WB-Adventskalender 2014

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      Mit verkrampftem Lächeln tritt sie in den Gang. Er wirkt so hell und heimelig mit den vielen Öllampen, die man hier entzündet hat. Doch die Dunkelheit des Abends scheint heute abend so viel übermächtiger als dieser Versuch, dagegen anzukämpfen. Mit jedem Schritt erscheint die Welt ihr düsterer. Tief holt sie Luft. Da vorne ist es - das einundzwanzigste Türchen…





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      Das Urteil des Siegers

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      Die Tür stand offen. Der Herzog war schon da, aber er drehte ihr den Rücken zu, und so blieb sie stehen. Gerade löste er die Schnallen seiner Rüstung, streifte sie mit einer geübten Bewegung über den Kopf. Er seufzte, froh darüber, das schwere Gewicht los zu sein. Dann legte er sie sorgfältig auf den Boden, und wusch sich an dem bereitgestellten Becken Gesicht und Hände. Während Tanisel ihn so beobachtete, wurde ihr auf einmal bewußt, dass es vollkommen gleichgültig war, welchen Beruf sein Vater gehabt hatte. Er selbst war ein Soldat, durch und durch. Unzähliche Schlachten, endlose Kampagnen lagen hinter ihm. Schmerzern, Sterben, Entbehrungen... Ob ein Kriegsknecht sie anders empfand als ein Ritter?
      Auf einmal drehte er sich um. Er musterte sie genau und während sein Blick an ihr nach unten wanderte, mit einem spöttischen Zucken der Mundwinkel die nassen Flecken auf ihrem Kleid registrierte, hatte sie wieder das Gefühl, dass ihm nichts verborgen blieb. Schließlich hob er den Blick und sah ihr direkt in die Augen. "Wollt ihr nicht eintreten? Es ist immer noch euer Haus." Lag da mehr Nachdruck auf dem Wörtchen "noch" oder bildete sie sich das nur ein? Auf einmal war die Angst wieder da, so stark und mächtig, dass ihr mir die Luft abschnürt. Tanisel faltete die Hände züchtig vor dem Körper, damit er nicht sah, wie sehr sie zitterten, und endlich folgte sie seiner einladenden Geste.
      Er hatte alle Diener weggeschickt, sie waren allein. Also war es an Tanisel, ihn zu bedienen. Er wählte den Platz am Fenster und setzte sich. Sie nahm den Weinkrug in die rechte Hand, sein Glas in die linke, um ihm einzuschenken. Aber ihre Hände zitterten so stark, dass es ihr nicht gelingen wollte. Er sah ihr einen Moment zu, dann stand er wieder auf und nahm ihr mit sicherem Griff Krug und Glas aus den Händen. Zum ersten Mal lächelte er. "Ich verspreche, dass ich euren Kindern nichts tun werde - und euch auch nicht. Könnt ihr jetzt bitte aufhören, so zu zittern?"
      Tanisel sah ihn verwundert an. Dieser Tonfall war anders als alles, was sie bisher von ihm erlebt hatte, passte nicht zu den Geschichten, die sie gehört hatte. Aber er meint es ernst, das konnte sie spüren. Spüren ja, aber nicht verstehen. "Warum..." Es kostet einige Überwindung, es auszusprechen, und sie musste sich räuspern. "Warum wollt ihr dann mit mir allein sein? Ich meine, wenn ihr nicht..." Das konnte sie dann doch nicht laut sagen, und sie ließ den Satz unbeendet.
      "Bitte setzt euch doch!" Er geleitete sie zu ihrem Platz. Dann füllte er ihr Glas mit Wein und setzte sich selbst wieder gegenüber hin. Er musterte sie noch einmal genau, als wolle er sich versichern, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Dann lehnte er sich zurück. "Ich will mit euch reden. Über eure Zukunft, die Zukunft dieses Lehens, und auch ein wenig über Politik."
      "Mit mir? Über Politik?" Sie konnte ihre restlose Verblüffung nicht einmal mehr in höfliche Worte fassen. Dabei hätten seine Manieren, seine Art zu reden selbst einem Höfling des Königs gut zu Gesicht gestanden. Also, einem richtigen Höfling des Königs. Mühsam bekam sie sich wieder in Gewalt, während er geduldig wartete. "Aber ich bin nur eine Frau. Was habe ich schon über Politik zu sagen? Ich kann ja nicht einmal eine Magd entlassen, ohne die Zustimmung meines Vormundes." versuchte sie schließlich zu erklären.
      "Eure Leute sehen das anders."
      Sie starrte ihn verständnislos an, was ihn zum Lächeln brachte. "Glaubt mir, ich versetze Leute nicht gerne in Angst und Schrecken. Aber es hat seine Vorteile. Hätte ein Fremder wie ich eure Leute gefragt, wer hier auf der Burg das Sagen hat nach dem Tod eures Mannes, so hätten sie mir sicher den Seneschall genannt. Aber eingeschüchtert und verängstigt haben sie nicht ihn flehend angesehen, und auch nicht den Hauptmann eurer Wache, sondern euch. Wenn ihnen einer helfen kann, so glaubten sie, dann seid ihr es. Und deswegen sitze ich hier mit euch, und mit niemandem sonst."
      "Und musstet ihr deswegen auch meine Kinder so erschrecken." Wut kochte mit plötzlicher Gewalt in ihr hoch und am liebsten wäre sie ihm an die Gurgel gegangen.
      "Eure Kinder zu erschrecken war nicht meine Absicht." Er schaute zerknirrscht. "Wenn ich auch gestehen muss, dass ich es in Kauf genommen habe." Sie wollte auffahren, aber eine gebieterische Geste von ihm ließ sie gar nicht erst zu Wort kommen. "Nein, ich wollte euch erschrecken. Und das hat zwei Gründe. Zum einen hat es mir einiges darüber verraten, wer ihr seid, wie ihr denkt und fühlt, was euch umtreibt, wovor ihr euch fürchtet." Er stütze die Ellenbogen auf den Tisch und beugte sich vor. "Zum anderen aber kann es auch nicht schaden, wenn ihr euch bewußt macht, wer ich bin. Ich habe nicht den Wunsch, euch oder den Euren Leid zu bereiten. Aber glaubt mir, ihr wollt meine Feindschaft nicht erleben." Er verzog bitter das Gesicht. "Ich bin gerade nicht in der Lage, meinen Feinden Gnade zu gewähren." Er sah sie unverwandt an. Jedes Lächeln war aus seinem Gesicht gewichen. Er war ernst, todernst. Trotz allem lag in seinen Worten keine Drohung, nur eine Warnung.
      Lange Augenblicke starrte Tanisel ihn nur an. Er wich ihrem Blick nicht aus. Dann brach er endlich das Schweigen. "Denkt über meine Worte nach." Wieder verwandelte ein spitzbübisches Lächeln seine ganze Erscheinung, ließ ihn zwanzig Jahre jünger aussehen. "Nun aber entschuldigt meine Ungeduld. Ich hatte heute außer einem alten Kanten Brot noch nichts zu essen, und die Kunstfertigkeit eurer Köchin ist zu viel für meine Selbstbeherrschung."
      Er begann sich über die Köstlichkeiten herzumachen, und auch Tanisel nahm sich einen Happen. Aber es wollte ihr nicht richtig schmecken. Zuviel war in den letzten Stunden geschehen, und noch immer wusste sie nicht so richtig, woran sie mit diesem Mann war. Bald gab sie jeden Versuch auf, so zu tun als würde sie essen und nutzte lieber die Zeit, den Herzog ausgiebig zu mustern. Seine Haare waren tatsächlich schwarz, wenn auch an den Schläfen schon von silbernen Fäden durchzogen. Sie waren kurz geschniten, kaum lang genug, dass man mit den Fingern durchfahren konnte. Helmkurz hatte ihr Mann das immer genannt, der selbst stets zu eitel gewesen war, seine Locken dem Krieg zu opfern. Auf einmal merkte sie, dass sein Haaransatz nicht symmetrisch war. Die linke Seite wuchs ihm etwas weiter in die Stirn als die rechte. Es ließ ihn menschlicher erscheinen, nahm ihm etwas von der erschreckenden Perfektion. Eine alte Narbe zeichnete eine feine weiße Linie unter sein linkes Auge.
      Ihr Blick glitt weiter nach unten. Er trug ein einfaches Lederwams, eng geschnitten, um ihn unter der Rüstung nicht zu behindern. Schweiß, Wasser und wohl noch andere Flüssigkeiten hatten es fleckig werden lassen. Er war deutlich älter als sie selbst, wahrscheinlich sogar älter als ihr Mann es gewesen war. Aber während andere mit den Jahren mehr und mehr Gewicht ansetzten, war er noch immer so schlank wie ein junger Mann. Breite Schultern, kräftige Oberarme, aber erstaunlich feingliedrige Hände. Sie beobachtete ihn, wie er sich erneut an den Platten bediente. Statt sich ein paar Bissen hier, eine Kleinigkeit da zu nehmen, räumte er die Tafel systematisch von einer Seite zu anderen ab. Vielleicht war es ihm egal, was er zu sich nahm. Vielleicht wollte er keine Gedanken dafür verwenden müssen zu wählen. Oder er wußte, dass er sowieso alles aufessen würde - und danach sah es gerade auch aus. Er schien wirklich hungrig zu sein. Dabei schlang er nicht und ließ auch sonst keine schlechten Manieren erkennen. Ein oder zwei der Gerichte waren wirklich ausgefallen, aber auch die aß er, ohne zu zögern, ohne über den ungewohnten Geschmack zu stutzen. Tanisel vermutete, dass er nicht zum ersten Mal in feiner Gesellschaft tafelte. All sein Gebahren ließ erkennen, dass er sich schon seit Jahren immer wieder in den höchsten Kreisen bewegt haben musste. Ihr fielen die Gerüchte wieder ein, die sie gehört hatte. Was auch immer es war, der König hatte diesen Mann nicht ohne Grund zum Herzog gemacht.
      Ihr Gedanken kehrten zu ihrer eigenen Situation zurück. Die lähmende Angst vor diesem Mann war weg. Er war kein Monster. Aber eine neue Unbehaglichkeit hatte sich ihrer bemächtigt. Ihr Schicksal und das all der Menschen, die von ihr abhingen, lag nun in ihrer Hand. Sie war nicht mehr hilflos, aber was, wenn es ihr nicht gelang, ihn zu überzeugen? Was, wenn er Dinge von ihr forderte, die sie ihm nicht geben konnte? Er hatte ihr klar gemacht, dass sie gut daran beraten war, sich nicht gegen ihn zu stellen. Würde sie ihn mit Halbheiten hinhalten können? Was nur wollte er von ihr?
      "Wollt ihr wissen, woran ich euren Sohn erkannt habe?" Seine Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Erschrocken sah sie auf und erkannte, dass er sein Mahl beendet hatte - es war auch kein Krümel mehr übrig. Er musterte sie eindringlich, und so nickte sie schnell.
      Er lehnte sich zurück und fuhr fort zu sprechen: "Nun, ich wußte natürlich, dass ihr Kinder habt und auch etwa, wie alt sie sind. Aber erkannt habe ich ihn an seinem Blick. Er war der einzige - und das nicht nur unter den Kindern - der mir direkt in die Augen gesehen hat." Er lächelte, aber es lag eine Bitterkeit darin, die Tanisel nicht richtig deuten konnte. Er bemerkte, dass sie ihm nicht folgen konnte, und so fuhr er fort. "Kinder von einfachem Stand tun das nicht in diesem Land. Sie lernen schnell, dass es nur Ärger bringt, die Aufmerksamkeit eines Adligen zu erregen. Und sie lernen, dass ein Adliger mit einer Handbewegung das Leben einer ganzen Familie zerstören kann. Sie sind nie ohne Angst."
