken. So hatte er es immer getan. Seit zwanzig Jahren.
      Sicher kletterte er die Felsen hinunter und kam schließlich unten an. Von hier aus hüllten sich die Skelette der Geisterstadt in einen grauen Schleier und eine gespenstische Stille umgab den Ort. Nach einem Moment der Ruhe, machte sich Dolgoon auf den Weg in die Stadt. Alte Ruinenstädte wie diese boten oft viel Material, das sich in den Schmugglerstädten an der Grenze zur Oberwelt gut verkaufen ließ.
      Er betrat das erste Haus, das er sah. Das Dach musste sich schon vor langer Zeit verabschiedet haben und von der zweiten Etage ragten nur noch einige Bruchstücke der Außenwände empor. Die Zwischendecke war herabgestürzt und bedeckte den Boden. Einen Keller schien das Haus nicht gehabt zu haben. Das war gut, da dann keine Absturzgefahr bestand. Keller neigten dazu, sich in heimtückische Fallen zu verwandeln, wenn man darüber her schritt.
      Plötzlich überfielen ihn stechende Kopfschmerzen und auf dem Boden bildete sich eine Wasserlache. Aus einem Riss an seinem Bein verflüchtigte sich seine Atmosphäre. Panik überfiel Dolgoon. Ersticken war wohl kaum eine angenehme Art zu sterben. Hastig sah er sich um. Was konnte er tun? Er musste schnell handeln, bevor es zu spät war. Da. Ein Stück grauer Stoff, eingeklemmt zwischen zwei großen Steinbrocken. Er riss mit aller Kraft daran. Es tat sich nichts. Dolgoon versuchte, noch stärker zu ziehen.
      Dann, mit einem Ruck, löste sich der Stoff und er fiel auf den Rücken. Für einen Augenblick bekam er kein Wasser mehr und ihm wurde schwindelig. Aber Dolgoon war zäh und erholte sich schnell wieder. Er band sich seine Errungenschaft, das Stück Stoff, um sein Bein, damit das Wasser nicht mehr auslaufen konnte. Er musste schnell sauberes Wasser besorgen, sobald er hier fertig war.
      Leider bot das Haus nicht mehr als wertlose Trümmer und er musste es verlassen, ohne ein Sammlerstück oder wertvolles Metall gefunden zu haben.
      Im nächsten Gebäude, es musste sehr groß gewesen sein, fand er einen alten Stahlschrank. Viel zu groß, um ihn mitzunehmen, aber wenn sich die Türen herauslösen ließen, könnte er davon einen ganzen Zyklus leben. Mit einem kleinen Lichtschneider, den er am Gürtel trug, machte er sich an die Arbeit. Nachdem er ein Stück herausgelöst hatte, fiel sein Blick auf sein Messgerät. Er stutzte. Die Werte waren stark abgesunken und hatten nun ein Niveau erreicht, das deutlich unter den Grenzwerten lag. War sein Detrimeter nun auch beschädigt? Es war unmöglich, dass sich die Seuche an dieser Stelle einfach aufgelöst haben könnte. Die Seuche konnte nicht einfach verschwinden. Aber er wollte auch nicht glauben, dass sein Detrimeter defekt war. Das durfte nicht sein. Das Instrument war zu wichtig, es sicherte sein Überleben. Dolgoon schnitt die Tür endgültig ab und legte sie beiseite. Zwischen bröseligem, schwärzlich verfärbtem Papier lag ein kleiner, blauer Kristall. Zumindest sah er aus, wie ein Kristall. Auf den zweiten Blick aber sah Dolgoon, dass es ein Tier war. Es bewegte sich ganz langsam, ohne dass man Gliedmaßen erkennen konnte. Je näher er mit seinem Gerät an das Wesen heran kam, desto tiefer sanken die Werte. Ein Tier, das die Seuche neutralisierte? Von so etwas hatte er noch nie gehört. Die Seuche ließ sich nicht einfach entfernen. So hatte er es gelernt und so lehrten es ihn seine Erfahrung und seine Instinkte. Aber hier hatte Dolgoon den Gegenbeweis.
      Übelkeit unterbrach seine Gedanken. Die Seuche lief bereits durch sein Blut und wenn er nicht schnell von hier fort kam und neues Wasser fand, würde er daran sterben. Er band sich die Stahltür auf den Rücken. Ohne die Tür wieder zu gehen, hätte bedeutet, sinnlos sein Leben in Gefahr zu bringen und noch einmal hierher zurückkehren, das wusste er, konnte er nicht mehr, dafür war er bereits zu ausgelaugt. Doch als er sich mit der Stahltür auf den Weg machte, blickte er noch einmal auf das kleine blaue Tier. Und in ihm keimte Hoffnung auf, dass alles gut werden würde.

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      Steinerne Blöcke formen sich zum hohen Mauerbogen des zehnten Türchens, und geben den Blick auf eine nahe Burg frei. Wachposten stehen links und rechts Spalier und heben grüßend die Speere, als ein gutes Dutzend Berittener an ihnen vorübertrabt. Diese jedoch bemerken es kaum, mit leuchtenden Augen blicken sie der Burg entgegen. Fanfaren ertönen von ferne, und einer der Reiter, ein junger Ritter, schnalzt vor Ungeduld mit der Zunge und gibt seinem Pferd die Sporen.



      Das Glasvögelchen


      Es war einmal ein König, der hatte zwar nur ein kleines Reich und eine kleine Burg, aber von überall kamen Ritter und Sänger, Händler und Reisende, um ihre Aufwartung zu machen. Der König hatte nämlich eine Tochter, die war so schön und lieblich, wie sich selbst am Hofe von Timarra keine zweite finden ließ. Prinzessin Illenira war schlank und rank wie eine junge Birke und doch fraulich in aller Holdseligkeit. Ihre Haut war rein und weiß, ihr Haar lockig und golden, und ihre Lippen rot und zart wie eine Mohnblüte. Sie liebte die Feste und die Turniere, und sie genoss, dass all die Menschen nur kamen, um sie zu sehen. Die Ritter fochten Kämpfe für einen einzigen Blick von ihr. All die Recken wetteiferten darum, ihr Geschenke zu machen und ihre Schönheit zu preisen. Doch hinter dem lieblichen Gesicht war die Prinzessin kaltherzig und eitel und liebte nur sich selbst.

      Der König hatte nun auch noch eine zweite Tochter. Prinzessin Hrandis war längst nicht so schön wie ihre Schwester. Ihr Haar war braun wie das einer Stubenmaus, Sommersprossen zierten ihr Gesicht und ihre Gestalt war die eines Bauernmädchens. Aber Prinzessin Hrandis hatte ein mitfühlendes Herz und einen heiteren Sinn. Es kümmerte sie nicht, dass all die Ritter und Reisenden nur ihrer Schwester huldigten und für sie selbst kaum Höflichkeit aufbringen mochten. Sie dachte vielmehr mitleidig, dass all die tapferen Helden nur der Eitelkeit von Illenira dienten. So manchem Ritter, der an die Gunst der schönen Prinzessin glaubte, hatte das schon das Herz gebrochen. So mancher war ausgezogen, um der Angebeteten einen Beweis seiner Liebe zu bringen. Sie alle wurden abgewiesen. Hrandis hätte vielen eine Warnung zurufen mögen, doch sie wusste, Liebe macht taub.

      Bald wurde ein weiteres Turnier ausgerufen, Illenira zu Ehren und zur Unterhaltung der vielen Gäste. Ritter aus nah und fern kamen, um sich im Kampfe zu messen. Sie fochten zu Pferd mit der Lanze, zu Fuß mit dem Schwert – und ein jeder hoffte, der schönen Prinzessin zu gefallen. Ein jeder wartete auf einen Blick von ihr, ein Zeichen, einen kleinen Wink. Illenira aber lächelte für alle und meinte doch keinen.

      Rüstungen glänzten und Fahnen wehten. Schwerter klirrten und Schilde krachten. Pferde preschten durch die Bahn, wo Lanzen splitterten. In unzähligen Zweikämpfen trafen die Ritter aufeinander, um den besten zum Sieger zu küren. Es war schließlich ein junger Ritter aus dem Norden, der die Kämpfe gewann. Tassir war sein Name und er war erst seit kurzem auf der Burg zu Gast. Auch er war bezaubert von der Schönheit Prinzessin Illeniras und beseelt von dem Wunsch, bei ihr zu sein. Als er nun den Preis aus ihren schlanken Händen empfing, glaubte er sich dem Himmel nah.

      „Oh, holde Prinzessin“, sprach er vor ihr und allen Leuten, „ich will Euch mein Herz zu Füßen legen. Gewährt mir Eure Gunst, ich will alles dafür tun.“

      Illenira lachte, und nur Hrandis erkannte den Spott hinter dem lieblichen Ton. „Edler Ritter, ich will Euch gern einen Auftrag erteilen, mit dem Ihr Euch beweisen könnt. Bringt mir das Glasvögelchen, von dem die Barden singen, und mein Dank wird Euch gewiss sein.“

      Ein Raunen erhob sich unter den Zuhörern. Niemand wusste, wo das Glasvögelchen zu finden war. Es sollte in einem fernen Garten leben und wunderbare Lieder singen. Und dabei war es doch aus zartem durchsichtigem Glas, das bei der kleinsten Berührung zerbrach. Vielleicht war es auch nur eine Legende, gesponnen aus dem Märchengarn der Barden.

      Ritter Tassir aber zögerte nicht. Die schönste aller Frauen hatte ihm ihren Wunsch genannt und er sah in ihren blauen Augen das Versprechen glücklicher Liebe. Bis ans Ende der Welt würde er gehen, um ihren Wunsch zu erfüllen. Nicht Sturm und Kampf noch Drachenfeuer würden ihn hindern können. Er würde ihr das Glasvögelchen bringen und dann würde sie seine Liebe erwidern. Noch in der selben Stunde packte er seine Sachen und ritt los. Illenira lachte und freute sich auf die Heldentaten, die er in ihrem Namen vollbringen würde. Sie lachte und feierte das nächste Fest. Hrandis aber sah dem Ritter bekümmert nach. Wieder einer, der auszog, der Kampf, Not oder gar den Tod fand. Wieder einer, den am Ende nicht der erhoffte Dank erwartete.



      Tassir, der junge Ritter, zog erst nach Süden zur Küste. Vielleicht, so glaubte er, fand sich dort an den freundlichen Gestanden ein Garten, der süß und herrlich genug war für einen solchen Zaubervogel. Er reiste viele Tage lang, doch jeder, den er fragte, schüttelte den Kopf. Wohl gab es Gärten voller Früchte, Farne und Vögel, aber ein Vogel aus Glas, nein, davon hatte hier noch keiner gehört. Tassir sah seine Vorräte zur Neige gehen, er schnallte seinen Gürtel enger und zog weiter. Diesmal lenkte er sein treues Ross in die weiten Wälder des Grenzlandes. Vielleicht gab es dort zwischen den alten moosbärtigen Bäumen einen verwunschenen Garten. Ritter Tassir reiste viele Wochen durch das weite Waldland. Er kämpfte gegen Wölfe und Bären dabei. Er half Holzfällern und Köhlern bei ihrer Arbeit. Er zerbrach die letzten Pfeile bei der Jagd und musste hungern. Aber wohin er auch zog und wen er auch fragte, nirgends gab es eine Spur von dem sagenhaften Geschöpf. Schließlich wandte er sein Pferd in Richtung Gebirge. Vielleicht gab es zwischen den schroffen Gipfeln und finsteren Tälern einen versteckten Platz voller Licht und Vogelsang. Tagelang, wochenlang irrte der Ritter nun durch die Berge. Ein Steinschlag tötete sein Pferd. Eisiger Wind und grimmiger Frost zwangen ihn in die Knie, aber er wollte nicht aufgeben. Konnte nicht aufgeben. Er hatte es Illenira versprochen, und der Gedanke an ihr holdes Antlitz gab ihm den Mut, weiterzugehen. So erreichte Tassir ein weiteres Tal, schmaler und finsterer als alle, die er zuvor durchschritten hatte. Der Wind heulte zwischen den Steinen wie ein hungriger Wolf. Der Weg aber, der steinige, schmale, kaum zu erkennende Weg, dem Tassir gefolgt war, der endete an einer unüberwindlichen Felswand. Der junge Ritter zog seine Decke um sich und machte Rast. Hier kam er nicht weiter – und zurück kam er heute auch nicht mehr. Er schlief ein. Zwischen Kälte und Windgeheul war es wie Funkeln und Klingen in seinem Traum. Wie warmes grünes Gras und plätscherndes Wasser. Tassir schlug die Augen auf und glaubte immer noch zu träumen. Die kalte Felswand war verschwunden und an ihre Stelle breitete sich ein sonniger Garten aus. Obstbäume trugen schwere Früchte, Gräser und Blumen wiegten sich in sanftem Sommerwind, Bächlein sprangen in glitzernden Kaskaden über Steine. Und über allem lag ein so zauberhaft süßer Gesang, dass es ihn schier zu Tränen rührte. Es waren Vögel, die so zauberhaft sangen. Wunderbunte Singvögel, wie er sie noch nie gesehen hatte. Staunend stand er vor dem Durchgang, wagte nicht, sich zu rühren oder gar den Garten zu betreten. Bis ihn schließlich eine schrille Stimme aus seiner Erstarrung riss: „Was stehst du hier herum?“

      Tassir fuhr zusammen und bemerkte erst jetzt vor sich eine seltsame Gestalt. Eine alte, hutzelige Frau, klein wie eine Zwergin. Sie trug einen grasgrünen Umhang, der mit vielen bunten Federn verziert war. Unter der Kapuze quoll struppiges graues Haar hervor, das kaum die spitze Nase und die kleinen schwarzen Äuglein freiließ. Sie stützte sich auf einen langen Stock und schien nicht im Mindesten verwundert, einen Fremden hier zu sehen. „Komm in den Garten oder kehre um“, verlangte sie, „aber steh nicht so dumm im Eingang herum!“

      Tassir murmelte eine hastige Entschuldigung. Er betrat das Gras, immer noch staunend, dass es nicht bei der Berührung in Traumfetzen zerfloss. Aber er fasste sich schnell. „Ich danke dir, Mütterchen, für die Einladung.“ Er verbeugte sich höflich vor der seltsamen Alten. „Ich bin auf der Suche nach dem Glasvögelchen. Weißt du, wo ich es finde?“

      Die Alte starrte ihn durchdringend an. „Ich weiß wohl, was du suchst.“

      „Kannst du mir helfen?“

      „Ich könnte wohl. Das Vögelchen, das du suchst, lebt in meinem Garten.“

      Tassir atmete auf. Endlich war er am Ziel. „Würdest du es mir überlassen? Ich bin einen weiten Weg gekommen durch viele Abenteuer.“

      Immer noch starrte die Alte. „Das weiß ich wohl. Und wofür? Für den Dank einer Prinzessin.“

      „Für die Liebe einer Prinzessin“, gab Tassir zurück.

      „Schnickschnack, Papperlapapp“, fuhr ihn die Alte an, „was weiß eine Prinzessin von Liebe?“

      „Sie ist die schönste Frau der Welt“, erklärte Tassir weiter, „Ich liebe sie und wenn ich ihr das Glasvögelchen bringe, dann wird auch sie mir ihre Liebe schenken.“

      Die Alte schnaubte empört. „Was wissen Ritter schon von Liebe?!“

      Darauf wusste Tassir nichts zu sagen. Er war seinem Herzen gefolgt, er war einen langen Weg gegangen, hatte viele Opfer gebracht, gefroren und gehungert – und jetzt, so kurz vor dem Ziel fehlten ihm die richtigen Worte. „Ich liebe sie“, sagte er schließlich, „ich würde alles für sie tun. Und für das Glasvögelchen. Ich bitte dich, hilf mir.“

      Die Alte schaute wieder lange auf den jungen Ritter. Dann seufzte sie und winkte ihm, ihr weiter in den Garten zu folgen. Sie schritt an den Obstbäumen vorbei, folgte dem Bächlein bis zu einem kleinen Wasserbecken, das mit einem goldenen Geländer umkränzt war. Hier winkte sie mit einer Hand und stieß einen seltsam trillernden Pfiff aus. Die Vogelstimmen ringsum antworteten ihr – und dann löste sich ein glitzernder Schatten aus dem Vogelschwarm und landete auf dem goldenen Geländer. Ein Vogel, ein kleiner, zierlicher Vogel, ganz aus Glas. Er war so durchsichtig wie feinstes Kristall und lebte doch, bewegte sich und schlug mit den Flügeln. Und sein Gesang – das war der schönste von allen. Nur die Glocken des Himmels mochten lieblicher klingen.

      Die Alte nahm den Vogel auf die Hand, er war so winzig, dass er gerade ihre kleine Handfläche füllte. Sie hauchte den Vogel an – und wie durch einen Zauber erstarrte das Tier, wurde reglos und kalt, wie wirkliches Glas.

      Tassir beobachtete das staunend.

      Die Alte hob den gläsernen Vogel ein Stück. „Weil du sie so sehr liebst und so sehr an sie glaubst, will ich dir den Vogel geben. Aber höre mit welcher Bedingung: Nur die wahre Liebe kann den Vogel wieder zum Leben erwecken. Bring ihn zu deiner Prinzessin. Ich gebe dir drei Tage Zeit, dass der Vogel wieder erwacht. Singt er, dann werdet glücklich. Wenn das aber nicht geschieht – wenn sie dich nicht liebt – dann bringe den Vogel zu mir zurück. Und dann wirst du mir dienen, drei Jahre lang, als Preis, dass ich dir vergeblich geholfen habe.“

      Tassir nickte. So stark war seine Liebe und so sicher war er, die Liebe Prinzessin Illeniras zu gewinnen, wenn er ihr nur das Glasvögelchen brachte.

      „Aber höre, wenn du den Vogel zerbrichst – dann gehört dein Leben mir.“ Sie hob die Hand mit dem Vogel, so dass er nur noch zugreifen musste. „Hast du mich verstanden?“

      Tassir nickte wieder. „Ich habe verstanden.“

      „Dann will ich dir noch weiter helfen. Ich gebe dir ein Pferd, das dich im Handumdrehen zum Schloss zurückbringt. Setz dich in seinen Sattel, nimm die Zügel und puste ihm dreimal ins linke Ohr. Willst du hierher zurück, dann puste dreimal in das rechte Ohr.“ Damit stieß sie ihren langen Stock auf den Boden. Es gab einen Schlag als träfe Donner auf Stein und wie aus dem Boden gewachsen stand ein großes weißes Pferd vor Tassir. Ein Schimmel mit roten Augen und rot schimmernden Ohren. „Damit kommst du im Handumdrehen zurück – und du hast drei Tage Zeit.“

      „Ich bin dazu bereit.“ Tassir griff nach dem gläsernen Vogel, ganz vorsichtig, um ihn nicht mit seinen waffengewohnten Händen zu zerbrechen. Und es war wirklich Glas, wie das Meisterstück eines großen Künstlers. Kaum vorstellbar, dass der Vogel eben noch gelebt und gesungen hatte. „Ich danke dir“, sagte er zu der Alten.

      Die reichte ihm die Zügel des Pferdes. Sie schüttelte dabei bedenklich den Kopf. „Danke mir nicht, mein Junge, danke mir nicht.“

      Doch der Ritter achtete nicht mehr auf ihre Worte. In seinem Herzen war eine wilde Freude, die Aufgabe gelöst zu haben. Er hatte das Glasvögelchen gefunden. Alles würde gut werden. Er schwang sich in den Sattel, barg den Vogel sorgsam in seinem Gewand und griff nach den Zügeln. „Ich danke dir“, wiederholte er noch einmal. „Und leb wohl, denn wir werden uns nicht wiedersehen.“ Damit pustete er dreimal ins linke Ohr des Pferdes. Der Schimmel schnaubte, stampfte mit den Hufen – und im Handumdrehen standen sie im Hof der königlichen Burg, und auf dem Söller standen der König und seine Töchter.



      Es war genau ein Jahr nachdem Ritter Tassir aufgebrochen war. Wohl erinnerte sich Prinzessin Illenira, dass sie einen jungen Ritter ausgeschickt hatte, das Glasvögelchen zu suchen, sein Gesicht hatte sie jedoch längst vergessen. Doch selbst wenn sie sich an den schmucken siegreichen Recken erinnert hätte, der ihr am Ende des Turniers alle Wünsche erfüllen wollte, hätte sie ihn kaum in der abgehärmten Gestalt auf dem weißen Pferd erkannt. Prinzessin Hrandis hingegen hatte den jungen Ritter nicht vergessen. Sie hatte in dem Jahr oft an ihn denken müssen und sich um ihn gesorgt. So erkannte sie auch jetzt seine hellen Augen und seine schmal gewordenen Züge.

      Bevor jemand noch fragen konnte, erhob Ritter Tassir die Stimme. „Schönste Prinzessin“, begann er, „Ihr habt mich ausgeschickt, das Glasvögelchen zu suchen. Nun bin ich erfolgreich zurückgekehrt, so wie ich es versprochen hatte.“

      Illenira errötete voller Entzücken. Das Glasvögelchen, von dem die Barden sangen, sollte nun ihr gehören. Dies einzigartige Wesen, um das sie viele beneiden würde. Sie lächelte betörend für den jungen Ritter, dass diesem schier die Sinne schwanden. „Seid willkommen zurück. Ruht Euch aus und dann erwarten wir Euch in der großen Halle. Wir alle brennen darauf, von Euren Abenteuern zu hören.“ Und sie schenkte ihm noch einen Blick, der alle Versprechungen von Glückseligkeit zu enthalten schien. Prinzessin Hrandis aber senkte die Augen und war traurig.

      Schnell hatte man für das Zauberpferd einen Stall gefunden und für den jungen Ritter ein Zimmer. Er wusch sich und kleidete sich neu, um der Liebsten zu begegnen. Die erwartete ihn längst ungeduldig in der großen Halle, so wie alle Hofleute und Hofdamen, Ritter und Barden. Ein jeder wollte das sagenhafte Glasvögelchen mit eigenen Augen sehen und mit eigenen Ohren hören. Der König auf seinem Thron empfing den Ritter freundlich. Und an seiner Seite saß Prinzessin Illenira, schöner als je zuvor. Prinzessin Hrandis verblasste neben ihr wie eine Kerze neben der hellen Sonne.

      Ritter Tassir schritt frohen Herzens durch die wartende Menge, ging vor der Prinzessin in die Knie und reichte ihr das so mühevoll errungene gläserne Vögelchen.

