[Est] Erloschen

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • [Est] Erloschen

      Wie öffnet man eine Welt für fremde Augen? Ich habe vor kurzem die erste Geschichte in meinem Projekt Est fertig gestellt. Mir selbst diente sie als Übung für prosaisches Schreiben und als Grund, eine Mechanik der Welt einmal ausführlich beschreiben zu müssen. Anstatt den Vorhang weit aufzuziehen und den Blick auf Est aus der Schöpferperspektive freizugeben, gibt sie mir aber jetzt auch die Möglichkeit, den Vorhang nur ganz leicht anzuheben und einen kleinen Ausschnitt zu zeigen.

      Ich teile die Geschichte in zwei Abschnitte, um ein bisschen Spannung zu erhalten. Teil zwei folgt am nächsten Wochenende. Ich freue mich über Kommentare - sowohl zur handwerklichen Umsetzung als auch zu den Aspekten der Welt, die hier eine Rolle spielen.

      Viel Spaß!

      Erloschen
      (1/2)

      Spoiler anzeigen
      „Inis schenkt uns ihren Funken, doch ihre Flammen brennen einsam. Sie verzehren sich und brennen aus ohne eine Hand, die sie anleitet. Wir sind Bewahrer eines Geschenks von unschätzbarem Wert.“ – Belosh von Kys, Erste Hand der Inis

      Das Tal war trostlos. Roter Sand und vertrocknete Grasbüschel breiteten sich unter der heißen Hochlandsonne vor Nomos und seinen Begleitern aus. Entlang eines Bachlaufs rangen einige Akazien und Olivenbäume dem Boden ein dürftiges Dasein ab. Felsen lagen wie achtlos hingeworfen herum – Geröll von den Bergrücken, die den Talkessel formten. Ein flaches Haus stand auf der anderen Seite. Die weiß getünchten Wände leuchteten in der Sonne.

      „Wie lauten Eure Befehle?“ fragte der ältere der zwei Soldaten. Nomos ignorierte die Frage und taxierte den Hang vor ihnen. Soweit er das Tal überblicken konnte, war dies der einzige Pfad, der zu dem Haus führte, und er schien nicht oft genutzt zu werden. Es gab keine Anzeichen frischer Spuren. Es hatte zweiundzwanzig Tage gedauert, diesen Ort überhaupt aufzuspüren. Die Familie hatte sich wirklich Mühe gegeben, nicht gefunden zu werden.

      Die Sonne stand hoch am Himmel, vor ihnen regte sich nichts. Die Tiere der Berge mieden die Mittagshitze, einzig das Zirpen von Grillen erfüllte die Luft mit einem monotonen Surren. Nomos hatte geplant, den Bauern an seiner Haustür zu überraschen, allerdings bot das Tal keine zuverlässige Deckung, um sich ungesehen weiter zu nähern. „Herr?“ Die Soldaten wurden ungeduldig. „Wir reiten entlang des Wassers“, entschied Nomos und trieb sein Pferd an. Wenn die Familie nicht gewarnt war, konnten sie ebenso das bisschen Schatten nutzen, dass die Bäume boten. Es machte keinen Unterschied.

      Sie folgten dem Trampelpfad hinunter zum Bach, einem kümmerlichen Rinnsal, das sich vor der Sonne tief in sein Bett duckte. Der Weg führte quer durch die Talsohle zum Haus auf der anderen Seite. Weiter oben an den Hängen kletterten Ziegen zwischen Felsen umher. Im Schatten des letzten Baums vor dem Haus hob Nomos die Hand zum Stopp und beobachtete die Fenster. „Haltet Abstand und wartet auf meine Befehle“, wies er die Soldaten an. Er saß ab und stieg die letzten Schritte allein hinauf. Unter den Sohlen seiner Sandalen knirschten die Steine.

      Bevor er die Tür erreichte, trat ein Mann hinaus in die Sonne und baute sich vor dem Eingang auf. Er überragte Nomos um mehr als einen Kopf, sein dunkles Haar zeigte an den Schläfen und im sorgsam gestutzten Bart erste silberne Strähnen. Er trug ein einfaches Leinenhemd, breite Schultern und kräftige Arme zeugten von einem Leben voll harter Arbeit. Körperlich war er Nomos eindeutig überlegen. Nomos hielt Abstand und gab dem Mann Zeit, die Situation zu erfassen.

