WB-Adventskalender 2014

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    • WB-Adventskalender 2014

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      [01. Türchen] Antworten von Silph
      [02. Türchen] Enes Tall von Amanita
      [03. Türchen] Sturmreiter von Veria
      [04. Türchen] Tanahareni und das Geheimnis des blinden Malers von Vinni
      [05. Türchen] Ein neuer Anfang von Efyriel
      [06. Türchen] Die Braut mit den langen, blonden Haaren von Shay
      [07. Türchen] Die drei Zeitalter der Schöpfung von Eld
      [08. Türchen] Hochzeit von Silph
      [09. Türchen] Karmos Vermächtnis von Entropy
      [10. Türchen] Zorn der Götter von Nemedon
      [11. Türchen] Arrest Shay
      [12. Türchen] Mit Palmen und Trompeten von Jundurg
      [13. Türchen] Ein kleines Stückchen Freiheit von Taliesin
      [14. Türchen] Fischhirte und Quallengärtner von Vinni
      [15. Türchen] Neulich im Hallenbad von Amanita
      [16. Türchen] Ciohéhus Brautwerben von Sturmfaenger
      [17. Türchen] Die Schildung von Shay
      [18. Türchen] Märchenstunde von Veria
      [19. Türchen] Das Loch im Himmel von Sturmfaenger
      [20. Türchen] Die Stunde des Siegers von Shay
      [21. Türchen] Das Urteil des Siegers von Shay
      [22. Türchen] Der Pakt der Tränen von Sturmfaenger
      [23. Türchen] Auf nasser Straße von Eld
      [24. Türchen] Auf nasser Straße II von Eld

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      Das erste Türchen des Weltenbastler-Adventskalenders 2014 führt hinein in eine Höhle, aus der Feuerschein und der Duft von Räucherwerk hervordringen. Menschen verlassen die Höhle, sie unterhalten sich gedämpft, und auch wenn hier und da schon wieder laut gelacht wird, so liegt auf ihren Gesichtern doch ein Hauch von ehrfürchtigem Staunen.





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      Antworten

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      Der Stamm verlief sich langsam. Einige bedankten sich bei Semjon, einige brachten Geschenke. Alle sprachen leise mit ihm und respektsvoll; die junge Frau, die ihm etwas Heißes zu trinken reichte, wagte es nicht einmal, ihm in die Augen zu sehen. Semjon lächelte trotzdem für sie und bedankte sich. Es war nunmal der Effekt, den der Tanz auf die Menschen hatte. Die Demonstration von Geschick, aber vor allem die verwirrenden Reflektionen von Licht und Schatten, die um den Spiegeltänzer herumwirbelten, verstärkt durch die Räuchernebel. Heute Abend hatte Semjon in einer Höhle getanzt, im Schein von zwei Feuern, und mit vier Wasserschalen als Hilfe, die ihre eigenen strahlenden Lichtspiele ergänzten. Erfahrung hatte ihn gelehrt, dass die meisten Menschen das noch beeindruckender fanden. Für ihn selbst war es nichts weiter als Werkzeug. Nur die beiden Obsidianspiegel waren mehr. Für sie hatte er eine weite Reise auf sich genommen und sein Leben riskiert. Der letzte, schwerste Test für jeden Spiegeltänzer.
      Es war ein guter Tanz gewesen. Nicht leicht oder einfach, und es war immer anstrengend, aber trotzdem war Semjon zufrieden mit sich. Er hatte Antworten erhalten und die Antworten waren wertvoll gewesen für den Stamm. Ob gut oder schlecht, das stand ihm nicht zu zu wissen. Die Ältesten würden in den nächsten Tagen darüber beraten. Semjon würde dann schon weitergereist sein. Es sei denn, sie luden ihn ein, ein paar Tage zu bleiben, weil sie vielleicht noch mehr Antworten brauchten.
      Für diese Nacht würde er in der Höhle bleiben. Sie war trocken und die Feuer und die vielen Menschen hatten sie erwärmt. Auch fühlte sie sich freundlich an. Es würde eine ruhige Nacht werden und er würde gut schlafen.
      Semjon stellte die leere Schale beiseite und stand auf. Die Räucherschalen mussten geleert und gereinigt werden und die Glut der Feuer zusammengekehrt, bevor er sich schlafen legen konnte. Auch das war seine Aufgabe. Niemand aus dem Stamm würde es wagen, die heiligen Gerätschaften anzufassen.
      „Spiegeltänzer?“ fragte eine leise Stimme hinter ihm.
      Semjon sah sich um, die Räucherschale, die er gerade aufgehoben hatte, in den Händen. Hinter ihm stand ein junger Mann. Er sah gesund aus, hart und sehnig, und er hatte wache, kluge Augen. Aber in diesem Moment wirkte er vor allem nervös. Dabei gab es keine Regel, die verbat, einen Spiegeltänzer außerhalb des Tanzes anzusprechen. Im Gegenteil, wenn Semjon einen Stamm besuchte, fand er sich eigentlich ständig in Gespräche verwickelt. Menschen hatten immer Fragen, und wenn sie keine hatten, dann erzählten sie gerne von dem, was sie bewegte. Semjon mochte das. Es machte das Leben sehr viel bunter und interessanter.
      Er lächelte für den jungen Mann.
      „Mein Name ist Semjon“, erinnerte er ihn. „Du kannst ihn benutzen.“
      Der junge Mann nickte. Eine kurze, schnelle Bewegung, auch sie verriet deutlich seine Anspannung.
      „Ich heiße Kaloma“, antworte er.
      Semjon senkte grüßend den Kopf.
      „Was kann ich für dich tun, Kaloma?“ ermutigte er.
      „Ich habe eine Frage… wenn das erlaubt ist, meine ich.“
      „Natürlich ist es erlaubt. Ich weiß nicht, ob sie ich so einfach beantworten kann“, Semjon machte eine Geste auf seine Umgebung, die heruntergebrannten Feuer und die erloschenen Räucherschalen. Es war die Aufgabe eines Spiegeltänzers, Antworten zu geben, „aber ich will es gerne versuchen.“
      Kaloma versuchte ein Lächeln. Es gelang nicht ganz und er rieb nervös seine Finger.
      „Es ist eine unangenehme Frage“, warnte er.
      „Nur zu.“
      Für einen Moment zögerte Kaloma noch, als sei er sich nicht sicher, ob er sich wirklich überwinden konnte. „Gibt es irgendeinen Plan?“ brach es dann aus ihm heraus. „Irgendeinen Sinn?“
      Semjon sah ihn nachdenklich an. „Einen Plan für was?“ fragte er freundlich. „Sinn in was?“
      „Für alles“, antwortete Kaloma heftig. „Für das Leben. Für die Welt. Gibt es eine Macht, die sie lenkt? Einen größeren Plan, der alles zusammenhält?“
      „Das ist eine sehr schwere Frage.“
      „Für einen Spiegeltänzer sollte sie leichter sein als für jeden anderen. Ihr sprecht mit den Göttern.“
      Semjon nickte, um diese Meinung anzuerkennen, dann deutete er Kaloma, sich zu setzen. Stellte die Räucherschale beiseite und setzte sich neben den jungen Mann.
      „Wenn ich tanze“, begann er, „dann suche ich Antworten. Manchmal kommen sie als Bilder, manchmal als Wissen, manchmal kommen sie auf andere Art. Es heißt, sie kommen von den Göttern, aber ich wage nicht, das zu beurteilen. Ich spreche nicht von Angesicht zu Angesicht mit ihnen.“
      „Du hast nie einen Gott gesehen?“
      „Vielleicht. Aber ich weiß nicht, woran man einen Gott erkennt.“
      Kaloma bedachte diese Antwort. Sie schien ihm nicht zu gefallen, aber er hatte offenbar keinen Ratschlag zu geben.
      „Warum willst du wissen, ob es einen Plan gibt?“ fragte Semjon sanft.
      „Ich fände es einfacher, wenn es so wäre. Es wäre beruhigend.“
      „Es würde bedeuten, dass alles vorherbestimmt ist. Dass wir keine eigenen Entscheidungen treffen können.“
      „Es würde bedeuten, dass keiner von uns unwichtig ist. In einem Plan hätte jeder von uns seinen im zugewiesenen Platz. Ein Plan hat keinen Erfolg, wenn auch nur ein winziger Teil abweicht.“
      „Wenn es keinen Plan gibt, macht es jede eigene Entscheidung noch viel wichtiger. Wenn ein Mensch sich entscheidet, hat es Folgen. Entscheidet er sich anders, hat es andere Folgen. Vielleicht für einen ganzen Stamm oder mehr.“
      „Aber er würde es nicht wissen.“
      „Würde er es wissen, wenn es einen Plan gibt?“ hielt Semjon dagegen. „Wenn du das glaubst, dann ist deine Frage, ob es einen Plan gibt, Beweis genug, dass es keinen gibt.“
      Kaloma dachte eine Weile darüber nach und Semjon wartete geduldig. Niemand konnte jemals überblicken, welche Folgen eine einzelne Entscheidung hatte. Im unmittelbaren Umfeld vielleicht, aber nicht besonders weit. Und alles war verbunden, überall.
      „Nein“, sagte Kaloma schließlich. „Auch wenn es einen Plan gibt, wir würden nicht wissen, welche Folgen unsere Entscheidungen haben.“
      „Die Zweifel würden bleiben“, bestätigte Semjon.
      „Glaubst du, dass es einen Plan gibt?“
      „Ich glaube daran, dass es einen Unterschied macht, welche Entscheidungen wir treffen. Und ich glaube daran, dass wir frei dazu sind, unsere eigenen Entscheidungen zu treffen. Vielleicht gibt es einen Plan, aber wir sind nicht an ihn gebunden. Wir können ihn verändern.“
      „Und wir würden nicht einmal wissen, dass wir ihn verändert haben“, vollendete Kaloma. Es klang hoffnungslos. Ein wenig bitter, das auch. „Wo liegt da der Sinn?“
      „Wenn es einen Plan gäbe“, fragte Semjon statt einer Antwort, „würdest du dann wissen wollen, wie er aussieht?“
      „Nur, wenn ich weiß, dass ich ihn ändern kann.“
      „Das würdest du nicht.“
      „Das würde ich nicht?“
      Semjon schüttelte den Kopf. „Das würdest du nicht. Wenn du den Plan kennst, und ihn ändern kannst, dann weißt du auch, dass jeder andere ihn ändern kann. Du wärst also viel zu sehr damit beschäftigt, alle diese möglichen Änderungen zu bewerten und herauszufinden, wie du sie beeinflussen kannst, um überhaupt noch etwas zu tun.“
      „Wenn nur ich den Plan beeinflussen kann…“
      „Das ist sehr selbstverliebt, findest du nicht? Du willst einen Plan, und du willst als Einziger die Möglichkeit, ihn zu ändern.“
      Kaloma wurde rot ob dieses Hinweises. „Ich würde mich sicherer fühlen“, verteidigte er sich.
      Semjon lächelte. „Das würden wir alle. Aber das ist nicht der Weg des Lebens.“
      Kaloma schwieg. Das Blut wich nur langsam aus seinen Wangen und er hielt den Blick gesenkt.
      „Warum ist das Leben so kompliziert?“ wollte er schließlich wissen.
      „Ich weiß es nicht“, antwortete Semjon ehrlich. „Aber ich denke, es liegt daran, dass wir alle unterschiedlich sind und unterschiedliche Dinge wollen. Darum kommen wir uns gegenseitig in die Quere.“
      „Das erklärt nicht zerstörerische Überflutungen oder verheerende Stürme.“
      „Nein. Das erklärt es nicht. Aber vielleicht gibt es tatsächlich einen Plan, zu dem solche Ereignisse gehören.“
      „Glaubst du an einen Plan, Spiegeltänzer?“
      Semjon wies Kaloma nicht darauf hin, dass er dieselbe Frage bereits gestellt hatte. Er glaubte auch nicht, dass der junge Mann eine andere Antwort erwartete.
      „Ich glaube daran, dass unsere Entscheidungen einen Unterschied machen“, sagte er darum. „Und dass wir darum versuchen sollten, sie weise zu treffen.“
      „Darum tanzt du?“
      „Ich tanze, weil ich nicht anders kann. Es ist das, was ich tun will.“
      „Deine Entscheidung.“
      „Meine Entscheidung. Und ich habe sie nie bereut.“
      „Ich wünschte, es wäre so einfach, wie es klingt.“
      Semjon beobachtete Kaloma nachdenklich. Der junge Mann hatte sich zurückgelehnt und sah jetzt zur Decke der Höhle hoch, als hoffe er, dort eine Antwort zu finden. Semjon wusste, es gab keine Antwort. Er hatte viele Menschen getroffen wie Kaloma. Menschen, die zweifelten, die nicht wussten, was sie mit ihrem Leben anfangen wollten. Menschen, die davon überfordert waren, dass ihnen niemand sagte, was sie tun sollten. Wo der Sinn lag, nach dem sie sich sehnten. Die meisten lernten, mit diesem Gefühl zu leben. Damit, und mit der Angst.
      „Ob es einen Plan gibt oder nicht, spielt keine Rolle“, sagte Semjon schließlich. Es war nicht viel, aber es war das Beste, was er anzubieten hatte. „Aber irgendetwas gibt es. Etwas, was wohlgesonnen ist und Hilfe gibt.“
      Kaloma warf ihm einen zweifelnden Seitenblick zu. „Woher weißt du das?“ fragte er.
      „Wenn ich tanze“, erinnerte Semjon. „Bekomme ich Antworten.“


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      Feedback zu den Adventskalendertexten könnt ihr HIER geben. Die Texte sind wie jedes Jahr zunächst anonym, damit ihr - wenn ihr wollt - Autoren raten könnt. Wenige Tage nach Weihnachten wird aufgelöst, welcher Text von wem stammt, dann können die Autoren dort im Thread gesammelt auf das Feedback antworten.

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      Das zweite Adventskalendertürchen wird durch eine Plane vor dem Wind geschützt, der um die Hütte weht. Eine Frau schiebt sie beiseite, und tritt für einen Moment hinaus ins Freie...





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      Enes Tall

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      Adelin Carsah schaute auf die Straße hinaus. Ihre kleine Tochter war nirgendwo zu sehen. Adelin seufzte und holte tief Luft. Der Wind wehte wieder einmal aus Osten und trug neben den üblichen Gerüchen einer Siedlung auch die fremdartigen Ausdünstungen der Fabrik mit sich, die Fremde hier in der Stadt gebaut hatten. Diese Gerüche ließen keine Bilder in Adelins Kopf entstehen. Sie wusste nicht, was sie verursachte und das machte ihr Sorgen. Zuhause in Delmia hatte sie immer gewusst, wo sie Wasser zum Trinken holen konnte und wo nicht. Sie hatte erkannt, ob Spinnen oder Schlangen ihr und ihren Kindern gefährlich werden konnten, und auch welche Pflanzen im Wald und Grasland als Nahrung oder Gewürz dienen konnten, welche Krankheiten linderten und welche den Tod brachten. Adelin schluckte. Wahrscheinlich würde sie das alles nie wieder sehen. Das Geld hatte gerade gereicht, um sie in die Stadt zu bringen, um ihnen wieder herauszuhelfen war nicht genug da. Selbst über den Anblick der blutroten Kelche der Dergomstränen würde sie sich jetzt freuen, obwohl ihr die immer unheimlich gewesen waren. Nicht nur, weil sie giftig waren, sondern auch wegen der unheimlichen Geschichten, die man über ihre Herkunft erzählte.

      Das Baby schrie in der Hütte und Adelin kehrte zu ihm zurück. Der kleine Junge hatte noch keinen Namen, er hatte sein erstes Jahr noch nicht überstanden. Er trank jedoch kräftig und Adelin hoffte, dass er es schaffen würde und sie endlich auch einen Sohn durchbringen konnte. Ihre Tochter Lenima würde eines Tage fortgehen und ihre Hochzeit würde teuer werden, aber ihr Sohn würde sich im Alter um sie kümmern. Trotzdem machte Adelin sich große Sorgen um Lenima. Sie war im Viertel unterwegs, um nach Essbarem zu suchen. Adelins Mann verdiente als Tagelöhner nicht viel und Adelin selbst konnte mit dem Kleinen nicht arbeiten. Sie waren darauf angewiesen. In Delmia hätte Adelin sich keine Sorgen um Lenima gemacht. Dort wussten alle Nachbarn, wer sie war, und hätten ihr im Notfall geholfen. Hier in Enes Tall lebten sie aber unter Fremden von denen einige einem kleinen Mädchen vielleicht auch Böses wollten.
      Sie wiegte ihren kleinen Sohn und bald war er eingeschlafen. Adelin schaute sich die Gefäße mit Erde an, in denen sie versuchte, Gemüse und Gewürze zu ziehen, wenn sie ausnahmsweise welches bekam und die Samen aufheben konnte. Schon wieder ließ eine der Pflanzen die Blätter hängen, obwohl sie genug Wasser bekam. Nur eine einzige Chilipflanze schien immer noch zu gedeihen. In der Erde von Delmia war es Adelin nicht schwer gefallen, Gemüse zu ziehen, wenn es genug regnete und die Raupen sie verschonten. Hier wollte nichts wachsen, außer dieser einen Pflanze.

      Von draußen waren schnelle, leichte Schritte zu hören. Adelin schaute hoffnungsvoll hoch. Ein Junge rief eine kurze Verabschiedung und schien dann wegzugehen. Wahrscheinlich wieder dieser Varil. Eigentlich war es Adelin und ihrem Mann nicht so recht, wenn Lenima so viel mit den Arisaja-Elaviern zu tun hatte. Die kamen schließlich aus Sarilien und hatten andere Sitten. Sie würde sich das Leben nur schwer machen, wenn sie sich das abguckte.
      Wenig später wurde die Plane vor dem Eingang zur Seite gezogen und Lenima huschte herein, ein strahlendes Lächeln auf dem kleinen Gesicht.
      „Da bist du ja, Leni.“
      „Mama, guck mal, was ich hab.“
      Lenima holte einen Beutel hervor, den sie unter ihrem Gewand getragen hatte und öffnete ihn. Adelin erkannte ein weißes Pulver.
      „Salz“, sagte Lenima stolz.
      „Wo hast du das denn her?“ Salz war teuer und Adelin war sich sicher, dass niemand so viel davon wegwarf.
      „Gefunden.“ Lenimas Lächeln verblasste etwas, als sie den mahnenden Ton ihrer Mutter höre.
      „Gefunden?“ Lenima war eine schlechte Lügnerin.
      „Da war ein ganzer Zugwagen voll. Varil hat gelesen, dass Salz drin ist.“
      „Gelesen?“
      „Ja, seine Mama hat ihm das beigebracht. Und ich hab’s noch probiert“, versuchte sie ihre Mutter zu überzeugen.
      Adelin zweifelte nicht an den Buchstaben, auch wenn sie überrascht war, dass Varil, der Sohn von Arisaja-Elaviern lesen konnte. Ihren Mann hatten sie bei der Fabrik abgewiesen, weil er es nicht konnte. Nicht, dass Adelin darüber so traurig war, sie wollte nichts mit der Fabrik zu tun haben.
      „Lenima, du weißt doch genau, dass du nicht einfach etwas wegnehmen darfst.“
      „Aber da war so viel. Das merken die gar nicht. Aber wir haben jetzt ganz lang Salz und können auch noch welches eintauschen.“
      „Stehlen ist nicht in Ordnung, egal wie viel die haben.“
      „Wieso? Es ist doch unfair, wenn die so viel haben und wir nichts.“
      „Trotzdem. Man darf etwas nur haben, wenn man es bezahlen kann. Oder wenn man es wirklich findet. Aber man darf anderen nichts wegnehmen. Hast du das verstanden?“
      „Ja.“ Lenima schaute zu Boden. Adelin hoffte, dass sie es wirklich einsah. Was machte diese Stadt nur aus ihrem Kind? Lenima war schon immer ein ziemlich wildes Mädchen gewesen, aber dass sie jetzt zur Diebin wurde…
      Sie schaute den Salzbeutel an. Eigentlich müsste sie von Lenima verlangen, dass sie es zurückbrachte, aber das war ziemlich riskant. Außerdem konnten sie es wirklich gebrauchen. Wie weit waren sie bloß gekommen?
      „Jetzt komm mal mit, wir gehen Wasserholen.“
      „Ja, Wasserholen.“ Lenima sprang schon wieder auf. Ihre Energie kannte keine Grenzen. Vielleicht würde sie ja irgendeine Arbeit finden, wenn sie älter war. In der Stadt war es nicht so ungewöhnlich, dass auch Frauen außerhalb von Haus und Garten arbeiteten, viel Anpflanzen konnte man hier ja nicht.
      Mit ihrem Sohn im Tragetuch und einem großen Krug machte Adelin sich auf den Weg zum Brunnen. Lenima hatte einen kleinen Krug dabei.
      „Varil will mir auch Lesen beibringen“, sagte Lenima.
      Adelin wusste nicht so recht, was sie darüber denken sollte. Eigentlich hatte sie nie geglaubt, dass einfache Leute wie sie selbst so etwas brauchten.

      Der Weg der beiden führte an der Fabrik vorbei. Die seltsamen Metallgebilde waren viel höher als alle anderen Gebäude dieses Stadtteils. Wie immer gab es irgendwelche lauten Geräusche, aber bei Tag war die Fabrik trotzdem nicht ganz so unheimlich wie nachts, wo manchmal Flammen über den Türmen zu sehen waren. Adelin hielt sich soweit auf der anderen Straßenseite wie möglich.
      Eine Gruppe von Arbeitern, die zum Rauchen vor dem Fabriktor standen, schauten in ihre Richtung und lachten. Adelin beachtete sie nicht weiter, wie sich das gehörte.
      „Diese dreckigen Söhne beinloser Kakerlaken“, sagte Lenima.
      „Psst.“ Adelin war sich nicht ganz sicher, ob ihre Tochter wirklich so wütend über die Männer war, oder ob sie nur ihr neustes Schimpfwort vorführen wollte. Sie war jedenfalls froh, als sie das Fabrikgelände endlich hinter sich gelassen hatten, und das lag nicht nur an den Arbeitern. Ihr Mann sagte zwar, dass das Unsinn war, aber sie glaubte trotzdem, dass dort nicht alles mit rechten Dingen zuging. Vor einer Weile war der Besitzer der Fabrik aus Arunien zu Gast gewesen. Adelin hatte ihn wie die meisten Bewohner des Viertels gesehen und sie war sich sicher, dass sie in seinen kalten Augen etwas Böses gesehen hatte, was nichts mit der Fremdartigkeit eines Ausländers zu tun hatte.
      Die Arunier hatten den Kindern Süßigkeiten gegeben, um die sich sie sich gebalgt hatten. Lenima war dabei recht erfolgreich gewesen. Am liebsten hätte Adelin ihr verboten davon zu essen, aber sie hatte es dann doch nichts übers Herz gebracht. Lenima hatte sich so darüber gefreut.
      Sie verstand das Verhalten des Fremden nicht. Die meisten reichten Elavier ließen die Armen einfach aus ihrer Nähe vertreiben. Einige wenige versuchten vernünftig zu helfen. Aber was dieser Mann da tat, hatte nichts damit zu tun.

      Am Brunnen hatte sich wie meistens eine kleine Schlange von Frauen und Mädchen gebildet. Sie kamen aus Adelins Viertel und auch aus dem Teil der Stadt, in dem die Arisaja-Elavier lebten. An der Kleidung ließ sich schnell erkennen, wer woher kam. Die Elavierinnen trugen einen Heriga, eine Tunika über einer weiten Hose und einen Schal, den manche über den Kopf drapiert hatten, andere nur über die Schultern. Die Arisaja-Elavierinnen trugen lange Röcke, kürzere Oberteile und Kopftücher.
      „Das ist Varils Mama“, sagte Lenima und schaute auf die Frau vor ihnen. Immerhin hatte sie sich gemerkt, dass sie nicht mit dem Finger auf andere Menschen zeigen sollte.
      Die Frau drehte sich um, als sie den Namen ihres Sohnes hörte. Sie hätte sehr schön sein können, wenn sie sich auch nur die geringste Mühe gegeben hätte. Stattdessen schien das Gegenteil der Fall zu sein. Der graue Rock, das unförmige braune Oberteil und das karierte Kopftuch erweckten zumindest diesen Eindruck. Adelins Mann hätte nicht gewollt, dass sie so auf die Straße ging. Anständig angezogen, ja, aber etwas gepflegt sollte es schon sein.
      „Du bist also Lenima?“, fragte die Fremde. Sie hatte sich den Arisaja-Akzent fast völlig abgewöhnt.
      „Ja und das ist meine Mama.“
      „Adelin Carsah“, sagte sie und verbeugte sich.
      Die andere Frau tat es ihr gleich. Sie hieß Kalilah Tarmar. „Unsere Kinder kennen sich anscheinend schon.“
      „Ja.“ Adelin behielt lieber für sich, dass sie nicht den Eindruck hatte, dass Varil einen besonders guten Einfluss auf ihre Tochter hatte.
      „Varil ist ziemlich beeindruckt von Lenima“, sagte Kalilah.
      „Ist Varil nicht dabei?“
      „Nein, er ist zuhause.“
      Kalilah war jetzt dran mit Wasserholen. Sie schaute kurz auf das Schild über dem Brunnen. „Da steht, dass man das Wasser nicht trinken darf“, sagte sie leise.
      Adelin erinnerte sich daran, dass sie lesen konnte. „Das ist doch Unsinn. Wir trinken es schon seit Wochen und sind nicht krank geworden.“
      „Wir auch nicht. Was sollen wir auch sonst nehmen? Es gibt kein anderes Wasser hier“, sagte Kalilah.
      Alle drei füllten ihre Gefäße und machten für die nächsten Platz. „Wenn ihr mögt, könnt ihr gerne bei mir zum Essen kommen. Ich habe nichts Besonderes, aber es sollte für uns reichen“, bot Adelin an.
      „Gerne“, sagte Adelin und bereute es schon fast wieder. Eigentlich wollte sie mit den Arisaja-Elaviern nichts zu tun haben, aber sie kannte hier kaum jemanden. In Delmia hatte man sich öfter eingeladen und zusammen gefeiert. Und so anders schien Kalilah auch nicht zu sein.
      „Dann seh ich endlich mal, wo Varil wohnt“, sagte Lenima.
      Der Weg war nicht weit. Kalilahs Viertel lag noch näher am Brunnen und auch an der Fabrik, als das in dem Adelin lebte. Varil saß zuhause vor einem Haufen aus Tierdung, Pappe und nassem Holz. So wie es aufgestapelt war, sollte damit vielleicht ein Feuer gemacht werden. Adelin hatte aber ihre Zweifel daran, dass es brennen würde. Dafür war alles noch viel zu feucht. Varil war etwas älter als Lenima. Seine Haut war blasser als bei den meisten anderen Kindern, die Adelin kannte, doch er wirkte kräftig und gesund. So wie es ihr Sohn hoffentlich auch einmal sein würde. Im Moment schlief er immer noch.
      „Mach schonmal das Feuer an, Varil“, sagte Kalilah und begann kleine Kugeln aus Teig zu formen. Ich habe Brot und Linsen, aber leider kein Salz“, sagte sie.
      „Salz habe ich“, sagte Lenima eifrig.
      Sie hatte den heimlich gefüllten Beutel tatsächlich mitgebracht.
      „Du hast da echt welches mitgenommen?“, fragte Varil offenbar ernsthaft überrascht.
      Adelin fragte sich, ob der Junge womöglich doch nicht für Lenimas Aktion verantwortlich war. Selbst hatte er schließlich kein Salz gestohlen.
      „Ja, klar.“
      Lenimas Unrechtsbewusstsein schien immer noch nicht sonderlich stark ausgeprägt zu sein.
      Kalilah fragte jedoch nicht, wo das Salz herkam. Sie war froh, dass sie ihren Gästen doch gewürztes Essen anbieten konnte.
      Varil beschäftigte sich währenddessen mit dem Haufen Brennstoff und wenig später loderte ein Feuer auf, kräftiger als es bei Adelin jemals brannte, egal wie trocken ihr Brennstoff war.
      Adelin musste sich noch einmal kurz in eine Ecke zurückziehen, denn ihr Sohn hatte auch wieder Hunger. Vor Kalilah hätte sie sich nicht geschämt, aber Varil sollte das nicht mitbekommen. Er war schließlich schon etwas älter.
      In der Ecke lag ein Haufen Körbe, manche schon fertig, manche erst teilweise geflochten. Ob Kalilah die selbst herstellte? Sie fragte sich, ob der Vater des Jungen auch bei der Arbeit war. Kalilah wollte sie danach aber nicht fragen, nicht beim ersten Treffen.
      Stattdessen half sie ihr bei der Vorbereitung des Essens. „Du bist also aus einem anderen Teil von Elavien nach Enes Tall gekommen?“
      „Ja. Mein Mann hatte Land gepachtet in seinem Heimatdorf Delmia, aber das Schicksal hat es nicht gut mit uns gemeint. Erst Dürre, dann eine Raupenplage. Er konnte seine Pacht nicht mehr gleich bezahlen und der Gutsherr hat uns keinen Aufschub gewährt. Er wollte das Land lieber für sich, um es mit seinen Maschinen bewirtschaften zu lassen.“
      Kalilah nickte. „Wer Geld hat, kann hier machen, was er will. Bei mir weißt du es wahrscheinlich. Ich komme aus Arisaja und meine Eltern hatten ein schönes Haus mit Garten. Bis es die Sariler abgerissen haben.“ Sie blinzelte. „Erst gab es Unruhen, dann kam der Krieg und wir alle mussten unsere Heimat verlassen. Sie wollten keine Elavier mehr in ihrem Land.“
      „Ich habe von dem Krieg gehört.“
      Wer hatte das schon nicht? Genaueres wusste Adelin zwar nicht, aber sie wollte Kalilah auch nicht zwingen, davon zu erzählen.
      Kalilah seufzte. „Jetzt sind wir schon seit acht Jahren hier. Zuerst war es nicht leicht, weil hier alles so anders ist, aber was soll man machen? Ich habe Glück, dass ich noch am Leben bin und von meinen Körben lebe ich nicht so schlecht.“
      „Für uns ist es auch eine große Umstellung, obwohl wir noch im gleichen Land leben. Das, was ich gelernt habe, nützt mir hier nichts. Und meinem Mann auch nicht. Jetzt werfen sie ihm vor, dass er nicht lesen kann. Wir sind nie auf die Idee gekommen, dass man das brauchen könnte.“
      „Da könnte ich euch helfen“, bot Kalilah an. „Ich habe es in Sarilien in der Schule gelernt. Ich glaube zwar, es ist schwieriger, wenn man schon erwachsen ist, aber ich bin mir sicher, dass es geht.“
      „Ich glaube, das wäre wirklich eine große Hilfe für uns. Zumindest für meinen Mann. Ich kümmere mich ja um die Kinder, da brauche ich das nicht so dringend.“
      „Wenn er das möchte, kann ich das gerne machen.“

      „Und, seid ihr jetzt Freundinnen, Kalilah und du?“, fragte Lenima auf dem Heimweg.
      Adelin antwortete nicht sofort. Schließlich sagte sie: „Das geht nicht so schnell, Lenima, aber vielleicht werden wir Freundinnen werden.“
      Eins stand aber fest, so viel anders waren die Arisaja-Elavier auch nicht. Vielleicht könnte sie Kalilah zum Ausgleich für das Lesen ja etwas Neues zum Anziehen nähen.


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      Wer durch das dritte Türchen hindurchgeht sieht… nichts. Was nicht heißt das dort nichts los ist, im Gegenteil. Dort ist es gerade ungemütlich - aber so richtig!