      „Ich danke Euch“, sagte die Prinzessin beiläufig, während sie das Glas betrachtete. Es war ein Vogel, so naturgetreu, wie ihn kein Künstler zu schaffen vermochte. Jede Feder, jedes winzige Detail war erkennbar, glitzernd und durchsichtig aus kühlem Glas. „Aber warum singt er nicht?“

      Tassir neigte den Kopf und berichtete von dem Garten und der alten Frau, die ihm den Vogel gegeben hatte. „Nur wahre Liebe kann ihn zum Leben erwecken“, sagte er schließlich, „ich liebe Euch von ganzem Herzen, schönste Prinzessin. Schenkt mir Euer Herz und lasst uns zusammen glücklich sein. Und der Vogel wird leben und singen.“

      Illenira sah auf das Glas in ihrer Hand. „Ich will, dass er singt“, verlangte sie. „Ihr habt versprochen, mir das Glasvögelchen aus den Legenden zu bringen. Das singende Vögelchen und keine tote Figur. Ihr habt es versprochen, ohne Bedingung, ohne Frage nach meinem Herz und meiner Hand. Also haltet Euer Versprechen und ich will Euch dankbar sein.“

      Der junge Ritter konnte kaum glauben, was er hörte. So oft hatte er sich ausgemalt, wie er zurückkehrte. Wie er der Angebeteten das Pfand seiner Liebe brachte – und wie sie ihm ihre Hand reichte, dankbar und voller Liebe. Und nun diese harten Worte. „Teuerste Prinzessin“, bat er, „habt Geduld, der Vogel wird singen. Nehmt ihn mit Euch und hört auf Euer Herz. Denkt an mich und was ich für Euch getan habe. Ich bin so weit gereist, habe so viele Gefahren überstanden, nur für Euch. Könnt Ihr nicht meine Liebe fühlen und erwidern?“

      Doch die Prinzessin sah nur kühl auf ihn herab. „Wir werden sehen, ob er singt.“ Damit wandte sie sich ab, verließ den Raum und nahm den Vogel mit sich.

      Ritter Tassir hingegen kehrte still in seine Kammer zurück. Sein Mut war gesunken, aber er hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Sie wird mich lieben, sagte er sich selbst, es kann nicht alles umsonst gewesen sein.

      Am nächsten Tag zur selben Stunde trafen alle wieder in der großen Halle zusammen. Ritter Tassir war blass, als er vor die Prinzessin trat.

      „Er singt nicht“, sagte Illenira und wies auf den gläsernen Vogel. Nur Glas, kaltes, totes Glas, kein lebendes singendes Wesen. „Ich will, dass er singt.“

      „Das liegt allein bei Euch, liebste Prinzessin. Nur wahre Liebe kann den Vogel erwecken und zum Singen bringen. Ich biete Euch all meine Liebe, aufrichtig und aus tiefsten Herzen.“ Er senkte den Kopf. „Bedenkt es gut, denn wenn der Vogel auch am dritten Tag nicht singt, dann muss ich ihn zurückbringen und meine Schuld begleichen.“

      „Aber ich will den Vogel nicht hergeben“, beharrte die Prinzessin, „ich will, dass er singt!“

      Der junge Ritter sah sie traurig an und seine Hoffnung sank. Die Prinzessin verließ wieder die Halle, nahm wieder das gläserne Vögelchen mit. Und auch Tassir ging. Er wanderte ruhelos durch die Burg. Schließlich trat er zu dem Zauberpferd. Er strich dem Schimmel durch die Mähne und musste an die Worte der Alten denken. „Was weiß ein Ritter schon von Liebe“, sagte er bitter. „Ein Ritter, der an ein gegebenes Wort glaubt, an Wahrheit und Treue und Redlichkeit.“ Er schüttelte den Kopf und machte sich selbst Mut. „Es ist noch nichts verloren. Sie ist so schön und so rein und so gut. Sie wird ein ehrlich gebotenes Herz nicht von sich weisen. Ich muss daran glauben.“

      Er merkte dabei nicht, dass Prinzessin Hrandis ihm leise gefolgt war. Seine Traurigkeit tat ihr weh und sie wusste, dass alles Hoffen auf Liebe vergeblich war. Die Schwester liebte nur sich selbst. Aber Hrandis wagte nicht, ihn zu trösten.

      Am dritten Tag schließlich, wieder zur selben Stunde, trat Ritter Tassir vor den König und seine Töchter. Prinzessin Illenira war schön wie der Sommerhimmel, aber ihre Augen blickten kalt auf den jungen Ritter. „Der Vogel singt nicht“, erklärte sie störrisch wie ein kleines Kind. „Ich will, dass er singt. Ich will, dass er lebt.“

      Tassirs Hoffnung sank. „Nur die Liebe kann den Vogel beleben“, erklärte er ein weiteres Mal. „Seht mich an, schönste Prinzessin, fragt Euer Herz, könnt Ihr mich nicht lieben? Bin ich Euch so zuwider?“

      „Ihr seid mir egal“, beschied die Prinzessin kurz. „Ich will, dass der Vogel singt.“

      Die Worte trafen tief. All die gebotene Liebe, die Abenteuer, die Anstrengungen, all das war ihr egal, sie wollte nur ihr Spielzeug. Die Alte hatte recht gehabt. Was wusste eine Prinzessin schon von Liebe? Tassir sah sie lange an. „Dann wird der Vogel nicht singen. Gebt ihn mir zurück, damit ich ihn in den Garten bringen kann, wo er hingehört. Wo er singen und fliegen kann.“

      Die Prinzessin presste den Vogel an sich. „Nein“, wehrte sie ab. „Er gehört mir, ob er nun singt oder nicht, er gehört mir. Ihr habt versprochen, ihn für mich zu suchen und ihn mir zu bringen.“

      „Ich habe ihn Euch gebracht“, antwortete Tassir ruhig. „Ich habe mein Wort gehalten, so wie Ihr das Eure gehalten habt. Gebt ihn mir wieder.“

      Da schrie die Prinzessin vor Zorn, weil sie ihren Willen nicht haben konnte. Ihr schönes Gesicht verzog sich zu einer trotzigen Grimasse. „Dann nehmt Euren Vogel und verschwindet!“ Damit warf sie den Vogel vor seine Füße. Er traf auf den Stein und das Glas zersprang. Atemlose Stille herrschte im Saal. Der junge Ritter sah auf die tausend glitzernden Scherben. Mit dem Glas schien auch sein Herz entzwei gesprungen. Vielleicht auch sein Leben, das er für den Vogel verpfändet hatte. Er neigte den Kopf vor der Prinzessin, verbeugte sich vor dem König und verließ wortlos die Halle. Auch Prinzessin Illenira rauschte wortlos davon. Prinzessin Hrandis aber, die eilte herbei, um die Scherben des gläsernen Vögelchens aufzusammeln. Jeden Splitter, jeden noch so kleinen Rest barg sie in einem seidenen Tüchlein. Damit eilte sie dem Ritter nach. Sie fand ihn im Stall bei seinem Zauberpferd.

      „Herr Ritter“, rief sie ihn an, „verzweifelt nicht. Es liegt nicht an Euch, dass Illenira Euch nicht lieben kann. Sie ist so schön, aber ihr Herz ist kalt. Ich bitte Euch, verzweifelt nicht.“

      Tassir sah sie an. „Ich danke Euch für Eure Worte“, sagte er höflich, „aber es ist zu spät. Ich habe ihre Schönheit gesehen und an ihre Liebe geglaubt. Aber ich habe mich geirrt.“ Damit schwang er sich in den Sattel und griff nach den Zügeln.

      „Was ist nun mit dem Vogel?“

      „Er ist zerbrochen. Ich habe mit meinem Leben dafür gebürgt, und ich werde den Preis dafür zahlen. Lebt wohl.“ Damit beugte er sich vor, um dem Pferd dreimal ins rechte Ohr zu pusten.

      Prinzessin Hrandis schrie auf in heller Angst und umklammerte den Hals des Pferdes. Sie konnte ihn nicht so verzweifelt ziehen lassen. Sie konnte ihn nicht in den Tod gehen lassen. Sie liebte ihn, dass war ihr nun klargeworden.

      Der Schimmel schnaubte, stampfte mit den Hufen – und im Handumdrehen stand er in dem felsigen Tal im Gebirge. Mit Tassir im Sattel und mit Hrandis, die noch immer seinen Hals umklammerte. Es war heller Tag und statt dem sonnigen Garten war da nur die unüberwindliche Felswand.

      Tassir sah erstaunt auf die weinende Prinzessin. Sie sollte nicht hier sein, sie musste zurück in die Burg. Man würde sich um sie sorgen. „Gebt mir Eure Hand, ich bringe Euch zurück.“

      Hrandis sah sich fassungslos um und konnte kaum glauben, plötzlich im fernen Gebirge zu sein. Bei seinen Worten aber trat sich zurück, das Tüchlein mit den Scherben fest an sich gepresst. „Nein“, sagte sie, „ich werde Euch nicht allein lassen. Es ist nicht Eure Schuld, Ihr sollt nicht für die Hartherzigkeit meiner Schwester büßen müssen.“

      „Ich danke Euch“, sagte Tassir freundlich, „aber Ihr könnt mir nicht helfen. Gebt mir Eure Hand.“

      Hrandis schüttelt entschlossen den Kopf. „Ich gehe nicht. Ihr müsst mich schon zwingen mit grober Gewalt.“

      „Ihr seid eine Dame, das kann ich nicht.“

      „Ich weiß.“ Damit ließ sich Hrandis auf einem flachen Felsen nieder. Sie zog das dünne Seidenkleid über ihren Knien glatt und öffnete vorsichtig das Tüchlein mit den Scherben. Geduldig versuchte sie, die gläsernen Splitter wieder zusammenzusetzen. Sie achtete dabei nicht auf Tassir, sie kümmerte sich auch nicht darum, dass ihr die Scherben die zarten Finger zerschnitten und Blutstropfen die feine Seide tränkten.

      Der junge Ritter sah hilflos auf die Prinzessin, nicht sicher, was er nun tun sollte. Ihr Einsatz rührte ihn, aber es war viel zu gefährlich hier. Was sollte aus ihr werden, wenn die Alte ihren Preis forderte? „Bitte, Prinzessin, kehrt zurück in die Burg.“

      „Nein“, antwortete sie, ohne aufzusehen.

      Tassir stieg vom Pferd. Es war noch weit bis zur Nacht, vielleicht verhalf die Zeit der unvernünftigen Prinzessin zur Einsicht. Es war kalt und unheimlich hier in dem Tal, sie würde selbst nach Hause zurück verlangen. Er versorgte das Pferd, so gut es hier möglich war. Dann zögerte Tassir, legte aber doch vorsichtig seinen Umhang um ihre Schultern. Prinzessin Hrandis zitterte bereits im eisigen Bergwind. Ihr Seidenkleid war für den Tanzsaal gemacht, nicht für das kalte Gebirge. Sie bedankte sich, hielt aber nicht in ihrer Aufgabe inne. Wieder und wieder versuchte sie, die Scherben zu einem Ganzen zusammenzusetzen. Tassir suchte sich seinerseits einen Platz und beobachtete sie dabei. Wie konnte diese Prinzessin sich nur so für ihn einsetzen? Wie konnte sie nur so anders sein als ihre Schwester? Sie war nicht so schön, aber sie hatte ein mitfühlendes, hilfsbereites Wesen. Und Schönheit… deren Wert hatte er eben erst bitter erfahren dürfen.

      Die Stunden vergingen. Längst warf die Sonne lange kalte Schatten auf die beiden Menschen. Tassir starrte blicklos auf die Felswand und wartete. Er dachte nichts, fühlte nichts, wartete einfach nur auf das Unausweichliche, das folgen musste. Hrandis aber versuchte unermüdlich, die Vielzahl der Scherben zusammenzusetzen. Doch kaum hatte sie die größeren Teile aneinandergefügt und nach den kleinen Splittern gegriffen, da fiel alles auseinander. Begann sie am Schnabel, dann konnte sie die übrigen Teile nicht halten. Glaubte sie, ein passendes Stück gefunden zu haben, dann fiel ihr der Rest lose aus den Fingern. Es war zum Verzweifeln. Längst waren ihre Finger wund und klamm vor Kälte. Aber sie wollte nicht aufgeben, wollte sich nicht damit abfinden, dass alles verloren war. Schließlich brach die Dämmerung herein. Und noch immer lag der gläserne Vogel in Scherben. Prinzessin Hrandis brach in Tränen aus. Es war alles umsonst.

      Das bitterliche Weinen riss Tassir aus seiner Versunkenheit. Überrascht sah er auf die Prinzessin, auf ihre zuckenden Schultern und das glatte braune Haar. „Weint nicht“, bat er sie, „es ist nicht Eure Schuld. Ihr könnt mir nicht helfen. – Es ist wohl besser, ich bringe Euch jetzt zurück.“

      „Nein“, schluchzte die Prinzessin, „ich will Euch nicht allein lassen.“

      Der junge Ritter trat an ihre Seite. „Warum nicht?“

      „Ich will Euch nicht verlieren. Ich liebe Euch doch.“

      Gerührt von diesem Geständnis fasste er nach ihrer Schulter. Sie blickte zu ihm hoch und in ihren Augen stand so viel Gefühl und echte Wärme und Liebe, dass er es glauben musste. Und er stellte fest, dass er diese verweinten, sorgenden, liebevollen Augen sehr viel schöner fand als die kalten makellosen Augen ihrer Schwester. Doch bevor er noch etwas sagen konnte, fiel sein Blick auf die Scherben. Sie waren verschwunden! Unter ihren Tränen hatten sich die Splitter wie von selbst wieder zu dem gläsernen Vögelchen zusammengefügt! Tassir konnte es kaum fassen. Hrandis folgte seinem ungläubigen Blick – und auch sie konnte das Wunder kaum glauben. Mit einem Jubellaut sprang sie auf die Füße, das Vögelchen mit zitternden Händen umfassend. „Es ist wieder heil! Euer Leben ist gerettet!“

      Auch Tassirs Hände zitterten. Er legte sie sacht auf die Schultern der Prinzessin. „Ich danke Euch“, sagte er warm. „Mein Leben ist damit gerettet. Nun schulde ich nur noch den Dienst von drei Jahren, dafür, dass das Vögelchen nicht singt.“ Er spürte hinter sich ein Rumpeln und Grollen und wusste, gleich würde sich der Weg zum Garten öffnen. „Doch was sind schon drei Jahre?“

      Hrandis hielt ganz still bei seiner Berührung. Sie lächelte mit tränenfeuchten Augen. Er hatte die Hoffnung zurück. Und auch sie wollte hoffen. „Ich werde auf Euch warten, wenn ich nicht bei Euch sein darf. Drei Jahre oder dreißig, soviel es eben sind. – Wenn Ihr das wollt.“

      Das Rumpeln und Grollen nahm zu, und schon klang Vogelzwitschern und Bächleinsang dazwischen. Sommer und Sonnenstrahlen quollen zwischen den Felsen hervor. Tassir aber achtete nicht darauf. Er sah nur auf Prinzessin Hrandis. Die tapfere, aufrichtige, warmherzige, ehrliche – und ja, auch schöne Prinzessin Hrandis. „Von Herzen gern, wenn Ihr solange auf mich warten wollt.“

      Da zuckte und zappelte es plötzlich zwischen Hrandis’ Händen. Das Glasvögelchen war erwacht! Es schüttelte sich wie nach langem Schlaf und versuchte, sich aus ihren Händen zu befreien. Hrandis sah staunend auf das wundersame Geschöpf. Sie ließ es frei – und mit herzzerreißend schönem Gesang erhob es sich in die Lüfte. Tassir und Hrandis sahen ihm beide wie verzaubert hinterher und verstanden erst dann, was es bedeutete. Das Glasvögelchen sang! Übermütig vor Freude und Glück umfasste der junge Ritter die Prinzessin und wirbelte sie herum. Sie lachten beide, hielten einander fest und konnten ihr Glück kaum fassen. Erst als eine schrille Stimme erklang, fuhren die beiden auf aus ihrer Glücksseligkeit.

      „Da hast du ja doch noch die richtige Prinzessin gefunden.“ Die kleine, alte Frau im grasgrünen Umhang stand vor den beiden. Sie musterte sie eindringlich und winkte sie dann hinein in ihren Garten. „Kommt, Kinder“, sagte sie, „ihr sollt nicht die Nacht hier in Kälte und Finsternis verbringen. Seid meine Gäste und morgen wird euch der Schimmel wieder nach Hause bringen.“

      Und so geschah es. Hrandis und Tassir wanderten die ganze Nacht durch den sommerlichen Garten. Sie hielten sich an den Händen und hatten sich viel zu sagen. Dabei sangen und klangen ringsum die Vogelstimmen für die Liebenden. Das klare Wasser des Bächleins schmeckte süß wie die Früchte der Bäume. Wie ein Traum verging diese Nacht, und am nächsten Morgen verabschiedeten sie sich herzlich von der Alten. Und wieder brachte sie das Zauberpferd im Handumdrehen auf die Burg zurück. Doch seltsam, hier war nicht eine Nacht vergangen, sondern zehn ganze, lange Jahre. Feste und Turniere waren vorbei, da der König alle Ritter ausgeschickt hatte, die verschwundene Prinzessin zu suchen. Und Prinzessin Illenira – der hatten die Jahre, die Launen und die Lieblosigkeit Falten ins Gesicht geschnitten, die sie mit Schönheitsmittelchen zu übertünchen suchte. Wie groß war ihr Neid, als sie die jung gebliebene Schwester sah! Der Sommer des Zaubergartens hatte ihrem braunen Haar einen goldenen Schimmer verliehen und die Liebe und das Glück ließen ihre Augen strahlen. Und Tassir hatte nur noch Augen für seine Hrandis. Vor lauter Neid und Groll und Eifersucht schloss sich Illenira in ihrem Zimmer ein und ward auf dem ganzen großen Freudenfest nicht zu sehen. Man feierte die Rückkehr und man feierte Hochzeit! Hrandis heiratete ihren Ritter und nie sah man ein glücklicheres Paar.

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      Dichtes Efeu rankt sich um das elfte Türchen, welches auf eine sonnige Waldlichtung hinausführt. Nur bei genauerem Hinsehen bemerkt man den geduckten Jäger, der sich mit gezücktem Speer durch die Stämme der Bäume am Rande der Lichtung langsam, langsam an seine Beute anpirscht…



      Ein Hauch von Freundschaft


      Behutsam setzte er seine nackten Zehen auf den mit Moos bedeckten Felsen. Leise, ganz leise, schlich er vorwärts, sein Ziel, einen stattlichen Filchet, fest im Blick. Vorsichtig bedacht kein Geräusch zu verursachen, hob er seinen mit Schuppen überzogenen Schwanz, damit dieser auch ja nicht über den Stein schleifte. Der kühle Morgenwind liess die Blätter rauschen und durch die Baumkronen schien viel Licht auf Quisbens nackten Oberkörper. Für ihn war es Gewohnheit, sich vor der Jagd der Kleidung zu entledigen, da sie seine Bewegungsfreiheit zu sehr einschränkte. Das Einzige, was er anbehielt, war seine kurze Wollhose. Sie schützten ihn zum einen vor den Dornen, welche sich allzu gerne in den Büschen versteckten und sich mit ihren kleinen Zähnen sofort an allem festbissen. Und ausserdem musste man schliesslich selbst hier im Wald mit ungebetenen Beobachtern rechnen. Eine Anzeige wegen „Verursachung öffentlichen Ärgernisses“ wollte er auf alle Fälle vermeiden. Seine krallenbewehrten Hände hielten den Speer fest umklammert. Vor acht Jahren hatte er diesen von seinem Vater zum Geburtstag geschenkt bekommen und jagte seither nur noch mit ihm. Das Tier stand immer noch auf der Lichtung. Dieser Prachtkerl würde ihm genug Geld für die nächsten zwei Wochen einbringen.

      ***

      Er schwebte auf die Baumkronen zu, die Geschwindigkeit langsam abbremsend, seine Augen fest auf die offene Stelle im Blattwerk gerichtet und… Anstrengung und die Nachwirkungen der letzten Nacht (auf die letzte Flasche Jümor hätte er wohl besser verzichten sollen) machten sich bemerkbar, als er den Baum genau NICHT verfehlte. Mit einem unwirklichen Krachen stiess der Feji’lai mit der Buche zusammen. Er fiel und schlug dabei seine Arme, Beine und Schultern an den Ästen an. Instinktiv versuchte er seinen Kopf zu schützen, doch alles ging viel zu schnell. Allein seine Schwebelunge verhinderte das Schlimmste, als das Organ sich reflexartig ausdehnte, ein leichtes Ziehen im Brustkorb einsetzte und die Erde etwas weniger schnell auf ihn zu raste.