      Er würde natürlich das kräftige Blau der Armeetunika erkennen, für die Nomos sich entschieden hatte. Vielleicht würde er Nomos wegen der Eskorte aus zwei Soldaten und den kurz rasierten Haaren für einen Offizier halten. Er würde in jedem Fall sehen, dass Nomos unbewaffnet war. Drohkulissen mussten sorgsam inszeniert werden, sonst gerieten die Dinge außer Kontrolle.

      Der Mann knetete die Finger. „Was führt Euch hierher?“ fragte er. „Eine gute Frage“, entgegnete Nomos. „Ich bin gekommen, um mit Euch über die Umstände Eurer Anwesenheit in diesem Tal zu sprechen. Darf ich eintreten?“ Unentschlossen wanderte der Blick des Bauern wieder zu den Soldaten. Schließlich machte er einen Schritt zur Seite und deutete ins Haus. „Natürlich.“
      Nomos nickte den Soldaten zu. Die Männer saßen ab und führten die Pferde heran. „Die beiden werden hier auf mich warten“, ließ er den Bauern im Vorbeigehen wissen und schenkte ihm ein gewinnendes Lächeln.

      ach der gleißenden Mittagssonne hatten seine Augen Mühe, sich an die Lichtverhältnisse zu gewöhnen. Die Luft war angenehm kühl, es roch nach Knoblauch und frischem Brot. Der Raum war bescheiden eingerichtet: Die Wände waren wie das Äußere des Hauses weiß, ein massiver Holztisch mit zwei einfachen Bänken stand an der linken Wand. In einer Nische waren sechs geschnitzte Figuren sorgsam aufgereiht. Ein Altar für die Ahnen. Einfache Leute hatten einen einfachen Glauben. In die rechte Wand war eine Feuerstelle eingelassen, ein paar abgedeckte Körbe standen herum. Eine niedrige Tür führte gegenüber aus dem Raum heraus. Auf dem Tisch standen eine angefangene Mahlzeit aus Brot und Käse, ein Becher und eine bronzene Karaffe. Niemand sonst war anwesend.

      Der Bauer schloss die Tür hinter sich und deutete auf die Bänke: „Bitte, setzt Euch.“ Hastig durchquerte er den Raum. „Wir haben einen Gast!“ rief er jemandem durch die kleine Tür zu. Nomos tat wie ihm geheißen und setzte sich mit dem Rücken zum Eingang. Sein Gastgeber nahm ihm gegenüber Platz, umständlich schob er die begonnene Mahlzeit zur Seite. „Lasst euch bitte nicht stören“, ermunterte Nomos den Mann, „nur zu.“ Während der Bauer zögerlich wieder nach dem Teller griff, zog Nomos den Kragen seiner Tunika herunter. Der Mann würdigte die tätowierte Hand auf seiner Brust nur eines kurzen Blickes und nahm einen Bissen vom Käse. Enttäuschend.

      „Wie ich sehe, wisst Ihr, wer ich bin. Meine Name ist Nomos.“ Der Bauer schluckte seine Bissen herunter. „Ich bin Miko. Ich weiß, was das bedeutet“, er winkte in Richtung von Nomos Brust, „aber ich weiß nicht, warum Ihr hier seid. Wir haben mit dem Geschäft der Hände von Inis nichts zu schaffen.“ Nomos verzog den Mund. „Händler machen Geschäfte“, erwiderte er, „ich pflege meine Anliegen nicht zu verhandeln.“

      Eine Frau kam durch die kleinere Tür und unterbrach das Gespräch. Ihr geflochtener Zopf reichte bis zur Taille, einige hölzerne Armreife klapperten an ihrem Handgelenk. „Es ist sehr heiß heute, Ihr seid sicher ausgezehrt von Eurer Reise“, sagte sie leise und servierte Nomos ebenfalls einen Teller mit Brot und Käse, dazu eine Schale mit Oliven und einen Becher, in den sie Wasser aus der Karaffe einschenkte. Der Bauer tauschte eindringliche Blicke mit ihr aus. Sie entschuldigte sich sofort mit einem Nicken und machte kehrt. Vermutlich würde sie jetzt nach einem Versteck für den Jungen suchen.

