WB-Adventskalender 2012

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      Schwüle Hitze umfängt jene, die aus dem einundzwanzigsten Türchen treten, denn der kühlende Hauch des Meeres vermag die üppigen Wälder jenseits der Küste nicht mehr zu erreichen. Ein junger Mann hat dicht beim Türchen sein Lager aufgeschlagen, und nimmt gerade seine Jagdbeute aus. Es scheint als wolle er hier die Nacht verbringen. Doch raschelt dort nicht etwas, ja - genau dort, tief in den Büschen?



      Die Legende von Padoban und Zaitá


      Als die Kriegersippe von Herone an der Küste landete, fand sie ein fruchtbares Land, das sie sich zu Eigen machte.
      Doch es lebten dort schon die Hanijhadi und es gab Streit zwischen den Hanijhadi und den „neuen Menschen“. Also lebten die „neuen Menschen“ an der Küste, denn der Wald gehörte den Hanijhadi.
      Chi’laklak war Vater der Hanijhadi. Und Chi’laklak hatte eine Tochter und sie war schöner als die Sterne. Und die Schönheit von Chi’laklaks Tochter war so groß, dass man auch jenseits der Grenzen von Chi’laklaks Wald davon sprach.
      Padoban aber war Sohn von Herone und als er von der Schönheit der Hanijhadi-Tochter hörte, wollte er ausziehen, um um das Mädchen zu werben. Also zog Padoban in die Wälder um die Stadt der Hanijhadi zu finden und bei Chi’laklak um dessen schöne Tochter zu werben.
      Padoban zog lange durch die Wälder doch er fand die Hanijhadi nicht, denn sie hatten sein Kommen bemerkt und hielten sich vor ihm verborgen. Sie wollten, dass er, nachdem seine Suche lange vergeblich bleiben sollte, aufgeben und zu seinem Vater und seinen Leuten zurückkehren würde.
      Padoban aber, dessen Sippe vor der Fahrt über das große Wasser lange von der Jagd gelebt hatte, war ein vorzüglicher Jäger und es bereitete ihm keine Mühe in den Wäldern zu überleben und er litt nicht Not.
      Nachdem der Große Regen zweimal über Chi’laklaks Wald gekommen war und Padoban noch immer nach den Hanijhadi suchte, beschloss Chi’laklak zu ihm zu gehen. Er traf Padoban in seinem Lager, als dieser gerade einen kleinen Niffa, den er erjagt hatte, ausweidete. Als Chi’laklak mit seinen Söhnen aus den Schatten der Bäume heraus in den Schein des Lagerfeuers trat, erschrak Padoban und zugleich hüpfte sein Herz vor Freude, denn er wusste, dass seine Suche nach den Hanijhadi endlich vorüber war.
      Chi’laklak sprach: „Verlasse mein Land, Kind derer, die das Meer ausgespieen hat, denn du bist hier nicht willkommen.“ Padoban war jedoch nicht gewillt ohne Chi’laklaks schöne Tochter nach Hause zurück zu kehren und so erwiderte er: „Die Erzählungen von der strahlenden Schönheit deiner Tochter sind bis an unsere Küsten gedrungen. Ich bin gekommen um sie als meine Frau mit mir zu nehmen.“ Chi’laklaks Augen verdunkelten sich vor Zorn, als er diese Worte hörte, und es gelüstete ihn, den frechen Knaben an Ort und Stelle zu erschlagen, doch er wusste, dass es großes Unglück über seine Familie bringen würde, wenn die Erde des Waldes mit Menschenblut, vergossen von eines Menschen Hand, getränkt würde. Also fasste Chi’laklak einen anderen Plan und beschloss den Jüngling, der seine Tochter freien wollte auf die Probe zu stellen. Er sagte: „Wenn du meine Tochter zur Frau nehmen willst, musst du mir erst beweisen, dass du ihrer würdig bist. Also will ich dir eine Aufgabe stellen: Steige auf den höchsten Gipfel des Rail Fakav und pflücke dort eine Blüte von der Blume der Götter, die nur dort wächst, und bringe diese meiner Tochter als ein Geschenk, das ihrer Schönheit ebenbürtig sei.“ „Ich werde ihr die Blume bringen.“ versprach Padoban und schon am nächsten Morgen brach er auf.
      Zunächst bereitete der Aufstieg Padoban keine Probleme, denn das Gelände stieg nur langsam an und allein das dichte Unterholz des Waldes behinderte sein Vorwärtskommen. Doch schon bald, als der Wald lichter wurde, wurde der Untergrund steiniger und das Gelände steiler. Tiefe Spalten taten sich in der Erde auf, als er seinen Fuß auf die Zweige und das dürre Laub setzte, die den Abgrund tückisch vor ihm verbargen. Mehr als einmal rette ihn nur die Gunst der Götter vor einem tödlichen Sturz in die Eingeweide der Berge. Als sich Padoban der Baumgrenze nährte, war er erschöpft. Die Risse im Untergrund hatten ihn zu langen Umwegen gezwungen. Er fror, denn seine Kleidung war nicht für die kalten Winde der Berggipfel sondern für die schwüle Hitze der Küsten und Wälder gemacht. Auch der Hunger nagte an Padobans Kräften, denn er hatte schon lange kein jagdbares Wild gesehen und so ernährte er sich von den spärlichen Beeren und Samen des kümmerlichen Waldes. Doch Padobans Herz war voll Entschlossenheit und so machte er sich auf, um über struppige Rasenflächen und Geröllhalden den windumstürmten Gipfel des Berges zu erklettern.
      Als Padoban endlich den Gipfel erreicht hatte, fand er die Blume der Götter in einer windgeschützten Felsspalte dicht an die Flanke des Berges geschmiegt. Ihre silbrigen Blätter umhüllten eine zarte goldene Blüte, die trotzig der eisigen Kälte des Berggipfels entgegen wuchs. Padoban beugte sich zu der anmutigen Pflanze hinunter und pflückte die goldene Blüte. Sein Herz hüpfte vor Freude und Padoban rannte alle Gefahr verlachend den Berg hinunter, denn er wollte seiner Geliebten so schnell wie möglich sein Geschenk bringen und so ihre Gunst und die Achtung ihres Vaters erwerben.
      Als Padoban den Wald erreichte, wurde er bereits von Chi’laklak erwartet. Also schritt Padoban auf ihn zu und sagte: „Führe mich zu deiner Tochter, denn ich habe die Blume der Götter von der Spitze des Rail Fakav gepflückt, um sie ihr zum Geschenk zu machen!“ Chi’laklak jedoch erwiderte: „Wohl hast du nun eine Gabe, die ihrer Schönheit ebenbürtig ist, aber noch nichts, was ihrer Anmut Ehre erweist. Ziehe nach Norden in den Nebelwald und stiel der Gojama ein Junges. Das Tier bringe meiner Tochter als Geschenk, das ihrer Anmut ebenbürtig sei.“
      Padoban war enttäuscht, dass er Zaitá noch nicht mit sich nehmen durfte, aber er gehorchte Chi’laklak, denn das Wort der Alten musste geehrt werden.
      So zog Padoban nach Norden und seine Reise dauerte viele Monde lang. Sie führte ihn durch fremde Länder, die er die wilden Wälder nannte, denn niemals sah er Anzeichen für die Anwesenheit eines anderen Menschen. Als er die Nebelwälder endlich erreichte, machte er sich sofort auf die Suche nach dem Gojama, dessen Aussehen ihm Chi’laklak beschrieben hatte.
      Bald fand er Spuren im feuchten Waldboden und er folgte den zarten Tatzenabdrücken. Als er schließlich das Lager des Gojama fand, sah er die mächtige Raubkatze, wie sie ihm von Chi’laklak beschrieben worden war: Das seidig schimmernde graue Fell bedeckte den muskulösen Körper der Katze und ihre Krallen lugten gleich obsidianenen Klingen zwischen den Tatzen hervor. Die spitzen Ohren endeten in einem Büschel weißer Haare, ebenso der kräftige lange Schwanz des Tieres. Auf dem Rücken der Katze konnte Padoban eine Musterung in dem grauen Fell entdecken, die mit jeder Bewegung des Tieres vor seinen Augen zu verschwimmen schien.
      Und Padoban hatte Glück, denn die Katze säugte sieben Junge und unter ihnen war eines, dessen Fell nicht wie das schmutzige Grau des Nebels gefärbt war, sondern ein helles Grau gleich reinem Silber hatte. Dieses Tier sollte das Geschenk für Zaitá sein und niemand würde noch an Padobans Anspruch auf seine Braut zweifeln können.
      Padoban zog sich zunächst vom Lager der Gojama zurück um einen Plan zu ersinnen, wie er der Katze das Jungtier stehlen könnte. Er dachte zunächst daran, die Katze zu erschlagen, doch der Gedanke ein so edles Tier zu ermorden behagte ihm nicht und er wusste auch, dass er damit die anderen Jungtiere dem sicheren Tod überantworten würde. Als er durch den Wald ging, blieb er mit seinem Gewand an einem Zweig hängen und als er sich umwandte um sich los zu machen, entdeckte er, dass dort ein Strauch der Schlafwurz wuchs. Padoban wusste, dass der Saft der knolligen Wurzel einschläfernd wirkte und so griff er sich einen flachen Stein, den er am Boden fand und begann damit einige der Wurzeln auszugraben. Anschließend machte sich Padoban auf die Jagd und erlegte ein kleines Umpacca. Dem Umpacca aber schlitzte er den Bauch auf und legte die zerstampften Knollen der Schlafwurz zwischen seine Eingeweide. Dann machte er sich mit dem Kadaver schnell auf den Rückweg zur Lagerstätte des Gojama. Dort warf er der Katze das Umpacca zum Fraß vor. Die Katze, die sehr großen Hunger hatte, weil sie durch das Säugen ihrer Jungen an ihr Lager gefesselt war und schon lange nicht mehr gejagt hatte, verschlang das angebotene Fleisch gierig und ohne Argwohn. Als sie das Fleisch gefressen hatte, legte sie sich wieder zu ihren Jungen und schon bald darauf umfing sie ein schwerer Schlaf. Als die Katze betäubt dalag, schlich sich Padoban hin und nahm das silberfarbene Jungtier von seinen Geschwistern weg und eilte mit dem Tier davon. Er trug es nach Süden zurück zu Chi’laklaks Lager.
      Als Padoban Chi’laklaks Lager erreichte, staunte dieser sehr, denn Chi’laklak hatte geglaubt, dass Padoban nicht von seiner Reise zurückkehren würde. Padoban aber trat vor den König der Hanijhadi hin und hielt ihm die junge Raubkatze hin. Dann sprach er: „Großer König, wie du verlangt hast, bringe ich dieses Geschenk für die anmutige Zaitá. Führe mich zu ihr, damit ich es ihr überreichen und sie als meine Frau zu mir nehmen kann.“ Chi’laklak zögerte, als er dies hörte, doch dann erwiderte er: „Du hast wahrlich großes Geschick bewiesen und für wahr, dieses Geschenk ist Zaitás Anmut würdig. Doch welche Gabe willst du ihr bringen um ihre Reinheit zu preisen? Denn Zaitá ist so unschuldig wie der frische Morgen und ihr Herz ist rein wie ein Sonnenstrahl. Bringe ihr eine Gabe die ihrer würdig ist!“
      Da wurde Padoban zornig, denn wieder wollte Chi’laklak seine schöne Tochter nicht hergeben und Padoban sagte: „Warum willst du mir Zaitá nicht geben? Welches üble Spiel treibst du mit mir, Hanijhadi?“ Doch Chi’laklak erwiderte sogleich: „Du bist ein Fremder in meinem Land und kommst hierher, um das Kostbarste von mir zu fordern, was ich besitze. Habe ich da nicht das recht dich zu prüfen, frecher Jüngling?!“ Da reuten Padoban seine Worte und er sprach: „Verzeih mir, großer König, aber mein Herz verlangt so sehr nach der schönen Zaitá, dass ich zornig wurde.“ Chi’laklak erwiderte: „Dies soll die letzte Prüfung sein. Finde jenseits der großen Steppe im Westen ein Geschenk, das Zaitás Reinheit würdig ist.“
      Da ging Padoban fort, um ein Geschenk zu finden, das Zaitás Reinheit würdig wäre. Chi’laklak aber war sicher, dass Padoban nie zurückkehren würde, denn noch nie hatte sich einer auf den Weg durch die Steppe gemacht und war am Leben geblieben.
      So zog Padoban also in den Westen, denn er wollte dem Lauf der Sonne folgen um dort das letzte Geschenk für Zaita zu finden, rein und edel, gleich einem Sonnenstrahl und die junge Raubkatze begleitete ihn. Und Padoban nannte die Katze Sanja und er sorgte für sie an Mutters statt und lehrte sie das Jagen und so wurde Sanja sein Gefährte.
      Und so überquerte Padoban die Gipfel des Rail Fakav und stieg hinab in die Staubebenen. Er wanderte viele Tage lang und die unerbittliche Sonne brannte auf ihn herunter, versengte seine Haut und trocknete sein Fleisch aus. Doch Padoban gab nicht auf und Sanja ging mit ihm. Und als Padoban in der Mitte der gnadenlosen Wüste am Ende seiner Kräfte angelangt und dem Tode näher als dem Leben war, jagte Sanja in der Wüste und teilte ihre Beute mit Padoban und so überlebte er.
      So durchquerte Padoban die Steppe und erreichte schließlich die großen Gebirge am westlichen Rand der Welt. Und Padoban wusste, hier, wo die Sonne in der Nacht rastete, musste es eine Gabe geben, die Zaitás Reinheit angemessen wäre. Also begann Padoban auf der Suche nach der Sonne in die Berge hinauf zu steigen.
      Eines Abends rastete Padoban an einem Fluss, denn er wollte in dem klaren Wasser mit einem einfachen Speer, den er sich aus dem Stamm eines jungen, gerade gewachsenen Baumes gemacht hatte, nach Fischen für sich und Sanja jagen. Und als er gebannt in die wirbelnden Wasser blickte, verfing sich ein Sonnenstrahl in den Tiefen des Gewässers und spielte mit einem funkelnden Ding am Grund des Flussbetts. Da sprang Padoban in das eiskalte Wasser und ging hin zu der Stelle. Und als er sich hinunterbeugte und die Kiesel und den Sand beiseite schob und das funkelnde Ding ergriff, wusste er, dass er das Geschenk für Zaita gefunden hatte.
      Und er förderte aus dem Bett des Flusses einen faustgroßen, farblosen Edelstein zu Tage. Und der Stein, war klar und ohne jeden Makel und die Sonnenstrahlen verfingen sich in ihm und der Stein funkelte und strahlte als wäre er aus reinem Licht gemacht.
      Da schloss Padoban, geblendet vom hellen Licht des Edelsteins, für einen Moment die Augen und dankte still den Göttern, denn er wusste, dass er nun nach Hause gehen und Zaitá als seine Frau zu sich nehmen konnte. Dann verbarg er den Edelstein in seinen Gewändern und machte sich zusammen mit Sanja auf den Heimweg. Und als sie nach vielen Tagen die Staubebenen erneut durchquert hatten und die Wälder an den Hängen des Rail Fakav erblickte, weinte Padoban vor Glück.
      Also stiegen Padoban und an den Hängen des Rail Fakav empor und wanderte durch den Wald zu Chi’laklaks Stadt. Und als er die Stadt erreicht hatte, ging er zu Chi’laklaks Feuer und fand dort, neben ihrem Vater sitzend, die wunderschöne Zaitá. Schön wie die Blüte der Götterblume, anmutig wie die Gojama und rein und edel wie ein Sonnenstrahl. Da sprach er: „Edle Zaitá! Wie dein Vater es verlangt hat, bringe ich dir die Blüte der Götter, ein Junges der Gojama und schließlich diesen Edelstein. Als Brautgeschenke will ich dir die Gaben darbringen, die deine Schönheit, deine Anmut und deine Reinheit preisen. So will ich dein Herz und deine Hand gewinnen.“ Und bei diesen Worten holte er den riesigen funkelnden Diamanten hervor und die Blume der Götter, die er gepflückt hatte und er schickte Sanja zu der schönen Zaitá hin.
      Chi’laklaks Herz stockte als er Padoban sah, denn er hatte fest daran geglaubt, dass der junge Mann nicht lebendig von dieser Reise zurückkehren würde. Nun, da der Junge alle Aufgaben, die ihm gestellt wurden, erfüllt hatte, musste Chi’laklak sein Wort halten und ihm seine schöne Zaitá zur Frau geben. Doch Chi’laklaks Herz wurde kalt und hart bei dem Gedanken daran, seine Tochter zu den Strand-Menschen zu schicken. Dennoch sagte er: „Du hast alle Prüfungen bestanden und gezeigt, dass du würdig bist Zaitá zu deiner Frau zu nehmen. So wollen wir die Hochzeit vorbereiten.“
      Zaitá aber sah Padoban an und sagte: „Die Blume und den edlen Stein nehme ich gerne an, doch die Gojama will ich nicht von dir nehmen, denn ich sehe, dass sie dein Freund ist und ich will euch nicht trennen.“ Und so geschah es und Zaitá nahm die Blume und den Diamanten entgegen. Sanja aber blieb bei Padoban. Und Zaitá lächelte, denn noch nie hatte einer um sie geworben, der so tapfer und klug und von den Göttern gesegnet war, und so freute sie sich, seine Frau zu werden.
      Chi’laklak aber sagte: „Komm nun Zaitá, geh zu deinen Schwestern und Tanten, denn sie wollen dich für die Hochzeit vorbereiten, wie es Sitte ist bei unserem Volk. Der tapfere Padoban aber soll mit den Männern feiern.“
      Also ging Zaitá zu den Frauen der Hanijhadi. Padoban aber setzte sich an das Feuer zu den Männern und es wurde gesungen und getanzt und die Männer reichten vergorenen Beerensaft herum und auch eine Pfeife mit Rauschkraut machte die Runde und so feierten sie die ganze Nacht und den darauf folgenden Tag hindurch.
      Und als die Sonne im Westen den Horizont erneut berührte kam Chi’laklak zu Padoban und er wurde begleitet vom Ältesten der Hanijhadi, der die Vermählung durchführen sollte. Und Padobans Herz hüpfte vor Freude und er lachte vor Glück. Dann sah er zwischen den Frauen der Hanijhadi in dichte weiße Schleier gehüllt, seine Braut, wie sie langsam und gemessenen Schrittes auf ihn zu kam.
      Und als sie ihn erreicht hatte und vor ihm stand, trat der Älteste zu ihnen und er intonierte den Segensgesang und als er geendet hatte, bedeutete er Padoban die Hand seiner Braut zu ergreifen. Doch gerade als er sie bei der Hand nehmen wollte, knurrte Sanja und drängte sich zwischen die Brautleute. Padoban blickte seinen Gefährten verwundert an und sagte: „Was hast du, Sanja?“
      Chi’laklak aber zischte: „Nimm ihre Hand, sonst kann die Vermählung nicht vollzogen werden und sie wird niemals deine Frau sein!“
      Da griff Padoban wieder nach der Hand seiner Braut, doch Sanja knurrte noch lauter. Da wurde Padoban misstrauisch und fragte: „Geliebte Zaitá, wo hast du die Gaben, die ich dir als Brautgeschenke gebracht habe? Warum trägst du sie nicht als Schmuck?“
      Da fauchte wieder Chi’laklak: „Willst du uns mit deinen Fragen beleidigen? Nimm ihre Hand und vollende die Zeremonie oder Zaitá wird niemals deine Frau sein!“
      Padoban aber sagte: „Ich nehme sie zu meiner Frau, wenn ich ihr Gesicht gesehen habe.“ Und schon ergriff er ihren Schleier und löste ihn von ihrem Gesicht. Doch das Gesicht, das darunter zum Vorschein kam, gehörte nicht seiner schönen Zaitá. Da stieß er die Betrügerin zu Boden, fuhr zu Chi’laklak herum und rief entrüstet: „Du wolltest mich betrügen, feiger König!“ Doch Chi’laklak erwiderte: „Wie konntest du glauben, dass ich dir meine Tochter geben würde? Auch wenn du ihr noch tausend Gaben bringst, wirst du ihrer nicht wert sein!“ Da wurde Padoban zornig und stürzte sich auf Chi’laklak und er erschlug den hinterlistigen König. Und als der Körper des Königs sterbend zu Boden sank und sein Blut die Erde tränkte versank die Sonne hinter dem Horizont und nur noch die Feuer der Hanijhadi erhellten die Nacht.
      Und die Götter sahen auf die Menschen hinunter und sie weinten, als Chi’laklaks Blut, vergossen von eines Menschen Hand, die Erde tränkte.
      Und sie wandten sich von den frevelhaften Menschen ab und überließen die Menschen ihrem Schicksal.
      Padoban aber suchte Zaitá in der Stadt der Hanijhadi und fand sie schließlich in der Obhut ihrer Tanten. Sie wurde von den alten Weibern streng bewacht, denn sie hatte Padoban nicht täuschen wollen und die List ihres Vaters nicht gebilligt. Padoban sagte: „Gebt mir nun die schöne Zaitá, denn sie hat meine Gaben angenommen und soll nun meine Frau werden.“ Und Sanja stand neben Padoban und knurrte die alten Weiber an. Da bekamen sie Angst und gaben Zaitá heraus.
      Zaitá aber lief sogleich zu Padoban und umarmte und küsste ihn. Da wusste Padoban, dass Zaitá ihn nicht hatte täuschen wollen und dass in ihrem Herzen keine Falschheit war. So lächelte er seine schöne Zaitá voll Liebe und Zuneigung an und Zaitá ging mit Padoban und wurde gerne seine Frau.