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      Sturmreiter

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      Das Wetter war furchtbar. Der Regen peitschte gegen die riesigen Fenster, als wolle er sie zerschmettern, und außer den aufprallenden riesigen Tropfen war draußen nichts zu sehen, weder die Reling noch die Sensorikanlage am Bug. Krizan hielt das Steuerrad fest und starrte auf den Bildschirm, der ihm die Form der nächsten Wellenfront zeigte - wie bei den letzten Wellen hielt er auch auf diese genau zu, der Bug der Frühlingsflosse kletterte hoch und durchbrach den Kamm, dann stürzte er ins nächste Wellental, während das Heck in die Höhe schnellte.
      Kurz war Krizan fast schwerelos, dann spürte er das Aufklatschen des Bugs.
      "Was ist mit dem Schwerkraftsystem los?", blaffte er nach hinten.
      "Ist aus!", kam zurück, "Brauch alle Energie für die Schiffsstabilität."
      "Hoffen wir, dass die Landratten genug Kotztüten haben!" Krizan änderte den Kurs ein wenig, dass er auch die nächste Welle möglichst frontal erwischte. Solange genug Energie für die Schiffsstabilität da war, war das die beste Vorgehensweise.
      Der Bug kletterte hoch, das Schiff balancierte einen Moment lang mit seiner Mitte auf der Welle, dann kippte es über und fiel ins nächste Wellental. "Einmal kannst das noch machen, danach packt es das Stabilitätssystem nicht mehr!", schrie der Schiffstechniker von hinten.
      "Ist gut!" Krizan steuerte wieder frontal auf die nächste Welle zu.
      "Dachte nicht, dass du es auch machst!"
      "Weichei!" Er zupfte dennoch leicht am Steuerrad, so kletterte das Schiff auf die Welle etwas schräg hinauf und musste oben nicht gar so balancieren. Der Bug stürzte ins Wellental und die Frühlingsflosse machte Anstalten, sich quer in die Welle zu drehen. "Scheiße." Krizan steuerte energisch gegen, da war der Bug schon auf der nächsten Welle und kippte dahinter ins Tal hinunter.
      Die nächste Welle brach am Bug und das Schiff schnitt hindurch, ohne das Heck aus dem Wasser zu heben.
      "Sind wir durch, Kerim?", schrie Krizan nach hinten.
      "Ich seh keine mehr über zwölf Meter!"
      "Gut. Aber lass noch alles bei der Schiffsstabilität, für alle Fälle. Außerdem sollen die Landratten ja was vom Sturm haben!"
      Das breite Grinsen war deutlich herauszuhören, als Kerim sagte: "Alles klar, Chef."
      Krizan steuerte weiterhin auf die Wellen zu, das Schiff folgte der Form der Wellen, aber weder klatschte der Bug ins Tal, noch ragte das Heck dabei in die Luft. Es schien, als hätten sie das Zentrum des Sturms wirklich hinter sich. "Sag mal", hob Krizan die Stimme, "hast du die Ausleger eigentlich fixiert?"
      "Hältst du mich für doof?"
      "Nur manchmal." Er korrigierte den Kurs etwas. "Und was ist mit dem Gepäck unserer Landratten?"
      "Ich hab gesagt, sie sollen es festmachen. Wenn es rumgeflogen ist, sind sie selber Schuld." Pause. "Na, ich geb's zu, die können ja keine anständigen Knoten, ich hab alles überprüft."
      "Und überall neu geknotet", grinste Krizan.
      "Klar. Die Mirena Tivanes hatte einen ordentlichen Knoten, aber als einzige."
      Landratten! Leisteten sich so etwas, und dann glaubten sie auch noch, besser zu wissen, wie Krizan seine Mission fahren sollte. Als ob die in ihrem Zentralverwaltungsgebäude in Lyn irgendeine Ahnung von hier heraußen hätten!
      "Wie war eigentlich der Kuchen gestern?", kam von Kerim, "Hast mir alles weggefressen, du Fischreuse du!"
      Krizan wandte sich kurz um und grinste seinen Schiffstechniker an. "Total eklig", sagte er, "hast gar nichts verpasst."
      Kerim zeigte ihm den Vogel.
      "Beleidigung eines Vorgesetzten!", rief Krizan und lachte ausgiebig, während er wieder am Steuerrad zupfte, um das Schiff frontal auf die Wellen zu zu halten. "Die Landratten würden dich jetzt vor ein Disziplinargericht zerren, die nehmen ja alles gleich persönlich."
      "Eine von den Landratten steht hier", erklang vom Achterschott, es war Mirena Tivanes.
      "Ah? Leergekotzt?", grölte Krizan.
      "Quatsch. Ich arbeite öfter mal in 0 G." Sie kam mit den Wellen wankend auf das Steuer zu und spähte hinaus in den dichten Regen. "Sind die Wellen noch sehr hoch?"
      "Nein, durch das meiste sind wir schon lange durch. Wackelt nur noch."
      "Gut, danke. Dann gehe ich wieder zurück und erkläre meinen Kollegen, dass sie heute eher nicht sterben werden." Sie grinste. "Die sind Bürokraten, keine Landratten. Bürokraten sind schlimmer."
      "Und Sie? Keine Bürokratin?", fragte er.
      "Quatsch. Ich bin", sie grinste bis über beide Ohren, "eine Weltraumratte." Sie drehte sich um und wankte Richtung Achterschott.
      "Bürok-Ratten", lachte Kerim.
      "Fragt sich, was ein Bürok ist", stimmte Krizan mit ein.
      "Egal was es ist, es ist bestimmt vorschriftsgemäß gepolstert!" Kerim schlug sich die flachen Hände auf die Schenkel. "Und strahlungsgeschützt! Und waschbar bis 90 Grad!"
      "Mit Alarmsystem, damit die Bürok-Ratten vor dem Waschgang rauskommen!" Krizan hielt sich den Bauch. "Hier bei uns müssen die Bürok-Ratten beim Waschgang ja drin bleiben."
      "Werden aber auch nicht nass dabei."
      Er zog am Steuer, die Frühlingsflosse reagierte brav. "Außer, sie kotzen sich an", sagte er, "Wie hoch sind die Wellen noch?"
      Kerim antwortete: "Ich seh vier Meter maximal."
      "Ich könnte die Flosse quer reinlegen, dann purzeln die Bürok-Ratten noch ein bisschen mehr rum", überlegte Krizan, "Wie sieht es mit dem Wetter aus?" Er sah durch die riesigen Fenster, Reling und Sensorikanlage waren noch immer nicht wieder zu sehen, aber das Wasser klatschte wenigstens nicht mehr als riesige Tropfen gegen das Glas und rann auch sichtbar in dünnen Strömen nach dem Aufprall nach unten. "Regen, naja, Wasser kennen wir ja."
      "Ist auch weniger geworden. Sichtweite ist auf zwei Meter hoch."
      "Hm?", machte Krizan verdutzt. Die Reling war doch näher als zwei Meter. Er spähte noch einmal hinaus, jetzt konnte er die weißen Metallstangen erahnen. "Ja, gut, ich denke, das packt der Autopilot." Er legte einen Hebel um und stand auf.
      "Schwerkraft?"
      "Ach, lass sie noch aus, für unsere Bürok-Ratten."
      "Klar."
      Krizan wankte Richtung Achterschott und bemitleidete sich. Die See, wie stürmisch auch immer, war sein Element. Und jetzt musste er zu den Bürokraten. "Magst du tauschen?", fragte er seinen Schiffstechniker, "Ich bleib hier und du gehst zu den Ratten?"
      "Vergiss es", bekam er zurück, "Verschwinde, die Brücke gehört jetzt mir."
      Krizan zog sich durch das Achterschott und folgte dem schmalen Gang, er öffnete eine Kabinentüre links. "Die Dame, die Herren", grüßte er.
      Zwei grüne Gesichter starrten ihn entgeistert an, die rosiggesichtige Mirena Tivanes schmunzelte vergnügt.
      "Herr Kapitän, sollten Sie nicht auf der Brücke sein und uns sicher durch diesen fürchterlichen Sturm bringen?", fragte eines der beiden grünen Gesichter.
      "Herr Brolta, das ist kein Sturm mehr, das ist nur mehr etwas erhöhter Wellengang. Das kann ich gut meinem Schiffstechniker überlassen."
      "Erhöhter ... Wellen ... ?" Brolta hielt sich den Mund zu und tastete mit der freien Hand nach einer Kotztüte.
      Jetzt tat er Krizan fast ein bisschen leid. Der Kapitän tippte auf die Kom-Taste an seinem linken Ärmel und sagte: "Kerim."
      "Ja?"
      "Gib den Gravitationssystemen, was du ihnen geben kannst."
      "Klar.
      Einen Moment später hörte das Schiff auf zu schaukeln, und Krizan schwankte kurz heftig, während er zuvor immer gut gestanden war. "Danke, Ende." Tipp auf die Kom. "Fühlen Sie sich besser?"
      "Ja!", fauchte Brolta, "Warum war die Gravitation aus?"
      "Schiffsstabilität brauchte alles, sonst wär uns die Flosse mittschiffs auseinandergebrochen." Krizan zuckte nur knapp mit den Schultern. "Also, wo haben wir aufgehört?"
      "Das ist nicht mehr wichtig", kam matt vom zweiten grünen Gesicht.
      "Und dafür lassen Sie sich von einem Shuttle auf hohe See bringen?", wunderte sich Krizan, "Für nichts und wieder nichts?"
      "Ich hab die Filterrückstände schon untersucht", grinste Mirena, "und nur deshalb sind wir hier."
      "Ach ...", machte Krizan perplex, "Zu dritt?"
      "Meine Kollegen wünschten sich gesunde Seeluft", schmunzelte sie, "Herzlichen Glückwunsch, Herr Kapitän, Ihre Filterausleger funktionieren ausgezeichnet - weitermachen."
      Der Kapitän spähte aus dem kleinen Bullauge, die Wellen waren inzwischen harmlos, auch wenn es noch immer dicht regnete. Er tippte auf seine Kom-Taste. "Kerim."
      "Ja?"
      "Ausleger raus, fischen wir wieder Plastik aus dem Meer."
      "Klar, Chef."
      So unelegant die Metallschachtel mit den fast fünfzig Meter langen Filterauslegern aussah, dieses Schiff fuhr durch alle Stürme und erfüllte sogar einen sehr wichtigen Zweck. Krizan war sehr stolz auf sein Mädchen, sein Schiff, seine Heimat, die wundervolle Frühlingsflosse.


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      Feedback zu den Adventskalendertexten könnt ihr HIER geben. Die Texte sind wie jedes Jahr zunächst anonym, damit ihr - wenn ihr wollt - Autoren raten könnt. Wenige Tage nach Weihnachten wird aufgelöst, welcher Text von wem stammt, dann können die Autoren dort im Thread gesammelt auf das Feedback antworten.

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      Mondblumenbäume formen den Rahmen des vierten Türchens. Eine junge Frau, umgeben von allerlei Arbeitsmaterialien, sitzt unter dem größten von ihnen. Ihr Blick wandert hinaus aus den Schatten, zu dem sonnenbeschienenen Felsen, der einige auffällig weiße Stellen hat. Ein versonnenes Lächeln stiehlt sich auf ihr Gesicht, dann wendet sie sich wieder ihrer Arbeit zu.





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      Tanahareni und das Geheimnis des blinden Malers

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      Tanahareni wurde wiedergeboren im Schoß einer armen Bettelfrau, die bald nach der Geburt des Kindes starb. Das Kind aber, eine Tochter, war gesund und stark und wurde der Dorfgemeinschaft in Pflege gegeben. Man nannte das Mädchen Klea, das sich von dem Wort „wegwerfen“ in der Sprache der Insel ableitet.
      Das Kind wuchs zu einem gutwilligen, bescheidenen und klugen Mädchen heran, das trotz seiner Armut jeder gern um sich hatte. Die Kinder spielten mit ihr, die Erwachsenen verließen sich auf sie und die Alten hatten sie gerne um sich. Klea konnte so gut zuhören, dass es wie eine besondere Gabe erschien. „Das Kind hat eine alte Seele“, sprachen die Alten und alle waren dankbar für ihre Gegenwart.

      Nachdem das kluge Mädchen am Hofe des Herren Iolio ausgebildet worden war, ging sie, herangereift zur Frau, hinaus in die Welt. Einige Jahre war Klea so auf Reisen. Weit durch den Inselkreis hatte sie ihr Weg geführt, mal hier, mal dort war sie geblieben, um Orte und Menschen kennenzulernen. Sie wollte lernen, was es zu lernen gab, sie wollte die Sorgen und Nöte der Menschen erfahren, wie auch ihr Glück und ihre Freude. Die Menschen öffneten ihr gern ihre Häuser. Klea war stets freundlich und hilfsbereit und hatte für jeden ein offenes Ohr. Sie hörte den Menschen zu und das erleichterte ihnen das Herz. Und sie gab Rat, wo sie es vermochte. Bald rühmte man ihre Klugheit, und ihr Name war weit bekannt.
      Klea aber machte sich nichts aus Ruhm, sie blieb herzlich und bescheiden und freute sich über jeden neuen Tag.
      Dann schließlich entschied sie, sich niederzulassen und ein Handwerk zu erlernen. Sie fand Aufnahme bei einer freundlichen Familie von Papierwebern und lebte fortan mit ihnen in dem kleinen Dorf. Sie lernte, die weißen Schilfblätter zu flechten, die Matten zu walken, zu pressen und zu bleichen, bis am Ende feine Bögen Schilfpapier entstanden. Keine verstand es, enger zu flechten, keiner fand so kunstvolle Muster wie sie, die dann als edle Struktur im Papier schimmerten. Sie konnte gut von ihrer Hände Werk leben und hatte dabei noch Zeit genug, den Menschen zuzuhören.

      Eines Tages kam ein junger Handelsherr in das Dorf. Rashan war sein Name und er war wohl bekannt auf der Insel. Seine Schiffe brachten reiche Waren, Gewürze, Stoffe und edle Hölzer. Trotz seiner Jugend hatte sein Wort Gewicht bei den Herren der Insel. Er war klug und vorausschauend, mehrte mit seinen Reichtümern auch Kunst und Bildung. Zu Klea kam Rashan allein. Sein Schiff lag in der Bucht, den Weg vom Ufer war er zu Fuß gegangen. In bunte Seide gehüllt, das lange Haar glänzend und schwarz, so kam er zu dem Felsen, der Klea als Werkstatt diente. Hier saß sie im Schatten alter Mondblumenbäumen und flocht die Schilfblätter zu Matten. Schon fertige Matten trockneten in der Sonne und warteten darauf, von geschickten Händen zu Papier gewalkt zu werden. Klea sah dem Fremden offen entgegen. Der hob in ehrerbietigem Gruß die Hände. „Ich bin Rashan“, stellte er sich bescheiden vor. „Ich bin gekommen, um einen Rat von dir zu erbitten. Deine Klugheit wird weit gerühmt.“
      Sie erwiderte die höfliche Geste lächelnd. „Sei mir willkommen, Rashan. Ich bin Klea, ich will gerne anhören, was du auf dem Herzen hast. Sei Gast im Schatten dieser Bäume.“
      Rashan dankte. Er setzte sich und beobachtete eine Weile Kleas schlanke Finger, die flink die trockenen Schilfblätter falteten, verknoteten und glatt strichen. Klea wartete geduldig.
      „Ich komme aus Elossa“, begann Rashan schließlich. Elossa, das war die große Stadt auf der Nachbarinsel. Klea war bereits dort gewesen und hatte die prächtigen Häuser gesehen, die geschäftigen Märkte und den schiffreichen Hafen. „Die Stadt zieht viele Menschen an. Die mit großen Ideen und Talenten und auch diejenigen, die sich von der Geschäftigkeit leichten Gewinn versprechen. Seit kurzem ist nun ein Maler in der Stadt. Man hat ihn aus dem Norden hergebracht, weil sein Talent so sonderbar und außergewöhnlich ist – oder sein Talent, uns das glauben zu machen. Der Maler ist blind. Er betastet die Gesichter der Menschen, die er malen will, dann reicht ihm ein Helfer die Pinsel, benennt die Farben und er malt. Die Motive sind gut erkennbar, aber die Bilder nicht von hoher Qualität. Niemand würde sich für sie interessieren, wenn nicht der Maler blind wäre. Diese Merkwürdigkeit macht ihn interessant und seine Bilder wertvoll. Aber ich kann nicht glauben, dass er wirklich blind ist. Niemand kann so malen, ohne zu sehen. Ich wollte dich um Rat fragen, wie der Betrug enthüllt werden kann. Alles, was ich bisher versuchte, schlug fehl.“
      Klea lächelte bei seiner Bitte. Ihre Finger flochten weiter flink die Schilfblätter, während sie seine Worte bedachte.
      „Warum willst du das wissen“, fragte sie schließlich. „Warum ist es dir so wichtig, das Geheimnis des Malers zu lüften? Er schadet niemand mit seinem Tun.“
      „Es ist das Unklare, das ich nicht ertrage“, gab Rashan zu. „Ich glaube ihm nicht und es lässt mir keine Ruhe, dass er uns alle foppt. Wir haben schon so viel versucht. Ihm Hindernisse in den Weg gelegt – doch er ist arglos hineingetappt und gestürzt. Wir haben den Pinsel durch heißes Metall ersetzt – und er hat danach gegriffen und sich verbrannt. Bei keiner Probe verzieht er die Miene, es scheint ihn nicht zu kümmern, was er sieht.“
      „Oder er sieht es wirklich nicht?“
      „Nein“, widersprach Rashan entschieden. „Ich weiß, dass er nicht blind ist. Ich kann es nur nicht beweisen.“
      „Und wenn du es kannst, was dann?“
      „Ich will ihn nach Hause senden, denn seine Kunst ist Betrug und nicht kostbar, wie er es uns glauben macht. Aber ich will ihn mit Geschenken senden, denn sein Betrug ist klug und seine Selbstbeherrschung groß.“
      Jetzt ließ Klea die nimmermüden Hände sinken. Sie sah Rashan in die Augen, forschte, ob seine Worte ehrlich waren, sein Herz und seine Absichten. Rashan erwiderte den Blick offen. Klea lächelte – ihr gefiel, was sie sah. Und dann lachte sie hell auf. „Ich will dir raten, was ihr tun müsst“, sagte sie fröhlich. Und als sie das getan hatte, da lachte auch Rashan. Vergnügt machte er sich auf den Heimweg.

      Und das ist es, was er dann tat nach Kleas klugem Rat:
      Rashan lud den blinden Maler zu einem Ausflug ein und mit ihm viele Freunde, Anhänger und Zweifler des Mannes. Gemeinsam bestiegen sie ein Schiff, flogen damit über die Wellen dahin. Sonnenschein ließ die Gischt aufleuchten wie Juwelen. Fröhliche Delphine begleiteten die Fahrt und alle waren ausgelassen. Rashan gab sich ganz unbefangen, als sei er endlich davon abgekommen, das Geheimnis des Malers lüften zu wollen. Und der Maler saß gut gelaunt im Kreise der fröhlichen Menschen. Er war ein junger, kräftiger Mann, der gern feierte und die schönen Seiten des Lebens schätzte. Das jedoch stets, ohne das geringste Zeichen, dass er sehen konnte. Auch die Pracht der Inselwelt entlockte ihm kein Staunen, das fröhliche Spiel der Delphine kein Lächeln. So erreichten sie schließlich eine kleine Insel, auf der Herr Rashan ein schönes Haus besaß. Der Weg dahin war jedoch steil. Viele Stufen führten die Klippe hinauf und manch einer der Gäste beklagte die Anstrengung, die in der Mittagssonne quälend war. Wie froh waren alle, als der Schatten des Gartens erreicht war. Wie heiter wurden sie, als Rashan ins Badehaus einlud. Da war bereits alles vorbereitet, um den Staub und den Schweiß des langen Aufstiegs abzuspülen. Und so entkleideten sich alle und gingen hinein. Rashan selbst hatte dem blinden Maler den Arm geboten, um ihn fürsorglich durch die fremden Räume zu geleiten. Im Baderaum aber bot sich den Gästen ein überraschender Anblick. Denn zwischen den Becken und den Brunnen waren wunderschöne Frauen versammelt, die sich nackt auf den Liegen räkelten, im Wasser miteinander spielten oder grazil durch den Raum schritten. Dies alles in völligem Schweigen, so dass das Plätschern des Wassers das einzige Geräusch war. Der schwere Wohlgeruch der Duftlampen war der einzige Geruch und der leichte Wind durch die offenen Fenster das einzige Gefühl auf der Haut. So blieben die Augen der einzige Sinn, um die nackten Schönheiten wahrzunehmen. Der blinde Maler verzog auch hier keine Miene, blieb reglos, wie bei allen Proben zuvor. Doch sein nackter Körper verriet sehr wohl, dass die Schönen Eindruck auf ihn machten. Für alle war sichtbar, dass die Augen dem Körper des Malers etwas mitteilten, denn der Körper des Mannes zeigte auf seine Weise, dass er die Botschaft verstanden hatte.

      So hatte Rashan bewiesen, dass der Maler ein Betrüger war, der seine Blindheit nur vortäuschte. Rashan sandte ihn heim, mit Geschenken beladen – und der Maler ging eilends, denn in Elossa umfing ihn nur noch Spott und Gelächter. Im ganzen Inselkreis verbreitete sich die Geschichte und nie kam der Maler in Versuchung, den Betrug woanders erneut zu versuchen. Rashan aber hatte nicht vergessen, dass er all dies Kleas Klugheit zu verdanken hatte. Er schickte ihr buntseidene Gewänder zum Dank. Und Klea, die schickte ihm als Gegengabe einen feinen Bogen Schilfpapier. Seidenweiß und glatt, mit der Ahnung eines Musters im schimmernden Sonnenlicht sichtbar. Es war der Bogen aus der Matte, die sie bei seinem Besuch geflochten hatte mit den Gedanken an das Geheimnis des blinden Malers.


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      Der Rahmen des fünften Türchens besteht aus zwei ganz verschiedenen Sorten Holz. Dunkle Eiche, grob behauen nur, bildet den Kern des Ganzen. Was dem jungen Mann, der gerade hindurchgeht, jedoch ein Lächeln entlockt, sind die hellen, sonnengebleichten Einlegearbeiten mit den kunstvollen Wellen- und Fischgrätmustern…





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      Ein neuer Anfang

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      Vor Max lagen nun die Felder von Uggart. Wenn er wirklich zum Meer wollte, hatte er noch ein gutes Stück Weg vor sich. Aber er war eigentlich nicht der Typ, der schnell aufgab. Die Straße schlängelte sich zwischen den Feldern hindurch, auf welchen die Halme des Runkal wogten. Begleitet wurde sie von einem simplen Abwassergraben. Die Daumen unter die Riemen seines Rucksacks gehakt ging er weiter. Seit er den ersten Schritt in den Wald getan hatte, hatte er keinen einzigen Blick zurück geworfen. Nicht nur das es unsinnig war, da der Wald ihm ohnehin den Blick versperrte, nein er brauchte das nicht. Was hinter ihm lag war vergangen.
      „Sieh einfach immer nach vorn.“
      Wer hatte ihm noch gleich diesen Rat gegeben? War es sein Vater oder sein Onkel gewesen? Er konnte sich nicht daran erinnern, aber das spielte jetzt auch keine Rolle mehr. Dennoch, recht hatte der Sprecher gehabt, denn wenn man zurück sah, bereitete das nur Schmerzen. Starr richtete er seinen Blick auf den Weg vor sich und schritt kräftig aus. Seine Schuhe waren zwar aus festem Leder, dennoch spürte er die Steine der Straße unter sich nur allzu deutlich. Er war schon zu lange unterwegs.
      Wieder rutschte einer seiner Strümpfe die Wade hinab und blieb am Schaft des Schuhs hängen. Er wusste nicht mehr, wie oft er ihn schon hoch gezogen hatte. Aber wenn er es nicht tat, würde er ihn beim Gehen stören. Seufzend blieb der junge Wandersmann also stehen und beugte sich hinab um dem ungehaltenen Kleidungsstück den richtigen Platz zu weisen. Immerhin schien die Sonne zwischen den Wolken hindurch und es würde an diesem Tag wohl nicht regnen.
      Geschwind stopfte er den Strumpf wieder unter den Bund der Hose und zog diesen unterhalb des Knies etwas enger. Der Rucksack rutschte ihm hoch und das Gewicht drückte hart auf seinen Rücken. Hatte er doch zu viel eingepackt? Aber er wusste ja nicht, wie weit es noch war.
      Das Meer, er würde es sehen und vielleicht sogar mit einem Schiff fahren. Schon vor Jahren hatte er damit begonnen sich nach dem Meer zu sehnen. Erst war es ihm nur wichtig gewesen sich an einen Ort zu wünschen der weit weg war. Das viele Wasser faszinierte ihn und der Traum dieses zu sehen war in ihm gereift. Schulbücher zeigten meist nur in kleinen Bildchen was sie beschrieben. Max hatte nicht die Gelegenheit in eine Bibliothek zu gehen, so etwas gab es nur in den Städten. Sein Heimatdorf jedoch war eher klein und selten kam jemand vorbei, der über das Meer erzählen konnte.
      Darum hatte ihn der alte bärtige Mann so begeistert. Dieser hatte einige Stunden in ihrem Dorf rast gemacht und den neugierigen Jungs ein paar Geschichten erzählt. Max glaubte zwar, dass er etwas übertrieben hatte, als er die riesigen Meerestiere beschrieben hatte, aber fasziniert waren die Knaben dennoch alle gewesen. Max hatte ihm, genau wie alle anderen, an den Lippen gehangen und jedes Wort mit Begierde aufgesogen.
      Er strich sich durch die kurzen, braunen Haare. Er schwitzte und das verdankte er vor allem sich selbst. Der junge Wanderer wollte vergessen und dazu eignete sich eine hohe Geschwindigkeit am besten. Die Hand fest um den Wanderstab geschlossen setzte er seinen Weg fort. Auch das einfache Hemd war feucht und klebte an seinem Rücken. Er wollte weg von seiner Heimat, nach allem was geschehen war. Vermutlich war er ein ziemlicher Feigling einfach ab zu hauen. Er hätte mutig sein sollen und sich der Situation stellen. Andererseits würde sich ihm nie wieder eine solche Gelegenheit bieten – ganz neu beginnen.
      Das Haus seiner Eltern gab es nicht mehr.
      Seine Familie gab es nicht mehr.
      Max war allein.
      Wütend über sich selbst wischte er die verräterischen Tränen weg. Das schlimmste war, dass er nur überlebt hatte, weil er sich raus geschlichen hatte. Er hatte den Brand überlebt, weil er ungehorsam gewesen war!
      Klar, die Leute im Dorf hätten ihn irgendwie aufgepäppelt, aber das wollte er nicht. Max war ja kein kleines Kind mehr. Mitleid war etwas für Sechsjährige, er war aber schon Fünfzehn und damit weit über das Alter hinaus in dem man noch Mitleid wollte.
      „Wir kümmern uns schon um dich, hab keine Angst!“
      Na sicher, alles klar. Sie hatten doch eigene Kinder und eigene Sorgen. Max wollte niemandem Arbeit machen, darum war er gegangen. Er hatte seinen Traum, und jetzt sollte er sich erfüllen.


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      Die Fackeln der Stadtwachen qualmen und zischen im Nieselregen. Die wenigen Durstigen, die sich an diesem Abend in Richtung Schenke aufgemacht haben, schimpfen lautstark, als eine vorbeibretternde Kutsche sämtliche Wasserlachen nimmt, und alle mit einem schlammigen Tropfenregen besprengt. Nur der bärtige Alte, der gerade das sechste Türchen hinter sich schließt, lacht leise. Er wischt die Tropfen ab, schultert seinen Sack, und marschiert pfeifend stadtauswärts...




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      Die Braut mit den langen, blonden Haaren

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      (Hohenhardt - Schattwald - Langan, nördliches Belida, Herbst 1856)

      "Der Brautzug verließ Burg Hohenhardt am 1. Oktober. Vorneweg der Brautvater - Graf Hohenhardt persönlich - in Rüstung und hoch zu Ross mit einigen seiner treuesten Ritter. Dahinter die drei Wagen. Ich selbst saß als Braut im ersten. Er war prächtig bemalt, sehr bequem und zu diesem besonderen Anlass über und über mit Girlanden aus buntem Herbstlaub geschmückt. Die beiden anderen Wagen waren einfacher. Im mittleren saßen die Zofen und die Schwertmagd, im letzten ein paar Dienerinnen und meine Aussteuer. Beschlossen wurde der Zug noch von einigen Knechten und Soldaten.
      Die ersten drei Tage blieben wir in der Grafschaft. In jedem Dorf standen die Bauern jubelnd am Wege. Am dritten Abend dann nahmen wir in Lauternbrunn Quartier, einer kleinen Stadt an der Grenze. Nun würde unser Weg durch die Ausläufer des Schattwaldes gehen: wildes Gebiet, Niemandsland, Zuflucht von Räubern und Galgenvögeln. Aber die einzige andere Route hätte durch das Gebiet von Herzog Girion selbst geführt und wir alle wußten, wie viel ihm daran lag, diese Hochzeit zu vereiteln und sich die Braut selbst zu schnappen und mit ihr die Grafschaft, die ihr Erbe war. Um uns zu verstärken heuerten wir zusätzlich Söldner an. Das waren wilde Gesellen und ich hatte weder Vertrauen in ihre Loyalität, noch in ihr Können. Aber was blieb uns anderes übrig. Ich war nur froh, dass ich als Braut von so rauher Gesellschaft abgeschirmt wurde.
      Am nächsten Morgen brachen wir früh auf. Zuerst lag noch Nebel über dem Land, aber bald kam die Sonne durch und es wurde ein herrlicher Tag. Der Herbstwald leuchtete rot und golden wie eine Schatztruhe der Götter, die Vögel sangen und wo einmal der Himmel zwischen den goldenen Ästen hervorlugte, war er von einem tiefen Blau. Ich selbst sah allerdings wenig davon, denn mein Wagen hatte nur kleine Fenster und die waren mit dichten Schleiern verhängt, wie es sich nun einmal für eine sittsame Braut gehört.
      Der Weg war schmal und beschwerlich, bald wurde unser kleiner Zug gefährlich in die Länge gezogen. Mein eigener Wagen, von zwei starken Rössern gezogen und gut bereift, kam noch ganz gut mit den Rittern mit. Aber die beiden anderen Wagen und die Fußknechte fielen bald deutlich zurück. Dann auf einmal hörte ich lautes Pferdegetrappel, ein Ruf "Überfall!" und dann brachen alle Höllen los. Schwerterklirren, Pferdeschnauben, Schreie, Stöhnen... gefangen in meinem Wagen konnte ich nicht erkennen, was los war. Dann wurde auf einmal der Wagenschlag aufgerissen. Doch herein kam kein einfacher Räuber, sondern ein Mann in Rüstung und Helm. Sein Wappen konnte ich nicht erkennen, aber über seinem Herzen trug er ein Abzeichen mit einer silbernen Hand auf schwarzem Grund: Girions Zeichen!
      Das alles erkannte ich im Bruchteil einer Sekunde, schon packte er mich an den Haaren, zerrte mich auf die Füße und aus dem Wagen hinaus ins Sonnenlicht. Von unseren Leuten war niemand mehr zu sehen. Einige der Söldner lagen in seltsamen Verenkungen am Boden, der Rest war geflohen. Um mich herum waren nur die Männer des Herzogs. Durch den Brautschleier hindurch konnten sie mein Gesicht nicht sehen und so musste ich meinen Blick nicht züchtig senken. Es waren wohl dreissig an der Zahl, alle noch recht jung, aber hervorragend bewaffnet: das waren keine Lehensleute, sondern Männer aus Girions Haushalt. Mein Herz schlug bis zum Hals, was würde nun geschehen? Würden sie mir die Kleider vom Leib reißen? Aber nein, sie hatten ihre Befehle. Ihr Anführer ging einmal prüfend um mich herum, berührte den Brokat meines Kleides mit dem eingestickten Grafenwappen. Ich machte mich so klein wie möglich. Er ließ meine langen Haare durch die Finger gleiten. Am Morgen hatten die Zofen eine ganze Stunde lang gekämmt und geflochten, bis die Tressen in einem kunstvollen Wasserfall aus Zöpfchen und Bändern bis zu meinem Po hinabreichten. Ich mochte mir nicht vorstellen, was jetzt noch davon übrig war.
      Der Mann schien zufrieden zu sein mit meiner Erscheinung. Auf sein Nicken hin brachte man mich in den Wagen zurück und ich hatte mich noch nicht hingesetzt, als der Wagen mit einem kräftigen Ruck anfuhr, so dass ich recht unelegant auf die Sitzbank geworfen wurde. Doch das sah niemand, denn im Wagen war ich allein. An den Stimmen aber konnte ich hören, dass zwei der Ritter auf dem Kutschbock Platz genommen hatten, und die anderen einen dichten Kordon um mein Gefährt geschlossen hatten. Die Fahrt ging in halsbrecherischer Geschwindigkeit über Stock und Stein. Sie schienen zu fürchten, dass die Ritter des Grafen sich sammeln und ihnen ihre Beute wieder abjagen würden.
      Nicht einmal die beste Federung konnte die Stöße und Schläge abfangen und ich wurde fürchterlich durchgerüttelt. Einmal versuchte ich aufzustehen, um einen Blick aus dem Fenster zu werfen, aber der Wagen schwankte so, dass ich - behindert von meinem Kleid, das nun wirklich nicht für solche Dinge gemacht war - hart zu Boden fiel und mich mühsam wieder auf meine Sitzbank hochkämpfen musste.
      Endlich ließen die Stöße nach. Wir kamen auf einen gut befestigten Weg, dann klapperten die Pferdehufe über eine hölzerne Brücke und wenig später hielten wir an. Wieder wurde der Wagenschlag aufgerissen, doch dieses Mal komplimentierte man mich etwas sanfter hinaus. Ich fand mich zwischen Fachwerkhäusern wieder: eine Scheune, ein paar Ställe und ein zweistöckiges Herrenhaus. Davor waren mehrere prächtige Rösser angebunden. Das hier mochte das Heim eines einfachen Ritters sein, oder vielleicht auch ein Jagdsitz für einen größeren Herrn. Es blieb mir nicht viel Zeit, mich umzusehen, denn man führte mich resolut aber ohne Gewalt zur Tür des Herrenhauses. Ich ging demütig mit, Widerstand war ja doch zwecklos. Ich wurde direkt in den ersten Stock hinaufgebracht. Das erste, was ich beim Betreten des Zimmers sah, war das große Bett in der Mitte des Raumes. Aber nicht dorthin brachten sie mich, sondern zu einem Erker, in dem ein einfacher Altar stand, es war fast so etwas wie eine kleine Kapelle. Und dort warteten sie auf mich! Ein kleiner, mausgleicher Kaplan, längst daran gewöhnt, die Befehle seines Herrn nicht zu hinterfragen, stand beim Altar. Und davor tigerte ein mächtiger Mann auf und ab. Er hatte breite Schultern und war fast so groß wie ich. Wir würden ein ganz passables Paar abgeben. Er trug Schwert und Dolch am Gürtel. Die Rüstung hatte er zwar abgelegt, aber das gepolsterte Wams anbehalten und darauf war ein Wappen eingestickt. Es war ähnlich dem Emblem der anderen Männer, aber diese Hand trug einen Panzerhandschuh: vor mir stand der Herzog höchstpersönlich.
      Ich war noch kaum beim Altar, da begann schon die Trauzeremonie. Und selbst das war Girion noch zu langsam. Immer wieder bedeutete er dem Priester, sich zu beeilen, bis dieser schließlich nur noch die allernotwendigsten Gebete in geradezu unwürdiger Hast herunterstammelte. Ich weiß nicht, ob Girion einen Angriff der Männer des Grafen fürchtete - der Gutshof hatte keine Mauern und war schlecht zu verteidigen. Aber ich weiß, dass er darauf brannte, diese Ehe zu vollziehen. Während er auf die Rückkehr seiner Schergen wartete, musste er sich dutzende Male die Furcht und Verwirrung seiner zukünftigen Braut ausgemalt haben, das Blut, das bei ihrer Entführung geflossen war, und es hatte seinen Trieb gewaltig angestachelt. Immer wieder glitten seine lüsternen Blicke über meinen Körper. Dann kamen endlich die entscheidenden Fragen: die Zeugen, die beiden Ritter, die mich in den Raum gebracht hatten, bestätigten ihre Anwesenheit und schworen, die Ehe stets zu bezeugen. Dann war der Herzog an der Reihe: sein lautes "Ja" schallte durch den Raum. Und schließlich richtete der Kaplan das Wort an mich. Er schien nicht wirklich mit einer Antwort zu rechnen. In dem Moment beschloss ich, den Stier bei den Hörnern zu packen. Ich traute meiner Stimme nicht, aber ich nickte deutlich und sogar fast ein wenig zu enthusiastisch. Der Kaplan hielt verblüfft inne und Girion musterte mich mit einer ganz neuen Intesität. War seine Begierde eben noch eine lodernde Glut gewesen, so schlug sie jetzt helle Flammen. Ich konnte seinen schweren Atem hören und seine Hand wühlte sich in meine Haare, als lägen wir schon auf dem Lager. Auch der Kaplan konnte erkennen, was die Stunde geschlagen hatte. Er spulte die letzten Segenswünsche in atemberaubendem Tempo herunter, dann kam der Satz auf den Girion gewartete hatte: 'Hiermit seid ihr vor den Menschen und den Göttern im Stand der Ehe vereint!'
      Girion verlor keine Zeit mehr. Er packte mich am Arm und führte mich hinüber zum Bett. Ich ließ es mit mir geschehen. Ohne ein weiteres Wort stieß er mich hinab auf das Lager, öffnete den Gürtel und warf sein Schwert achtlos neben mich auf die Brokatdecke. Der Kaplan und die beiden Zeugen verließen fluchtartig den Raum, doch Girion hatte schon die Hose aufgenestelt und hinunter gestreift, als die schwere Tür ins Schloß fiel. Dann packte er mit beiden Händen mein Kleid und zerriss den teuren Stoff mit einem mächtigen Ruck."