      ***

      Ein Krachen erfüllte die Luft. Das Geräusch war nicht mal besonders laut, doch der Filchet stellte verängstigt seine Ohren auf und hüpfte davon. Ein Schrei entfuhr Quisbens Kehle. „Bei allen Seelen dieser Welt, was war das?“ Genervt liess er den Speer sinken und schaute sich um. Es hatte keinen Sinn jetzt noch leise zu sein, die meisten Tiere würden sich jetzt für die nächsten Stunden sowieso nicht mehr blicken lassen. Er wandte sich in die Richtung der Geräuschquelle und ging los.
      Die Lärmursache war schnell ausfindig gemacht. Unter einem Baum lag jemand, neben ihm haufenweise Blätter und vereinzelte kleinere Äste. Ein Mensch? Aber welcher Mensch würde einfach so aus dem Himmel stürzen? Sein gegenüber war also ein Feji’lai. Von aussen nur an der feji’laitypischen Gesichtsform von einem “normalen“ Menschen zu unterscheiden.
      Quisben blickte zum Loch im Blätterdach hinauf: „Schönen Flug gehabt?“
      „Ja“, presste der Andere angestrengt hervor.
      „An der Landung musst du allerdings noch arbeiten.“
      Der Fremde versuchte sich aufzurichten, gab ein schmerzerfülltes Stöhnen von sich und liess sich wieder ins Gras fallen. „Wenn ich gewusst hätte, dass ich heute noch fliegen muss… Aua, mein Kopf.“
      „Solange es wehtut, bist du wenigstens noch nicht tot. Willst du hier liegen bleiben?“ fragte Quisben und musterte den Anderen genauer. Er schätzte ihn etwa im gleichen Alter wie sich selbst, also so um die zwanzig. Der Feji’lai trug eine schwarze Mütze, darunter lugte sein schulterlanges, blondes – nein, doch eher weissliches - Haar hervor. Um die Hüften war eine graue Jacke gebunden, welche in den höheren Lagen sicher nützlich war. Ansonsten war nichts Auffälliges an ihm. Die Kleidung, wie man sie halt in den grossen Städten trug: lange, graue Hosen, ein weisses Hemd und eine Weste aus Leder. Sie sahen jetzt nicht mehr ganz so sauber aus, aber das kam halt davon, wenn man mit einem Baum zusammenstösst.
      Mittlerweile hatte es der Feji’lai geschafft sich aufzusetzen und fuhr sich gerade mit den Händen übers Gesicht. „Das gibt ne tolle Beule“, meinte er nach einem weiteren Stöhnen.
      „Ich bin Quisben. Und wie heisst du?“ wollte Quisben wissen.
      „Viejel“, sagte Viejel mit einem abwesenden Blick, da er gerade dabei war seine Kleidung zu begutachten.
      „Warte hier, ich gehe nur kurz mein Zeugs hohlen. Bin gleich zurück.“

      ***

      Quisbens Oberkörper war nicht mehr nackt, als er zurückkam. Er trug einen grün-braun-gemusterten Kurzarmpullover, darüber einen ledernen Brustharnisch, auf seinem Kopf trug er eine dieser Fliegerbrillen, wie sie seit kurzer Zeit in Mode waren und um seinen Hals hing lässig ein grau karierter Schal. Er sah eigentlich sehr menschlich aus, sah man mal von seinem schuppigem Schwanz und seinen mit schwarzem Fell bedeckten Armen und Beinen ab. Seine Beine glichen den Hinterläufen einer Katze. Ein Zehengänger also, ein Nagon. Um Quisbens linken Oberarm wand sich ein Tattoo, das verdächtig nach einem Wort aussah, allerdings in einer Sprache die der Feji’lai nicht lesen konnte.
      Viejel stand auf, wischte sich den gröbsten Schmutz von den Kleidern, griff in die Brusttasche seines Wamses, holte einen kleinen, versiegelten Umschlag hervor, drehte in prüfend in den Händen und steckte ihn wieder zurück. Auf den Briefumschlag war ein Symbol gemalt, welches Quisben nur zu gut kannte. „Wer höher steht…“
      „…wird tiefer fallen!“ beendete Viejel ungläubig den Satz. „Da hat sich mein Absturz anscheinend doch gelohnt.“ Er blickte sich vorsichtig in der Gegend um. „Ich soll Orreo eine Nachricht überbringen. Kannst du mich zu ihm bringen?“
      „Können schon, allerdings ist er heute nicht in der Gegend und kommt erst morgen zurück.“
      „Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich nicht so früh …“ Mit schmerzverzerrtem Gesicht fasste er sich an die linke Schulter.
      „Hier“, sagte der Nagon, kramte aus seiner Hosentasche eine Pflanzenwurzel und gab sie dem Feji’lai. „In den Mund nehmen, aber nicht kauen oder schlucken. Hilft gegen die Schmerzen.“
      Viejel nahm dankend die Wurzel entgegen, nahm sie in den Mund und verzog angewidert das Gesicht.
      „Wenn du willst, bringe ich dich zu einem Arzt und danach in unser Versteck.“
      Viejel nickte und kurze Zeit später trottete er schweigend neben dem Nagon her, der über die neusten Erfolge der Widerstandsbewegung erzählte, welcher er erst seit kurzer Zeit angehörte. Die Regierung von Srida hatte in den letzten Monaten neue Gesetze erlassen, welche die Freiheit der Bürger immer weiter einschränkten und die Steuern massiv in die Höhe trieben. Dagegen versucht Sridas Widerstand, wie die Gruppe sich nannte, mit allen Mitteln zu kämpfen und die Regierung zum Rücktritt zu zwingen. Je näher die Stadt rückte, desto schweigsamer wurde auch Quisben. Selbst in dieser abgelegenen Gegend gab es Spione der Regierung. Die Stadt Lalta, Viejel hätte eher stinkendes Kaff dazu gesagt, war nicht gerade gross und die Häuser sahen noch schäbiger aus als in den Armenvierteln von Rewa’Lun oder Glame. Lalta lebte vom Kohleabbau. Die Bevölkerung wechselte permanent, nur wenige blieben länger als zwei Jahre und noch weniger wollten hier ihren Lebensabend verbringen. Eine Arbeiterstadt halt; das perfekte Versteck für eine Widerstandsorganisation.
      Viejels Schmerzen hatten während der kurzen Wanderung nachgelassen, jedoch verspürte er nun Hunger und Durst, deshalb spuckte er die Wurzel aus und schritt auf die erstbeste Kneipe zu, welche er finden konnte. Quisben verzog seinen Mund zu einem Grinsen und entblösste dabei seine spitzen Eckzähne: „Ich dachte mir schon, dass du nicht zum Arzt willst, so einen Stümper findest du nur hier. Glaub mir, ich weiss von was ich rede.“

      ***

      Die beiden bestellten das Beste von der Karte, also eigentlich das einzige Gericht auf der Karte, und dazu je einen Krug mit Bier. Das Essen, ein Eintopf mit undefinierbarem Inhalt, schmeckte nicht so schlecht, wie es aussah. Selbst das Bier war geniessbar. Für diese Gegend eine erfreuliche Tatsache. Nach dem sie genug gegessen und getrunken hatten bezahlte Viejel und sie traten hinaus auf die Strasse. Draussen stand eine Gruppe, offenbar betrunkener, Männer. Als sie Quisben sahen fingen sie an zu lachen. Der hässlichste und fetteste der Runde machte einen Schritt auf den Nagon zu und öffnete sein Maul für eine Beleidigung: „Na, du Missgeburt einer…“
      Quisben wollte reagieren, doch Viejel war schneller. „Ich würde vorsichtig sein, mein Freund, sonst wirst du es mit mir zu tun bekommen.“ Der Fette wand sich nun an Viejel und liess seinen Blick prüfend über dessen Körper streifen. „Ach sie an, ein Feji’lai. Wo hast du den deinen Bogen? Und Pfeile sehe ich auch nirgends. Wie willst du dich denn verteidigen?“ Die Gruppe hinter ihm fing an zu grölen.
      Viejel zog eine Pistole unter seiner Jacke hervor. „Tut mir leid dich enttäuschen zu müssen. Du hast das Pech, ausgerechnet auf den einzigen Feji’lai zu treffen, der dir lieber ein Loch in den Kopf schiesst, als einen Pfeil in deinen fetten Bauch bohrt.“
      Dem Jungen entgleisten die Gesichtszüge. So schnell wie es ihm möglich war, wandte er sich um und rannte auf die nächste Strassenecke zu. Der Rest der Gruppe folgte ihm und nach kurzer Zeit war die Strasse wieder wie ausgestorben.
      „Wo hast du denn die her?“
      „Die? Hab ich mir letztens in Rewa besorgt. Du musst nur die richtigen Leute kennen.“
      Sie blickten sich an und brachen in schallendes Gelächter aus.

      ***

      Den Rest des Tages schlenderten sie durch das Städtchen und unterhielten sich dabei über alles, was ihnen gerade in den Sinn kam. Als es langsam dunkel wurde, legten sie sich in einen grasüberwachsenen Hinterhof und beobachteten den Himmel. Musik drang aus einem der angrenzenden Häuser.
      „Willst du auch?“ Quisben deutete auf seine Hosentasche und verdrehte bedeutungsvoll die Augen. Er zog einen Beutel hervor und öffnete ihn vorsichtig.
      „Du hast wohl nicht wirklich…“
      Quisben lachte: „Doch! Zerfil, das Beste, das du finden kannst. Selbst gepflanzt. Willst du nun? Wenn du hinter den Schleier der Gedanken blicken willst, musst du es unbedingt mal probieren. Du wirst die Welt mit ganz anderen Augen sehen.“
      „Danke, mein Leben ist mir auch so schon spannend genug. Aber wurdest du denn noch nie erwischt?“
      „Noch nie.“ Er holte zwei Zerfil-Blätter aus dem Beutel, legte eines neben sich ins Gras und zerbröselte das getrocknete vorsichtig über dem noch frischen. Danach rollte er das Blatt zusammen und zündete es sich an. Nach mehreren Zügen wurde Quisben immer entspannter. Auf einmal schoss er auf, sprang auf einen der Bäume zu, welche am Rande des Hinterhofs wuchsen und kletterte an ihm hinauf. Im nächsten Augenblick hing er kopfüber, an einem Ast. Seinen Schwanz als zusätzliche Stütze ebenfalls um den Ast geschlungen, blickte er zu Viejel. "Die Welt ist nicht rund, sondern einfach nur ungerecht."
      Der Feji'lai trat langsam auf den Baum zu: „Du weisst schon, dass so viel Blut im Kopf nicht gut tut. Ausserdem könnte der Ast brechen.“
      „Musst du an allem herummeckern?“
      „Ich hab doch gar nicht gemeckert. Ich hab dich bloss auf die Risiken hingewiesen, was du damit anstellst ist mir aber egal. Ich bin nicht der Typ, der andere versucht zu erziehen. Ich lass jeden so leben wie er mag.“
      So blieben sie die ganze Nacht, Viejel an den Baum gelehnt und Quisben, nachdem er gemerkt hatte, dass es wohl doch nicht so eine gute Idee war, auf dem Boden liegend, beobachteten sie die Sterne und lauschten der Musik. Der Beginn einer langen, verrückten Freundschaft.

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      Die Gräser flüstern und winken unter der Knute des Windes, ihre langen schlanken Halme zucken hierhin, dorthin, flechten sich in plötzlicher Eile zum Bogen des zwölften Türchens, entwirren sich aber ebensoschnell wieder um ihrem eigenwilligen Tanz zu folgen, ehe sie sich wieder zum Torbogen winden. Noch weitere Tänzer befinden sich hier auf der Ebene, nicht so zahlreich, nicht so festgewachsen, vielleicht nicht einmal so lebendig… doch wer sie sind und welche Schrittfolgen die ihren sind, wer weiß…



      Bronzekuss


      Kimbas Lippen waren trocken und rissig, seine schweren Beine trugen ihn über die grüne Ebene. Das Gras strich an seinen Beinen entlang, zum Tanzen gebracht durch den kühlen Wind, der von Woauchimmer kam. Der grüne Rucksack auf seinem Rücken hing zentnerschwer an ihm wie ein Mühlstein, dabei hatte er nur zwei Bücher und eine leere Wasserflasche darin. Das Haar hing ihm in fettigen Strähnen ins schmutzige Gesicht.
      Vor Kimba lag nichts als die Weite, eine unendliche Weite aus grünem Gras und hinter ihm lag nichts als die Weite und irgendwo, irgendwo war Katesh Matet, die Irre Stadt am Grünen Meer mit ihren goldenen Dächern. Schritt für Schritt zog er sich vorwärts, sein Wille war nur auf ein Ziel gerichtet – zurück, zurück nach Katesh Matet, wo seine Schwester wartete.
      Düster und klebrig hing der Gedanke an seiner Schädeldecke, der Gedanke an seine Schwester und seinen Bruder, die noch immer in Matesh Katet waren, alleine, ohne ihn. Er hob seine Hand mit den langen Fingern und am Ringfinger glitzerte der goldfarbene Plastikring leicht. »Only the ring finger knows.«, murmelte er mit brüchiger Stimme und hinter ihm zog der weiße Wolkenhimmel über den Horizont. Seine Augen verengten sich, als die Eifersucht sich an ihm festbiss.
      Plötzlich stolperte er über seine braunen Stiefel und landete in dem stacheligen Gras. Er atmete schwer. Kimba konnte nicht mehr aufstehen. Der Geruch von staubiger Erde stieg ihm in die Nase und er liebte die Schwere, die seine Glieder füllte.
      »Bazzrasai binguuuuu – Papadou!«, schallte es schrill über die Ebene. Kimba wuchtete seinen Oberkörper hoch und hielt sich die Hände an die an Stille und Einsamkeit gewöhnten Ohren, das Gesicht schmerzverzerrt.
      Ein knisterndes Geräusch ertönte, schien von überall auf die Ebene hinabzuschallen, als hätte ein Radio keinen Empfang. Kimba kniff die Augen zusammen, während ein dünner Blutfaden aus seiner Nase rann. Panik wallte in ihm hoch. Es war vollkommen unmöglich, vollkommen irrsinnig. Wie hätte das Hor das Meer überqueren können? Zuletzt hatte er es in den blauen Ziegelruinen der Pamadu gesehen. Seine widernatürliche Gestalt hatte sich ihm in die Netzhaut eingebrannt und dann waren sie gelaufen, Eva hatte David und ihn an der Hand gehalten, als sie über die knirschenden Splitter der glasierten Ziegel gelaufen waren, leuchtendrote Blutspuren auf dem himmelblauen Splitterboden hinterlassend, während es ihnen eine schnulzige Liebesballade hinterher trällerte.
      Mühsam, mit zitternden Gliedern stand er auf, doch das Adrenalin, das ihm jetzt durch die Blutgefäße pulste, gab ihm einen letzten Kraftstoß. Kimba rannte, er rannte über die ewige, grüne Ebene, während hinter ihm sich ein Schatten erhob.
      Das grüne Gras wurde grau und zerfiel zu Staub, während der Schatten länger und klebriger wurde und ein süßer Duft von Zuckergebäck Kimba in die blutige Nase stieg.
      »Es ist Nacht,
      und mein Herz kommt zu dir ...,
      hält's nicht aus,
      hält‘s nicht aus mehr bei mir…«, singsangte eine hohe Kastratenstimme.
      Kimba rannte so schnell er konnte. Salzige Tränen vermischten sich mit dunklem Blut, das aus seinen Augen quoll und rann seine stoppeligen Wangen hinab.
      »Legt sich dir auf die Brust,
      wie ein Stein,
      sinkt hinein,
      zu dem deinen hinein.«, sang es und Kimba überschlug sich, fiel der Länge nach auf den harten Boden und in das stachelige Gras, dass ihm das Gesicht zerstach. Er warf einen Blick über die Schulter.
      Aus den klebrigen Schatten hatte es sich erhoben, das Hor, mit seinen metallenen Spinnenbeinen, glänzend schwarz. Die metallenen Stränge, liefen über dicke, knotige Gelenke, die an allen möglichen Stellen saßen, zu einem undurchdringlichen, alles Licht verschlingenden Kern zusammen, sie endeten in grotesk dürren Beinchen, deren Enden wie riesige Fleischerbeile aussahen und sich mit jedem Schritt den das Wesen machte, metertief in die Erde bohrten. Vor dem Kern aber saß eine mattschwarze, manngroße Maske, aus deren Mundöffnung das Hor das Liebesgedicht rezitierte.
      »Dort erst,
      dort erst kommt es zur Ruh,
      liegt am Grund
      seines ewigen Du.«
      Kimba rappelte sich auf und wollte weiterrennen, da stand ein Haus vor ihm, ein rotes Backsteinhaus mit grauem Schornstein und umfriedet von einer niedrigen Steinmauer. Ohne darüber nachzudenken, sprang Kimba über die Mauer. Sein Knöchel knickte um und er schlug unsanft auf dem geerdeten Boden auf, hinter der Mauer. Humpelnd hetze er vorwärts, als eine Erschütterung die Ebene erzittern ließ, das Hor hatte sich wieder vorwärts bewegt.
      Manisch schlug er mit seinen aufgeschürften Knöcheln gegen die Tür
      »Ich liebe dich!«, rief das Hor herzzerreißend hinter ihm und Kimba schluchzte verzweifelt. »Machen Sie auf, machen Sie auf, bitte, ich flehe sie an!«
      Die mit groben Eisenbändern beschlagene Holztür öffnete sich und Kimba stolperte hinein. Die Tür schlug hinter ihm zu. Das Haus war in Halbdunkel getaucht, durch die hohen Fenster fielen schmale Lichtstreifen auf den irdenen, gestampften Boden. Kimba konnte das Hor draußen dumpf wehklagen und trällern hören, doch es hatte keine Wirkung mehr auf ihn. Er wischte sich mit einer fahrigen Bewegung das Blut von der Nase und den Wangen. Hektisch wanderten seine Augen hin und her. Lauerte hier drin ein Feind, wäre er unrettbar verloren.
      Der Raum war leer, bis auf drei hohe Steinöfen, die gegenüber von ihm standen. Staubpartikel tanzten in dem weißlichen Licht, dass spärlich in den Raum drang. Kimba ging vorsichtig zu den Öfen, bedacht keinen Laut zu machen. Es waren halbrunde, steinerne Öfen mit jeweils einer eisernen Luke vorne. In jede der Luken war ein Smiley eingeritzt. Er strich die Einritzung mit den Fingerspitzen nach. Kimba schauderte. Er drehte sich um und ging zur Tür. Hier zu bleiben, wäre genauso schlimm, wie dem Hor in die Hände zu fallen.
      Die Türe ließ sich nicht öffnen. Kimba rüttelte mit wachsender Panik. Er blickte auf die Eisenbänder, die in das Holz geschlagen worden waren. Außen warne sie schmucklos gewesen. Hier drinnen waren Runen eingeritzt. Kimba kannte sie nicht, aber er fand sie genauso ängstigend, wie die Smileys an den Ofenluken.
      »Du brauchst keine Angst haben.«
      Er fuhr herum.
      In der dunklen Ecke rechts von ihm flammte ein kleines, blaues Flämmchen auf. Es tanzte auf einem bronzefarbenen Zeigefinger. Nein, der Finger war aus Bronze.
      Alle Anspannung fiel von Kimba ab und er ließ sich auf die Knie nieder. »Du bist es.« Er stieß einen tiefen, zittrigen Seufzer aus. »Endlich. Ich dachte, du rettest mich nie.«
      »Ich rette dich nicht. Ich beobachte dich.« Die Bronzestatue trat aus dem Dunkeln, der Boden gab leicht unter ihrem Gewicht nach. Auf ihrem ausgestreckten Zeigefinger tanzte noch immer die bläuliche Flamme, die unheimliche Schatten über das ausdruckslose, idealschöne Gesicht der Statue warfen. Sie besaß nur einen Arm, der andere war abgeschlagen. Ihre Lippen bewegten sich nicht beim Sprechen und doch war die Stimme Bronzes nicht nur in seinem Kopf.
      »Was soll das heißen, du rettest mich nicht?«
      Bronze sagte nichts. Kimba fluchte, Bronze antwortete nie auf etwas, von dem sie der Meinung war, es schon beantwortet zu haben.
      »Warum rettest du mich nicht?«
      »Das ist gegen die Spielregeln.«
      »Spielregeln? Glaubst du der Mönch hält sich an die Spielregeln? Oder Weiser? Scheiß auf die Regeln! Hier geht es um mein Leben!«
      Bronze sagte nichts. Kimba starrte sie wütend an. »Gott, ich würde dir am liebsten ins Gesicht schießen! Kapierst du denn gar nichts? Du bist die einzige die sich an die Regeln hält!«
      Bronze schwieg. Das Feuer auf ihrem Zeigefinger erlosch und sie ließ ihren Arm fallen. Nun wirkte sie so leblos wie eine gewöhnliche Statue.
      »Hey!«
      Draußen hörte er das Hor singen. Er spürte, wie die Angst wieder durch seinen Körper pulste. »Hey.«, sagte er jetzt leise, flehentlich. »Hey. Gib mir wenigstens Wasser. Nur ein bisschen Wasser, damit ich weiterlaufen kann.«
      »Wasser kann ich dir geben. « Bronze streckte ruckartig ihren einen Arm aus und hielt ihm die Handfläche entgegen. Ein Äderchen in Kimbas Auge platzte, ob der Magie, die sie wirkte. Dann rann Wasser aus dem Nichts von Bronzes Hand.
      Kimba rutschte hastig so nah wie möglich an die Hand der Statue und hielt seinen Mund unter die Quelle wie unter einen Wasserhahn. Gierig schluckte er das eisige Wasser. Er verschluckte sich, beugte sich hustend nach vorne, der bronzenen Statue zu Füßen, lachte und spürte das eisige Wasser, dass seine trockene Kehle herunter rann wie flüssiges Glück.
      Seine Augen tränten, das Wasser floss weiter und fiel in einem kleinen Wasserfall auf seine fettigen Haare hinab. Kimba streifte den Rucksack von den Schultern, holte die zerknitterte Plastikflasche heraus, schraubte den Deckel ab und hielt sie unter Bronzes Hand. Mit einem Lächeln, das seine aufgerissenen Lippen schmerzte, sah er zu wie sich die Flasche langsam aber stetig füllte. Als sie randvoll war, schraubte er den Deckel wieder auf und steckte sie in seinen Rucksack zurück.
      »Danke.«, sagte er. »Danke, Bronze.«
      Das Wasser hörte auf zu fließen. Eine Pfütze hatte sich auf dem Boden gebildet.
      »Lass uns einen Pakt schließen.«
      Kimbas Augen weiteten sich. »Wieso?«
      »Andere betrügen. Ich auch. Aber nur für einen Gegenleistung.«
      Kimba lachte bitter. »Was kann ich für dich schon tun? Ich bin dir in allem unterlegen. Sonst hättest du mich und meine Schwester nie ungestraft in dieses Spiel reingezogen.«
      »Lies mir etwas vor.«
      »Was?«
      Bronze antwortete nicht.
      »Wo soll ich denn jetzt ein Buch herbekommen?«, fragte Kimba ergeben.
      »Da sind zwei in deinem Rucksack. Ich möchte, dass du mir aus dem Märchenbuch vorliest.«
      Kimba senkte den Kopf. »Nein.«
      Bronze schwieg einen Moment. Dann sagte sie: »Wieso?«
      »Dieses Buch für dich. Es ist für Eva. Sie ist die einzige, der ich daraus vorlese. Das sind ihre Geschichten.«
      »Dann lies mir daraus vor.«
      Vor Kimba fiel ein Buch auf den Boden.
      Vorsichtig hob er es auf. Draußen wurde es dunkel und das Lied des Hors war verstummt.
      »Kannst du es wärmer machen?«, fragte er.
      »Nein.«
      Kimba seufzte.
      Er schlug das Buch auf und begann ganz vorne zu lesen.
      »Meine Worte sind wie Sterne, sie gehen nicht unter…«
      Als Kimba das erste Kapitel beendet hatte, schloss er das Buch sanft. Sein Atem kondensierte in der Luft zu weißen Wölkchen.
      Die ganze Zeit über hatte die Statue regungslos dagestanden. Kimba blickte zu ihr auf.
      »Nach diesem Buch, diesen Worten hat Gott mich geschaffen.«, sagte Bronze.
      »Gott? Welcher?«
      »Der Gott. Der einzige echte. Er mochte diese Worte. Er hat sie mir oft vorgelesen, als ich noch in seiner Gunst stand. Wir saßen in seinem Garten mit den Palmen, wo der Himmel immer blutrot war. Dann habe ich ihn enttäuscht, ich weiß nicht wieso. Und bin aus dem Paradies gestürzt. Er nahm mir meinen Arm, hat ihn abgeschlagen und die Taschenuhr daraus geschmiedet.«
      »Die Taschenuhr? Die, die wir suchen?«, fragte Kimba atemlos.
      »Ja, genau diese.«
      »Weißt du wo sie ist?«
      »Ich würde betrügen, wenn ich es dir sagte. Viel mehr, als nur dich vor dem Hor zu retten.«
      »Ich lese dir auch weiter vor, wenn du es mir verrätst. Das ganze verdammte Buch wenn du möchtest. Lass uns wieder einen Pakt schließen!«
      »Vorlesen ist zu billig für diesen Bruch. Viel zu billig.«
      »Was dann, Bronze? Ich tue alles.«, schwor Kimba eindringlich.
      Bronze schwieg. Die Dunkelheit füllte den Raum ganz aus. Ein blaues, flackerndes Licht entflammte in Bronzes Hand. Schatten tanzten über ihren bronzenen Körper.
      »Ich verrate es dir, wenn du mich küsst.«
      Kimba öffnete seinen Mund. Konnte er…? Sie war nur eine Statue. Nichts Lebendiges. Konnte er Eva untreu werden? Er hatte geschworen seiner Schwester nie untreu zu werden. Er hatte es ihr vor dem Altar geschworen. Konnte er…? Aber je schneller sie diesem Albtraum entrannen, desto besser für sie. Er atmete tief durch und rappelte sich auf. Trat an Bronze heran. Er musste sich leicht strecken, dann berührten seine Lippen ihre. Er wollte sich zurück ziehen, doch seine Lippen klebten an ihren. Er schloss die Augen. Spürte sein Herz schlagen und wie das Blut durch seinen Adern rauschte. Er fühlte nichts, nichts außer Befremden. Mitleid erfüllte ihn und er riss sich los.
      Er zog scharf die Luft ein. Seine Lippen brannten wie Feuer und warmes Blut quoll aus ihnen heraus und lief ihm über das stoppelige Kinn. »Warum hast du das gemacht?« und glühender Schmerz zuckte durch sein Gesicht, jedes Mal wenn er seine Lippen bewegte.
      »Das war keine Absicht. Es ist, weil ich so kalt bin. Deine Haut ist kleben geblieben. Ich kann es nicht ändern.«
      »Kalt? Wieso?«
      »Es wärmt einen nicht gerade aus dem Paradies gestürzt zu werden, weißt du?« und zum ersten Mal überhaupt hörte Kimba so etwas wie Emotion aus ihrer Stimme heraus.
      Er sah sie einen Moment trotzig an, sah, wie ihr sein Blut auf das metallene Kinn troff, im Widerschein des blauen Feuers fast schwarz.
      »Rettest du mich jetzt von hier?«
      »Schließ die Augen.«
      Kurz wurde ihm noch kälter. Dann öffnete er die Augen. Gleißendes Licht stach ihm in die Augen. Er hörte einen Fluss ganz in der Nähe rauschen. Die Konturen vor ihm wurden klar.
      Ihm wurde schlecht. Grün, sein ganzes Blickfeld wurde ausgefüllt von stacheligem, grünem Gras. Hatte Bronze ihn betrogen?
      »Kimba!«, rief eine laute Stimme. David!
      Kimba drehte sich um. Ein Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. Bronze hatte Wort gehalten. An dem Fluss war ein kleines Zelt aufgebaut und davor eine Feuerstelle. David lief auf ihn zu, ihm hastete Eva hinterher. David wollte sich auf Kimba werfen und seinen Bruder willkommen heißen, doch Eva stellte ihm ein Bein. Er flog der Länge nach hin. Schwer atmend kam sie vor ihm zum Stehen.
      »Warum hast du das gemacht?«, fauchte David.
      »Keinen Schritt weiter.«, sagte Eva. Ihre Brust hob und senkte sich schwer. Ihr rotbraunes Haar hatte sie streng zurückgebunden.
      »Sag es!«, befahl sie Kimba.
      »Was?«
      Eva zog ihr Messer aus dem Gürtel.
      »Eine Chance noch. Sag es.«
      »Bist du verrückt, Eva? Das ist Kimba!«, rief David zornig.
      Sie sagte nichts.
      »Only the ring finger knows.«, flüsterte Kimba.
      Da rannen Tränen Evas Wangen hinab. Sie ließ das Messer fallen und ging in die Knie und umarmte ihn, während Schluchzer ihren Körper schüttelten.
      David setzte sich zu ihnen und auch in seinen Augen glitzerten Tränen. »Ich habe mir Sorgen gemacht.«, sagte er leise.
      Kimba lächelte. »Ich würde euch nie verlassen.«, antwortete er.
      »Only the ringfinger knows.«, sagte David und hielt seine rechte Hand hoch, an der der gleiche, billige Plastikring glänzte, wie an Kimbas und Evas Hand.
      Eva löste sich von Kimba. »Wir können bald weiterreisen. Ich habe den Hilfespruch aktiviert.«
      »Warum seid ihr hier draußen auf der Eben und nicht in Katesh Matet?«
      David grinste. »Wir haben nach dir gesucht.«
      »Aber du uns gefunden.«, schniefte Eva und lächelte.
      »Da kommt er. Ich sehe das Flickenbanner.«
      Ein einäugiger Mann in rosa Rüstung kam auf einem weißen Pony auf sie zugeritten. Er hielt die zusammengeflickte Standarte der Flickenritter. Schon von weitem konnte man sein königsblaues Grinsen sehen. Die Flickenritter brachen sich die Zähne heraus und setzen sich eines aus blau gefärbtem Porzellan ein. Er schwenkte das Banner und hielt mit der anderen eine Kette aus dunkelgrünen Tonperlen in die Höhe. Der Ritter fiel vom Pferd. Ein schmerzhaftes Lächeln verzog Kimbas Lippen. Der fette Gott Suburu und seine Flickenritter waren die einzigen gewesen, die es gewagt hatten mit ihnen einen Schutzkontrakt einzugehen.
      Er legte seinen Kopf auf Davids Schulter ab und nahm Evas Hand. Er wusste jetzt, wo sie die Taschenuhr finden würden und wie sie dem Albtraum entfliehen konnten. Er schloss die Augen und genoss die Wärme seiner Geschwister.