      „Ihr habt eine fürsorgliche Frau“, begann Nomos erneut, als sie wieder allein waren.
      „Ich bin ein glücklicher Mann.“
      „Es ist einsam hier oben.“
      „Wir haben alles, was wir brauchen.“
      „In Eurem Dorf hattet Ihr das nicht?“ Nomos ignorierte das Essen.
      „Es war an der Zeit zu gehen.“
      „Auf mich hat der Ort einen malerischen Eindruck gemacht. Die Landschaft weiter unten ist fruchtbarer und Euer alter Hof war größer als dieses Haus. Meiner Erfahrung nach brauchen Menschen Gesellschaft. Warum habt Ihr das gegen diese Einsamkeit getauscht?“
      Der Mann starrte auf seinen Teller. „Ich hatte einen Streit, den ich nicht wollte. Ich habe die Sache hinter mir gelassen und lebe gut damit.“
      „Die Sache war es wert, Eure Heimat zu verlassen?“
      „Wir stammen nicht aus dem Dorf.“
      „Ihr habt trotzdem viel aufgegeben. Warum?“

      Der Bauer legte den Käse zur Seite und rieb sich Brotkrumen von den Händen. Er schien seine Strategie zu überdenken. „Es gab einen Unfall“, sagte er schließlich.
      „So? Was ist passiert?“
      „Ein Mädchen ist gestorben. Sie ist beim Ziegenhüten einen Abhang hinuntergestürzt, mein Sohn war dabei. Er ist zu uns gekommen, um Hilfe zu holen, aber als wir an der Unglücksstelle ankamen, war es schon zu spät. Er war damals noch sehr jung.“
      „Der Tod von Kindern ist immer tragisch.“ Nomos registrierte jede Regung des Mannes: das Kneten der Finger, das häufige Blinzeln. Der Bauer blieb erstaunlich ruhig, doch die Ruhe wirkte bemüht.
      „Der Vater des Mädchens kam damit nicht zurecht. Er gab meinem Jungen die Schuld an dem Unfall. Dabei war seine Tochter doppelt so alt wie mein Sohn, doch er hörte nicht damit auf. Ich habe mir Sorgen gemacht, dass er meinem Kleinen etwas antun könnte. Also sind wir gegangen. Ich hoffe, er hat seine Trauer inzwischen überwunden.“
      Nomos nickte. Der Mann stellte sich nicht schlecht an, seiner Geschichte lag viel Wahrheit zugrunde. Sie klang überzeugend. Auch er änderte seine Strategie und lehnte sich auf die Tischkante. „Erinnert Ihr euch an die Unglücksstelle, Miko?“
      Der Bauer sah auf seine Hände und strich sich auf der Suche nach mehr Krümeln wieder über die Finger. „Nicht mehr genau, nein.“
      „Nicht mehr genau“, wiederholte Nomos. „Ich schon. Ich war vor zweiundzwanzig Tagen dort. Die Umgebung weist interessante Eigenheiten auf.“
      Die rechte Augenbraue des Bauern zuckte.

      Zufrieden lehnte sich Nomos zurück. Er hatte den Mann in der Hand. Seine Frau hatte vermutlich ein Versteck für den Jungen gefunden, wenn sie überhaupt eines hatte suchen müssen. An eine Flucht war nicht zu denken. Draußen warteten die Soldaten und das Tal war leicht zu überblicken. Er hatte alle Zeit der Welt. Seelenruhig nahm er eine Olive aus der Schale vor ihm, drehte sie langsam zwischen seinen Fingern und drückte sie prüfend. Unter dem weichen Fruchtfleisch ertastete er den harten Kern.
    • Wie versprochen hier der zweite Teil.