      Er sah sie unverwandt an. "Ich war auch einmal so ein Kind." Ein flüchtiges Lächeln umspielte seine Mundwinkel, doch erreichte es seine Augen nicht. "Ich bin gar nicht so weit von hier entfernt geboren. Aber dann kehrte meine Familie diesem Land den Rücken, und ein paar Monate in Freiheit genügten, um diese Angst zu vergessen. Kinder vergessen schnell... Als ich in mein Vaterland zurückkehrte," - Er sagte das mit seltsamem Nachdruck - "war ich schon Mitte Zwanzig. Und da begegnete sie mir wieder, diese Angst. In den Augen der Hörigen, der Kinder. Ich war bewaffnet, ein Soldat, und deswegen galt diese Angst nun auch mir. Das machte mich betroffen - und wütend! Ich wollte dieses Leid lindern. Doch je mehr ich mich anstrengte, umso mehr Unrecht entdeckte ich, und so wurde ich immer tiefer hineingezogen. Und es dauerte nicht lange, bis sich mein Zorn gegen eine Person ganz speziell richtete: Herzog Girion." Er seufzte. "Ich habe oft gesehen, was er hinterlassen hat, zu oft. Verbrannte Ruinen, zerstückelte Körper, verstümmelte Seelen. Manche erholten sie nie von den Qualen, andere verzehrten sich nach Rache und wurden stärker als zuvor. Wie Eisen, das im Feuer erst gehärtet werden muss! Es waren letztere, die zu meinen Kameraden wurden, sich meinen Kämpfen anschlossen oder mich für ihre gewannen. Wir wurden immer mehr, und es dauerte nicht lange, da wurde Girion auf uns aufmerksam. Einmal hat er versucht, uns den Garaus zu machen..." Trauer verdunkelte kurz seinen Blick. "Fast wäre es ihm geglückt. Wir haben damals viele Leute verloren. Aber am Ende siegten doch wir. Danach..." Er brach ab und schüttelte den Kopf. "Nein, es dauert zu lang, alles zu erzählen. Am Ende gab es niemanden unter Girions hochrangigen Feinden - und das waren nicht wenige - für den ich nicht gekämpft gehabt hätte..." Da war es wieder dieses Lächeln, halb Bitterkeit und halb Triumpf. "...keiner, der mir keinen Gefallen schuldete. Und dann kam endlich unser Moment. Arlin erhob sich in Rebellion. Allein hätten sie keine Chance gehabt, aber nun trieben wir unsere Schulden ein. Es waren wir, meine Kameraden und ich, die die Allianz zusammenbrachten und Girion Untergang besiegelten."
      Er schwieg - lange - aber Tanisel merkte, dass es in ihm arbeitete, und so ertrug sie die Stille. Und endlich brach es aus ihm heraus. "Ich dachte, mit Girions Tod wäre alles vorbei. Ich wollte mit Bewin nach Arlin gehen, den Leuten dort helfen, seiner Sippe... Aber dann ließ mich der König am Abend der Schlacht zu sich rufen. Ich hatte öfters mit ihm gesprochen davor, und wann immer es ging, hatte ich ihn bedrängt, jemanden zum Herzog zu machen, dem die Leute am Herzen liegen, jemanden, der diesem Land den Frieden bringt." Er lachte bitter. "Ich hätte nie gedacht, dass er mich wählen würde. Oh, er hat mich nicht gezwungen. Ich hätte ablehnen können, zurückgehen zu meiner Holzhütte in den Wäldern, dem Leben als Söldner." Er schüttelte den Kopf. "Dieser Titel war keine Belohnung für meine vergangenen Dienste - mir kam er eher wie eine Strafe vor. Ich wußte, wie schwer die Aufgabe werden würde. Aber ich habe fast mein ganzes Leben für die Menschen in diesem Land gekämpft. Wie oft hatte ich mir gewünscht, mehr bewirken zu können. Auf einmal lag diese Macht in meinem Schoß - wie hätte ich sie zurückweisen können? Wie hätte ich mir danach noch in die Augen sehen können? Ich lag die ganze Nacht wach und zermatterte mir den Kopf, ob es nicht doch jemanden gäbe, der besser geeignet wäre für dieses Amt... oder zumindest gleich gut. Aber mir fiel niemand ein und so nahm ich am Morgen die Würde an."
      "Warum erzählt ihr mir das alles?" flüsterte Tanisel.
      Er sah sie erstaunt an. "Wie kann ich erwarten, dass ihr meinem Banner folgt, wenn ihr meine Beweggründe nicht kennt, wenn ihr nicht wisst, was mich auf diesen Weg getrieben hat?"
      "Was kann ich schon tun?" Die Worte klangen feige in ihren Ohren. Dabei hatte sich sein Traum in ihre Seele gebrannt. Freiheit! Gerechtigkeit! Frieden! Sie wäre sofort für ihn in die Schlacht gezogen, jetzt und heute! Aber das lag nicht in ihrer Macht. "Ich bin doch nur eine Frau, die Mutter eines unmündigen Sohnes. Was kann ich schon tun?"
      Er sah sie an, noch einmal durchdrang sie sein prüfender Blick, erforschte sie, bis ins Innerste ihrer Seele. Dann lächelte er auf einmal und es war, als bräche die Sonne hinter den Wolken hervor. "Vielleicht brauche ich ja eine Mutter."
      Sie sah ihn völlig verständnislos an. Also erklärte er es ihr: "Niemand hat mehr Macht in diesem Land als ich. Ich besitze das Vertrauen des Königs, die Mächtigen ringsum sind meine Verbündeten und meine Soldaten sind kampferprobt und zahlreich. Ich kann die Gesetze dieses Landes ändern, Barone und sogar Grafen enthronen und andere an ihre Stelle setzen, jeden Widerstand niederkämpfen. Aber wenn ich wirklich Frieden will, muss ich die Herzen der Menschen ändern und kein Schwert der Welt kann das. Dieses Land hat viel zu viel Blutvergießen gesehen. Es braucht nicht noch mehr Soldaten, sondern die Liebe, den Trost und den Schutz, wie ihn nur eine Mutter geben kann. Ich brauche eine Armee von Müttern - und ihr seid mein erster Rekrut. Kümmert euch um eure Leute, lindert die Not, schützt die Hilflosen! Euer Land wird aufblühen und allen zeigen, wie wertvoll der Friede ist. Eure Taten werden meinen Worten Glauwürdigkeit verleihen."
      Ihr Mann hatte Tanisel immer verboten, sich in die Bewirtschaftung seiner Ländereien einzumischen. Dieser Mann forderte es. Und es war wie eine Offenbarung für sie. Ihre Gedanken sprudelten, wie ein Bach, der endlich den Damm durchbrach, der ihn zu lange gehemmt hatte. "Unsere Leibeigenen sind arm. Wenn dieses Land aufblühen soll, muss ich ihnen die Abgaben erlassen." Er sah sie mit schiefgelegtem Kopf an, aber sie bemerkte es kaum. Zu schnell folgte Einfall auf Einfall, und jede neugewonnene Erkenntnis warf neue Fragen auf. "Egal, dann schnallen wir auf der Burg den Gürtel eben ein paar Jahre enger. Es wird schon gehen, und sind die Bauern erst mal zu einigem Wohlstand gekommen, werden sie mir umso mehr Abgaben zahlen. Ich könnte den Müller..." Sie unterbrach sich, als sie sein breites Grinsen sah. "Was ist?" fragte sie plötzlich zornig. "Ihr sagtet doch, dass ich..."
      "Nein, nein!" wehrte er mit beiden Händen ab. "Macht nur weiter. Es ist nur schön, wenn man erkennt, dass man die richtige Wahl getroffen hat."
      Sie wußte nicht, was sie darauf sagen sollte, aber sie wäre sowieso nicht dazu gekommen. Ein energisches Klopfen an der Tür ließ den Herzog auffahren. Es war der Einhändige, der nur kurz den Kopf hereinsteckte. "Nachricht von Dorlan: Wolfenrain und seine beiden Schwager ziehen Bewaffnete zusammen. Mit Kriegsknechten schätzt er bald hundert Mann."
      Der Herzog fluchte lautlos. "Wolfenrain? Vor drei Monaten hat er mir noch die Treue geschworen. Gib den Befehl zum Aufbruch!"
      Der Einhändige grinste. "Hab ich schon!" Dann verschwand er, so schnell, wie er gekommen war.
      Herzog Rafalo erhob sich und verbeugte sich formvollendet. "Es tut mir leid, dass sich unser Gespräch abbrechen muss, aber die Pflicht ruft."
      Sie hatte sich gleichzeit erhoben. "Aber was wird aus eurem Bad?"
      "Ich fürchte, das wird auf meinen nächsten Besuch warten müssen." Er grinste. "Aber glaubt nicht, dass ich euch diese Schuld erlasse."
      Was hätte sie darauf noch sagen sollen? Jetzt war keine Zeit mehr für lange Reden. So zeigte sie ihm ihre Ehrerbietung mit einem tiefen Knicks. Wie gerne hätte sie ihn noch hierbehalten, hätte seine Meinung zu ihren halbfertigen Plänen hören wollen, auf seinen Rat gelauscht. Und wenn nicht hier, dann eben woanders. Wieder wünschte sie sich, sie wäre ein Mann und könnte mit ihm in den Kampf ziehen. Aber nun wußte sie, dass ihr Kampf nicht weniger wichtiger war. Immerhin konnte sie ihm helfen, die Rüstung anzulegen. Dann war auch das geschehen und sie verabschiedete ihn mit den üblichen, blutleeren Floskeln.
      Er aber drehte sich noch einmal um. "Nicht ganz so eilig. Wir sind noch nicht fertig. Was könnt ihr mir als Sicherheit bieten?"
      War es der Zorn über den Eidbrecher? Etwas von der früheren Härte war in seine Stimme und seinen Ausdruck zurückgekehrt. Tanisels Kehle war auf einmal wie ausgedörrt. Demütig senkte sie den Kopf. "Meine Treue gehört nur euch! Befehlt, Herr, und ich werde gehorchen!" Nur bitte, bitte, nicht die Kinder!
      Er kniff die Augen zusammen und dachte nach. Dann plötzlich kam er zu einem Entschluss. "Kniet nieder!"
      Sie gehorchte und wie in einem seltsamen Traum gefangen ließ sie sich von ihm Wort für Wort durch den Lehenseid führen, sprach jedes Wort, meinte jedes Wort und verstand doch nicht, was da gerade passierte.
      Endlich packte er sie an den Schultern, hob sie auf und gab ihr den Bruderkuss auf die Wange. Dann sah er sie noch einmal ernst an. "Es gibt keine Zeugen für diesen Eid und nach den Gebräuchen dieses Landes wärt ihr sowieso nicht befugt, ihn zu leisten. Aber ihr habt die Worte gesprochen und ich habe sie entgegen genommen und solltet ihr euren Eid brechen, so werdet ihr keine Gnade finden."
      Ohne auf ihre Reaktion zu warten drehte er sich um und ging. Doch als er schon die Hand an der Klinke hatte, wandte er sich ihr doch noch einmal zu. "Noch ein Rat:" Er lächelte. "Vergesst bei allen Pflichten eure Kinder nicht. Seid nicht nur eurem Land eine Mutter, sondern auch ihnen. Lasst sie euch nicht zu Fremden werden. Wir haben nur ein paar Jahre mit ihnen, bevor sie ihre eignen Wege gehen."
      Bevor sie etwas antworten konnte, war er zur Tür hinaus. Minutenlang starrte sie auf die dicken Eichenbohlen während tausend neue Gedanken miteinander um ihre Aufmerksamkeit rangen. Dann auf einmal bellende Hunde, laute Rufe, Pferdegetrappel. Er war weg!