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      Das dreizehnte Türchen tarnt sich als ein großer Stapel Brennholz, der in der Nähe eines Lagerfeuers aufgeschichtet ist. Der Geruch von Bratenfleisch und Schnaps liegt in der Luft, und die wild aussehenden Krieger, die dort sitzen, sind nicht gerade leise. Doch dann hebt einer der älteren die Hand. Nach und nach tritt Stille ein, und in der zungenbrecherischen Sprache seines Volkes beginnt er zu erzählen…



      Das Wort eines Kriegers


      Es war einmal ein Knabenkrieger namens Qybokkl, der im grünen Flusstal seines Clans aufwuchs, zu einer Zeit, da der Clan stark und zahlreich war und das Tal gegen fremde Clans und Geächtete oft und erfolgreich verteidigte.
      So hatte Qybokkl erfahrene Krieger als Lehrmeister, war schnell und stark, mutig und ehrlich, doch auch ein wenig einfältig, und in ihm schwelte die Glut des Jähzorns, ständig bereit in ein loderndes Feuer auszubrechen.
      Eines Tages war es soweit, dass Qybokkl erwachsen wurde und sein Sis’cchI erlebte. Doch weil sich sein Körpermuster dabei nicht ganz schloss, behielt er ein Kindsmal auf der rechten Wange zurück.
      Die Knabenkrieger, die besorgt ringsum standen, rieten ihm: „Lass dir die helle Stelle schwärzen, Bruder, sonst wirst du dein Lebtag lang nicht froh, sondern von den anderen Kriegern verspottet und von den Frauen wie ein Kind herumgescheucht werden.“
      Da wurde Qybokkl zornig und sprach: „Meine Augen brennen nun wie heiße Feuer, meinen Kopf zieren nun weißknochige Hörner, und das Rotschwarz meiner Hautmuster ist stark und ebenmäßig. Ich werde mich nie der bleichen Stelle schämen, da mir die Gottmutter einen Segenskuss mit auf den Weg gab!“
      Insgeheim machte er sich aber doch Sorgen, und so ging er hin zum Beratungsfeuer, wo seine Lehrmeister Nekchr, Chagh und Tirshe saßen.
      Die sahen ihm ins Gesicht und wussten was ihn bedrückte. „Setz dich zu uns, Qybokkl, wir werden Nadel und Schwarzasche holen.“
      „Akh!“ schimpfte Qybokkl und bleckte böse die Zähne. „Kein Wort mehr davon! Mein Kindsmal ist keine Schande, und das will ich sogleich beweisen! Nur bin ich noch jung und unerfahren, darum ratet mir wie ich das tun kann.“
      Da steckten die drei die Köpfe zusammen und berieten sich lange. Qybokkl aber wartete geduldig, denn er vertraute ihrem Urteil.
      Und Nekchr sprach: „Nun denn, Qybokkl, zahlreich sind die Gaben eines wahren Kriegers, und Mut wird oft dem Leichtsinn, und Kraft und Schnelligkeit der Jugend zugesprochen. Drum wähle mit Bedacht: Willst du beweisen, wie zäh, ausdauernd und genügsam du bist? So reise zur großen Wüste Naszh, die man die Mutter aller Wüsten nennt, und erbeute reichlich Zcí von den Riesenlauerkröten die dort hausen.“
      Und Chagh sprach: „Willst du beweisen, wie fromm, ehrerbietig und treu du den Göttereltern und Ahnen gegenüber bist? So geh hin zu ihren Schreinen und ehre sie mit Trankopfern und Liedern.“
      Und Tirshe sprach: „Willst du beweisen, wie nützlich, hilfreich und wertvoll du für den Clan bist? So zieh aus und beweise dich als Krieger, der Furcht in die Herzen seiner Feinde sät und reichlich Beute macht. Nun denn, Qybokkl, hast du deine Wahl getroffen?“
      Da sprang Qybokkl freudig auf, und laut rief er: „Ja!“
      Und fort rannte er, um seine Sachen zu packen. Es fiel ihm aber nicht ein, seinen Lehrern zu sagen, welche Entscheidung er getroffen hatte, sonst hätten sie ihm vielleicht abgeraten. Bei sich aber dachte er: „Ich will alles drei erfüllen, was mir geraten wurde. Dann wird kein Krieger es je wagen, mir ins Gesicht zu lachen.“

      Am nächsten Morgen sprach Qybokkl sein Lebwohl und brach auf, mit geschärften Waffen, vollem Wasserschlauch und reichlich Proviant. Doch teilte er sich’s ein wie er’s gelernt hatte, und verschmähte nie was Gottvater Ch’t’uQ und Gottmutter Qt’ala ihm als Beute und Fund unterwegs zukommen ließen.
      So erreichte er den Rand der großen Wüste, und Woche um Woche ging ins Land, während Qybokkl den feigen Lauerkröten nachstellte, die ihre Beute mit Zcí so süchtig machen, dass sie in ihrer Gier den perlbesetzten Köderfäden bis direkt hinein in ihren Rachen folgt. So blieb es nicht aus, dass auch Qybokkl ein ums andre Mal den Zcíbiss spürte, mit dem die Lauerkröten in Bedrängnis sich sehr wohl zu wehren wissen, und daher kommt es, dass er Geschmack an der Droge fand und sein Lebtag lang gern von ihr nahm.
      Doch können sich die Kinder Ch’t’Uqs besser beherrschen als die gemeinen Tiere, und deshalb hatte Qybokkl bald genug Zcí gesammelt, um den gesamten Vozzocschnaps der nächsten Ernte damit zu versetzen, wie es die Clans noch heute gerne tun. Ja, trotzdem war es noch genug, um noch dazu im Kreis der Krieger, die es wollten, ein paar Abende im reinen Zcírausch zu verbringen.
      Und er sprach: „Meine erste Aufgabe ist nun erfüllt. Ich will rasch heimkehren und das Zcí abgeben, bevor es vollends in den Perlschnüren vertrocknet und an Güte verliert.“
      Und er schulterte den Zcísack und machte sich auf den Weg.

      Doch bald lebte ein heftiger Sandwind auf und schließlich suchte Qybokkl Deckung in seinem Zelt, welches er im Windschatten eines kleinen Felszugs errichtete. Bis in die Nacht hinein wütete der Wind, peitschte den Sand gegen das Zelt, und obgleich er von den Zcíperlen naschte, konnte Qybokkl nicht einschlafen.
      Erst als der Wind sich legte, wagte er sich wieder hinaus, um sich zu erleichtern. Gerade als er die Zeltklappe wieder schließen wollte, machte er weit draußen eine schlanke blasse Säule aus.
      „Sieh sich das einer an. Der Wind ruht wohl auch in der weiten Wüste, denn man sieht die Geisterfingerbäume wieder scheinen“, befand Qybokkl und legte sich zur Ruhe. Er wollte gerade die Augen schließen, als er ein fernes Heulen hörte.
      „Hör sich das einer an. Eine Steinlungenpflanze muss in der Nähe sein und kann nun wohl wieder atmen“, befand Qybokkl, nahm seinen Zcísack als Kopfkissen und wollte gerade einschlafen als das Heulen plötzlich viel lauter erklang und das Licht viel heller in sein Zelt drang.
      „Nun will ich doch einmal nachschauen, wie seltsam sich die Pflanzen heuer gebärden“, befand Qybokkl und kroch erneut ins Freie.
      Da sah er einen Ahnenkrieger vor sich, blass, durchscheinend und leuchtend wie die Sternenkinder am Himmel, und jener war es, der so hoffnungslos jammerte und heulte.
      Da wurde es Qybokkl doch zu arg.
      „Heda, werter Ahne! Was klagst und schreist du so, wenn ich, Qybokkl, des Nachts ruhen will? Dein Kummer muss wohl groß sein. Ich habe kein warmes Feuer, an das ich dich bitten kann, und mein Zelt ist schon für mich so klein, doch setz dich ein Weilchen her, lass mich dir ein Trankopfer darbringen, und erzähl mir was dich so bedrückt.“
      „Ach“, seufzte da der Geist, „Qybokkl, junger Krieger, du bist der erste Lebende, den ich seit langem sehe. Und anders als die anderen lädst du mich gar zur Rast!“ Da setzte sich der Geist zu Qybokkl in den Sand, und der rieb rasch seine Essschale sauber und goss ein wenig Wasser ein.
      „Hseqa rief man mich, und lang schon bin ich tot. Ich will dir erzählen“, sprach der Ahne, „wie ich hier in der Leere verschmachten musste, wo Kampfesruhm nicht zu erringen ist. Lang bereits ist mein Gebein durch Wind und Sand zermahlen, und doch muss ich so lange mit den Wüstenwinden reisen, bis Ruhm und Ehre mein geworden sind, erst dann kann ich ein Ewigkrieger an Gottvaters Seite werden.“
      Qybokkl, ganz in Gedanken, trank ein Schlückchen aus des Ahnen Opferschale und sprach: „Höre, Hseqa, mein Weg führt heim ins grüne Tal zu meinem Clan, den Feind und Bestie gern bekriegen, der Wasserquellen und der Ehre wegen. Willst du nicht mit mir kommen? Hast du nicht dort mehr Möglichkeit, Ruhm zu erringen?“
      „Mich Geisterkrieger willst du mit dir nehmen, zu Ruhm und Ehre? Du hast ein edles Herz! Streck nur rasch die Schale mit dem Trankopfer aus! Und rufe meinen Namen, wenn es an der Zeit zu kämpfen ist!“
      Und wo Hseqa gewesen war, erhob sich ein kleiner sandiger Wirbelwind, der rasch in Qybokkls Schale sprang, wo Sand und Wasser sich zu einer Statuette formten, die Schale aber war ihr Sockel.
      „Wahrlich“, staunte Qybokkl, „nun hab ich einen Ahnenrufer, wie es noch keinen gab. Den kann ich wohl in mein Zelt mitnehmen, und meine Wärme mit ihm teilen!“
      Und er steckte die Figur ein, kroch in sein Zelt zurück und schlief sich aus bis zum Morgen.

      Dann brach er auf, und munter schritt er der Heimat entgegen, den Ahnenrufer aber band er sich mit Vorsicht auf den Rücken wie ein Kind, damit er nicht zerbräche, und sprach auch hier und da zu Hseqa, sang ihm heilige Lieder und freute sich, da er die Wüste nun in seinem Rücken wusste und die ersten Bäume winkten.
      So abgelenkt war er, dass er nicht merkte, wie er mitten in eine Herde Ckkurh hineinlief - was eigentlich nichts Schlimmes ist, da diese feige Tiere sind, die lieber flüchten als kämpfen. Doch war es so, dass der Wind ihnen den Geruch der frisch gesammelten Zcístränge zugetragen hatte. Begehrlich stierte nun die ganze Herde auf Qybokkls Beutesack.
      „Lasst mich gefälligst durch, ihr feige Brut“ befahl Qybokkl, doch als der Leitbock schnaubend mit den Hufen scharrte, wurde Qybokkl klar, dass er einen Ckkurhkrieger vor sich hatte, der ihm die Beute streitig machen wollte.
      „Lass mich nur, eh wir in den Kampfkreis treten, noch Sack und Pack ablegen“, schlug Qybokkl vor, doch wollte der Bock nicht warten, und mit gesenkten Hörnern griff er an.
      „Akh!“ schimpfte Qybokkl und trat ihm aus dem Weg, doch stieß der Bock ein Loch in seinen Überwurf. Erbost tat da der junge Krieger einen lauten Schrei, und mit einem großen Ruck riss er sich wieder frei.
      Doch kam der Bock schon wieder angerannt und griff mit seiner ganzen Herde an.
      Qybokkl rief: „So ihr denn nicht warten wollt, werde ich den Ort des Kampfkreises wählen, doch hier soll es nicht sein!“
      Und fort rannte er, so schnell er mit Hseqa, Zelt und Zcí konnte, und nutzte jede Deckung aus, die das Gelände bot. Denn es waren doch arg viele Tiere, und es ist keine Schande, seinen Kampfplatz neu zu wählen, wenn man in der Unterzahl ist.
      Da duckte sich und sprang Qybokkl, da schlug er Haken und flitzte bald hierhin, bald dorthin, bald zwischen Dornbusch und Gestrüpp, bald über freies Feld, und hatte keine Zeit auszuspähen, wohin sein Weg ihn führte. So kam es dass er – zcílüstere Ckkurh dicht hinter sich - stolpernd und keuchend durchs Gebüsch an eine kleine Senke kam, die voller dunkler Felsen war. Doch hoben da die Felsen ihre Zottelköpfe, und so erkannte Qybokkl, dass dies eine Rotte ruhender Rhúh war, die viel und gerne kämpfen.
      „Heda!“ rief er. „Wollen wir uns nicht verbünden? Seht her, ich habe meinen Teil bereits erfüllt und die Ckkurh herangelockt! Jetzt will ich höflich sein und trete euch die Ehre des Ersten Kampfes ab.“ Sprach’s und kletterte mit Sack und Pack geschwind auf einen großen Baum, der in der Nähe stand - und keinesfalls zu früh, da nun Ckkurh aus allen Büschen brachen und verwirrt auf ihre neuen Gegner starrten, welche den Invasoren grollten und sogleich zum Angriff übergingen.
      Und mit gefälligen Blicken und Beifallsrufen bedachte Qybokkl die Rhúh, und er ergötzte sich an dieser hehren Schlacht, die selbst die feigen Ckkurh mutig schlugen! Wahrlich, tapfer kämpften sie mit den Waffen, die ihnen der Vatergott geschenkt hatte! Und oben blieb Qybokkl, bis die Rhúh obsiegten, sich von den Kadavern der Ckkurh den Beuteanteil rissen und sich dann satt und müde zum Schlafen niederlegten.
      Da flüsterte Qybokkl: „Redlich habt ihr euch eure Rast verdient, o edle Kampfgenossen. Darum will ich euch nicht stören, sondern sacht und leise mich entfernen.“
      So schnitt er schnell noch seinen Anteil von dem Ckkurhfleisch und ging vergnügt davon.

      Alsbald erreichte Qybokkl die Felsen, welche nah am heimischen Flusstal lagen. Da es bereits dämmerte, beschloss er, hier zu rasten, wo eine Feuerstelle war, die er vom Jagen kannte, und hatte bald ein muntres Feuerchen am Brennen.
      „Morgen“, sprach er, „brech’ ich in aller Frühe auf, und komme heim bevor es Mittag ist! Und groß wird aller Leute Freude sein, wenn sie mich wiedersehen und ich sie, dann gibt es Zcí und Ckkurhfleisch, und ein kühles Bad im Fluss!“
      Da schoss auf einmal aus dem Nichts ein weißer Blitz vom Himmel und knisterte so laut und heiß um Qybokkl herum, dass der geblendet hocken blieb und sich kein Stück zu rühren wagte. Und als der Blitz verblasste, sah er auf, und blickte in einen Kranz aus Lanzenspitzen, die ihn frech bedrohten.
      „Akh!“ schimpfte da Qybokkl. „Ein Feigling ist, wer Zauberwerk benutzt, um mich zu fangen, ehe ich mich wehren kann!“
      „Schweig still!“ gebot ihm da ein wahrer Hüne, der nun ans Feuer trat und den Qybokkl rasch erkannte. Der grimmige Ltvek war es, mit wohl zwei Dutzend Kriegern, ein Geächteter, der bereits mehr als einmal an der Eroberung des grünen Tals gescheitert war, zu Zeiten, als Qybokkl noch im Knabenzelt geschlafen hatte.
      „Wir sind hier um euer Tal zu nehmen, mit allen Mitteln, die es braucht. Heut Nacht spähen wir euch aus, um morgen Nacht dann anzugreifen, und du, Kindsmalträger, wirst uns nicht verraten! Schwöre Folgsamkeit und kämpf getreu in unseren Reihen. Dann lassen wir dich leben.“
      Da schnalzte Qybokkl verwundert mit der Zunge. „Woher kommt diese Zuversicht? Verrate mir, wieso du glaubst, zu siegen wo du schon so oft gescheitert bist.“
      Da lachte Ltvek laut und sprach: „Und das von dir, der du es eben selbst erfuhrst, was unser Trumpf nun ist? Shiívín ist’s, der Herr der Blitze, der sich mit uns verbündet hat und der den raschen Sieg uns bringen wird.“
      Und wirklich sah Qybokkl nun an Ltveks Seite einen blassen Krieger stehen, der kalt und gleißend strahlte, und dessen Speer sich wand und zuckte, denn es war ein Blitz.
      „Schon viele Schlachten“, sprach Shiívín, „schlug ich siegreich gegen jene, die immer noch Gottvater und Gottmutter dienen, den beiden alten Tattergreisen.“
      Heiße Wut stieg in Qybokkl auf, als er die Gotteltern so verspottet hörte.
      „Höre, Ltvek, wie ich euch verlache! Kindsmalträger schimpfst du mich, doch Qybokkl bin ich! Und Manns genug, um dich und deine Krieger zu besiegen, im wahren Kampf, Mann gegen Mann, das will dir auch gleich beweisen!“ Und laut rief er: „Hseqa! Hier stehen Ltvek und der Herr der Blitze, der gottlästerliche Worte spricht und unser Tal bedroht! Lass uns zusammen diesen Spuk beenden!“
      Da wirbelte ein großer Sandwind aus Qybokkls Schale, der Shiívín sogleich verschluckte, und der den ganzen Lagerplatz in dunkle Schleier hüllte. Laut schrien Ltveks Krieger, denn die Sandkörner blendeten sie. Qybokkl aber blendeten sie nicht, denn Hseqa war es, der den Sand wie eine Waffe führte, und kein Verbündeter, der Ehre hat, greift einen Kampfgefährten an.
      „Ltvek!“ rief da Qybokkl. „Nun sind es du und ich, in diesem Kampfkreis, wie es gut und richtig ist! Drum kämpf mit mir und sei nicht feige!“
      So kämpften sie im Licht ersterbender Blitze, und Qybokkl, der jung und stark und zornig war, besiegte Ltvek im ersten rechten Zweikampf, den der Hüne seit vielen Regenzeiten fechten musste. Denn feige hatte Ltvek immer seine Männer vorgeschickt und sich allein auf seine Großgestalt und seinen Ruf verlassen.
      Und siegreich war auch Hseqa, denn der Sandwind legte sich und offenbarte Ltveks Männer, die hustend sich dort auf den Boden kauerten. Shiívín aber war nicht mehr.
      Da sprach Qybokkl: „Wer viel prahlt kämpft selten gut. Wer von euch will der nächste sein?“
      Doch alle flohen sie voll Furcht, wie Beute vor dem Jäger. Und lachend sah Qybokkl sie rennend in der Nacht verschwinden. Und er lachte immer noch, als Hseqa neben ihm erstrahlte und stolz den Blitz in Händen hielt, der Shiívíns Speer gewesen war.
      „Das war ein guter Kampf, so will ich meinen! Nun kann ich stolz an Ch’t’uQs Seite treten, und dir, Qybokkl, danke ich dafür.“
      Qybokkl aber freute sich für Hseqa, und sah ihm nach auf seinem Weg nach oben in die Lüfte, wo er am Morgen ganz gewiss zu Ch’t’uQs lichter Heerschar stoßen würde.
      Doch hob er großes Klagen an, als er die Reste seiner Feuerstelle sah, wo nur noch Gluten glommen. Und mittendrin, verkohlt, der Sack mit seinem Zcí. Und selbst das Ckkurhfleisch, das nicht im Feuer lag, war voller Sand und ganz zertrampelt von zu vielen Füßen. Und seine Essensschale war entzwei und schwarz, fast wie vom Blitz getroffen, und selbst sein Zelt war hin.
      „Akh!“ schimpfte da Qybokkl. „Süßer Ruhm schmeckt zwar fast besser als die Droge, deren Rausch verblasst, doch steh ich nun mit nichts als meiner Waffe da, und als Trophäe bleibt mir nur der feige Ltvek. Und dessen schweren Leib mag ich nicht so weit tragen. Drum werde ich im ersten Dämmerlicht geschwind nach Hause eilen und meine Lehrer Nekchr, Chagh und Tirshe zu dieser Stätte holen.“
      So dachte und so tat er es, und freudig wurde er empfangen, und staunend hörten alle, was sich dort am Felsenlager nächtens zugetragen hatte.
      Und gerne machten die drei Lehrer sich mit Qybokkl auf den Weg, derweil der Rest des Clans in Eile Spähtrupps bildete, um Ltveks Mannen aufzuspüren.
      Doch ach, was mussten sie da sehen, als sie die Feuerstatt erreichten? Ein wildes Tier – es konnte nur ein Hchslok sein, kein anderes war stark genug – das hatte sich Ltveks bedient, und nichts war mehr von ihm zu sehen als eine Schleifspur. Der folgten sie und fanden an deren Ende nichts als ein paar frische Knochen.
      Da hockte sich Qybokkl ganz betrübt auf seine Fersen und barg den Kopf in seinen Armen, denn ausgezogen war er voller Hoffnung und mit nichts zurückgekommen.
      Da tröstete ihn Nekchr: „Ach, gräm dich nicht, Qybokkl. Du sagst, du hättest Zcí erbeutet in der Naszh, und hier an deinen Armen seh’ ich frisch verheilte Bisse.“
      „Verzweifle nicht, Qybokkl, denn Sieg und Verlust im Kampf liegen oft dicht beisammen“, sprach ihm da Tirshe zu. „Du sagst, du hättest Ckkurhfleisch erbeutet, und hier seh’ ich ein Loch in deinem Überwurf, und ein paar Strähnen Fell.“
      „Und weißt du was, Qybokkl“, lächelte da Chagh. „Meines Vaters Vater, der hatte einst einen Gefährten, mit dem er Ruhm und Felle teilte, als sie noch junge Krieger waren, und Hseqa war sein Name. Drum weiß ich dass der damals in der Wüste während eines Sturms verschwand, und niemand hat ihn mehr gesehen bis du ihn dort getroffen hast.“
      Da hob Qybokkl seinen Kopf und wagte kaum zu fragen: „So wollt ihr mir, obwohl ich nichts dem Clan zu zeigen habe, dennoch Glauben schenken?“
      Da nickten alle drei und sprachen: „Du hast dem Clan etwas gezeigt, nämlich dass du wahr und ehrlich sprichst. Und das ist es, auf was man sich in Jagd und Kampf, in Freud und Leid verlassen können muss - auf das Wort eines Kriegers.“
      Da war Qybokkl wieder froh, und sie kehrten ins Tal zurück, wo bald die Spähtrupps wiederkehrten und frohe Kunde brachten von ihrem leichten Sieg über Ltveks verstreute Mannen. Und alle freuten sich und feierten ein Siegerfest zusammen, mit Vozzocschnaps und frischem Fleisch und wer es wollte, badete im Fluss.
      Und mehr als eine junge Kriegerin kam zu Qybokkl, um den tapfren Krieger kurz oder lang zu küssen – grad da auf seine rechte Wange, wo das Kindsmal war. Denn hieß es nicht, es sei ein Segensmal und habe ihm Glück gebracht?
      Die ganze Küsserei indes machte Qybokkl sehr verlegen, so dass das blasse Kindsmal an diesem Abend stets errötet war.
      Und Qybokkl war’s zufrieden und blieb noch eine zeitlang dort bei seinem Clan.