      Erloschen
      (2/2)

      Spoiler anzeigen
      „Schlimm, so ein Unglück“, sagte er, ohne den Blick von der Olive abzuwenden.
      Der Bauer schwieg.
      Nomos schob sie sich in den Mund. „Ihr müsst verstehen“, er machte Pausen, um zu kauen, „dass ich skeptisch sein muss. Das Gedächtnis der Leute ist schlecht. Es kursieren Gerüchte und Geschichten werden erfunden, sie erfinden sich praktisch von selbst. Ihr behauptet, die Kleine sei gestürzt. Könnt Ihr das beweisen? Euer Wort steht gegen das Eures Nachbarn. Das bringt mich in eine komplizierte Lage, Miko. Ich muss die Wahrheit erfahren. Das ist sozusagen mein Geschäft, wie Ihr so treffend bemerkt habt. Ich wäre nicht hier, wenn es sich um zwei gewöhnliche Kinder handeln würde. Aber wie bringe ich“, er spuckte den Olivenkern in seine Hand und hielt ihn hoch, „die Wahrheit ans Licht?“

      Der Bauer starrte in die Luft und sagte nichts.
      „Diese Oliven sind köstlich. Ihr legt sie in Knoblauchöl ein, richtig? Und Thymian?“
      Nicken.
      „Ich sollte Eure Frau fragen, ob ich ihr nicht ein paar Portionen abkaufen kann.“ Nomos fingerte nach der nächsten Frucht. Langsam folgten die Augen des Bauern seiner Hand zurück von der Schale zum Mund.
      „Wisst Ihr, was man sich im Dorf über Euren Sohn erzählt?“
      Der Mann sah wieder auf die Oliven, dann zu Nomos. Mit Mühe rang er sich einen Rest Haltung ab und verschränkte die Arme. „Darauf lege ich keinen Wert. Mein Sohn war unschuldig am Tod der Kleinen.“
      „Ich bin überzeugt, dass er ihn nicht gewollt hat. Aber ist er deswegen unschuldig? Wenn er für den Zustand der Unglücksstelle verantwortlich ist, seid Ihr ebenfalls schuldig.“
      „Mein Sohn hatte damit nichts zu tun.“ Der Bauer stand auf. „Ich muss euch jetzt bitten, zu gehen.“
      „Erst wenn ich mit dem Jungen gesprochen habe.“
      „Ich fürchte, das ist nicht möglich.“
      Nomos unterdrückte einen Seufzer. Für ein längeres Geplänkel hatte er keine Geduld mehr.
      Doch der Bauer öffnete die Eingangstür. „Ich zeige es euch. Bitte folgt mir.“

      Die Soldaten sprangen auf, als Nomos ins Sonnenlicht hinaustrat. Sie hatten die Pferde an einem Baum am Bach angebunden und es sich auf einen der Felsbrocken bequem gemacht. Der Bauer kümmerte sich nicht weiter um sie und bog um die Ecke in Richtung des Hangs hinter dem Haus. Nomos nickte den Soldaten im Vorbeigehen deutlich zu – das vereinbarte Zeichen, das Haus zu durchsuchen. Wenn sich der Junge dort aufhielt, würden sie ihn finden.

      Der Bauer führte Nomos zu einem Pfad, der zu einer Akazie weiter oben am Hang führte. Beim Aufstieg schälte sich aus ihrem Schatten ein sorgsam aufgeschichteter Steinhaufen. „Euer Sohn ist also tot?“, fragte Nomos, als sie den Baum erreichten. Der Bauer nickte. Vor dem Grab ging Nomos in die Hocke. Die Oberflächen der Steine waren gleichmäßig von Staub bedeckt, aus einigen Zwischenräumen sprossen Grashalme. Sie lagen schon lange hier, doch das musste nicht bedeuten, dass auch darunter noch etwas lag. Oder jemand.