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      Feedback zu den Adventskalendertexten könnt ihr HIER geben. Die Texte sind wie jedes Jahr zunächst anonym, damit ihr - wenn ihr wollt - Autoren raten könnt. Wenige Tage nach Weihnachten wird aufgelöst, welcher Text von wem stammt, dann können die Autoren dort im Thread gesammelt auf das Feedback antworten.

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      Ein kalter Hauch weht aus der Tiefe des zweiundzwanzigsten Türchens heran. Die einzige, die dies nicht zu stören scheint, ist die kleine Spinne, die sich von einem Efeublatt abseilt und in aller Ruhe beginnt, ihr Netz zu weben.





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      Der Pakt der Tränen

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      Es war einmal vor langer Zeit ein Königreich, das reichte vom Sonnenaufgang bis zum Untergang, und in ihm lebten viele Leute aller Völker und Rassen. Ein weiser König herrschte über sie. Selbst die, welche Schuppen, Fell und Federn trugen, achteten sein Wort, und alle hielten Frieden miteinander.
      Jenem König aber hatte seine Königin nur einen einzigen Sohn geboren, ehe sie starb. Prinz Seyet war ein folgsames Kind, das seinem Vater sehr viel Freude machte, und alles Gute in sich vereinte, was sonst auf mehrere Geschwister gekommen wäre. So war der König zufrieden, denn sein Herz verweigerte sich einer neuen Liebe. Stattdessen lehrte er Seyet alles, was er wissen musste, um eines Tages zu herrschen. Der Knabe wuchs zu einem jungen Mann heran, und Güte und Weisheit strahlten in seinen blauen Augen. Er entschied ebenso klug und richtig wie sein stolzer Vater, und die Leute landauf und landab liebten ihn und freuten sich, dass solch ein weiser Prinz so bald nach seinem weisen Vater herrschen sollte. Wie die Sommer und Winter verstrichen, und der alte König immer gebrechlicher wurde, da kam es oft, dass Kronprinz Seyet auf seinem weißen Ross an seiner Statt durchs Land ritt, und sich um die Dinge kümmerte, die einen König so zu kümmern haben.
      So kam es, dass sein Weg ihn eines Tages nach einer kleinen Stadt in den Bergen führte, denn deren Stadtherr Calen hatte nach ihm rufen lassen.
      "Ach edler Prinz", rief jener, kaum dass Seyet vom Pferde stieg. "Willkommen! Seid willkommen! Begleitet mich doch in mein Haus, denn es gibt etwas, das geschwind besprochen werden will, denn Wohl und Wehe meines Volkes, welches schon so lang in diesen Bergen lebt, hängen am seidenen Faden."
      Da ging Prinz Seyet voller Sorge mit, und folgte Stadtherr Calen in sein prächtiges Haus, welches inmitten der Stadt auf einem Hügel lag.
      "Was quält die Leute dieser Stadt, sagt an? Auf meinem Ritt hierher sah ich nur runde, fröhliche Gesichter."
      "Doch in der Nacht, o Prinz, da sieht es anders aus!" rief Stadtherr Calen aus und rang die Hände. "Nicht einer hier traut sich vor die Tür, sobald die Sonne untergeht, und düstre Zauberwesen streifen durch die Straßen. Wisset, das unsere Ahnen damals, als wir in diese Lande kamen, einen finstren Pakt beschlossen, mit jenen wilden Wesen, die tief unter diesen Hügeln hausen. Wir sollten deren alte Götzen ehren, und ihnen Opfer bringen. Sonst weben sie ihr Zauberwerk und lassen Vieh und Korn verenden! Doch als ich hier zum Stadtherr wurde, und mein greiser Vorgänger mir von dem Pakt erzählte, empörte ich mich gar sehr, und habe ihnen seither nicht ein Mal geopfert. Denn ich bin göttertreu und halt' es nicht mit Dunkel noch mit heidnischen Gebräuchen. Nun fürchte ich, droht Unheil unsren Landen, und wenn's mein Fehler ist, so bin ich arg betrübt."
      Da überlegte Kronprinz Seyet kurz und sprach: "Wenn diese Wesen wissen, ob ihr opfert oder nicht, vermute ich, dass sie die Stätte überwachen wo der alte Stadtherr Opfer brachte. Führt mich doch einmal hin, dann woll'n wir sehen ob sie nicht in der Nähe lauern, und vielleicht mit sich reden lassen."
      So geschah es, und der Stadtherr führte Kronprinz Seyet aus der Stadt und zu den Höhlen, die dort ihre Schlünde nach dem Tale hin öffneten.
      "Hier hinunter müssen wir, o Prinz", sprach er, und gab ihm eine Fackel zu halten, "denn drunten in der tiefsten Höhle ist der Altar, von dem ich Euch erzählte."
      "Wohlan!" rief Seyet, und zusammen stiegen sie hinunter, und das Licht ihrer Fackeln zuckte auf den feuchten Felsen hin und her, und das Echo ihrer Schritte hallte durch die Höhlen. Und Seyet staunte als sie schließlich die große Höhle erreichten, und er trat vor und hob die Fackel hoch so gut er konnte, denn über und über mit Kristallen war die hohe Höhlendecke besetzt, und es schimmerte wie Perlenschein wo immer das Licht sie erreichte. "Solche Schönheit…" hob er an zu sagen, doch unverhofft traf ihn ein arger Schmerz am Hinterkopf, und alle Welt verging.
      Als Seyet wieder zu sich kam, lag er gebunden und geknebelt auf eben dem Altare. Und Stattherr Calen? Der stand über ihm, singend, und in prächtigem Gewande, mit edlen Steinen noch und noch besetzt - und in der Hand da hatte er ein blutiges Opfermesser! Und Seyet brannten frische Schnitte auf der Stirne und den Schläfen, und er spürte wie sein eignes warmes Blutes war, das sein Gesicht benetzte. Und unter all dem Pochen, das sein Kopf erzeugte, da glaubte Seyet etwas wie ein Schnüffeln und ein Raunen zu vernehmen, und als er mit seinen Augen rollte, da schienen ihn die Schatten rings umher aus hunderten von Fratzen gierig anzustarren.
      "So hört mich an, ihr hochverehrten Felsenwandler, die unter diesen Hügeln leben!" sprach Stadtherr Calen mit erhobner Stimme. "Mein Volk dort oben ehrt noch immer unsren Pakt, den unsre Ahnen schlossen! Drum sehet hier gebunden liegend Seyet den Verbrecher, der so viel Unheil und Leid über Mann und Weib und Kind gebracht, dass wir ihn nicht mehr bei uns haben mögen! Sein Leben biete ich euch an für gute Ernten und Frieden zwischen unseren Völkern. Nehmt ihr dies Opfer an?"
      Da bäumte sich der Kronprinz voll gerechten Zorns wild auf in seinen Fesseln, doch er war zu fest gebunden und vermochte sie nicht abzuschütteln. Und so konnte er nur stumm hören, wie die Schatten raunten: "Wir nehmen dieses Leben an, o Herr der Stadt im Lichte über uns. Für diesen Schuldigen stehn wir in deiner Schuld. Du sollst erhalten was du willst, für eine weitre Jahreszeit." Da trat der Stadtherr Calen vom Altar zurück, und mit einem bösen Lächeln drehte er sich um und nahm sein Licht mit fort. Über Seyet aber schlossen sich die Schatten, und ihn grauste, als eisig kalte Klauen seine Glieder packten. Und wie er auch zuckte und sich wand, schon spürte er den ersten Biss, dem viele weitere folgten, und alle Welt verging.
      Es war ihm wie im Traume, dass viele kühle Hände über seinen Körper strichen, und ihn von jedem Ding befreiten, das er noch an sich trug. Auch seine Fesseln und der Knebel waren fort, doch war er viel zu schwach um sich zu rühren. Und an den vielen Stellen, da er gebissen war, da leckten viele kleine Zungen über seine Wunden, doch schmerzte nichts, und etwas in ihm wunderte sich darüber. Doch legte man ihn dann in eine herrlich kalte Quelle, und lange, lange war alles was er spürte, wie deren magisch klares Wasser über seinen Körper floss, und jeden Rest an Wärme mit sich nahm bis nichts mehr schmerzte, und jede plagende Erinnerung nur noch ein fernes Echo war. Sein Geist trieb durch die Dunkelheit, doch er war nicht alleine. Und dunkel war es nur für den einen Sinn, den er hier unten nicht mehr brauchte, und nicht für jene, die er nun entdeckte. Wie herrlich funkelnde Sterne vermochte er die edlen Steine tief im Fels zu spüren, und wie die alten Bäume einen Garten zieren, so zierten Adern edelster Metalle die Gesteine, welche sie durchzogen. Und jeder Tropfen, der von einem bärtigen Tropfsteine floss, die hier und da sich reckten und streckten, und jedes Rinnsal, das durch die Tiefe gluckerte erfreute sein Herz mit seinem muntren Klang. Und weit oben erstreckte sich wie feiner dunkler Samt die Erde, und in ihm war eine große Lust, all jene Dinge zu erkunden und zu begreifen, die er da gespürt. Und jene, die wie er der Erde hörig waren, schmeckten seinen Wunsch in seinem Geiste und kamen zu ihm hin.
      "Steh auf o Bruder", sang es dicht an seinem Ohr. "Lang genug schliefst du in der Quelle, und bist nun wie neugeboren. Komm, wir zeigen dir, was ist!"
      Und so hob er sein kalten Hände und ergriff jene, die seine Geschwister ihm entgegenstreckten. Sie halfen ihm, sich aufzurichten, und die letzten Wassertropfen huschten an seinem dunklen, glatten Körper hinunter. Die Stimmen seiner Geschwister wisperten in seinem Kopf. "Viel zu tun, zu hegen und zu ernten, für das Wohl, für alle, komm komm!" Und er spürte, dass da nie gekannte Stärke in ihm war, und die Magie der Erde bunt und lodernd in ihm brannte, und das große Sehnen nach dieser wunderbaren Welt war übermächtig. So lachte er und rief: "Ja, ich will alles sehen, will hegen und ernten und mit euch durch die Gesteine tanzen!"
      Da fassten sie sich an den Händen, und schlüpften so rasch durch Fels und Stein wie man durch dichte Büsche schlüpft, und sie tollten oben in der weichen Erde, und streichelten die warmen Wurzeln, die neugierig von oben herunterlugten. Und er lernte viel in jener Zeit - wie man Kristalle pflückt und wachsen lässt, und wie man nach oben schiebt was die Wurzeln mögen, und wie man das Nass der Tiefe zum Steigen und zum Fallen bringt, grad wie es gut und richtig ist. Einmal war es, da fand er einen blauen Edelstein, der war glatt und rund wie ein kleines Vogelei, und in ihm wohnte ein glockenhelles Singen, das seine Seele zum Erklingen brachte. "Seht, was ich im tiefen Stein gefunden habe!" rief er, und zeigte ihn seinen Brüdern. Die staunten und freuten sich mit ihm. "Den schenk doch unsrer Königin, wie die sich freuen wird!"
      "Wir haben eine Königin?" "O ja, sie wohnt tief unten, wo es schon wieder warm wird. Da wollen wir nicht lange sein. Doch komm, wir führen dich, schnell hin und schnell zurück." Und sie lachten, und er mit ihnen, war es doch ein neues, wundervolles Abenteuer.
      Dort unten stand, im warmen Leuchten heißer Lavaströme, ein prächtiger Palast, erbaut aus abertausend glitzernden Kristallen, und Brücken spannten sich von hier nach da, die waren ganz aus Gold und Silber, und bunt vor gleißend schönen Edelsteinen. So hell war es, dass er und seine Brüder ganz geblendet waren, waren sie doch Dunkelheit gewohnt, doch machten sie sich Mut und traten ein. Und wie er so mit seinen Brüdern durch jene hellen Hallen schritt, da regten sich in ihm tief begrabene Gefühle, und das Leuchten der Kristalle war wie Sonnenschein, und der blaue Edelstein in seinen dunklen Händen fast wie ein Sommerhimmel. Und als er die hehre Königin mit ihrem Hofstaat in der Ferne dort auf ihrem Throne sitzen sah, und alle sich vor ihr verneigten, zersprang etwas in ihm. Aufheulend fiel er auf die Knie, vergessen fiel der singende Edelstein aus seinen Händen und kullerte davon, und diesmal brachte das besorgte Streicheln seiner Brüder Hände keinen Trost, denn vor sich sah er in der Königin, was ihm grausam nun genommen war, ihm, Seyet, dem Prinz der Lichten Lande.
      Da schlug er die Hände vors Gesicht und weinte bitterlich. "Vater, ach Vater! Was ist nur deinem Sohn geschehn, der schmählich durch den Herrn der Stadt verraten ward!" Und Tränen rannen von seinen nun obsidiandunklen Wangen, und wo eine fiel, da wurde sie zu einer weißen Perle. Und seine Brüder waren so besorgt um ihn, dass sie ebenfalls zu weinen begannen, weil sie nicht wußten, wie sie ihm helfen sollten. Doch die Tränen, die von ihren Wangen tropften, waren glänzend schwarz.