      Atemlose Stille herrschte in der Schenke. Doch schnell kamen die ersten Zwischenrufe. "Und dann?"... "Jetzt erzähl doch weiter!"... "Du kannst doch jetzt nicht aufhören!"... "Hey, wir wollen wissen, wie's weiter geht!"...
      Einer grübelte über einer eher technischen Frage: "Was hattest du eigentlich drunter?"
      Firas spielte kokett mit seinem langen Zopf. "Was ist denn das für eine Frage an eine Tochter aus bestem Haus?" säuselte er in seiner besten Prinzessinnenart, die er jetzt schon die ganze Erzählung durchgehalten hatte. Aber dann warf er den langen Zopf resolut über die Schulter und nahm einen tiefen Zug aus seinem Bierkrug. Mit normaler Stimme erzählte er endlich weiter:
      "Was ich drunter hatte? Nichts!" Er feixte. "Und du kannst dir sicher sein, Girion war mächtig erstaunt, als er mein bestes Stück sah. Hat seiner Erregung einen kräftigen Dämpfer versetzt, wie unschwer zu erkennen war. Ich glaube, das Bild wird ihn bis an sein Lebensende verfolgen!" Er nahm noch einen Schluck Bier.
      "Naja, das ganze dauerte nur ein Sekunde oder so, dann fing er an zu schreien. Wir griffen beide gleichzeitig nach dem Schwert und es entbrannte ein wüstes Gerangel. Schon flog die Tür auf und seine Leute stürmten herein. Ich musste sehen, dass ich Land gewann. Ein kräftiger Tritt in seine Eier ließ ihn zusammensacken. Ich schnappte mir die Klinge und sprang auf. Keinen Moment zu früh, denn schon waren die ersten Wachen da. Jetzt, wo der Rock zerrissen war, konnte ich mich besser bewegen, aber sie drangen zu dritt, zu viert auf mich ein. Sie waren in Rüstung, ich war halbnackt. Mein Blut kochte. Ihr könnt mir glauben, ich hab noch selten einen Kampf so genossen."
      "Wieviele hast du getötet?" Der Frager hatte sich weit vorgebeugt, um ja nichts zu verpassen. Auch die anderen Zuhörer hingen ihm an den Lippen.
      "Ein paar sind schon liegen geblieben. Aber ich hab nicht gewartet, um zu sehen, ob sie sich wieder aufrappeln." Firas' Augen leuchteten. "Durch die Tür drängten immer mehr in den Raum. Endlich gelang es mir, mich freizukämpfen. Ein paar schnelle Schritte brachten mich zum Erker. Ein Satz, ich war auf dem Altar und dann sprang ich durch die bunten Glasscheiben hinunter in den Hof. Scherben regneten um mich herum. Die Männer im Hof liefen gerade so schnell sie konnten zur Tür, um ihrem Herrn zu helfen. Nun tauchte ich plötzlich hinter ihnen auf. Einige begriffen schneller und kehrten um, andere brauchten etwas länger. Es war ein heilloses Durcheinander. So blieb mir genug Zeit, mir unter den Pferden das beste auszusuchen. Wenig verwunderlich, dass auf seinem Sattel ebenfalls die gepanzerte Hand war. Ich sprang in den Sattel, jagte die anderen Pferde mit einigen Schwerthieben davon und raste vom Hof, gerade als Girion in der Tür erschien - noch immer ohne Hose."
      Firas lehnte sich zurück und leerte seinen Krug mit einem letzten langen Zug. Das viele Reden machte durstig.
      Noch einen Moment herrschte begeisterte Stille, dann redeten auf einmal alle durcheinander.
      "Haben sie dich nicht erwischt?" fragte einer.
      Firas grinste nur und schüttelte den Kopf.
      "Wie haben sie dir denn den Bart weggezaubert? Dein Gesicht ist ja wirklich so glatt wie bei einer holden Maid."
      Er fuhr sich mit der Hand über die Wange, auf der tatsächlich kein einziges Häärchen zu sehen war, obwohl die Geschichte nun schon einige Tage her war. "Wachs!" meinte er nur trocken und verzog schmerzhaft das Gesicht. "Heißes Wachs. Glaub mir, mehr willst du nicht wissen."
      "Und was ist mit der echten Braut?"
      "Och, die haben Rafalo und Bewin in der Zwischenzeit als Bursche verkleidet über irgendwelche Saumpfade hierher nach Langan gebracht."
      Das löste ein wahre Flut an Fragen nach dem Wohlergehen des Grafen und der anderen Beteiligten aus. Firas konnte sie alle beruhigen. Wie geplant hatten sie sich schnell in die Flucht schlagen lassen und waren mit nur geringen Blessuren davon gekommen.
      Aber ein anderer wurde noch von einer ganz anderen Frage umgetrieben: "Hättest du wirklich mit ihm geschlafen?"
      Der blonde Krieger überlegte einen Moment, dann grinste er: "Schon..."
      Die Gesichter um ihn herum zeigten Ekel, Abscheu... Es waren Söldner und ihre moralischen Prinzipien alles andere als gefestigt, aber Girion?
      "Nein, so notgeil bin ich auch nicht." fügte er darum schnell hinzu. "Ich hätte es getan, um ihn noch mehr zu quälen. Wo ihr Belider doch Sex zwischen Männern für so eine fürchterliche Sünde haltet. Vielleicht hätte er sogar wirklich geglaubt, dass er dafür in der Hölle schmoren muss." Er zuckte die Achseln. "Aber seinen Schwanz hab ich dann leider doch nicht gekriegt. Nur sein Pferd und sein Schwert..."
      "Was hast du mit denen gemacht?"
      "Oh, das Pferd musste ich leider zuschande reiten auf meinen Flucht. Ein Jammer! War ein feines Tier." Echtes Bedauern stand in seinen Augen.
      "Und das Schwert?" das war die Stimme des Wirtes, der sich bis jetzt im Hintergrund gehalten hatte.
      Firas lächelte verschwörerisch und holte ein längliches, in Stoff eingehülltes Paket unter dem Tisch hervor. Genüsslich langsam wickelte er es aus, bis endlich die Waffe blank und glänzend vor allen Augen lag. Die Klinge schimmerte bläulich, der Griff war mit Golddraht umwickelt und am Knauf funkelte ein großer Amethyst.
      "Was für ein Prachtstück!" flüsterte der Wirt. "Darf ich es mal halten?"
      Firas schob das Schwert zu ihm hinüber. "Kannst es behalten. Mein eigenes ist besser. Nicht so protzig und aus besserem Stahl!"
      "Was? Aber..." Der Wirt war völlig fassungslos.
      Aber da rief einer aus der Menge: "Dann kannst du deinen Schuppen umbenennen. In Zukunft ist das hier dann 'Das Schwert des Herzogs'!"
      "Nein, nein!" verbesserte ein anderer. "Das Schwert der Herzogin!"
      Donnerndes Gelächter erfüllte die Schenke und es dauerte einige Zeit, bis sich der Wirt Gehör verschaffen konnte.
      "So soll es sein!" gelang es ihm endlich, das Johlen zu überbrüllen. "Und wenn ihr erlaubt, Eure Hoheit..." Er verneigte sich vor Firas und die Männer verstummten erwartungsvoll. "Wenn ihr erlaubt, geht die Zeche für Euch und Euer Gefolge heute auf mich."
      Der Lärm war unbeschreiblich. "Freibier!" riefen einige, doch dann gewann ein anderer Ruf immer mehr an Macht, bis die ganze Schenke mit den selben Worten widerhallte: "Lang lebe Herzogin Firas!"


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      Feedback zu den Adventskalendertexten könnt ihr HIER geben. Die Texte sind wie jedes Jahr zunächst anonym, damit ihr - wenn ihr wollt - Autoren raten könnt. Wenige Tage nach Weihnachten wird aufgelöst, welcher Text von wem stammt, dann können die Autoren dort im Thread gesammelt auf das Feedback antworten.

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      Brüchig vor Alter ist der Text, der dort hinter dem siebten Türchen auf dem Tisch des Gelehrten liegt. Doch die Farben der Bilder und prächtigen Verzierungen sind immer noch leuchtend, und was dort geschrieben steht ist immer noch lebendig in den Herzen jener, die glauben.





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      Die drei Zeitalter der Schöpfung

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      Der Anfang aller Dinge ist unbekannt, da niemand war, der ihn hätte erleben können. Es waren Zeit und Raum und es war ein großes Chaos. Dies war die Zeit vor den Zeitaltern. Und es waren Palos und Cala, die ersten, die da waren und von denen keiner weiß, woher sie kommen. Nach langer Zeit schließlich hatten sie das Chaos durchdrungen und trafen aufeinander. Da es sonst niemanden gab, blieben sie beisammen und sie empfanden die Liebe, die aus der Zuneigung ihrer Seelen entstand. So wurden sie zu Mann und Frau und sie begründeten damit die heilige Ehe. Als Hochzeitsgeschenk schenkten sie sich die Welt, die sie gemeinsam erschufen.

      Sie griffen in das Chaos und ordneten es nach ihrem Willen, denn sie besitzen die Macht dazu. So erschufen sie das Weltall, die Erde und den Himmel. Palos Sonnenvater erschuf die feurig brennende Sonne und Cala Mondmutter den kühl strahlenden Mond und gemeinsam erschufen sie die Sterne und alle anderen Dinge, die im Weltall und am Himmel zu finden sind, denn sie sind Palos und Cala, die Welteltern. So verstrich das Erste Zeitalter, in dem die Welt entstand und es dauerte eine Neuniarden Jahre.

      Ihr Werk gefiel ihnen sehr, doch gab es niemanden, der sich daran erfreuen konnte. Also wünschten sie sich, dass noch weitere Wesen existieren sollten, die ihnen glichen und die sich über die Schöpfung freuten. Da erwachte in ihnen die Liebe, die aus dem Verlangen ihrer Körper entstand. Sie näherten sich einander und für einen kurzen Moment waren sie vereint. Es war ein weithin strahlender Moment und aus ihm hervor gingen ihre Kinder, drei Töchter und drei Söhne, die im Abstand von einer Nonade zur Welt kamen. Die Söhne heißen Natos, Ceron und Hegaros, die Töchter heißen Valzana, Mindoria und Tísaria und mit ihnen spürten die Eltern die Liebe, die aus dem Anblick eigener Kinder entsteht.
      Die Kinder kamen zur Erde, die ihre Eltern erschaffen hatten und bestaunten das Werk. Sie lebten auf der Erde, spielten dort miteinander und wuchsen heran, bis sie ebenso groß und nahezu so weise und mächtig waren wie ihre Eltern. So begann das Zweite Zeitalter mit der Geburt jener Götter, die Kinder von Palos und Cala sind.

      Während die göttlichen Kinder heranreiften, wurde ihnen langweilig.
      Denn die Erde war damals ein Ort, so perfekt, wie ihn nur Palos und Cala hatten erschaffen können. Die Welt hatte eine makellose Kugelform, eine fehlerfreie glatte Oberfläche und zugleich alle Farben und doch keine einzige. So perfekt sie war, so viel Demut und Erstaunen sie hervorrief, so war es doch für die Äonen, die die Kinder darauf lebten, irgendwann langweilig. Denn nach vielen Nonaden hatten sie alle Spiele gespielt, die es gab und welche sich Götter nur erdenken konnten.

      Da beschlossen die Götter, die Söhne und Töchter sind, die Erde zu verändern und interessanter zu machen. Palos und Cala, die Gotteltern, erlaubten es ihnen und verliehen ihnen die schöpferische Kraft für dieses Werk. Das Weltall aber behielten sie für sich selbst.
      Valzana war die erste, die die Erde formte, denn als erstes Kind hatte sie das Vorrecht der Ältesten.
      Valzana Erdmutter veränderte die Oberfläche der Erde, hob Berge an und zog Täler hinein. Sie erschuf harten Felsen und weiche Erde, körnigen Sand und glatten Lehm.
      Natos sah, was sie erschaffen hatte und es gefiel ihm. Damit sich das Antlitz der Erde stetig verändere und die Götter, die Kinder sind, immer aufs Neue Gefallen daran fanden, erschuf Natos Wasservater das Wasser. Er formte es zu Schnee und Eis, zu Regen und Hagel, zu Flüssen, Seen und Meeren und auch den noch so geringsten Tautropfen erschuf er. Das Wasser wanderte fortwährend über die Erde und wandelte so deren Form.
      Mindoria sah, was Valzana und Natos erschaffen hatten und es gefiel ihr. Um das Wasser überall hin verteilen zu können, erschuf Mindoria Himmelsmutter die Luft und man kennt sie auch als Windmutter, denn Wind und Wolken gehorchen ihrem Wort. Nur wenige Orte blieben vom Wasser verschont, denn es sollte nicht alles gleich sein und so entstanden große Wüsten.
      Ceron sah, was seine Geschwister erschaffen hatten und es gefiel ihm.
      Ceron Feuervater war es, der das Feuer erschuf und den Bergen das Feuerspucken lehrte. Das Feuer spielte seine eigene Rolle bei der Veränderung der Welt, die ganz anders ist als die des Wassers, doch nicht weniger zerstörerisch.
      So betrachteten Valzana, Natos, Mindoria und Ceron ihr Werk neun Äonen lang und sie und ihre Geschwister und Eltern erfreuten sich an dem Wandel, der die Erde ergriffen hatte. So verging das Zweite Zeitalter, in dem die Welt gewandelt wurde und es dauerte eine Neuniarde Jahre.

      Hegaros und Tísaria aber, die jüngsten Kinder von Palos und Cala, waren Zwillinge und ihnen wurde es erneut langweilig. Denn so schön der Wandel der Welt auch war, so waren sie einsam, denn als Zwillinge waren sie einander stets näher als ihren Geschwistern. Also kamen sie auf die Idee, die Welt mit Lebewesen zu bevölkern. Sie vereinten ihre Seelen in Liebe und es entstand der neunte Gott, der uns als Rivo der Gegensätzliche bekannt ist. So begann das Dritte Zeitalter mit der Geburt des neunten Gottes.
      Da aber sprach Palos der Richter zu ihnen und verkündete sein Urteil. Rivo sei der letzte Gott, denn mit ihm seien es neun und dies ist die richtige Zahl. So sprach er denn auch, dass sich fortan kein Gott mehr mit einem anderen verbinden möge und er erließ das erste Verbot, dass da lautet, dass kein Wesen mit seinem Bruder oder seiner Schwester beisammen liege, wie Eltern beisammen liegen.
      Hegaros und Tísaria akzeptierten das Urteil ihres Vaters, denn es war weise.
      Die übrigen Götter, die Kinder von Palos und Cala sind, aber fragten ihre Mutter, was mit ihnen sei, denn auch sie wollten Wesen erschaffen, um die Welt zu bevölkern. Denn sie liebten den kleinen Rivo sehr und wünschten sich nun auch Gesellschaft.
      Da sprach Palos der Richter sein zweites Urteil und er verkündete, dass fortan jeder Gott für sich allein Wesen erschaffen sollte, die nicht dieselbe Macht haben durften wie sie selbst. Und das Urteil wurde akzeptiert, denn es war weitsichtig.

      Valzana Pflanzenmutter war erneut die erste und sie erschuf Pflanzen, die ihre Wurzeln in die Erde gruben und sich dem Licht von Palos und Cala zuwandten. Doch es war zu heiß auf der Erde, da Sonne und Mond zugleich am Himmel standen und so vergingen die Pflanzen. Valzana war traurig darüber und sie bat ihre Eltern um Hilfe.
      Diese berieten sich und Cala die Einsichtige hatte schließlich eine Lösung. Fortan standen Sonne und Mond nicht mehr gemeinsam am Himmel, sondern sie lösten sich ab in ihrer Wacht über das Leben. Fortan konnten die Pflanzen Sonne und Mond ihre Bahnen über den Himmel ziehen sehen und die Temperaturen auf der Erde wurden angenehm. Valzana aber begrenzte die Lebensspanne einer jeden Pflanze, damit diese sich von Generation zu Generation ablösten und so ein dauernder Wandel einsetzte. Denn es wäre ihr zu langweilig gewesen, wenn nun für immerdar die Pflanzen dort stehen sollten, wo sie sie hatte wachsen lassen. So kam es, dass die Welt von Pflanzen bedeckt wurde.

      Natos gefiel das Werk seiner Schwester und so erschuf er, der Pflanzenvater, Pflanzen, die auch im Wasser leben konnten. Und da das Wasser ein sich immerfort bewegendes Element ist, bewegten sich auch manche der Pflanzen. Dies brachte Natos Tiervater auf die Idee, Tiere zu erschaffen, die sich von Pflanzen ernährten und sich frei bewegen konnten. Auch ihre Lebensspanne begrenzte er, damit sie sich von Generation zu Generation wandeln mussten.

      Valzana gefiel dieses Werk ihres Bruders und so erschuf sie, die Tiermutter, auch Tiere, die an Land leben konnten und darüber wanderten auf der Suche nach Artgenossen und Nahrung. Denn die Tiere konnten nicht vom Licht und dem Wasser allein leben, wie dies die Pflanzen tun. Das war der Preis für ihre Fähigkeit, sich fortzubewegen.

      Mindoria Himmelsmutter gefiel das Werk ihrer Geschwister und so schuf sie Tiere, die sich in der Luft bewegen konnten, wie Fische im Wasser. Große und kleine Tiere erschuf sie, alle mit Flügeln versehen.

      Ceron Feuervater aber befahl einigen Tieren, andere zu jagen und zu fressen. Denn er erkannte, dass sonst bald alle Pflanzen gefressen worden wären. Ceron der Zerstörer brachte so die Zerstörung in ein Gleichgewicht, damit sie nie vollständig sei.

      Doch schon bald starben die ganzen Tiere, denn es gab keine Zeit am Tag, da sie ruhen konnten. Denn immerzu war die Welt in Licht getaucht, sei es das heiße Licht der Sonne oder das kalte Licht des Mondes.
      Da wandten sich die Götter, die Kinder sind, an ihre Eltern und baten sie erneut um Hilfe. Palos sprach, dass die Sonne scheinen müsse, um den Pflanzen Licht zu geben und Cala sprach, dass die Tiere eine Zeit der Dunkelheit brauchten, um zu ruhen. So nahm Cala, die Herrin der Dunkelheit, ihrem Mond den größten Teil seiner Leuchtkraft und wenn er am Himmel schien, war es nahezu schwarz vor Dunkelheit. So entstand die Nacht, die ein Refugium Calas ist.

      Dies erfreute die Kinder von Palos und Cala, die Götter sind, und sie schufen neue Tiere, in noch verschiedeneren Formen und Farben und Größen. Die Tiere fraßen am Tage und schliefen in der Nacht. Ceron mit der gerechten Wut aber befahl einigen Tieren, bei Nacht zu jagen und bei Tage zu schlafen.

      Und so waren die Götter für einige Äonen zufrieden. Während sie stets gleich blieben, veränderte sich die Welt und alles Leben darauf in einem fort.
      Dem jüngsten Gott, dem kleinen Rivo aber, wurde dennoch langweilig. Denn er störte sich daran, dass die Pflanzen nicht zu ihm sprachen. Die Tiere sprachen zwar zu ihm, doch waren sie alle glücklich mit ihrem Schicksal, selbst wenn er eine Maus fragte, die in den Fängen einer Katze starb, war sie glücklich, denn sie erfüllte den Willen der Götter. Rivo aber, der die Gegensätze liebt, wollte Wesen haben, die anders waren. So sprach er, dass Freude von Trauer begleitet werden müsse, Wissen auch der Neugier bedurfte, Schuld und Unschuld wie Zwillinge seien und Wahrheit und Lüge zwei Seiten derselben Sache seien und deshalb schwer voneinander zu trennen. Geburt und Tod seien die Pfeiler des Lebens, zwischen denen es aufgespannt sei, doch kein Wesen fragte nach dem woher oder dem wohin.
      Die anderen Götter sahen ihn verwundert an, denn Rivo sprach gern in Rätseln und sie verstanden ihn nicht. Rivo aber konnte keine Wesen erschaffen, wie er sie sich wünschte, denn er war noch ein junger Gott und nicht mächtig genug.
      Nach vielen Äonen aber konnte er seine Eltern Hegaros und Tísaria schließlich überzeugen, ihm seinen Wunsch zu erfüllen.
      Diese hatten erst zugestimmt, nachdem Palos ein weiteres Urteil gefällt hatte. Denn Rivo verlangte nach Wesen, die göttliche Eigenschaften aufwiesen. Sie sollten denken, sprechen und fragen können, sie sollten Gegensätze in sich vereinen wie kein anderes Lebewesen und die Macht haben, die Welt zu verändern. Das erste Urteil von Palos aber hatte die Zahl der Götter für vollständig erklärt.
      Mit seinem dritten Urteil verkündete Palos der Richter nun, dass man solche Wesen erschaffen dürfe, denn sie seien nicht göttlich, da sie sterblich sein würden. Um ihnen das vollkommene Wissen über die Welt zu verwehren, verbot er den anderen Göttern, den neuen Wesen ihre Fragen zu beantworten. Damit beauftragte er allein Rivo, der als Bote der Götter die Fragen mit Rätseln zu erwidern hatte, die für die Wesen nur in Ansätzen zu begreifen seien. Schließlich verbot er, diesen Wesen die göttliche Sprache zu lehren, denn sie sei ein zu mächtiges Werkzeug in den Händen von Wesen, die nicht alle Antworten kannten.

      Dieses Urteil akzeptierten die Götter. Tísaria und Hegaros begannen nun mit der Erschaffung dieses komplizierten Wesens, um ihrem Sohn Rivo seinen Wunsch zu erfüllen. Wie Palos der Richter geurteilt hatte, durften sie sich dafür nicht vereinen, doch berieten sie sich bei ihrem Werk. Sie kamen überein, dass Tísaria die weiblichen Wesen erschaffen sollte und Hegaros die männlichen.
      Tísaria Menschenmutter erschuf die erste Frau und Hegaros Menschenvater den ersten Mann. Rivo nahm beide an den Händen und führte sie durch die Welt und zeigte ihnen deren Wunder. Die Menschen waren begeistert von der Welt und gemeinsam schufen sie sich eine Heimat. Sie vermehrten sich und gestalteten ihre Umgebung nach ihrem Willen, denn das göttliche Element in ihnen war stark.
      Ceron aber setzte ihnen Zorn und Angst ein. Der Zorn brachte sie dazu, einander zu bekämpfen und die Angst hemmte sie, die ganze Welt ihrem Willen zu unterwerfen. So entstand ein Gleichgewicht zwischen den Menschen und den anderen Lebewesen der Erde.

      So geschah es, dass die Menschen erschaffen wurden und Rivo war glücklich. Fortan waren sie seine Lieblinge und neben ihren Eltern Tísaria und Hegaros verehrten die Menschen besonders ihn als ihren göttlichen Bruder und als Boten an die anderen Götter. Besonderen Gefallen aber fand Rivo an den Kindern und an den Alten, denn er liebte die Gegensätze und die Rätsel. Denn die Kleinen fragten, woher und die Alten wohin. So verstrich das Dritte Zeitalter mit der Erschaffung des Lebens und es dauerte ebenfalls eine Neuniarde Jahre. Mit der Erschaffung der Menschen endeten die Drei Zeitalter der Schöpfung.


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      Zwischen den im weiten Rund aufgestellten Wagen herrscht ausgelassene Fröhlichkeit. Bunte Laternen werden hervorgeholt, Girlanden und Blumenkränze aufgehängt, Bierfässchen geschultert und Körbe voller Leckereien vor aufgedrehten Kindern in Sicherheit gebracht. Dem Mann, der gerade durchs achte Türchen in dieses bunte Treiben tritt, wirkt jedoch eher nachdenklich.





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      Hochzeit

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      „Heißt es nicht, dass eine Hochzeit aus Liebe das größte aller Geschenke ist?“ Carras schob den Vorhang aus Holz- und Tonperlen zur Seite und trat ein. „Und solltest du darum nicht den ganzen Tag singen und tanzen, weil dieser Segen deiner Tochter vergönnt ist?“
      „Sei mir willkommen, Spielmann“, antwortete Casymra, ohne von ihren Karten aufzusehen. „Kommst du als Kunde, weil du Fragen stellst?“
      „Ich stelle immer Fragen“, erinnerte Carras freundlich. Er zog sich einen Hocker heran und setzte sich, ohne auf eine Antwort zu warten. „Die Menschen reden gerne. Und in deinem und meinem Gewerbe ist es gut, möglichst viel zu über sie zu wissen.“
      „Damit sie dann später den Mund halten, und uns staunend zuhören.“ Casymra drehte eine weitere Karte um, betrachtete sie stirnrunzelnd und legte sie in ihr Muster. Carras beobachtete es und schwieg. Es war dunkel in Casymras Wagen, das Licht schattig und in der grauroten Farbe der Tücher, die die Fenster verhängten. Sie würde Lichter anzünden, wenn es dunkel war, um den Effekt noch geheimnisvoller zu machen, doch solange draußen die Sonne schien, sparte sie an Brennmaterial. Sie war eine kluge Frau.
      Sie war auch schön, noch immer, auch wenn es im Halbdunkel nicht zu sehen war. Die Schwarze Blume, so nannten sie sie, und zu recht. Casymras Haare waren schwarz wie Rabenflügel, ein nächtlicher Wasserfall, der wild über ihre Schultern fiel. Ihre Haut hatte eine warme, hellbraune Farbe, wie frischgebackenes Brot, doch weicher und glänzender. Wären ihre Augen groß und sanft wie die eines Rehes gewesen, die Männer hätten sich um sie geprügelt und für ihre Gunst gerötet. Doch das waren sie nicht. Sie waren dunkel, klar und scharf wie Juwelen. Casymra war auch eine starke Frau. Männer, die sich um sie prügelten, lachte sie aus.
      Ihre langen, schlanken Finger mischten die verbleibenden Karten, drehten eine weitere herum, und Carras zog die Flöte unter dem Hemd hervor und begann zu spielen. Eine sehr langsame, vertäumte Weise. Traurig vielleicht sogar, sehnsüchtig. Eine Melodie wie Mondlicht, die nicht zu dieser warmen Höhle passte. Ein Gegensatz, leicht und weit, nicht erdverbunden und geborgen. Klares Eis in der Wärme des Herds.
      „Warum bist du gekommen, Spielmann?“ wollte Casymra schließlich wissen. Ob sie alle ihre Karten gelegt hatte und fertig war, hätte Carras nicht sagen können. Auch nicht, ob sie die Antworten bekommen hatte, nach denen sie gesucht hatte. Vielleicht waren sie ausgeblieben, vielleicht gefielen sie ihr nur nicht. Aber sie hatte den Blick von den Bildern gelöst und sah ihn an, also beendete Carras seine Melodie.
      „Es gibt eine Hochzeit“, erinnerte er. „Ich spiele gerne auf Hochzeiten.“
      „Du hasst Hochzeiten. Du glaubst nicht an ewige Liebe.“
      „Aber alle andere tun es. Darum sind sie bereit, für Lieder darüber zu bezahlen. Oder auch nur für Tanzmusik.“
      Casymra runzelte die Stirn und Carras erwiderte es mit einem Lächeln. Sie waren beide auf der Straße zuhause, sie kannten das Leben dort. Hochzeiten waren gute Gelegenheiten, Geld zu verdienen, denn glückliche Menschen waren spendabel. Nur darum gefiel ihr seine Antwort nicht – es war keine Antwort. Er hatte nur gesagt, was sie ohnehin schon wusste. Beliebiges Gerede, mehr nicht. Er hatte die wahre Frage dahinter ignoriert.
      „Warum dann diese Hochzeit?“ forderte Casymra geradeheraus.
      Carras zuckte die Achseln.
      „Such dir eine andere.“
      „Du willst nicht, dass ich dabei bin?“ konterte Carras. „Sag es und ich gehe wieder.“
      „Wie soll ich das Malita erklären? Dass sie einen guten Spielmann für ihre Hochzeit hätte haben können und dass ihre Mutter ihn weggeschickt hat?“
      „Sie muss es nicht erfahren. Ich bin ihr noch nicht begegnet.“
      „Die Kinder haben dich gesehen. Das ganze Lager weiß es.“
      Carras musste ihr Recht geben. Die Kinder hatten ihn gesehen. Sie sahen ihn stets zuerst, denn Kinder liebten Geschichten noch mehr als Erwachsene. Ein Geschichtenerzähler und Sänger war ein Held für sie, und für ihn waren sie das beste Publikum, das er sich nur wünschen konnte. Carras mochte die Begeisterung, die ihm zur Begrüßung entgegenschlug. Und nur, weil er für sie gespielt hatte, hatte er Flöte nicht in seinem Gepäck. Ein Lied gegen einen Tanz, eine Bezahlung, die die Kinder nur zu gerne gegeben hatten. Ja, das ganze Lager wusste, dass er gekommen war. Auch Malita würde es wissen. Und auch sie würde sich freuen. Gar nicht so lange her, da war auch sie ihm entgegengelaufen, wenn er kam, und hatte um ein Lied gebettelt. Die Zeit verging so schnell…
      „Sie liebt ihn?“ wechselte Carras das Thema. „Und er liebt sie?“
      Casymra sah hinunter auf ihre Karten, als stünde dort die Antwort geschrieben. Eine Weile schwieg sie, dann zuckte sie die Achseln.
      „Es scheint so“, bestätigte sie dann.
      „Und doch freust du dich nicht über die Hochzeit.“
      Der Blick der dunklen Augen hob sich wieder, um seinem zu begegnen. Fest und ruhig. Vielleicht auch hart, aber das war schwer auszumachen im Halbdunkel.
      „Ich bin wie du“, sagte Casymra, und ihre Stimme hätte dazu gepasst, denn sie klang spröde. „Ich glaube nicht an ewige Liebe.“
      „Du hast dir gewünscht, sie wäre mehr wie du“, bestätigte Carras. „Das sie keinen Mann brauchen würde. Keinen wollen würde.“
      „Ich war immer glücklich ohne das.“
      „Sie ist nicht du.“
      Für einen Moment sah es aus, als wolle Casymra etwas Heftiges erwidern, dann überlegte sie es sich anders. Sie seufzte, strich sich mit beiden Händen die Flut schwarzer Locken zurück und begann, die Karten zusammenzuschieben.
      „Du hattest kein Recht, herzukommen“, sagte sie. „Sie ist nicht deine Tochter.“
      Carras lächelte, auch wenn ihm nicht danach zumute war.
      „Das hast du mir schon immer gesagt“, bestätigte er freundlich. Es klang sanft, kein bisschen verärgert oder verletzt. Ein Sänger und Geschichtenerzähler musste jede Nuance seiner Stimme beherrschen können, in jedem Moment. „Und ich habe nie Ansprüche an dich gestellt.“
      „Sie ist meine Tochter, niemandes sonst.“
      „So, wie du es dir gewünscht hast.“
      „Warum also bist du gekommen?“
      „Um Musik zu machen“, antwortete Carras wieder. „Um ein paar romantische Lieder zu singen.“
      „Um zu sehen, wie Malita ihren Schwur tut.“
      „Um zu sehen, was für einen Mann sie sich gewählt hat.“
      Casymra schnaubte, als könnte sie nicht gutheißen, dass egal welche Frau egal welchen Mann wählte. Wahrscheinlich war es sogar genau das. Sie war nicht damit einverstanden, dass ihre eigene Tochter das tat. Ihre eigene Tochter, die so viel stärker hätte sein müssen. Die sie so sorgfältig erzogen hatte, und die es dann trotzdem wagte, einen anderen Weg zu gehen.
      „Wirst du an der Feier teilnehmen?“ fragte Carras.
      „Natürlich.“
      „Wirst du gute Miene machen und so tun, als würdest du dich freuen?“
      Casymra schwieg einen Moment. Sie schien darüber nachzudenken, aber am Ende nickte sie.
      „Das werde ich.“
      Carras nickte. „Gut.“ Er steckte die Flöte wieder unter sein Hemd und stand auf. „Möchtest du, dass ich gehe?“ fragte er. „Mich von der Feier fernhalte?“
      „Malita würde mich umbringen.“
      „Ich nehme die Schuld auf mich. Ich gehe zu ihr, wünsche ihr alles Gute und dann bin ich wieder fort.“
      „Sie würde das nicht wollen.“
      „Ich habe nicht gefragt, was sie will“, erinnerte Carras. „Sondern, was du willst.“
      „Es spielt keine Rolle, was ich will.“ Auch Casymra stand auf. „Es ist ihr großer Tag, es zählt nur, dass sie glücklich ist.“
      Carras antwortete nichts darauf und für einen Moment standen sie einander gegenüber, den Tisch zwischen sich, und sahen einander an. Fest in die Augen des anderen wie ein Kräftemessen. Ein Erforschen der Gedanken… Es stimmte, Casymra hatte ihm immer gesagt, dass Malita nicht seine Tochter war. Ob es die Wahrheit war oder nicht, das würde er nie erfahren, und das war auch nicht von Bedeutung. Er sah sie viel zu selten, sie und ihre schöne, stolze Mutter, um Vaterstelle bei ihr zu übernehmen. Er hatte das auch nie gewollt. Malita war ein wildes, fröhliches Mädchen, dass die schwarzen Locken und das Feuer in den Augen ihrer Mutter geerbt hatte, das singen konnte wie ein Engel und das tanzte wie ein verführerischer Dämon. Carras war nicht hier, weil er glaubte, dass seine Anwesenheit auf ihrer Hochzeit Malita etwas bedeutete. Er war hier, weil er wusste, dass es für Casymra ein schwerer Tag sein würde. Um ihr beizustehen, als Freund.


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      Feedback zu den Adventskalendertexten könnt ihr HIER geben. Die Texte sind wie jedes Jahr zunächst anonym, damit ihr - wenn ihr wollt - Autoren raten könnt. Wenige Tage nach Weihnachten wird aufgelöst, welcher Text von wem stammt, dann können die Autoren dort im Thread gesammelt auf das Feedback antworten.

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      Ein nachdenklich murmelnder Gelehrter merkt gar nicht, dass er durch das neunte Türchen geht, so sehr ist er auf die brüchige, dicht beschriebene Wachstafel in seiner Hand konzentriert. In vergilbtes Leinen eingeschlagen warten noch viele weitere davon in einer Truhe seiner Bibliothek. Nicht wenige davon sind beschädigt oder müssen mühsam wieder zusammengesetzt werden. Doch nach und nach ergibt sich ein Bild von dem, was einst geschah…





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      Karmos Vermächtnis

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      Erster Tag meiner Reise, Aufbruch


      Liebe Eltern, liebe Geschwister,


      ich bereue es bereits, daß ich mich nicht persönlich verabschiedet habe. Doch wäre euer Unverständnis zu groß, eure Argumente zu
      gewichtig, als daß ich mich dem hätte stellen wollen. Nennt mich ruhig einen Feigling, das soll der Kriegerschule genügen, meine »Flucht« zu erklären. Doch wisset, daß ich keinesfalls weglaufe, einzig meine Verpflichtungen waren es, die mich überhaupt so lange hielten!

      Im Gegenteil, ich breche auf zu neuen Ufern. So will ich nicht nur unser eigenes Land bereisen. Zu lang wissen wir nichts vom Verbleib der Felida und Capra. Vielleicht können wir sie für unsere Sache gewinnen. Und wenn nicht, so wäre bereits der Handel mit ihnen für uns von Vorteil. Ich hoffe Wissen von ihnen zu erwerben, das uns helfen kann!

      So sprechen die Legenden von den wehrhaften Behausungen der Capra und den Heilmitteln der Felida. So lohnt es sich doch sicherlich ihre
      Kenntnisse zu unserem Schutz gegen die Wildnis anzuwenden. Alte Feindschaften und Vorurteile sollen mich nicht daran hindern es wenigstens zu versuchen.

      […]

      Sollte ich scheitern, so haben wir nichts verloren, außer meine bescheidene Anwesenheit auf unseren Mauern und Schutzwällen. Doch sollte
      ich mit neuen Verbündeten heimkehren, so wird sich dieses vergleichsweise kleine Opfer mehr als Auszahlen.


      Ich verbleibe mit den liebsten Grüßen,

      Euer Karmo!




      Siebenundachtzigster Tag
      meiner Reise, Die Grenze



      Liebe Eltern, liebe Geschwister,


      die Reise zur entfernten Grenze der Felida hat länger gedauert als gedacht. Einerseits hatte ich nicht damit gerechnet, daß die
      Kriegerschule nach mir suchen läßt und mich wie einen fahnenflüchtigen Soldaten behandelt. Seid gewiss: nichts liegt mehr ferner als die Sache der Lupino zu verraten.

      Mir geht es wieder gut. Abseits der Städte und Straßen habe ich nicht nur freundliche Gestalten getroffen. Eine davon verletzte mich
      schwer, doch konnte ich die Gefahr überwältigen und meine Verletzungen heilen. Bei meiner Rückkehr werde ich euch die Narben jener Begegnung zeigen können. Ich kann nur davor warnen die unbewohnten Gebiete allein zu durchstreifen. Unheimliche Kreaturen lauern dort, auch bereits in unserem Gebiet, weit entfernt von der Wildnis!

      In den nächsten Tagen erreiche ich das Gebiet der Felida. Ich bin aufgeregt, sehr sogar. Auch wenn dieser Ort hier mit ihnen ab und an
      Kontakt hat – stellt euch vor, sie tauschen bereits Medikamente und Lebensmittel – so weiß niemand ob je ein Lupino aufbrach, um ihr Gebiet zu bereisen.

      […]


      Euer Karmo




      Einhundertachtundneunzigster
      Tag meiner Reise, Das Felida-Dorf »Walthain«



      Liebe Eltern, liebe Geschwister,

      gerne hätte ich euch zügiger Neuigkeiten von meiner Reise überbracht. Doch sind die Felida nicht nur ein starkes sondern auch ein
      eigenwilliges und sogar Arrogantes Volk. Glücklicherweise konnte ich mich kürzlich mit einem von Ihnen anfreunden. Ihr Name ist »Sinofar« und sie hatte beim Jagen einen Unfall – glücklicherweise wurde ich ihrer Gewahr, sonst hätten sie die wilden Tiere jener Gegend womöglich als Nahrung verspeist.