      „Wie ist er gestorben?“
      „Ein Fieber hat ihn geholt.“
      Natürlich, eine tragische Krankheit. „Miko, macht es Euch nicht schwerer als nötig. Was finde ich, sollte ich diese Steine abtragen lassen?“
      Der Bauer kniff die Augen zusammen und schwieg.
      „Ich weiß über Euren Sohn Bescheid. Wegen ihm seid Ihr geflohen. Sollte er leben, könntet Ihr ihm viel Schmerz ersparen, wenn Ihr die Scharade aufgebt.“
      Die Miene des Bauern blieb versteinert.
      „Ihr lasst mir sonst–“ Nomos hielt inne und schaute hinunter zum Haus. Er spürte den Strom zu einem entstehenden Fokus wie einen Windhauch auf der Haut. Rufe schallten herauf.
      Die Faust des Bauern traf ihn unvorbereitet.

      Er ging hart zu Boden. Farben tanzten in seinem Blickfeld, die Ohren pfiffen. Statt den Boden zu spüren war die Hälfte seines Gesichts taub. In seinem Kopf hämmerte der Puls, ein metallischer Geschmack breitete sich im Mund aus.
      Er hörte schnelle Schritte. Der Bauer war also nicht mehr da. Er drehte sich auf den Rücken und blinzelte. Verschwommen nahm er die Baumkrone über ihm war. Lichtpunkte durchbrachen das Geäst.
      Rufe, mehrere Stimmen. Männlich.
      Beim Abtasten des Gesichts wich die anfängliche Taubheit Schmerz. Langsam bewegte er seinen Unterkiefer. Es schien nichts gebrochen zu sein. Das Geäst über ihm wurde klarer.
      Nach den körperlichen Sinnen kehrte die Sensibilität für den Fokus zurück. Die Anziehung zum Haus wuchs, sie war wie ein Loch, das Luft ansog, doch natürlich regte sich kein Grashalm. Er stand auf. Es fiel ihm schwer, das Gleichgewicht zu halten.

      Das Haus hatte eine Hintertür. Im Rahmen lag ein regloser Körper in blauer Tunika. Der Bauer hatte einen der Soldaten überwältigt. Aus dem Haus stürzte der andere Soldat und wirbelte herum. In seiner Hand blitzte ein Schwert. Ihm folgte der Bauer, der ihn sofort mit weiten Schwüngen eines langen Knüppels oder Stabs auf Distanz hielt. Der Soldat wich geschickt aus. Nomos konzentrierte sich und verlangsamte seine Atmung, bis er den richtigen Rhythmus erreichte. Über ihn hinweg und durch ihn hindurch rauschte der Strom zum Haus, viel schneller als er es bei anderen Kindern erlebt hatte.

      Der Soldat tauchte unter den Schwüngen des Bauern hinweg und tänzelte um ihn herum, gelangte in dessen Flanke und stach zu. Das Schwert drang tief in den Torso des Bauern ein, die massige Gestalt erschlaffte. Der Soldat verlor keine Zeit und verschwand sofort im Haus. Dinge gerieten außer Kontrolle.

      Nomos' Fokus war fast bereit – dann riss der Strom plötzlich ab. Mit einem dumpfen Knall explodierte das Mauerwerk um die Tür, Steine und Staub spritzten in alle Richtungen. Wie eine Puppe wurde der Soldat davongeschleudert und schlug dutzende Schritte entfernt auf. Beeindruckend.

      Der Junge musste gewaltige Angst oder Wut verspürt haben, um solche Kräfte freizusetzen. Doch jetzt war Nomos vorbereitet auf ein Kräftemessen. Er stieg den Hang hinab. Sand rieselte zu Boden und erzeugte ein Geräusch wie leichter Regen. In der Staubwolke regte sich ein Schatten. Nomos blieb stehen.
      „Es ist vorbei. Die Soldaten tun dir nichts mehr“, rief er zum Haus. „Ich bin hier, um dich in die Weiße Stadt zu bringen. Deinen Eltern muss nichts geschehen.“
      Ein leises Schluchzen war die Antwort.

      Wieder setzte der Fokus im Haus ein, schneller und unbändiger als zuvor. Sandkörner tanzten über dem Boden. Steine schabten gegeneinander. Stücke des Mauerwerks lösten sich aus dem Geröllhaufen und stiegen auf. Als ein Windstoß den Staub auseinander trieb, war das Blickfeld frei. Nomos Atem stockte: In den Trümmern stand kein Kind, sondern die Frau des Bauern. Sie hielt sich den Bauch über einem roten Fleck, die Arme blutig.
      Ihre Blicke trafen sich.
      Für einen Wimpernschlag verharrten die Steine in der Luft. Dann schossen sie auf Nomos zu.