      "Sammelt eure Tränen auf, Kinder der Erde", hörten sie da eine Stimme. "Denn niemand soll weinen, wenn er sich freuen kann."
      Da sprangen Seyets Brüder auf und taten wie geheißen, und wie sie ihren schönen runden Tränchen nacheilten, die hier und dort über den Boden rollten, da waren sie bald wieder froh und konnten nicht verstehen, wieso denn Seyet immer noch da kniete und viele weiße Tränen weinte. Doch wie staunten sie, als sich die blasse Königin in ihren prächtigen Gewändern vor Seyet auf den Boden kniete!
      "Wer bist du nur, und was ist dir geschehen?" fragte sie. Da schaute Seyet auf und sah ins Angesicht der Königin. Und wahrlich, sie war die schönsten Frau, die er je gesehen hatte. Und in ihren Augen leuchtete die Güte der Erde, die nährt. So erlaubte er ihr, seine Wange zu berühren. Und mit seinem Körper berührte sie auch seinen Geist, und vor ihr lag alles offen, was sich zugetragen hatte. Und als sie sah, dass Stadtherr Calen es gewesen war, der den Bund der Ahnen beschmutzt und missbraucht hatte, blitzten ihre Augen, und sie grollte wie die Erde, die bebt. "Hört, ihr Geister der Erde, wie wir von einem Sterblichen betrogen wurden, diese reine Seele bei uns aufzunehmen, die nichts verbrochen hat! Der eine, den man Calen nennt, hat mit Trug und Täuschung unseren Pakt besudelt und diesem hier wurde durch uns Unrecht angetan. Weh uns, dass wir im Vertrauen nahmen, was nicht unser Recht zu nehmen war!"
      Und sie nahm Seyets Hände fest in ihre. "Die Macht der Erde ist stark, o tapferer Prinz, und du hast schon zu viel von ihr gekostet. Ich kann dir dies nicht nehmen, und dir auch nicht wiedergeben, was dir genommen wurde. Aber etwas anderes kann ich dir geben. Du sollst nicht einer derer bleiben, die tagtäglich denen Gutes tun, die sie einst quälten, indem sie fürs Gedeihen aller guten Pflanzen sorgen. Sei ein Prinz auch unter uns, und wenn du willst, o reine Seele, dann sollst du gar mein König sein."
      Und dort wo Seyet ihre Hände hielt, wurde es warm und immer wärmer, bis er die Hitze der Erde selbst durch seine Adern rinnen spürte. Und die Magie der Erde, die er in sich trug, loderte auf und erfüllte ihn mit dem Strahlen von tausend Edelsteinen und dem übermütigen Brodeln leuchtender Lavaseen. Und er spürte, wie sich seine Sinne weiteten und mehrten, bis er die mächtigen Berge über sich spürte, und den heißen Kern der Erde unter sich. Und die Königin vor ihm wirkte nun, da ihn kein Licht mehr blenden konnte, noch viel schöner als zuvor.
      Da lachte er und rief: "Von Herzen gern will ich dein König sein, du Schöne, du Gütige, du Starke! Doch grämt es mich zu wissen, dass mein Vater nun nicht weiß, was mir geschehen ist, und dass Stadtherr Calen, der Verräter, noch ungestraft dort oben wandelt."
      Da nickte sie und sprach: "Es kann nicht sein, dass Menschenvolk uns so betrügt. So gehe hin, und regle diese Dinge. Und wenn du wieder zu mir kommst, wird Hochzeit sein im Reich unter den Bergen." So küssten sie einander, und in ihren Herzen erglühte die Liebe.
      "Kommt, ihr kalten Brüder", sprach Seyet zu seinen Geschwistern, die immer noch mit den Perlen spielten. Und er spürte immer noch eine Verbundenheit mit ihnen, die einst wie er zu den Menschen gehört hatten, aber nicht reinen Herzens waren. Er nahm sie in die Arme und eilte geschwind nach dem Tale, unter dem sie lebten. Und wie er sie dort absetzen wollte, umarmten sie ihn und sprachen: "Du bist nicht mehr wie wir, o Prinz, und wir sehnen uns schon wieder danach, oben in der Erde zu tanzen und den Pflanzen beim Wachsen zu helfen. Doch haben wir dies für dich gemacht, als du uns hierher trugst. Damit du uns nicht vergißt." Und sie schenkten ihm eine Kette aus seinen eigenen Tränen, und in ihre Mitte hatten sie den blauen Edelstein gesetzt. Er nahm die Kette voller Rührung an, und damit sie ihn nicht so schnell vergaßen, ließ er sich von ihnen alle schwarzen Tränen geben, die sie geweint hatten, und machte ihnen Ohr- und Nasenringe daraus. Zwei davon aber behielt er für sich, und sie ließen sie ihm gerne. Dann klatschten sie vor Freude in die Hände, und eh er sichs versah waren sie schon fortgeeilt um ihren neuen Schmuck in einem Erdentanz zu feiern.
      Dann trat Seyet den Weg zur Höhle an, in welcher der Altar immer noch stand. Dort in der Ecke lag das rostige Opfermesser, und Seyet betrachtete es lange, ehe er es an sich nahm. Er brauchte keine Fackel, um hinauszufinden.
      Viel Zeit mußte vergangen sein, denn wucherndes Efeu und dichte Spinnennetze verhüllten den Eingang der Höhle beinahe vollständig. Da legte sich Seyet das Efeu um, und es war wie ein samtener grüner Mantel, der seinen Körper verhüllte. Und mit den Spinnweben bedeckte er Hände, Kopf und Antlitz wie feinste Seidentücher, damit man seine fremde Haut nicht sofort sah. Und er stampfte auf, und der aufgewirbelte Staub legte sich um seine Füße und es war als trüge er das edelste Paar Lederstiefel, das man sich vorstellen kann. So gekleidet trat er hinaus in die Lichte Welt, und bald traf er einige Bauern auf dem Felde.
      "Sagt doch einmal einem neugierigen Reisenden", bat er, "wieviel Zeit denn vergangen ist, seit Kronprinz Seyet verschwand."
      "Drei lange Jahre, Herr, doch seid nicht bange. Stadtherr Calen war's, der den weiten Weg zum König reiste, und ihm die traurige Kunde brachte. Und er war's auch, der dem König in der Stunde der Trauer mit Rat und Tat zur Seite stand. So tüchtig war er, dass er nun Prinz Calen ist, und froh ist unser alter König, dass er einen neuen Erben hat, obwohl er immer noch um seinen leiblichen Sohne trauert. Ein Grabmahl hat er ihm errichten lassen, obwohl man außer ein paar blutigen Kleiderfetzen nie den Körper seines Sohnes fand. Es heißt, er geht dort jeden Abend hin und betet."
      "Seid bedankt, ihr guten Bauern, ich wünsch' euch eine reiche Ernte." So ging Seyet dahin, und die Bauern, die ihm berichtet hatten, erzählten noch lange von dem seltsamen Fremden mit den blauen Augen, die funkelten wie die schönsten Saphire. Und die kalten Geschwister? Die hatten dicht unterm Boden ihren Prinzen belauscht, und sorgten dafür, dass es in der Tat eine sehr reiche Ernte wurde.
      Seyet aber reiste durch Stein und Fels dahin, kaum dass er außer Sichtweite der Bauern war, und schneller als Reiter und Ross es vermocht hätten, traf er beim Palast seines Vaters ein. Doch ging er nicht hinein, sondern wanderte zum Friedhof hinter dem Palast. Dort verbarg er sich im Schatten bis der Abend kam.
      Und wirklich, schwer auf seinen Stock gestützt, trat bald der König an das Grabmal, mit Tränen in den Augen.
      "Ach, mein geliebter Sohn," sprach er zum Grabe. "Jetzt sind es schon drei Jahre, und doch lässt mich dein Tod des Nachts nicht schlafen. Nicht einmal der gute Calen kann mich trösten, wie er es auch versucht. Wie konnten nur die wilden Geister dich verschlingen, und mich hier ganz alleine lassen!"
      "Sie wurden auch getäuscht, genau wie du und ich", sprach Seyet da, trat hervor, und ließ den Schleier von seinem Angesichte sinken. "Doch starb ich nicht, wie der Verräter hoffte. Ich bin nun anders als zuvor, doch läßt's mir keine Ruhe, dass du dich grämst und den Verräter eng an deinem Herzen trägst."
      Da sprang der alte König auf. Und der Fremde der da stand, mit diesem fremden dunklen Antlitze, dem standen Güte und Weisheit in seinen blauen Augen geschrieben, und mit ihnen die Liebe, die nur ein Sohn für seinen Vater fühlen kann. Da fielen sie sich in die Arme, und voller Staunen fing der alte König eine Perlenträne seines Sohnes auf.
      Da erzählte Seyet, wie es ihm ergangen war, und von der Braut, die seiner in der Tiefe harrte. "Ich kann nicht bleiben, Vater. Dies ist nicht mehr meine Welt. Doch sollst du wissen, dass es mir gut geht, wo ich bin. Und solange ich dort unten herrsche, soll nicht Hungersnot noch Flut noch Erdrutsch dieses Reich bedrohen, wenn ich es irgendwie verhindern kann. Und Calen soll sich nicht der Früchte deiner, unserer Regentschaft erfreuen. Willst du mir helfen ihn zu strafen, und den entweihten Pakt erneuern?"
      Da wischte sich der alte König seine Tränen ab, und er sah seinem Sohne fest in die Augen. "Nicht einmal die Götter können wollen, dass einer wie Calen unter ihren Augen wandelt. Und da der Pakt so lange schon bestand, und ich nun weiß worum es sich dabei handelt, kann ich nicht glauben dass die Hohen etwas einzuwenden haben, wenn er erneuert wird. So komm, und gib mir dieses Messer, das du bei dir trägst."
      So folgte Seyet seinem Vater. Um niemanden zu ängstigen hielt er sich in den Schatten, als dieser den Palast betrat und sogleich hin zu Calens prächtigen Gemächern schritt. So kam es dass der Verräter, der sich auf brokatenen Kissen räkelte, hochfuhr als er den König mit dem Opfermesser sah.
      "Majestät, was ist das hier?" verlangte er zu wissen.
      "Seht, hier steht Calen, der Verräter, der mich und meinen Sohn und auch den Pakt verriet, der uns und die der Tiefe einst in Freundschaft band!" So rief der alte König. "Wir wollen ihn nicht mehr hier bei uns haben!"
      Da schrie Calen auf und wandte sich zur Flucht, doch dicht bei ihm trat Seyet aus den Schatten und ergriff den Arm des Mannes. Und Calen konnte sich nicht befreien, denn Seyets Griff war hart wie Stein. Mit angstweiten Augen sah Calen, wer ihn hielt. Da war der alte König schon heran und drei schnelle Schnitte machte er, auf Stirn und Schläfen des Verräters.
      "Calens Leben biete ich euch an, für Frieden und Freundschaft zwischen unseren Völkern. Nehmt ihr dieses Opfer an?"
      Seyet schnupperte, und roch das Eisen in Calens Blut. Und er lächelte. "Wir nehmen dieses Leben an. Denn von der Erde kam es, durch Erde ist es gewachsen, und nun kehrt es zur Erde zurück." Und Seyet biss Calen, wie er einst gebissen worden war. Nur war er sehr viel mächtiger, und alles ging viel schneller. Und wie der Verräter sich im Banne der Verwandlung drehte und wand, da trat der alte König herbei, und nährte diesen neuen Bund mit einer einzelnen Träne.
      Als sie auf Calen fiel, da wusch sie alles fort was einst gewesen, und rann an Calens dunklem, glatten Körper herunter. "Wo bin ich hier, es ist so hell!" jammerte dieser.
      "Ich weiß, kleiner Bruder", sagte Seyet. "Komm her zu mir, wir gehen gleich nach Hause. Sieh, ich habe hier zwei schwarze Perlen, die sind für deine Ohren, wenn du magst." Da kroch der neue Bruder unter den Resten seiner Kleidung hervor und setzte sich zu Seyets Füßen.
      Seinem Vater reichte der die weiße Perlenkette mit dem blauen Stein. "Ich kann dir keine Erbe sein wie ich es wollte, doch diese Kette ist für dich. Leg du sie einem um, den du für würdig hältst, und wisse, ist sein Herz nicht rein, so werden alle Perlen schwarz, und er wird kein guter König sein. Ist es aber der rechte für das Amt, so werden die Perlen erstrahlen, und der blaue Stein singt euch sein Lied."
      Da weinte der alte König, umarmte seinen Sohn zum Abschied, und nahm die magische Kette an sich. Und bis auf den heutigen Tage werden die Könige in jenem Lande so bestimmt. Und man erzählt sich, dass es jedesmal, wenn ein neuer König in seinem ersten Jahr regiert, besonders reiche Ernten einzuholen gibt.