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      Hinter dem vierzehnten Türchen tut sich eine verschneite Hochebene auf, aus der ein einzelner, nicht zu übersehender Hügel heraus ragt. Doch dieser Hügel ist alles andere als einsam und verlassen, denn in ihm sind viele kleine Fenster, aus denen er in der Abenddämmerung leuchtet, und einige kleine Kamine, aus denen er qualmt und dampft: Im Inneren leben etwa zweihundert Zwerge, unter ihnen lebte auch einst einer namens Berthold Runschildner…



      Ein Brief von Berthold


      Es war ein klarer Winterabend wie heute. Berthold freute sich bereits auf ein entspannendes Schlammbad, um seine alten Knochen nach stundenlangen Nahkampfübungen in der Kälte wieder aufzuwärmen. Doch bis es so weit war, setzte er sich mit einer Tasse Tee an seinen Tisch, um einen Brief zu verfassen. Irgendetwas, um eine bestimmte Lefhin in der eisigen Jahreszeit etwas aufzuwärmen.
      Wenn er sich die Umstände hätte aussuchen können, wie er sie kennengelernt hatte, wären es sicher ganz andere gewesen. Andererseits hatte er mit der Freundschaft, die sich zwischen ihr und ihm entwickelt hatte, eine schrecklichen Tragödie doch zu einem guten, oder zumindest weniger schlimmen, Ende gewendet. In jedem Fall war er es ihr schuldig, etwas Nettes zur herannahenden längsten Nacht des Jahres zu schreiben.
      Der alte Zwerg überlegte kurz, wovon er berichten konnte. Das erste was ihm einfiel war der heutige Tag mit seinen drei Lehrlingen, der zwar mühsam, aber auch erfüllend war. So legte er das Pergament in den Schein einer alten Froschlampe, stellte das Tintenfass neben sich und griff zu einer schlichten, aber sorgsam gefertigten Stahlfeder.

      Hej-Ho, werte Freundin Cheulanya!

      Das Fest der Wintersonnenwende steht kurz bevor und ich freue mich, dir endlich einmal aus freudigerem Anlass schreiben zu dürfen.
      Meinen Lehrlingen Ina, Ida und Burkhart geht es auf jeden Fall prächtig und sie beherrschen den Schild schon wunderbar! Und das, obwohl sich immer noch ein paar Hochnasen finden, die etwas gegen meine Trainingsmethoden haben. Manchmal habe ich dabei das Gefühl, sie wären neidisch, dass wir Zwerge so kompakte Körper haben. Bei den jetzigen Temperaturen kann der von Vorteil sein, wenn man draußen mal ein paar Übungen ohne Kleidung macht, aber ich als Zwerg finde nicht, dass ihr Lefhen euch deswegen für eure filigrane Figur schämen müsst.


      Der grauhaarige Zwerg hatte diesen Absatz noch nicht ganz zu Ende aufs Pergament gebracht, als es an der Tür klopfte. "Einen Moment" rief er und schrieb den letzten Satz noch zuende, bevor er aufstand und öffnete. Dort stand eine große, ziemlich feiste menschenähnliche Gestalt, weder Mann noch Frau. "Holerö!" rief das seltsame Wesen und wischte sich die pink, grün, blond gesträhnten Haare aus dem Gesicht "Na, wie geht's dir, Bert?" - "Hey-Ho, Momphley! Mir geht es gut." grüßte Berthold zurück "Ich schreibe gerade einen Brief an Cheulanya."
      "Oh! Das ist ja fabulös!" lächelte Momphley und hielt ihm einen glutorangen Kristall vors Gesicht, der noch mehr glitzerte als die silbernen Ringe, die es in Nase und Oberlippe trug. "Kannst den hier von mir der Tschöö zur Wäntnacht schenken? Lefhen mögen doch auch Glitzerkram, oder? Hihihihihi! Glitzer, Glitzer! Hihihi!" - "Ja, das wäre wirklich ein schönes Geschenk." nickte der Zwerg und nahm den Kristall "Wünschst du dir eigentlich etwas Bestimmtes zum Fest?"
      "Ooooh jaaaa!" rief Momphley und kicherte, dass der aus der viel zu knappen Hose quellende Speck wackelte wie Pudding. Das Wesen kramte ein pechschwarzes, nur mit einem dreispeichigen Sonnenrad verziertes Buch aus der Tasche, schlug eine Seite auf und zeigte auf eines der vielen, unerwartet farbenfrohen Bilder "So was! Melina sieht damit sooo süß aus! Hast du das Kapitel schon gelesen?"
      "Nein und ich habe jetzt leider auch keine Zeit dafür. Ich möchte heute noch den Brief zu Ende schreiben und ein Bad nehmen. Wenn du möchtest, kannst du gerne morgen früh wieder kommen. Im Schlafsaal sollte für dich auch noch ein Bett frei sein." - "Null Problemo! Ich kenn mich ja hier im Kessel aus..." lächelte Momphley "Ta-ta!" - "Bleib munter!" verabschiedete sich Berthold mit einem freundlichen Faust-an-Faust-Stoß, schloß die Tür und setzte sich wieder an den Schreibtisch, um seinen Brief fortzusetzen.

      Wir sind für eure Verhältnisse vielleicht ziemlich dickschädlig, aber nicht engstirnig, zumindest was unser Gefühl für Ästhetik betrifft. Gerade Momphley erinnert mich stets daran, dass es mehr als eine Art von Schönheit gibt.
      Was dieses wundersame Wesen angeht, scheint es* übrigens die verloren geglaubte Freude, wie es sie früher versprühte, wieder zurückgewonnen zu haben. Erst kürzlich hat Momphley die ersten Kapitel von einer zauberhaften Bildererzählung gelesen und meinte, sie wäre mindestens fünf Myriaden mal besser als der beliebteste Liebesroman Lefhenims. Außerdem lässt es fragen, ob du gerne Kristalle und anderen Glitzerkram magst. Dabei kichert es wie ein kleines Mädchen, wenn es "Glitzerkram" sagt und wünscht sich zum Fest mit rosa Plüsch bezogene Handfesseln. Bei all meinen seltsamen Launen als Zwerg: Auch gutmütige Dämonen können manchmal etwas merkwürdig sein, findest du nicht?
      Andererseits scheint der Schaffer der Bildererzählung das Zusammenspiel von Natur und Artefakt so gut verstehen, wie sonst kaum ein anderer Langbeiner. Ich habe nur wenig gelesen, aber wie die Hauptpersonen es schaffen, ihre gegenseitige Zuneigung auch in ihren reizenden Kleidern auszudrücken, ist wirklich wundervoll. Was ich sonst von diesem Werk mitbekommen hatte, war auch sehr witzig. Selbst die Szenen, die mich irgendwie an Inga und ihren Sühneweg erinnerten.


      Berthold hielt einen Moment inne. Ihm fiel es schwer, über Inga zu schreiben. Aber nun wo er den letzten den Halbsatz geschrieben hatte, gab es kein Zurück mehr, denn hätte er seine Runen in Stein gehauen, hätte er sie auch nicht einfach wegkratzen können.
      Er dachte an Momphleys Narben und fragte sich, ob auch Cheulanyas so gut verheilt waren. Nachdem die verfluchte Klinge ihres Cousins zerstört worden war, konnte auch Momphleys Seele wieder genesen und auch sonst hatte die Hatz auf unschuldige Naturgeister ein Ende.
      Aber hatte die Lefhin Inga wirklich das verziehen, was sie ihrem geliebten Verwandten angetan hatte, um an die Waffe zu gelangen? Allzu oft war das Wort eines Lefhen weniger wert als der Atemzug, mit dem er es sprach.
      Doch dann erinnerte er sich, dass Cheulanya noch eine der wenigen war, die ein wahrhaftes Herz besaßen.
      Er goß sich einen Schuss Gerstenbrand in den eh schon lauen Tee und grübelte noch eine Weile darüber nach, wie er von Inga berichten konnte, ohne dem Brief zu viel von der Freude zu nehmen, die er eigentlich schenken wollte. Dass Inga und er in ihrem ersten Brief gezwungen waren, Cheulanyas Herz zu brechen, war schlimm genug.
      Diesmal sollte es anders werden, dachte sich Berthold, als er seinen letzten Satz noch einmal durchlas, und leerte seinen Becher. Dann atmete er noch einmal tief durch und griff wieder zur Feder.

      Die hat sich übrigens zu den Schwarzfüßen in ein Kloster hier im Hochland von Nelkyberde zurückgezogen. Dort will sie sich um den Garten kümmern und im Herbst einen Apfelbaum für deinen Cousin Almafiel, "Sohn des Apfelbaums", pflanzen. Sie ist immer noch beeindruckt davon, wie du es geschafft hast, einer Grausigen wie ihr zu verzeihen. Besonders bewundernswert fand sie es, weil sie noch in ihrem letzten Brief geschrieben hatte, dass sie wohl niemals Vegetarierin wird. Aber so wie ich sie kenne, wird es für sie zum Festmahl wahrscheinlich den einen oder anderen Rebbsen-Krepel geben. Vielleicht habe ich selbst den einen oder anderen dafür verdient, dass ich nicht den Mut hatte, deinem Cousin selbst das Schwert abzunehmen.
      Was mich angeht, hoffe ich, dass du an diesem Brief Freude hast, auch wenn ich vielleicht am Ende weniger freudvolle Erinnerungen erweckt habe. In jedem Fall bin ich einfach nur dankbar dass es noch Spitzohren wie dich gibt.
      Deshalb erhebe ich jetzt meinen Becher voll Nurrak auf dich und deine Familie. Zum Fest werde ich dir auf jeden Fall etwas guten Ziegenkäse, ein paar Plumknutzen und eine kleine Überraschung schicken. Vielleicht sehen wir uns auch irgendwann einmal wieder.
      Möge Mardok-Ishar stets mit einem Lächeln auf euch blicken!

      Dein stets treuer und hilfsbereiter Freund

      Berthold Runschildner


      Als er endlich seinen Namen unter das Schreiben gesetzt hatte, seufzte Berthold laut, denn ihm fiel der letzte Teil wirklich nicht leicht.
      Dann kam aber die Zuversicht, dass Cheulanya spätestens jetzt Inga verstehen würde: Wäre sie es nicht gewesen, dann wäre es der fanatische Wahn gewesen, der Almafiel ins Verderben geführt hätte und mit ihm viele andere.
      Schließlich rollte der Zwerg den Brief mit einem Lächeln zusammen und steckte ihn in eine bereits fertig adressierte Baumgrasröhre, auf die er zu guter letzt einen Pfropfen steckte. Jetzt fehlte nur noch das Siegel, aber das würde er am nächsten Tag beim Postamt bekommen, also legte er die Röhre wieder auf den Tisch.

      Schließlich ging er ins Badezimmer, wo er feststellte, dass das Feuer im Badeofen längst erloschen war. Stets nett zu den Spitzohren zu sein war eben nicht leicht, wie seine Übungen. Aber die Freundschaft war ihm letztlich wichtiger als der Badeofen. Vielleicht würde er damit etwas verändern, wie mit seinen Übungen.
      Letztlich war ihm selbst das völlig egal. Zu seinem Glück genügte es ihm, einfach zu tun, was getan werden musste.

      Damit war er bei weitem nicht der einzige Zwerg, aber das ist eine andere Geschichte....

      ---
      * im zwergischen Original geschlechtsneutral, aber nicht sächlich
      Kessel = Unterirdische Zwergensiedlung, insbesondere der zivile Teil, in dem sich auch Schlafsäle für Gäste befinden.
      Rebbsen-Krepel = Krepel sind ein Fettgebäck, das oft auf verschiedenste Art gefüllt wird. Rebbes-Beeren, kurz Rebbsen sind eine saure und manchmal leicht bittere Beerenart. Krepel mit Rebbsen-Füllung werden traditionell denen serviert, die ein mitunter schmerzhaftes, aber ansonsten relativ ungefährliches, zwergisches Sühneritual ehrenhaft über sich ergehen lassen.
      Nurrak = Alkoholisches Getränk, das aus Honig, Kakao und verschiedenen Gewürzen hergestellt wird. Im Winter wird es auch gern heiß getrunken.
      Plumknutzen = Süßes, zwergisches Gebäck mit Trockenobst und Nüssen.
      Baumgras = Dickhalmige und besonders winterharte Bambusart, die auch in kühleren Gebieten der Zwergenreiche heimisch ist.


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      Die tiefstehende Sonne erreicht den Boden der schmalen Gasse nicht, welche eine Frau mittleren Alters gerade zielstrebig durchquert. Hier in den Schatten kündigt sich schon die abendliche Kälte an. Die Frau bemerkt das fünfzehnte Türchen nicht, obwohl sie dicht daran vorbeigeht, denn sie hat nur Augen für ihr Ziel. Zwei Gestalten erwarten sie schon im halboffenen Hauseingang. Sie nickt ihnen zu und als sich die Haustür langsam schließt, sieht man sie noch eine Treppe hinaufsteigen…