      Die Rekanalisierung kostete ihn keine Mühe, nur einen Gedanken. Sein Fokus war stärker und kontrollierter. Er musste nicht einmal den Strom umkehren, es reichte eine kleine Korrektur, damit alle Geschosse ihr Ziel verfehlten und hinter ihm in den Hang krachten. Für die Frau jedoch schien die Anstrengung zu viel zu sein. Ihre Knie gaben nach, sie klappte zusammen und fiel kraftlos auf die Seite.

      Stille legte sich über das Trümmerfeld. Nomos atmete durch und fuhr sich mit der Zunge über die staubigen Lippen. Es hieß stets, dass kein Berührter seine Gabe mit Kindern oder Geschwistern teilte. Die Flammen von Inis brennen einsam.

      Die Schritte durch die Reste des Hauses wählte er mit Bedacht. Die Körper des ersten Soldaten und des Bauern waren unter Staub und Stückwerk der Rückwand begraben worden. Als er die Frau erreichte, blickten ihre Augen ins Leere. Ihr Hals hatte keinen Puls. Unter ihr hatte das Blut aus der Bauchwunde den rotbraunen Sand fast schwarz gefärbt. Ihre rechte Hand umklammerte ein Spielzeug, eine Tierfigur aus Holz, vielleicht eine Ziege. Nomos nahm sie auf. Das Holz war glatt und abgegriffen, ein paar Farbreste hatten sich am Kopf gehalten.

      Er sah sich um. An der Wand zum anderen Raum des Hauses lagen zerbrochene Krüge, Oliven glänzten ölig zwischen Regalbrettern. Ein Bett lehnte der Wand. Es war gerade groß genug für den Bauern und seine Frau. Nomos drehte sich zum Grab am Hang. Am Himmel hatte die Sonne ihren Zenit überschritten, der Schatten der Akazie deutete jetzt in seine Richtung. Die geschnitzte Ziege war kein Spielzeug mehr, nur noch eine Erinnerung. Er legte sie zurück in die Hand der Frau, bevor er die Pferde suchte.

      * * *
    • Hallöchen Caspar!

      Ich habe mir mal die Zeit genommen, die Geschichten zu lesen und muss sagen, dass ich doch gebannt war. Der erste Teil beginnt gemächlich und ruhig, aber dennoch ist der Wortfluss nicht zäh oder schleppend. Vielmehr baut sich eine außerordentliche Spannung auf, die am Ende ihren Höhepunkt erreicht. Besonders gut gefällt mir persönlich die Doppelebene Gespräch <--> Olive. Ich nehme mal an, dass das auch so beabsichtigt ist, denn in der Literatur steht nichts umsonst. Die Handlung mit der Olive untermalt auf relativ gute Art und Weise das Gespräch zwischen Nomos und dem Bauern. Vor allem das Ende der Geschichte ist hier besonders ausdrucksstark, wo es um das Ertasten des Kernes geht, was in meinen Augen für ein Ertasten der Wahrheit stehen kann.

      Die Spannung wird im zweiten Teil gleich wieder aufgenommen. Mir gefällt die Art und Weise, wie sich Gespräch und Olive wieder überlappen. Grundsätzlich ist der Schreibstil sehr flüssig ohne Stolperfallen. Ich hatte zumindest Bilder im Kopf, zwar nicht allzu klare, aber das liegt daran, dass ich ja auch einfach ins Geschehen geworfen wurde und die Welt Est noch nicht wirklich kenne.

      Im Tumult des Geschehens kommt dann die Sache mit dem 'Fokus' auf, was mich natürlich neugierig gemacht hat, da es sich hier offenbar das weltenspezifische Element handelt, was diese Geschichte einführt. Ich stelle mir das vor wie eine Art Telekinese-Fähigkeit.