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      Feedback zu den Adventskalendertexten könnt ihr HIER geben. Die Texte sind wie jedes Jahr zunächst anonym, damit ihr - wenn ihr wollt - Autoren raten könnt. Wenige Tage nach Weihnachten wird aufgelöst, welcher Text von wem stammt, dann können die Autoren dort im Thread gesammelt auf das Feedback antworten.

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      Regenwasser rinnt am Türrahmen des dreiundzwanzigsten Türchens hinunter. Es führt hinein in nasse, kalte Dunkelheit, und doch ist selbst bei diesem Wetter, noch jemand unterwegs…





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      Auf nasser Straße

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      Der Himmel war schwarz und grau und sah aus, wie sich Wasser in den Stiefeln anfühlte. Der Mond war ein einsames rundes Kreidestück, das jemand vergessen hatte. Unterhalb der Wolkendecke war davon nichts weiter zu sehen. Nur die Wolken vor dem Mond waren in etwas hellerem Schwarz gehalten als die übrigen. Braidon konnte sich nicht entsinnen, jemals eine so finstere Vollmondnacht erlebt zu haben.
      Der Regen hatte bereits am Nachmittag eingesetzt und würde vermutlich erst am nächsten Morgen enden. Aus der Ferne waberte Donner heran, doch er war kraftlos und müde. Die Blitze, die ihm in kreischender Helligkeit vorauseilten, würde er nie einholen. Der Donner wusste das. Warum also sollte er sich bemühen?
      Der Regen stürzte aus pappig nassen Wolken einem kahlen Wald entgegen, der seine letzten Blätter schon vor Wochen verloren hatte. Zwischen den nackten Bäumen verlief eine Schneise, die früher eine Straße gewesen war. Woher die Straße kam, wollte er vergessen, wohin sie führte, wusste er nicht. Jetzt war sie nur noch ein Streifen aus Matsch, Schlamm und nasser Erde. Die Schneise wirkte wie ein klagender Mund, ohne Anfang und ohne Ende, ohne Zunge und ohne Zähne, ein schleimiger ockerfarbener Rachen.
      Der Regen fiel den Bäumen in die Arme, entglitt ihrem hölzernen Griff und schlug auf dem Boden auf, wo die Tropfen zerschellten wie Perlen aus Glas. Fast hätte man im Plätschern einen Ton der Empörung hören können. Fast. Am Boden vermischten sich die Tropfen mit den Leibern der toten Blätter und bildeten einen dunklen, weichen Schlamm.
      Auf der Straße, die keine mehr war, lag der Schlamm wie der Kadaver einer riesigen Nacktschnecke. Bei jedem Schritt drohte man zu stürzen oder aber man versank bis über die Knöchel im Matsch, der sich unter dem Schlamm verbarg. Dann fand man nur noch Halt auf der nassen Erde, die unter dem Matsch lag. Es mochte seltsam erscheinen, den Untergrund so genau zu betrachten. Braidon aber hatte zu viel Zeit und zu wenig zu tun.
      Mit vorsichtig tastenden Schritten bewegte sich Braidon auf der Straße, um nicht öfter als unbedingt nötig auszurutschen. Er kam nur langsam vorwärts und das störte ihn, denn es war kalt. Er hasste es zu frieren. Der Regen sammelte sich in Senken, Kuhlen und Löchern. Er bildete Hunderte kleine und große Augen, die Braidon zu beobachten schienen. Es waren kalte Augen, schwarz und vorwurfsvoll. Sie zwinkerten ihm zu. Jedenfalls sah es so aus, wenn sich das Licht seiner schwankenden Laterne in den Pfützen spiegelte. Die Augen verfolgten jeden seiner Schritte, lauerten auf eine versteckte Wurzel, eine abschüssige Stelle, einen lockeren Stein. Sie würden nicht lange warten müssen.
      Wäre Braidon allein gewesen, er wäre vermutlich bei jedem zweiten Schritt der Länge nach hingeschlagen und irgendwann einfach liegen geblieben.
      Aber er war nicht allein. Sein breitkrempiger Hut, den er Hep nannte, hielt den Regen davon ab, ihm in den Nacken zu laufen und unter das Hemd zu kriechen. Stattdessen trommelte der Regen mit Abertausenden Fingern auf Heps Krempe, die lustlos nach unten hing. Und dann war da sein schwerer grauer Mantel mit den weiten Ärmeln, der ihn vor der Kälte der Nacht schützte. Der Mantel hatte keinen Namen und war vollständig durchnässt, vermutlich nur aus purer Boshaftigkeit. In diesem Zustand zog er die Kälte an wie Braidons Laterne die Motten, die in Schwärmen das Licht umflirrten. Braidon hatte jedoch beschlossen, diesen Umstand zu ignorieren, um die Illusion von Wärme nicht völlig aufzugeben. Sein wichtigster Begleiter aber war sein Stab. Jeder Wanderer brauchte einen Stab. Ein Stab gab Halt auf Straßen, die keine Straßen mehr waren. Er gab Schutz vor den Gefahren der Reise. So mancher Strauchdieb war ohne Beute und mit blauen Flecken übersät wieder ins Gebüsch verschwunden. Der Stab gab Licht, denn er konnte seine Laterne an ihm aufhängen. Vor allem aber gab der Stab ihm Würde. Auf ihn gestützt machte der Wanderer einen bedächtigen, wehrhaften und selbstsicheren Eindruck. Auch wenn der Wanderer selbst mangels Begegnungen häufig der Einzige war, der diesen Eindruck hatte.
      Fürwahr, Braidon war nicht allein. Und sein Stab war nicht einfach nur ein Stab, wie man ihn bekam, wenn man einen hinreichend langen und hinreichend geraden Ast nahm, aus der Rinde schälte und durch langen Gebrauch glattpolierte. Sein Stab war etwas Besonderes. Hart wie Stein war er und so bleich wie ein Knochen, der jahrelang in der Sonne gelegen hatte. Die Oberfläche war kühl und so glatt, als wäre der Stab aus dem Eis uralter Gletscher geborgen worden. Der Stab war so lang, wie Braidon groß war. Unten lief der Stab in einer vom Gebrauch abgestumpften Spitze aus. Das obere Ende war knollenförmig verdickt. Quer durch diese Knolle verlief ein Spalt, der etwa fingerlang den Stab hinab reichte. In diesen Spalt hatte Braidon den dünnen Griff seiner Laterne geklemmt, die mit jedem Schritt hin und her schaukelte und leise klapperte, wenn sie gegen den Stab prallte.
      Das Auffälligste an seinem Wanderstab aber waren die Kerben, die sich über den ganzen Schaft verteilten. Es waren hässliche Kerben, schmal wie die Klinge des Messers, das sie geschlagen hatte und so lang wie Braidons Daumennagel. Die meisten waren rau und scharf und nicht sehr tief. Nahe der Stelle, an der er den Stab hielt, waren die Kanten der Kerben abgeschmirgelt. Es waren hässliche Kerben, aber doch nichts weiter. Sie besaßen keine Magie, keine geheime Kraft und es verbarg sich darin nichts weiter als Schatten und kalte Luft.
      Dennoch hatte Braidon es schon oft erlebt, dass die Menschen einen großen Bogen um ihn machten, wenn sie die Kerben auf seinem Stab sahen. Schon oft hatte er erlebt, dass die Dörfler hinter ihm zu tuscheln begannen, wenn er an ihren Häusern vorbeiging.
      Ha! Was hätte er jetzt dafür gegeben, ein abgeschiedenes Dorf zu finden! Dort hätten ihm die Leute einen Platz im Heuschober teuer verkauft, ihn misstrauisch beäugt und am nächsten Morgen ohne Frühstück zum Aufbruch gedrängt. Jede einzelne Münze hätte er dafür gegeben, um aus dem Regen ins Trockene zu kommen, nur weg von dieser Straße. Er brauchte dringend ein Feuer, um seine Sachen zu trocknen und seinen Proviant in etwas Essbares zu verwandeln. Doch wo sollte er in diesem toten Wald noch ein einziges Stück trockenes Holz finden?
      Während Braidon seinen Gedanken nachhing, achtete er nicht mehr auf die Straße und so stellte er überrascht fest, dass keine zwanzig Schritte vor ihm eine umgestürzte Kastanie den Weg versperrte. Der Stamm war dick und junge Triebe sprossen daraus hervor. Moos hatte sich an der Unterseite angesetzt und an den aufragenden Wurzeln klebte nur noch wenig Erde. Der Baum musste vor Ewigkeiten umgestürzt sein. Dass niemand sich die Mühe gemacht hatte, ihn wegzuräumen, sprach nicht gerade für die Betriebsamkeit der Gegend.
      Braidon richtete seinen Blick auf den Wald links und rechts des Weges. Kahle Bäume, leere Sträucher und Dunkelheit. Keine Spur einer Menschenseele, doch bei dieser schlechten Sicht hieß das nichts. Der umgestürzte Baumstamm war der Klassiker der Wegelagerei und es wäre unsagbar dumm gewesen, würde er nur aufgrund des miserablen Wetters und der späten Stunde davon ausgehen, dass ihm niemand auflauerte.
      Braidon wechselte seinen Stab in die linke Hand und schlug den Mantel zurück. An seinem Gürtel kam der Griff eines Schwertes zum Vorschein. Seine freie Hand ruhte auf dem Knauf, bereit jederzeit blankzuziehen. Aufmerksam musterte Braidon das Gelände vor sich. Noch immer rührte er sich nicht, gab kein Geräusch von sich.
      Es war nichts zu hören. Nichts außer dem stetig strömenden Regen, dem Platschen der Tropfen auf dem Boden und gelegentlichem Donnergrollen. Irgendwo zu seiner Linken vernahm er das leise Sirren eines Singkrautes, wie sie in dieser Gegend häufig vorkamen. Es war eine leise Melodie in Moll, sanft und einsam. Mit langsamen Schritten näherte sich Braidon der Kastanie, darauf bedacht, nicht auszurutschen und zugleich weiter die Umgebung zu beobachten. Da er nicht unmittelbar angegriffen worden war, hatte er vielleicht Glück und es war in der Tat nur ein alter Baum, der sich auf die Straße gelegt hatte, um zu sterben. Doch mit der Wahl ihres Sterbeortes hatte ihn die Kastanie vor das Problem gestellt, dass er irgendwie an ihr vorbeimusste. Allein dafür hatte es der dreiste Baum verdient, gestorben zu sein. Je schneller er weiterkam, desto besser. Nur raus aus dieser verdammten Kälte und dem Regen.
      Auf der linken Seite stachen die Überreste der Baumkrone wie Finger in den Himmel, auf der rechten Seite die Wurzeln. Weiter abseits vom Weg begann das Dickicht. Braidons Blick blieb am Stamm hängen. Er ging ihm bis zur Hüfte. Vielleicht konnte er darüber steigen, ohne abzurutschen, hängen zu bleiben oder sich die Hose aufzureißen. Seufzend machte er sich daran, den Stamm zu überklettern. An und für sich wäre es ein Leichtes gewesen, doch durch den anhaltenden Regen war die Rinde rutschig geworden, während sie zugleich rau genug war, ihm die Haut aufzuscheuern. Dass er übermüdet war und einen langen Stab, einen Rucksack und ein Schwert trug, machte die Sache nicht einfacher. Ein Augenblick der Unachtsamkeit genügte und Braidon rutschte auf ein paar alten Kastanien im Schlamm aus und wäre schmerzhaft gegen den Stamm gestürzt, hätte er sich nicht im letzten Moment an einem Aststumpf halten können. Er prallte dennoch gegen die kalte Rinde. Seine Hose war nun bis zum Gürtel hinauf verdreckt. Instinktiv streckte er die Hand aus, um sich den Dreck abzuklopfen. Er hielt mitten in der Bewegung inne. Es hätte nichts gebracht. Erst brauchte er ein Feuer, um die Hose zu trocknen und dann konnte er den Dreck ausbürsten. Lauthals verfluchte Braidon den Baum, dessen Kinder, Enkel und sonstige Sippschaft.
      Dann zog er sich an dem Aststumpf hinauf, setzte einen dreckstarrenden Stiefel auf dem Stamm ab und zog sich hoch. Seinen Stab rammte er drüben in den Boden, um nicht sogleich auf der anderen Seite herunterzufallen. Die Laterne schaukelte laut quietschend hin und her. Die Schatten, die das Licht warf, wogten vor und zurück, als sei der Stamm kein Baum, sondern ein Boot auf hoher See. Vorsichtig balancierte Braidon sein Gewicht auf dem Stamm aus. Als er halbwegs sicher stand, drehte er sich und hielt nach einer Möglichkeit Ausschau, elegant herunterzuklettern. Er konnte natürlich einfach springen, doch der Schlamm würde ihm vermutlich bis zum Bart spritzen und darauf hatte er nun wirklich keine Lust. Auch bestand die Gefahr, dass er stürzte und sich verletzte. Mit einem Ächzen ging er in die Hocke und griff erneut nach dem Aststumpf, den er bereits als Griff genutzt hatte.
      Sich am Ast festhaltend streckte Braidon ein Bein zum Boden aus. Dabei rutschte er mit dem anderen Fuß ab, landete mit dem Gesäß auf dem Stamm. Ein stechender Schmerz jagte seine Wirbelsäule empor und ließ ihn aufschreien. Fast wäre er hintenüber vom Baum gekippt. Seine schnellen Reflexe retteten ihn geradeso davor, kopfüber in den Schlamm zu stürzen. Mit aller Kraft krallte er sich an den Ast, der ihm immer sympathischer wurde. Mit einem Fluch und einem kräftigen Ruck stieß er sich von dem Baumstamm ab und landete auf der anderen Seite. Der Schlamm spritzte, aber nicht bis zu seinem Bart, sondern nur bis zu den Füßen eines kleinen Jungen, der mit erhobenem Bogen und eingelegtem Pfeil am Rande des Lichtkegels von Braidons Laterne stand.
      „Keine Bewegung! Das ist ein Überfall! Hände hoch!“, rief der Junge mit dünner, harter Stimme.
      Fassungslos starrte Braidon den Knirps an. Er ging ihm kaum bis zur Brust und war viel zu dünn. Der Knirps starrte mit einem Gesichtsausdruck zurück, der einem Erwachsenen vorbehalten bleiben sollte, sah aber aus wie zehn oder höchstens elf.
      „Na los, wird's bald? Ich hab nich' den ganzen Tag Zeit, Opa!“, rief der Junge.
      Braidon erwachte aus seiner Reglosigkeit. Opa? Hatte dieser kleine Möchtegern ihn gerade Opa genannt?
      „Was soll der Mist, Junge?“, fauchte Braidon ihn an. Seine Stimme grollte vor Entrüstung und mit einem wuchtigen Hieb stieß er seinen Stab neben sich auf den Boden, wo er stecken blieb. Die Lampe hüpfte wild hin und her. Mit einer raschen Bewegung entblößte er den Griff seines Schwertes und legte eine Hand darauf.
      „Was machst du hier mitten in der Nacht? Und was fällt dir ein, Reisende so zu erschrecken? Soll ich dir das Fell gerben, oder was?“ Er hatte die Stimme stärker erhoben, als nötig gewesen wäre und sein Vollbart zitterte bei seinen Worten. Braidon sah dem Jungen fest in die Augen und richtete sich zu seiner vollen Größe auf. Wenn er wollte, konnte er sehr furchteinflößend wirken.
      „Mach keine Mätzchen, Alter, und rück das Geld raus!“, antwortete der Junge und erwiderte Braidons Blick ungerührt. Die Spitze des Pfeiles zielte ungeniert auf Braidons Brust. Zwei weitere Pfeile steckten neben dem Jungen im Schlamm. So etwas Vorlautes hatte Braidon noch nicht erlebt. Aus den Augenwinkeln suchte er den Waldrand ab, konnte aber niemanden entdecken. Der Junge schien tatsächlich allein zu sein. „Oder bist du blöde und kapierst es nich', Opa, hä? Dann lass es mich erklär'n: Du hast ein Schwert und ich 'nen Bogen. Um mich umzulegen, musst du bis zu mir rüber kommen. Ich aber“, sagte er mit einem Zähneblecken, das wohl ein höhnisches Grinsen sein sollte, „ich aber muss nur loslassen, wenn du einen Schritt machst und du bist hinüber. Du siehst also, ich bin dir überlegen. Und jetz' runter mit den Waffen und her mit dem Geld!“ Der Junge schloss mit einem herrischen Kopfnicken und wirkte zufrieden mit seiner Darlegung der Dinge. Braidon entging jedoch nicht das leichte Zittern seiner Hände.
      „Jetzt pass mal auf, du kleiner Wicht“, polterte er los. Inzwischen war klar, dass der Junge tatsächlich glaubte, hier einen Raubüberfall durchziehen zu können. Grob geschätzt waren es höchstens fünfzehn Schritte zwischen ihnen. Nicht viel, aber doch riskant.
      „Du hast einen einzigen Pfeil da auf deinem Spielzeug. Wenn du deinen Schuss verpatzt, weil du zitterst vor Angst, dann bin ich bei dir, bevor du das Wort Gnade auch nur denken kannst.“
      „Ich habe keine Angst!“, schrie der Junge zurück. Ein verräterischer Unterton schlich sich dabei in seine Stimme.
      „Außerdem bist du viel zu langsam für mich, Opa! Du kommst ja nich' mal über den alten Baum da.“ Trotzig reckte er das Kinn vor.
      „Ich sag's dir nur ein einziges Mal, Bursche: Wenn du mich noch einmal Opa nennst, dann kriegst du was auf die Rübe, dass du es morgen noch donnern hörst! Hast du überhaupt eine Ahnung, wer ich bin, he? Hast du überhaupt mal nachgedacht, wen du hier mit deinen Spielzeugstöcken überfällst?“
      Braidon legte so viel Verachtung in seine Stimme, wie er finden konnte. Mit großer Geste breitete er die Arme aus und schob sich dabei einen Schritt vorwärts. Noch vierzehn Schritte. Er war sich keinesfalls sicher, dass der Pfeil ihn im Ernstfall tatsächlich verfehlen würde. Doch er setzte darauf, dass der Junge die schlechteren Nerven hatte als er selbst. Ganz unbegründet war diese Hoffnung in der Tat nicht.
      „Glaubst du, ich kann mir die Namen von den ganzen Leuten merken, die hier vorbeikommen, hä? Da käm ich ja zu gar nix mehr.“
      Die Stille, die seiner Behauptung folgte, nutzte Braidon für einen demonstrativen Blick in die Runde.
      „Ich sehe schon, du bist ein viel beschäftigter Unternehmer. Entschuldige die späte Störung, ich werde dann mal eben weitergehen, damit die Leute hinter mir auch noch an die Reihe kommen.“
      Mit diesen Worten griff Braidon nach seinem Stab und wollte weitergehen. Der Wechsel seines Tonfalls hatte den Jungen für einen Moment irritiert und er kam ein paar Schritte weit, bevor sich der Junge wieder auf seinen Bogen besann.
      „Hey, stehen bleiben, sag ich!“ Der Junge sah sich verstohlen um. Braidon blieb stehen, als warte er ungeduldig auf ein Kind. Noch zehn Schritte.
      „Also gut, du hast mich erwischt. Du bist der Erste seit zwölf Tagen. Aber trotzdem knöpf ich dir jetz' das Geld ab, verstanden?“
      Die Stimme des Jungen klang nun längst nicht mehr so beherrscht wie zu Beginn. Der kleine Unterton war stärker geworden und drohte die Überhand zu gewinnen. Er klang nach Verzweiflung, Hunger und der Entschlossenheit eines Menschen, der nichts zu verlieren hatte. Mit einer widerspenstigen Bewegung schüttelte der Junge den Kopf, um sich die Strähnen nassen Haares aus dem Gesicht zu halten.
      „Ach, und wem hast du da sein Hab und Gut abgenommen? Einer alten Kräuterfrau oder einem Krüppel mit nur einem Bein? Muss ja ein einträgliches Geschäft sein, in dieser wohlhabenden Gegend. Sei doch so lieb und lade mich bei Gelegenheit auf dein Räuberschloss ein, ja? — Du hast doch ein Schloss, oder? Jeder anständige Räuber hat ein Schloss, mit Gräben und Hunden und Schießscharten und einer großen Schatzkammer.“ Er sah den Kleinen erwartungsvoll an. Braidon konnte am Gesicht des Jungen ablesen, dass er ihn mit seinen Worten verletzt hatte. Auf einmal sah er nicht mehr aus wie ein abgerissener Strauchdieb im Kleinformat. Plötzlich war er ein einsames Kind, das triefend nass in abgetragenen Sachen im Regen stand. Ein Stich fuhr Braidon in die Brust. Bilder drängten sich aus seiner Erinnerung empor, die er hastig wieder dorthin zurückstopfte. Bilder von geistesabwesend blickenden Kindern ohne Eltern.
      „Ich brauch kein Schloss! Ich hab ein Haus. Das hat mein Vater gebaut! Und jetz' Schluss mit dem Gerede, Opa, oder ich jag‘ dir ‘nen Pfeil zwischen die Rippen! Wenn du tot bist, kannst du mich nich' mehr volllabern.“
      Der Trotz hatte nun die Oberhand in der Stimme des Jungen gewonnen, doch an den Rändern klangen bereits Tränen. Drohend spannte der Junge den Bogen und zielte auf Braidons Kopf.
      „Mach mal halblang, du Knirps. Ich schau eben nach, was ich dabei habe.“
      Langsam, ganz langsam, griff Braidon in seinen Mantel und zog seine Geldbörse heraus. Als er sie schließlich hervorgeholt hatte, entglitt sie dem Griff seiner kalten Finger und fiel in den Matsch vor seinen Füßen. Verzeihungsheischend sah er den Jungen an.
      „Alte Finger“, murmelte er. Braidon bückte sich und stieß dabei scheinbar versehentlich seinen Stab um. Er streckte noch die Hand nach ihm aus, doch zu spät, der Stab landete ebenfalls im Dreck. Die Kerze in der Lampe verkraftete den Sturz nicht so gut wie der Geldbeutel und ertrank in ihrem eigenen Wachs.
      Dunkelheit.
      Nur ein schwaches Schimmern kam vom Mond hinter der Wolkendecke, gerade genug um die kahlen Äste vor dem Himmel zu erkennen. Viel zu wenig, um irgendwas oder irgendwen zu sehen.
      Der Junge schrie auf. In dem Moment, da er den Stab umgestoßen hatte, hatten sich Braidons Finger bereits um den Beutel geschlossen. Nun warf Braidon ihn mit aller Kraft in die Richtung, in der der Junge stand. Er hatte den Jungen angesehen, als die Lampe erlosch und sich die Position gemerkt. Er hörte das Klatschen von Leder auf Haut, gefolgt von einem dumpfen Schmerzensschrei. Braidon war bereits wieder auf die Beine gekommen, den Stab in der linken Hand und hechtete nach vorn. Er musste den Jungen überwältigen, bevor der auf die Idee kam, seinen Bogen zu benutzen. Er konnte ihn schwer atmen hören. Entweder, er schaffte es, ihm den Bogen abzunehmen, oder er würde erschossen werden, falls der Junge die Nerven dazu hatte.