      Die Nacht der Magierin


      „Warum bist du Magierin geworden?“
      Es war nur eine einfache Frage, doch die Antwort darauf bedurfte einen deutlichen längeren Gedankenprozess, als es Renos für nötig hielt.
      „Taresia?“, fragte der Junge, der aufrecht im Bett saß und die Magierin betrachtete.
      Sie seufzte nur und strich dem kleinen Jungen über seine haselnussbraunen Haare. „Ich bin mir da nicht so ganz sicher.“
      Renos schien mit der Antwort überhaupt nicht zufrieden zu sein und verschränkte die Arme vor seiner Brust und versuchte möglichst schmollend zu blicken.
      Taresia hatte den Jungen erst vor wenigen Tagen kennen gelernt. Ein schweres Fieber hatte ihn erfasst und erst als ihre Hilfe in Anspruch genommen wurde, ging es ihm schließlich besser.
      Die Magierin hatte den Ursprung des Fiebers im Körper des Jungen gereinigt und ihm so bei der schnellen Genesung geholfen. Das Renos sehr aktiv auf magische Dinge reagierte, erleichterte die Behandlung sogar.
      Taresia erinnerte sich noch sehr genau an dem Tag, als ihre magischen Fähigkeiten entdeckt worden waren, und ihr beinahe das Leben nahmen. Wären die Magier nicht gerade in der Nähe gewesen, hätte sie sich wahrscheinlich in einen Klumpen Asche verwandelt, wie alle Magier, deren Fähigkeiten zu früh erwachten und die nicht das Glück hatten, dass ein Magier ihre unkontrollierten Ausbrüche in Bahnen lenken konnten.
      Die Magier hatten gedacht, zwei sehr starke Magier würden sich innerhalb eines Hauses duellieren. Doch das Kind war alles, was sie fanden und einige hofften, Taresia könnte eine enorm mächtige Magierin werden, die man formen konnte. Doch Taresia war nur in einem Gebiet der Magie zu etwas zu gebrauchen: Heilmagie. Alle anderen Gebiete erschienen ihr fremd und sie erlernte erst nach ihrer Ausbildung einige einfache Sprüche in der Kampfmagie.
      Nicht weil sie nicht wollte, sondern weil sie die einfachsten Strukturen für Sprüche in diesem Bereich lange Zeit einfach nicht halten konnte. Die Enttäuschung einiger Magier ging ihr selbst jetzt nicht aus den Kopf.
      „Du siehst so traurig aus“, bemerkte Renos einen Moment später.
      Ja, dass war sie auch. „Ich bin nicht traurig. Ich bin vor allem froh, dass es dir wieder besser geht. Das ist alles. Nun solltest du aber schlafen, damit du wieder zu Kräften kommst.“ Eine sehr schwache Lüge, doch Taresia ignorierte ihre innere Stimme.
      Der Junge akzeptierte die Antwort und legte sich hin. Es war schon lange dunkel und der Junge würde sich noch einige Tage richtig ausruhen, bevor er wieder in die Schule konnte.
      Bei dem Gedanken gingen der Magierin einige Dinge durch den Kopf. Eine Schule hatte sie nie besucht, musste alles bei den Magiern lernen: Lesen, Schreiben, Rechnen. Darüber hinaus musste sie Unmengen an magischen Formeln und ihre Strukturen verinnerlichen, um neue Sprüche zu bilden. Es war mühsam und doch hatte sie einen gewissen Spaß daran gehabt, neue Dinge zu lernen und sie zu verfeinern. Freunde in dem Sinne hatte sie während der ganzen Ausbildung keine und hielt sich vor allem an die Ausbilder, die ihr Potenzial in der Heilmagie sehr schnell erkannten und entsprechend förderten.
      Noch in Gedanken versunken verließ sie das Zimmer des Jungen, ging die Treppe hinunter und die beiden Eltern warteten schon ungeduldig auf sie in der Küche.
      „Wird er wieder ganz gesund?“, fragte die Mutter und krallte sich an den Arm ihres Mannes.
      „Alles ist in bester Ordnung“, sagte Taresia gelassen und aus dem panischen Gesichtsausdruck der Mutter wurde ein dankbares Lächeln. „Nur eine schwere Magen-Darm-Erkrankung.
      Bitte sagen Sie mir Bescheid, sollte sich sein Zustand wieder verschlechtern und warten Sie nicht mehr so lange.“
      Die Mutter nickte. Sie fühlte sich schuldig, war sie es doch, die sich vor der Behandlung durch eine Magierin gefürchtet hatte. Taresia kam in allerletzter Minute und konnte gerade noch so, das Leben des Jungen retten. Den Grund für das Misstrauen der Frau kannte Taresia nicht.
      „Ich wünsche Ihnen noch einen guten Abend“, sagte Taresia freundlich und verabschiedete sich von den Eltern wobei sie für den Jungen noch einen netten Gruß da ließ.
      Als sie vor die Tür ging, zog sie ihren Umhang enger um sich. Kein Umhang eines Magiers. Dafür hätte sie in der Akademie arbeiten müssen und da es ein gegenseitiges Verständnis gab, dass sie dort weder arbeiten wollte, noch konnte, stand es ihr frei, ganz normale Kleidung zu tragen, wodurch sie sich von anderen Bürgern nicht unterschied.
      Die Luft im Frühjahr war noch kühl, fast schon kalt. Dampfende Wolken bildete ihr Atem und sie zog es vor schnell nach Hause zu gehen.
      Renos Frage wollte ihr nicht aus den Kopf gehen. Warum war sie eigentlich Magierin geworden? Sie hätte es nicht gemusst. Ihre magischen Fähigkeiten brachten ihr zwar die Möglichkeit, doch durch ihr Wissen, welches sie während der Ausbildung gesammelt hatte, hätte sie auch einen anderen Beruf ausüben können. Doch sie wäre dann in den Augen der Magier jemand Ungewöhnliches gewesen.
      Taresia war in Wirklichkeit keine gewöhnliche Magierin. Ehrlicherweise musste sie zugeben, dass sie zu den wenigen Magiern gehörte, die man nicht in eine Kategorie pressen konnte.
      Jeder im Umkreis von einigen Meilen, sollte er magische Fähigkeiten haben, würde sehr wohl wissen, wo sie sich befand. Magier sahen die Magie durch ihren Geist wie ein Mensch Rauchschwaden sieht. Taresia hingegen leuchtete wie ein Leuchtturm in der Dunkelheit.
      Sie stellte sich das verwunderte Gesicht eines Magiers vor, wenn er über den Markt schlenderte und eine Magierin entdeckte, die Kräuter und Gemüse verkaufte. Bei dem Gedanken musste sie lächeln und folgte dem Weg zu ihrem Zuhause.
      Bald zwanzig Jahre später lebte sie allein in ihrem kleinen Haus, welches sie sich vor Jahren gekauft hatte. Die Hoffnung, einen Mann zu finden hatte sie schon lange aufgegeben. Magier heirateten meist andere Magier und die normalen Menschen blieben unter sich, doch Taresia tanzte so sehr aus der Reihe, dass es kaum ein Magier in ihrer Nähe aushalten konnte. Ihre magische Aura bereitete anderen Magiern auf langer Sicht Kopfschmerzen und Unwohlsein.
      Das war der ausschlaggebende Grund, warum sie allein lebte und arbeitete. Ihre Aufträge bekam sie von der Akademie zugestellt.
      So in Gedanken versunken, bemerkte sie nicht, wie sie sich von ihrem eigentlichen Weg entfernt hatte. Sie wusste nicht so recht, was sie nun tun sollte. Plötzlich erschien ihr die Umgebung sonderbar vertraut. Sie wusste sehr genau, wo sie war, so als sei sie erst vor kurzem hier gewesen und doch war sie sicher, noch nie diese Straße betreten zu haben.
      Unsicher blickte sie sich um. Sollte sie einfach zurück gehen und ihren alten Weg wieder aufnehmen? Ein Schrei unterband jegliche Entscheidung und sie wirbelte herum. Der Schrei wiederholte sich und sie war sich bewusst, dass ein Menschenleben in Gefahr schwebte.
      Taresia rannte los. Der Schrei erklang ein drittes Mal. Dieses Mal schwächer und doch ernster als die davor. Es musste etwas Schreckliches passiert sein.
      Die Magierin versuchte die Strecke so schnell wie nur möglich zu überwinden, sie bog um eine Ecke. Geräusche und Stimmen waren zu vernehmen, doch noch war sie zu weit entfernt. So schnell ihre Beine trugen bog sie noch ein letztes Mal ab und sah endlich, was die Ursache für die Schreie war.
      Zwei Männer und eine Frau. Sie standen in einer Ecke einer Sackgasse und das Mädchen sah panisch aus, ihre Kleider zerrissen, ihr Körper entblößt. Die Magierin brauchte keinen Herzschlag, um zu verstehen, was hier vor sich ging. Einer der Männer hatte das junge Ding an ihrem schwarzen Haarschopf gepackt und sie erneut gegen die Wand gestoßen.
      „Lasst sie los“, schrie Taresia. Sie war noch einige Schritte entfernt. So nah und doch so fern.
      Der Mann, der das Mädchen hielt, packte sie am Arm, riss sie herum und nutzte sie als lebenden Schutzschild. Die dunklen Augen fixierten sie und Hass und Verlangen gleichermaßen sprachen aus ihnen.
      „Was haben wir denn da?“, fragte der Mann mit dem nachtschwarzen Haar lüstern. Er sah aus, als sei er einem Rabenei entsprungen. Mit einem Kopfnicken gab er seinem blonden Komplizen den stillen Befehl, sich um Taresia zu kümmern. Durch das schwache Licht konnte Taresia aber seine Gesichtszüge kaum erkennen.
      Dennoch war sie im Vorteil. Die beiden Männer hätten wahrscheinlich sofort die Flucht ergriffen, hätten sie gewusst, dass die Frau, die mutig stehen blieb, eine Magierin war. Sie trug nicht den Umhang eines Magiers, keine goldene Schärpe, kein Mitglied der Akademie.
      Sie hätte in einer Schänke arbeiten können, oder auf dem Markt. Niemandem wäre es aufgefallen, niemandem außer einem Magier.
      Sie stand da, bereit loszuschlagen mit den Waffen, die ihr zur Verfügung standen. Sie hatte vielleicht nur einen Versuch und würde ihn nutzen müssen.
      „Ich habe gesagt, Ihr sollt sie loslassen“, wiederholte Taresia möglichst streng. Sie war sich ihrer Lage bewusst und dennoch war Angst in ihrem Inneren, verborgen hinter dem Mantel jener Entschlossenheit, die eine mutige Frau empfand, um ein junges Mädchen zu retten.
      „Wollt Ihr mit der Kleinen den Platz tauschen?“, fragte der Mann und rüttelte an dem Mädchen während er mit einem Lächeln sein Gebiss zur Schau stellte. Trotz seines Alters waren schon die meisten Zähne verschwunden. Es verstärkte nur den Anschein eines hohlen Lächelns. Das Mädchen wimmerte nur und wagte nicht mehr, sich zu Wort zu melden.
      Der Blondschopf war in dieser Zeit bis auf fünf Schritte heran gekommen. Er würde jeden Moment los sprinten und Taresia mühelos einholen.
      „Ich warne Euch ein letztes Mal“, sagte Taresia angespannt und fokussierte sich schon auf den einzigen Zauberspruch, der in seiner Struktur in ihrem Geist schon fertig war und nur noch abgeschlossen werden musste, um ihn zu wirken.
      „Hol sie dir“, sagte der Rabenmann knapp und der Komplize tat einen Schritt vor.
      Taresia machte keinen Schritt zurück, sondern einen vor, hob die Hand und entlud den Spruch, den sie seitdem sie in der Gasse eingebogen war, langsam formte.
      Die Luft verzerrte sich und schoss auf den Mann zu. Da er gerade in der Vorwärtsbewegung war, bekam er die ganze Energie des Spruches ab. Er wurde nach hinten geschleudert und schreiend gegen die Wand geworfen. Sein Kopf knallte unsanft gegen den Stein und Taresia rannte los, direkt auf das Mädchen zu.
      „Verdammt“, zischte der Rabenmann. Im nächsten Moment hatte er ein Messer in der Hand und holte aus.
      „Nein“, schrie die Magierin und versuchte durch einen neuen Spruch zu verhindern, was nicht mehr zu verhindern war. Der Spruch streifte den Mann an der Schulter, doch es war zu spät. Die Klinge hatte sie bereits tief in den Unterleib des Mädchens gebohrt. Ohne einen Schrei sondern mit einem klagenden Stöhnen ging sie zu Boden und der Mann wirbelte herum, fasste sich an die Schulter und begann seine Flucht anzutreten.
      Taresia wusste, dass sie einen Fehler beging, als sie ihn verfolgte, einen neuen Spruch formte und ihn mit aller Gewalt auf den wehrlosen Mann los ließ.
      Der Spruch krachte ihm in den Rücken und brach ihm beide Beine und das Genick. Er stürzte wortlos zu Boden. Taresia wusste, dass er nie wieder aufstehen würde und wirbelte herum, zurück zu dem Mädchen.
      Als sie bei ihr war, schwand ihre Hoffnung. Das Blut hatte eine große Lache gebildet. Sie ging auf die Knie und spürte, wie das Blut den Stoff tränkte. Die Klinge steckte noch und hatte nicht das Rückgrat verletzt.
      Taresia zog das Mädchen zu sich, welches schmerzhaft aber nur leise aufschrie und umarmte das Mädchen fest mit beiden Armen. Taresia spürte, dass sie eiskalt war und zitternd hielt sie sich an der Magierin geklammert, während Taresia sie wärmte. So konnte sie immer noch die Wunde versorgen und legte die Finger an den Griff. Sie würde schnell handeln müssen. Sie konnte die Verletzung nicht heilen, solange die Klinge steckte. Doch sobald sie daran zog, würde die Blutung ihr noch mehr Lebenskraft nehmen.
      „Es wird weh tun“, sagte Taresia und packte den Griff. Dann zog sie die Klinge heraus. Sie benötigte einige Kraft und ließ die blutige Klinge auf den Boden fallen.
      Sie presste ihre beiden Hände auf die Wunde, schloss die Augen und ließ all ihre Kunst in den geschändeten Körper fließen. Der Spruch für die Heilung war leicht und schnell zu formen, doch sie spürte, wie der Herzschlag des Mädchens schwächer wurde, wie das Leben aus ihr floss. Viel zu langsam ging die Heilung vonstatten. Schweiß stand ihr auf der Stirn, als sie begann, auch ihre letzten Kraftreserven zu verbrauchen. Muskeln wuchsen wieder zusammen, Blutgefäße verbanden sich und Haut wuchs wieder zusammen. Es würde nur eine Narbe zurück bleiben, ein Beleg für diese Nacht, für diese Tat.
      Taresia sackte zusammen, als auch der letzte Tropfen ihrer Macht aus ihrem Körper war und sie nichts mehr tun konnte, als zu hoffen, dass es reichen würde.
      Sie fühlte nach dem Puls des Mädchens. Er war schwach, aber wenigstens schlug das Herz noch. Taresia zog sich mühsam ihren Umhang aus und wickelte das Mädchen darin so gut es ging ein. Sie selbst spürte die Kälte um sich herum kaum. Früher oder später würde jemand kommen und sie finden. Sie konnte das Mädchen nicht bewegen, nicht in ihrem jetzigen Zustand. Und die Ausübung von Magie, vor allem bei zwei Sprüchen in der Kampfmagie, würde die Akademie wahrscheinlich in helle Aufregung versetzen.
      Da fiel ihr plötzlich die Frage von Renos wieder ein: „Warum bist du Magierin geworden?“
      Bei dem Gedanken blickte sie sich um und versuchte die beiden Männer zu ignorieren, die sich nie wieder erheben würden. Aber ein Lächeln bildete sich dennoch auf ihren Lippen, als sie das Mädchen betrachtete. Sie wusste im Inneren, dass sie es schaffen würde. Das dieses Mädchen, trotz der Pein, die sie ertragen musste, leben würde.
      Vielleicht war sie deswegen in diese Gasse gegangen. Vielleicht war sie eine der wenigen Magier, die eine Vorahnung von ihren Taten hatten, noch bevor sie geschahen. Viele Geschichten hatte sie darüber gelesen. Vielleicht aber waren die Götter einfach nur gnädig zu ihr gewesen und hatten ihr eine Antwort auf eine Frage gegeben, die sie bisher nicht beantworten konnte.
      „Warum bist du Magierin geworden?“
      Taresia hatte nun eine Antwort: Um denen zu helfen, die sich nicht selbst helfen können.
      Sie schloss die Augen dankbar, als sie die Geräusche von schnellen Schritten vernahm. Hilfe war unterwegs. Taresia lächelte und wünschte sich nur noch ein heißes Bad.

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      Das sechzehnte Türchen führt in eine schneebedeckte Ebene, die sich in der Ferne mit dem Horizont vereint und vollkommen menschenleer erscheint – doch nur auf den ersten Blick. Denn nicht allzu weit von einer der großen Wollrattenherden, die sich gegen die Kälte dicht zusammendrängt, hat ein Verbund rodianischer Nomaden sein Lager aufgeschlagen. Aus ihrem Iglu dringt Musik – Trommelklang, Flötentöne und Saitengeklimper, die allesamt zur Untermalung einer Stimme dienen, die nun eine alte Rodianerweise vorträgt...



      Weit und Weiß


      Weit und weiß, so lieb ich dich
      Weit und weiß, ich steh zu dir
      Weit und weiß, bist du, mein Land
      Weit und weiß, wie du mein Land
      Weit und weiß, so ist mein Herz

      Weit ist die Freundschaft
      Weiß ist die Reinheit
      Bodenhart sind unsere Männer
      Schneezart sind unsere Frauen
      Weit ist die Freiheit
      nach der das Herz strebt
      Weiß ist die Weisheit
      die ewig in uns weiter lebt

      Was weit und weiß ist, das ist roda
      Was roda ist, das ist auch gut
      Und so sage ich dir mein Freund:

      Weit und weiß, so lieb ich dich
      Weit und weiß, ich steh zu dir
      Weit und weiß, bist du, mein Land
      Weit und weiß, wie du mein Land
      Weit und weiß, so ist mein Herz

      Weit ist das Leben
      Weiß ist die Vernunft
      Sturmstark sind unsere Frauen
      Schneefallsanft sind unsere Männer
      Weit sind die Tore
      die zu unseren Herzen führen
      Weiß sind die Ahnen
      die unsereins beschützen

      Was weit und weiß ist, das ist roda
      Was roda ist, das ist auch gut
      Und so sage ich dir mein Freund:

      Weit und weiß, so lieb ich dich
      Weit und weiß, ich steh zu dir
      Weit und weiß, bist du, mein Land
      Weit und weiß, wie du mein Land
      Weit und weiß, so ist mein Herz


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      Perlendes Lachen und fröhliche Rufe erfüllen den Hof, den man durch das siebzehnte Türchen betritt. Farbenprächtige Blumen ranken sich an dessen Seiten in die Höhe, und ihr Duft vermischt sich mit den Aromen der Speisen und den letzten Sonnenstrahlen des Tages zu einem warmen Willkommen. Doch nicht dies alleine lockt zum rauschenden Fest, nein, es ist das Lied einer Flöte, der Klang einer Stimme, der Rhythmus einer Trommel, der die Gäste mitten hineinzieht, mitten in die nächste Geschichte…



      Tanahareni und der Sohn der hartherzigen Mutter


      Tanahareni wurde wiedergeboren im Schoß einer Tänzerin. Sie hatte das Kind beim Sangarfest empfangen und wusste nicht, wer sein Vater war. So nahm sie den Sohn als Geschenk der Götter, und das war auch der Name, den sie dem Kind gab – Yasha, was in der Sprache jener Gegend „großzügige Gabe“ heißt. Mahalin, die Tänzerin, lebte in einem Fischerdorf auf einer der kleinen, westlichen Inseln. Sie lebte allein und verdiente ihren Lebensunterhalt, indem sie für die anderen musizierte und tanzte und die Feste fröhlich machte. Das reichte für ein bescheidenes Leben für sich und ihren Sohn. Sie zog Yasha voller Liebe auf und lehrte ihn, die Saiten der Danga zu zupfen und die Trommeln zu schlagen. Sie lehrte ihn zu singen und zu tanzen und die Fußglöckchen klingen zu lassen. Sie lehrte ihn auch, die vierstimmige Saq-Flöte zu blasen, und bald verstand er sich besser darauf als seine Mutter. Mahalin war sehr stolz auf ihren Sohn und pries die Götter für das Geschenk, das er war.
      Yasha wuchs zu einem herrlichen Jüngling heran. Schon als Knabe war er so wohlgestaltet, dass ein jeder ihn gern betrachtete. Dazu war er fröhlich und schaffte es mühelos, den Leuten ein Lachen zu entlocken. So gewann er schon als Knabe viele Herzen und erfuhr viel Liebe. Als Jüngling dann war er so schön, dass man kaum die Augen von ihm lassen mochte. Sein Körper war ebenmäßig, schlank und geschmeidig. Seine Haut war glatt und gebräunt, sein Haar schwarz und lang.
      Stets lachten seine schönen Augen, und von seinen lockenden Lippen träumten viele Mädchen. Wenn er tanzte, weckte das in den Zuschauern Feuer und Leidenschaft, und wenn er die Saq-Flöte spielte, dann träumten sie sich mit den lieblichen Tönen in eine andere Welt. Bald sprach es sich herum, welch besonderen Jüngling es in jenem Dorfe gab und die Menschen kamen von weit her, um ihn zu sehen. Sie kamen mit Schiffen und Sänften, um die Feste mitzufeiern, um Yasha und Mahalin musizieren zu hören und um ihn tanzen zu sehen. Doch bei all der Bewunderung blieb Yasha bescheiden, gutherzig und fröhlich. Er tanzte und sang. Er musizierte und lachte. Und er spielte die Spiele der Liebe mit den Männern und Frauen, die um ihn warben. Oft sagte man ihm, dass er in die großen Städte gehöre, wo er viel mehr Menschen mit seinen Künsten erfreuen könnte. An den herrschaftlichen Höfen waren Tänzer und Musikanten immer willkommen und er könne dort sein Glück machen. Da lachte Yasha aber nur und sagte, dass sein Glück nicht an Gold und Ruhm hing. Aber dennoch lockten ihn die Erzählungen von fernen Inseln und großen Städten und weckten den Wunsch, hinauszuziehen in die Welt. Da war ein Sehnen in seiner Brust, das immer stärker wurde. Und eines Tages sprach er zu seiner Mutter: „Ich will dir nicht wehtun und ich will dich nicht verlassen, aber die Welt ist so groß und ich sehne mich, mehr davon zu sehen.“
      Mahalin kämpfte tapfer gegen die Tränen des Abschiedes. „Mach dir um mich keine Sorgen, mein Sohn“, sagte sie, „ich bin noch jung und kann mir selbst helfen. Zieh du nur hinaus in die Welt, die dir so viel verspricht.“ Und sie gab ihm gute Ratschläge mit auf den Weg. „Urteile nicht nach Äußerlichkeiten“ war einer davon. „Auch in einer schönen Frucht kann ein fauler Kern stecken und hinter einer stacheligen Schale ein süßes Herz.“
      Yasha bedankte sich und versprach, ihren Rat zu beherzigen. Dann umarmte er die Mutter zum Abschied. Er nahm Flöte, Glöckchen und bunte Gewänder und ging an Bord eines Schiffes. Wie war die Mutter traurig! Und wie weinten die Leute des Dorfes und der Insel! Aber die Seeleute waren froh, einen so schönen Musikanten bei sich zu haben. Es war eine fröhliche Fahrt. Tagsüber lachte und scherzte Yasha mit den Matrosen und Händlern, fasste aber auch beherzt zu, wenn eine helfende Hand gebraucht wurde. Abends aber, wenn die Arbeit ruhte, dann zeigte Yasha seine Kunst. Er sang oder spielte Flöte. Oder er tanzte, angetan mit bunten Stoffen, die seinen schönen Körper zeigten.

      So erreichte Yasha eines Tages die Insel Tarpue. Nach manchem Abenteuer auf See betrat er nun die große, bergige Ostinsel, um auch diese kennenzulernen. Es zog ihn zu den Menschen und den großen Städten, von denen er schon so viel gehört hatte. Das Schiff hatte ihn jedoch nur bis zur Südküste gebracht, wo es kleine Fischerdörfer und Reisterrassen gab. Der Weg nach Norden, nach Naxis und Takassis, erforderte noch langen Fußweg oder eine neuerliche Schiffsreise. Yasha machte das nichts aus. Er hatte Zeit und er hatte Freude daran, das Land mit eigenen Füßen zu durchschreiten und kennenzulernen. Auch hier gab es gastfreundliche Menschen, die ihm Obdach boten, auch hier gab es Leute, die seine Kunst zu schätzen wussten und sich an Musik und Tanz erfreuten. So zog der junge Musikant von Ort zu Ort, von Feld zu Feld, blieb mal hier und mal dort zu Gast, wenn ihm freundlich ein Lager geboten wurde. Überall spielte er die vierstimmige Saq-Flöte, zupfte die Saiten der Danga, tanzte mit schellengeschmückten Füßen. Er brachte überall Fröhlichkeit und Freude, und ein jeder sah den schönen Jüngling gern.
      So kam Yasha bis zu einer Wegkreuzung, an der Bauern von der Arbeit in den Reisfeldern ausruhten. Sie lagerten unter einem Sonnenschutz, ließen die heißesten Stunden des Tages verstreichen und beobachteten die Wanderer auf den Straßen. Es gab hier kein Dorf, nur einzelne Häuser und Hütten zwischen den Reisfeldern, auf denen die vielkörnige Ernte emporspross. Yasha scherzte mit den fleißigen Pflanzern und als sie ihn zu Tee und Reiskuchen einluden, ließ er sich gern bei ihnen nieder. Sie teilten das einfache Mahl, Yasha teilte mit ihnen seine Lieder, so dass die Zeit davonhuschte, wie ein Schwarm schneller Fische. Die Männer und Frauen kehrten an ihre Arbeit zurück, Yasha aber blieb unter dem Sonnenschutz sitzen und zupfte die Saiten seiner Danga. Denn da war einer unter den Landleuten, der sein Herz sofort entflammt hatte. Ein junger Bursche, hochgewachsen und kräftig wie ein Krieger, aber heiter und fröhlich wie Sonnenschein. Landaral war sein Name, und er hatte Yashas werbende Blicke wohlgefällig erwidert. Er winkte noch einmal von seiner Arbeit herüber, so dass Yasha froh wurde wie schäumender Wein. Er beschloss, auf einige Zeit hier zu verweilen, sich an der Kreuzung zwischen den Feldern und Häusern einzurichten und für die Menschen zu spielen und zu singen. Und vielleicht gelang es dabei auch, das Herz des schönen Landaral zu erringen. So war es beschlossen und so geschah es auch. Als am Abend die Feldleute von dem Plan erfuhren, da freuten sie sich. Sie eilten heim, um den Verwandten davon zu berichten, und kehrten nach Einbruch der Dunkelheit zurück mit Lichtern und Essen und Wein. Yasha hatte versprochen zu tanzen, zu singen und zu musizieren. Was war das für eine Freude für die einfachen Menschen! Was war das für ein Klingen und Singen zwischen den Feldern. Vögel und Frösche schwiegen achtungsvoll bei Yashas Musik und selbst
      der Mitternachtsvogel blieb stumm, weil sein Lied sich nicht mit Yashas Wunderklängen messen konnte. Die Feldleute schnippten anerkennend mit den Fingern, sie regten ihre Füße zum Tanz, sie sangen und jubelten. Auch Landaral war unter ihnen. Auch er freute sich an Yashas Musik. Und als die Lieder verklangen, die Tänzer müde wurden, da fasste Yasha seine Hand und nahm ihn beiseite. Sie teilten in Liebe das Lager und erfreuten sich an ihren jugendschönen Körpern. Am Morgen aber war Landaral fort. Yasha sah die Sonne über den Inselbergen emporsteigen, er vernahm das morgendliche Streiten der
      Purpuräffchen, er wartete auf die Pflanzer, dass diese zu ihren Feldern zurückkehrten. Er hoffte, den Liebsten unter den Feldarbeitern wiederzusehen – aber diese Hoffnung wurde enttäuscht. Die Bauern kamen zurück auf ihre Felder, Landaral war aber nicht unter ihnen. An seiner Stelle kam seine Mutter, Uitas, die noch eine sehr hübsche Frau war. Uitas war aber auch eine Frau mit festem Willen und gestrenger Hand. Und sie sagte sich: „Wenn mein Sohn sein Herz an diesen anderen verliert, dann wird er von mir gehen, so wie schon sein Vater. Und wenn er mich verlässt, kann ich meinen Teil der Felder nicht bestellen, das Haus nicht bewirtschaften. Ich werde allein sein im Alter und arm. Wenn ich sie trenne, wenn sie sich nicht wiedersehen, dann wird der Fremde gehen und mein Sohn immer bei mir bleiben.“ So hatte sie für sich gesprochen. So hatte sie Landaral auf einen Weg ins nächste Dorf geschickt und die Arbeit auf dem Felde selbst getan. Und Yasha wartete umsonst. Am nächsten Tag schickte sie Landaral an die Küste, Fische zu ertauschen, und solang er in der Nähe der Reisfelder war, blieb sie an seiner Seite. Sie ließ nicht zu, dass Yasha Landaral noch einmal wiedersah. Und als Yasha zu ihrem Haus kam, um nach ihm zu fragen, da versperrte sie die Tür. Sie wies Yasha fort und sperrte ihren Sohn ins Haus.
      Yasha war sehr traurig, den Liebsten nicht mehr zu sehen. Und zugleich sorgte er sich um den Freund, der von der eigenen Mutter eingesperrt wurde wie ein kostbares Stück Vieh. Noch immer sang er und spielte er für die Reisleute, aber seine Lieder waren jetzt traurig, seine Musik voller Schwermut. Die Leute hatten wohl gemerkt, was zwischen den beiden Jünglingen spielte und auch, dass Uitas dies nicht guthieß, doch sie mischten sich nicht ein. Sie mochten auch Yashas traurige Musik, dass er noch spielte, war für sie genug. Und noch immer fanden sich die Leute an den Abenden an der Wegkreuzung ein. Noch immer verbrachten sie gemeinsam die heißesten Mittagsstunden unter dem Sonnenschutz, der Yashas Bleibe geworden war. Auch Uitas war unter diesen Besuchern. Sie maß Yasha stets mit strenger, feindlicher Miene und sprach kein Wort mit ihm.
      Da Yasha so nicht für den Freund bitten konnte, sang er ein Lied:

      Wo der Wald am dichtesten
      und die Bäume nahe beieinander
      einer den anderen umschlingt,
      da hält und schlingt die Pflanze ihre Stütze
      hält sie, nimmt ihr Raum und Luft zu leben
      erstickt den Baum und bleibt zurück,
      ohne die Stütze, die geliebte.