      Hmm, ansonsten wüsste ich nicht, was ich jetzt noch schreiben könnte, also wenn du eine Rückmeldung zu speziellen literarischen Aspekten haben möchtest, wäre es gut, wenn du das nochmal schreibst, dann kann ich dir als 1/4-Literaturwissenschaftlerin gerne noch eine genauere Rückmeldung geben :) Und darüber hinaus interessiert mich natürlich die Sache mit diesem 'Fokus'. :thumbup:
      Beyond Vega, Pollon Is.
      Betrachte die Bruchstücke.
    • Geisterstund' - meine Stund'. :)

      Vorweg erst einmal hat mir deine Geschichte sehr gut gefallen. Der Text ist schön flüssig und nur selten stolperte ich kurzzeitig. Doch spätestens beim zweiten Lesen eines Satzes wurde der Sinn verständlicher. (Doch das mag auch an der Uhrzeit liegen. :pfeif: ) Du beschreibst die Umgebungen recht stimmungsvoll, so dass die Orte gut vor dem geistigen Auge Gestalt annehmen. Das taktische Gesprächsduell wirk zudem gut durchdacht.
      Vom Schreibstil fiel mir einzig auf, dass du in der Erzählung stets etwas distanziert bleibst. Nomos wirkt unglaublich kontrolliert, selbst nachdem er niedergeschlagen wurde. Du beschreibst zwar sehr treffend seine körperlichen Empfindungen, doch keinerlei emotionale Regungen. Gerade in den letzten Absätzen der Geschichte zeichnet sich die allgemeine Distanz deutlicher ab. Doch womöglich war dies von dir durchaus beabsichtigt. :weissnicht:


      Inhaltliche Anmerkungen:

      Caspar schrieb:

      „Inis schenkt uns ihren Funken, doch ihre Flammen brennen einsam. Sie verzehren sich und brennen aus ohne eine Hand, die sie anleitet. ...
      Es hieß stets, dass kein Berührter seine Gabe mit Kindern oder Geschwistern teilte. Die Flammen von Inis brennen einsam.
      Schöner Kniff den Text vom Anfang wieder aufzugreifen. Doch dann wäre vermutlich die Mutter Schuld am Tode des Mädchens. Wie passt das mit dem Jungen zusammen? Wie vermochte sie so viele Jahre ihre Gabe zu verbergen, wenn man die Anwendung offenbar zu spüren vermag?
      Und warum verbarg sie die Gabe überhaupt so lange? Ist der Beitritt zur Hand von Inis Pflicht, wenn sich diese Fähigkeit zeigt?

      Warum nahm Nomos nur zwei Soldaten mit, wenn die Kandidaten so gefährlich sein können? Wären vier oder sechs Soldaten dann nicht angemessener gewesen?

      Warum eskalierte die Durchsuchung des Hauses überhaupt? Die Soldaten verfügen offenbar nicht über die Gabe. Warum auf eine 'wehrlose' Frau mit einem Schwert einstechen?

      Caspar schrieb:

      Er spürte den Strom zu einem entstehenden Fokus wie einen Windhauch auf der Haut. ...
      Die Anziehung zum Haus wuchs, sie war wie ein Loch, das Luft ansog, doch natürlich regte sich kein Grashalm. ...
      Über ihn hinweg und durch ihn hindurch rauschte der Strom zum Haus, viel schneller als er es bei anderen Kindern erlebt hatte. ...
      Die Rekanalisierung kostete ihn keine Mühe, nur einen Gedanken. Sein Fokus war stärker und kontrollierter. Er musste nicht einmal den Strom umkehren, es reichte eine kleine Korrektur, damit alle Geschosse ihr Ziel verfehlten und hinter ihm in den Hang krachten.
      Ich vermute durch diese Stellen, dass es sich um eine Art allgegenwärtiges Energiefeld handelt, und die Frau diese Energie quasi einsaugt, um sie dann in irgend einer Form wieder frei zu setzen. So ich richtig liege, dann erinnert es mich ein wenig an meine eigene Welt Eskir. :)
      Einzig das Wort "Rekanalisierung" irritiert mich. Warum muss Nomos erneut Energie kanalisieren, obwohl er bis dahin noch gar nicht gezaubert hatte?