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      Die letzten Sterne funkeln am Himmel, und einige wenige Sterne scheinen auch unten am Boden zu funkeln – genauergesagt auf dem steil aufragenden Felsenbuckel, der sich aus einem kleinen Bergzug mitten in der Wüste erhebt. Erst wenn man näher kommt, erkennt man, dass der Felsen nicht naturbelassen ist, und dass die Lichter am Boden in Wirklichkeit Fackeln sind. Eine davon beleuchtet das zweiundzwanzigste Türchen, und es führt mitten hinein in die Lebenswelt eines fremdartigen Volkes…



      Ein Tag im Leben von Cri,
      Steinwerker in der Tiraalifeste Hriscritris


      Der kalte Hauch der Nacht ist noch nicht von der Wüste gewichen, als das leise Zirpen in Cris Träumen sich verändert. Der Schwarm erwacht. Als einer der ersten treibt Cri aus den Tiefen des geteilten Unterbewusstseins nach oben, und wird sich seiner selbst wieder bewusst. Das Flüstern des Schwarmbewusstseins, in dessen Tiefen sein Geist die Nacht verbracht hat, rückt ein wenig in den Hintergrund.
      Neben Cri regen sich schläfrig Hrssi und Shctirr. Cri stupst sie sachte an und zirpt leise, erhält aber nur schlaftrunkenes Mandibelklicken und vage in seine Richtung gezielte Gedanken des Wohlbehagens zur Antwort.
      Cri hebt vorsichtig seine Vorderbeine und putzt sich erstmal seine Fühler. Diese beiden Faulpanzer wieder! Doch nicht mit Cri, nein, wehe ihnen! Denn nun ist er wach genug, um zum Schrecken des Morgens zu werden! Vorsichtig richtet er sich auf, verschleiert seine wahren Absichten hinter seinem Aufwachdurstgefühl und fällt über seine nichtsahnenden Gelegepartner her, um sie nach allen Regeln der Kunst durchzukitzeln. Mit findigen Fühlern erwischt er genau die Nervenflecken am Kopf, so schnell können Hrssi und Shctirr ihre Köpfe gar nicht wegdrehen, und dann gibt es ja auch noch die kitzligen Stellen dicht unter den Flügeln! Entrüstetes Tschirpen erfüllt die kleine Kammer, als die beiden zum Gegenangriff ansetzen, und Gleiches mit Gleichem vergelten, bis sie mit vor Fröhlichkeit bebenden Flügeln und kribbelnden Nervenflecken zu dritt durchs Zimmer tanzen, die Köpfe dicht aneinandergedrückt. Schließlich verebbt ihr Tanz, zu beschäftigt sind sie nun damit, sich gegenseitig liebevoll die Fühler zu putzen.
      Cri teilt trillernd seine Zufriedenheit über den gelungenen Streich mit seinen zwei Liebsten, und erhält nachsichtiges Zirpen von Shctirr, während Hrssi ihn in gespielter Verzweiflung anschnarrt, und ihm ein Bild von Cri als Nestling sendet. Ein großes Kind ist er! Cri wackelt abwägend mit den Fühlern und zirpt dann fröhlich. Er und Hrssi beträllern sich noch ein paar Sekunden lang, auch Shctirr fällt ein.
      Wie jeden Morgen greifen alle drei nun in Gedanken zu ihren Nestlingen hinaus, während sie sich gegenseitig die zerzauselten Flügel putzen. Die vier Kinder sind natürlich längst wach und überschütten ihr drei Elter mit den Gedanken an Honigzuckerwasser, Fruchtmus und Tctcbrei. Wie immer nur Süßes im Kopf, diese Nestlinge! denkt Cri amüsiert und schüttelt nochmals kräftig seine Flügel, ehe er sie ordentlich auf dem Rücken zusammenfaltet. Er schlägt der Familie vor, sich in einer der kleineren Esshallen zu treffen, die zwar ein paar Stockwerke über ihren jeweiligen Schlafquartieren liegt, aber dafür mit einer großen Fensterreihe in Richtung Sonnenaufgang aufwarten kann. Da er zurzeit meist unter Tage arbeitet nutzt Cri jede Gelegenheit um ein paar Sonnenstrahlen zu ergattern. Nicht zuletzt, damit das Grün seiner Flügel nicht zu farblos wird, denn das sieht ungesund und krank aus. Den anderen macht der weitere Weg nichts aus, ihre Bestätigung dringt von allen Seiten auf ihn ein.
      In Gedanken immer noch bei den Nestlingen verlassen Cri, Hrssi und Shctirr ihre Schlafkammer, und reihen sich in den morgendlichen Verkehr ein, der inzwischen in den Gangsystemen der Wohnfeste herrscht. Die flugunfähigen Erwachsenen müssen die großen Gänge nehmen, die jüngeren Nestlinge wuseln auf den breiten Simsen über den Köpfen der Erwachsenen entlang. Die älteren Nestlinge, die schon Schwärmlinge sind, benutzen meist die Flugschächte, die ganz Hriscritris durchziehen und zugleich der Belüftung dienen.
      Aus dem Halbdunkel der nur spärlich beleuchteten Gänge kommen sie schließlich in die vom Morgenlicht durchflutete Esshalle, die Platz für vierzig oder fünfzig Erwachsene und ihre Nestlinge bietet. Hier wird schon eifrig gezirpt, geklickt, getrillert und gefuttert. Die zwei Schwärmlinge Ctissi und Tsihic aus ihrem ersten Gelege warten schon auf sie. Rircti und Shish - die beiden jüngeren - kommen kurz darauf hereingehuscht.
      Cri liebt die stürmische Begrüßung seiner Kinder, die sich begeistert auf ihre Eltern stürzen, sie betrillern und sich in ihre zerzauselten Erwachsenenflügel kuscheln.
      Mit Rircti huckepack krabbelt Cri zu den Trinkrinnen, die an die Wasserversorgung der Wohnfeste angeschlossen sind und stets von Frischwasser durchströmt werden.
      Mit ausgefahrenem Saugrüssel trinkt er abwechselnd und gibt Rircti zu Trinken. Der ist zwar schon groß genug um alleine trinken zu können, doch genießen beide die körperliche Nähe zueinander, denn sie sind nur einen kleinen Teil des Tages wirklich zusammen und haben sich sonst nur im Schwarmbewußtsein.
      Nach dem Trinken stellt sich jeder aus der Familie in einer anderen Schlange an, und jeder kommt mit einer anderen großen Schüssel zurück, die sie in einer der vertieften Esskuhlen abstellen, um die sie sich nun versammeln.
      Die Kleinen starten wie immer einen Krieg der Saugrüssel, weil sie am liebsten von allem gleichzeitig probieren wollen, und sich dabei gegenseitig im Weg sind, und wie immer ertragen es die Erwachsenen eine Weile lang mit stoischer Gelassenheit. Als Tshihic jedoch seinen Saugrüssel zu wild herumschlenkert und Cri und Hrssi von oben bis unten mit Tctcbrei bekleckert, schnarrt Hrssi warnend, und Cri sendet einen mahnenden Impuls an seine Brut. Es ist genug!
      Von da an herrscht mehr Ruhe. Als der erste Hunger gestillt ist, erzählen die Kinder was sie heute tun werden: die beiden Schwärmlinge werden bei einem Versorgungsflug zu einem der kleineren Aussenposten des Schwarms mitmachen, wo Späher in dieser Jahreszeit Ausschau nach Zugvogelschwärmen halten. Die Jüngeren werden Flügelübungen machen, und beim Ausräumen einer ungenutzten Kammerflucht helfen, die zu einer Schlüpflingsstation umgebaut werden soll.
      Nach dem Frühstück gibt es wieder einen kleinen Tumult, als die drei Elter jedem Nestling zum Abschied von ihren Honigzuckersäckchen abgeben, die sie an gewundenen Schnüren stets bei sich tragen, weil natürlich jeder das größte Säckchen haben will, obwohl alle gleichgroß sind und gleichviel Honigzucker enthalten. Cri sieht zu wenig von der Sonne um ihn selbst herzustellen, aber er hat selbstverständlich auch immer welchen dabei, denn eine bessere Zwischenmahlzeit gibt es nicht. Er bindet das letzte Säckchen mit dem Geschick langer Übung an Ctissis Oberkörper fest, wischt dem Schwärmling die letzten Essenskrümel vom eingerollten Saugrüssel und stupst ihn dann belustigt an, denn seit Ctissi durch die Abkürzungsluftschächte fliegen kann bummelt er immer am meisten herum, die anderen sind schon längst mit raschen Impulsen des Abschieds davongekrabbelt.
      Nun wird es auch Zeit für ihn, und ein paar kurze Fühlerstreicheleinheiten später macht sich Cri auf den Weg zu seinem Arbeitsplatz tief unten in der Feste. Er arbeitet mit drei dutzend anderen Tiraali an einem neuen Komplex aus Großwasserbecken in einem bisher wenig ausgebauten Teil des großen Felshangs, in den die Wohnfeste Hriscritris geschlagen ist.
      Er soll als Trinkwasserspeicher für die Trockenzeit, aber auch als Fischbecken genutzt werden, und die Wasserzuströme und Trennstrukturen, die die Steinwerker hineinschlagen sind noch lange nicht fertig. Es werden noch Monate vergehen bis die Becken geflutet werden können.
      Cri meißelt an den Uferstellen des neuen Fischbeckens, er fertigt Haltevertiefungen und die Rinnen für die Wasserkreisläufe an der Beckenrandbepflanzung, denn hier werden später genügsame Höhlengewächse angepflanzt werden: filternde Hcihcimoose, das lichtscheue Wasserhaar und weitere Grünhelfer, die den Fischkulturen Unterschlupf bieten und zugleich die Wasserqualität erhalten sollen, während die Fische wiederum die Algen kleinhalten.
      Hier unten gibt es im Moment noch nicht genug Licht für diese Pflanzen, denn die Spiegelschächte, die das Sonnenlicht an hellen Tagen heruntertragen werden sind noch nicht fertig. Es wird hauptsächlich mit Tastsinn, Leuchtwürmchenlampen und Fackeln gearbeitet, einige Leuchtsteine gibt es auch, aber die sind alt, aus der Zeit als die Menschen noch wussten wie man sie herstellt.
      Cri mag Leuchtsteinlicht, vor allem wenn er mit Säure arbeitet, wie heute, um den Fels besser kleinzukriegen. Tageslicht mag er zwar noch lieber, aber durchs Schwarmbewußtsein fühlt er sich nicht ganz davon abgeschottet - wenn er den Wunsch dazu verspürt lässt ihn jederzeit einer der anderen Tiraali durch seine Augen einen Blick auf die Sonne werfen.
      Ein paar Mal an diesem Vormittag heißt Cri auch die Präsenz eines derer in seinem Geist willkommen, die den Gesamtfortschritt der Baustelle im Blick behalten, und mehr als einmal greift er geistig hinaus um seine Gelegepartner und die beiden in der Feste verbliebenen Nestlinge kurz zu berühren. Er tauscht auch Fragen, Bitten um Werkzeuge oder Eindrücke mit den anderen Steinwerkern, und krabbelt mehr als einmal zu einem der anderen hinüber, um ihnen kurz bei Arbeiten zu helfen die zu zweit oder mehreren besser zu schaffen sind.
      Gegen Mittag breitet sich eine Unruhe in Hriscritris aus, die in Wellen durch die gesamte Feste schwappt. Ein Sandsturm braut sich in der Wüste ausserhalb der Feste zusammen, ungewöhnlich für die Jahreszeit.
      Zerstreut beschließt Cri, dass er eine Pause braucht. Er denkt die ganze Zeit nur an Ctissi und Tsihic, die jetzt da draußen sind, auf dem Weg zum Außenposten. Sturm in der Sicherheit der Feste ist gemütlich, Sturm im Freien draußen kann tödlich sein.
      Cri hat keinen Appetit auf seinen üblichen Mittagsimbiss, der von einigen Nestlingen vorbeigebracht wird. Unbeachtet steht die Schale mit dem Pilzragout am Baustellenrand. Ob die Schwärmlinge es rechtzeitig schaffen, sich in Sicherheit zu bringen?
      Zunehmend nervös tänzelte Cri auf der Baustelle hin und her, beachtet kaum die mitfühlenden Trillerlaute der anderen Tiraali, die seine Besorgnis spüren. Ihr geistiger Beistand kann ihn nicht beruhigen. Schließlich hält er es nicht mehr aus und stakst auf dem kürzesten Weg zurück nach oben in den Wohntrakt, um Hrssi und Shctirr zu finden. Sie warten in der Schlafkammer auf Cri, und Rircti und Shish sind bei ihnen. Sie sind allesamt unruhig und huschen Cri entgegen, bleiben schließlich alle eng aneinandergedrückt in der Mitte des Raumes stehen. Die Fröhlichkeit des Morgens erscheint Cri nun fast unwirklich. Er fühlt sich machtlos.
      Sie können bei dem Sturm wenig tun, nur den Geist offenhalten und warten. Schließlich verbinden sich die drei Erwachsenen, um hinauszugreifen so weit sie können. Auch ein paar andere besorgte Elter, deren Schwärmlinge draußen sind, klinken sich ein und vergrößern so die Reichweite des Rufs. Ihre Frage hallt durch den ganzen Schwarm.
      Sind die Schwärmlinge in Sicherheit? Wie hoch wirbelt der Sand? Könnten sie ihn in den Lüften überfliegen oder ist der Wind zu stark? Haben sie im Außenposten Schutz gefunden?
      Unbeweglich stehen Cri und die anderen Rufer da, während rings um sie die Feste endgültig sturmsicher gemacht wird. Klappen werden über Luftschächten geschlossen und gesichert, der breite Aufgang zu den Sonnenterrassen wird verschlossen, Fenster werden zugehängt und abgedichtet. Doch was ist mit denen, die noch draußen sind?
      Der Ruf erreicht ein paar Trockenhirten, die gerade ihre kleine Viehherde in einen Notfallunterstand im vorgelagerten Felsland von Hriscritris getrieben haben. Die greifen hinaus und treten in Kontakt mit einer kleinen Karawane, die von der Feste Hricaassith
      kommend in einer Höhle Unterschlupf gefunden hat. Die haben den Schwärmlingstrupp gesehen und gedanklich im Vorbeiflug gegrüßt, doch wo ist er jetzt?
      Ein weiterer Tiraali, ein heimkehrender Néchajäger, der sich in seinem Notzelt im offenen Gelände verschanzt hat, schließt die Kontaktkette – endlich, der Außenposten antwortet! Über den Jäger, die Karawane und die Hirten erreicht die erlösende Nachricht die Feste Hriscritris: Ja, die Schwärmlinge sind alle angekommen, und alle in Sicherheit.
      Cri fühlt sich auf einmal ganz leicht. Er spürt seine beiden Partner und die Nestlinge neben sich, und die anderen beiden sind auch in Sicherheit.
      Er zirpt leise, reibt seine Vorderbeine an den zwei Kleinen und versucht mit beiden Fühlern gleichzeitig Hrssi und Shctirr zu streicheln. Auch von ihnen kommt eine Woge der Erleichterung, die sie an den restlichen Schwarm weitergeben. Frohes Zirpen und Trillern erklingt überall, auch das Heulen des nun mit voller Kraft einsetzenden Sandsturms kann diese Laute von Freude und Erleichterung nicht übertönen.
      Nach diesem Schrecken braucht Cri jetzt erstmal ein bisschen Honigzucker, denn nun merkt er doch wie hungrig er eigentlich ist. Zusammen machen sie es sich auf den weichen Matten gemütlich, auf denen sie immer die Nacht verbringen, und ausnahmsweise darf heute hier im Bett genascht werden.
      Es ist zwar erst Nachmittag, aber Cri und seine Familie denken gar nicht daran, sich wieder von ihrem Lager zu erheben. Sandsturmzeit ist Ausnahmezustand, und dass ihre Familie noch zu siebt ist, muss sowieso gefeiert werden.
      Der Schwarm findet das auch, und ein paar Nestlinge bringen ihnen neues Pilzragout, mehr Honigzucker, Früchte und Wasser. Den Rest des Tages verbringen sie in einem zunehmend krümeliger werdenden Schlafgemach, trillern sich Lieder, zeigen sich im Geiste Träume und Geschichten und freuen sich jetzt schon auf den Zeitpunkt, wenn Ctissi und Tsihic wieder bei ihnen sind. Als die Sonne irgendwo weit hinter den aufgepeitschten Sandwolken untergeht, schlafen sie zufrieden ein, und lassen sich in das unermüdliche Zirpen des Schwarmbewußtseins hinabsinken.