      Der Junge tauchte als schwarze Silhouette vor ihm aus dem Dunkel auf. Er sah Braidon im selben Augenblick und hob den Bogen. Braidon schwang seinen Stab. Wenn der Bursche einen Moment lang zögerte, konnte er ihm die Waffe aus der Hand schlagen. Für einen winzigen Augenblick, den Bruchteil einer Sekunde nur, erinnerten die beiden schwarzen Umrisse, die aufeinander zustürzten, an Schattentänzer, die kunstvoll Schatten auf eine Leinwand warfen, um das Publikum zu verzaubern. Einen winzig kleinen Moment schienen sie beide zu schweben und die Zeit den Atem anzuhalten. Dann krachte Braidons Stab auf den Bogen herab, der dem Jungen aus der Hand gerissen wurde und zu Boden fiel. Braidon bremste ab, kam dabei aber ins Schlittern. Der Junge schrie auf und sprang von ihm weg. Er blieb an irgendetwas hängen und schlug der Länge nach hin. Der Schlamm spritzte auf, als der Körper des Jungen mit einem schmatzenden Geräusch aufschlug. Doch darunter mischte sich ein kleiner Ton, der nach Knochen auf Holz klang. Braidon kam zum Stehen. Er sah sich um, doch natürlich sah er am Boden nichts als Schwärze. Nur sein Stab schimmerte bleich in dem bisschen Mondlicht, das zu ihnen herunter drang.
      Braidon fand den Jungen, als er über dessen Beine stolperte und auf ein Knie fiel. Die Kniescheibe protestierte vehement und sein verdrehtes Fußgelenk hatte auch schon angenehmere Positionen erlebt. Mit einem Laut, der halb Schmerzensschrei und halb Ächzen war, kam Braidon wieder hoch. Er fluchte und kniete sich neben den leblosen Körper. Vorsichtig tastete er nach ihm. Es war wirklich stockfinster, selbst die eigenen Hände sah er kaum. Behutsam drehte er den Jungen auf den Rücken und beugte sein Ohr über das Gesicht. Schwach und langsam strich ihm der warme Atem über die Wange. Schwach, aber regelmäßig. Schnell suchte Braidon den Bewusstlosen ab. Zwei Messer kamen zum Vorschein, ein langes mit gerader Klinge aus dem Hosenbund und ein kleines geschwungenes aus dem rechten Stiefelschaft.
      Er steckte sie in seine Manteltasche. Sicher war sicher. Anschließend untersuchte Braidon mit den Fingerspitzen den Schädel des Kleinen. Die Flüssigkeit, die er auf seinen Fingerspitzen fühlte, war zu dick, um Regen zu sein. Braidon fluchte erneut, gotteslästerlicher als zuvor. Aus seinem Rucksack zog er das dünne Tuch, in das er sein Brot gewickelt hatte und von seiner Decke schnitt er einen langen Streifen mit seinem Messer ab. Damit verband er den Kopf des Jungen. Es war kein sauberer Verband und nicht besonders gut gebunden. Aber angesichts des nichtvorhandenen Lichts war er ganz ordentlich und vor allem stoppte er die Blutung der Platzwunde. Braidon konnte nur hoffen, dass der Junge keinen Schädelbruch hatte.
      „Was machst du nur für Blödsinn, Junge?“, murmelte er kopfschüttelnd. Er bekam keine Antwort.
      Braidon fühlte sich schlecht. Bilder tauchten in der Dunkelheit auf. Bilder von brennenden Häusern, Gräbern voller Leichen und von Kindern, die am Waldrand standen und ihn mit leeren Augen klagend ansahen. Seine Hände zitterten und der Schweiß rann ihm übers Gesicht. Er wollte das alles nicht! Keine Bilder, keine kleinen dummen Jungen, um die er sich kümmern musste. Er wollte allein sein. Endlich allein.
      Ächzend erhob er sich und tastete sich zu seiner Lampe zurück. Er fand sie, als er mit dem Fuß dagegen stieß. Das Glas klirrte leise, als begrüßte es ihn. Es dauerte eine kleine Ewigkeit, bis er die Kerze mit zittrigen Fingern neu entzündet hatte. Hätte der Regen nicht unerwartet nachgelassen, es wäre ihm vermutlich gar nicht gelungen.
      Braidon blinzelte, als die Kerze ihren einsamen Lichtkegel in die Schwärze warf. Die Pfützen um ihn her erwachten im Licht zu neuem Leben und schienen Braidon zu beobachten. Nach einem Moment hatte er sich an die Helligkeit gewöhnt und sah zu dem Jungen zurück. Der Geldbeutel lag neben ihm. Automatisch steckte er ihn ein. Nein, der Schädel war nicht gebrochen, dachte er. Vorsichtig tastete er den Kopf noch einmal ab. Kaputte Köpfe fühlten sich anders an. Daran erinnerten sich seine Finger nur zu gut.
      Was sollte er nun tun? Er konnte ihn nicht einfach hier liegen lassen. Doch er konnte ihn auch nicht bis ins nächste Dorf tragen, das waren mindestens zwei Tagesmärsche. Wie er so dalag, sah der Kleine kein bisschen mehr wie ein Räuber aus. Die Rolle war von ihm abgefallen und zurück blieb ein verletztes Kind. Ich brauch kein Schloss! Ich hab ein Haus, hatte der Junge gesagt. Braidon schirmte mit der Hand die Lampe ab und sah hinaus in den Wald, konnte aber nirgends ein Licht entdecken. Er sah zurück zu der toten Kastanie. Von dort war er gekommen, von da drüben der Junge. Braidon ging zu der Stelle und sah sich das Unterholz genauer an. Nach einer Weile fand er, wonach er suchte: einen kaum ausgetretenen Pfad durch das Gebüsch, der sich am Rand des Lichtscheins in der Nacht verlor. Er ging zurück zu dem Jungen. Ob er ihn einfach so tragen konnte? Braidon hielt einen Moment lang inne und überlegte, wie er Stab, Lampe und Junge am geschicktesten händelte. Schließlich schob er sich den Stab in den Rucksack. Die Lampe baumelte über Braidons Kopf am Ende des Stabes. Besonders viel sah man so zwar nicht, aber er hatte beide Hände frei, um den Jungen zu tragen. Der Kleine war leicht. Viel zu leicht für sein Alter. Aber wovon sollte er in dieser Gegend schon leben? Braidon betrat den Pfad und folgte ihm umsichtig. Ohne Stab konnte er viel leichter stürzen und würde den Jungen noch mehr verletzen. Doch der Pfad war frei von Steinen und emporragenden Wurzeln. Der kleine Körper an seiner Brust fühlte sich warm an. Ein gutes Gefühl.

      (Fortsetzung folgt)


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      Feedback zu den Adventskalendertexten könnt ihr HIER geben. Die Texte sind wie jedes Jahr zunächst anonym, damit ihr - wenn ihr wollt - Autoren raten könnt. Wenige Tage nach Weihnachten wird aufgelöst, welcher Text von wem stammt, dann können die Autoren dort im Thread gesammelt auf das Feedback antworten.

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      Das heruntergekommene Bauernhaus duckt sich am Rande einiger wild überwucherter Felder. In dieser kalten, regnerischen Nacht wirkt es jedoch trotz allem heimelig und einladend, denn ein dünner Rauchfaden kräuselt sich aus seinem Kamin empor. Jemand ist zuhause. Vom warmen Lichtschein angelockt, stoßen wir die Tür mit der Nummer vierundzwanzig auf und treten ein…