      Auch wollte man mir zunächst die Weiterreise verbieten. Nach zähem Verhandeln und mit der Unterstützung Sinofars gelang es mir eine
      Bedingung für meine Weiterreise zu erfüllen: Ich mußte die Sprache der Felida lernen, so daß es mir gelänge mich mit jenen zu verständigen die mich sonst irrtümlich als Feind ansehen könnten. Unsere Sprache kennen sie offenbar nur im Grenzgebiet; woher sie diese gelernt haben, wollten sie mir nicht sagen. Ich habe den Eindruck sie nutzen sie um uns zu belauschen, konnte aber keine Beweise ermitteln.

      Sinofar ist vertrauenswürdig und ich werde ihr diesen Brief geben. Sobald ich weiter in das Landesinnere reise, wird sie ihn innerhalb
      unserer Grenzen einem Lupinoboten geben.

      […]

      Euer Karmo




      Zweitausendvierhundertachtundachtzigster
      Tag meiner Reise, Die Capra



      Liebe Eltern, liebe Geschwister,


      ich sorge mich um euren Verbleib. So habt ihr keinen einzigen meiner Briefe, die ich nunmehr nur noch monatlich schreibe, beantwortet.
      Liegt es daran, daß ihr mein Anliegen verachtet? Haben euch meine Nachrichten nicht erreicht? Oder erreichen mich eure Briefe nicht? Ich kann es nicht sagen; die Felida behaupten es ginge alles mit rechten Dingen zu und meine Briefe würden das Gebiet der Lupino erreichen. Es mangelt ihnen nicht an Überzeugungskraft, wohl aber an Vertrauenswürdigkeit – auch wenn sie mich gastfreundlich aufnahmen, so habe ich nur zu wenigen von ihnen so etwas wie Freundschaft aufbauen können.

      Wie ihr vielleicht wißt war nicht dies allein der Grund, daß ich so lange blieb. So konnte ich ihre Bauwerke, ihre Kultur geflissentlich
      studieren. Leider mißtrauen die Felida uns Lupino scheinbar mehr, als wir ihnen, weshalb ich meine Reise nun fortsetze. Heute schreibe ich Euch zum ersten Mal aus einer Stadt der Capra. Die Capra haben schon seit hunderten von tausenden von Mondläufen eine Handelsbeziehung mit den Felida. Man sieht auch hin und wieder einen von den Capra bei den Felida. Das gilt auch umgekehrt wie
      ich heute feststelle.

      Die Capra besitzen übrigens auch innerhalb ihres Gebietes eine straff organisierte Institution für die Übermittlung von Briefen. Die
      Felida verlassen sich wie wir auf Botendienste verschiedener Reisender. Daß jemand seine ganze Zeit nur Briefe von Ort zu Ort trägt, daß muß langweilig sein, doch sind diese hauptamtlichen Boten sehr respektiert. So bringen sie nicht nur frohe oder traurige Kunde, sondern gelten auch als zuverlässig und unbestechlich. Eine Eigenschaft welche andere Capra zu missen scheinen.

      […]

      Und nun zur schlechten Nachricht: Ich habe mich auf einen Handel mit ihnen eingelassen. So werde ich ihnen innerhalb der nächsten
      Mondläufe ausführlich Kunde über unsere Kultur vermitteln. Im Gegenzug erlauben sie mir in ihrer Hauptstadt zu leben und mich ungehindert zu bewegen. Allerdings werde ich mich immer in Gegenwart von einem der Ihren aufhalten müssen. Auch darf ich keine schriftlichen Aufzeichnungen von ihrem Leben machen – geschweige denn Briefe verschicken. Zu groß ist ihre Angst, ich würde Zauber
      auf Papier bannen, die ihnen Schaden könnten.

      Dies beruht wohl auf dem Wissen ihrer Runenmagier, vor denen sie höchsten Respekt haben. Diese Magier bannen Wissen auf Papier, welches richtig eingesetzt, Mauern verstärken oder einreißen können soll. Ich bin zwar skeptisch was dies betrifft, jedenfalls ist es mir verboten für die Dauer meines Aufenthaltes Kontakt mit euch zu halten. Da ungewiß ist, ob ihr meine Nachrichten überhaupt erhaltet, entschuldige ich mich für die Stille im Vorfeld.


      Bis bald!

      Euer Karmo




      Fünftausendneunhundertachtzigster
      Tag meiner Reise, Heimkehr



      Liebe Eltern, liebe Geschwister,


      dies wird meine letzte Nachricht sein. Die letzten Jahre habe ich nicht alleine in der Hauptstadt der Capra verbracht. So konnte ich die
      Kultur der Capra auch außerhalb ihrer Hauptstadt eingehend studieren.

      Rückblickend habe ich nicht das erreicht, was ich mir zum Ziel setzte. Immerhin habe ich umfangreiche schriftliche Aufzeichnungen meines
      Wissens angefertigt. Leider mußte ich dies während meiner Zeit bei den Capra im Heimlichen tun. Ihr wißt ja, die Capra hatten mir verboten zu Schreiben. Doch so unzuverlässig und bestechlich wie sie sind, habe ich Mittel und Wege gefunden, mich dieser Anordnung zu wiedersetzen.

      Nun habe ich mich vor kurzer Zeit mitsamt meinen Aufzeichnungen auf den Weg nach Hause begeben. Doch wie der Zufall so will, hat
      mich auf der Hälfte des Weges, kurz hinter der Grenze, bereits in der Heimat, das Glück verlassen. Eine Kreatur der Wildnis hatte sich in dieses Gebiet vorgewagt und mich hinterrücks überrascht. So konnte ich sie zwar überwältigen, doch gilt ihr Biß als tödlich und nicht heilbar. Ich habe noch wenige Stunden zu leben und habe die hier ansässigen Lupino bei ihrer Ehre gebeten, euch diese letzte Nachricht zu überbringen.

      Anbei übersende ich euch meine Aufzeichnungen, die ihr hoffentlich nicht nur interessant, sondern auch lehrreich finden werdet. Bitte leitet sie weiter und vermittelt anderen unseres Volkes mein Wissen, auf daß es uns allen nutze. Bitte nehmt auch den Kontakt zu unseren Nachbarn auf und bewirtet sie auf ihren Reisen ebenso gastlich wie sie mich während meiner Reisen aufgenommen haben. Solltet ihr meinen letzten Willen beherzigen, werde ich mit und durch eure Taten für immer bei euch sein.


      Lebt wohl,

      Euer Karmo


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      Eine steife Brise lässt Hemd und Hosen des Schiffsjungen heftig flattern. Er blickt sich um, genießt einen kurzen Moment lang die Aussicht und macht sich dann an den Abstieg. So konzentriert setzt er einen Handgriff nach dem anderen, dass er gar nicht merkt, wie er durchs zehnte Türchen mitten in die nächste Geschichte klettert…





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      Zorn der Götter

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      Glyfin kletterte am Besanmast herab zurück an Deck, während der starke Wind seine kurzen Haare zerzauste. Das Schiff hob und senkte sich im Rhythmus der Wellen, während der Bug der Dunkelheit entgegen strebte. Am Großmast kontrollierten noch immer einige Mannschaftsmitglieder den sicheren Halt der eingeholten Segel.
      Der erste Steuermann Ture Blaka blies in sein Horn und gab den Männern an der großen Winde Zeichen, dass sie das Rad auf Deck noch ein Stück drehen sollten, damit die seitlichen Tauchflossen am Mittelschiff so ihre Position veränderten, dass die Meeresströmung das Schiff wieder in die optimale Richtung trieb. Das Licht des großen Glühsteins vor dem Achterdeck erhellte der Crew die Umgebung, während verirrte Spritzer der Meeresgischt zischend auf dem Stein verdampften. Glyfin rieb sich die schmerzenden Hände, die von der Kletterei und dem eisigen Wind ganz verkrampft waren. Er fragte sich, ob er das irgendwann ebenso klaglos wegzustecken vermochte, wie die erfahrenen Seeleute hier an Bord.
      "Hey, Glyf! Komm her!", rief Ture gegen den steifen Wind.
      "Aye Herr", erwiderte Glyfin und kletterte geschwind die steile Stiege zum Achterdeck empor. Was wollte der Steuermann von ihm? Schließlich stand Glyfin als Schiffsjunge in der Mannschafts-Hierarchie ganz unten. Leicht schwankend gelangte er zu Blaka, der wie festgewachsen neben dem vertäuten Steuerrad stand, und mit seinen Augen dem Treiben auf Deck folgte. Ergeben wartete Glyfin ab, wann der graubärtige Steuermann sich ihm zuwenden würde. Doch obwohl alles normal wirkte, blickte Ture Blaka unverwandt Richtung Vorschiff. Glyfin fühlte sich zunehmend kleiner und unbedeutender neben dem alten Seebär. Doch er wagte es nicht ihn anzusprechen oder gar sich wieder davonzustehlen. Gerade als der Junge sich selbst ertappte, wie er von einem Fuß auf den Anderen tappte, bäumte sich das Schiff unter einer größeren Welle auf, worauf Glyfin das Gleichgewicht verlor. Entsetzt ruderte er mit den Armen und fürchtete über das Achterdeck geschleudert zu werden, als eine starke Hand sich blitzschnell um sein Handgelenk schloss und ihn vor dem Sturz bewahrte.
      Blaue Augen funkelten ihn unter buschigen Augenbrauen an. "Jung, wozu hast du eigentlich einen Kopf auf den Schultern? Lein dich gefälligst wieder an, wenn du vom Mast runter bist! Ich hab’ keine Lust deiner Mutter sagen zu müssen, dass du bereits auf deiner ersten großen Fahrt dem ew’gen Zorn der Götter zum Opfer gefallen bist."
      Verdattert schaute Glyfin zum Steuermann auf. Dieser ließ ihn los, nur um ihm augenblicklich einen Klaps auf den Hinterkopf zu geben. "Nu mach ma hinne, Jung!"
      Glyfin löste das um seine Taille gewundene Halteseil, und fädelte die schmale Öffnung seines knöchernen Hakens über eines der Laufseile an der Innenseite der Reling. Ture Blaka verfiel derweil wieder in Schweigen, überprüfte den Kurs anhand des Windweisers, und streckte prüfend einen Arm aus, um mit seinem Daumen die Entfernung zum Schwesterschiff abzuschätzen, dass sie schräg voraus begleitete. Der Leuchtstein des anderen Schiffs erhellte dessen Deck, das andernfalls im Schatten des Achterdecks gelegen hätte. Glyfin drehte sich nach Achtern, wo noch immer das Licht der lebensspendenden Göttin hinter den Wolken schimmerte. Das brachte ihn auf eine Idee. Glyfin nahm seinen Mut zusammen und wandte sich an Ture.
      "Herr?", fragte der Junge so leise, dass er bereits fürchtete, der Wind habe sein Wort fortgerissen. Doch der Steuermann wandte sich ihm mit einem Brummen zu. "Darf ich euch eine Frage stellen?", fuhr Glyfin fort. Ein erneutes Grummeln aus der Kehle des Graubärtigen sollte wohl dessen Art einer widerwilligen Zustimmung darstellen. Ermutigt schaute er zu dem älteren Mann auf. "Ich mache mir Sorgen, dass der brennende Blick der Göttin uns hier auf dem offenen Meer unerwartet treffen könnte. Wir haben hier keine Schilfrosen, die uns rechtzeitig warnen könnten. Zumindest habe ich bislang keine hier an Deck gefunden."
      Der Steuermann blickte ihn einen Augenblick ernst an, dann stahl sich ein Grinsen, halb-verborgen durch seinen struppigen Bart, auf sein Gesicht. "Jung, Jung, Jung. Du hast wirklich noch Erdkrumen hinter’m Ohr." Und wie zur Bekräftigung griff er mit seiner Rechten nach Glyfins Ohr, doch nur um leicht an dessen Ohrläppchen zu ziehen.
      "Natürlich wirst du an Bord keine Schilfrosen finden. Die wachsen nur im Schutz des Küstenschilfs und würden uns hier eingehen. Doch dafür haben wir Batoch."
      Als Glyfin ihn nur verständnislos mit seinen grünen Augen anblickte, legte ihm der Steuermann einen Arm über die Schulter und schob ihn zur Seite des Steuerrads. In einem Podest befand sich ein kleiner Bottich, der von einer fast transparenten Tierhaut überspannt wurde.
      "Batoch ist ein Fisch?", fragte Glyfin verdutzt. "Ich dachte der Fisch sei ein Glücksbringer."
      "Aye, das isser auch, Jung. Doch der gute alte Batoch ist nicht irgendein Fisch, sondern ein Desna. Du kennst solche Fische vermutlich nur entgrätet auf deinem Essensteller, da ihre Art nahe der Küste lebt. Doch diese Geschöpfe erahnen die ersten Anzeichen des brennenden Blicks, genauso wie die Schilfrosen. Und damit sie nicht sterben, verstecken sich diese schlauen Tiere vor dem Auge der Göttin in den dunklen Tiefen des Meeres." Ture klopfte gegen den oberen Rand des Bottichs, worauf der Desna aufgeschreckt zu kreisen begann. "Wenn also die Göttin in ihrem blinden Zorn versehentlich auf uns runter schaut, will unser Batoch abtauchen. Doch das klappt natürlich nicht in seinem Eimer. Dann versucht er rauszuhüpfen, in dem verzweifelten Versuch doch noch in tieferes Wasser zu entkommen. Sein Trommeln gegen die dünne Tierhaut des Bottichs warnt uns. Dann schallt der allseits gefürchtete Ruf 'Zornblick!' über das Deck, der alle Mannen runter in die Vorratskammer rennen lässt."
      "Aber das Schiff besteht doch nur aus Holz." Eine Grübelfalte zeichnete sich auf Glyfins jugendlicher Stirn ab. "Wie vermag es uns da zu schützen? Unsere Dorfälteste Flektra pflegt stets zu sagen, dass man mindestens eine halbe Mannslänge Erde auf der Hütte brauche, um darin sicher zu sein."
      "Schon recht, junger Glyfin", erwiderte Thure nickend. "Doch Wasser hilft mindestens genau so gut. Und nun weißt du auch, weshalb du Tag für Tag das Wasser für den Smutje von einem Deck höher herunterholen musst." Der Steuermann zwinkerte ihm zu. "Aus einem Lagerraum direkt oberhalb der Vorratskammer."
      Glyfins Gesicht erhellten sich. "Dann taucht die Mannschaft also genau so ab, wie die Fische des Meeres. Aber ..." Der Junge zögerte. "Doch wer steuert das Schiff, wenn alle abtauchen?"
      "Sollten die Tauchflossen, wie jetzt gerade, im Wasser sein, so kappen die Männer an der Winde die Halteseile, die die Flossen in der Senkrechten halten. So treiben die Flügel hoch und bieten der Strömung keinen Widerstand mehr. Und der Späher vorne am Bug setzt das Treibsegel. Es ist gerade groß genug um das Schiff vor Ort zu halten. Je nachdem, wie der Wind des dunklen Gottes weht, mag sich unsere Balkatéru auch ein wenig Richtung Anwas oder Korwin bewegen. Zornblicke der Göttin gibt es nur alle paar Jahre und dauern selten länger als einen Tageszyklus. Zuletzt geschah das voriges Jahr, also recht unwahrscheinlich das es auf dieser Fahrt erneut passiert."
      So unterhielten sich die Zwei noch eine Weile, bis einige Lichter unter den Wellen aufglommen. Vom Bugausguck erscholl der Ruf "Sulunati!", worauf Glyfin und einige weitere Matrosen auf Freiwache sich aufgeregt über die Reling beugten, um das seltene Schauspiel zu beäugen. Einige Minuten brachten die Sulunati mit ihrem irisierenden Lichterspiel Abwechslung in den Schiffsalltag, dann tauchten sie wieder in größere Tiefe ab. Zumindest vermutete das Glyfin, da ihr Leuchten verblasste.
      Einer der Seeleute knuffte Glyfin in die Seite. "Hast du dir wenigstens etwas gewünscht?"
      "Warum?"
      Der Seemann verdrehte die Augen. "Sulunati sind Glücksbringer. Sie steigen nur gelegentlich im Winter so dicht unter den Wellen auf. Und dann sollte man sich etwas wünschen."
      "Gut, dann wünsche ich mir ...", Glyfin überlegte kurz, "das meine erste Fahrt ein richtiges Abenteuer wird." Verdutzt musterte er den Matrosen, als dieser ein raues Lachen ausstieß.
      "Du solltest lieber vorsichtig mit deinen Wünschen sein, Glyf. Sie könnten hier auf dem Meer schneller in Erfüllung gehen, als dir lieb ist", erwiderte der Mann mit einem Augenzwinkern. "Vor allem da ich weiß, dass der Smutje dich schon seit geraumer Zeit sucht. Und der kann zweifelsohne furchteinflößender werden, als unser guter Käpt’n Agarmon."
      Glyfins Augen wurden groß und starrten den Matrosen entsetzt an. Dann rannte er von einem Moment auf den anderen los, als wenn ihm der dunkle Gott höchstpersönlich im Nacken säße. Doch das grölende Gelächter der Seeleute schallte noch lange über das Deck der Balkatéru.


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      Konzentrierte Stille herrscht auf der anderen Seite des elften Türchens. Gemessenen Schrittes bewegt sich ein älterer Mann durch die Bankreihen. Mit der Gelassenheit langjähriger Übung behält er die kleinen Rabauken im Blick, die eifrig ihre Schriftzeichen üben. Als er wieder an seinem Pult angelangt, weiss er, wen er nach vorne rufen muss…





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      Arrest

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      (Sommer 1826 a.u.c., St. Katavio, Perhenien)

      Der Lehrer schickte die Buben der ersten Klasse, deren Schreibübungen er gerade kontrolliert hatte, zurück an ihre Plätze. Dann legte er seinen Stock auf das Pult und erhob sich. Sofort schossen 50 Kinder in die Höhe, den Blick respektvoll gesenkt, doch es lag freudige Erwartung in der Luft. Noch einmal ließ er den Blick über die 50 Schöpfe schweifen, die Mädchen auf der linken Seite, die Buben auf der rechten, dann ging er mit resoluten Schritten zur Tür. Kaum hatte sie sich geschlossen, als alle Blicke zum ältesten unter ihnen gingen, der ganz vorne in der ersten Bank saß. Er stand auf, ging ebenfalls zur Tür, öffnete sie einen Spalt und spähte hinaus. Noch einige Minuten, dann war es soweit. "Pause!" Sofort brachen alle Dämme. Lachend und schubsend drängten sich die Buben nach draußen, kichernd und bei ihren Freundinnen untergehakt die Mädchen.
      Die Schule von St. Katavio befand sich auf einem der ursprünglichen Bauplätze aus der Zeit der Stadtgründung, direkt am Markt. Vorne, zum Platz hin stand das Haus des Lehrers, in dem er soeben verschwunden war, um sich an den gedeckten Tisch zu setzen. Ganz am hinteren Ende, angrenzend an die ursprüngliche Stadtmauer war das Schulhaus. Die Stadt war gewachsen seit den Anfängen, und so wurde dieser Teil der Mauer schon lange nicht mehr bewacht. Neue, vorgelagerte Mauern hatten diese Aufgaben übernommen. Doch die Mauer war noch da, und neben dem Schulhaus führte eine schmale Treppe hinauf. Dort oben war der Platz der Buben und Mädchen der obersten Klasse und wehe, einer der kleinen ließ sich dort blicken.
      Für die restlichen Kinder blieb der Pausenhof: ein Rechteck dessen Erdboden von Generationen an Schulkindern hart wie Stein getreten worden war. Auf den beiden Schmalseiten von den genannten Gebäuden begrenzt, war er an den Längsseiten durch Bretterzäune von den Nachbargrundstücken getrennt. Ein kleiner Schuppen stand noch hier, nicht viel mehr als zwei Wände und ein Dach, und in einem Eck die Latrine. Einige alte Fässer und Kisten boten zusätzliche Sitzplätze und bald hatten sich überall größere und kleinere Grüppchen gebildet. Mädchen und Buben waren größtenteils getrennt, ansonsten schienen sich die Kinder hauptsächlich nach Alter zusammengefunden zu haben. Nur eine Gruppe war anders. Sie war direkt am Schulhaus geblieben. Einige saßen auf der Türschwelle, der Rest lehnte an der Wand davor. Mädchen, Buben, alle Altersstufen gemischt. Sie hatten sich diesen Platz nicht ausgesucht. Die meisten Einwohner St. Katavios sprachen belidisch, egal welchen Dialektes. Auch ein paar Naskyren gab es. Diese Kinder hier aber waren Salveszener, und auch wenn die meisten von ihnen mittlerweile flüssig belidisch sprachen, gehörten sie nicht dazu. Dabei war es weniger ihre Muttersprache, die ihnen die Verachtung der anderen einbrachte, sondern vor allem ihre Armut. Eine Armut, die sie schon in ihrem Heimatland gequält hatte, und die sie auch in diesem neuen Land nicht abschütteln konnten. Ihre Väter waren keine respektierten Handwerker, Kaufleute oder Gastwirte, sondern allenfalls Tagelöhner oder Knechte. Egal, wenn ihre Altersgenossen sie nicht dabei haben wollten, dann blieben sie eben unter sich. Dann störte sich schon niemand daran, wenn sie sich in ihrer Muttersprache unterhielten, was eigentlich in der Schule streng verboten war. Einer der Burschen, ein Junge von vielleicht elf Jahren mit feuerroten Haaren, sprach gerade mit einem der Mädchen. Wie so oft hatte er nichts zu Essen von zu Hause mitbekommen, und sie machte sich daran, ihren Apfel mit ihm zu teilen.
      "Vorsicht!" gellte auf einmal ein Warnruf über den Hof. Zu Tode erschrocken ließ sie den Apfel fallen und auch der Rothaarige, Bewin, fuhr herum.
      "Vorsicht, du verbrennst dich!" Ein dunkelhaariger Junge im gleichen Alter näherte sich mit gespielter Betroffenheit. "Ach nein, das bist ja nur du, Bewin. Ich hab dich für eine Fackel gehalten. Deine Haare, weißt du...." Seine Spießgesellen hinter ihm grinsten, aber Rafalo, so hieß sein Peiniger, war noch nicht fertig. "Das ist sicher sehr praktisch mit den Haaren. Dann braucht man schon keine Lampe. Du musst sicher immer daneben stehen, wenn deine Mutter etwas nähen will."
      Bewin zuckte mit den Achseln. "Wenigstens muss ich nicht selbst nähen. Nicht so wie du, Hausmütterchen."
      Das Wort hörte Rafalo gar nicht gerne. Drohend baute er sich vor Bewin auf. "Was soll das heißen?"
      "Ach, nichts..." Jetzt war es an Bewin zu grinsen, und das Mädchen neben ihm kicherte. "Du kümmerst dich einfach rührend um deine Geschwister. Sie sind immer so sauber und adrett. Da wirst du sicher mal einen guten Ehemann finden..."
      "Nimm das sofort zurück, sonst..."
      "Sonst was?"
      "Sonst das!" Mit einem Schrei stürzte sich Rafalo auf Bewin und sofort begann eine wüste Rauferei. Ihre Kameraden standen um sie herum und feuerten sie lauthals an, und so merkte keiner, dass Gefahr im Verzug war.
      "Auseinander!" Das vielgeübte Donnern des Schulmeisters durchdrang mühelos das Geschrei. Augenblicklick kehrte Ruhe ein. Betreten gaben die anderen Kinder den Blick auf die beiden Kontrahenten frei, die nun ziemlich kleinlaut und ziemlich dreckig am Boden saßen. Wenn er beim Mittagessen gestört wurde, verstand der Lehrer gar keinen Spaß.
      "Elende Saububen! Was fällt euch ein? Ab mit euch ins Schulhaus und in die Ecke."
      Ohne ein Wort verzogen sich die beiden Streithähne. Die ganze Nachmittagsstunde mußten sie da knien bleiben. Das Gesicht zur Wand gedreht und ohne sich zu rühren. Sie waren mucksmäuschenstill, um den Lehrer ja nicht noch mehr zu erzürnen.
      Endlich läutete es zum Schulende. Während ihre Freunde schon den Raum verließen, erhoben sich die beiden mit steifen Gliedern. Aber an der Tür wartete der Lehrer auf sie.
      "Das könnte euch so passen! Jetzt mit euren Freunden durch die Gassen stromern und wer weiß was anstellen! Nein, nein, nein. Ihr bleibt hier. Das schmerzt euch mehr als die Rute." Mit diesen Worten ließ er sie stehen, ging hinaus und schloss die Tür hinter sich ab. "Zum Abendleuten hol ich euch raus." drang es noch durch die dicken Bohlen, dann war Ruhe.
      Die beiden Buben sahen sich nicht an, sprachen kein Wort miteinander. Als erstes suchte sich Rafalo einen Sitzplatz, danach Bewin - möglichst am anderen Ende des Raumes. Mit dem Erzfeind reden? Niemals! Aber nur so da zu sitzen war langweilig und bald stand Bewin wieder auf, und schlenderte durch den Raum. Rafalo beobachtete ihn stumm. An dem hohen, schmalen Fenster neben der Tür blieb der Rotschopf schließlich stehen. Das Fenster war so hoch oben, dass er sich auf Zehenspitzen stellen musste, um einen Blick nach draußen werfen zu können. Zuerst schaute er auf den Hof, aber dann schien er etwas neben der Tür entdeckt zu haben, was seine Aufmerksamkeit fesselte, allerdings war es nicht leicht zu sehen. Er verrenkte sich ganz schön, und versuchte es schließlich sogar mit Hochspringen.
      Irgendwann konnte Rafalo seine Klappe nicht mehr halten. "Mann, hör endlich auf. Ja, da hängt der Schlüssel neben der Tür. Der hängt immer da!"
      "Wenn man nur an ihn rankäme..."
      Rafalo verzog verächtlich das Gesicht. "Das schaffst du nicht. Das hat noch keiner geschafft. Meinst du, ich bin das erste Mal hier eingesperrt?"
      Bewin sprang noch einmal und zog sich mit den Händen am Sims hoch. Endlich gelang es ihm, einen guten Blick auf das Objekt seiner Sehnsucht zu werfen. Aber schon rutschten seine Hände ab. Der Sims war einfach zu schmal. Doch statt nun enttäuscht aufzugeben, winkte er Rafalo grinsend zu sich her.
      Der verschränkte nur die Arme.
      Aber Bewin gab nicht auf. "Jetzt komm schon!"
      "Warum sollte ich zu dir kommen, Feuerschopf?"
      Bewin verdrehte die Augen. "Mann, willst du hier raus oder nicht? Zusammen können wir es schaffen. Jetzt mach!"
      Rafalo erhob sich unsicher. Natürlich wollte er hier raus. Aber mit Bewin hatte er sich noch nie verstanden. Vielleicht war das ja irgendeine ganz perfide Schikane? Langsam ging er nach vorne zur Tür.
      Bewin musterte ihn prüfend. "Ich glaube, ich bin schlanker. Komm, mach mal eine Räuberleiter und lass mich auf deine Schultern klettern."
      Rafalo wusste immer noch nicht, ob er dem anderen trauen sollte. Aber er wollte wirklich sehr, sehr gerne hier raus. Schließlich zuckte er die Schultern. "Wenn das irgendein mieser Trick ist, wirst du es bereuen!" drohte er, aber dann lehnte er sich doch an die Wand und verschränkte die Hände.
      "Kein Trick!" murmelte Bewin und kletterte geschickt hinauf.
      Was er dann tat, konnte Rafalo nicht so wirklich sehen. Er drehte und wand sich wie ein Regenwurm, der sich nicht einbuddeln kann. "Was treibst du da?" zischte Rafalo ärgerlich. "Das tut weh!"
      Endlich sprang Bewin wieder auf den Boden. Zerknirrscht meinte er: "Du hast Recht, da kommt man nicht hin."
      "Hab ich doch..."
      "Da kommt man allein nicht hin." unterbrach ihn Bewin triumphierend. Dann öffnete er die linke Hand, in der klein und messingglänzend der Schlüssel zur Freiheit lag.
      Rafalo hatte es die Sprache verschlagen. Vollkommen perplex stand er nur da und glotzte, bis ihn Bewin anstupste. "Was ist? Hauen wir jetzt ab?"
      Vorsichtig schlossen sie die Tür auf und spähten hinaus auf den Hof. Nichts zu sehen. Dann huschten sie die Treppe neben dem Schulhaus hinauf auf die alte Stadtmauer. Sie rannten darauf entlang, bis sie vom Lehrershaus aus nicht mehr zu sehen waren. Nur gut, dass auf dieser Mauer keine Wachen mehr postiert waren. Schließlich blieben sie lachend stehen.
      "Und jetzt? Was machen wir jetzt?" fragte Rafalo übermütig. "Komm, lass uns zum Schwertmarkt gehen, da sind die anderen sicher schon alle. Ich hab gehört, gestern sei eine Gruppe mit zwanzig Söldnern gekommen..."
      Bewin schüttelte den Kopf. "Das ist keine gute Idee. Wenn uns jemand erkennt, erfährt es früher oder später auch der Lehrer und dann ist die Hölle los."
      "Hm, stimmt." Rafalo war ein wenig geknickt. Er hatte sich wirklich darauf gefreut, diese verwegenen Gestalten anzuschauen - natürlich aus sicherer Entfernung. "Was machen wir dann?" Er überlegte. "Ich weiß was! Komm, wir gehen runter zum Fluss!"
      Damit war Bewin einverstanden. Sie kletterten an der Mauer hinab in die Vorstand, wo sie durch das Gewirr der Gassen und Schleichwege vielleicht unbeobachtet zum Tor kommen konnten. Und tatsächlich gelang es ihnen, ohne von irgendjemand erkannt zu werden.
      Bald hatten sie das Flussufer erreicht. Zur Stadt hin waren sie nun von dichten Hecken, fast einem kleinen Wald vor allen neugierigen Blicken geschützt. Beim letzten Hochwasser hatte der Perheno hier ein frisches Steilufer entstehen lassen. Nun wälzte er sich gut drei Klafter unter ihnen dahin, auf den ersten Blick träge und doch von unerbittlicher Kraft. Fröhlich kletterten sie daran entlang, bis Bewin auf einmal etwas erspähte. "Da, da ist gerade ein Eisvogel reingeflogen." rief er aufgeregt. "Er muss da unten sein Nest haben. Komm, so eines hab ich noch nie gesehen." Er legte sich auf den Bauch und wollte nach dem Höhleneingang greifen, doch sein Arm war zu kurz. Ungeduldig rutschte er weiter vor.
      "Vorsicht!" wollte ihn Rafalo gerade warnen, aber in dem Moment brach die Kante weg und Bewin rutschte zusammen mit einem Haufen Dreck hinab ins Wasser. Mit einem entsetzen Schrei ging er unter. Kurz danach kam er wieder hoch - etliche Schritt flußabwärts. Die Strömung war viel zu stark für einen Schwimmer. Rafalo begann, neben dem Fluss herzurennen, er sprang über Äste und stürmte durch Dornenranken, es war ihm egal. Fieberhaft überlegte er, wie er dem Freund helfen konnte. Dann endlich senkte sich das Ufer hinab zum Fluss. "Schwimm gegen den Strom!" brüllte er und sprintete voraus. Mit der Kraft der Verzweiflung riss er einen langen geraden Ast von einem Haselbusch und watete hinaus ins Wasser, so weit, dass ihn die Strömung fast auch schon von den Beinen zog. Gerade noch rechtzeitig. Bewin gelang es den Ast zu fassen und dann waren endlich beide wieder am Ufer. Klatschnass, aber am Leben!
      "Puh, das war knapp." sagte Bewin, als er endlich wieder zu Atem kam. "Danke!"
      "Ach Quatsch!" wehrte Rafalo ab. "War doch klar!" Dann musterte er sich und Bewin. Beide waren völlig schlammverschmiert. "Ich glaube, wir waschen unsere Sachen besser."
      Bewin musste lachen. "Au ja! Stell dir mal vor, wir würden so in die Stadt zurückkommen. Die halten uns ja glatt für Erdhauser."
      Rafalo stimmt ein. "Dann verpetzen sie uns wenigstens nicht beim Lehrer!"
      Sie blödelten noch einige Zeit herum, aber dann suchten sie sich doch einen Gumpen am Flussufer, wo das Wasser nicht so schnell strömte, wuschen ihre Kleider und schwammen ein wenig. Schließlich breiteten sie ihre Sachen auf einer kleinen Wiese zum Trocknen aus, und legten sich der Einfachheit halber gleich daneben. Einige Zeit dösten sie einfach in der Sonne und jeder hing seinen eigenen Gedanken nach.
      "Es tut mir leid, was ich heute mittag gesagt habe." sagte Bewin auf einmal leise. "Das mit deinen Geschwistern und so, und dass du dich um sie kümmerst."
      Rafalo drehte sich auf den Bauch und sah Bewin einen Moment lang stumm an. "Lass es gut sein! Schließlich hab ich dich provoziert."
      "Nein, das war nicht richtig." Bewin wich seinem Blick aus. "Weißt du, vielleicht hab ich das ja auch gesagt, weil ich so gerne einen Bruder hier hätte."
      "Du hast keine Geschwister, oder?" Egal was für Gräben sich durch die Schülerschaft zogen, einige grundlegenden Informationen über die Kameraden hatte jeder. Umso erstaunter war Rafalo, als Bewin nach einem langen Schweigen plötzlich nickte.
      "Doch, ich hab Geschwister."
      "Aber ich hab noch nie was von ihnen gehört."
      Bewin nickte traurig. "Mein großer Bruder ist bei meinem Großvater auf Arlin geblieben. Er wollte nicht mit uns fliehen. Und meine Schwester..." Er konnte nicht weitersprechen.
      Auf einmal sah Rafalo, dass Bewin Tränen übers Gesicht liefen. Er wußte nicht, was er tun sollte. Schließlich kroch er ganz dicht an ihn heran und legte den Arm um ihn. "Was ist mit deiner Schwester?" flüsterte er. "Aber nur, wenn du darüber reden willst..."
      Bewin vergrub das Gesicht in den Armen, aber dann fing er doch plötzlich an zu erzählen: "Sie war vier Jahre jünger als ich. Vorletzten Winter ist sie gestorben: an Krankheit, am Hunger... wer weiß das schon."
      "Oh." Hilflos streichelte Rafalo dem Freund den Rücken.
      "Es hat meinem Vater das Rückgrat gebrochen. Er ist mit meinem Mutter und mir hierher geflohen. Hat gesagt, er will, dass wenigstens eines seiner Kinder überlebt. Aber er hat es sich nie vergeben, dass er aufgegeben hat. Weißt du, bevor die Belider Arlin besetzt haben, hat meine Familie zu den mächtigsten des Landes gehört. Jetzt haben wir nichtmal mehr genug Land, um über den Winter zu kommen."
      Rafalo zog seine Hand zurück, als hätte er sich verbrannt. "Du musst mich hassen..." murmelte er beschämt.
      "Was?" Bewin hob verwundert den Kopf. "Warum denn? Weil du mich verspottet hast?"
      "Weil ich auch ein Belider bin. So wie die Leute, die deiner Familie alles weggenommen haben."
      "Aber dafür kannst du doch nichts!"
      "Meinst du das ernst?" Rafalo sah Bewin voller Hoffnung an. "Meinst du, ich könnte trotzdem dein Freund sein?"
      Bewin drückte sich abrupt hoch und kniete sich vor Rafalo hin. Der tat es ihm Augenblicke später gleich. Feierlich nahmen sie sich bei den Händen.
      Bewin machte den Anfang: "Mögen die Götter meinen Schwur bezeigen: von heute an bin ich dein Freund."
      Rafalo nickte eifrig. "Mögen die Götter meinen Schwur bezeigen: von heute an bin ich dein Freund - dein allerbester Freund!"
      "Ja, dein allerbester!" Bewin strahlte.
      Auf einmal sah Bewin erschrocken zum Himmel auf. "Au weia, es ist schon ganz schön spät. Wir müssen uns beeilen, wenn wir noch rechtzeitig in der Schule sein wollen."
      Rafalo winkte ab. "Was soll's. Dann findet er eben ein leeres Klassenzimmer. Der wird schön blöd schauen!"
      Bewin grinste. "Ach, und du hast ab jetzt vor, ein Musterschüler zu werden?"
      "Häh? Wieso das denn?"
      "Na überleg doch mal! Wenn wir nicht da sind, wird er solange rummachen, bis er rausgekriegt hat, wie wir es gemacht haben, und dann hängt der Schlüssel in Zukunft nicht mehr da."
      Rafalo begriff sofort. "Aber wenn wir jetzt ganz brav dort sitzen, können wir das nächste Mal genauso abhauen."
      Bewin nickte. "Wir müssten halt nur zusammen eingesperrt werden. Du weißt doch, allein geht es nicht."
      "Ich glaube, das lässt sich machen!" Rafalo zwinkerte ihm zu. "Dann jetzt aber schnell!"
      In Windeseile schlüpften sie in ihre Kleider und rannten zurück zur Stadt. Kurz bevor sie das Tor erreichten, hielten sie noch einmal inne, um zu Atem zu kommen.
      "Sag mal, Bewin..." meinte Rafalo auf einmal.
      "Mm?" Bewin beobachtete das Tor, um den besten Moment abzupassen.
      "Wenn du dir so sehr einen Bruder wünschst..." Er zögerte. "... vielleicht könnte ich ja dein Bruder sein?"
      Da drehte sein Freund sich zu ihm herum und umarmte ihn. "Ich könnte mir keinen besseren wünschen!"