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      Das dreiundzwanzigste Türchen ist seltsam unbeständig. Im einen Moment ist es von schönen, leuchtendbunten Blumen bedeckt, im nächsten trägt es eine dicke Schneekappe und eine Reihe funkelnder Eiszapfen. Ebensowenig scheint es sich entscheiden zu können, ob es in ein mit weichen bunten Teppichen ausgelegten Raum führen will, oder doch lieber in einen Wald, dessen vorherrschende Farben das dunkle Holz der Stämme und blendenweißer Schnee sind…



      Lilien im Schnee



      "Soll ich euch eine Leander-Geschichte erzählen?"
      Auf ihre Frage hin fingen die Kinder an zu murren. Früher hatten sie ihre Leander-Geschichten gemocht. Jedes Mal, wenn sie diese Frage gestellt hatte, waren sie alle zu ihr gelaufen, hatten sich rund um sie auf den Boden plumpsen lassen und hatten sie mit großen Augen erwartungsvoll angeschaut. Doch seit einiger Zeit konnte sie die Kinder damit nicht mehr locken.
      "Sind wir für solche Geschichte nicht langsam ein bisschen zu alt, Lillis?" fragte Lugis, einer der älteren Jungen.

      Auf einmal verstand Lillis, warum die Kinder in letzter Zeit keine Leander-Geschichten mehr hören wollten. Sie fingen an zu zweifeln. Sie glaubten nicht mehr an die Geschichten von Leander, dem Traummagier. Da beschloss sie kurzerhand, ihnen eine Geschichte zu erzählen, die sie ihnen noch nie erzählt hatte.
      "So so - ihr fühlt euch also zu alt für die Geschichten des Traummagiers. Dann werde ich euch eine neue Geschichte von ihm erzählen. Die allererste Geschichte sozusagen - die Geschichte, wie ich Leander kennen gelernt habe."
      "Du kennst Leander? Das geht doch gar nicht. Es gibt keine Traummagier." antwortete Lugis frech. Doch in seiner Stimme klang ein Hauch von Zweifel mit … vielleicht sogar Hoffnung, dass seine Worte unwahr waren und nicht die seiner Lehrerin.
      "Lass mich die Geschichte erzählen, Lugis, und dann lass uns darüber reden, was wahr und was unwahr ist." erwiderte Lillis und winkte den Kindern, sich zu ihr zu setzen.


      Und dann begann Lillis zu erzählen:

      "Hoch im Norden - jenseits des Rings der Welt und jenseits des Herbst- und des Frühlingslandes - noch weiter im Norden, da herrscht der Winter. Tag für Tag ist es dort eisig kalt. Ihr könnt euch das hier im Sommerland gar nicht vorstellen. So heiß wie es hier ist, so kalt ist es dort. Man muss immer dicke Mäntel tragen, Mützen bis zur Nase und Handschuhe so dick, dass man kaum etwas damit greifen kann. Und es gibt dort keine Blumen - nur gewaltige, knorrige Bäume, deren Äste schwarz wie die Nacht nach den Wolken greifen. Statt Wasser gibt es nur Schnee und Eis. Ein Land so kahl wie die rote Wüste, doch klirrend kalt und eisig weiß.
      Dies ist meine Heimat - dort bin ich geboren: im Winterland - dort habe ich Leander zum ersten Mal gesehen. Ich war ein kleines Mädchen, und alle hatten sie mich gewarnt, mich dem Dunklen zu nähern. So nannten wir Leander damals, denn als er über das endlose Meer zu uns gekommen war, hatte er uns seinen Namen nicht gesagt. Namen waren zu mächtig, hatte er gesagt. Wer den echten Namen eines anderen Menschen wüsste, der hätte viel Macht über ihn. Und so weigerte er sich, seinen Namen zu nennen, und wann immer man ihm seinen eigenen Namen nennen wollte, zuckte er zusammen und unterbrach sein Gegenüber herrisch: "Nenne mir nie deinen Namen, wenn du am Leben bleiben willst."
      Dies führte dazu, dass der Dunkle bald von jedem gemieden wurde. Er wohnte abseits des Dorfes unter einem abgestorbenen Baum und kam nur dann zu uns, wenn er bei der Jagd so viel Erfolg gehabt hatte, dass er nicht alles allein essen konnte. Auf diese Weise sah ich ihn zum ersten Mal, als er meinem Vater einen ganzen Schneefuchs anbot. Ich war gerade einmal so alt wie ihr und hatte ihn zuvor noch nie gesehen. Seine Haut war tatsächlich fast so dunkel wie die unserer Bäume - so ganz anders als meine oder die meiner Eltern oder aller, die ich sonst kannte.
      Damals warf er mir keinen zweiten Blick zu. Er tauschte den Schneefuchs gegen ein Paar geschliffene Zähne zum Enthäuten der Tiere und verschwand wieder.
      Ich hatte so viele Fragen, wollte wissen, wo er herkam und wie es da aussah. Ich wollte wissen, wer er war, wie er hieß und was er bereits alles erlebt hatte. Doch meine Eltern konnten all diese Fragen nicht beantworten. Und auch kein anderer aus unserem Dorf konnte es, denn schließlich redete der Dunkle mit keinem mehr als notwendig. Was blieb mir da anderes übrig, als zu ihm selbst zu gehen?
      So schlich ich mich, wann immer ich die Zeit dazu hatte, zu seiner Höhle und versuchte ihn zu beobachten. Doch dazu kam es nicht oft, denn die meiste Zeit war er gar nicht da, sondern jagte draußen im Eis. Nur manchmal, wenn er gerade zurückkam, konnte ich ihn dabei beobachten, wie er die Felle aufspannte und das Fleisch aufhing. Doch das war nichts, was ich nicht auch von den anderen Männern her kannte. Er war wie jeder andere Mann - nur seine Haut war eben schwarz und nicht weiß wie die aller anderen.
      Langsam begann ich mich zu langweilen und schlich mich immer seltener zu ihm. Und ihn direkt ansprechen, traute ich mich damals nicht.
      Ich war schon lange nicht mehr bei ihm gewesen, als ein heftiger Schneesturm über unser Dorf hereinbrach. Mehrere Tage konnte keiner von uns seine Höhle verlassen, und wir dachten schon, dass die Welt untergehen würde. Wir lagen nur mehr unter unseren Fellen und erzählten uns Geschichten, wenn wir nicht gerade schliefen oder aßen. Wir hatten jedes Gefühl für Tag und Nacht vollkommen verloren, bis mein Onkel eines Tages seinen Kopf zu uns in die Höhle steckte und meinte, es wäre endlich vorbei. Erleichtert waren wir unter den Decken hervorgekrochen und nach draußen an die Sonne gekrabbelt und hatten die frische Luft eingeatmet. Überall um uns herum gruben sich unsere Nachbarn unter ihren Bäumen hervor - teilweise musste man ihnen von außen helfen, weil die Schneeschicht zu fest gefroren war, um von innen durchbrochen zu werden. In diesem Moment fiel mir der Dunkle wieder ein, und ich fragte mich, ob er sich alleine aus seiner Höhle befreien konnte, oder ob er darin eingeschlossen war. Besorgt stampfte ich durch den Neuschnee und sank mit jedem Schritt fast bis zu den Oberschenkeln ein. Es dauerte ewig, bis ich bei der Höhle des Dunklen war und ich feststellte, dass ich mir keinerlei Sorgen hätte machen müssen: rund um seinen Baum lag keinerlei Neuschnee. Ich stolperte fast auf den festgetretenen Schnee, als ich die Grenze vor lauter Überraschung, ohne nachzudenken, übertrat. Auf einmal war es spürbar wärmer und während ich mir noch die Augen rieb, wuchsen Blumen aus dem Schnee. Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich Tulpen, Narzissen, Krokusse und Schneeglöckchen. Danach Vergissmeinnicht und Männertreu, Lilien und Chrysanthemen, Rosen und Veilchen. So viele kräftige, leuchtende Farben wie ich sie mir nie hätte vorstellen können. Und dieser Duft - all diese Blumen überdeckten den Geruch nach frischem Schnee und Kälte und betäubten mich.
      Ich war von diesem Wunder so fasziniert, dass ich erschrocken zusammen zuckte, als der Dunkle hinter seinem Baum hervortrat und mich sah.
      "Was machst du hier?" fragte er mich unwirsch und im selben Moment waren die Blumen, die Farben und die Gerüche verschwunden und ich stand knietief im Neuschnee. Auch die Wärme war verflogen und so stand ich zitternd vor Angst und Kälte da und erinnerte mich wieder daran, weshalb ich eigentlich hergekommen war. "Ich wollte sehen, ob du Hilfe brauchst. Andere im Dorf konnten sich nicht alleine aus ihren Höhlen befreien."
      Der Dunkle schaute mich sichtlich überrascht an. Wahrscheinlich hatte er nicht damit gerechnet, dass sich jemand um ihn Gedanken machen würde … was ja offensichtlich auch nur ich tat, denn von den anderen war keiner auf die Idee gekommen und hatte nach ihm gesehen.
      "Aber du scheinst ja keine Hilfe zu brauchen. Du kannst es warm werden lassen … so warm, dass Farben aus dem Schnee wachsen. Wie machst du das?" fragte ich ihn.
      "Das geht dich nichts an. Und jetzt geh zu deinen Eltern, bevor sie sich Sorgen machen." Und nach einem kurzen Zögern setzte er hinzu: "Danke, dass du dir Sorgen um mich gemacht hast und mir helfen wolltest. … Aber nun geh."
      "Meine Eltern machen sich um mich keine Sorgen. Sie wissen, dass sie mich eines Tages verlieren werden. Das ist meine Bestimmung." antwortete ich ruhig, aber drehte mich trotzdem um, um zurück zu gehen. Ich wusste ja, dass der Dunkle nicht gerne sprach und warum sollte er ausgerechnet mit mir kleinem, dummen Mädchen sprechen wollen?
      "Wie meinst du das?" rief er mich zurück, und verwundert drehte ich mich wieder zu ihm um. "Ich komme aus einem anderen Sternbild. Mein Volk zählt wenige und die wenigen stammen aus nur einer Handvoll Sternbilder. Ich komme aus einem anderen Sternbild. Bei meinem Volk heißt dass, dass ich gehen werde. Ich werde eines Tages meine Eltern, mein Dorf und wahrscheinlich auch dieses Land verlassen. Deshalb macht sich keiner um mich Sorgen. … Oder will viel mit mir zu tun haben. Schließlich will man niemanden verlieren, den man gerne hat."
      Mit dieser Tatsache lebte ich nun schon einige Zeit. Anfangs war es schwer gewesen zu verstehen, was mir meine Eltern sagen wollten, als sie es mir erklärten. Ich war ja noch ein kleines Mädchen damals. Aber wenn keines der anderen Kinder mit dir spielen will, dann begreifst du recht schnell, was diese Worte bedeuteten. Zuerst hatte ich furchtbare Angst, weil ich meine Eltern gar nicht verlassen wollte. Doch mit der Zeit begriff ich, dass ich wirklich anders war. Das Leben meiner Eltern war mir schon bald zu eintönig. Sie machten jeden Tag das Gleiche. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich mein ganzes Leben lang auch immer jeden Tag das Gleiche machen würde.
      Die traurige Stimme des Dunklen riss mich aus meinen Gedanken: "Das ist wohl wahr. Ich habe meine Frau und meine Tochter verloren … niemand möchte einen geliebten Menschen verlieren."
      Eisige Tränen glitzerten auf seinen schwarzen Wangen.
      "Es tut mir leid." flüsterte ich, drehte mich um und stampfte zurück zu meinen Eltern.

      Als der Dunkle das nächste Mal Fleisch zum Tauschen brachte, nickte er mir freundlich zu, und als keiner hinhörte, flüsterte er mir leise zu: "Du wolltest doch wissen, wie man Farben aus dem Schnee wachsen lässt. Komm zu mir und ich zeige es dir."
      Ich schaute ihn mit großen Augen an und nickte aufgeregt. Sobald ich mit meiner Arbeit fertig war, lief ich mit pochendem Herzen zu seiner Höhle. Und da waren sie wieder! All die herrlichen bunten Blumen und ihr betörender Duft.
      Der Dunkle lächelte mich an und erzählte mir seine Geschichte.
      Er sei ein Traummagier und könne allein durch die Kraft seiner Träume und Wünsche Dinge real werden lassen … wenigstens für eine kurze Zeit. So könne er auch Blumen - ich hörte das Wort damals zum ersten Mal - im Schnee wachsen lassen. Natürlich stellte ich ihn auf die Probe und wollte wissen ob er auch einen Schneefuchs vor meinen Füßen auftauchen lassen könne. Kaum ausgesprochen war er auch schon da und wand sich um meine Knöchel. Ich war begeistert und streichelte den kleinen Fuchs, während ich immer wieder fragte: "Kannst du auch ….?"
      Er erfüllte mir jeden Wunsch. Und mit jedem Wunsch wurde sein Lächeln breiter, doch seine Augen wurden trauriger.

      "Du bist wie meine kleine Rosalie. Hast so viele Träume und Wünsche … so viel Schönes in deiner Seele. … Und siehst die Schattenseiten nicht."
      Die Worte waren nicht für mich bestimmt gewesen. Der Dunkle hatte sie lediglich geflüstert. Und zunächst verstand ich sie nicht. Bis ich begriff, dass Rosalie seine Tochter gewesen sein musste und dass es nicht nur schöne Träume gab.
      "Was ist passiert?" fragte ich ebenso leise. Ich erwartete eigentlich keine Antwort, aber der Dunkle war mit seinen Gedanken so weit fort, dass er mir ohne nachzudenken antwortete.
      "Meine Frau und ich wollten Rosalie Edador zeigen … die Stadt in den Wolken … die Sonne auf Erden. Die Reise war ruhig und das Meer wunderschön. Wir hatten die Korallenstadt gerade hinter uns gelassen, als dunkle Wolken aufzogen. Ich machte mir darüber keine weiteren Gedanken, aber mein Unterbewusstsein scheinbar schon. Als ich in der Nacht schlief, träumte ich von einem heftigen Sturm, der unser Schiff kentern ließ. Ich wachte auf, weil ich Salzwasser schluckte. Heftig strampelnd versuchte ich mich an die Wasseroberfläche zu kämpfen. Irgendwann verlor ich das Bewusstsein. Als nächstes wachte ich in der Korallenstadt auf. Man hatte mich und einige der Seeleute retten können, doch meine Frau und meine Tochter waren ertrunken. Ihre Sterne leuchteten wieder klar am Nachthimmel. Als ich mich erholt hatte, beschloss ich hierher zu kommen, wo mich niemand kannte. Ich beschloss alleine zu leben, damit ich nie wieder jemanden verletzen könnte."
      Die Stimme des Dunklen wurde immer leiser, bis sie schließlich ganz erstarb. Und mit ihr verschwanden all meine Wünsche, so dass wir, anstatt auf Blumen, wieder auf reinem Schnee saßen.
      Wieder glitzerten Tränen auf seinen dunklen Wangen, doch diesmal ging ich nicht. Ich blieb einfach neben ihm sitzen und versuchte zu begreifen, was er mir soeben erzählt hatte. War es wirklich sein Traum gewesen, der den Sturm verursacht hatte, oder wäre er nicht so oder so heraufgezogen? Wahrscheinlich quälte ihn diese Frage jeden Moment seines Lebens.
      Ich weiß nicht, wie lange wir so dagesessen sind, doch die Dämmerung war mittlerweile hereingebrochen und die Sternbilder begannen sich am Himmel zu zeigen. So fragte ich ihn schließlich: "Welche Sterne sind sie?"
      Der Dunkle blinzelte seine Tränen fort und schaute nach oben.
      "Meine Frau ist der 14. Stern des kleinen Fisches. Meine Tochter war der 2. Stern des Kraken, doch ist der Stern bereits kurz nach ihrem Tod wieder gefallen."

      Zuerst glaubte ich, ich hätte ihn falsch verstanden. Es gab unendlich viele Sterne in den Sternbildern … da konnte es doch nicht sein …
      Mein Herz begann schneller zu schlagen, während meine Bestimmung in meinen Ohren dröhnte: 'Du wirst dieses Land eines Tages verlassen - du kommst aus einem anderen Sternbild. Das Sternbild des Kraken war noch nie ein Sternbild, in dem einer unseres Volkes geboren wurde. Dein Stern findet woanders seine Bestimmung, aber nicht hier im Winterland.'

      Nur an diesem Abend konnte ich ihm nicht sagen, dass seine Tochter und ich den gleichen Stern in sich trugen. Ich konnte es ihm lange Zeit nicht sagen.
      Wir wurden immer dickere Freunde, und irgendwann hatten wir einen Punkt erreicht, an dem jedes Geheimnis zwischen Freunden unerträglich wird, und da sagte ich es ihm.
      Zunächst war er furchtbar wütend auf mich und wollte nichts mehr mit mir zu tun haben. Doch dann umarmte er mich. Und ich sah in seinen Augen etwas, was ich dort noch nie so gesehen hatte: Lebensfreude!
      Wenig später bat er mich ihn zu begleiten - in den Süden, dort wo die Farben auch ohne Traummagie wachsen.
      Und da ich hier bin, könnt ihr euch ja denken, dass ich mit ihm gegangen bin."