      Zagend zupfte Yasha die Saiten der Danga. Die Zuhörer waren still geworden und Uitas vermied seinen Blick. Er sang:

      Die Fische im Meer
      sind frei und lebendig und froh,
      schwimmen mal hier und mal da.
      Wer den schönsten fängt
      und hält für sich allein,
      nimmt ihm mit der Freiheit auch das Leben,
      verliert, was ihm teuer ist.

      Auch jetzt blieb es still unter den Zuhörern. Die Reisbauern schauten scheu auf Uitas und auf Yasha. Der spielte weiter seine Melodie. Und er sang:

      Manch einer hält sich zur Zierde
      einen Vogel des Waldes in goldenem Käfig,
      zu besitzen, was frei singt und fliegt,
      doch der Zwang erstickt alles Singen,
      der Vogel, der nicht fliegt, der stirbt
      Herz, das nicht frei ist, zerbricht,
      der goldene Käfig bleibt leer.

      Die Landleute, die sehr wohl verstanden, was Yasha mit seinen Liedern sagen wollten, zogen sich leise zurück. Nur Uitas blieb an ihrem Platze und starrte düster vor sich hin. Yashas Finger glitten wie gedankenlos über die Saiten seiner Danga. Er sah sorgenvoll auf die hartherzige Mutter. Hatten seine Lieder ihr Sinnen erweichen können?
      „Ich weiß, was du mir sagen willst“, sprach Uitas da. „Du meinst, es bringt mir nur Unglück, wenn ich meinen Sohn halte. Mir Unglück und ihm Schaden. – Aber du willst ihn nur für dich selbst!“
      Yasha hob achtungsvoll die Hände. „Ich leugne nicht, dass ich mein Herz an deinen Sohn verloren habe, doch das heißt nicht, dass ich ihn besitzen will wie einen Acker oder ein Stück Vieh. Er soll die Freiheit haben, selbst zu entscheiden. Seinem eigenen Herzen zu folgen. Die Freiheit, die du ihm verwehrst. Und das wird euch unglücklich machen. Zwang kann einem Herzen nicht gebieten.“
      „Was weißt du vom Herzen einer Mutter?“ sagte sie da. „Du ziehst durch die Welt und hast deine eigene Mutter allein zurückgelassen, in Einsamkeit, Trauer und Schmerz. Ich kann mir ein Leben nicht denken ohne meinen Sohn und ich brauche seine starken Arme für mein Auskommen.“
      „Ich habe meine Mutter verlassen“, antwortete Yasha ernst, „doch in meinem Herzen ist sie bei mir. Ich denke an sie und fühle, dass ihre Liebe mich begleitet. Sie ist mir näher als du deinem Sohn. Was glaubst du, wie lange er Liebe fühlt gegen Zwang? Du sperrst ihn ein und treibst sein Herz damit doch von dir.“
      Da weinte Uitas. Sie erkannte die Wahrheit in Yashas Worte und fürchtete sich doch vor der Einsamkeit. „Was bleibt mir“, klagte sie, „wenn Landaral geht? Was soll ich hier allein?“
      Yasha betrachtete sie voller Mitleid. „Du bist nicht allein“, tröstete er dann. „Es sind noch andere hier. Du bist hübsch und du bist noch jung, du musst nicht allein sein, wenn du es nicht willst. Du hängst dein Herz an den einen, den du halten willst, und wehrst damit all die anderen fort. Und siehe, ob Landaral dich verlässt, ist nicht gewiss. Es ist seine Heimat hier und du bist seine Mutter.“
      „Er wird dich schon wollen“, weinte sie, „du bist so jung und schön und von den Göttern gesegnet mit deiner Musik. Was sollen ihm dagegen Reisfelder und Gemüsegarten?“
      "Ich würde mich freuen, sein Herz zu gewinnen“, gab Yasha ehrlich zu, „aber ich will keinen Zwang, denn Zwang bringt nur Unglück. Und wer weiß, ob ein Abschied endgültig ist. Die Wege kreuzen sich immer wieder. Auch ich möchte meine Mutter wiedersehen und nicht erst am Ende ihrer Tage.“
      Da war Uitas getröstet von Yashas Worten. Und wie sie so sprachen, da konnte sie sich nicht länger Yashas angenehmen Wesen verschließen. Sie konnte sehr wohl verstehen, dass Landaral an Yasha Gefallen gefunden hatte und brachte es nicht länger übers Herz, die beiden zu trennen. Sie forderte Yasha auf, sie zu begleiten und Gast in ihrem Haus zu sein. Wie froh war Yasha da! Und wie glücklich waren die Jünglinge, als sie einander die in die Arme schließen konnten. Viel hatten sie sich zu sagen und viele Küsse wurden dabei getauscht.
      „Ich habe um dich gebangt“, sagte Yasha dann, „jetzt möchte ich singen vor Glück, dich wiederzusehen.“
      Da lachte Landaral. „Dann singe, wenn das Glück dich dazu drängt. Auch ich bin froh und will singen und tanzen zusammen mit dir.“
      „So wollen wir ein Fest feiern mit all den Menschen hier.“
      Und so geschah es. Die Menschen kamen an der Wegkreuzung zusammen. Ein jeder brachte Essen und Wein, Kissen und Decken. Yasha spielte und sang seine Lieder und Landaral schlug die Trommeln dazu. Was waren da alle froh! Der helle Schellenklang rief zum Tanze, bei dem sich keiner, ob alt oder gebrechlich, ausschloss. Auch Uitas brachte Speisen und Wein, auch sie ließ sich von den lustigen Tönen zum Tanze locken. Sie verschloss ihr Herz nicht länger gegen Yasha und erfreute sich mit all den anderen an seinem Spiel. Und sie, die sich stets missgelaunt und wortkarg vor den anderen Landleuten zurückgezogen hatte, sah nun staunend, dass ein jeder gern mit ihr tanzte und scherzte und ihre Gesellschaft schätzte. Da sah sie, dass Yasha auch hier wahr gesprochen hatte und sie nicht allein bleiben musste, wenn sie es nicht wollte. Das nahm ihr die Sorgen, das machte ihr das Lachen leicht. Und als es kam, wie Uitas es erwartete hatte, konnte sie auch das leichten Herzens ertragen: Landaral schloss sich Yasha an und gemeinsam reisten sie weiter durch das Land und die Inselwelt. Unzertrennlich waren von da an beide, einer der Schatten des anderen. Uitas aber, die zurückblieb, dachte mit mildem Lächeln an die zwei, die so glücklich davongezogen waren. Das Glück ihres Sohnes wärmte auch ihr Herz. Und sie wusste, sie würde ihn wiedersehen.

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      Die Sterne glitzern über der einsamen Lichtung, an deren Rand man die Silhouetten des achtzehnten Adventskalendertürchens und der unter Tarnplanen versteckten Fahrzeuge erahnen kann. Einige Wachen patrouillieren oder spähen weg von der Lichtung, in die Dunkelheit. Die Guerillakämpfer der Viadras sitzen rund ums Feuer, ihre Aufmerksamkeit galt bis vor wenigen Augenblicken noch ganz den Streifen von Trockenfleisch, die es zum Abendessen gibt, doch nun beginnt ein alter Mann zu reden, und der Widerschein des Feuers tanzt in seinen Augen.



      Von Göttern und Kindern


      Es war ... Nichts.
      Es war ... Nacht.
      Ohne Beginn, dunkle Nacht, kalte Starre nur, und Nichts. Wie einst es war, Äonen zuvor, immer zuvor, ewig zuvor, es war ... Nacht. Es war ... Nichts.
      Doch selbst Nichts überdauert nicht und Glitzern und Schimmern durchzuckte die Nacht ohne Beginn und schenkte ihr ein Ende. Es war ... Tag.
      So hell der Tag, so schön der Tanz, wie sich umwinden Glitzer und Schimmer und entscheiden, was zu tun sei an diesem Tag, der ewigen Nacht entsprungen. Wie sie tanzen und springen und leuchten und singen, Glitzer und Schimmer, und berühren einander und den Tag selbst und teilten den Tag in Himmel und Erde. Und der Schimmer entflammte den Himmel und ward Kideba und der Glitzer strich über die Erde und ward Neer.
      Es war ... Tag.
      Wie sie tanzen und springen und leuchten und singen, Kideba und Neer, und berühren einander und den Tag selbst und schaffen den Keim der Zukunft damit, und es wächst Yaerka zwischen Himmel und Erde heran und in ihr das Wasser des Meeres. Und wie schön sie ist, die erste Tochter der Ewigkeit, wie ihre Wellen wogen und spielen und wie sie das Antlitz der Mutter spiegelt und über die Erde streicht wie der Glitzer des Vaters.
      Welche Freude, welches Glück, welcher Stolz der Eltern, die erste Tochter der Ewigkeit. Sie spielt und wogt und doch findet sie die Ruhe und wacht über Himmel und Erde und Meer wie ihre Eltern.
      Und dann ruhte Kideba und es ward Nacht.

      Und dann weckte Neer ihren Schimmer und es ward Tag.
      Wie sie tanzen und springen und leuchten und singen, Kideba und Neer, und berühren einander und den Tag selbst und schaffen den Keim des Lebens damit, und es wächst Abrut zwischen Himmel und Erde und umwogt vom Meer heran und in ihm das Feuer des ewigen Wandels. Und wie stark er ist, der erste Sohn der Ewigkeit, wie seine Flammen lodern und tanzen und wie er dem Strahlen der Mutter nacheifert und über die Erde streicht wie der Glitzer des Vaters.
      Welche Freude, welches Glück, welcher Stolz der Eltern, der erste Sohn der Ewigkeit. Er tanzt und lodert und wandelt und formt die Erde gemeinsam mit seiner Schwester.
      Und dann ruhten Kideba und Abrut und es ward Nacht.

      Und während Kideba ruht und es Nacht ist, streichen Neer und Yaerka über die Erde und der Glitzer legt sich auf das Meer und das Wasser wogt und spielt und es wächst Telaree zwischen Himmel und Erde heran und in ihr der Wind der Mitte. Und wie sanft sie ist, die zweite Tochter der Ewigkeit, wie ihre Brise weht und streichelt und wie zart sie Himmel und Erde berührt bis zum Horizont.
      Und dann erwachten Abrut und Kideba durch ihre Kühle und es ward Tag und sie sahen das Geheimnis.
      Wie wütend sie ist, Kideba, das grelle Licht des Himmels, und Neer erfährt Furcht und zwängt sich durch einen Spalt in der Erde und verbirgt sich im Dunkel. Und wie stark er ist, Abrut, der erste Sohn der Ewigkeit, und seine Flammen lodern und seine Wut folgt dem Glitzer seines Vaters und entzündet das Innere der Erde, um ihn zu strafen.
      Wie beschämt sie ist, Yaerka, das Wasser des Meeres, doch sie fürchtet sich nicht und fließt hinaus zum Horizont und wartet auf ihre Mutter, das Licht. Kideba strahlt grell, und um sie wogt Yaerka und ihre leise Gischt zeichnet das Leid der Mutter nach und schenkt ihr Ruhe.
      Und dann ruhte Kideba und es ward Nacht.

      Und dann weckte Telaree ihren Schimmer und es ward Tag.

      Und Telaree kennt Kideba, denn Schimmer und Brise teilen den Tag. Und Telaree kennt Yaerka, denn Gischt und Brise teilen den Tag und die Nacht. Und neugierig weht und streichelt die Brise über den Spalt in der Erde und flüstert nach Feuer und Glitzer.
      Neer wagt es nicht, die Nacht ist stets kurz, doch Abrut bricht aus der Erde und Feuer lodert durch die Nacht und umwindet die Brise und die Brise umwindet es. Und wie sie tanzen, Telaree und Abrut, und wie der Wind dem Wandel der Flammen folgt und wie die Funken im Sturm wirbeln.
      Und wie sie sich treffen, Wandel und Bewegung, und es wächst ein Kind heran.

      Kind des Feuers, Kind des Windes, umwogt von Wasser, bezeugt von Erde und bewacht von Licht, und es lebt. Es bleibt nicht alleine, denn Telaree und Abrut tanzen oft. Und die Kinder schaffen das Antlitz der Welt neu. Wo sie sind, sprießen Wälder, fließen Flüsse, wenden sich die Blicke junger Geschöpfe zu den Göttern und den Kindern der Veränderung und deren Kindern, denn auch sie tanzen.

      Die jungen Geschöpfe werden alt und sterben, und sie sind unsere Ahnen. Wir werden alt und sterben. Die Kinder der Veränderung werden uns aufnehmen, denn sie haben uns gemacht.
      Und Kideba strahlt vom Himmel ...
      Und Yaerka wogt an die Ufer ...
      Und Telaree weht über das Land ...
      Und Neer versteckt sich im Dunkel ...
      Und Abrut lodert strafend um ihn ... aber manchmal möchte Abrut tanzen, dann bricht der Fels über ihm und Feuer schießt aus der Erde hoch in die Luft empor.

      Die Kinder der Veränderung sind um uns und zahlreich. Sie alle haben Namen, doch wir kennen wenige. Sie wohnen in Felsen, in Bäumen, in Bächen und achten auf uns. Ehrt sie, ehrt unsere Nachbarn, dankt ihnen, und nehmt ihnen nicht, was ihr nicht braucht.
      Denn ihnen gehört die Welt, uns gehört nur das Land.

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      Eiskalte Bergluft und dichter Schneefall macht den Aufenthalt beim neunzehnten Türchen nicht gerade angenehm, selbst mit warmer Schutzkleidung nicht, wie der Mann feststellen muss, der sich mühsam und keuchend Schritt um Schritt den Berg hinaufkämpft, um… ja, warum eigentlich?



      Hoffnung zweier Seelen


      Langsam fiel der Schnee der Erde entgegen und machte dem einsamen Mann mit seinem dicken Rucksack auf den Rücken den beschwerlichen Weg nicht gerade einfacher. Bei jeden Schritt sank er beinahe bis zu den Hüften die die weiße Pracht. Schließlich blieb er stehen und sah zurück auf dem Weg, den er bereits geschafft hatte und damit auch in das Tal, in welchem er aufgebrochen war.
      Schon viel zu lange hatte er versucht die Tatsache zu ignorieren, dass er sein Ziel nicht erreichen konnte. Viel zu lange hatte er gewartet, um sich auf den beschwerlichen Weg zu machen. Nun steckte er im Schnee fest und versuchte nicht darüber nachzudenken, wie die Kälte langsam durch seine Kleider und schließlich auch in seine Knochen kroch um die letzten Reste Wärme aus seinem Körper zu saugen.
      Es war so schon beschwerlich genug die alten und schweren Beine vorwärts zu bewegen. Fünfzig Winter lagen schon hinter ihm, doch er blieb nicht stehen, ruhte sich nie lange aus. Die Kälte würde ihm wohl umbringen, wenn er es täte.
      Sein Blick richtete sich wieder in die Ferne. Nur Weiß sah er vor sich, zwar gedämpft durch den dichten Schneefall, der die Sonne nicht durch ließ, doch mittlerweile war dieses Grau so stechend in seinen Augen wie blenden helles Licht. Seine Augen würden sich daran wohl nicht mehr gewöhnen und am liebsten hätte er die Augen geschlossen, doch dann wäre er wahrscheinlich noch im nächsten Schritt eingeschlafen.
      Was hatte er sich nur bei dieser Aktion gedacht? War er dem Haus und der Wärme entflohen, nur um sich sicher zu sein, dass er noch lebte? Warum Gefahren auf sich nehmen, die scheinbar sinnlos waren, die nicht von Bedeutung waren? Warum einer Hoffnung hinterher jagen, die nur in Legenden und alten Geschichten existierte?
      Er starb. Er wusste sehr genau, dass er in dieser Kälte sterben würde, schneller als durch den Grund für seinen Marsch.
      Schon vor Monaten hatte es begonnen. Er dachte, es sei nur eine harmlose Krankheit, dann brachen die Wunden auf und bluteten. Doch auch der Husten kam hinzu und was aus den Tiefen seines Rachens kam, war zunächst Gelb und schließlich schwarz.
      Keiner, der der Medizin mächtig war, wusste, was ihm da heimgesucht hatte, oder warum es keine anderen Menschen um ihn herum befiel. Eine Heilung, zumindest der Glaube daran hatte ihn so weit getrieben. Er wollte leben und riskierte es nun. Weiterhin stapfte er durch den Schnee, langsam bergauf, wohl wissend, dass dort oben die Luft noch dünner sein werden würde, obwohl er jetzt schon kaum genügend Luft bekam.
      Seine Schritte wurden langsamer, als er ein Geräusch vernahm. Es hörte sich wie ein Schrei an, spitz und unheilvoll. Doch er war zu weit weg, um einer Person in höchster Not zu helfen und er war sich nicht sicher, ob ihn seine Einbildung nicht einen Streich gespielt hatte.
      Er wand sich einmal um sich selbst, versuchte zu entscheiden, wohin er gehen sollte, wohin ihn seine Füße tragen sollten.
      Da! Erneut ein spitzer Schrei, der sich nun gequält anhörte. Er ging einen Schritt, dann einen weiteren. Als der Schrei sich wiederholte, war er sich sicher, wohin sein Weg ihn führen musste, um dem Schrei auf den Grund zu gehen.
      Eine Schneewehe war ihm im Weg, als er dem Geräusch immer näher kamen. Mit aller Kraft überwand der Mann den aufgetürmten Haufen und wäre beinahe gestürzt, als er das Tier, welches den Schrei von sich gegeben hatte, sah.
      Unsicher blieb er stehen. Er kniff die Augen zusammen. Nicht, weil er geblendet wurde, sondern wegen der Tatsache, dass das Tier, welches er sah hier so wenig hin gehörte, wie er selbst. Er war sich sogar ziemlich sicher, dass eine solche Kreatur hier absolut nichts zu suchen hatte. Er hatte keine Namen für diese Kreatur doch das nächste, an das es ihn erinnerte, war ein Drache.
      Es hatte eine gelbe, lederartige Haut. Seine lang gezogene Schnauze mit spitzen Zähnen gaben dem Tier etwas von einem gnadenlosen Raubtier, dennoch sahen die schwarzen Augen des Wesens alles anders als gefährlich aus.
      Es lag auf der Seite und gab erneut ein unheilvolles Geräusch von sich. Einen Moment lang brauchte er, um den Grund zu erkennen: Aus einer Wunde an einen seiner vier Beine floss rotes Blut und ließ den Schnee langsam schmelzen.
      Es war ein Angriff gewesen, dessen war er sich ziemlich sicher. Doch welches Wesen konnte so etwas vollbringen?
      Der Mann schätzte, dass die Kreatur mindestens so groß war, dass es ein Gewicht von einem halben Dutzend Männern entsprechen musste. Und doch war das Tier verletzt worden und es waren keine Spuren im Schnee zu sehen. Weder von dem Tier, welches klägliche Laute von sich gab, noch von dem Angreifer.
      Unsicher blieb er stehen und wusste nicht, was er nun tun sollte. Was wenn der Angreifer erneut zurück kam? Die Augen des verletzten Tieres richteten sich auf ihn. Sie wirkten freundlich, nicht aggressiv. Vorsichtig ging er einen Schritt auf das verletzte Tier, wusste nicht genau was ihn dazu bewog. Weder konnte er dem Tier helfen, die Verletzung zu versorgen, noch ihn vor dem Angreifer schützen. Er hatte nur eine Waffe, die man im besten Fall als Dolch bezeichnen konnte. Nichts, womit er sich wirklich verteidigen konnte. Doch etwas zog ihn zu der Kreatur. Ein innerer Drang.
      Schritt für Schritt ging er auf das Tier zu, welches dadurch immer ruhiger wurde. Es drehte sich auf den Rücken und begann ihn dabei anzublicken. Das Verhalten wollte ihm keinen rechten Sinn machen.
      Sein Fuß setzte noch einen Schritt nach vorne. Er fand zunächst festen Halt, doch dann knirschte es unter seinem Fuß. Es knirschte genauso als wenn Eis unter einem zu hohen Gewicht zerbrach. Er sah zum Tier. Lag es auch auf dem Eis? Aber das konnte nicht sein.
      Noch ehe er sich darüber bewusst werden konnte, stürzte er hinab in die Tiefe. Schwärze um ihn herum und das Gefühl unendlich leicht zu sein. Der Sturz war tödlich. Das war gewiss und zum ersten Mal seit langem bedauerte er es, diesen Schritt gegangen zu sein.