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      Auf nasser Straße II

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      Der Junge rührte sich, als Braidon ein bisschen Salz und getrockneten Bärlauch in den Topf streute. Es war nicht allzu viel darin: kleine Stückchen von Braidons Brot und wenige Schinkenstreifen, sowie ein bisschen Gemüse und ein paar getrocknete Pilze aus dem Haus und viel Wasser aus dem Regenfass im Hof.
      Braidon nahm den Kochlöffel heraus, pustete und kostete. Etwas dünn, aber gut gewürzt und heiß. Den Löffel noch in der Hand, sah er zum Jungen, der auf dem großen Bett lag, das die andere Seite der Hütte einnahm. Die Hütte hatte nur diesen einen Raum, der als Küche, Schlafzimmer und Stube gleichermaßen diente. Es war ein ärmliches Bauernhaus, nur wenig kleiner als das, in dem Braidon aufgewachsen war. Und es war viel dreckiger. Es war offensichtlich, dass der Junge alleine hier lebte.
      Der Junge blinzelte und öffnete die Augen. Einen Moment lang blieb er reglos liegen, dann setzte er sich ruckartig auf, dass ihm die langen dunkelblonden Haare ins Gesicht fielen. Er zog eine Grimasse und griff sich an den Kopf. Braidon hatte den Verband unter den besseren Lichtverhältnissen neu angelegt, bevor er sich der Zubereitung einer Suppe gewidmet hatte. Feuerholz hatte er hinter dem Haus gefunden, gut abgedeckt und trocken. Überhaupt hatte sich seine Stimmung erheblich verbessert. Der Regen hatte zwar wieder eingesetzt, doch war er nun im Trockenen und durch das Feuer war es angenehm warm. Die Suppe war fast fertig und er hatte einen Stuhl und sogar einen Tisch. So kultiviert hatte er seit einigen Tagen nicht mehr gespeist.
      „Du solltest ruckartige Bewegungen vermeiden“, riet er dem Jungen. „Ich habe deine Platzwunde zwar verbunden, so gut ich konnte, aber du warst ziemlich lang bewusstlos. Scheint ein ganz schöner Schlag gewesen zu sein, den du abgekriegt hast. Du musst auf eine ziemlich dicke Wurzel gefallen sein.“
      Der Junge schenkte ihm nur einen Blick aus seinen großen Augen, den Braidon nicht deuten konnte.
      Er nahm zwei Tonschalen aus dem einzigen Regal und begann Suppe hineinzulöffeln.
      „Hier, iss etwas. Du hast sicher Hunger“. Er hielt dem Jungen die Schale mit der dampfenden Suppe hin. Dieser zog nur die Decke bis ans Kinn und sah ihn misstrauisch an. Von der früheren Selbstsicherheit war nichts zu sehen. Braidon zuckte ratlos die Achseln, stellte die Schale auf den Tisch und füllte seine eigene. Dann setzte er sich und begann zu essen. Er tat so, als würde er sich nur auf die Suppe konzentrieren. Als er das letzte Stück Schinken heraus gelöffelt hatte, rutschte der Junge schließlich von der Bettkante und kam zögerlich an den Tisch. Er schnappte sich die Schale und flitzte zum Bett zurück, so schnell, dass heiße Tropfen auf den Holzdielen landeten. Doch er aß nicht sofort, sondern stierte seine Suppe misstrauisch an, als erwartete er, dass irgendetwas passierte. Braidon stellte seine leere Schale ab und unterdrückte einen Rülpser.
      „Es ist nicht vergiftet, falls du das denkst“, sagte er. „Ich habe dieselbe Suppe gegessen. Außerdem hätte ich dich einfach erledigt, als du bewusstlos warst, wenn ich das je vorgehabt hätte.“
      Der Junge nickte kurz, setzte die Schale an den Mund und leerte sie in einem. Danach stand er auf, ging zum Feuer und schöpfte sich eine zweite Portion ein. Statt zum Bett zurückzukehren, setzte er sich Braidon gegenüber an den Tisch. Einen langen Moment sah der Kleine ihm in die Augen, als suchte er darin nach einer Antwort.
      „Warum hast du mich nicht …?“, fragte der Junge leise. „Ich hätte es getan, wenn ich du wäre.“ Er schlug die Augen nieder und widmete sich seiner Suppe.
      „Ich töte keine Kinder.“
      Braidon hätte sich gerne so gut gefühlt, wie es sich anhörte. Doch eine fiese Stimme in seinem Kopf flüsterte ihm zu. Nein, keine Kinder. Aber ihre Eltern, Tanten, Onkel, Großeltern und alle anderen. Er hasste diese Stimme, denn sie hatte recht. Sie hatte immer recht. Er sah den Jungen an.
      „Und was ist mit dir? Hättest du auf mich geschossen?“ Er versuchte, beiläufig zu klingen, konnte aber nicht ganz verbergen, dass ihn diese Frage beschäftigte. Hätte es wirklich in diesem einen Moment zu Ende sein können? Wenn der Junge weniger überrascht gewesen wäre? Wenn er langsamer gewesen wäre? Wenn …
      Der Kleine blickte kurz auf, sah dann ins Feuer und schlürfte seine Schale erneut leer. Dann starrte er seine Knie an. Er schwieg, aber sein schlechtes Gewissen sprach Bände.
      Braidon hielt es nicht mehr aus und stand auf. Er schöpfte sich ebenfalls erneut Suppe ein. Er hatte keinen Appetit, aber er hatte gelernt zu essen, wenn es Essen gab. Man wusste nie, wann es wieder etwas geben würde. Außerdem konnte er so seine Hände beschäftigen, die ihn ansonsten durch ihr leichtes Zittern verraten hätten. Er hatte beinahe vergessen, wie es sich anfühlte, nur durch Zufall am Leben zu sein.
      Während er aß, breitete sich Stille im Raum aus. Das Feuer knisterte leise und der Regen trommelte auf das Dach. Doch irgendwie machte das die Stille nur stärker, statt sie zu durchbrechen. Der Junge sah sich um, als sähe er das Haus zum ersten Mal. Überall sah er hin, nur nicht zu Braidon. Er entdeckte den Rucksack neben der Feuerstelle, aus dem der Griff des Schwertes ragte, und den Mantel, den Braidon zum Trocknen aufgespannt hatte. Der Kleine entdeckte auch den am Türrahmen lehnenden Wanderstab. Im Flammenschein sah er aus wie ein langer Knochen, ein Finger des Todes. Er sah unwirklich aus, als gehörte er nicht an diesen Ort, nicht in dieses Haus, nicht in diese Welt. Die Kerben im Holz wirkten wie Flecken, die man fortwischen konnte. Braidon hätte viel darum gegeben, sie fortwischen zu können. Der Blick des Jungen blieb an den Kerben haften. In seinem Gesicht arbeitete es, während er nachdachte.
      „Und“, der Junge zögerte, als fürchtete er die Antwort, „und wer bist du?“
      Er warf Braidon einen verstohlenen Blick zu und sah dann zum einzigen Fenster hinaus, als sähe er dort mehr als Dunkelheit. Braidon hatte sich in Gedanken auf diesen Moment vorbereitet. Er hatte genug Zeit gehabt, bis der Junge aufgewacht war.
      „Ich bin ein armer Wandersmann, der nicht viel Geld hat und von Räubern des Nachts in dunklen Wäldern überfallen wird, um eben jenes wenige Geld auch noch zu verlieren“, sagte er mit einem unverbindlichen Lächeln. Der Junge sah ihn an. Er erwiderte das Lächeln nicht.
      „Du lügst!“, rief er aus und streckte ihm seinen Zeigefinger entgegen, als sei er ein scharfes Schwert.
      „Ach, dann bist du also doch kein Räuber? Das beruhigt mich sehr, muss ich sagen. Aber wer bist du dann?“
      Braidon lehnte sich zurück und musterte den Jungen neugierig. Der hielt dem Blick stand.
      „Ich bin ein kleiner Junge, der allein im Wald lebt, das sieht man doch!“ Da war wieder der alte Trotz in seiner Stimme, aber er klang müde, abgekämpft.
      „Hast du niemanden, der sich um dich kümmert?“ Braidon machte eine Geste, die das Haus ebenso umfasste wie die Spinnweben in den Ecken und das verwilderte Feld hinter dem Hof.
      „Nein!“ Der Junge setzte sich kerzengerade auf und sah Braidon direkt ins Gesicht.
      „Nein? Was heißt das?“ Braidon wollte sich nicht so schnell zufriedengeben. Er musste jemanden finden, dem er den Jungen geben konnte. Er wollte ihn nicht so allein zurücklassen. Warum, wusste er nicht.
      „Nein heißt, dass meine Mutter nach meiner Geburt an einer Krankheit starb. Mein Vater hat mich großgezogen, bis diese blöden Soldaten kamen und ihn mitgenommen haben. Da war ein hässlicher Mann mit Glatze und bösen Augen. Er hatte dicke Finger und spielte dauernd an einem Messer. Für das Vaterland, hat er gesagt. Für den König. Dann haben sie ihn mitgenommen, einfach so. Er …, er kam nicht zurück. Irgendwann nach ein paar Wochen kam der Priester aus dem Nachbardorf und erzählte etwas von Pflicht und dass Vater jetzt an einem guten Ort sei und nicht zurückkommt. Dann hat er mich mitgenommen.“
      Der Junge hielt inne. Sein Blick war in lang vergangene Zeiten gerückt, Tränen glänzten in seinen Augen. Er schluckte einmal, zweimal. Seine Brust bebte, als er Atem holte. Mit belegter Stimme fuhr er fort, immer schneller. Es drängte in ihm, alles zu erzählen, es loszuwerden, es in die Welt zu werfen. Braidon unterbrach ihn nicht. Auf einmal fühlte er sich dem Jungen sehr nah.
      „Der Priester hat mich zu einer Familie im Dorf gegeben, die viele Felder hatte und wenige Kinder. Der Bauer war der Dorfvorsteher. Sie haben mich versorgt und ich hab bei der Arbeit geholfen. Ich hab Wasser geholt, die Tiere gefüttert, den Stall ausgemistet, den Knechten auf dem Feld Essen gebracht und Dinge repariert. Aber es war eine böse Familie. Der Mann war gemein zu seiner Frau, den Knechten, seinen Töchtern, zu allen. Er hat mich geschlagen, wenn ich was falsch gemacht habe. Wenn ich nichts getan habe, hat er mich geschlagen. Und wenn er betrunken war. Also eigentlich hat er mich immer geschlagen. Alle im Dorf haben es gewusst, ich war grün und blau und gelb. Aber keiner hat etwas gesagt, denn der Bauer war der reichste im Dorf und die anderen brauchten seine Hilfe. Den Priester habe ich angefleht, mir zu helfen. Aber er hat mich nur zurückgebracht. Ich solle froh sein, hat er gesagt, dass mich überhaupt jemand durchfüttert in diesen Zeiten. Er hatte Angst vor dem Bauern, ich hab’s genau gesehen!
      Zwei Jahre bin ich dort geblieben, bis ich den Mut hatte, mich zu wehren. Die Frau hat mir nicht geholfen, sie hatte Angst vor ihm. Nur Milli hat mich gemocht, seine jüngste Tochter. Nachts hat sie sich zu mir geschlichen und mir Essen gebracht, weil ich abends nichts gekriegt habe, wenn er wütend war. Sie war die Einzige, die nett war. Doch dann hat der Bauer sie erwischt und so sehr geschlagen, dass sie in die Stadt musste, zum Arzt. Das hat ein Vermögen gekostet und aus Wut hat der Bauer mich verprügelt, dass ich eine Woche nicht gehen und stehen und sitzen konnte. Es gab nichts zu essen und niemand ist mit mir in die Stadt gegangen. Dann hab ich mir gesagt, dass ich abhauen muss, sonst schlägt er mich tot. Es war zum Frühjahrsfest, da haben alle gefeiert und er war betrunken. Ich hab einen großen Sack genommen, die Vorratskammer ausgeräumt, ein Messer eingesteckt und mich raus geschlichen. Auf dem Hof stand der Hund, ein sabbernder alter Köter, der fast so oft geschlagen wurde wie ich. Er hat mich gerochen und begann zu bellen. Plötzlich hatte ich das Messer aus der Küche in der Hand. Der Hund hat die ganze Zeit gebellt, die hätten mich sofort gekriegt. Ich konnte nicht anders!
      Danach bin ich im Wald umhergelaufen. Nach Hause konnte ich ja nicht, dort hätten sie mich gleich geschnappt. Ich hab mir einen Bogen geschnitzt, Pilze und Beeren gesammelt und Hasen gejagt. Nach ein oder zwei Monden habe ich mich zum ersten Mal zurückgetraut. Das Dorf war so still. Es war Abend und ich stand am Waldrand, als ich Milli sah. Sie kam zu mir und erzählte mir, dass man die Suche eingestellt hatte, weil man keine Zeit mehr dafür hatte und mich für tot oder verschwunden hielt. Es hört sich vielleicht seltsam an, aber ich habe mich gefreut, dass mich alle für tot hielten. Denn so konnte ich in Ruhe nach Hause gehen. Ich hab mich von Milli verabschiedet und sie gab mir ein Geschenk. Dann bin ich hierher zurück und habe versucht, so zu leben wie damals, als Vater da war. Zum Glück kam niemand, der den Hof kaufen wollte. Ich glaube, so allein im Wald will keiner wohnen. Außer mir natürlich. Außerdem wurden Geschichten über mich erzählt, dass mein Geist im Wald umher spukt auf der Suche nach Vater. Ich hab’s von den alten Weibern gehört, wenn sie am Waldrand Zweige fürs Feuer sammeln. Ich hab mich dann angeschlichen und gruselige Geräusche gemacht, um sie zu erschrecken.“
      Der Junge sah kurz auf und grinste, wie es ein Junge in seinem Alter tun sollte. Die Tränenspuren auf den Wangen nahmen dem Grinsen nichts von seiner schelmischen Art.
      „Als der Herbst kam, wurde es schwieriger und je kälter es wird, desto weniger findet man im Wald. Also habe ich angefangen, Leuten aufzulauern, die auf der Straße entlangkommen. Der alte Baum liegt schon seit Jahren da. Es ist der beste Ort für so was. Aber es kommt fast keiner vorbei. Hier war eh nie viel los, und seitdem die Leute Angst vor meinem Geist haben, ist es noch schlimmer geworden. Du warst erst der Vierte.“
      Er sah Braidon mit einem trotzigen Blick an und zuckte mit den Schultern. Dann schnäuzte er sich lautstark in seinen Ärmel und blinzelte verärgert, um die Tränen wegzukriegen. Es störte ihn offensichtlich, dass er vor dem Erwachsenen geweint hatte. Braidon hatte den Eindruck, dass der Kleine auch erleichtert war, jemandem davon erzählt zu haben. Er wusste nicht so recht, was er erwidern sollte. Braidon fühlte sich miserabel. Er kannte zu viele ähnliche Geschichten. Keine ging gut aus. Es waren Geschichten, wie Kriege sie schrieben. Noch nie war irgendetwas Gutes aus Kriegen entstanden.
      Und wo sollte er den Jungen hinbringen? Zu der Familie konnte er nicht zurück. Auch die anderen Dörfer der Umgebung kamen nicht infrage. Es würde sich herumsprechen. Vielleicht gab es ja noch entfernte Verwandtschaft?
      „Hast du Familie? Irgendjemand, der sich um dich kümmern könnte?“, fragte er, obwohl er die Antwort schon zu kennen glaubte.
      „Meine Großeltern sind tot und andere Verwandte kenne ich nicht.“ Der Junge wich Braidons Blick aus und betrachtete den Stab. Braidon konnte den Anblick nur schwer ertragen, wie der Kleine mit hängenden Schultern dasaß.
      „Wie heißt du?“, versuchte Braidon ihn abzulenken.
      „Meine Mutter wurde krank, bevor sie mir einen Namen geben konnte. Der Bauer nannte mich immer nur Junge. Mein Vater hat meist Sohn gesagt oder sich Namen ausgedacht. Eigentlich habe ich keinen Namen. Und Vater wusste nicht so recht, was zu mir passte. Er wollte mir einen aussuchen, wenn ich zehn werde. Er hat sogar schon auf die Zeremonie gespart. Aber dann kam der Soldat.“ Der Junge zuckte die Achseln, als sei es normal, keinen Namen zu haben. Vielerorts gab man den Kindern erst einen Namen, wenn sie aus dem gröbsten heraus waren. Die Zeremonie, die die Priester vollzogen, war mit einer Spende an die Götter verbunden und nicht ganz billig. Gerade arme Familien konnten es sich nicht leisten, das Geld auszugeben und danach das Kind zu verlieren. Aber mit zehn immer noch namenlos zu sein, war schon etwas Seltsames.
      „Wie heißt du?“, fragte der Junge schließlich beiläufig, während er wieder den Stab ansah.
      Braidon schwieg für einen langen Moment. Er wollte nicht über sich reden, doch der Junge ließ sich nicht so leicht ablenken, wie er gehofft hatte. Er dachte noch darüber nach, was er Kluges erwidern konnte, da sagte der Junge in die Stille hinein: „Ich weiß, wer du bist.“
      „Ach ja? Warum fragst du dann?“ Braidon sah ihn forschend an.
      „Du bist Braidon!“, rief der Junge triumphierend. „Braidon von Marcat, der große Held aus dem Krieg gegen Magalon! Du hast die Kopflosen angeführt und alleine ein Wirtshaus erobert, in dem ein ganzer Trupp Magalesen saß! Du hast die Südarmee geschlagen und die Belagerung der Stadt aufgehoben!“
      Der Junge hatte also schon von ihm gehört. Selbst in diese entlegene Gegend waren die Geschichten vorgedrungen. Warum wunderte es ihn eigentlich? Er wusste doch nur zu gut, wie schnell sich Geschichten ausbreiteten. Er holte tief Luft und seufzte.
      „Ja, ich bin Braidon. Manche nennen mich Braidon von Marcat, auch wenn ich nicht von dort stamme.“ Irgendwie fiel es ihm leichter, seine Identität zu bejahen, als er erwartet hatte.
      „Ich wusste es! Ich habe deinen Stab gleich erkannt, mit den ganzen Kerben. Davon erzählen alle Geschichten. In manchen bist du sieben Fuß groß und in anderen so stark wie ein Bär oder so flink wie ein Wiesel. Aber der Stab ist immer derselbe.“ Der Junge plapperte wild drauf los und irgendwie berührte es Braidon, ihn so aufgeweckt zu sehen, nachdem er kurz zuvor noch so niedergeschlagen gewesen war. Er konnte das Gefühl nicht so recht einordnen und das verunsicherte ihn. Aber es fühlte sich gut an, so viel wusste er.
      „Die alten Weiber erzählen es sich beim Holzsammeln. Sie sagen“, begann der Junge, räusperte sich und hob an:
      „An Sünden schwer, an Kerben reich
      Ein langer Stab, wie Knochen bleich
      Aus totem Holz von ferner Eich'
      Er hält ihn schwer, der Buße gleich.“
      Verlegen verstummte der Junge und sah vor sich hin. Die Worte klangen noch eine Weile nach. Der Reim war simpel, aber auch einprägsam.
      „Warum hat der Stab so viele Kerben? Was heißt das, ‚der Buße gleich‘?“, platzte es aus dem Kleinen heraus.
      „Das geht dich nichts an“, erwiderte Braidon grob.
      „Doch tut es!“, widersprach der Kleine. „Du sitzt hier in meinem Haus, an meinem Feuer, isst aus meiner Schale eine Suppe, die zur Hälfte aus meinen Vorräten besteht, und hast meine Geschichte gehört. Ich habe verdammt noch mal ein Recht darauf, jetzt deine zu hören!“ Der Junge hieb mit der Faust auf den Tisch und funkelte ihn aufgebracht an. Braidon seufzte. Er war zu müde für lange Streitereien.
      „Du bist frech, weißt du das? Meine Geschichte geht dich gar nichts an! Aber wenn du es unbedingt wissen willst“, Braidon legte eine kleine Pause ein, bis der Junge vor Anspannung fast vom Stuhl fiel, „Jede einzelne dieser Kerben steht für einen Menschen, den ich im Krieg getötet habe. Sie sind ein Zeichen für die Schuld, die ich trage. Sie mahnen mich, meiner Schuld zu gedenken und um Vergebung zu bitten.“
      Der Blick des Jungen schlich zum Stab zurück, als könnte dieser ihn plötzlich anspringen. Es war, als sähe der Junge einen völlig neuen Stab, einen, der ihm Angst machte.
      „Wie …“, fing er an, doch die Stimme versagte ihm für einen Moment den Dienst.
      „Wie viele sind es?“ Das Flüstern war durch das Knistern des Feuers kaum zu hören.
      „Zu viele“, erwiderte Braidon. Er wollte nicht darüber reden. Der Junge nickte, als hätte er auf so eine Antwort gewartet.
      Braidon erhob sich und räumte die Schalen auf. Er legte Holz ins Feuer, damit es die Nacht durchbrannte, und nahm den Topf vom Haken. Es war noch genug für den nächsten Morgen da.
      Er kniete sich vor sein Gepäck, kontrollierte seinen Rucksack, fühlte an dem Mantel, der immer noch feucht war, und dachte nach. Worüber, wusste er nicht so genau, denn die Gedanken waren wirr und schwirrten in seinem Kopf wie ein Schwarm Mücken umher. Warum hatte er dem Jungen von den Kerben erzählt? Was sollte er mit ihm machen? Er konnte ihn am nächsten Tag einfach zurücklassen. Es war eigentlich das Sinnvollste. Aber irgendwie fühlte es sich nicht richtig an. Er sollte wenigstens versuchen, ihm zu helfen. Braidon war hundsmüde, wie ihm bewusst wurde, als er ausgiebig gähnen musste. Er erhob sich.
      „Einhundertsiebenundfünfzig.“
      Braidon drehte sich um. „Was?“
      Der Junge sah ihn an mit einer Mischung aus Stolz, Bewunderung und Furcht. Zumindest glaubte Braidon, das in den großen dunklen Augen zu erkennen.
      „Es sind einhundertsiebenundfünfzig Kerben“, sagte der Kleine, sichtlich zufrieden mit sich, so gut zählen zu können.
      „Einhundertachtundfünfzig“, erwiderte Braidon. „Der Spalt am oberen Ende zählt mit.“
      „Warum ist er größer als die anderen?“, wollte der Junge wissen. Es war eine unpassende Frage, das spürte er, sobald er sie ausgesprochen hatte. Braidons Gesicht verschloss sich und er sah den Kleinen mit einem seltsamen Blick an.
      „Ich geh schlafen“, sagte er nur, zog die Stiefel aus, nahm den Gürtel ab und legte sich auf das Bett. Er ließ die Decke liegen und rutschte auf die Seite, die weiter vom Feuer entfernt war. Dass der Junge ihn im Schlaf töten und ausrauben würde, bezweifelte er nach allem, was gesagt worden war. „Die Seite ist für dich. Du solltest auch schlafen“, sagte er noch, dann herrschte Schweigen. Der Junge stand noch einen Moment unentschlossen herum, dann hörte Braidon leise Schritte, ein Knarzen und das Rascheln der dünnen Decke.