      Die Kinder rund um Lillis kehrten langsam zurück aus der Welt aus Schnee und Eis, die keine wirklichen Farben zu kennen schien. Etwas, dass sie kaum verstehen konnten, da Farben hier im Süden gar nicht schrill und grell genug sein konnten.
      "Und wo ist Leander jetzt?" wollte Lugis wissen.
      Lillis wollte ihm die Frage gerade beantworten, als eine tiefe Männerstimme stattdessen die Frage beantwortete: "Denk doch mal nach Lugis. Eure Lehrerin wohnt mit einem Leander zusammen, den sie als ihren Vater bezeichnet. Wo könnte also der Traummagier aus ihren Geschichten sein?"
      Besagtem Leander gehörte die tiefe Männerstimme und er lächelte seine Tochter liebevoll an. Kaum hatte er seine Frage gestellt, begannen überall im Zimmer Blumen zu blühen und Lillis und er lachten, während die Kinder ungläubig auf die Blumen starrten.
      Es gab sie also doch: Traummagier, die Wünsche wahr werden lassen konnten.

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      Das vierundzwanzigste Türchen besteht aus klarem Glas. Bei näherer Betrachtung entpuppt es sich als eine Balkontür, ein paar blasse Fingerabdrücke hier und da deuten an, dass sie oft geöffnet wird. Eine blonde junge Frau huscht auf den Balkon und späht einen Moment lang über das Geländer nach unten, ehe sie schnell wieder in die vergleichsweise warme Wohnung zurückkehrt. Sie seufzt und macht sich ans Aufräumen, doch als sie kurz darauf das Klirren der Wohnungsschlüssel hört, stiehlt sich ein Lächeln auf ihr Gesicht…