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      Feedback zu den Adventskalendertexten könnt ihr HIER geben. Die Texte sind wie jedes Jahr zunächst anonym, damit ihr - wenn ihr wollt - Autoren raten könnt. Wenige Tage nach Weihnachten wird aufgelöst, welcher Text von wem stammt, dann können die Autoren dort im Thread gesammelt auf das Feedback antworten.

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      Wer will, kann durch das zwölfte Türchen in diese Geschichte hineingelangen. Es ist möglich, wenn auch nicht besonders schwierig. Dabei hilft es selbstverständlich, wenn Tag und Monat dieselbe Zahl zeigen, was, wie der geneigte Wanderer bemerken wird, bereits in weiser Voraussicht so arrangiert wurde. Der richtige Weg ist auf der entleihbaren fünfdimensionalen Landkarte beschrieben, die sich aufgrund des multidimensionalen Paradoxons gelegentlich außer Reichweite der Reisenden befindet. Wer schneller ans Ziel will, sollte einfach diesem Spaziergänger dort folgen…





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      Mit Palmen und Trompeten

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      Mein Haus war in einem schlimmeren Zustand, als ich erwartet hatte. Die Möbel in meinem Wohnzimmer befanden sich zueinander in völlig unakzeptablen Winkeln, die mein ästhetisches Gefühl tief beleidigten. Ich rückte behelfsmäßig einige Stühle herum, bis ich das Gefühl hatte, wieder normal atmen zu können, dann stieg ich die Treppe in meine Schlafkammer hoch. Zumindest hier war alles in Ordnung, die Ecken waren in einem gerade richtigen Ausmaß staubig, und das Muster der am Boden verteilten Kleidungsstücke fügte sich zu einem harmonischen Ganzen zusammen, das ich für einige Momente bewunderte, ehe ich mich wieder an den Abstieg machte.
      Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich zuletzt hier gewesen war. Das war nicht ungewöhnlich – so ging es mir fast jedes Mal, wenn ich starb – doch hatte ich diesmal das beunruhigende Gefühl, dass ich es wissen sollte. Diese Ahnung bestätigte sich, als ich am Tisch einen Brief fand, adressiert an Namenloser Ich-Erzähler, Lonesome Road 2/3. Ich öffnete ihn und fand ihn sorgfältig in meiner eigenen Handschrift geschrieben. Okay, das war nun etwas ungewöhnlich; normalerweise hatte ich mir selbst nicht so viel zu sagen; meist schwieg ich mich monatelang nur an. Was war geschehen?

      Lieber Namenloser Ich-Erzähler,
      ich schreibe mir, um eine wesentliche Information zu übermitteln, die von entscheidender Bedeutung sein könnte, um den anhaltenden Konflikt mit unserem Nachbar auf eine neue Ebene zu bringen. Durch eine Informationsquelle, die ich hier leider nicht nennen darf, ist mir die genaue Position der Palme gegeben worden, wo sie ursprünglich, am Anbeginn der Zeit, vom Nachbar eingepflanzt worden ist. Die Koordinaten dieser Position sind in öktigissischen Antimetern angegeben, da ich diese Einheit unter den gegebenen Umständen für die Umrechnungssicherste halte, und natürlich auch, weil sie eventuelle Raumzeitfluktuationen, die von unserem Nachbar ja schon so oft ins Feld geführt wurden, gleich mitzuberücksichtigen in der Lage ist. Ich möchte diesen Brief nun grußlos mit den Koordinaten enden:


      Nach diesen Worten zog sich ein Riss durch das Papier. Die Koordinaten fehlten. Das fand ich schade, nicht nur, weil ich öktigissische Antimeter für eine fabelhafte Art hielt, räumliche Positionen anzugeben, sondern natürlich auch, weil der Hauptzweck des Briefes damit unerfüllt verblieb. Offenbar hatte mein Nachbar Wind von dieser Nachricht bekommen, und hatte den Rest des Briefes abgerissen.
      Ich sollte dem geneigten Leser vielleicht erklären, was es mit der erwähnten Palme auf sich hat. Also gut: Zwischen meinem Haus und dem des Nachbarn befindet sich ein Innenhof, was eigentlich unmöglich sein sollte, da die Häuser nicht direkt angrenzen, es somit ein Außenhof sein müsste, aber die spezielle Raumbiegung an unseren Häusern ermöglicht es, dass es sich um einen Innenhof handelt – zumindest nach außen hin. Um die Grenze unserer jeweiligen Grundstücke, die durch diesen Hof verläuft, zu markieren, hatte mein Nachbar einst eine Palme gepflanzt.

      Ich trat hinaus in den Hof, um die aktuelle Situation in Augenschein zu nehmen. Ohne einen Kompass, der den Eigenheiten der zweiundzwanzig Himmelsrichtungen von Deep Night gewachsen war, war es mir natürlich nicht einmal möglich, zu sagen, ob es sich bei der Form des Hofes um ein Rechteck handelte. Die Palme jedoch war gut zu sehen, und es war für meine Begriffe überdeutlich, dass sie sich nicht in der Mitte befand, sondern beinahe vor meiner Tür. Wie zu erwarten hatte mein Nachbar sie also wieder umgepflanzt.
      Ohne Koordinatenangabe konnte ich natürlich wenig dagegen tun, dennoch beschloss ich, meinen Nachbar damit zu konfrontieren, damit er sich zumindest nicht in falscher Sicherheit wiegte (sondern, wie es somit wohl sein würde, in richtiger), und damit ich mich nicht für den Rest des Tages in ohnmächtiger Wut in eine Ecke meines Hauses setzen würde müssen. Ich klopfte also an die Tür des Nachbarhauses.
      „Hallo?“, klang die Stimme der Nachbarin, die die Tür öffnete.
      „Ich möchte mit Ihrem Mann sprechen.“
      „Er ist gerade nicht zuhause. Wenn Sie mich bitte entschuldigen, ich muss sofort zurück ins Labor.“
      Sie schloss die Tür. Ich wartete ein paar Sekunden, und hörte schließlich einen zufriedenstellenden Knall aus dem hinteren Teil des Hauses. Die Frau des Nachbars war eine leidenschaftliche Chemikerin, und wiewohl diese Eigenschaft mir einige schlaflose Nächte bereitet hatte, vermittelte mir das Hintergrundgeräusch gelegentlicher Explosionen wie nichts anderes, nach Hause gekommen zu sein.
      Ich wollte eben zurück in mein Haus gehen, als ich eine Stimme hörte.
      „Hallo.“
      Ich drehte mich nach allen Seiten um – na gut, nicht alle, aber zumindest die einfacheren Himmelsrichtungen – konnte aber niemanden entdecken.
      „Hallo.“, sagte die Stimme erneut, „Unter dir. Du stehst auf meinem Kinn.“
      „Ich bitte vielmals um Entschuldigung.“, sagte ich rasch, und trat einen Schritt zur Seite. Der Schatten meines Nachbarhauses fiel zu bestimmten Uhrzeiten auf eine Art und Weise auf den Hof, dass er den Anschein eines Gesichts erweckte, und dieses Gesicht hatte mich eben angesprochen.
      „Dass du mich ignorierst, bin ich ja gewohnt.“, meinte der Schatten deprimiert, „Aber du könntest wenigstens darauf achten, wo du hintrittst.“
      Ich nickte.
      „Schönen Tag noch.“, sagte der Schatten.
      „Äh – Sie haben nicht zufällig gesehen, ob der Nachbar die Palme kürzlich umgepflanzt hat?“, fragte ich.
      „Meine Augen sind vom Winkel des Lichteinfalls abhängig.“, brummte der Schatten, „Die meiste Zeit über sehe ich gar nichts. Es tut mir leid, aber ich kann dir nicht helfen.“
      „Schon gut.“

      Unser Gespräch wurde von einer Fanfare unterbrochen. Ein Trompeter hatte den Hof betreten – von welcher Seite, konnte ich nicht erkennen. Der Lärm irritierte mich, zumal die Melodie, die der Trompeter spielte, äußerst langweilig war, und sich zudem elfmal wiederholte. Ich wartete nichtsdestotrotz ab, was sich als eine gute Entscheidung erwies, denn hinter dem Trompeter tauchte alsbald eine Armee auf. Etwa fünfzig Soldaten, alle in prächtigen goldenen Uniformen, jede davon mit mindestens sechs Ehrenabzeichen, marschierten in meinem Hof auf und formierten sich neben der Palme.
      Ein etwas rundlicher Mann mit einem grauen Schnauzbart trat zu mir heran.
      „Mein Name ist Dufi-Mpon, Sechzehnter Stellvertretender General der Achten Legion von Elukropja. Im Namen meines Planeten erbitte ich um Erlaubnis, diesen Hof passieren zu müssen.“
      „Erteilt.“, sagte ich, „Darf ich fragen, wohin ihr unterwegs seit?“
      „Sie dürfen.“, sagte Dufi, „Und wenn es mir erlaubt wäre, zu antworten, würde ich sagen, dass wir zu einem völlig unbedeutenden Planeten unterwegs sind. Keine Ressourcen, keine nennenswerte Bevölkerung, keine strategische Bedeutung. Wir haben eine Bevollmächtigung, diesen Planeten zu annektieren, und wir haben berechnet, dass der schnellste Weg dorthin durch Ihren Hof führt. Natürlich ist es mir eine Ehre, mit Ihnen zu sprechen. Jeder auf Elukropja kennt Sie, o Namenloser Ich-Erzähler!“
      Ich schüttelte dem Sechzehnten Stellvertretenden General die Hand.
      Die Bewohner des Planeten Elukropja haben ein völlig einzigartiges Verständnis von Bedeutung, von wichtig und unwichtig. In ihrer Kultur ist fest verankert, dass man über große Taten nicht sprechen soll, das würde nämlich als Angeberei gelten. Folglich werden all jene, die etwas wahrhaft Großes getan haben, verschwiegen, deren Namen dürfen nicht einmal genannt werden. Da man aber trotzdem feiern will, muss man natürlich einen Ausgleich schaffen; für diesen Zweck haben die Elukropjaner in einer grandiosen Umkehrung der gewohnten Umstände begonnen, denjenigen das höchste Ansehen zu geben, die am Wenigsten getan haben, die also völlig unbedeutend und mittelmäßig sind.
      Da mein Besuch des Planeten, der schon einige Zeit zurückliegt, völlig ereignislos vor sich ging, zelebriert man ihn auf Elukropja seitdem jährlich mit einer mehrtägigen Feier.
      „Darf ich bei dieser Gelegenheit darauf hinweisen,“, begann der Stellvertretende General, „dass es mir nicht erlaubt ist, die Durchquerung dieses Hofes um mehr als fünfzehn Minuten zu verzögern? Wir liegen derzeit im Zeitplan. Übrigens, wo wir dabei sind, unser Zeitplan umfasst achtzehn detailliert ausgearbeitete strategische Manöver. Ich hoffe, es bereitet Ihnen auch Freude, zu wissen, dass für diesen Feldzug das Budget bislang nicht überschritten wurde. Aktuelle Prognosen gehen sogar von einem leichten Plus aus, sofern das Wetter mitspielt. Unser Zielplanet verfügt allerdings über ein recht stabiles Wetter, die jährlichen Schwankungen sind völlig vernachlässigbar.“
      Dufi-Mpon hatte, wie ich nicht umhin kam, festzustellen, einen langen Atem, denn er hatte während seiner Ausführung kein einziges Mal Luft holen müssen. Ich hörte ihm interessiert zu, und beobachtete derweil, wie sich die elukropjanische Armee langsam über meinen Innenhof bewegte.
      Meine Aufmerksamkeit wurde von einem Soldaten auf sich gezogen, der etwas anders gekleidet war als der Rest. Während alle anderen prunkvolle Uniformen mit goldenen und silbernen Abzeichen besaßen, trug er lediglich einen einfachen graubraunen Anzug. Er folgte mit leidender Miene den Anweisungen seiner Vorgesetzten, die ihn scheinbar willkürlich mal hierhin und mal dahin schickten.
      Dufi-Mpon war mein Blick aufgefallen. „Unser Soldat.“, erklärte er, „unsere wichtigste Kampfeinheit.“
      Ich verstand. Der elukropjanischen Logik zufolge war Wichtigkeit den niedrigen Rängen vorbehalten, daher war es nur konsequent, dass eine Armee aus lauter Generälen bestand, die alle einen einzigen niedrigeren Soldaten herumkommandierten. Die einzige Art, befördert zu werden, bestand darin, inkompetent zu sein – zeigte man jedoch wirklichen Einsatz, so bestand die Gefahr, zu einem einfachen Soldaten degradiert zu werden.
      So gesehen musste der einzelne Soldat hier ein wahrer Patriot sein, dass er es auf sich nahm, sich von einer ganzen Legion herumkommandieren zu lassen, um für seinen Heimatplaneten zu kämpfen.
      „Übrigens, die Stiefel, die von der elukropjanischen Armee verwendet werden, müssen nach Vorschrift dreimal im Jahr ausgewechselt werden, dabei dürfen aber nur Materialien verwendet werden, die auf eroberten Planeten der Kategorie 1 gewonnen wurden, eine Maßnahme, die unsere Wirtschaft stärken soll.“
      „Interessant.“, kommentierte ich höflich.
      „Ich freue mich, dass Sie ein so interessierter Zuhörer sind.“, sagte Dufi-Mpon, „Wissen Sie, ich leide unter einer speziellen Kondition... ich kann nicht aufhören, unentwegt Fakten zu allen möglichen Themen, die mir gerade in den Sinn kommen, aufzuzählen. Diese Krankheit ist auf Elokrupja recht selten, und, wie Sie sich denken könnten, wählen die meisten einen anderen Beruf. Aber ich bin nun einmal hier im Militär am besten aufgehoben. Nur findet man so selten jemanden, der bereit ist, zuzuhören. Sie können sich vorstellen, wie sich all das Wissen monatelang anstaut.“
      „Nur zu, reden Sie, soviel Sie wollen.“, sagte ich, „Ich freue mich, wenn ich auf diese Weise meinen Bildungsauftrag nachkommen kann.“
      „Vielen Dank.“
      „Da fällt mir ein, vielleicht besitzen Sie in ihrem reichhaltigen Wissensschatz auch Information über jene Palme dort?“
      „Aber selbstverständlich. Es handelt sich um eine korossääquanische Spindelpalme, einer ehemals seltenen Palmenart, die aber im Zuge der Spindelpalmenmode von anno Z49 eine weitere Verbreitung fand. Dieses Exemplar scheint sich in einem Zustand fortgeschrittener Irritation zu befinden, mutmaßlich verursacht durch häufiges Umpflanzen.“
      „Aha!“, machte ich, befriedigt, „Und können Sie vielleicht feststellen, wo die ursprüngliche Pflanzposition stattgefunden hat?“
      „Spindelpalmen gehören sind übrigens entfernte Verwandte der Rohrbruchpalme, die durch die Flutkatastrophe am Planeten Ex-Wupp bekannt wurde... entschuldigen Sie, was war die Frage?“
      „Wo diese Palme eingepflanzt wurde. Sie markiert die Grenze, aber mein Nachbar pflanzt sie immer wieder um.“
      „Ah. Nun, leider muss ich Ihnen sagen, dass wir ohne offizielle Bestätigung des elukropjanischen Militärrats keine Invasion gegen diese Palme durchführen können. Daher ist es mir auch nicht gestattet, in diesem Grenzkonflikt einzugreifen, indem ich Ihnen wesentliche Information dieser Art zukommen lasse. Sie verstehen, es ist gegen meine Natur, aber ich bin nunmal meinem Amt verpflichtet. Übrigens, wussten Sie schon, dass es in Elukropja einen eigenen Literaturzweig gibt, der sich auf das Formulieren von Nebensächlichkeiten spezialisiert hat?“
      „Das wusste ich in der Tat.“, meinte ich. Dass es in Bezug auf die Palme keine weiteren Fortschritte gab, frustrierte mich etwas, aber der Anblick des verzweifelten elukropjanischen Soldaten, der sich alle Mühe gab, jedem der zwanzig Befehle, die gleichzeitig auf ihn einprasselten, zu befolgen, entschädigte mich etwas dafür.
      Dufi-Mpon fuhr unterdessen unentwegt fort, mir von den Vorzügen der elukropjanischen Strategien zu erzählen. Ich erfuhr, dass es für jede Legion vorschriftsgemäß mehr als achtzehn Generäle geben musste, und ebenso viele Stellvertretende Generäle. Weiters erklärte er mir die Details der letzten Parlamentssitzungen auf seinem Heimatplaneten – wie sich herausstellte, waren die Parlamentarier Sklaven, die von eroberten Welten stammten. Nach dem letzten Krieg habe sich die Zusammensetzung des Parlaments so sehr verändert, dass er völlig den Überblick verloren hätte. Nichtsdestotrotz war Dufi-Mpon in der Lage, die wesentlichen Positionen aller Parteien in wenigen Sätzen zu erklären.
      „Leider muss ich jetzt weiter.“, sagte er schließlich, schüttelte mir noch einmal die Hand, und huschte seiner Armee hinterher, die mittlerweile dabei war, den Hof zu verlassen.
      Ich blieb zurück, und starrte versonnen auf die Palme.


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      Feedback zu den Adventskalendertexten könnt ihr HIER geben. Die Texte sind wie jedes Jahr zunächst anonym, damit ihr - wenn ihr wollt - Autoren raten könnt. Wenige Tage nach Weihnachten wird aufgelöst, welcher Text von wem stammt, dann können die Autoren dort im Thread gesammelt auf das Feedback antworten.

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      Das dreizehnte Türchen ist… verschlossen? Doch halt, da hört man Schritte! Eine Wache stapft heran, klirrt mit dem Schlüsselbund und öffnet. Jedoch nicht für uns, sondern für die Gefangene, die gerade von weiteren Wachen den Gang entlanggeführt wird. Denn auf der anderen Seite der Tür liegt eine Gefängniszelle...





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      Ein kleines Stückchen Freiheit

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      Mit einem dumpfen Dröhnen fiel die Tür hinter Taria zu. Es klackte dreimal als die Schlösser abgeschlossen wurden. Sie schaute sich in der Zelle, die nun für lange Zeit ihr Zuhause sein sollte, um. Graue Wände aus kaltem Stein. In der einen Seite waren im oberen Bereich zwei schmale Scharten, die ein wenig Tageslicht hereinließen. Leider waren sie zu schmal um sich durchzuzwängen. Definitiv kein möglicher Flüchtweg. An der anderen Wand hing eine hölzerne Pritsche an Ketten an der Wand. Darauf etwas Stroh und eine dünne Decke. Die dritte Wand war einfach nur grauer, ungeschliffener Stein. Taria seufzte. Sie war gefangen. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte man sie erwischt. Wie war sie eigentlich in diese Situation geraten? Sie erinnerte sich an jenen Tag…
      *
      Langsam versanken die Zwillingssonnen hinter dem Horizont. Der Himmel leuchtete in allen möglichen Purpurfarben und brennenden Rottönen. Mit dem Sonnenuntergang wurde es auch kühler. Es wehte ein kühler Wind, der die Oberfläche des Lanasiasees leicht kräuselte. Die Insekten begannen über die Oberfläche des Sees zu schwirren. Es zirpte und summte in der Luft. Eigentlich war es ein ruhiger Abend. Am Ufer des Sees stand eine Frau in mittlerem Alter. Sie schaute über den See. Hinter ihr waren die Mauern der Hauptstadt zu sehen. Von außen wirkten die Mauern einladend. Sie waren von Rankgewächsen überwachsen. Nichts deutete darauf hin, dass es unter der Oberfläche der Stadt brodelte. Einige der Bewohner glaubten noch immer, dass sie Alaneroi nur drohten, denn schließlich waren die Alaneroi ohne ihre Technik hilflos. Und Technologie funktionierte hier nicht. Die Frau lächelte. Sie gehörte zu den wenigen, die diese Lage genossen. Schließlich war es ihr Beruf andere - nun ja, sagen wir es mal so - an ihrer Pflicht zu hindern. Auch ihr Auftraggeber, der sie heute zu diesem Treffen bestellt hatte, schlug nur Vorteile aus der momentanen Situation. Die Frau schaute noch auf den See hinaus, als sie ein Rumpeln und Rattern hörte, dass so gar nicht in diese Stille passte. Nach ein paar Augenblicken kam eine Kutsche in Sicht, die von einem einzelnen braunen Pferd gezogen wurde. Die Frau am See drehte sich nicht um. Sie wusste, wer da kam. Die Kutsche kam zum Stehen. Eine Tür knarrte. „Ich wäre ihnen sehr verbunden, wenn sie mir helfen würden, Taria.“ ertönte eine Stimme aus dem Inneren. Die Frau, die auf den Namen Taria hörte, drehte sich langsam um und ging auf die Kutsche zu. Sie bewegte sich fließend und hinterließ keine Schuhabdrücke in der staubigen Erde. Eine graue Hand erschien in der offenen Tür. Taria nahm sie und half dem Insassen aus der Kutsche hinaus. Als der Insasse draußen stand, verbeugte Taria sich leicht und sagte: „Seid gegrüßt, werter Lord Lenez. Was verschafft mir die Ehre eures Besuches?“ Lord Lenez blickte sich misstrauisch um und bedeutete Taria sich mit ihm ein paar Schritte von der Kutsche zu entfernen. Taria seufzte innerlich. Mussten das denn alle machen? Schließlich waren sie immer die Personen, die Taria ansprachen, um gewisse unangenehme Dinge zu erledigen. Nicht umgekehrt. „Hört zu, Taria. Ich möchte, dass Ihr einige Dinge für mich erledigt!“ sagte Lord Lenez leise. „Hier habt Ihr einen Umschlag. Dort sind alle Anweisungen, die Ihr braucht, enthalten. Außerdem werdet Ihr ein Päckchen ausgehändigt bekommen, das Ihr schnellstmöglich zu mir bringt. Außerdem soll die Person, die Euch dieses Päckchen bringt, den nächsten Morgen nicht mehr erleben.... Der Auftrag soll übrigens von Euch persönlich ausgeführt werden. Ich möchte nicht, dass irgendwelche Fehler bei der Ausführung passieren!“ Der Chete´i streckte eine tintenbekleckste Hand aus, gab Taria einen Umschlag und stieg wieder in die Kutsche ein. Die ganze Aktion des Einsteigens wirkte etwas unbeholfen. Taria steckte den Umschlag in eine Tasche ihres Umhangs. ‘Als ob irgendwelche Fehler passieren würden! Schließlich arbeiten bei uns immer alle perfekt!’ dachte sie mit einer hochgezogenen Augenbraue. Hinter ihr begann es zu Knarren und Klappern. Anschließend folgte ein dumpfes Rumpeln, welches sich immer weiter entfernte. Auch Taria begab sich auf den Weg zu dem Haus ihrer Gilde. Sie folgte der Kutsche und verschwand schließlich in den engen Gassen der Stadt wie die Zwillingssonnen hinter dem Horizont. Es legte sich die Dunkelheit über das Land. Am Himmel standen zwei der drei Monde und tauchten den See und die Stadt in ein unwirkliches Licht.
      *
      Taria seufzte wieder. So hatte es angefangen. Dabei schien alles so einfach zu werden. Es bereitete ihr keine Probleme sich am Hof einzuschleichen. Schnell hatte sie sich eine Position erarbeitet, in der sie ohne Probleme an den herrschaftlichen Tisch bedienen konnte. So konnte sie irgendwann in nächster Zeit an ihre Zielperson heranarbeiten. Eine Berührung mit der bloßen Hand würde genügen. Dann würde die Thronfolgerin von Ela-Nor sterben und für ihre Auftraggeber wäre vieles einfacher. Schließlich wollten sie keinen langen Krieg.
      Doch Taria war gescheitert. Sie wusste nur einfach nicht wieso. Niemand wusste wer oder was sie war. Sie hatte ihrer Fähigkeit auch nicht nachgegeben, so dass wirklich niemand wissen konnte, was sie war. Niemand konnte den Verdacht haben, dass sie r’ki shi’mileh war. Jemand der durch die bloße Berührung mit der Hand töten konnte.
      Taria durchquerte ihre Zelle in drei Schritten und legte sich auf die Pritsche. Schlafen konnte sie nicht. Aber sie brauchte ihren Erinnerungen nicht stehend nachzuhängen. Sie würde vermutlich eine lange Zeit hier sein. Da konnte sie es sich auch bequem machen. Jedenfalls so bequem wie es ging…
      Irgendwann musste sie doch eingeschlafen sein. Sie hörte das Klappern des schmalen Schlitzes unten an ihrer Gefängnistür. Sie öffnete die Augen. Vielleicht war jemand leichtsinnig genug das Tablett mit ihrem Essen mit der Hand durchzuschieben, so dass sie einfach nur zuzugreifen brauchte. Einen kurzen Augenblick könnte sie dann die Person zwingen, das zu tun was sie wollte. Anschließend würde diese Person sterben. Doch Taria sah nur eine Stange mit der das Tablett in ihre Zelle geschoben wurde. Das hieß, dass sie wussten, was sie war. Taria stand auf und besah sich ihr Essen. Nun – es war kein Luxusessen. Das hatte sie auch nicht erwartet. Immerhin gab es Wasser, Brot und ein kleines Stück Käse. Taria zuckte mit den Schultern und fing an zu essen. Sie musste wenigstens halbwegs bei Kräften bleiben. Sonst würde sie bald in Schwierigkeiten geraten. Taria lachte kurz auf. Noch größere Schwierigkeiten als jetzt? Doch wenn sie erst die Kontrolle verlor, dann war sie verloren. Sie hoffte, dass bald einige kleine Tierchen auftauchten, die sie töten konnte. Zur Not würden auch Flpsoi den Zweck erfüllen. Nur nicht die Kontrolle über sich selbst verlieren! Ab und zu verfluchte Taria ihre Fähigkeit. Eigentlich hasste sie ihre Fähigkeit die ganze Zeit über. Doch man hatte ihr beigebracht damit zu leben. Oder eben im Wahnsinn zu sterben…
      Taria erinnerte sich an das erste Mal als sie ihre Fähigkeit entdeckt hatte. Das erste Mal – und das schrecklichste Erlebnis in ihrem bisher behüteten Leben…
      *
      Taria lief durch das hohe Gras. Hinter ihr keuchten ihre Freunde. Sie würden sie nie kriegen! Sie war als erste bei dem großen Findling. „Gewonnen!“ schrie sie. „Das gilt nicht!“ keuchte Oriey. „Du hast gemogelt! Du bist einfach früher als wir losgelaufen!“ Schnell entwickelte sich unter den dreien ein kleiner Streit. Doch diesmal artete es aus. Taria spürte in sich eine gefährliche Wut. Immer hatte Oriey etwas zu meckern! Taria fasste ihre Freundin am Arm und wollte etwas rufen. Doch mit einem Mal zuckte ein Blitz vor ihren Augen und für einen kurzen Moment verschlug es ihr den Atem. Dann spürte sie wie etwas auf sie überging. Und Oriey? Ihr Körper erschlaffte. Ihre Augen schauten in eine blicklose Ferne. Mirto wich zurück. Er starrte sie aus schreckensgeweiteten Augen an und ergriff die Flucht. Er lief zurück in Richtung Dorf. Allein stand Taria da und hielt ihre tote Freundin fest. Sie begriff nicht, was geschehen war. Lange blieb sie nicht allein. Einige aus ihrem Dorf kamen und riefen: „Mörderin!“ Taria versuchte sich zu verteidigen, doch niemand hörte ihr zu. Dann sah sie ihre Mutter und wollte sich ihr in die Arme werfen. Doch Taria unterbrach sich. Ihre Mutter schaute sie mit Tränen in den Augen an und sagte nur: „r’ki shi’mileh“ Da wusste Taria, dass sie nie wieder willkommen sein würde in ihrem Dorf. Sie wandte sich um und floh. Nicht lange nach diesem Geschehen lernte sie jemanden aus der Gilde kennen. Und so fing ihr neues Leben an. Sie lernte, dass sie nicht die einzige mit diesem Talent war. Jedoch war das Talent sehr stark bei ihr. Sie würde immer töten müssen und zwar in relativ kurzen Abständen. Niemals konnte sie wirkliche Liebe kennen lernen oder gar eigene Kinder bekommen. Alle in ihrer Nähe konnten binnen eines Monats sterben, wenn sie sie nur berührte. Also musste sie für sich bleiben. Und töten. Um zu leben…
      *
      Taria starrte vor sich hin. Wieder wurde ihr die Trostlosigkeit ihres eigenen Lebens bewusst. Ein Leben, das vielleicht bald zu Ende sein würde. Entweder durch den Wahnsinn oder durch das Urteil des Gerichtes. Denn auf einen Mordversuch auf die Thronfolgerin stand die Todesstrafe. Und niemand würde Mitleid mit ihr haben. Denn schließlich war sie r’ki shi’mileh.
      Und so verging die Zeit. Taria wusste nicht einmal wie lange sie schon hier in der Zelle saß. Es konnte noch kein Monat sein. Aber bald… Bald musste sie irgendetwas töten. Schon spürte sie den Zwang in sich. Doch ein paar Tage könnte sie noch aushalten.
      Um sich abzulenken versuchte Taria herauszubekommen wie sie sich verraten hatte. Doch eigentlich konnte niemand wissen, was sie vorhatte. Außer eben dieser Chete’i. Hatte er sie verraten? Doch wieso sollte er? Schließlich stand für ihn auch viel auf dem Spiel. Noch immer konnte sie sagen, dass er sie angeheuert hatte. Vielleicht konnte sie es nicht beweisen. Doch das Misstrauen gegen ihn würde gesät sein. Und seine Pläne – welche er auch immer hatte – würden schwieriger umzusetzen sein. Plötzlich erinnerte sich Taria an eine Begebenheit, die sie fast schon wieder verdrängt hatte…
      *
      Taria war gerade dabei die Abfälle aus der Küche auf dem Misthaufen zu entsorgen. Auf dem Rückweg nahm sie den langen Weg zurück in die Küche. Einfach nur um die Arbeit in der Küche noch ein paar Momente herauszuzögern. Sie liebte die Küchenarbeit nicht gerade. Der längere Weg führte sie an den königlichen Stallungen vorbei. Mit einem Mal hörte Taria Hufgetrappel hinter sich. Sie sprang zur Seite. Gerade noch rechtzeitig. Schon preschte ein schwarzes Pferd mit Reiterin an ihr vorbei. Taria schüttelte den Kopf. Die Reiterin bremste ihr Pferd. Es war ein selten schönes Tier. Pechschwarz mit einer dunkelgrauen Mähne. Dazu war es hochbeinig, so dass es schnell rennen konnte. Die Hufen schlugen Funken, obwohl das Pferd keine Eisen trug. Das war seltsam. Taria kniff die Augen etwas zusammen und schaute sich das Tier genauer an. Mit den Pferden au den königlichen Stallungen hatte es nicht so viel gemein. Jedes noch so edle Pferd von Hof würde neben diesem aussehen wie ein Ackergaul. Woher stammte dieses Pferd? Taria kannte nur eine Rasse, auf die die Beschreibung des Pferdes passen würde. Doch selbst Taria hatte nur in Erzählungen von diesen Pferden gehört: ka’chor’morei. Nur ganz selten gelang es jemanden ein solches Tier zu zähmen. Taria warf einen Blick auf die Reiterin, die inzwischen von ihrem Pferd gesprungen war und sich suchend umschaute. Taria war leicht verwirrt. Die Reiterin war eine sehr junge Frau, fast noch ein Mädchen. Wie hatte sie ein solches Tier zu zähmen vermocht? Taria musterte die junge Frau. Sie war schlank und hatte lange schwarze Haare, die im Schatten leicht bläulich schimmerten. Die Frau – oder besser das Mädchen – trug eine weite Stoffhose und ein gleichfarbiges einfaches Oberteil ohne Ärmel. An ihren Füßen trug sie einfache, halbhohe braune Lederstiefel. Viel Geld hatte die Kleine bestimmt nicht. Endlich tauchte ein Stallbursche auf, der sich verschlafen die Lider rieb. ‚Der hat wohl ein kleines Nickerchen gemacht’ dachte Taria grinsend. ‚Mal sehen, wann er begreift, was das für ein Tier ist.’ Der Stallbursche blickte etwas verwirrt auf das Pferd und griff nach den Zügeln. In diesem Moment schnappte das Tier zu. Gerade noch rechtzeitig zog er seine Hand weg. Jetzt war er hellwach. Seine Augen wurden groß als er das Pferd erkannte. Taria konnte von ihrem Standpunkt aus sehen wie er mit seinem Mund das Wort ka’chor’morei bildete. Die junge Frau sagte etwas zu ihm. Doch er blickte sie noch verwirrter an. Sie wiederholte ihre Frage etwas lauter: „Kann ich bitte mit Sairanna d´Nela sprechen? Es ist wirklich wichtig.“ Taria wunderte sich. Wusste dieses Mädchen überhaupt nichts? Als ob man einfach auftauchen könnte und mit der Thronfolgerin sprechen könnte! Ganz so einfach war das nicht. Der Bursche musste wohl etwas Ähnliches geantwortet haben, denn die junge Frau sagte schon leicht verzweifelt: „Dann hol jemanden, der ein solches Treffen arrangieren kann!“ Taria schüttelte lächelnd den Kopf. So ging das wirklich nicht! Doch plötzlich hielt Taria inne. Das Mädchen hatte eine Stimme, die irgendwie durch Mark und Bein ging. Sie war nicht schrill, sondern auf eine rätselhafte Weise volltönend. Sie erinnerte Taria an eine ferne Glocke. Der Bursche nickte und ging zur Burg hinein. Das wunderte Taria noch mehr, denn normalerweise würde sich ein Stallbursche niemals in die Burg wagen. Ihre Aufgabe war es, die Pferde zu versorgen.
      Das Mädchen schaute sich nochmals um. Diesmal drehte sie sich auch um, so dass sie Taria sah. Und für einen kurzen Moment trafen sich ihre Blicke. Taria hielt den Atem an. Solche Augen hatte sie noch nie gesehen! Schon gar nicht im Gesicht eines so jungen Menschen. Die Augen schienen alt zu sein. Uralt – als hätten sie in die Zeit geblickt und hätten die Erschaffung des Universums gesehen. Taria wurde es heiß und kalt. Wer war diese junge Frau? Die junge Frau neigte leichte den Kopf und in diesem Moment dröhnte eine gewaltige Glocke in Tarias Kopf. Es war so laut, dass sie am liebsten ihre Ohren zugehalten hätte. Gleichzeitig fühlte sie wie ihre innersten Gedanken nach außen gestülpt wurden und so klar erkennbar für alle wären. Taria holte entsetzt Luft, wandte schnell den Blick ab und hastete zurück in die Küche.
      Früh am nächsten Morgen hatte man sie verhaftet und in ihr Gefängnis geworfen.
      *
      Taria schüttelte sich als wollte sie etwas Unangenehmes loswerden. War es möglich, dass dieses Mädchen erraten hatte, was sie vorhatte? Wer war diese junge Frau? Taria versuchte sich das Mädchen in Erinnerung zu rufen. Doch irgendwie gelang es ihr nicht ganz. Sie konnte sich einfach nicht an Einzelheiten erinnern. Nur die Kleidung und Haarfarbe konnte sie erinnern. Und an die Augen… Augen, die ihr die Unendlichkeit zeigten. Taria schüttelte den Kopf. Waren das schon die ersten Zeichen des Wahnsinns? Niemand konnte unendliche Augen haben! Sie fantasierte sich etwas zusammen! Und doch – irgendetwas an dieser jungen Frau war seltsam. Nein, seltsam war nicht das richtige Wort. Angsteinflößend? Nein. Merkwürdig? Bedrohlich? Gefährlich? Nein, nein und nochmals nein. Das waren alles nicht die richtigen Worte. Ehrfurchtsgebietend? Schon eher. Aber auch nicht ganz treffend.
      Taria wurde in ihren Überlegungen unterbrochen. Ein Schlüssel knarrte in einem Schloss, dann im nächsten und im übernächsten Schloss. Taria war verwirrt. Wer kam um sie zu besuchen? Oder war es schon der Vollstrecker mit ihrem Todesurteil?
      Die Tür öffnete sich einen Spaltbreit. „Ich halte das für keine gute Idee, Hohe Herrin. Die Frau ist gefährlich – wirklich gefährlich!“ hörte Taria die Stimme des Gefängnismeisters. Hohe Herrin? Kam die Thronfolgerin persönlich zu ihr? Aber wieso sollte sie das tun? „Nennt mich nicht Hohe Herrin! Und – vertraut mir. Ich weiß, was ich tue.“ antwortete eine melodiöse Stimme. Taria gefror das Blut in den Adern. Das war die Stimme der jungen Frau! ‚Cha’tum! Wer ist diese Frau?’ dachte Taria. ‚Und warum im Namen der Göttin habe ich solche Angst vor ihr?’ Die Tür öffnete sich weiter und die junge Frau betrat den Raum. „Weil es normal ist, dass man vor etwas Unbekannten Angst hat.“ antwortete die junge Frau auf Tarias unausgesprochene Gedanken. Die Tür schloss sich hinter ihr. Doch es wurden keine Schlüssel umgedreht. Im Fall der Fälle konnte der Gefängnismeister hereinstürmen und kurzen Prozess mit ihr – Taria – machen können.
      Taria wich zurück. Sie wollte einen größtmöglichen Abstand zwischen sich und der unheimlichen, jungen Frau haben. Die junge Frau seufzte. Sie drehte leicht den Kopf. Dabei schaute sie Taria aber nicht direkt an. Vielmehr schien sie an ihr vorbeizuschauen. Schließlich senkte sie leicht den Blick, so dass sich die Lider halb über ihre Augen senkten. Taria entspannte sich etwas. Diese Augen waren ihr einfach unheimlich. Sie konnte auch einfach nicht sagen, welche Farbe die Augen des Mädchens hatten. „Blau“ sagte sie. „Was?“ fragte Taria. „Meine Augenfarbe ist blau.“ erwiderte die junge Frau. „Es tut mir Leid, wenn ich Dich ängstige. Diesen Effekt habe ich auf viele.“ Taria schüttelte den Kopf als ob sie Probleme mit den Ohren hätte. ‚Was machen wir hier? Sie ist doch nicht hergekommen um über Augenfarben zu reden.’ Die junge Frau lächelte.
      „Nein, sind wir nicht.“ sagte sie. „Ich bin hier um dir ein Angebot zu machen. Aber vielleicht sollten wir von vorne anfangen?“
      „Also gut.“ Taria setzte sich auf die Pritsche. „Wer bist Du?“
      „Mein Name ist Talejia.“
      „Das ist zwar nicht ganz die Antwort, die ich wollte. Aber für den Augenblick reicht es.“
      „Das dachte ich mir. Du fragst Dich sicher, warum ich Hohe Herrin genannt wurde?“
      „Eigentlich schon. Wie die Thronfolgerin siehst Du wirklich nicht aus.“
      „Im Moment möchte ich dir das noch nicht sagen. Mein Name muss dir erstmal genügen!“
      „Also gut. Bist Du verantwortlich, dass ich hier drinnen bin?“
      „Ja. Ich konnte nicht zulassen, dass du tust, was du vorhattest.“
      „Was hatte ich denn vor?“
      „Das weißt du. Aber ich sage es dir gerne. Du hattest vor Sairanna zu töten.“
      „Das stimmt. Weißt Du auch wie?“
      “r’ki shi’mileh.“
      Taria seufzte. „Woher weißt du, was ich bin?“ fragte sie.
      Talejia lächelte. Sie hob ihre Augen und sah Taria in die Augen. Wieder hatte Taria das Gefühl als würde ihr Innerstes nach außen gekehrt. Doch diesmal konnte sie nicht ausweichen. Weglaufen war hier nicht möglich. Heiße Kältewellen liefen durch Tarias Körper. ‚Halte es aus!’ hörte sie eine Stimme in ihrem Kopf klingen. Taria holte zitternd Luft und blickte aus ihren Augen zurück in Talejias unergründliche Augen. Sie hatte das Gefühl als würde sie durch kaltes Wasser tauchen. Unbewusst hielt sie den Atem an. Sie spürte, dass dieses Mädchen bis in ihre Seele hinabblickte. Und sie hatte keine Angst vor dem, was sie dort sah! Taria holte tief Luft. Langsam entspannte sie sich. Und in ihrem Kopf echote die Stimme ihrer Mutter, die ihr eine alte Geschichte erzählte… Von einer Person, die alles sehen konnte und alles tun konnte, was sie wollte. Diese Person hatte eine unvorstellbare Macht, gegen die niemand ankam. Nicht einmal das Böse selbst! Doch lange hatte es eine solche Person nicht mehr gegeben. So lange, dass es nur noch Geschichten gab, die niemand mehr für wahr hielt. „Ileathoínn’Ra!“ flüsterte Taria fast lautlos. In diesem Moment hörte das Gefühl auf und Taria blickte in Talejias Augen. In blaue Augen, in denen in weiter Ferne ein goldenes Feuer tanzte. Talejia lächelte. „Ich brauche deine Hilfe.“ sagte sie. Taria seufzte in Gedanken auf. „Aber ich möchte nicht, dass du jemanden tötest.“ erwiderte Talejia auf die unausgesprochenen Worte Tarias. „Aber ich MUSS töten!“ schrie Taria. „Sonst sterbe ich. Ich weiß nicht wieso, aber es ist so und niemand kann es ändern...“ Taria wandte sich ab. Fast schämte sie sich für diesen kindischen Ausbruch. Aber es war leider die reine Wahrheit. „Niemand?“ fragte Talejia sanft. Taria drehte sich um und hob die Hand um Talejia zu berühren. ‚So lange schon ohne… Es tut mir Leid, Kleine! Ich kann nicht anders!’ dachte sie. Doch zu Tarias Erstaunen nahm Talejia ihre Hand. Eine nie gekannte Wärme floss durch Taria. Sie wollte ihre Hand zurückziehen, doch dann sah sie in Talejias Augen. In ihnen brannte ein helles, goldenes Feuer. Taria schaute auf ihre Hand, die in Talejias Hand lag. Auch dort glühte das goldene Feuer. Taria spürte wie eben dieses Feuer durch ihre Adern floss und etwas tat. Es war als ob das Feuer alles, was ursprünglich Taria war wegbrannte. Und plötzlich kam der Schmerz. Taria wurde es schwarz vor Augen.
      Kälte… Die Kälte von Stein. Taria schlug die Augen auf. Sie lag auf dem Boden ihrer Zelle. Also hatte sie alles wohl nur geträumt. Verzweifelt schloss sie die Augen. Da hörte sie ein leises Lachen. Taria öffnete die Augen schnell wieder. Dort stand – Sie. Talejia. Es war also doch kein Traum gewesen. „Nein, es war kein Traum. Du warst auch nur kurz ohnmächtig. Doch du solltest nicht zu lange auf diesem kalten Boden liegen bleiben.“ sagte Talejia. Langsam erhob Taria sich. Sie schloss kurz die Augen, um sich zu vergewissern, dass sie ihr Verlangen zu töten unter Kontrolle hatte. Doch – irgendetwas war seltsam. Es war weg. Dieser irrsinnige Drang zu töten war weg. Verschwunden. Einfach nicht mehr da. Lange schaute sie Talejia an. „Was hast Du mit mir gemacht?“ fragte Taria fassungslos. Talejia legte den Kopf leicht schief, als ob sie überlegen würde. Dann antwortete sie: „Das Gleichgewicht hergestellt. Du hast noch immer die Fähigkeit zu töten. Aber du musst nicht mehr. Du bist nicht mehr abhängig von der Lebensenergie anderer. Nenne es doch einfach ein kleines Stückchen Freiheit.“ Taria begriff. Nun ja, nicht ganz. Aber eines begriff sie doch. Sie sank auf die Knie und senkte ehrbietig den Kopf. „Tu das nicht. Ich mag das nicht. Ich bin doch einfach nur…“ seufzte Talejia. „Ileathoínn’ra“ beendete Taria den Satz. Sie schaute auf und lachte. „Ich werde es nicht mehr tun. Doch warum hast du das getan?“ fragte Taria. „Weil ich deine Hilfe brauche.“ antwortete Talejia. „Und nicht nur einmal. Denn es liegt an uns einen Krieg zu verhindern…“ Taria zog die Augenbraue hoch: „Einen Krieg verhindern? Wie willst du das erreichen?“ „Mit viel Hilfe. Und ein paar kleinen Tricks. Oder auch größeren Tricks. Aber erst mal muss ich dich zu jemanden schicken, den du eine Nachricht überbringen sollst. Du wirst dich sofort auf den Weg machen müssen.“ sprach Talejia. Taria warf einen Seitenblick auf die junge Frau „Ein geringer Preis für ein kleines Stückchen Freiheit…“