      Die Silhouette eines Menschen glitt zwischen den Baumstämmen hindurch. Sanft und ohne einen Laut zu machen. Braidon folgte ihr. Er wollte die Person aufhalten, ihr ins Gesicht sehen. Sie war wichtig für ihn, doch er konnte sich nicht mehr erinnern warum. Der Abstand zu der Person verkürzte sich langsam, doch sie blieb nicht stehen, ehe sie an einen Bach kam. Er blieb wenige Schritte dahinter. Er sah, dass es eine Frau war, mit langem Haar und einem weißen Kleid ohne Ärmel. Sie drehte den Kopf, sodass er das Gesicht im Profil sah. Sie blickte zu ihm zurück, öffnete die Lippen, doch ehe sie etwas sagen konnte, wachte er auf. Ihn fror und seine Blase drückte. Das Feuer war zu einer Glut heruntergebrannt, lieferte aber noch genug Licht und Wärme. Als er neben sich sah, war das Bett leer. Er schaute sich um. Der Junge war weg. Seine Sachen waren noch an Ort und Stelle. Braidon kroch ächzend in die kalten Stiefel, fluchte halblaut und ging hinaus.
      Die Dämmerung hatte bereits vor einiger Zeit eingesetzt. Es war hell genug, um sich zurechtzufinden und eisig kalt. Der Wind blies ihm ins Gesicht, biss in seine Nase und ließ seine Finger schmerzen. Schnell trat er hinter einen Baum und kam dem Verlangen seines Körpers nach. Anschließend sah er sich um, suchte nach einer Spur des Jungen. Hoffentlich war er nicht zu weit weggelaufen. Er hatte keine Kleidung für diese Temperaturen an.
      Er hörte eine leise Stimme, als er über den Hof lief. Sie drang aus der Richtung des eingefallenen Hühnerstalles. Mit schmatzenden Schritten überquerte er den schlammigen Hof, hielt aber inne, bevor er um die Ruine bog. Er erkannte die Stimme des Jungen und verstand, was er sagte. Er wollte eigentlich nicht lauschen, doch noch weniger konnte er ihn unterbrechen. Irgendetwas hielt ihn davon ab, einfach ins Haus zurückzugehen und so zu tun, als hätte er nichts bemerkt. Verstohlen lugte er um die Ecke.
      Der Junge stand vor einem einfachen Grab, das hinter dem Hühnerstall lag. Es war von einer niedrigen Hecke eingesäumt und mit Blumen überwuchert, die längst verblüht waren.
      Der Junge wippte auf und ab.
      „Mutter, was soll ich tun?“ Stille folgte.
      „Sag mir, soll ich hier bleiben? Hier habe ich ein Zuhause und kenne mich aus. Aber ich weiß nicht, wovon ich leben soll, wenn der Winter anbricht.“ Der Junge sah den Grabstein an und rang die Hände. Wie er dort alleine stand, am Grab seiner Mutter und ihren Rat suchte, in seinem zu langen Hemd mit den vielen Flicken, es berührte Braidon. Es griff in ihn hinein und er fühlte die Trauer des Jungen, die Verzweiflung, die Unsicherheit, die Angst. Er konnte kaum an sich halten, denn die Gefühle überfielen ihn so plötzlich, dass er fast aufgeschrien hätte.
      „Sag mir, Mutter, soll ich mit ihm gehen? Er ist groß und stark und kann mich beschützen. Aber ich kenne ihn nicht und weiß nicht, was er mit mir tut, wenn er mich nicht will. Ich habe Angst, dass er mich hier lässt.“ Der Junge schniefte, wischte sich übers Gesicht und schniefte erneut.
      „Mutter, bitte! Sag etwas! Gib mir irgendeinen Hinweis!“
      Braidon machte einen Schritt zurück, weg vom Hühnerstall und dem Jungen. Seine Ohren glühten in der Kälte, doch es war nicht vom Wind. Plötzlich schämte er sich, gelauscht zu haben. Dieses Gespräch war nicht für ihn bestimmt gewesen. Es war etwas ganz und gar Privates. Es war allein Sache des Jungen und ging ihn nichts an.
      Als er sich leise zurück in die Hütte schlich, fiel ihm eine Schneeflocke ins Gesicht. Er sah zum grauen Himmel auf. Dieser Ersten folgten noch viele weitere.
      Schnell ging er ins Haus.

      Der Junge blieb noch eine Weile am Grab seiner Mutter stehen. Er mochte diesen Ort. Hier war er ihr nah. Schon früher als kleiner Junge hatte er oft hier gestanden und um Hilfe gebeten. Manchmal hatte Mutter ihm ein Zeichen geschickt und manchmal nicht. Er fing eine Schneeflocke ein und ließ sie auf seiner bloßen Hand schmelzen. Er betrachtete sie mit Freude, denn er liebte das weiße Polster auf der Erde, diese Decke für den Winterschlaf. Es war so schön still und ruhig, wenn Schnee fiel. Besorgnis und Furcht mischten sich in seinen Blick. Der Winter war da. Nun würde die Jagd nichts mehr einbringen, andere Nahrungsquellen versiegten ganz und Reisende kamen wohl auch erst wieder im Frühjahr. Zu dem Bauern konnte er nicht zurückgehen. Wollte er nicht erfrieren oder verhungern, so konnte er nur eins tun. Er legte die Hand auf den Grabstein seiner Mutter, in den sein Vater einen neunzackigen Stern gemeißelt hatte. „Danke, Mutter“, flüsterte er, „danke für dein Zeichen!“
      Dann stapfte er durch den Schlamm und die lautlos fallenden Schneeflocken zurück zum Haus. Wie sollte er Braidon davon überzeugen, dass er ihn mitnahm? Er hatte keine Idee, außer in Tränen auszubrechen. Doch war er sich nicht sicher, ob das bei jemandem wie Braidon klappen würde. So ein Kriegsheld hatte schon ganz andere Sachen gesehen als einen flennenden Jungen. Er wusste sowieso nicht, warum er dem Mann seine Lebensgeschichte erzählt hatte. Was interessierte es jemanden wie ihn, was ein kleiner Bauernjunge wie er selbst erlitten hatte? Doch irgendetwas in ihm drängte darauf, sich ihm anzuvertrauen. Im Nachhinein war er erleichtert, es getan zu haben. Als er die Tür aufstieß, stand Braidon am Tisch, auf dem zwei Schalen mit kalter Suppe standen. Der Rucksack lag auf einem der Stühle und Braidon packte seine Sachen sorgfältig hinein. Wie angewurzelt blieb der Junge stehen. Er hatte nicht damit gerechnet, dass der Mann schon wach war.
      „Mach zu, es zieht“, sagte Braidon, ohne in seine Richtung zu blicken. Der Junge gehorchte. Sein Atem ging schneller. Was sollte er tun? Er hatte keine Zeit mehr, er musste ihn jetzt überzeugen oder er war verloren!
      „Du gehst?“, fragte er und kam sich dumm vor, denn es war offensichtlich. Er hielt sich am Türgriff fest, als könnte er den Mann so aufhalten.
      Braidon ging nicht auf die Frage ein. Als der Rucksack geschnürt war, stellte er ihn auf dem Boden ab und setzte sich an den Tisch. Er nahm seinen Löffel und begann, die kalte Suppe zu schlürfen. Der Junge sah ihn ratlos an. Ihm fiel einfach nichts ein, was er sagen konnte. Die Panik schnürte ihm die Kehle zu. Nach einigen Löffeln hielt Braidon mitten in der Bewegung inne und sah zu dem Jungen hinüber, als wäre er erstaunt, ihn dort zu sehen.
      „Du stehst ja immer noch da“, sagte er. „Na los, iss was und dann pack deine Sachen. Wir müssen heute noch sehr weit laufen und ich will nicht auf dich warten müssen. Im nächsten Dorf besorgen wir dir erst mal einen richtigen Mantel. Und gescheite Stiefel wären auch nicht übel“, fügte er mit Blick auf die halb zerfallenen Exemplare des Jungen hinzu.
      „Und vor allem brauchst du einen Namen. ‚Braidon von Marcat und der Junge‘ klingt nicht besonders eindrucksvoll.“ Er grinste. Der Junge grinste zurück und es war das breiteste Grinsen, das es je gegeben hatte.


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      Feedback zu den Adventskalendertexten könnt ihr HIER geben. Die Texte sind wie jedes Jahr zunächst anonym, damit ihr - wenn ihr wollt - Autoren raten könnt. Wenige Tage nach Weihnachten wird aufgelöst, welcher Text von wem stammt, dann können die Autoren dort im Thread gesammelt auf das Feedback antworten.

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      Wieder einmal sind wir am Ziel angelangt. 24 Tage, 24 Texte. :thumbup: !

      Wie im letzten Jahr habt ihr jetzt noch ein paar Tage Zeit, die noch nicht gelesenen Türchen nachzulesen, Kommentare dazu abzugeben (übrigens auch dann, wenn ihr kein aktiver Teilnehmer sondern nur stiller Mitleser seid :) ) und wenn ihr wollt, könnt ihr hier im Thread auch öffentlich raten, welche Autoren ihr im Verdacht habt, den einen oder anderen Text verfasst zu haben.

      Heute in einer Woche wird dann aufgelöst. Ihr könnt dann sehen wie richtig ihr mit euren Vermutungen liegt, aus wessen Feder die Beiträge stammen, und die Autoren haben die Möglichkeit, gesammelt auf das Feedback zu ihren Texten zu antworten.


      Bis dahin wünsche ich euch



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      FROHE WEIHNACHTEN!

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      DIE AUTOREN:


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      So schnell ging der Advent wieder einmal vorbei! Aber die vielfältigen Geschichten, die hier wieder einmal entstanden sind, bleiben hoffentlich sehr viel länger im Gedächtnis.
      12 Autoren haben 2014 die Adventskalendertürchen mit ihren Texten gefüllt. An dieser Stelle möchte ich euch allen herzlich danken für eure Mühe - auch jenen, deren Texte es dann aus verschiedenen Gründen doch nicht in den Adventskalender geschafft haben.
      Ich habe hier noch den goldenen Tannenzweig, den hat sich dieses Jahr Shay aber so was von verdient, mit fünf(!) gefüllten Türchen! *verleih* Mit jeweils drei gefüllten Türchen erhalten Eld und ich dann jeweils einen halben silbernen Tannenzweig *schnipp*. Und Amanita, Silph, Veria und Vinni bekommen mit je zwei Türchentexten das bronzene Tannenzäpflein verliehen. ^^ Jundurgs Text war wieder einmal der schrägste - deshalb bekommst du hiermit eine kleine güldene Trompete mit Schleifchen dran (als Deko zum an-die-Palme-hängen ;) ). Dieses Jahr haben wir mit Entropy und Taliesin gleich zwei Bastler, die vorher noch nie mitgemacht haben, und daher erhaltet ihr jeder einen frischen grünen Tannenzweig, bittesehr hier *überreich* Und auch allen, die 'nur einen' Text beigesteuert haben: Ihr macht dieses Projekt durch eure Kreativität zu etwas ganz Besonderem. :D

      2014 ist der sechste Weltenbastler-Adventskalender. Seit 2009 haben wir es jedes Jahr geschafft, den Advent mit Geschichten ein wenig spannender zu machen, und (bis auf ein Jahr) jeden Tag ein Türchen zu öffnen, das seine Leser in eine andere Welt entführt, und zwar immer wieder mit neuen, überraschenden, tollen und abwechslungsreichen Texten, die sich echt sehen lassen können. Ohne euer Engagement und eure Phantasie, und auch eure Bereitschaft, Texte spontan last minute noch einzureichen wenn mal wieder ein verzweifelter Hinweis auf "Es gibt noch so viele freie Türchen!" kam, hätten wir das nicht geschafft. Dafür euch allen: VIELEN DANK!!! :knuddel:

      Die Adventskalender-Orga macht sehr viel Spass: in einem Wirbelwind bunter Geschichten zu stehen, und zu sehen wie sie nach und nach in die offenen Türchen hineinschlüpfen, da komme ich mir wirklich vor wie ein "Sturmfänger" ^^ Aber es kostet natürlich auch Zeit und Kraft, die dann für andere Projekte fehlt.

      Nach diesen sechs Jahren ist es jetzt daher soweit, dass ich als Organisatorin des Adventskalenders mal eine Pause brauche.
      Um den Dezember mal wieder ein bisschen ruhiger angehen zu lassen. Und um mich vielleicht auch mal an Projekten wie z.B. dem "NaNo" zu versuchen, der leider ziemlich zeitgleich im November läuft. Um vielleicht auch mal mit neuer Energie einen anderen, neuen Projekte-Versuchsballon im WB-Forum zu starten. Ich will mir gerne offen lassen, die Orga mal wieder zu machen, aber wie gesagt ich brauche jetzt erstmal eine Pause. :)

      Deshalb sage ich an dieser Stelle vorerst mal:

      <3<3<3 Danke euch allen für sechs tolle Jahre voller wunderbarer Geschichten!!! <3<3<3



      Wie geht es also mit dem Weltenbastler-Adventskalender weiter? ???

      Nun, das liegt nicht nur bei mir. Denn es ist ein Gemeinschaftsprojekt, anders gar nicht zu machen. Ob einer von euch zur Abwechslung mal das Orga-Zepter schwingen will? Ob der Adventskalender mal eine Weile Winterschlaf hält? Ob stattdessen mal wieder andere neue (oder alte) Projekte verwirklicht werden, oder vielleicht (abwechselnd?) wieder wie zuvor gewichtelt wird? Das liegt auch in euren Händen. Das Projekte-und-Aktionen-Board sieht bestimmt noch so manche spannende Diskussion und Aktion! Das neue Jahr hat gerade erst angefangen, und ich bin gespannt was es uns allen bringen wird.

      In diesem Sinne: Ein gutes, neues, kreatives und produktives Jahr euch allen!


      Sturmfaenger


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      HIER könnt ihr natürlich gerne weiterhin eure Kommentare, Fragen und allgemeines Feedback zu den Texten abgeben. Und die Autoren können nun gesammelt auf die Reaktionen zu ihren Texten antworten.

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    • Riesigen Dank für die Kalender-Orga für sechs Jahre, Sturmi. Ich weiss, das ist keine leichte Aufgabe und kostet mitunter gut Nerven.

      Ich würde mich aber anbieten, falls ihr mich wollt, mal die Orga zu übernehmen.
      Don't diagnose and drive.

      Dieser Bastler hat sich freiwillig dazu verpflichtet, ab sofort je Woche einen wertvollen Bastelpost mehr zu verfassen als bisher. Er möchte damit das Forum zu mehr Aktivität anregen. Hilf ihm und mach einfach mit!
    • Also!

      1) Vielen vielen vielen vielen vielen und vielen Dank Sturmi! Der Kalender ist seit seiner Existenz etwas, auf das ich mich jedes Jahr freue. Meist schon im Sommer. (auch, wenn ich noch nicht alle Geschichten gelesen habe...*schäm*)

      2) Ich würde den Kalender gerne fortgeführt sehen. Das WIBA-Projekt schließt ja perfekt an die Nachweihnachtszeit an und der Kalender die Zeit davor.

      3) Veria fände ich als Organisatorin gut.

      4) Ich persönlich wünsche mir, dass es nächstes Jahr wieder mehr Autoren werden.
      Ich hab grad mal die letzten Jahre durchgezählt:
      2009: 14 Autoren
      2010: 10 Autoren (keine 24 Texte)
      2011: 18 Autoren
      2012: 17 Autoren
      2013: 13 Autoren
      2014: 12 Autoren

      Ich denke, wenn wir 13 bis 18 Autoren sind, schaffen wir es problemlos, den Kalender zu füllen. Bei weniger als 13 wird es eng und nur so grandiose Vielschreiber wie Sturmi und dieses Jahr besonder Shay füllen dann die letzten Türchen.
      Aus Gesprächen weiß ich von manchen, dass sie durchaus mitmachen würden, wenn ihnen eine Geschichte einfiele oder sie einen Text passender Länge hätten. Gerade zur Textlänge kann ich sagen, dass die in meinen Augen zweitrangig ist. Kurze Texte sind auch sehr schön und wie man an meinen ausufernden Schilderungen sieht, kann man sie auch mal auf zwei Türchen verteilen. Was die Ideen angeht: Wir sind so ein kreativer Haufen, mit ein bissl stimmungsvoller Musik und Hartnäckigkeit lässt sich vieles machen. Die ein oder andere meiner Geschichten entstand an Abenden, als ich mir sagte: Jetzt mach einfach was! Es kam zwar immer was anderes raus, als gedacht, aber das ist auch schön.
      Daher mein Aufruf an alle Geschichtenliebhaber(innen): Schreibet, dass die Federn qualmen, die Tasten quietschen und die Finger fliegen! :peitsch: :arbeit: :engel:

      Denn zumindest für mich ist der Adventskalender inzwischen so sehr Weihnachten wie Weihnachtsmarkt, Plätzchen und Weihnachtsdeko.
      Gib jedem Tag die Chance, der beste deines Lebens zu werden. - Mark Twain