      Habeas Corpus


      Rückblickend betrachtet war das dritte Jahr der Krise das schlimmste. Aber sein Weihnachtsfest sollte sich als dasjenige entpuppen, das Sam für den Rest seines Lebens am markantesten in Erinnerung blieb - ohne den Großteil des sonst üblichen Kommerzes und auf das Wesentliche reduziert. Dabei waren die Vorzeichen nicht die besten gewesen, denn begonnen hatte es wie alles in jenen Tagen: dunkel, von Sorgen überschattet und nasskalt.
      Das Treppenhaus des beengten Sechziger-Jahre-Baus, in dem Sam und seine Familie seit Ende Oktober wohnten, glich auch am Weihnachtsabend einem Schlachtfeld aus Schneematsch und Tauwasser. Es präsentierte sich als zu hundert Prozent glaubwürdiger Zeuge der einzigen Devise, die dieser Tage galt: sich wann immer möglich in die sicheren vier Wände zurückzuziehen, den Energieverbrauch klein zu halten und darauf zu hoffen, dass die Regierung bald etwas Entscheidendes tat. Bis dahin konnte Sam es den Verantwortlichen nicht verdenken, wenn sie sich lieber um ihre eigenen Angelegenheiten kümmerten als um die Sauberheit der Flure in diesem Mietshaus. Gab er eben auf dem Weg hinauf in den vierten Stock besonders gut acht darauf, wo er hintrat. Auszurutschen und sich zu verletzen konnte er sich in diesen Zeiten wirklich nicht erlauben. Er hatte ohnehin schon Glück genug gehabt.
      In den Monaten, in denen die Welt auf die Krise zugesteuert war, hatte Sam mit wachsender Beunruhigung darüber nachgegrübelt, dass Schreibtischtäter wie er wohl die ersten sein würden, deren Jobs die Entwicklung hinwegraffte. Heute dankte er Gott dafür, dass er sich geirrt hatte. Der fortdauernde Ausnahmezustand brachte zwar eine Einschränkung von Bürgerrechten mit sich, aber noch lange keine Abschaffung des Rechtsstaats. Und während Sam bis zum Sommer vor allem mit Patentstreitigkeiten für ein aufstrebendes kleines Technologieunternehmen im Energiesektor beschäftigt gewesen war, fand er sich nun, im Winter, wo die Energiekrise ihr hässlichstes Gesicht zeigte, immer häufiger auf den Fluren des Bezirksgerichts von Massachusetts wieder, am laufenden Band die Pflichtverteidigung für Menschen übernehmend, die in den letzten Monaten alles verloren hatten. Erst die Fähigkeit, die stetig massiv ansteigenden Strom- und Benzinpreise zu bezahlen. Dann ihre Jobs. Und zuletzt ihre Prinzipien, indem sie die Not, ihre Familien zu ernähren, die Hemmschwelle zur Kriminalität hatte überschreiten lassen. Eine Schwelle, die in dem Maße abzusinken schien, wie sich hier im Ballungsgebiet der Ostküste die Stromausfälle häuften, Alarmanlagen ausfielen und Gelegenheiten für Plünderungen lockten. Eine Entwicklung, der Polizei und Justiz kaum mehr hinterherkamen.
      Es war der übliche Strudel aus finsteren Gedanken über das, was im Lauf der letzten paar Jahre aus der Welt geworden war. Jeden Tag jagte er Sam auf dem Rückweg vom Gericht aufs Neue durch den Kopf. Aber genauso siegte stets mit jeder Stufe mehr, die er diese Treppe hinaufstieg, die Aussicht auf einen Abend mit seiner Familie über das schwarzmalerische Chaos in ihm. Dieses Mal nur mit dem Unterschied, dass er und seine Frau sogar einen seltenen Abend in Zweisamkeit würden genießen können - wenn auch eher unfreiwillig. Aber es genügte schon, wenn der Notbetrieb des Gerichts am Vierundzwanzigsten ihn selbst daran hinderte, es noch im Tageslicht zu seinen Eltern nach Back Bay zu schaffen, wo wie jedes Jahr mit der Verwandtschaft Weihnachten gefeiert wurde. Sein kleiner Sohn sollte nicht auch noch darunter leiden müssen. Zum Glück gab es da Sams älteren Bruder Tom, der auf dem Weg zur Familienfeier ohnehin hier vorbeikam und keine Gelegenheit ausließ, seine Qualitäten als Onkel unter Beweis zu stellen.
      Sam kramte nach dem Wohnungsschlüssel. Die altmodischen mechanischen Schlösser waren etwas, das er dem Gebäude zugutehalten musste, funktionierten sie doch unabhängig von einer stabilen Energieversorgung. Beim Aufsperren fiel ihm wieder die Zahl ein, die er von einer Nachrichtenanzeige unweit des Gerichts aufgeschnappt hatte und die er unbedingt seiner Frau mitteilen wollte.
      „Achtunddreißig Prozent!”, verkündete er laut in die Wohnung hinein, während er seine nassen Stiefel auszog. Keine Reaktion. Entweder hatte Rena ihn nicht gehört oder sie ignorierte ihn. Sam hätte das nur verstanden - schließlich handelte sich um keine sehr liebevolle Art der Kommunikation. Das konnte er wirklich besser. Rasch überquerte er die Schwelle und drückte die Tür hinter sich zu. Absolut gesehen konnte es in der Wohnung nicht sehr warm sein, aber im Vergleich zu draußen kam sie Sam wohlig einladend vor. Noch.
      „Was ist das?”, erklang es nun doch von nebenan. „Die aktuelle Teuerungsrate?”
      In den seltenen Fällen, in denen Rena diesen trockenen Humor zur Schau stellte, traf sie zielsicher den Kern der Dinge. Aber direkt nach seiner Rückkehr von der Arbeit war Sam der Ernst der Lage noch zu präsent, und so blieb ihm jegliches Lachen im Hals stecken. Er stellte seine Aktentasche und die Tüte mit den guten Schuhen für den Gerichtsflur in die Ecke und beeilte sich, ins Wohnzimmer zu kommen.
      Seine Frau war anscheinend gerade dabei, Dinge umzuräumen. Auf ihrem Gesicht lag sichtliche Anspannung, die Sam unbedingt lösen musste. Er trat auf Rena zu, legte die Arme um sie. Bestimmt fühlte auch sie, dass er mit dem Kopf noch halb draußen in der rauen Wirklichkeit war, und doch legte Sam die nötige Zeit und Zärtlichkeit in seinen Kuss. Schließlich hatte er sich fünf Jahre zuvor, bei ihrer Hochzeit, geschworen, es niemals so weit kommen zu lassen, dass sie nur noch diese Hallo-Schatz-ich-bin-zuhause- oder Schatz-ich-geh-dann-mal-Schmatzer austauschten.
      „Nein”, gab er zur Antwort, als sie sich voneinander lösten. „Das ist das aktuelle Meinungsbild im Kongress zu NICIA1. Ich dachte, du hättest die neue Umfrage schon mitbekommen.” Eigentlich gab es zig Dinge, nach denen es Sam nun eher dürstete als nach einer Diskussion des aktuell brisantesten innenpolitischen Themas. Aber noch am Vorabend hatte Rena lebhaft geäußert, sie könne sich nicht vorstellen, dass dem Gesetzentwurf eine Zukunft beschieden sei. Dies zum Stand der letzten Umfrage aus der Vorwoche. Seither hatten ganze 9 % der Abgeordneten den Schritt vom Lager der Unentschiedenen in das der Befürworter gewagt - ein großer Erfolg gegenüber dem schleppenden Vorankommen des Entwurfs in den letzten Wochen. Sam hatte anfangs ja auch seine Bedenken gehabt. Aber das, was er jeden Tag auf Gerichtsfluren und in Gefängnissen miterlebte, verdeutlichte ihm eindringlichst, dass die aktuellen Maßnahmen der Regierung nicht genügten, um die innere Sicherheit im Land aufrechtzuerhalten. Da konnte er noch so sehr Demokrat sein. Und in anderen Ecken der Welt hatte man mit ähnlichen Vorhaben bereits spürbare Erfolge erzielt.
      „Ich bin heute noch zu gar nichts in der Richtung gekommen”, durchdrang Renas Antwort seine Gedanken. „Tom war auch spät dran. Es ist gerade eine halbe Stunde her, dass die beiden weg sind.”
      „Tut mir leid”, murmelte Sam. „Ich wollte früher zurück sein, aber dann habe ich noch einen Habeas-corpus-Fall zur Prüfung übertragen bekommen. Das muss ich mir die Tage noch anschauen. Aber heute nicht mehr.” Den letzten Satz hatte er sich hinzuzufügen beeilt, bevor Rena Protest anmelden konnte. „Also hat alles so geklappt wie abgemacht?”
      Rena nickte. „Ja. Aber mir wäre es trotzdem lieber gewesen, wenn wir schon heute Nachmittag zu dritt hätten gehen können.”
      „Ich hatte dir ja gesagt, dass ich auch allein nachgekommen wäre.” Sam begann, sich seines Mantels und des Schals zu entledigen, solange er sich noch nicht an die Innentemperatur gewöhnt hatte.
      Rena machte einen hastigen Schritt auf ihn zu, als gelte es einen Vorwurf zu entkräften - aber sie wollte ihm nur die Sachen abnehmen. „Nein, das ist okay.” Sie klang wenig überzeugt. „Nicht nur, dass es für Kinder gar nicht geht, wenn sie am Weihnachtsmorgen nicht gleich vor Ort sind. So haben wir auch einmal einen Abend nur für uns.”
      Das waren jedenfalls ihre Worte. Aber im nächsten Moment sah sie zum Fenster hinüber; es war der von Sorge erfüllte Blick einer Mutter, der nicht wohl bei dem Gedanken war, ihren fünfjährigen Sohn über Nacht nicht bei sich zu haben, mochte er bei seinen Großeltern noch so gut aufgehoben sein. Die Dämmerung war bereits hereingebrochen - keine halbe Stunde mehr, bis es vollkommen dunkel sein würde. „Vielleicht sollten wir jetzt noch -”
      Sam schüttelte heftig den Kopf. „Auf keinen Fall, das schaffen wir niemals vor Einbruch der Dunkelheit.” Dass dieser Tage mit abnehmender Helligkeit die Kriminalitätsrate exponentiell anstieg, brauchte er nicht extra zu erwähnen. Aber er sollte etwas sagen, das Renas Sorgen ein wenig zerstreute. Er setzte eine aufmunternde Miene auf. „Wir gehen direkt morgen früh, sobald es hell ist. Dann können wir auch gleich aus erster Hand vom Weihnachts-Neuschnee berichten.”
      Der Anflug eines Lächelns auf Renas Gesicht war im nächsten Augenblick schon wieder verschwunden. Kein Wunder - um aktuell noch so etwas wie Winterfreuden empfinden zu können, durfte man das Grundschulalter nicht überschritten haben. „Vielleicht wäre es bei uns unten in Rhode Island doch sicherer.”
      Sam runzelte die Stirn. Die Diskussion hatten sie bereits viele Male geführt, und jedes Mal endete sie mit derselben Erkenntnis: der, dass von den beiden er derjenige mit dem Studienabschluss war, der die Familie zu ernähren hatte. Und dass er die nötigen Verbindungen, um auch in Krisenzeiten wie diesen an ausreichend Mandate zu kommen, nur in Boston, seiner Heimatstadt, hatte. Abgesehen davon würde er auch nicht in Providence eine halbe Meile zu Fuß im Dunkeln gehen wollen. Rena waren all diese Argumente wohlbekannt, und so bedachte sie Sam nur mit einem wissenden Blick. Und versuchte es sodann anders.
      „Tom hat da vorhin etwas anklingen lassen. Anscheinend haben eure Eltern damit begonnen, das alte Arbeitszimmer deines Vaters auszuräumen. Sie loten wohl die Idee aus, dass wir zu ihnen rüberziehen könnten.”