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      Flinke Fische flitzen durch das vierzehnte Türchen, dessen Bogen sich aus bunten Korallen zusammensetzt. Wesentlich majestätischer passiert die große Qualle den Torbogen. Weder die Fische noch die Qualle sind alleine. Und ihre Begleiter starren einander missmutig an…







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      Fischhirte und Quallengärtner

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      Vor langer Zeit, als die Winde noch flüsterten und die Wellen noch sangen, da gab es ein Königreich unter dem Meer. Die Königin saß auf dem Perlenthron in ihrem Korallenpalast. Sie herrschte über alles was Schuppen oder Flossen hatte, Tentakel, Fühlhorn oder Panzer, kurz über alles Leben unter Wasser. Zu ihrem Hof gehörten die bunten Korallenriffe wie auch die Tangwälder, Muschelebenen und Strömungsflüsse. Der prächtigste aller Gärten war jedoch der, in dem die Quallen lebten. Gleich vor den Toren des Palastes wogten sie in lautlosem Tanz, in feiner Symmetrie von Farben und Formen. Der Herr dieses Ortes, der Quallengärtner, sorgte für Ordnung. Gern lustwandelte die Königin und ihr Hofstaat durch den bunten Reigen und erfreuten sich an der qualligen Vielfalt.
      Doch es herrschte hier nicht immer friedliche Harmonie. Der Quallengärtner lag in beständigem Streit mit dem Fischhirten, der die Schwärme der Viehfische jeden Tag auf die Algenweiden trieb. Jeden Morgen und jeden Abend führte er seine Schwärme am Quallengarten vorbei, und jeden Tag aufs Neue brachten die flinken Fische die Ordnung des Gartens ins Wanken. Schon mancher Streit war darüber geführt worden, schon manches laute Wort hatte den Frieden des Ortes gestört. Eines Tages kamen die beiden vor die Königin. Ihr Richterspruch sollte den Streit beenden. Heftig wurde vorgetragen, was jeden Tag aufs neue Unmut stiftete.
      „Er soll mit den Schwärmen einen anderen Weg nehmen“, verlangte schließlich der Quallengärtner, „sie sollen unsere Ordnung nicht stören.“
      „Er soll nicht täglich unseren Weg behindern“, verlangte dagegen der Fischhirte. „Die besten Algenweiden liegen hinter dem Garten und schon auf dem Weg dorthin finden sich viele nahrhafte Stoffe im Wasser. Doch jedes Mal scheucht er den Schwarm auf mit seinem unnützen Streit.“
      So stand nun einer gegen den anderen und keiner wollte die Worte des anderen gelten lassen. Die Königin aber war klug und so sprach sie: „Ihr sollt auf einen Tag euren Posten tauschen. Du, Quallengärtner ziehst hinaus mit dem Schwarm der Viehfische. Und du, Fischhirte, behütest den Garten und sorgst für dessen Ordnung.“
      Die beiden waren zufrieden. „Ich werde es besser machen als der Fischhirte“, sagte der Quallengärtner im Stillen zu sich. „Ich werde den Schwarm auf sicheren Wegen führen, wo die Fische keine Unruhe stiften können.“
      Und der Fischhirte meinte: „Das wird ein schöner fauler Tag zwischen den Quallen, die doch nur auf und nieder wabern und bleiben, wo sie sein sollen.“
      So geschah es. Am nächsten Morgen öffnete der Quallengärtner die Gatter der Fischschwärme und trieb sie hinaus ins Meer. Doch wehe, die Fische stoben durcheinander, mal hierhin mal dorthin. Es war kein geordneter Zug, der sich beliebig dirigieren ließ. Der Quallengärtner hatte seine liebe Not, die Schwärme aus den Stallungen zu scheuchen und in Richtung der Algenweiden. Immer aufs Neue stoben die Fischlein auseinander, wichen aus, verschwanden zwischen Korallenstöcken und in Tangesdickicht. Bald auch merkte der Quallengärtner, dass der leichte Wirbelstrom, der an seinem Garten vorbeiführte, die Fische noch am ehesten zusammenhielt, dass sie dessen Nährstoffen folgten und leichter beisammen blieben als im freien Wasser. Den ganzen Tag jagte der Quallengärtner den Fischen hinterher. In seinem Quallenrock war er viel zu langsam, um sie treiben zu können. Sein Stab war ihm mehr Hindernis als Hilfe, da die Fische flink auswichen und davonstoben. Den ganzen Tag ging es so, und dass die Schwärme am Abend in ihre Ställe zurückkehrten, lag mehr daran, dass sie den Heimweg von selbst fanden, als dass der Quallengärtner sie dorthin getrieben hätte. Der Arme war abgehetzt und zerschlagen, sein bunter Quallenrock zerknittert und schmutzig. Nie mehr wollte er mit den Fischschwärmen schwimmen und für sie verantwortlich sein.
      Und wie war es dem Fischhirten ergangen im bunten Garten der Quallen? Am Morgen hatte er seinen Hütehecht gerufen und war in den Garten geschwommen. Mit dem ersten Tageslicht erhoben sich die Quallen, wogten auf und ab von sanfter Strömung getragen. Ihre zartfarbigen, durchsichtigen Fangarme wehten wie Bänder zwischen den bunten weichen Körpern. Doch bald merkte der Fischhirte, dass die Quallen keineswegs so artig auf ihren Plätzen blieben, wie er es immer angenommen hatte. Sie trieben durcheinander, verschlangen ihre Fangarme ineinander. Jede unbedachte Welle, jeder Fisch, der ihnen zu nahe kam, brachte Unruhe in den Garten. Bald waren die geordneten Felder verlassen, die Quallen bildeten dichte Wolken des Chaos. Der Fischhirte versuchte sie zu entwirren und auf ihre Plätze zurückzuweisen. Sein Hütehecht schoss durch die wabernde Menge, verwirrt durch die Farben, die Fangarme und die weichen Quallenleiber. Hier und da schnappte der Hütehecht nach den Quallen, so wie er es mit den Viehfischen gewohnt war, die geführt und getrieben werden sollten. Doch seine Zähne versanken wirkungslos im Gallert. Mehr noch, die Berührungen der zarten Fangarme nesselten und verbrannten sowohl den Hütehecht als auch den Fischhirten. Schreckliche Stunden verbrachten sie damit, die Quallen zu ordnen und auseinanderzutreiben. Erst bei Einbruch der Dunkelheit wurden die Quallen träge und ließen sich einzeln zu ihren Feldern zurückbringen. Noch lange schuftete der Fischhirte, um jede Quallen auf ihr Feld zurückzubringen – für Ordnung und Farbharmonie hatte er dabei jedoch keinen Sinn. Erschöpft und von Schmerzen gepeinigt verkroch sich der Arme in seine Wohnstatt. Nie mehr wollte er für die Quallen sorgen, nie mehr diesem Wirrwarr zu nahe kommen.
      Am nächsten Morgen dann, als sei nichts gewesen, glättete der Quallengärter seinen Rock, schwamm in seinen Garten und begleitete das Erwachen seiner Quallen. Sanft wogten sie auf und ab, ihre Fangarme trieben durchsichtig im Wasser. Der Quallengärtner tippte sie sacht mit seinem Stab an, dirigierte sie an ihren richtigen Platz und stellte die Ordnung der Farben wieder her. Er wogte mit seinen Quallen auf und ab, zupfte mal hier an einem Fangarm, schob da einen Quallenleib beiseite und wie zu unhörbarer Musik tanzten sie miteinander in friedlicher Harmonie. Farben und Formen bildeten anmutige Figuren im Garten und luden zum Lustwandeln ein.
      Der Fischhirte und sein Hütehecht hatten, als sei nichts gewesen, am Morgen ihre Schuppen geschüttelt und sich an ihr Tagwerk gemacht. Sie öffneten die Tore und die Viehfische schwärmten aus. Mann und Hecht trieben die Fische zu ihren Algenweiden, hielten sie zusammen und sorgten dafür, dass sie satt wurden. Und als er mit dem Schwarm in einigem Abstand am Quallengarten vorüberzog, da neigte er das Haupt um den Gärtner zu grüßen. Mit gleichem Respekt grüßte der Quallengärtner zurück und von da an stritten sie nicht mehr.




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      Das fünfzehnte Türchen besteht aus großen Betongussteilen, die optisch nicht viel hermachen würden, wären sie nicht mit hübschen Blautonmosaiken verkleidet, die im Wellenmuster angeordnet sind. Rechts und links auf dem Türsturz sind zwei Scheinwerfer montiert, welche auf die Fussmatten davor strahlen. Das große Metallschild, das zwischen ihnen baumelt, zeigt schwungvoll die Schriftzeichen für "Städtisches Hallenbad".






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      Neulich im Hallenbad

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      Der allmorgendliche Kontrollgang im Hallenbad von Ledion war bald zu Ende. Bademeister-und Leiter Luridus Remigius musste nur noch überprüfen, ob die Chlorkonzentration in den Becken stimmte. Dank seiner Gabe wäre das eigentlich eine Sache von Sekunden gewesen, doch der Dame vom Gesundheitsamt genügte Luridus‘ Wort nicht. Sie wollte, dass er ordentliche Messwerte aufnahm und vorlegte. Luridus hätte ihr natürlich mit seiner Alchimistenzirkelmitgliedschaft und allem was dazu gehörte, vor der Nase rumwedeln können, aber darauf verzichtete er gerne.
      Mit dem Verein war er durch. Damals vor zwanzig Jahren war Luridus einer der wenigen jungen Männer des Alchimistenzirkels gewesen, die sich freiwillig für den Kriegsdienst in Sarilien gemeldet hatte. Gedankt hatten sie ihm das nicht. Nach seiner Rückkehr zwei Jahre später hatten sie ihn als erstes zu einer Anhörung bestellt. Sie wollten untersuchen, ob er auch immer den „Ethikkodex des Zirkels“ befolgt hatte.
      Seitdem hatte er die mehrstündige Fahrt nach Ergalla nicht mehr auf sich genommen. Luridus bildete sich nicht ein, dass er als Held hätte empfangen werden sollen, keineswegs. Mindestens einmal hatte er übelst versagt. Auch ohne die Brandnarben auf Bauch und Beinen würde er das niemals vergessen. Eine blutjunge, blonde Frau von zarter Gestalt, er hatte gezögert, gehofft, dass es vielleicht nicht nötig sein würde, zu schießen. Schließlich waren die Frauen in der sarilischen Armee laut arunischen Medien ja selbst nur Opfer ihres grausamen Regimes. Luridus hatte zu lange gezögert. Der Regen aus weißem Phosphor, den sie herbei befohlen hatte, tötete mehr als ein Dutzend seiner Kameraden und verletzte ihn und viele weitere. Nur durch Glück entgingen sie der Gefangennahme. Niemand machte ihm Vorwürfe, sie hatten sein Versagen wohl nicht bemerkt, aber er selbst würde sich für den Rest seines Lebens Vorwürfe machen.
      Von jenem Tag an hatte er den Sarilern keine Gnade mehr erwiesen, egal ob Mann, Frau oder Kind. Diese Dummschwätzer vom Alchimistenzirkel hätten es mit Sicherheit genauso gemacht, oder sie wären in einem Sarg nach Hause gekommen. Wenn überhaupt.
      Die Arunier hätte in Sarilien nicht so schmählich verlieren müssen, wenn sich der Alchimistenzirkel richtig engagiert hätte. Mit einem Phosphormagier auf der eigenen Seite wäre die Sache ganz anders ausgegangen. Dieser Parnalius war wohl der einzige, der es zumindest versucht hatte. Kurz vor Kriegsende hatte er sich eine Kugel durch den Kopf gejagt. Luridus wusste nicht, ob er es wegen der Niederlage getan hatte, oder ob ihm seine Neigungen schließlich doch zu viele Schwierigkeiten bereitet hatten. Er war sich nicht einmal sicher, ob nicht womöglich der Alchimistenzirkel damit zu tun hatte. Erfahren würde er die Wahrheit wohl nie.
      Luridus selbst war in seine Heimatstadt Ledion zurückgekehrt, um im dortigen Schwimmbad als Bademeister anzufangen, seit sieben Jahren hatte er auch die Leitung inne. Kaum jemand wusste, dass er ein Adept des Alchimistenzirkels war. Falls es doch jemand erfuhr, verstand er nicht, warum Luridus nicht nach Höherem strebte, aber er machte seinen Job gerne. Fluormagier Lebetinus hatte ihm wenige Jahre nach dem Krieg eine Stelle in der „Abteilung für spezielle Schädlingsbekämpfungslösungen“ beim Chemiekonzern Ultiria angeboten, aber Luridus hatte dankend abgelehnt. Die Arbeit des Kammerjägers war sicherlich notwendig, aber ihm gefiel es als Bademeister trotzdem besser. Außerdem würde Ultiria sicher früher oder später den Forderungen der Investoren nachkommen und diese Abteilung endlich verkaufen.
      Seit dem Angebot waren vierzehn Jahre vergangen und die Abteilung gehörte seltsamerweise immer noch zu Ultiria, obwohl die doch sonst alles taten, um die Börse zufriedenzustellen. Luridus verstand das nicht, aber es interessierte ihn auch nicht so sehr, dass er näher nachfragen wollte. Seine Bekanntschaft mit Lebetinus hatte ihm jedoch vor kurzem einen anderen Nutzen gebracht. Als die Stadt so klamm gewesen war, dass das Schwimmbad auf der Streichungsliste stand, war es ihm gelungen, das neue Logistikzentrum von Ultiria-Agrar nach Ledion zu holen, was reichlich Arbeitsplätze und Unternehmenssteuereinnahmen gebracht hatte. Das Schwimmbad war somit gerettet und im Sommer sehr beliebt. Jetzt im Spätherbst hatte allerdings nur das Hallenbad geöffnet. Draußen fiel Schneeregen vom dunkelgrauen Himmel, die Serha volis machte ihrem Ruf als Region mit dem schlechtesten Wetter in ganz Arunien wieder einmal alle Ehre. Das Hallenbad wurde hauptsächlich von Schulklassen, Schwimmkursen, Sportvereinen und gesundheitsbewussten Rentnern genutzt und jetzt war es Zeit, für die Schulklassen aufzumachen.

      Als erstes hatten zwei Klassen einer Sozialen-Brennpunktschule aus Meravas das Bad gebucht. In den Schwimmbädern der Bezirkshauptstadt hatte diese Schule inzwischen Hausverbot aber Luridus sah sich den Früchtchen durchaus gewachsen, selbst wenn es ihre Lehrer nicht waren.
      Schon aus den Umkleidekabinen konnte man die Schüler deutlich hören und im Badebereich wurde es noch lauter. Die meisten von ihnen unterhielten sich nicht auf Arunisch sondern auf Elavisch oder Tessmari-Sarilisch. Irgendwelche nicht sonderlich intelligenten Leute bei der Flüchtlingsbehörde hatten es für eine gute Idee gehalten, eine große Anzahl an elavischstämmigen Arisaja-Flüchtlingen in einem Gebiet unterzubringen, in dem bereits viele tessmarische Einwanderer lebten und regelmäßig weitere legal oder illegal ins Land kamen. Zwischen den beiden Gruppen kam es regelmäßig zu Ausschreitungen, aber niemand fühlte sich für das Problem zuständig.
      Luridus hatte eine Weile gebraucht, bis er den Unterschied zwischen dem Sarilisch der Tessmari und dem seiner sarilischen Feinde verinnerlicht hatte, aber die achtzehn Jahre, die er schon hier arbeitete, hatten dafür mehr als gereicht.
      Wie jede Woche saßen zwei verschleierte Elaviermädchen nur am Rand herum. Sie entschuldigten sich ständig mit fadenscheinigen Begründungen. Luridus war ein Mann und lebte alleine, aber selbst er wusste, dass es sehr ungesund wäre, wenn sie wirklich jede Woche ihre Tage hätten.
      Die Lehrer versuchten mehr oder weniger erfolgreich ihre Schüler zum Warmschwimmen zu animieren. Wenig später beobachtete Luridus wie ein elavischer Schüler seine tessmarische Klassenkameradin packte und unter Wasser drückte. Bevor Luridus eingreifen konnte, hatte sie dem Tessmari jedoch bereits einen gut platzierten Tritt versetzt.
      „Ich mach dich Wallach, ey“, schrie sie durchs Hallenbad. Diesen Spruch bekam man von den Tessmari-Mädels öfter zu hören, es gab sogar eine dazugehörige Geste. Man streckte die drei mittleren Finger der linken Hand nach oben und fuhr mit dem Zeigefinger der rechten darüber, als ob er ein Messer wäre. Auch Luridus hatte diese Geste schon gelegentlich zu sehen bekommen und wusste inzwischen, dass das ein Grund für eine ernste Aussprache war.
      Der getretene Junge schaffte es bis zum Beckenrand, wo er sich erstmal ausruhen musste. Wenigstens schien die Situation nicht zu eskalieren, auch wenn im Wasser weiterhin Chaos herrschte. Die Lehrerin mit ihrem: „Bitte passt doch aufeinander auf“, konnte daran auch nicht viel ändern.
      Luridus hielt von antiautoritärer Erziehung im Sportunterricht nicht viel. Pfeife und laute Stimme waren hier durchaus angebracht und notfalls würde er die allzu aufmüpfigen mal rennen oder schwimmen lassen, bis sie nicht mehr konnten. Die jungen Leute waren körperlich einfach nicht mehr ausgelastet. Nur rumsitzen war auf Dauer einfach nicht das Wahre.
      Einige tessmarische und wenn Luridus sich nicht täuschte auch arunische Schüler hatten jetzt begonnen, die elavischen Mädchen am Beckenrand nasszuspritzen.
      „Guckt mal, die fangen schon an zu flennen“, sagte einer. Großes Gelächter.
      „Elavier sind solche Schwächlinge.“
      „Schluss jetzt! Macht weiter und lasst die beiden in Ruhe!“
      Murrend aber ohne deutliche Widerworte befolgte die Gruppe Luridus‘ Aufforderung.
      Er wandte sich den beiden Mädchen zu. „Alles klar bei euch?“
      Die beiden waren tatsächlich am Heulen. „Wir so nicht raus können“, schluchzte eine von ihnen.
      Im nassen Zustand entsprach ihre Kleidung nicht mehr den für anständige Elavierinnen gültigen Vorschriften. Wesentlich mehr Sorgen bereitete Luridus jedoch das kalte Wetter Wenn sie mit den nassen Sachen in den kalten Wind hinausgingen und an der zugigen Bushaltestelle herumstanden, konnten sie sich leicht erkälten.
      „Habt ihr denn noch irgendwas zum Wechseln dabei?“
      „Nein.“
      „Dann borgt ihr euch irgendwo nen Fön, vielleicht kann eure Lehrerin ja aushelfen.“
      Die beiden nickten.
      „Und in Zukunft vielleicht lieber mitmachen. Dann werden eure Straßensachen nicht nass.“
      „Das geht nicht. Wir Chlorallergie.“
      „Aha, Chlorallergie.“
      „Sie uns nicht glauben, wir haben Zettel von Arzt.“
      Luridus behielt für sich, was ihm zum Thema „Ärzte, die unbegründet Atteste ausstellten“, auf der Zunge lag.
      „Es gibt übrigens auch elavische Badekleidung“, sagte er. „Nur mal so als Info. Aber jetzt geht und redet mit eurer Lehrerin, damit ihr nicht noch länger nass hier rumhockt.“

      Die Sache mit dem Fön schien geklappt zu haben, jedenfalls kehrten die beiden fünfzehn Minuten später mit trockenen Sachen zurück und wenig später durften sie auch schon wieder gehen.
      Bei den nächsten Schulklassen wurde es fast gespenstisch ruhig im Schwimmbad. Es handelte sich um Abschlussklassen der Oberschule von Ledion und sie machten Noten. Auch in diesen Klassen waren ein paar Elavier und Tessmari, die aber überhaupt nicht unangenehm auffielen.
      In der letzten Schuldoppelstunde des Vormittags waren die fünfzehnjährigen Viertklässler aus Ledion an der Reihe. Der Lärmpegel stieg wieder deutlich an. Den Worten der Lehrerin war jedoch zu entnehmen, dass auch hier Noten machen auf dem Plan stand. Ein sehr blasser Junge mit hellen Haaren, hockte jedoch auf der Bank, auf der vorhin die beiden Elavierinnen gesessen waren.
      „Auf geht’s Jasius, worauf wartest du?“, rief die Lehrerin. „Einschwimmen. Zack zack.“
      „Ich glaube, ich kann heute nicht mitschwimmen, Lurie Marilla. Mir ist gar nicht gut.“
      „Schon wieder? Wird dir eigentlich jedes Mal schlecht, wenn wir Noten machen wollen?“
      „Mir ist echt nicht gut.“
      „Du hast vorhin auf dem Weg hierher drei Weißbrezeln gegessen.“
      Meravas und die Serha volis waren unter anderem als Brezelregion von Arunien bekannt. Das Gebäck bekam man hier in allen Größen und Formen. Weißbrezeln bestanden aus hellem Hefeteig, der vor dem Backen mit Salzwasser bestrichen wurde und dazu noch mit weißen Salzkörnchen bestreut.
      Luridus überlebte, ob die Lehrerin dem Jungen unterstellte, dass er das absichtlich getan hatte, damit ihm später beim Notenmachen schlecht wurde.
      „Ja, und? Ich hatte halt Hunger.“
      „Aha. Und jetzt ist dir schlecht. Und die letzten zwei Mal, als wir Schwimmnoten gemacht haben auch schon. Meine Güte, Jasius, jetzt krieg halt mal deinen Hintern hoch.“
      „Mir geht’s echt voll dreckig. Und das war die letzten Male auch schon so. Ich glaube, ich habe eine Chlorallergie.“
      Luridus verdrehte die Augen. Woher kam nur diese plötzliche Abneigung gegen sein Element?
      „Chlorallergie, das ist doch lächerlich? Hast du da ein ärztliches Attest?“
      Musste er eben die Elavierinnen von vorhin nach der Adresse ihres Arztes fragen. Ob der aber bei Aruniern auch so großzügig war?
      „Nein, aber es ist echt wahr.“
      Luridus betrachtete den Jungen. So blass wie er war, wirkte das alles andere als normal. Außerdem war es nicht so warm, dass einem beim Sitzen in Badehose der Schweiß auf der Stirn stehen müsste. Als er ihn genauer anschaute, fiel ihm auch noch etwas anderes auf. Es war noch recht schwach, aber eindeutig, die Ausstrahlung einer entstehenden Gabe.
      Jasius litt nicht unter einer Chlorallergie sondern würde demnächst genau Luridus ein Magier dieses Elements sein. Zuerst musste er aber die unangenehme Ausbildung der Gabe ertragen. Ins Wasser wollte Luridus ihn unter diesen Umständen auf keinen Fall lassen.
      „Haben Sie etwas dagegen, wenn ich mich kurz mit ihrem Schüler unterhalten, Lurie Marilla?“
      Die Lehrerin wirkte etwas überrascht. „Darf ich fragen, worum es geht?“
      „Ich würde das gerne zuerst mit Jasius besprechen.“
      „Na gut, von mir aus. Wenn wir hier noch mehr Zeit verschwenden, reicht es uns eh nicht mehr für alle.“
      „Komm bitte mit mir mit.“ Die Lehrer schienen momentan alles im Griff zu haben und andere Badegäste waren während der Schulvormittage nicht da.
      „Hä, was geht denn jetzt?“, fragte Jasius.
      „Das erkläre ich dir gleich.“
      Luridus führte den Jungen in sein Büro. „Setz dich.“
      Jasius gehorchte, dabei wirkte er immer noch ziemlich verwirrt. Luridus konnte sich denken, dass es ihm nicht so leicht fiel, sich bei seinem schlechten Gesundheitszustand zu konzentrieren.
      „Krieg ich jetzt von Ihnen eine Extra-Abreibung, Lurier Remigius? Ich lüg echt nicht.“
      „Ich weiß, dass du nicht lügst, Jasius. Du bist aus einem anderen Grund hier. Hast du schon einmal von Elementarmagie gehört?“
      Die Augen des Jungen leuchteten auf. „Ja, klar. Wieso?“
      „Nun ja, das ist der Grund für deine Beschwerden. Du hast keine Chlorallergie sondern du bekommst eine Gabe für dieses Element. Am Anfang ist das immer schwierig, du hältst dich da sogar noch ganz gut.“
      „Echt jetzt? Das ist ja voll cool. Ich hab übrigens auch daheim schonmal Chlor hergestellt. Da hat das irgendwie angefangen. Kann es davon passiert sein?“
      „Das kann ich dir zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen.“ Luridus war erleichtert darüber, dass Jasius sich über die Neuigkeiten freute. Das war keineswegs eine Selbstverständlichkeit.
      „Viele Elementarmagier wissen auch nie so richtig, warum sie genau dieses Element haben. Ich selber zum Beispiel. Ich habe auch eine Gabe für Chlor.“
      „Passt ja irgendwie hier im Schwimmbad“, sagte Jasius grinsend. „Ich will aber später mal lieber Chemiker werden als Bademeister. Geht das, oder muss ich dann mal im Schwimmbad arbeiten?“
      „Das musst du natürlich nicht. Die meisten Chemieprofessoren in Arunien sind auch Elementarmagier und forschen vor allem an ihrem Element. Das passt also alles gut. Als erstes musst du aber lernen, mit deiner Gabe umzugehen. Und dafür musst du Mitglied im Alchimistenzirkel werden.“
      Und Luridus selbst würde auch nichts anderes übrig bleiben, als sich wieder mit dieser Institution zu befassen. Natürlich musste er Jasius helfen, die Folgen wurden ihm erst so langsam klar. Luridus hatte noch nie einen Novizen ausgebildet, gut möglich, dass ihm diese Aufgabe übertragen werden würde. Lebetinus hatte es zwar auch noch nie getan und er war schon ein paar Jahre länger dabei, aber beim Alchimistenzirkel würden sie sicher der Meinung sein, dass er als Vorstandsvorsitzender von Ultiria weniger Zeit übrig hatte als Bademeister Luridus.
      Er öffnete seinen E-Mailaccount. „Es ist meine Pflicht, dich beim Alchimistenzirkel anzumelden“, erklärte er Luridus.
      „Ja klar. Ich will ja auch was lernen.“
      Die Leiterin der Novizenausbildung war Cornelia Lentina, eine Argonmagierin. Lentina war eine sehr konservative Frau, etwas anderes war von einer Edelgasmagierin auch nicht zu erwarten.
      „Kann man aus Chlor eigentlich auch Sprengstoff herstellen?“
      „Meines Wissens nicht, aber das ist wirklich nicht mein Fachgebiet.“
      „Was macht man sonst so damit? Außer Schwimmbäder desinfizieren?“
      „Na ja, es ist Bestandteil unseres Speisesalzes, wie du vielleicht auch schon gemerkt hast. Außerdem ist es ein wichtiges Zwischenprodukt und gibt einige nützliche Verbindungen, gerade wenn man Ungeziefer loswerden will.“
      „Sie meinen sowas wie chemische Waffen?“
      „Wenn du Pestizide so bezeichnen willst. Im Alchimistenzirkel würde ich dir aber eine andere Wortwahl empfehlen, wenn du keinen unnötigen Ärger willst.“
      Luridus trug Cornelia_Lentina@alchimistenzirkel.aru in die Adresszeile seiner Mail ein und fragte Jasius nach seinem vollen Namen. Er gab sich keinen Illusionen hin, wahrscheinlich wäre es sehr viel entspannter sich dazu zu verpflichten, drei Jahre lang fünfzehn „Ich mach dich Wallach-Tessmari-Mädels“ auf ihrer wöchentlichen Shoppingtour zu beaufsichtigen, als die dreijährige Novizenausbildung beim Alchimistenzirkel von Jasius zu begleiten. Aber Pflicht war Pflicht und er war noch nie vor seiner davongelaufen.
      Langweilig würde es sicher nicht werden, so viel stand schon einmal fest.
      „Und was muss ich jetzt machen?“
      „Wenn du das allein schaffst, darfst du jetzt zuerst einmal nach Hause und dich ausruhen, ich klär das mit deiner Lehrerin. Wenn deine Beschwerden schlimmer werden sollten, melde dich bei mir. Sobald es dir wieder besser geht, meldest du dich auch, dann werde ich dich dem Alchimistenzirkel vorstellen.“
      Luridus bemühte sich, nicht das Gesicht zu verziehen, als er die Institution erwähnte. Der Junge sollte nicht von Anfang an negativ darüber denken. Und er selbst musste eben über seinen Schatten springen. Höchstwahrscheinlich hatten die Leute dort schon längst vergessen, womit sie ihn vor den Kopf gestoßen haben.
      Er beendete die E-Mail und klickte auf Senden.