      Nur langsam weckte ihn ein Feuer, welches in seiner Nähe knackte und einen flackernden Schein von sich gab. Er öffnete die Augen und stellte zunächst fest, dass der sicher geglaubte Tod ihm nicht gegeben war. Er war noch am Leben, doch wusste er nicht, wieso und weshalb er den Sturz überlebt hatte. Zudem wusste er auch nicht, wie er einen Sturz ohne Blessuren überstanden haben sollte.
      Vorsichtig richtete er sich auf lehnte an die kalte Felswand, während er sich umsah und versuchte, sich neu zu orientieren. Kein Zweifel, er war in einer Höhle. Dunkelgrauer Fels breitete sich über ihn aus. Nur das Feuer spendete Licht. Ein Eingang war zu erkennen. Nachdenklich versuchte er zu entscheiden, ob er fliehen sollte, oder ob er das Risiko eingehen sollte, zu verweilen.
      Schritte näherten sich und beendeten seine Überlegungen sofort. Eine Person betrat die Höhle und durch die Haltung des Körpers und die Kleider, welche einfacher Natur waren, erkannte er dass es eine Frau war. Ihr kantiges Gesicht gab ihr eine Strenge, die ihn unsicher werden ließ. Doch die spitzen Ohren warnten ihn. Sie war eine vom Volk jener Leute, die er zu finden gehofft hatte.
      „Ich hoffe Ihr habt euch von eurem Schreck erholt“, sagte die Frau, kniete sich nieder und legte neues Holz in die Flammen. Danach machte sie sich daran zu schaffen, einen kleinen Kessel zu untersuchen, in dem etwas zu kochen schien. „Ihr habt lange geschlafen und seid sicher noch etwas schwach auf den Beinen.“
      „Wo bin ich?“, fragte der Mann unsicher und musterte die Frau. „Was ist passiert?“
      „Habt Ihr nicht nach mir gesucht?“, fragte die Frau eine Spur zu freundlich. „Kawran Antall. Das ist doch Euer Name?“
      Er starrte sie an. „Woher...?“
      „Ihr kennt doch die Geschichten“, sagte die Frau nur. „Ihr habt mich gefunden und ich weiß, dass Ihr eure Krankheit loswerden wollt. Aber ich will eine Entschädigung.“
      Kawran sah die Frau unsicher an. Sie rührte mit einer kleinen Kelle im Topf herum und goss von der dampfenden Flüssigkeit, etwas in einem Becher.
      Bisher war ihm der Geruch nicht aufgefallen, doch nun roch es angenehm nach Beeren und Kräutern. Wortlos erhob sie sich, ging um das Feuer herum und reichte ihm den Becher.
      „Ihr werdet schnell wieder zu Kräften kommen“, versicherte die Frau gelassen und wortlos nahm der Mann den Becher entgegen.
      Während er den Tee zu sich nahm, sprach keiner ein Wort. Die Frau begnügte sich damit, den Mann zu beobachten und sich später ein Urteil über ihn zu machen. Doch Kawran erging es ganz anders.
      Immer wieder ging sein Blick zu ihren Ohren. Sie waren zwar spitz zulaufend, aber weit weniger groß, als er es erwartet hatte. Als er den Becher geleert hatte, reichte er ihn wieder der Frau.
      „Ihr kennt meinen Namen, aber ich kenne Euren nicht“, stellte er möglichst trocken fest. Doch seine Hände zitterten bei der Frage beinahe.
      „Tatsächlich“, stellte die Frau fest und lächelte ihr Gegenüber freundlich an. „Nennt mich Jara. Das kommt meinem richtigen Namen am nächsten.“
      „Und warum Jara?“, fragte Kawran mutig. „Ich habe nach Euren wahren Namen gefragt und nicht nach einem beliebigen Namen.“
      „Das ist kein beliebiger Name“, sagte die Frau und erhob sich. „Meine Freunde nennen mich so und ich bin gewillt, dass Ihr mich auch so nennt. Ich weiß, weswegen Ihr hier seid und deswegen vertraue ich Euch.“
      „Kann ich Euch vertrauen?“, fragte Kawran angespannt. Mit jedem Wort wurde er mutiger und fühlte, wie die Lebensgeister sich in seinem Körper immer mehr regten und nach außen drängten. „Bevor ich aufgewacht bin...“
      „Ihr habt die Bekanntschaft mit einem meiner Sucher gemacht“, sagte Jara freundlich und setzte sich wieder vor das Feuer, um die Hände zu wärmen.
      „Einen Sucher?“, fragte Kawran und dann erinnerte er sich wieder. „Das verletzte Tier, das ich gesehen habe, bevor ich gestürzt bin.“
      Jara lächelte matt. „Ihr seid nicht gestürzt. Es mag Euch vielleicht so vorgekommen sein, aber Ihr seid nicht gefallen.“
      „Dann ist es wahr“, sagte Kawran und betrachtete die Frau noch einmal. „Ihr seid...“
      „Nein“, sagte Jara hastig. „Ich bin keine meines Volkes. Nicht mehr. Mein eigenes Volk hat mich verbannt, als Ihnen klar geworden ist, dass meine angeborenen Fähigkeiten zu unnatürlich und gefährlich für die Anderen sind. Sie haben beschlossen mich hierher zu verbannen. Ich lebe an diesem Ort schon länger, als Ihr auf der Erde wandelt, aber ich habe meine Hoffnung nicht aufgegeben, genau wie auch Ihr nicht aufgegeben habt, der Hoffnung ein Zeichen zu setzen. Deswegen seid Ihr hier. Ihr werdet sterben, wenn ich Euch nicht helfe, aber ich helfe Euch nur unter einer Bedingung. Einer Bedingung, die vielleicht nur Ihr erfüllen könnt.“
      „Und die wäre?“, fragte Kawran angespannt.
      Jara zögerte und erhob sich, bevor sie eine Antwort gab. „Ich will ein Leben.“
      „Ich verstehe nicht“, sagte Kawran vorsichtig.
      „Ihr versteht es vielleicht besser, als jeder andere Mensch“, sagte Jara und wand sich ab. „Ich will, dass Ihr mich zu Euch nehmt. Ich will dieses Leben im Verborgenen nicht mehr führen, hätte mich niemals damit abfinden dürfen. Als mich mein Volk verbannte, handelte ich nicht und ließ mich in diesen Käfig einsperren. All die Jahre habe ich um meine verlorene Freiheit getrauert. Schließlich wusste ich, dass ich handeln musste und schickte meine Sucher in alle Himmelsrichtungen, um ein Wesen zu finden, welches mich aus diesem Bann befreien kann, jemand der die Ketten dieses Gefängnisses sprengen kann. Jemanden wie Euch.“
      Jara drehte sich wieder um und kam auf ihn zu, kniete sich vor ihn und nahm sein Gesicht in beide Hände. „Ich will ein Leben führen, in Eurer Nähe, im Bereich eures Herzens.“
      „Aber Ihr seid kein Mensch“, sagte Kawran vorsichtig.
      Die Frau erhob sich und drehte sich einmal um ihre eigene Achse. Dann sah sie Kawran wieder in die Augen. In ihrem Gesicht spiegelte sich ein Lächeln und als er sie näher betrachtete, sog der Mann scharf die Luft ein, als sich ihre Ohren veränderten und auch ihre Züge sanfter und runder wurden. Nach nur wenigen Herzschlägen stand vor ihm eine Frau, wunderschön und menschlich. Nichts erinnerte mehr an ihre Abstammung. Vorsichtig kniete sie sich wieder nieder und berührte seine Brust. „Ich will nicht Euer Herz, doch ich spüre eine Verbindung zwischen Eurem und meinem. Diese Verbindung muss bestehen bleiben, sonst werde ich wieder an diesen Ort zurück geschickt. Nur Ihr könnt mich befreien, einzig und allein mit der Kraft eures Herzens.“
      „Wie soll ich Euch helfen?“, fragte Kawran zweifelnd. Er betrachtete die Frau und war sich sicher, dass sie keine Antwort auf diese Frage hatte. Schließlich war er nur ein einfacher Mann, ein Mensch, der nicht in der Lage war die Magie zu entschlüsseln, die hier vonstatten ging, die sich hier entfaltet hatte und ihn umschloss.
      „Wollt Ihr mir helfen?“, fragte Jara nur und erhob sich.
      Kawran war sich schon lange nicht mehr über die Antwort einer Frage so sicher wie bei dieser. Langsam stand er auf und betrachtete die Frau einen langen Moment. „Ja. Ich möchte Euch helfen.“
      Jara lächelte und eine Träne floss ihre Wange hinab. Sie legte ihre Hand auf seine Brust und schloss die Augen. Kawran bemerkte den fein gearbeiteten Anhänger, den sie trug. Seine Augen fixierten ihn, während sie sprach, konnten sich nicht abwenden, nicht davon lösen. „Es wird nicht weh tun, doch es wird sich mehr als sonderbar anfühlen.“
      Kawran machte sich bereit und schloss die Augen, als er endlich den Blick von dem Anhänger lösen konnte. Eine Wärme breitete sich in ihm aus. Eine Wärme, die durch seinen Körper floss und zu einer Hitze wurde. Schweiß brach auf seiner Stirn aus und in wenigen Herzschlägen fühlte er eine sonderbare Schwäche, so als sei er stundenlang gerannt.
      Aber aus der Hitze wurde wieder eine angenehme Wärme. Dann verschwand sie komplett und er öffnete seine Augen wieder.
      Jara sah ihn an, lächelnd und glücklich über ihre Tat. „Ihr werdet leben“, sagte sie.
      Sie schwankte einen Moment und bevor sie stürzte, packte Kawran sie am Arm und zog sie zu sich heran. „Alles in Ordnung?“
      „Ja“, hauchte Jara, doch ihre Beine versagten im gleichen Moment ihren Dienst. Langsam ließ Kawran die Frau zu Boden gleiten und strich ihr das braune Haar aus dem Gesicht.
      Die spitzen Ohren waren wieder da, genau wie das typische Gesicht ihres Volkes. Doch ihre Haut war blass und ihre Atmung unregelmäßig. Und der Anhänger, den sie trug schien noch immer schwach zu leuchten. War das die Quelle ihrer Macht?
      „Jara?“, fragte Kawran unsicher. „Was ist passiert?“
      Unsicher lächelte die Frau und strich mit ihrer Hand über seine Wange. Die zarte Berührung ließ ihn zittern. „Es ist geschafft, dank Euch“, brachte sie nur mit Mühe hervor.
      „Ich werde leben?“, fragte Kawran vorsichtig und Jara lächelte.
      „Ja“, sagte sie und schien überglücklich. „Euer Herz ist wieder stark und unsere Verbindung hat auch den Bann gebrochen. Ihr seid ein freier Mensch und ich ebenso. Dieses Gefängnis hat seine Aufgabe erfüllt. Die Ketten sind gerissen und die Schlösser zerstört. Helft mir, die Höhle zu verlassen. Folgt einfach dem Weg.“
      Unsicher nickte Kawran, legte einen Arm um ihre Taille und so gingen sie Schritt für Schritt. Nachdem sie die Höhle, in der Kawran aufgewacht war, verlassen hatten, wurde es zwar dunkler, doch durch Risse in der Decke der Höhle kam genügend Licht, um den Weg zu beleuchten. Kawran hatte Schwierigkeiten, die Frau zu stützen. Immer wieder war sie kurz davor das Bewusstsein zu verlieren. Er wusste nicht so recht, was er anderes tun konnte, als einfach weiter zu gehen. Als sie eine weitere Biegung erreichten, kam ihm ein Windhauch entgegen. Keine eisige Kälte, wie er vermutet hatte, sondern eine warme Brise. Das Licht, welches vom Eingang der Höhle kam, blendete ihn einen Moment und als er endlich wieder normal sehen konnte, konnte er seinen Augen nicht trauen. Er war nicht in einer schneebedeckten Wildnis, sondern stand auf einer kleinen Lichtung und die Bäume waren voll mit sattem Laub. Die Büsche um ihn herum strotzten nur so vor Lebenskraft und die Vögel in den Bäumen sangen ihr Lied, als ob sie nur auf die Besucher gewartet hätten.
      „Das ist nicht möglich“, sagte Kawran leise und sah Jara an und erschrak in den Grundfesten seines Seins. „Jara!“
      Die Frau hatte sich erneut verändert. Ihre braunen Haare waren grau geworden und tiefe Falten zogen sich über ihr Gesicht. Sie hob nur langsam den Kopf. Noch schwerer schien es ihr zu gelingen, die Augen zu öffnen.
      „Wir sind da“, hauchte sie müde und lächelte.
      Sanft legte Kawran sie auf den Boden. „Was passiert mit Euch?“
      „Ich sterbe“, sagte Jara und lächelte. „Aber Ihr habt mich befreit.“
      „Wie kann dies sein? Warum sind wir hier?“, fragte Kawran und während er sich umsah, fragte er sich, wo dieses Hier war.
      „Ich habe Euch zu mir geholt, fern Eurer Heimat“, sagte Jara. „Ich habe über ein Jahrhundert auf jemanden wie Euch gewartet. Einen Menschen, der in der Lage ist, mich zu befreien. Jemanden mit einem reinen Herzen.“ Sie hob ihre Hand und deutete in die Richtung, aus der sie gekommen waren. „Nur eine Illusion. Die einzige, die ich nicht beherrschen konnte, weil sie von zu vielen Geistern geformt worden war.“
      Als Kawran aufblickte, sah er, wie die Höhle selbst verschwand. An ihrer Stelle befand sich nach einigen Momenten ein dichtes, undurchdringbares Gestrüpp aus Buschwerk.
      „Wurdet Ihr deswegen verbannt?“, fragte Kawran angespannt und dachte über seine Begegnung mit dem Sucher nach und strich ihr über die Wange. „Weil Ihr zu mächtig wart und Euer Volk sich fürchtete, ihr könntet Ihnen schaden?“
      „Ja“, sagte Jara. „Bitte. Seid nicht traurig, dass ich sterbe. Wenn Ihr nach Süden geht, werdet Ihr einem Pfad finden, folgt ihm und Ihr werdet ein kleines Dorf von meinem Volk finden. Berichtet Ihnen, was Ihr gesehen habt, und das es vorbei ist. Ich habe ein langes Leben gehabt und ich wäre gerne mit Euch gegangen. Ich will, dass Ihr mich in Erinnerung haltet und jedes Mal, wenn Euer Herz schwer ist, einen Gedanken an mich hegt, um Euch selbst damit Kraft zu geben. Dann wird es Euch leichter fallen. Unsere Verbindung wird über den Tod hinaus gehen. Lasst mich hier liegen und ich zeige Euch den letzten Zauber meines Lebens.“
      „Das werde ich“, sagte Kawran und entschied sich das zu tun, das einzige, was er tun konnte, um nur im Mindesten zu zeigen, wie dankbar er der Frau war.
      Er beugte sich vor und gab der Frau einen sanften Kuss auf ihren Lippen. Die Wärme, die ihn erfasste beschämte ihn, doch er ließ die Lippen, wo sie waren. Nur langsam löste er sie wieder und blickte in die Augen der Frau.
      „Jara?“, fragte er sanft, doch er bekam keine Antwort. Die Augen blickten reglos zum Himmel, doch ihr Gesicht zeigte noch immer ein sanftes Lächeln.
      Er schloss ihr die Augen und stand langsam auf. Er konnte und wollte die Tote hier nicht liegen lassen. Das hatte sie nicht verdient. Er traf daraufhin die einzige Entscheidung, die er treffen konnte.
      Doch noch bevor er die Frau wieder berühren konnte, schien ihre Haut zu leuchten. Goldenes Licht strömte aus ihren Körper und schwebte hinauf zum Himmel. Wie eine Illusion begann sie zu verblassen. Nur etwas blieb zurück und als Kawran sicher war, dass es ungefährlich war, hob er es auf.
      Es war der Anhänger, ein Beweis, dass sie hier war. Der einzige Hinweis, dass alles, was Kawran erlebt hatte, kein Traum und keine Illusion war. Lange blickte er ihn an, bevor er ihn einsteckte und somit sicher verwahrte.
      Er würde sie niemals vergessen. Er würde sie in Erinnerung halten, als das was sie war, was sie immer sein wollte, doch nie sein konnte: Ein Wesen, welches nur Güte in sich trug und er würde sich noch lange an den Kuss erinnern. Ein letzter im Leben, ein Kuss, der ihm Kraft geben würde, sein eigenes Leben wieder in rechte Bahnen zu lenken.
      Er wusste nicht, wohin ihn sein Weg führen würde, doch er würde nicht vergessen, was Jara gesagt hatte: „Ihr seid ein freier Mensch.“
      Kawran beschloss in diesem Moment, dass er sein Leben führen würde, so wie es sich Jara gewünscht hätte.

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      Mit verträumtem Summen geht ein junger Mann dicht am zwanzigsten Türchen vorbei. Sein Gang ist beschwingt, sein Herz ist leicht und seine Augen leuchten. Zielstrebig schlägt er den Weg zu einem nahen Garten ein, sein leichtes Lächeln wird zu einem fröhlichen Grinsen, je näher er dem Gartentor kommt. Was er wohl zu erzählen hat?



      Echte Freunde


      Kihon hörte Ralukha schon, als der den Garten betrat. Er gab sich auch keine Mühe, leise zu sein, lachte, sprang über eines der Blumenbeete, rannte über das Gras und warf sich mit demselben Schwung neben Kihon auf den Boden in den Schatten des Baumes. Die Staffelei zitterte unter dem Luftzug. Kihon gratulierte sich selbst dazu, den Pinsel rechtzeitig von ihrer Oberfläche entfernt zu haben. Er wartete geduldig, dass alles wieder ruhig stehen würde.
      „Schreib mir ein Gedicht!“ forderte Ralukha in diesem Moment fröhlich.
      „Wozu?“ fragte Kihon amüsiert zurück. „Schreib selbst eins.“
      „Meine Handschrift ist furchtbar. Schreib du es.“
      „Warum sollte ich?“
      „Ich habe das schönste Mädchen unter der Sonne getroffen! Sie verdient ein Gedicht!“
      Kihon unterdrückte ein Lachen und nahm seine Malarbeit wieder auf.
      „Wieso lachst du?“ beklagte sich Ralukha. „Sie ist das schönste Mädchen unter der Sonne!“
      „Das sagst du immer.“
      „Das ist auch immer wahr.“
      Kihon nahm einen anderen Pinsel auf und sah sich nach dem Freund um. Ralukha hatte sich neben ihm ausgestreckt, auf den Rücken gedreht und die Arme hinter dem Kopf verschränkt. Sein Blick ging hoch zu den dunklen Blättern und dem strahlenden blauen Himmel dahinter, doch er würde nichts davon sehen. Zwecklos. Wenn er in diesem Zustand war, half auch kein gutes Zureden. Kihon seufzte, um zu zeigen, was er von dieser Tollheit hielt. Trotzdem war es auch immer wieder amüsant.
      „Was unterscheidet sie denn von den anderen?“ fragte er gutmütig.
      Ralukha warf ihm einen bösen Blick zu. „Alles“, erklärte er vehement.
      „Das hilft mir nicht“, erinnerte Kihon. „Ich habe dein schönstes Mädchen unter der Sonne nicht gesehen, du musst mir schon etwas geben, aus dem ich ein Gedicht machen kann.“
      Ralukha zuckte die Achseln und sagte gar nichts. Starrte wieder hinauf zu den Blättern und zum Himmel. Kihon begann wieder zu malen. Ruhige, akkurate Striche mit genau dem richtigen feinen Schwung.
      „Dann musst du sie mir vorstellen“, entschied er. „Dann sehe ich sie selbst und kann daraus ein Gedicht machen.“
      „Das werde ich nicht tun“, widersprach Ralukha. „Sie könnte sich in dich verlieben und das würde ich nicht ertragen.“
      „Was sollte sie an mir finden, wenn sie dich haben könnte?“
      „Du bist gutaussehend, reich, gebildet und du kannst Gedichte schreiben.“
      „Du bist fröhlich, charmant, unterhaltsam und einem jeden Mädchen treu ergeben. Zumindest bis zu nächsten, die das schönste Mädchen unter der Sonne ist.“
      Ralukha versetzte Kihon einen Schlag gegen den Oberschenkel. Es sollte empört wirken, war aber nichts anderes als ein weiterer Scherz.
      „Du machst meine Kleidung schmutzig“, bemerkte Kihon.
      „Wenn ich gegen deine Staffelei schlage, wirst du wütend“, erinnerte Ralukha fröhlich. „Weil dann dein Bild ruiniert ist.“ Er stemmte sich auf die Unterarme. „Was soll es überhaupt darstellen?“
      Kihon betrachtete die Leinwand nachdenklich, dann zuckte er die Achseln. „Es ist nur eine Übung.“
      „Es sieht aus wie eine Landschaft.“
      „Eine mentale Übung, du ungebildeter Straßenjunge! Ich suche die Perfektion.“
      „Ah“, machte Ralukha. Er unterdrückte ein Lachen und ließ sich wieder umsinken. Auch Kihon unterdrückte ein Lächeln. Er legte ein Blatt vor die untere Hälfte der Leinwand und wartete.
      „Sie ist wunderschön“, begann Ralukha nach einer Weile verträumt. „Ihre Augen leuchten wie der Abendstern an einem klaren Abend, wenn der Himmel ist wie tiefblauer Samt, überhaucht von einer Spur orangenen Goldes, so fein und zart wie der jugendliche Hauch ihrer Wangen. So klar ist ihr Blick wie ein Bergbach im Mondschein, in dessen silbernem Licht jeder Kiesel ein Juwel von schönstem Schliff zu sein scheint. Ihr Lachen perlt wie der Klang eben dieses Baches, rein und klar wie Diamant, und doch leise und bescheiden wie das Kleid des Dämmervogels, der dennoch die schönsten Lieder voller Süße siegt. Ja, wie die Stimme dieses Vogels ist ihre, süß und weich wie warmer Honig, voller Liebreiz und ohne jede Schärfe, die einen Missklang in der perfekt gegossenen Glocke ihrer Kehle erzeugen könnte. Ihre Lippen sind von anziehenderer Form als die schön geschwungenen Blütenblätter einer Rose, und ihre Wimpern sind ein schwarzer Vorhang aus winzigen Perlenschnüren, gegossen in den unnachahmlichen Schwung einer Welle, die im Moment ihres schönsten Bogens verhält. Ihr Haar ist eine Kaskade gesponnener Seide, die all ihren reichen Schmuck erbärmlich wirken lässt und für das noch die zu schönsten Blumen geschliffenen Edelsteine zu schäbig wären. Könnte ich diese Pracht nur einmal in ihrer ganzen Natürlichkeit sehen, ungebunden und ungeschändet durch all diesen modischen Tand, der ihre Schönheit nicht zu steigern vermag. Vielleicht kann der Nachtwind hoffen, ihr gerecht zu werden, wenn er mit den klaren Lichtern von Mond und Sterne Reflexe hineinsetzt, denen selbst die reinsten Silberstücke nicht gleichkommen können. Dann möchte ich mit der Hand hindurchstreichen und nach Worten suchen, die ihr gleichkommen.“ Er seufzte. „Natürlich werde ich keine finden. Es gibt ja keine.“
      „Naja“, urteilte Kihon. „Das war ja schon mal kein schlechter Anfang.“
      „Was?“
      „Wenn du nur nicht immer so schnell reden würdest.“ Kihon betrachtete sein Blatt missmutig und die Reihen der Schriftzeichen darauf. „Ich könnte es viel ebenmäßiger aussehen lassen, wenn ich nicht versuchen müsste, es gleichzeitig in Verse zu setzen und mit dir Schritt zu halten. Andererseits“, er nahm das Blatt auf und blies darüber, um die Tinte zu trocknen, „könnte sie bei dieser Krakelei tatsächlich noch annehmen, dass du es selbst geschrieben hast.“ Er warf Ralukha einen Seitenblick und ein Grinsen zu. „Oder soll ich noch ein paar Schreibfehler reinmachen, damit es authentischer wird?“

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