      Das war ein Vorschlag, der das erste Mal laut ausgesprochen wurde. Aber Sam hatte die ganzen letzten Wochen über vermutet, dass etwas in der Richtung im Busch war, denn seine Mutter wurde nicht müde, ihm ihre Kritik an der Entscheidung für diese Wohnung kundzutun. Wenn sie jetzt auch noch Rena und Tom in die Diskussion einbezog, brachte das Sam endgültig in die Defensive.
      „Die haben doch gar keinen Platz für noch drei Leute.”
      „Den haben wir hier auch nicht”, tat Rena den Einwand mit Blick auf den Wohnzimmertisch ab, auf dem sich Dinge stapelten, die eigentlich in einen Schrank gehörten.
      Sam sah sich um. Objektiv betrachtet war das wirklich kein geeignetes Domizil für eine junge Familie. Zwei verwinkelte Zimmer, eine winzige Küche und dringend renovierungsbedürftiges Bad. Aber es gab nur wenige Außenwände und war insgesamt das beste, was sie auf die Schnelle hatten finden können. Überall türmten sich noch unverräumte Sachen, Relikte ihres hastigen Umzugs vor drei Monaten, als die exorbitant gestiegenen Energiepreise ihre alte Wohnung, schön, licht und groß, hatten unerschwinglich werden lassen.
      Nein, Platz war nicht der eigentliche Grund für Sams Vorbehalte. Vielmehr könnte er es niemals mit sich selbst vereinbaren, auf seine Eltern zurückzugreifen. Er war dreißig Jahre alt, gut ausgebildeter Junganwalt und vertrug einiges an Belastung. Wenn er da nicht selbst für seine Familie sorgen konnte, machte er etwas gravierend falsch, auch in Zeiten wie diesen. Eher ließ er sich zusätzlich zu seinem Job in der Wirtschaftskanzlei noch mehr Pflichtmandate zuteilen.
      Davon war er jedenfalls bisher felsenfest überzeugt gewesen. Doch nun, da seine Eltern die Dinge selbst in die Hand zu nehmen schienen, regte sich in Sam plötzlich die nagende Einsicht, dass der Vorschlag etwas hatte, und sei es nur um der sichereren Nachbarschaft willen. Mit fahrigen Bewegungen befreite er sich von Anzugjacke und Krawatte. In dieser Angelegenheit ging es ums Prinzip, und dass ihm sein Verstand da mit einem Mal so in den Rücken fiel, passte ihm gar nicht. „Wenn es ihnen ernst ist, werden sie morgen bestimmt darauf zu sprechen kommen”, gab er vermittelnd von sich und hoffte, das Thema damit vorerst vom Tisch zu bekommen.
      Rena strich ihm lächelnd über den Arm, wusste sie doch genau, dass eine solche Aussage von ihm bereits einen Teilsieg darstellte. Sie deutete auf das Sofa. „Setz dich, du bist bestimmt hungrig. Draußen auf dem Balkon sind noch ein paar Sandwiches, ich hole dir welche.”
      „Balkon-Sandwiches? Sehr gut!”, verkündete Sam in dem übertriebenen Versuch, seine Gedanken von der Wohnungsdebatte zu lösen. Er ließ sich auf das Sofa fallen. Noch immer war ihm unerklärlich, wie es in dieser schmalen Wandnische, unterhalb eines Fensters, Platz gefunden hatte. Rena verschwand kurz um die Ecke des L-förmigen Wohnzimmers, eine Tür ging, und wenige Augenblicke später suchte sich ein kalter Hauch den Weg nach drinnen. Vor einigen Wochen hatten sie beschlossen, ihren Kühlschrank aus Kostengründen vom Strom zu nehmen und sich stattdessen die Außentemperaturen zunutze zu machen. Im nächsten Moment stand ein Teller mit einem kleinen Stapel Sandwiches vor Sam. Dankbar griff er zu.
      Er aß langsam, wie er es sich in den letzten Monaten angewöhnt hatte - nicht nur, um für den Fall einer akuten Lebensmittelknappheit mit der Fähigkeit gewappnet zu sein, sein Hungergefühl auch mit wenig Nahrung zu beherrschen. Nein, er tat es vor allem aus Genuss. Rena verstand es, trotz der Umstände und auch mit wenigen Mitteln etwas Leckeres auf den Tisch zu bekommen, und jeder Bissen, in dem sich die Geschmäcker der einzelnen Zutaten zu einem köstlichen Ganzen verbanden, zeugte von der Liebe, die sie in die Zubereitung gesteckt hatte.
      Eine Weile sah Rena ihm einfach nur beim Essen zu, dann beugte sie sich nach vorn, um ihr Com2 vom Wohnzimmertisch zu nehmen.
      Sam hielt inne. „Was hast du vor?”
      „Keine Sorge, ich will nicht unseren gemeinsamen Abend im Internet verschwenden. Lass mich nur kurz in die Nachrichten schauen. Du bekommst den ganzen Tag genug mit von der Welt da draußen, aber ich war bis vorhin noch Köchin, Aushilfskindergärtnerin und Spielgefährtin in Personalunion. Dagegen kommst du mit deiner Haftprüfung nicht an.”
      Sam grinste und fischte nach einer der Decken, die einsatzbereit am anderen Ende des Sofas aufgestapelt lagen. So langsam klopfte die Erkenntnis an, dass es in der Wohnung nicht viel mehr als fünfzig Grad3 haben konnte.
      „Audio?”
      Er schüttelte den Kopf. „Nein. Da draußen sind Lärm und Chaos genug. Hier drinnen will ich jetzt nichts weiter hören als deine Stimme.”
      Das entlockte Rena ein Lächeln. Sie schlüpfte zu ihm unter die Decke. „Dann iss du weiter und ich lese vor.”
      Mit dem Mund voller Truthahn, Salat und köstlicher Senfsauce verzichtete Sam auf einen Widerspruch und kam so in den Genuss der Schlagzeilen des Tages, auf schmerzhaft treffende Weise kommentiert von seiner hinreißenden Frau.
      „’Monatliche Teuerungsrate erreicht 15 %’. Gut, doch keine 38, aber trotzdem beunruhigend. ‚Lichterbaum am Rockefeller Center unter Polizeischutz’. Zapfen sie den jetzt auch schon an? Manchen ist echt gar nichts heilig. ‚Präsidentin Garland zieht Rede zur Lage der Nation auf Anfang Januar vor’. Ob man so etwas direkt nach den Feiertagen halten muss? Da fängt das neue Jahr ja gut an.”
      „Wenn es die Lage der Nation erfordert …”, murmelte Sam und wischte sich Brotkrümel aus dem Mundwinkel. „Eigentlich ist es eine Schande. Da haben wir endlich eine Frau als Präsident, und dann fällt die größte globale Krise seit dem Zweiten Weltkrieg ausgerechnet in ihre Amtszeit.”
      „Meine Rede. - Hier, das dürfte dir gefallen: ‚Umfragen zu NICIA signalisieren wachsende Zustimmung in der Bevölkerung’. Ich habe da ja immer noch meine Bedenken … Ich meine, kann eine Registrierungspflicht der Bürger wirklich Meldungen wie diese verhindern? ‚10 Todesopfer bei Innenstadt-Schießerei in Philadelphia’.” Ihre Stimme hatte inzwischen jeden ironischen Unterton verloren, klang zunehmend belegter. „Oder hier: ‚Familienvater stirbt an Hochspannungsmast’. Die Verzweiflung der Leute bleibt doch die gleiche.”
      Darauf wusste Sam beim besten Willen auch keine Antwort - und so etwas kam wirklich nicht oft vor. Lange Augenblicke vergingen, während derer sich die beiden einfach nur schweigend ansahen. Dann schaltete Rena in einer demonstrativen Geste das Gerät aus und beförderte es zurück auf den Tisch.
      „Du hast recht. Das hier soll unser Abend sein.” Sie drapierte die Decke wieder über sich, lehnte sich zurück, ließ den Kopf schließlich etwas auf die Seite rollen, hin zu seinem. Und dann kam ihr etwas über die Lippen, das Sam verdeutlichte, dass die düstere Wirklichkeit seine Frau, wenn sie auch die meiste Zeit zu Hause verbrachte, genauso beschäftigte wie ihm selbst. Es war eine Frage, die ihn so aus heiterem Himmel traf, dass er hochschrak. „Bereust du es, dass wir ein Kind in diese Welt gesetzt haben?”
      Hastig fasste Sam unter der Decke nach Renas Händen, suchte ihren Blick. „Auf keinen Fall.” Er bemühte seine ernsteste Miene, wie sie immer beim Schlussplädoyer vor dem Richter Anwendung fand. Entsprechend dick aufgetragen kam ihm auch seine Antwort vor - aber das machte sie nicht weniger ehrlich. „Weltkriege und Hungersnöte haben die Menschheit nicht davon abgehalten, Kinder zu bekommen, dagegen haben wir es hier noch richtig gut.” Im nächsten Moment wich seine anwaltliche Souveränität wieder der Fassungslosigkeit über die Frage. „Wie kommst du denn auf solch einen Gedanken? Denkst du im Ernst, ich würde das tun?” Er schüttelte ungläubig den Kopf.
      „Ich weiß auch nicht”, meinte sie leise, wohl bestürzt über seine Reaktion. Sie senkte den Blick. „Mir kam das neulich irgendwie, und seitdem beschäftigt mich das.”
      „Du bereust doch nicht die Sache mit dem College?” Rena hatte ihr Literaturstudium im zweiten Jahr wegen der Schwangerschaft abgebrochen.
      „Ach, das College ist mir gerade vollkommen egal, das kann ich später immer noch nachholen. Ich mache mir nur manchmal Vorwürfe, weil es mit allem so bergab geht. Eine krisengebeutelte Kindheit lässt sich nämlich nicht nachholen.”
      Sam legte die Arme um sie, zog sie etwas zu sich heran. „Die Frage ist doch, wie viel man in dem Alter überhaupt von solchen Vorgängen mitbekommt”, versuchte er ihr die Sorgen auf seine Weise zu nehmen. „Oder erinnerst du dich daran, was außerhalb von Familie und Kindergarten passiert ist, als du fünf Jahre alt warst?” Einen Augenblick befürchtete er, Rena würde sich angesichts dieser nüchternen Analyse unverstanden fühlen. Andererseits kannte sie ihn zu gut, um etwas anderes von ihm zu erwarten. Und vielleicht wollte sie gerade etwas in der Art hören, dass ihre Sorgen objektiv unbegründet waren. Die seinen waren es jedenfalls, denn die Worte zeigten sogleich Wirkung.
      „Du hast wohl recht. Auch mit dem, was du vorhin gesagt hast. Verglichen mit anderen haben wir es wohl noch richtig gut.”
      Ein kurzer, etwas betretener Moment der Stille. Aber Worte benötigten sie auch gar nicht, denn letztlich setzten sie beide gleichzeitig zu einer Umarmung an und begruben so die impliziten Vorwürfe. Als sie sich voneinander trennten, wirkte Rena sichtlich erleichtert. Um ihr auch noch die letzten Bedenken zu zerstreuen, hob Sam die Decke ein Stück an und machte eine einladende Geste mit Blick auf seinen Schoß. Rena nahm die Beine hoch auf das Sofa und ließ sich nach hinten in seine Arme sinken. Sorgsam drapierte Sam den dicken Stoff um ihrer beider Körper, und erst als er ihn für überall gut festgestopft befand, erlaubte er sich selbst die Entspannung.
      Für den Rest des Tages bestand keinerlei Anlass mehr, die wohlige Wärme, die die beiden bald unter der Decke erzeugten, gegen die Raumtemperatur einzutauschen. Und so vergingen Stunden, die sie dort liegen blieben, zärtliche Berührungen austauschend, sich immer wieder leise unterhaltend, aber die meiste Zeit einfach nur einander spürend. Anfangs klopften sie noch an Sams Bewusstsein, die düsteren Gedanken aus dem Treppenhaus - aber dann sog er einfach den wundervollen Anblick Renas in sich auf und versperrte ihnen so den Zutritt. Und irgendwann schließlich dachte Sam an gar nichts mehr und genoss einfach nur den Moment.