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      Eis und Frost bedecken noch die Knospen, die sich um den Türrahmen des sechzehnten Türchens ranken. Doch deren Farben leuchten unter dem schimmernden Überzug, als würden sie nur darauf warten, dass es endlich taut. Und fängt es dort, ja dort, nicht langsam an zu schmelzen?





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      Cioléhus Brautwerben
      (wie man es sich in Nomndur so erzählt)

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      Der Herr des Frühlings ist erwacht.

      Langsam, schläfrig noch, erhebt er sich von seinem weichen weißen Lager, reckt die Glieder, schaut umher. Tief holt er Luft, atmet frostigen Hauch aus. Raureif glitzert noch ringsum, doch ein mildes Lächeln stiehlt sich auf seine Lippen und schmilzt ihn schnell dahin. Sein Nebelatem hüllt den Wald in einen schwindend feuchten Schleier, und er beginnt ihn zu durchwandern, langsam erst, bis ihm wärmer wird, und sein Atemhauch in winterklammen Ästen spielt. Ja, es ist Zeit für ihn, sein Tagwerk zu beginnen.

      Er singt zum Himmel.

      Das stumpfe Grau klart auf, lang genug hat es die schlafende Welt verhüllt. Der Himmel, schüchtern hellblau, ziert sich noch ein wenig, und vermag doch nicht der Schmeichelei zu widerstehen. Er protzt vor ihm mit Blitz und Donnergrollen, und macht die Wolken tanzen, schmückt regenbogenfarben sich zu seinen Ehren, der zu ihm von Licht und Wonne singt. Die Sonne tritt hinzu, liebkost ihn sanft mit ihren Strahlen, taucht die Welt in warmen hellen Glanz. Ja, es ist Zeit für ihn, der Unrast nachzugeben.

      Er macht sich auf den Weg.

      Durch Ebenen und Täler, über Hügel und Berge wandert er. Seine Herolde, die Eisblättchen, flüstern von seinem Kommen. Pilze recken neugierig die bleichen Köpfchen aus feuchtbraunem Laub empor, suchen einen Blick auf ihn zu erhaschen. Sonnflecken schlüpfen heraus und sprenkeln die Waldränder mit sattgelben Tupfen. Hoheschellen und Weidfähnchen keimen in Erwartung seines Kommens. Wiesen und Wälder kleiden sich in Jade und Smaragd, schmücken sich mit perlendem Tau, Knospen und ersten Blüten, breiten einen weichen Teppich aus samtenem Moos und saftigen Grashalmen vor ihm aus. Ja, es ist Zeit für ihn, das Alleinsein zu beenden.

      Er ruft sein Gefolge herbei.

      Vögel verbreiten zwischernd die Kunde. Wasser gluckst in Bächen, schwillt vor Stolz an, ihn an seinen Ufern zu finden, sprudelt freudig als die Fische nach oben steigen, um ihn mit silberflimmernden Leibern zu grüßen. Sein süßer Atemhauch lockt die Bienen hervor, ihr Summen erfüllt die Lüfte. Rehe nähern sich scheu, Aiphnal umtanzen ihn. Yessit und Gh'du, Jyrda und Kaninchen suchen seine Nähe. Manche befreit er mit zärtlichem Zausen vom Winterpelz, dessen warme Last sie unter seiner Herrschaft nicht mehr brauchen. Ja, es ist Zeit für ihn, die Liebste zu verlocken.

      Er wirbt um seine Holde.

      Wie eine Biene die Blüte umwirbt und selbst die großen Hycyrrqkäfer umeinander tanzen, so sucht er seine goldhaarige Geliebte zu umgarnen, die ihn im letzten Herbst verlassen hat, um im Reigen der fallenden Blätter das Jahr in den Schlaf zu tanzen.
      Müde war er gewesen, lange bevor die Halme schwer sich bogen, und die Bäume Früchte trugen. Den Kopf auf ihrem Schoß, umgeben vom Duft nach Heu und Kerzenkraut war er eingeschlafen, und im neugebornen Jahr allein und fröstelnd wieder aufgewacht.

      Er jauchzt und neckt sein Mädchen.

      Übermütig und mit Schalk im Lächeln versteckt sie sich vor ihm, spielt Haschen, heißt ihn sich ihre Gunst erringen.
      Er läßt die Hirsche eifrig miteinander fechten, singt mit den Vögeln überschwenglich im Duett, läuft mit den flinksten Hasen um die Wette. Honigbaum, Tué und Fächerast, Attrant, Blaurich und Goldkillor läßt er blühen, und mit den Blüten öffnet sich ihr Herz für ihn. So zeigt sie sich in Wirbeln aus Blütenstaub und Sonnenlicht, eilt hin zu ihm und fällt ihm um den Hals.

      Er lacht vor Glück.

      Ja, es ist Zeit, daß Herr Frühling und Herrin Sommer sich wieder vereinen.


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      Schwerter klirren, und von der Hügelkuppe auf der das siebzehnte Türchen thront, kann man das Schlachtfeld gut überblicken. Sieg und Niederlage sind bereits entschieden. Mehr und mehr Männer strecken die Waffen, doch hier, so dicht am Türchen, wird noch immer gekämpft…



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      Die Schildung

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      Mein Gegner weicht zurück und wie durch ein Wunder rückt kein anderer nach. Zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit kann ich etwas verschnaufen und den Blick schweifen lassen. Unser Grüppchen ist klein geworden, doch noch immer ist dieser Hügel - unser Anteil des Schlachtfeldes - fest in unserer Hand. Wenn sie ihn uns nehmen wollen, wird sie das teuer kosten. Schon jetzt ist das Gras am Fuß des Hügels schlüpfrig von Blut. Schier endlos sind die Männer des Herzogs gegen uns angerannt, und jede Wunde, die sie uns zugefügt haben, haben wir zehnfach zurückgegeben. Jetzt auf einmal scheint ihr Eifer erlahmt, wachsam und misstrauisch umringen sie uns, die Waffen gezückt, doch keiner will mehr der nächste sein, dessen Schicksal sich heute vollendet. Mein Blick geht über ihre Reihen hinaus, und auf einmal wird alles klar. Dort draußen laufen Leute kreuz und quer über das Schlachtfeld. Manche suchen nach Freunden und Verwandten, manche verbinden die Verletzten, andere plündern die Toten aus. Von weiter hinten dringt wildes Schreien und raues Lachen an mein Ohr. Dort war einmal unser Lager. Jetzt gehört es und alles, was darin war, unseren Feinden.
      „Es ist vorbei!“ Eine Hand legt sich schwer auf meine Schultern. Es ist der Ritter, der heute den ganzen Tag Seite an Seite neben mir stand. Wir haben miteinander und füreinander gekämpft, haben uns gegenseitig beschützt, als wären wir Brüder, dabei habe ich ihn noch nie zuvor gesehen. Ich weiß nicht einmal, wie sein Gesicht unter der schweren Beckenhaube aussieht. Es war einfach Zufall, der uns heute auf der gleichen Seite stehen ließ. Noch einmal nickt er mir zu, und ich weiß nicht, ob das Respekt oder Mitleid ist, was ich in seinen Augen sehe. „Es ist vorbei.“ Er geht an mir vorbei, lässt sein Schwert zu Boden gleiten und hebt die Hände, bevor er die letzten Schritte hinab zum Fuß des Hügels geht und dort vor unseren Feinden demütig in die Knie sinkt. Ich sehe fassungslos zu, wie er sich widerstandslos fesseln lässt, bis mir auf einmal bewusst wird, dass ich der letzte bin, der noch die Waffe in den Händen hält. Es ist vorbei - und auch ich ergebe mich endlich.
      Sie bringen uns in ihr Lager, wo schon all die anderen versammelt sind, die gefangen genommen wurden. Es ist erschreckend, wie wenig von unserem stolzen Heer übrig geblieben ist, und ich weiß nicht, wie viele der Fehlenden entkommen konnten. Man zerrt uns vor eine Gruppe von Männern, einige sind alt und mit weißen Haaren, anderen fehlt ein Arm oder ein Bein. Sie tragen keine Rüstung, denn sie waren heute nicht hier, um zu kämpfen. Nein, das sind die Ratgeber des Herzogs. Erfahrene Leute, die jedes Wappen hier kennen. Sie fragen mich nach meinem Namen und ich antworte ohne zu zögern, doch das genügt ihnen nicht. Sie inspizieren meinen Schild, den man mir bis jetzt gelassen hat, dann stellen sie mir noch einige Fragen: über meinen Großvater, unsere Ländereien, die Verwandten meiner Mutter… Endlich geben sie sich zufrieden und ich werde zur Seite geführt. Knechte legen mir Fuß- und Handfesseln aus Eisen an, dann lässt man mich endlich in Ruhe und ich sinke erschöpft zu Boden. Die Rüstung hat man mir nicht abgenommen - nur den Helm - und gefesselt wie ich bin, kann ich das nicht selbst tun.
      Vor meinen Augen müssen sich diejenigen Gefangenen, die keine adlige Herkunft nachweisen konnten, die Söldner und Kriegsknechte, bis auf die Unterkleidung ausziehen. Sie werden als Arbeiter an Erzminen verkauft oder als Matrosen auf irgendwelche Schiffe. Wenn sie in sieben oder zehn Jahren noch am Leben sind, werden sie vielleicht ihre Freiheit wiedererlangen. Hier bei mir sind nur noch die Adligen, von denen man ein Lösegeld erwarten kann. Die Ritter und die Junker wie ich es einer bin. Alt genug, um in die Schlacht zu ziehen, doch noch nicht für würdig befunden, das Wappen der Familie in voller Pracht zu führen. Kein Knappe mehr und doch noch kein Ritter. Meine müden Gedanken ziehen immer wildere Kreise, als klammerten sie sich an jeden Strohhalm, nur um nicht über die erlittene Niederlage nachdenken zu müssen. Es war nicht mein Kampf, ich war nur wegen der Beute hier. Hatte gehofft, in diesem Krieg meinen mageren Beutel aufpolstern zu können und habe jetzt weniger als vorher. Ich wage es nicht, daran zu denken, was mir die nächsten Monate bringen werden. Mein Onkel, der Herr über unsere Ländereien, wird nicht einen Taler an Lösegeld für mich zahlen, da bin ich mir sicher. Wie lange werden sie mich noch mit Respekt behandeln? Was wird passieren, wenn sie erkennen, dass sie für mich nichts bekommen werden? Irgendwann bringt mir jemand etwas Brot und einen vollen Schlauch Wasser. Erst jetzt merke ich, wie durstig ich bin. Um meine Wunden kümmert sich niemand. Es wird mich nicht umbringen, das kann ich spüren, aber sie schmerzen sehr. Wenn mir nur endlich jemand aus dieser Rüstung helfen würde. Doch dafür bin ich nicht wichtig genug, und irgendwann schaffe ich es doch einzuschlafen.

      Eine schwere Hand reißt mich aus der Ohnmacht tiefer Erschöpfung und noch bevor ich recht weiß, wie mir geschieht, hat man mir die Fesseln abgenommen und mich auf die Füße gezerrt. Was wollen sie nur von mir? Wo bringt man mich hin? Glauben sie denn, ich weiß etwas, das ihnen von Nutzen sein kann? Aber was soll das sein? Ich bin schließlich selbst kaum mehr als ein Söldner und fern meiner Heimat. Man bringt mich auf ein freies Feld vor dem Lager. Fackeln flackern im Wind und in ihrem Licht erkenne ich vier Gestalten, umringt von mindestens zwei Dutzend voll bewaffneten Rittern. Ein kräftiger Stoß in den Rücken und ich sinke vor den vieren auf die Knie.
      „Worin liegt eines Ritters Ehre?“ donnert eine Stimme über mir, und als ich aufsehe, erkenne ich voll Schrecken das Wappen Eradas auf dem Rock des Mannes - es ist der Herzog höchstpersönlich. Ist dies ein Gericht? Welche Schandtat wirft man mir vor? Ich zermattere mich den Kopf, aber so viele Erinnerungen an den Kampf wurden von Angst und Schmerz und Erschöpfung ausgelöscht. Ich bin mir nicht bewusst, etwas Unrechtes getan zu haben, aber das will nichts heißen. Sie haben mich nicht ohne Grund mitten in der Nacht vor dieses Tribunal gezerrt.
      „Antworte! Worin liegt eines Ritters Ehre?“ Wieder hallt die Stimme des Herzogs laut durch die Dunkelheit. Angst legt sich wie eine eisige Faust um mein Herz, doch als ich zu ihm aufblicke, scheint es mir, als zwinkere er mir väterlich zu. Es ist nur ein Moment, und auf einmal verstehe ich den Sinn der Frage. Kann das wirklich sein? „He, Bursche! Bist du taub oder stumm?“
      Ich versuche zu sprechen, doch meine Kehle ist so ausgedörrt, dass ich nur ein seltsames Krächzen zustande bringe. Ich zwinge mich zur Ruhe, atme einmal tief durch und endlich trägt meine Stimme: „Eine Ritters Ehre ist die Treue zu seinem Herrn, die Gerechtigkeit zu seinen Dienstleuten und die Freigiebigkeit zu seinen Ritterbrüdern.“
      Er nickt mir zu und tritt zur Seite. Der nächste, der vor mich tritt ist der Graf von Hohensteig. „Was ist eines Ritters Tugend?“
      „Frömmigkeit vor den Göttern, Demut vor ihren Dienern und Mildtätigkeit vor den vom Schicksal Gebeutelten.“
      Das Wappen des nächsten kenne ich nicht. „Was ist eines Ritter Streben?“
      „Tapferkeit im Kampf, Wahrhaftigkeit in seinen Taten und Unnachgiebigkeit gegen sich selbst.“
      „Was ist eines Ritters Zierde?“
      „Anstand gegenüber Frauen, Gleichmut gegenüber seinen Spöttern und Stolz auf seinen Namen.“
      Damit tritt der letzte beiseite und gibt den Blick frei auf das, was bisher verborgen war. Vor mir steht ein Schild an einen Baum gelehnt: nagelneu, die Farbe glänzend im Fackellicht und von keiner Schlacht verunstaltet. Mein Schild, mein Wappen! Nicht der einfache Schild eines Junkers, den ich bis jetzt geführt habe, sondern der Schild eines Ritters in aller Pracht. Ein nachtschwarzes Feld und darauf ein silberner Drache, der sich von einem roten Fels in die Luft erhebt, die mächtigen Schwingen weit geöffnet und das Maul angriffslustig geöffnet. Quer über alles das breite rote Band, das jedem verkündet, dass ich zwar nicht der Herr von Redenfels bin, aber sein Erbe. Wie oft habe ich dieses Wappen gesehen, denn wie es der Brauch will, war es stets auf die Innenseite meines Schildes gemalt, um mir vor Augen zu halten, worauf mein Leben zielt.
      Die Stimme des Herzogs reißt mich aus meinen Gedanken: „Dies ist die letzte Nacht, die du als Junker verbringst. Morgen früh wirst du die Sonne als Ritter aufgehen sehen. Darum bedenke wohl, was du uns geantwortet hast und wähle weise, wonach du dein Leben in Zukunft ausrichten willst.“
      Er hält mir mein Schwert hin, doch als ich danach greife, zieht er es wieder weg. „Mach keine Dummheiten. Du hättest ja doch keine Chance.“ zischt er mir ins Ohr. Ich kann nur noch nicken und endlich gibt er mir die Klinge. Die Schritte der vier entfernen sich und ich bin allein. Allein mit zwei Dutzend Bewaffneten, die dafür sorgen, dass ich nicht von meiner eigenen Schildung weglaufe.
      Wie oft habe ich mir diesen Moment in meinen Tagträumen ausgemalt. Welcher Knappe tut das nicht? Meistens stellte ich mir rauschende Feste vor, Fanfaren, ein Turnier und dann eine würdevolle Nachtwache, gekleidet in edle Gewänder, den Schild an den Altar der Burgkapelle gelehnt. In meinen kühnsten Augenblicken mochte ich auch einmal von einer Schildung nach der Schlacht geträumt haben. Ein heldenhafter Sieg, stolze Kameraden, die mir helfen, das Blut meiner Feinde abzuwaschen und einen frischen Wappenrock anzulegen und dann vor meinen Herrn zu treten, um aus seiner Hand die Ritterwürde zu empfangen.
      Jetzt ist alles ganz anders. Ich bin müde und hungrig und zu viel von dem Blut, das meine Haare verklebt und meine Kleidung besudelt, ist mein eigenes. Noch immer hat niemand meine Wunden verbunden, und wenn ich mich bewege und die Rüstung daran scheuert, durchzuckt mich der Schmerz wie ein wütender Eber. Immer wieder muss ich mir auf die Lippen beißen, um nicht laut aufzustöhnen. Die Rüstung lastet auf meinem geschundenen Körper wie ein Felsklotz und ich fürchte, dass mir schwarz vor Augen werden könnte. Welche Schande, auf der eigenen Schildung in Ohnmacht zu fallen! Aber woher soll ich nur die Kraft nehmen, bis zum Sonnenaufgang durchzuhalten?
      Ich will nicht hier sein, möchte mich am liebsten irgendwo verkriechen. Doch während die Fackeln langsam abbrennen, entdecke ich auf einmal tief in mir drin eine winzige, züngelnde Flamme Stolz. Ich bin nicht der erste, der die Schildung aus der Hand seiner Feinde empfängt. Ohne nachzudenken könnte ich wohl zwei Dutzend Namen nennen. Einige dieser Ritter sind noch am Leben, die meisten gehören zu vergangenen Generationen. Wie jeder Knappe, ja, wie jeder Mensch in Belida habe ich Geschichten und Lieder über sie gehört - Heldengeschichten! Nicht in meinen kühnsten Träumen hätte ich jemals zu hoffen gewagt, einmal selbst diese Ehre zu empfangen, denn es ist die höchste Ehre, die einem Edelmann zuteilwerden kann. Das Zeichen des allergrößten Respekts vor seiner Tugend und seinem Mut. Ja, ich bin stolz auf das, was da gerade geschieht, und trotzdem würde ich das alles ohne Zögern zurückweisen, wenn ich dafür nur etwas Branntwein bekäme, um die Schmerzen zu betäuben und ein Lager, um mich auszuruhen. Ob es all den Männern, all den viel bewunderten Helden wohl genauso gegangen ist in jener Nacht? Kein Lied erzählt davon.
      Meine Gedanken gehen wild durcheinander. Es gelingt mir nicht, mich auf irgendetwas zu konzentrieren. Alles schlüpft mir wie Aale durch die Finger und doch weiß ich, dass ich diese Nacht niemals vergessen werde. Bei anderen mag es anders sein, aber ich werde als Ritter nicht mehr derselbe Mensch sein, der ich als Knappe und Junker war. So viele Jahre habe ich mich auf ein Leben im Kampf vorbereitet, doch erst in dieser Nacht erkenne ich, was das wirklich bedeutet. Wie eng Stolz und Schmerz, Triumph und Niederlage beisammen liegen, ja, dass sie eins sind und es so etwas wie einen strahlenden Sieg nicht gibt.
      Auf einmal nähern sich Schritte. All die Stunden habe ich fest auf den Schild vor mir gestarrt. Als ich jetzt den Blick hebe, erkenne ich voll Schrecken, dass der Himmel bereits das tiefe Blau des frühen Morgens angenommen hat. Ich habe doch noch gar nicht über die Frage nachgedacht, die man mir gestellt hat. Was soll ich nur sagen? Dann sind die Männer da, es sind wieder die vier, die ich von nun an jedem nennen werde, der Zweifel an meiner Ritterwürde äußert. Die vier, die bestätigen werden, dass ich es wert bin, diesen Titel zu führen, die Zeugen meiner Schildung. Mühsam komme ich auf die Beine - ich bin vollkommen steif nach dem langen Knien. Dann reicht mir einer den Schild und zum ersten Mal schlüpfe ich in die Schlaufen, schließt sich meine Hand um den Griff. Wie viele Male werde ich das noch tun?
      Es ist wieder der Herzog von Erada selbst, der das Wort an mich richtet, und es liegt echte Anteilnahme darin: „Normalerweise würde es jetzt ein großes Fest geben, Musik, Tanz, Gelächter. Vielleicht ein Turnier und auf jeden Fall viele Geschenke von allen euren Freunden. Aber ihr habt hier keine Freunde, zumindest keine, die in der Lage sind mit euch zu feiern, und so wird es für euch kein Fest geben.“
      Ich nicke. Was soll ich auch sagen?
      „Trotzdem sollt ihr heute nicht völlig leer ausgehen.“ Das ist wieder der Graf von Hohensteig. „Nehmt dieses Schlachtross als Ersatz für das, das ihr gestern verloren habt. Ich wünschte, wir könnten euch ein besseres geben. Ihr hättet es wahrlich verdient! Aber dieser Krieg ist noch nicht zu Ende und wir brauchen unsere besten Pferde noch.“
      Knechte bringen einen grobknochigen Fuchs heran. Es ist wahr, das ist keines der besten Schlachtrösser, die ich je gesehen habe, aber seine Augen funkeln wach und aufmerksam und er ist groß und kräftig. „Er wird seinen Dienst treu erfüllen, dessen bin ich mir sicher. Habt Dank!“ Wann auch immer ich wieder Gelegenheit haben werde, auf einem Pferd zu sitzen. Ich darf nicht vergessen, dass ich noch immer ein Gefangener bin.
      Der Graf reicht mir die Hand, dann treten auch die beiden anderen Zeugen heran. Ein paar knappe Glückwünsche, ein fester Händedruck von jedem und dann ist die Reihe wieder am Herzog. „Ich habe noch ein Geschenk für euch. Es kostet mich nicht viel und doch ist es für euch wohl durchaus von Wert.“ Auch er ergreift jetzt meine Hand, drückt sie fest und hält sie. „Ich gebe euch drei Tage Zeit, mein Gebiet zu verlassen. Nutzt sie wohl, denn danach werde ich euch wieder als der Feind betrachten, der ihr seid. Aber in diesen drei Tagen soll keiner meiner Männer Hand an euch legen.“
      „Ihr lasst mich frei?“ Damit hatte ich nicht gerechnet und es dauert einen Moment, bis ich mich von der Überraschung erholt habe. „Habt tausendmal Dank dafür. Ihr habt Recht, das ist mehr wert für mich als alles Gold der Welt.“
      Ich möchte noch mehr sagen, aber er winkt ab. „Spart euch die vielen Worte, ihr habt es euch verdient. Seht lieber zu, dass ihr aufs Pferd kommt, denn die Sonne lässt nicht mehr lange auf sich warten.“
      Ich verziehe das Gesicht. „Ich fürchte, dafür brauche ich Hilfe.“ Es ist mir peinlich. Ein Ritter, der sich an seiner Schildung aufs Pferd helfen lassen muss, aber so ist es nun einmal. Der Herzog lächelt nur und winkt die Knechte heran. Sie sind nicht ungeschickt darin, einen Gepanzerten aufs Pferd zu heben, aber ich kann so wenig dazu beitragen, dass es einige würdelose Minuten dauert, bis sie mich endlich in den Sattel gehievt haben. All meine schmerzenden Glieder melden sich mit lautem Protest ob dieser Behandlung, doch dann durchzuckt mich ein Gedanke, der mich allen Schmerz in eisiger Furcht vergessen lässt. Jetzt kommt die Frage und ich habe noch immer nicht über die Antwort nachgedacht.
      Schon greift der Herzog nach dem Zaumzeug, tritt dicht an mich heran und sieht zu mir hinauf. Panik lodert in mir auf. Ich werde mich restlos blamieren! Sein Gesicht ist nun ernst und förmlich als er die traditionellen Worte spricht: „Ihr seid nun ein Ritter, Dorlan von Redenfels. Welche Tugend soll euch von nun an leiten?“
      Und in dem Moment, in dem ich meinen Namen höre, ist mir die Antwort klar. „Der Stolz auf meinen Namen.“ Meine Stimme klingt kräftig durch die morgenkühle Luft.
      Er sieht mich verblüfft an und in seiner Miene kann ich erkennen, dass er die Geschichten kennt: die über meinen unritterlichen Vater und seinen noch unrühmlicheren Tod, die über den Hass, der zwischen meinem Onkel und mir steht, und all die hässlichen Szenen, zu denen er uns getrieben hat. Wie kann man auf so eine Familie stolz sein? Aber das ist es nicht, was ich meine. Ich sehe ihm fest in die Augen und wiederhole meine Worte: „Der Stolz auf meinen Namen soll mich leiten, auf meinen Namen.“ Es war vielleicht nicht alles gut, was ich in der Vergangenheit getan habe. Aber heute, an diesem Morgen und an diesem Ort habe ich allen Grund, stolz auf mich zu sein, und von nun an will ich alles tun, damit ich diesen Stolz, diese Achtung vor mir selbst und dem, was ich getan habe, nie mehr verlieren muss.
      Verstehen tritt in seinen Blick und er, der Herzog von Erada selbst, neigt den Kopf vor mir. „Ihr seid nicht nur ein tapferer Mann, sondern auch ein kluger, Dorlan von Redenfels. Nutzt die drei Tage gut, ich würde es hassen, euch wieder in Fesseln vor mir zu sehen.“
      Damit gibt er den Kopf meines Pferde frei und ich wende das Tier, um nun endlich nach Osten zu blicken. In diesem Moment blitzt der allererste Sonnenstrahl über den Horizont. Der Anbeginn eines neuen Tages, der Anbeginn eines neuen Lebens. Die meisten jungen Ritter grüßen die Sonne mit einem lauten Triumphschrei, aber ich ziehe nur mein Schwert und hebe die Klinge in einem stummen Salut. So verharre ich regungslos, bis die gleißende Scheibe voll am Himmel steht. Dann stecke ich das Schwert zurück in die Scheide und gebe meinem Pferd die Sporen. Es liegen noch drei entbehrungsreiche Tage vor mir, bevor ich endlich ausruhen kann. Nein, es liegt ein entbehrungsreiches Leben vor mir, aber es ist das Leben, für das ich geboren wurde, ich, Ritter Dorlan von Redenfels.

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      Eine schöne Frau blickt sinnend ins dämmerdunkle Wasser hinaus. Als der Ruf eines jungen Mannes erklingt, wendet sie sich ab, lacht und nimmt ein reich bebildertes Buch zur Hand. Mit diesem begibt sie sich durch das achtzehnte Türchen hindurch direkt in sein Schlafgemach...



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      Märchenstunde

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      "Es war einmal eine Prinzessin, die war wunderschön. Sie hatte Haar strahlend wie die Sonne und Augen wie das blaue Meer und ihre Haut war zart und gleichmäßig. Immer saß sie am Brunnen des Palastgartens und betrachtete ihr Ebenbild im Wasser. Sie war so schön, dass alle Männer im ganzen Land sie heiraten wollten und Männer aus anderen Ländern ganz genauso, denn sie war wirklich sehr sehr schön."
      "Und die Frauen?", erklang unter der Bettdecke hervor, "Wollten die Frauen im Land die Prinzessin auch heiraten?"
      "Das weiß ich nicht, Junge, davon steht hier nichts. Da steht nur, dass die Männer sie alle heiraten wollen."
      "Na gut. Lies weiter, Mami."
      Und Mami las weiter: "Alle jungen Männer kamen herbei, von gewöhnlichen Bauern bis zu prächtig herausgeputzten Prinzen ..."
      "Und überall machten die Frauen all die Arbeit, weil die Männer zur Prinzessin rannten."
      "... um der Prinzessin den Hof zu machen. Sie brachten ihr wundervolle Blumen, goldbestickte Kleider und fein geschnitzte Kästchen aus Holz und Perl, doch die Prinzessin war damit nicht zufrieden und wählte nicht."
      "Ist ja klar, sie kennt ja keinen."
      Mami klappte das Buch zu und seufzte. "Das war früher eben so, da wurde einfach nach Geld oder Macht geheiratet und meistens haben es sogar die Eltern bestimmt, nicht die Leute selber. Und im Märchenland ist es genauso."
      Der Junge streckte den Kopf unter der Bettdecke hervor. "Das ist aber gemein von den Eltern. Ich wäre schön sauer, würdest du mir meine Frau aussuchen. Du würdest mir bestimmt eine aussuchen, die keine Roboterfilme mag."
      "Im Märchenland gibt es aber keine Roboterfilme."
      "Und im Märchenland gibt es auch keine Raumschiffe und keine Unterwasserstädte", sagte der Junge und sah aus seinem Fenster, von dem ein Kirrfisch mit seiner rauen Zunge hungrig die Algen abraspelte.
      "Doch, Unterwasserstädte haben sie dort auch, aber nicht so wie unsere hier, sondern welche, wo Fischmenschen leben."
      "Wie die Válun!"
      "Nein. Nicht wie die Válun. Die Válun sind echte Fische, intelligente Fische mit Werkzeugen und Schrift zwar, aber ganz sicher keine Fischmenschen."
      Der Junge drückte einen Finger gegen das Fenster, wo der Kirrfisch war. "Aber Raumschiffe haben die im Märchenland sicher keine", sagte er, "und keine anderen Planeten, und die Sterne im Märchenland sind nur Punkte am Himmel, die das Sternmädchen auf den Nachthimmel malt, wenn ihm langweilig wird."
      "Richtig", nickte Mami, "Soll ich weiterlesen oder nicht?"
      "Ja, lies vor, Mami."
      Mami klappte das Buch wieder auf und las: "Die Männer der Länder waren bald unzufrieden, denn sie lagerten schon sehr lange um den Palast und ihre Vorräte gingen zur Neige. Da begaben sich drei von ihnen in den Palast, ein Prinz, ein Schneider und ein Spielmann."
      "Was ist ein Spielmann?"
      "Das ist ein Musiker, der von Ort zu Ort zieht. Also. Der König des Landes, der Vater der wunderschönen Prinzessin, empfing den Prinzen, den Schneider und den Spielmann und die drei sagten ihm: König, deine Tochter ist undankbar und wählt nicht. Es sind alle jungen Männer aller Länder hier, die Prinzessin soll sich einen Gemahl aussuchen."
      "Vielleicht mag die Prinzessin einen älteren Mann, so wie du. Papi ist ja ganz grau und du nicht."
      Mami klappte energisch das Buch zu. "Bei Männern werden aber die Haare früher grau! Papi ist sogar ein Jahr jünger als ich."
      "Echt?", fragte der Junge mit staunend weit offenen Augen, dann zog er die Bettdecke über den Kopf und überlegte zugedeckt weiter: "Vielleicht mag die Prinzessin aber trotzdem Männer mit grauen Haaren. Oder vielleicht mag sie ja Frauen."
      "Der König beschloss daraufhin", las Mami etwas lauter weiter, "dass jener Mann seine Tochter heiraten solle, der als erster ihren Namen erriete."
      "Prinzessinnen im Märchenland heißen doch immer Lialan, so wie die lynidischen echten Prinzessinnen."
      "Diese nicht! Dich heiratet sie also schon mal nicht. Soll ich weiterlesen?"
      "Ich will die gar nicht heiraten, die mag bestimmt keine Roboterfilme", erklang dumpf unter der Bettdecke, "Lies weiter!"
      "Da ging der Prinz zurück zu seinem Lager und zu seinem Wahrsager und fragte diesen: Kannst du mir sagen, wie die Prinzessin dieses Landes heißt? Und der Wahrsager sagte: Das kann ich nicht, ich sehe keinen Namen."
      "Der würde die Prinzessin selber heiraten, wenn er es sehen könnte."
      "Da sagte der Prinz: Dann sag mir, wer die Prinzessin heiraten wird. Und der Wahrsager sagte: Es ist ein Mann unter rotem Schleier, aber ich sehe sein Gesicht nicht."
      "Der lügt, der weiß es nicht. Den roten Hochzeitsschleier kann er ja erraten auch."
      "Da band der Prinz sich ein rotes Seidentuch ums Gesicht und zog rote Kleidung an, so schlich er dann durch den Palastgarten an den Brunnen, wo die Prinzessin ihr wunderschönes Ebenbild im Wasser betrachtete. Der Prinz sagte: Schönes Mädchen, ich bin der rote Geist aus dem Brunnen, erschrick nicht vor mir. Ich habe dich dein Leben lang gespiegelt, sei dankbar und sag mir, wer du bist."
      "Den soll sie nicht heiraten müssen, der ist gemein und ein Betrüger."
      "Und die Prinzessin sagte: Du kennst mich doch, ich bin der sanfte Windhauch über dem Wasser. Nenne mich Windhauch, lieber Geist aus dem Brunnen, der mich mein Leben lang gespiegelt hat. Da ging der Prinz zum König und sagte: Deine Tochter heißt Windhauch. Doch so hieß sie nicht und der König warf ihn ins Verlies."
      "Geschieht ihm recht."
      "Der Schneider bot im Palast seine Dienste an und weil er gut schneidern konnte, sollte er ein Kleid für die Prinzessin schneidern. Er fragte eine Dienerin, was er auf das Halstuch sticken sollte, und sie sagte ihm: Die Prinzessin ist ein Sonnenstrahl, der durch das Fenster bricht, sticke Sonnenstrahl. Da ging der Schneider zum König und sagte: Deine Tochter heißt Sonnenstrahl. Doch so hieß sie nicht und der König warf ihn ins Verlies."
      "Hm", machte der Junge, "Der Schneider hat doch bloß gefragt, der ist gar nicht rumgeschlichen."
      "Der König hat ihn ins Verlies geworfen, weil er falsch geraten hat, nicht weil er rumgeschlichen ist."
      "Jaja, weiß ich doch. Lies weiter, Mami!"
      Mami las weiter: "Der Spielmann hörte vom Schicksal des Prinzen und des Schneiders und den falsch geratenen Namen und bekam Angst. Er würde dem König erst einen Namen sagen, wenn er ganz sicher wäre. So stellte er sich nachts unter das Fenster der Prinzessin und spielte ein Lied, und er wusste, dass die Prinzessin zuhörte, denn sie öffnete das Fenster. Also spielte er noch ein zweites Lied und noch ein drittes, dann rief er hinauf: Schöne Prinzessin, ich möchte ein Liebeslied für dich singen, es soll heißen wie du. Und die Prinzessin sagte: Ich bin der kühle Tau, dessen Tropfen im Sternlicht glänzen, nenne das Lied Tautropfen. Und der Spielmann wusste, dass Tautropfen nicht ihr Name war. Aber er spielte ihr das Lied und er nannte es Tautropfen und die Prinzessin schenkte ihm ein bezauberndes Lächeln wie sie nie zuvor gelächelt hatte und das Mondlicht spiegelte sich in ihren Augen."
      "Ist sie verliebt?", erklang unter der Bettdecke.
      "Und da wusste der Spielmann, dass er sie nicht gewinnen konnte, und es erfüllte ihn mit Trauer, denn er liebte dieses Lächeln. Er sagte: Schöne Prinzessin, du Windhauch über dem Wasser, du Sonnenstrahl, der durch das Fenster bricht, du Tautropfen, der du im Sternlicht glänzt, du Mondlicht, das sich in den Augen spiegelt, ich erkenne dich nun. Du bist die Natur der Welt, du hast keinen Namen."
      "Dann kann ja keiner ihren Namen rausfinden! Der König ist gemein."
      "Da sagte die Prinzessin: Ich habe jetzt einen, denn du hast ihn mir gegeben, denn du liebst mich. Ich heiße Mondlicht und solange ich lebe, werde ich mich in deinen Augen spiegeln. Da freute sich der Spielmann und ging zum König und er sagte: Deine Tochter heißt Mondlicht. Und so hieß sie. Da zog der Spielmann ein rotes Tuch vor sein Gesicht und es ward Hochzeit gefeiert. Und seither spielt er jede Nacht ein Lied für die wunderschöne Prinzessin und das Mondlicht spiegelt sich in seinen Augen und seine Prinzessin lächelt für ihn. So leben sie glücklich bis an ihr Lebensende."
      Der Junge tauchte wieder unter der Decke auf. "Das ist toll. Da durfte sie ja doch selber entscheiden. Und ihr Papi wusste ja, dass den Namen nur jemand erraten kann, der ihn ihr auch gegeben hat."
      "Und das konnte nur der, der sie liebt", nickte Mami, "Siehst du, ist doch alles gut geworden."
      "Nicht ganz."
      "Was fehlt denn noch?"
      "Die Leute müssen wieder aus dem Verlies raus."
      "Der Spielmann ist doch ein netter Mann, ja?", lächelte sie, "Es steht hier zwar nicht, aber ich bin sicher, er hat alle im Verlies freigelassen."
      "Nicht alle!", protestierte der Junge, "Wenn da Mörder auch drin waren, dann müssen die da drin bleiben!"
      "Da waren keine Mörder drin!", sagte Mami, "Glaub mir das. Und jetzt schlaf schön."
      "Warum waren da keine Mörder drin? Laufen die etwa frei rum?"
      Mami klappte das Buch zu und legte es in die Nachttischschublade. "Weil das eben so ist im Märchenland. Da passiert alles ganz gerecht und niemand tut etwas Böses, außer, es steht im Märchen geschrieben." Sie strich dem Jungen über den Kopf und gab ihm einen Kuss auf die Stirn. "Und jetzt schlaf gut. Morgen hast du doch schon in der ersten Stunde einen Test, da musst du ausgeschlafen sein."
      Er nickte brav: "Ist gut, Mami."
      Mami stand auf, zog den Vorhang vor Fenster und Kirrfisch, schaltete das Licht aus und machte machte die Tür zu, der Junge schloss seine Augen und stellte sich lächelnd die wunderschöne Prinzessin vor. Vielleicht würde er ja von ihr träumen.