      Das nächste, woran er sich erinnern konnte, war der fahle Silberschein des neuen Tages, der durch die Fensterritzen kroch. Und sein rechter Arm, der höllisch wehtat, weil Rena die ganze Nacht lang darauf gelegen hatte. Bemüht, sie nicht zu wecken, stemmte Sam die Fersen in den Boden und versuchte, seine schmerzenden Knochen so in eine angenehmere Position zu schieben. Aber als stets etwas zu besorgte junge Mutter hatte Rena nur einen leichten Schlaf, und die Bewegungen unter ihr ließen sie schnell wach werden.
      Sie regte sich, noch nicht ganz im Klaren darüber, wo sie sich befand, blinzelte - dann erfühlten ihre Finger Sams Knie und sie gab einen fragenden Laut von sich, der wohl sein Name sein sollte.
      „Guten Morgen”, begrüßte er sie mit seiner sanftesten Stimme.
      „Ist es schon -?” Sie setzte sich abrupt auf, wandte sich zu ihm um und schenkte ihm einen verwirrten Blick.
      Sam nickte kaum merklich. „Ja, wir sind eingeschlafen. Und du sahst so gelöst und zufrieden aus, ich habe es einfach nicht übers Herz gebracht, dich zu wecken.” Das klang furchtbar platt und abgedroschen, und so fühlte er den Drang in sich aufsteigen, die Aussage mit etwas Galgenhumor zu relativieren. „Außerdem wärmst du mich mehr als die beste Decke.”
      Prompt traf ein Sofakissen sein grinsendes Gesicht. Er wehrte sich spielerisch, dann rang er es Rena aus den Händen, beförderte es auf seinen Schoß und umfasste ihre Schultern mit den Armen. So der Möglichkeiten zur Gegenwehr beraubt, ließ sie sich wieder zurück in die Liegeposition sinken, schloss die Augen.
      Das entsprach so gar nicht der angespannten Rena vom Vortag, und so fühlte sich Sam zur Nachfrage verpflichtet. „Du wolltest heute doch so früh wie möglich los.”
      „Ja. Aber es ist gerade so schön.” Ihre Hände umschlangen bestätigend seinen Unterarm.
      Dagegen konnte er nun wirklich nichts vorbringen. Eine Weile blieben sie weiter so liegen. Sam zeichnete mit dem Finger die Konturen von Renas Wange nach, ließ ihn über den Kieferbogen, die Sehnen ihres Halses und das Schlüsselbein streichen und weiter ihren Arm hinab. Als könne er sie sich so für die Zeit, die sie nicht gemeinsam verbrachten, noch genauer einprägen. Zumindest ihren Körper.
      Körper. Es war wohl die morgendliche Verwirrtheit, die bei diesem Wort als nächstes die Erinnerung an den letzten Fall des Vortags in ihm wachrief. Habeas corpus. Du mögest einen Körper haben. Sam spürte ein Grinsen auf sein Gesicht treten. Oh ja, im wörtlichen Sinne hatte er das gerade - er lag da, mit Renas Körper in seinen Armen. Eine Interpretation, die Sam spontan für viel sympathischer befand. In seiner eigentlichen, juristischen Bedeutung stellte ein Habeas-corpus-Antrag für so manchen Verurteilten das letzte Mittel dar, das er noch einlegen konnte, um seine Freiheit zurückzuerlangen. Und gleichsam gab es für Sam, wenn sonst nichts gegen die Sorgen und Existenzängste in diesen finsteren Zeiten half, nur einen Weg zur Befreiung: Rena. Sie brauchte dafür auch nichts Unmögliches zu tun. Sie musste einfach nur da sein, damit er sie halten konnte.
      Manchmal konnte es so leicht sein - wenn er nur einmal seinen Kopf ausschaltete.
      Zärtlich ließ er seinen freien Arm weiter über Renas Oberkörper streichen. Am liebsten würde er ewig mit ihr so liegen bleiben, diese seltenen Stunden der Zweisamkeit niemals enden lassen. Aber es war Weihnachten, sie mussten dringend los. Und wie zur Bestätigung zog es in seiner linken Schulter mehr denn je.
      Rena rührte sich, sie hatte seine Unruhe gespürt. Dem Bedauern auf ihrem Gesicht nach befand sie sich im selben Zwiespalt wie Sam. Ihre Blicke fanden sich - und all seine Schmerzen waren vergessen.
      „Frohe Weihnachten, Rena.”
      Ein letztes Mal kuschelte sich enger an ihn, schloss die Augen, und nach einem kurzen Moment reinsten Genusses kam die Erwiderung, so leise wie liebevoll: „Frohe Weihnachten, Sam.”

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      1 NICIA = National Identity Card Introduction Act.
      2 Com = Kurzform von communication device, einfach das Äquivalent heutiger Smartphones.
      3 50 °F = 10 °C.

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      FROHE WEIHNACHTEN !!!

      Liebe Bastler, jetzt sind alle Türchen offen! Schön ist es wieder geworden! *freu* :D!

      Weil es Spass macht, zu rätseln aus welcher Welt und vom welchem Autor die Beiträge wohl sein könnten, hattet ihr euch für die Anonyme-Türchen-Variante entschieden, bei der die Autoren der Texte erst hinterher verraten werden.

      Deshalb werde ich dieses Jahr nicht (wie in den vergangenen Jahren) sofort verkünden von wem welcher Text war, sondern damit warten bis zum Abend des zweiten Weihnachtsfeiertags (Edit: Nochmals verschoben auf Samstag), ehe ich die Autoren hier in einem weiteren Post verkünde.
      So könnt ihr mal testen wie richtig ihr mit euren Vermutungen liegt, aus wessen Feder die Beiträge stammen. :thumbup:


      Autorenraten und Feedback zu den Adventskalendertexten geben könnt ihr HIER.

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      DIE AUTOREN:


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      Veria



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      Feedback zu den Adventskalendertexten könnt ihr natürlich gern weiterhin HIER geben, und die Autoren können jetzt nachdem sie bekannt sind auch darauf antworten.


      Ich freue mich, dass genug Beiträge zusammengekommen sind, um jeden Tag ein Türchen füllen zu können. :klatsch: 17 Bastler haben dieses Mal geholfen, den WB-Adventskalender 2012 mit Texten zu füllen – und ich habe mich sehr über einige spontan eingereichte Texte gefreut, ohne euch alle hätte das nicht geklappt, vielen Dank dafür! Wie in den vergangenen Jahren sind wieder spannende, märchenhafte, berührende und faszinierende Texte entstanden, die buchstäblich die Türen zu euren Welten aufgestoßen haben. :D

      Den goldenen Tannenzweig für die meisten abgegebenen Beiträge darf ich wieder einmal Vinni für ihre drei superschönen Märchen verleihen, ausserdem erhält sie das gläserne Zweiglein für den ersten abgegebenen Text. Veria, PolliMatrix, Heinrich und Assantora erhalten den silbernen Tannenzapfen für jeweils 2 eingereichte Texte.
      Knochen erhält den bronzenen Tannenzweig für den eindeutig schrägsten abgegebenen Beitrag ^^, Forticus darf ich den grünen Reisigzweig verleihen, da er noch ganz neu im Forum war und sich trotzdem getraut hat mitzumachen. :D PolliMatrix überreiche ich hiermit das glitzernde Zweiglein für das erste inworld-Sprache-Gedicht (mit deutscher Übersetzung), und Ehana erhält das goldene Kerzlein, denn sie hat es trotz anstrengender Marathonlernerei geschafft, ihren versprochenen Beitrag abzugeben. :thumbup:

      Danke an alle Teilnehmer für tollen Textideen, und für eure Geduld und die Mühe, die ihr in die Texte gesteckt habt. Ich habe es euch mit meiner konstruktiven Kritik nicht immer leicht gemacht, und einige von euch haben ihren Text deshalb mehrmals durch die Mangel gedreht. Ich hoffe ihr seid so zufrieden wie ich mit den Ergebnissen und habt auch nächstes Jahr wieder Lust beim Weltenbastler-Adventskalender mitzumachen. ;)
      Und die von euch, die dieses Jahr nur still mitgelesen haben, hoffentlich auch^^

      Der separate Kommentarthread hat sich gut bewährt, das behalten wir auf jeden Fall bei, ebenso die um ein paar Tage verzögerte Auflösung, welcher Text aus welcher Feder stammt :D.

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