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      Staubgeschwängerte Dunkelheit umgibt das neunzehnte Türchen. Es besteht aus sandverkrustetem Felsgestein, und gewährt einen Blick auf eine nächtliche Wüstenlandschaft, die nur auf den ersten Blick friedlich zu sein scheint…






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      Das Loch im Himmel

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      Khelish presste sich keuchend an den ausgekühlten Felsen. Mit vor Anstrengung zitternden Fingern zog er den glitschigen Verband um die Wunde am linken Oberschenkel fester. Weitere überlebende Krieger huschten rechts und links von ihm im Zickzack von Deckung zu Deckung, schweigsam bis auf gelegentliche Laute der wortlosen Jägersprache. Sie mußten nicht reden um zu wissen, dass die offene Wüste nahe war, nur wenige Fußstunden hinter der Felsenzone.
      Der größte Feind dort war der Durst, und selbst die siegestrunkene Blutlust des Nhakchrstammes würde dessen Krieger nicht dazu bringen, sie sehr tief dort hinein zu verfolgen. Khelishs Stamm, die Chonna, war sonnenberührt. Sie kannten die Wüste wie ein Mann sein Schwert. Die Nhakchr? Wasserbäuche, allesamt. Nur stark in der Nähe ihres Flusses. Nur stark, wenn sie aus dem Hinterhalt angreifen konnten, so wie heute.
      Doch noch waren sie dicht hinter ihnen, und Khelish spähte besorgt zurück. Er hatte seinen kleinen Bruder Dchoqa nicht fallen sehen, aber ob er entkommen oder gar gefangen war, daran wagte er nicht zu denken.
      Dort rechts zwischen den Felsen keuchte sein Onkel Tlyzh heran. Im rostroten Schein der Mondmutter wirkte der schweißgebadete Veteran wie mit Blut übergossen. Er reagierte nicht auf das Zungenschnalzen der Jägersprache, mit dem Khelish ihn anrief. Vielleicht pochte ihm der Puls zu laut in den Ohren.
      "Cht!" fluchte Khelish, und ging das Risiko ein, sich kurz aufzurichten, damit sein Onkel ihn sah. "Onkel Tlyzh!"
      "Brudersohn, du lebst! Thu ist gnädig!"
      "Ich lebe, damit ich diese Schmach eines Tages rächen kann, Onkel. Hier."
      Khelish drückte ihm seinen Wasserschlauch in die Hand. Sein Onkel nahm einen Schluck und behielt das Wasser einen Moment im Mund, um die Schleimhäute zu befeuchten.
      "Hast du Dchoqa gesehen?"
      Kopfschütteln. Tlyzh schluckte, nahm einen weiteren Schluck und gab ihm den Schlauch zurück. "Das muss nicht heißen dass er bei den Ahnen ist. Dieser Rückzug hat uns in alle Richtungen versprengt. Es wird dauern bis die Nhakchr abgehängt sind, und wir uns an den Wasserhorten wieder sammeln können."
      Rufe in der Ferne ließen beide aufhorchen.
      "Sandblinde Narren, sind immer noch hinter uns", meinte Khelish.
      Tlyzh schnaubte. "Nicht mehr lange. Wir lassen diese Schattenkriecher noch ein paar Stunden in unsere Staubfahne husten, und dann sind wir… weg. Und ehe sie sich's versehen haben wir uns gesammelt, verbünden uns vielleicht noch mit einem anderen Stamm, und dann kämpft Thu auf unserer Seite, denn er ist ein gerechter Gott."

      Ein paar Stunden später war sein Onkel nicht mehr so zuversichtlich. Sein Kampfgeist war mit dem Inhalt der Wasserschläuche und der aufsteigenden Sonne dahingeschwunden. Sie hatten kaum noch welches. Er presste nur noch verbissen die Lippen zusammen und setzte einen Fuß vor den anderen.
      Längst hatte Khelish die Führung über die kleine Kriegertruppe übernommen, die sich in der Dämmerung in der Wüste zusammengefunden hatte. Sie waren nun zu acht, und er hatte bereits einen Plan.
      Ihr Ziel war ein einzelner Steinlungenbaum, der außer seinen Wasserwurzeln noch verschiedene vergrabene Tonkrüge für die Chonna bereithielt, die von den sanddicht versiegelten Vorräten wußten.
      Doch Vorsicht war geboten, denn der Nhakchrtrupp, der sich an ihre Fersen geheftet hatte, war hartnäckiger als gedacht. Schlimmer noch: sie hatten vermutlich ein Kchenti. Khelish hatte zumindest geglaubt, das kehlige Kollern einer dieser seltenen Echsen in der Ferne zu hören.
      Kchenti konnten die Fährten ihrer Beute in der Luft riechen. Was nützte es da, nur auf festgebackenem Sand zu laufen? Die einzige Hoffnung lag darin, dass der Verfolgertrupp, wenn er in der Ferne als kleine Pünktchen auftauchte, nicht mehr als dreissig Mann zu haben schien. Eine Übermacht - aber vielleicht nicht mehr lange.
      Als sie in einer passenden Senke zwischen zwei Dünen waren, hob Khelish die Hand. "Hier ist es gut."
      Einen nach dem anderen sah er seine Kriegerbrüder an. "Alles verstanden? Fährte aufteilen, Kchenti verwirren, ich gehe in direkter Linie zur Steinlunge und wenn ich dort Kriegerbrüder finde, legen wir einen Hinterhalt bis ihr die Nhakchr herlockt. Dann nehmen wir sie von hinten in die Zange, wenn sie sich auf euch stürzen. Wenn nicht, sammeln wir uns am Baum und erwarten sie mit dem Todeslied auf den Lippen. Egal wie - wir zahlen es ihnen heim! Für Thu und Thala!"
      "Für Thu und Thala!"

      Khelish spürte die Hitze der Sonne und die Last der Verantwortung bei jedem Schritt, den er sich von den anderen entfernte. Ein leichter Windhauch ließ den Schweiß auf seinen Wangen trocknen sobald er entstand.
      Der Plan war gut, doch sie waren alle erschöpft. Die anderen würden ihre Fährten für das Kchenti mit Einsatz von frischem Blut, Schweiß, Urin und ein paar winzigen Bröckchen Trockenfleisch sehr aufregend gestalten. Mit etwas Glück würde es Khelishs unauffällige Fährte ignorieren, oder so hin- und hergerissen zwischen den Spuren sein, dass die Nhakchr ganz aufgaben.
      Er kam gut vorwärts. Khelish sehnte sich danach, seine Schnittwunde ordentlich auszuwaschen und hoffte, am Baum die Zeit zu finden, um einen Heilumschlag mit eingeweichten Trockenkräutern aufzulegen.
      Es traf ihn völlig unvorbereitet, als er den halb unter Sand verwehten Steinlungenbaum schließlich erreichte. Die Nhakchr waren vorher da gewesen. Sie hatten sich nicht damit aufgehalten, hier einen Hinterhalt zu planen.
      Tiefe Löcher klafften im steinharten Holz, brutal und rasch hineingeschlagen, bis hinunter in die Wurzeln reichten sie.
      Fassungslos sank Khelish auf die Knie. Der Sand war noch feucht. Es war wirklich jede Wasserwurzel des Baumes zerstört. Jedes Knubbelblatt lag abgehauen im Sand, und in den hohlen Stamm des Baumes war ein großes Loch gehauen, und die feinverästelte Gewebeschicht im Inneren war herausgekratzt worden. Der Baum würde nie mehr atmen und das Luftwasser zu sich holen können. Wie konnte man dem Lebensspender der Wüste nur so etwas antun?! Das war verboten, das war… undenkbar! Doch niemand würde je davon erfahren.
      Kein Wasser. Das bedeutete kein Hinterhalt. Keine Rache. Das bedeutete den Dursttod.

      Der spärliche Schatten, den die Steinlunge immer noch spendete, kam Khelish wie eine letzte Verhöhnung der Nhakchr vor. Trotzdem setzte er sich aus Gewohnheit dorthin. Er starrte in die hitzeflimmernde Wüste hinein und versuchte eine Lösung zu finden, spielte Möglichkeiten durch, noch rechtzeitig andere Wasserstellen zu erreichen, den Nhakchr ihr Wasser abzujagen, irgendetwas… doch er kam zu keinem Ergebnis. Seine hitzeträgen Gedanken drehten sich im Kreis, immer wieder dachte er an die offene Frage, ob er Dchoqa bald bei den Ahnen wiedersehen würde, oder ob sein Bruder im Gegensatz zu ihm überleben mochte.
      Seine Verzweiflung drohte ihn zu übermannen, und er gewann die Schlacht gegen den verschwenderischen Luxus von Tränen nur mit Mühe.
      Dehalb bemerkte er auch nicht sofort, dass die Luft in der Nähe sich seltsam benahm. Wie bei einer Hitzespiegelung, begann sie zu flirren, dann weißlich zu leuchten, als hätte sie Feuer gefangen. Und die Spiegelung waberte auf ihn zu.
      Khelish runzelte die Stirn. Was beim Vatergott war das? Ein Luftgeist? Die leuchteten zwar, sahen aber doch ganz anders aus!
      Plötzliche Luftböen fauchten über ihn hinweg und zerrten mit solcher Wucht an ihm, dass er Mühe hatte, sich dem entgegenzustemmen. Das seltsame Ding schien zu wachsen. "Heiliger Vater, was…. aaah!"
      Der Tag zerfaserte in grelle Striemen, die das ganze Farbspektrum durchzuckten, ehe sie mit einem Gänsehaut erzeugenden Kreischen rissen und die Realität um sie herum zum Zucken brachten. Als würde eine lichterlohe Flamme wie ein langsamer Blitz heranfließen, verästelte sich das seltsame Feuer in seine Richtung. In ihrer Mitte war… Nichts. Ein seltsamer wirbelnder Sog, der seinem Geist Farben und Muster vorgaukelte, die er mit seinen Sinnen nicht erfassen konnte.
      Khelish sprang auf, doch es war zu spät um dem Phänomen auszuweichen. Das grelle Licht bohrte sich an einem dutzend Stellen durch ihn hindurch, als wären da weder Umhang noch verstärkte Rüstung, als wäre da nicht er, sondern Luft, sondern weniger als nichts. Es fühlte sich nicht so an wie eine Stichwunde, und es war zugleich schmerzhaft und doch nicht, als wüßten seine Sinne nicht was sie mit der Empfindung anfangen sollten. Ehe er das seltsames Ziehen begreifen konnte, ergriff das Nichts im Zentrum sein ganzes Ich, durchdrang Körper und Geist. Seine Knochen selbst schienen zu schreien, und er hörte sich gleichzeitig von außen und von innen, spürte sich Luft holen und zugleich seinen Schrei verhallen. Immer weniger wurde er, als das Licht und das Nichts immer mehr wurden, und ihm Körper und Geist verzwirbelten und verdrehten als sei er eine Rotflachsfaser auf der Spindel. Doch dann kehrte sich der Effekt wieder um, und was immer es auch war, wanderte weiter, scherte sich nicht um den, den es auf seinem Weg berührt hatte.

      Khelish knallte hart zu Boden. Einige Herzschläge lang lag er nur da, fühlte seinen Körper, blinzelte. Wie hypnotisiert starrte er hinter ihm her. Es hatte ihn in seinen Fängen gehabt und einfach so wieder losgelassen? Das Ding tanzte wie willkürlich hin und her, schnellte wie ein beuteschlagender Vieltöter ein paar dutzend Mannslängen vor, verharrte dann viele Atemzüge, nur um wie von unwirklichem Wind getrieben wenige Meter auf oder abzudriften. Dabei wuchs und weitete es sich stetig. Sein waberndes Zentrum war bald so groß wie ein Kampfkreis beim Messerstechen, doch es wuchs noch immer.
      Und der Platz auf dem es tanzte… da war Gras.
      Khelisht riss die Augen auf. Erde.
      Der Sand war weg. Struppiges, sonnenverbranntes Gras wucherte in kniehohen Büscheln soweit das Auge reichte. Alles roch falsch. Immer mehr Fakten durchfluteten seinen Geist mit der Tatsache, dass er nicht dort auf dem Boden gelandet war wo er zuvor gestanden hatte.
      Der vom Wind aufgewirbelte Sandschleier war weg. Der Wind selber war… anders. Trug anderen Staub mit sich. Nein. Das war gar kein Staub. Es regnete.
      "Wo bei Mutter und Vater bin ich hier?" flüsterte Khelish. Regen - echter Regen wie aus den Geschichten! - überzog sein Gesicht mit einem Tropfenmuster. Er war fast versucht, die Augen zu schließen, so gut fühlte es sich an. Das seltsame Loch im Himmel war immer noch da. Weiter weg tanzte es, manchmal oben im Himmel, manchmal drang es bis in die Erde vor.
      War dies ein Dursttraum? Lag er mit Hitzschlag unter dem Baum und starb? Oder….
      "Dchoqa? Vater? Werte Ahnen? Bin ich tot?"
      Viele Atemzüge lang wartete Khelish auf eine Antwort, doch keine kam. Also war er vielleicht doch nicht tot?

      Weil er nicht wußte, was er sonst hätte tun sollen, ging er dem Himmelsloch nach. Es brodelte unruhig vor sich hin, reagierte jedoch nicht auf Rufe oder Gesten. Es schien nichts zu verstehen und nicht zu reagieren. Also konnte es kein Himmelsgeist sein, denn die redeten zwar auf seltsame Art und Weise, aber sie waren sehr geschwätzig.
      Wo immer es ihn hingebracht hatte, er war sehr weit weg von zuhause. Als die Wolkendecke einen Moment lang aufriss, blitzte ein viel zu blauer Himmel hindurch.
      Was Khelish in diesen fremden Gefilden auf Anhieb wirklich sehr gefiel war das klare Bächlein, auf das er stieß, als er dem tanzenden Himmelsloch nachwanderte. Endlich hatte er Gelegenheit, seine Wunde auszuwaschen - wenn auch die Kräuter, die er gerne aufgelegt hätte, immer noch beim toten Steinlungenbaum begraben waren. Während er seinen Wasserschlauch auffüllte, begann er zu lächeln. Es war ohne Zweifel ein großes Wunder, einen verzweifelten Hrannan mitten aus der Wüste in ein fremdartiges Land zu holen, in dem es Wasser gab.
      Es war eigentlich ganz eindeutig: Der Vatergott war tatsächlich auf ihrer Seite. Wozu hätte er Khelish sonst vor dem Verschmachten bewahren sollen. Und wenn das wahr war, dann würde er auch zulassen, dass Khelish in die Wüste zurückkehrte, und dann mit seinen Kampfesbrüdern - sollte das Loch weiterhin bestehen - nochmals herkam. Sie würden Wasser trinken bis sie beinahe platzten. Sie würden ihre Schläuche zum Bersten füllen. Und dann würden sie zurückkehren und den Nhakchr eine Lektion erteilen, die sie so schnell nie vergessen würden. Einen Versuch war es wert. Alles war besser, als in der Wüste zu verdursten.

      Es war relativ einfach, sich wieder von dem Loch im Himmel einsaugen zu lassen. Nach dem seltsamen Gefühl weder hier noch dort zu sein, plumpste Khelish aus zwei Mannslängen Höhe zu Boden und versuchte, sich einigermaßen abzurollen. Es gelang.
      Zu seiner großen Freude war es genauso wie er erhofft hatte - er war nur mehrere hundert Mannslängen von der toten Steinlunge entfernt wieder ausgespukt worden. Etwa die Entfernung, die er drüben - wo auch immer drüben war - zurückgelegt hatte.

      Und er sah auch einige vertraute Gestalten. ""Heiiha!" rief Khelish, und winkte, damit sein Onkel ihn sah. "Onkel Tlyzh!"
      "Khelish! Bist du wohlauf? Geht es dir gut? Was ist mit dem Baum geschehen? Und woher kommt dieses… Ding?"
      Khelish grinste breit, und blickte das tanzende Loch mit beinahe väterlichem Stolz an. "Wir sollten uns vielleicht beeilen, Onkel, weil ich nicht weiß ob der Vatergott uns noch lange wohlgesonnen ist. Aber wenn ihr alle mir vertraut und kurz auf ein Abenteuer mit mir kommt, wird heute hier keiner verdursten. Und danach knöpfen wir uns diese wasserbäuchigen Baummörder vor."


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      Feedback zu den Adventskalendertexten könnt ihr HIER geben. Die Texte sind wie jedes Jahr zunächst anonym, damit ihr - wenn ihr wollt - Autoren raten könnt. Wenige Tage nach Weihnachten wird aufgelöst, welcher Text von wem stammt, dann können die Autoren dort im Thread gesammelt auf das Feedback antworten.

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      Die mit Schnitzwerk verzierte Holztür des zwanzigsten Türchens schwingt auf, als eine abgehetzt wirkende Dienstmagd aus dem Burghof ins Hauptgebäude stürzt. Noch ehe die Tür sich schließt saust saust ein Stalljunge hindurch, dicht gefolgt von einem Knecht und zwei ernst aussehenden Wachsoldaten, die sich zur Seite drücken müssen, als der Seneschall vorbeistürmt…





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      Die Stunde des Siegers

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      (1861, Burg Langensand, Herzogtum Nordbelida)

      "Er ist da!" Die Worte wurden auf den Gängen geflüstert, quer über den Hof gerufen, in Kellertüren gebrüllt. Wütend oder ängstlich, von Flüchen begleitet oder von Stoßgebeten. Rennen, Trappeln, ein Pferd wieherte, irgendetwas stürzte mit lautem Krachen zu Boden. Die ganze Burg hatte nur noch diesen einen Gedanken. "Er ist da!" Tanisels Gedanken kreisten fieberhaft um all die Pläne, die sie gemacht hatte, seit sie erfahren hatte, dass er hierher kommen würde, ja schon seit dem Tag jener unseligen Schlacht. Was würde er fordern? Geld? Land? Blut? "Er ist da!" Auch ihr Herz schlug nur noch im Rhythmus dieser Worte. Draußen kehrte auf einmal Stille ein, und Tanisel glaubte, das Knarren des sich öffnenden Burgtores zu hören. Was für ein Unsinn! Die Wände der Kemenate waren viel zu dick dafür, und die schmalen Fenster gingen in die falsche Richtung. Und doch... "Er ist da!"
      Er, das war Rafalo, frischgebackener Herzog von Nordbelida. Aber eigentlich brauchte es keinen Namen. Seit Wochen kreiste fast jedes Gespräch um ihn. Gerüchte gab es viele, Verlässliches eher wenig. Der König hatte ihn noch auf dem Schlachtfeld zum Herzog bestimmt - nachdem er ihn vorher zuerst zum Ritter und damit zum Adligen machen musste. Denn der neue Herr Nordbelidas war von niederer Geburt, soviel stand fest. Ein Bauer? Ein streunender Handwerksgeselle? Ein Söldner? Die Geschichten gingen auseinander. Auch schien niemand zu wissen, worin den nun der Dienst gelegen hatte, für den er diese immense Belohnung erhalten hatte. Dass ein einfacher Bürgerlicher in den Adelsstand erhoben wurde, kam fast nur in Geschichten und Märchen vor. Dass man ihn gleich zum Herzog machte, war unfassbar, war skandalös, obszön. Es hieß, er habe den alten Herzog mit bloßen Händen getötet. Nein, er habe dem König das Leben gerettet. Niemand konnte es sich erklären. Und die Wochen, die seitdem vergangen waren, hatten nicht viel dazu beigetragen, diesen Mann besser zu verstehen, der nun über ihrer aller Schicksal bestimmte. Wie ein Besessener streifte er mit seinen Truppen durch sein neues Herzogtum. Kaum flackerte eine Rebellion auf, war er zur Stelle, um sie niederzuschlagen. Er war schnell, schneller als jeder seiner Feinde. Es hieß, er habe einmal in einer Nacht zwei Pferde zuschande geritten, aber die Schlacht am nächsten Morgen gewonnen. Regte sich einmal kein Widerstand, knöpfte er sich Burg um Burg, Lehen um Lehen vor. Manchmal jagte er die alten Besitzer zum Teufel und setzte seine eigenen Leute ein, manchmal setzte er ihnen einen Aufpasser vor die Nase, manchmal beließ er es dabei, einen Sohn als Geisel an seinen Hof zu verschleppen. Niemand verstand seine Entscheidungen, niemand konnte seinen wilden Ritten folgen, die ihn kreuz und quer durch das Land führten. Er war überall und nirgends zugleich. Und jetzt war er hier!
      Was würde er ihnen antun? Was würde er ihr antun? Tanisels Mann hatte in diesem Krieg die falsche Seite gewählt und seinen Fehler mit dem Leben bezahlt. Welchen Preis würde sie bezahlen? Würde man sie davonjagen, mittellos und als Bettlerin? Würde er sie zur Hure für seine Kriegsknechte machen? Oder würde sie hier wohnen bleiben, hier auf Burg Langensand, in Samt und Seide gehüllt, und nur dem einen Mann ihren Körper überlassen müssen, den er für sie auswählte? Sie war die Witwe eines Verräters, Kriegsbeute. Was würde aus ihren Kindern werden? Nein, daran durfte sie nicht denken. Dieser Gedanke war zu unerträglich. Er würde sie schwach machen und Schwäche konnte sie sich jetzt nicht erlauben. Mit zitternden Händen nahm Tanisel den Stickrahmen wieder auf, der zu Boden gefallen war, ohne dass sie es gemerkt hätte. Eine Sechsjährige machte schönere Stiche als sie heute. Sie würde alles wieder auftrennen müssen oder das Tuch gleich wegwerfen, aber es half, die Angst zu begrenzen.
      In dem Moment hörte sie Schritte auf dem Gang. Ihr Herz schlug bis zum Hals. Dann flog die Tür auf. Den Vieren sei Dank! Es war nur Gasant, ihr Seneschall, oder besser der Seneschall ihres Mannes. Er verbeugte sich hastig. "Er will alle Leute im Hof sehen. Euch auch, Herrin!" Er fuhr sich fahrig durch die spärlichen Haare. "Vergebt mir meine ungehobelten Worte, Herrin! Ich..."
      Tanisel lächelte ihm zu, und seine Entschuldigung erstarb auf seinen Lippen. Er reichte ihr den Arm, um ihr das Geleit zu geben, und sie hielt sich daran fest, als wäre er ein Schild, der sie beschützte. Auch sein Leben mochte heute ein Ende finden.
      Schweigend gingen sie nebeneinander hinab, und erst kurz bevor sie durch die Tür ins Freie traten, ließ er ihr den einen Schritt Vorrang, der ihr gebührte. Draußen sah sie als erstes ihre Leute: die Wachen, Mägde, Knechte, die seit Jahren dieses Zuhause mit ihr teilten. Wie ein kläglicher Haufen standen sie in der Mitte des Hofes. Tanisel hätte viel dafür gegeben, sie beschützen zu können, aber sie war ja selbst schutzlos! Dann sah sie die Soldaten. Sie waren schmutzig und ihre Kleider an einigen Stellen zerrissen, aber ihr Waffen waren perfekt gepflegt. Mit diesen Männern war nicht zu spaßen. Mit finsterer Miene gingen sie von Haus zu Haus, durchsuchten die Werkstätten und Ställe, und trieben alle zusammen, die versucht hatten, sich zu verstecken. Gerade scheuchten sie Marme aus dem Pferdestall, die Amme von Tanisels Kindern, nun in das grobe Kleid einer einfachen Magd gehüllt. Und neben ihr die beiden kleinen Gestalten, schmutzig, mit Holzpantinen und zerissenen Kitteln. Tanisel zwang sich, wegzuschauen. Mit hocherhobenem Kopf ging sie hinüber zu der Gruppe von Reitern vor dem Tor, und ihr Gesicht fühlte sich an, als sei es zu Stein erstarrt.
      Als sie näher kam, fiel ihr Blick auf ihn. Er trug keinen Wappenschild, kein Schmuck zierte sein Zaumzeug, seine Kleidung war so schmutzig wie die seiner Leute, seine Rüstung genauso frei von Rost. Es war der Blick, der ihn verriet. Die Gewissheit, die darin lag, das Selbstbewußtsein. Es war der Blick des Siegers. Seine Haare klebten schweißnass an seinem Kopf. Sie waren wohl braun oder sogar schwarz. Seine Gesicht war hochrot, Druckspuren zeigen, dass er den Helm gerade erst abgenommen hatte. Doch als er die Burgherrin sah, spang er aus dem Sattel, als wöge all das Eisen kaum mehr als eine Feder. Mit zwei, drei schnellen Schritten war er bei ihr und es gelang ihr, in einen Knicks zu versinken, der ihre alte Gouvernante vor Neid hätte erblassen lassen. Er mochte jetzt ein Herzog sein, aber ihr Blut war edler als seines und das sollte er sehen.
      Er bedeutete ihr ungeduldig, sich zu erheben. Kein Wort der Begrüßung, keine höflichen Reden. Stumm hielt er ihr den Arm hin, sicher, dass sie es nicht wagen würde, ihn auszuschlagen. Natürlich hatte er recht. Tanisel legtee die Hand auf den dargebotenen Unterarm, bemühte sich, ihn so wenig wie möglich zu berühren. Wahrscheinlich spürte er das Gewicht ihrer Finger durch den Kettenpanzer gar nicht. Dafür war sie sich der Berührung umso bewusster.
      "Seneschall, ihr werdet mir die Leute der Burg vorstellen." Der Herzog führte sie in die Mitte des Burghofes und Gasant musste sich beeilen, um hinterherzukommen. Kaum hatten sie den ersten Schritt gemacht, da brachten seine Soldaten die Burgbewohner dazu, sich in einer langen Reihe aufzustellen. Es war, als könnten sie seine Gedanken lesen, so reibungslos funktionierte es, aber wahrscheinlich hatten sie so etwas einfach schon dutzenmal gemacht.
      Als sie am Anfang der Reihe angekommen waren, begann Gasant seine Litanei, aber er kam nicht weit. "Das ist Remnes, der..."
      "Keine Namen. Nur die Position." Der Herzog sprach nicht laut, klang nicht wütend oder erzürnt, sondern vollkommen sachlich. Und gerade das machte Tanisel Angst. Noch immer konnte sie ihn nicht einschätzen.
      Langsam gingen sie die Reihen ab. All die Leute... Sie waren genauso verunsichert wie ihre Herrin. Ihr Schicksal war miteinander verbunden und immer wieder suchten ihre Blicke sie, schienen sie um Hilfe anzuflehen. Welche Hilfe hätte sie ihnen heute geben können?
      Seinem scharfen Blick schien nichts zu entgehen, oder bildete sie sich das nur ein? Er hörte Gasant aufmerksam zu, aber er sagte kein Wort, verweilte nirgends. Dann erreichten sie Marme und die beiden Kinder. Ihre Verkleidung war perfekt. Selbst ihrer Mutter fiel es schwer, in den beiden schmutzigen Blagen die Kinder von edlem Geblüt zu sehen. Und genau hier blieb er stehen. Tanisels Herz schlug bis zum Hals, aber sie ließ sich nichts anmerken.
      Er ging in die Hocke, um mit Turian, dem größeren der beiden, zu reden. "Wie alt bist du denn, Kleiner?"
      Marme legte ihm schützend eine Hand auf die Schulter, ganz so, als wäre sie wirklich seine Mutter, aber Turian sah ihn furchtlos an. "Ich bin fünf!"
      "Schon fünf?" Der Herzog zog fragend eine Augenbraue hoch. "Und immer noch so ein Dreckspatz? Schimpft dich deine Mama nicht, wenn du so schmutzig vom Spielen kommst?"
      Das war Turians wunder Punkt und er ging sofort hoch. "Mama, ich kann nichts dafür!" verteidigte er sich mit blitzenden Augen. "Marme hat gesagt, ich soll das machen! Ich kann wirklich nichts dafür." Tränen der Rechtschaffenheit standen in seinen blauen Augen. Tanisel schloss ihn in die Arme, um ihn zu trösten. Jetzt war sowieso alle Täuschung dahin.
      Der Herzog erhob sich und warf ihr einen vielsagenden Blick zu. Dann rief er einen seiner Männer. "Yon, der junge Mann hier braucht ein Bad - und seine kleine Schwester auch! Bring sie und ihre Amme in den Palas! Und sieh zu, dass sie nicht unterwegs verloren gehen."
      Der Soldat - er war noch relativ jung - legte Marme den Arm auf die Schulter. Verwundet sah Tanisel, dass seine linke Hand fehlte. Die rechte hatte er auf den Schwertknauf gelegt. Marme warf ihrer Herrin noch einen verängstigten Blick zu, dann fügte sie sich, und selbst der rebellische Turian und seine nicht minder aufmüpfige Schwester gingen still und ohne ein Widerwort mit. Etwas tief in Tanisel wurde zu Eis, als sie die kleinen Gestalten mit dem Waffenknecht verschwinden sah. Das, was danach geschah, zog wie in einem Nebel an ihr vorbei. Sie schritten den Rest ihrer Leute ab. Dann befahl er, für sich und Tanisel ein Essen in ihrer Kemenate zu richten, und danach wünsche er ein Bad zu nehmen. Sie konnte sich denken, was das für sie bedeutete, aber es war ihr egal. Alles war egal, denn die Angst um ihre Kinder ließ keinen Platz für andere Sorgen. Dann ließ er sie stehen, um sich von Avintar, dem Kommandanten der Burgwache, die Befestigungen zeigen zu lassen, und Tanisel war entlassen. Wahrscheinlich sollte sie sich jetzt wohl um das befohlene Mahl kümmern. Vielleicht erwartete er auch, dass sie sich für ihn hübsch machte, aber das war zu viel verlangt.
      Sie veranlasste alles Nötige. Tanisels Leute brauchten nicht viel Anleitung, um ein herrschaftliches Mahl zuzubereiten. Und heute, mehr denn je, wollten sie alles tun, was in ihrer Macht stand, um ihr zu helfen. Und wenn es nur ein paar leckere Gerichte waren, die sie scheinbar aus dem Nichts zauberten. Was auch immer das nützen würde! Bald gab es für Tanisel nichts mehr zu tun, als auf ihren Gast zu warten. Sie ging hinauf zu ihrer Kemenate, doch plötzlich bog sie kurzentschlossen ab. Niemand hatte ihr verboten, nach ihren Kindern zu sehen. Der Einhändige hockte vor der Tür am Boden. Als er sie kommen sah, erhob er sich in einer einzigen flüssigen Bewegung, aber er nickte ihr nur respektvoll zu und ließ sie eintreten. Turian und Amasil waren noch in der Wanne, wenn auch schon relativ sauber. Als sie ihre Mutter sahen, gab es kein Halten. Zwei kleine, klatschnasse Körper stürzten sich auf sie und Tanisel schloß sie fest in ihre Arme. Heute waren ihr die feuchten Flecken auf ihrem Kleid egal! Tränen liefen über ihr Gesicht, aber das machte jetzt auch keinen Unterschied mehr. Als sich alle etwas beruhigt haben, half sie Marme noch, die beiden abzutrocknen und anzuziehen. Mehr Zeit konnte sie sich nicht gönnen. Die Kinder wollten sie nicht gehenlassen und wieder flossen Tränen, aber schweren Herzens machte sie sich los und ging zurück zu ihren eigenen Gemächern. Öllampen erleuchteten bereits die Gänge und vor den Fenstern war der Himmel tintenblau geworden.

      (Fortsetzung folgt)


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