      Handwerkliches:
      Spoiler anzeigen
      Was hat es damit auf sich, dass es "zweiundzwanzig Tage gedauert" hatte, das Versteck aufzuspüren? Eine ungewöhnlich exakte Zeitangabe, die suggeriert, dass diese Information noch relevant sein wird. Da dies zumindest im Rahmen dieser Geschichte aber nicht der Fall war, hätte ich eher so etwas wie "gut drei Wochen" o.ä. erwartet. (Vorausgesetzt das es in deiner Welt Wochen mit sieben Tagen gibt. ;) )


      Caspar schrieb:

      Sie hielt sich den Bauch über einem roten Fleck, die Arme blutig.
      Vermutlich mein persönlich größter Stolperstein im Lesefluss. Mein Gehirn suchte immer wieder nach alternativen Gründen, warum sie sich den Bauch hielt. (Schwanger? Fleck von Tomaten darunter? Sie bekommt ihre Tage? ..) Doch letztlich wird sie wohl ihre Hände auf einen roten Fleck pressen, während sich das Rot nach unten hin immer weiter ausbreitet.


      Caspar schrieb:

      „Herr?“ Die Soldaten wurden ungeduldig. „Wir reiten entlang des Wassers“, entschied Nomos und trieb sein Pferd an.
      Neue Zeile beim Wechsel der Sprecher? :kopfkratz:


      Caspar schrieb:

      Er hörte schnelle Schritte. Der Bauer war also nicht mehr da. Er drehte sich auf den Rücken und blinzelte. Verschwommen nahm er die Baumkrone über ihm war.
      Imho eher: "über sich wahr".
      Nur weil du paranoid bist, heißt das noch lange nicht, dass sie nicht doch hinter dir her sind! (Frei nach Terry Pratchett)

      Damokles-Sternenring - meine kleine Galaxie
      Rollenspiel-Anekdoten
    • Danke für euer Feedback - ich weiß, dass ich mir ziemlich lange Zeit gelassen habe, das zu beantworten. Die handwerklichen Anmerkungen habe ich gelesen und überlege bereits, was ich langfristig anders machen kann (danke Nemedon für die Kleinigkeiten - werden geändert). Spannender ist für euch aber wohl der Inhalt:

      Nemedon schrieb:

      Vom Schreibstil fiel mir einzig auf, dass du in der Erzählung stets etwas distanziert bleibst. Nomos wirkt unglaublich kontrolliert, selbst nachdem er niedergeschlagen wurde.
      Tatsächlich soll Nomos ein sehr kühler, berechnender Charakter sein. Allerdings gibt mir dein Kommentar zu denken. Wenn man niedergeschlagen wurde, zieht das wohl nicht so spurlos vorüber. Es wäre sogar sehr passend, wenn er wütend wäre - vor allem auf sich selbst und darauf, dass er sich so übertölpeln ließ.

      Blaps mortisaga schrieb:

      Im Tumult des Geschehens kommt dann die Sache mit dem 'Fokus' auf, was mich natürlich neugierig gemacht hat, da es sich hier offenbar das weltenspezifische Element handelt, was diese Geschichte einführt. Ich stelle mir das vor wie eine Art Telekinese-Fähigkeit.

      Nemedon schrieb:

      VIch vermute durch diese Stellen, dass es sich um eine Art allgegenwärtiges Energiefeld handelt, und die Frau diese Energie quasi einsaugt, um sie dann in irgend einer Form wieder frei zu setzen. So ich richtig liege, dann erinnert es mich ein wenig an meine eigene Welt Eskir. :)
      Einzig das Wort "Rekanalisierung" irritiert mich. Warum muss Nomos erneut Energie kanalisieren, obwohl er bis dahin noch gar nicht gezaubert hatte?
      Ihr liegt beide natürlich völlig richtig, anhand der Geschichte habe ich erstmals mein Magie-/Telekinese-Prinzip ausprobiert. Und Nemedon, du bist nah dran. Mir schwebt eine Art Partikelfeld vor, dass sich manipulieren lässt, aber immer wieder in seinen Ursprungszustand zurückkehrt. So können zum Beispiel nicht zwei Begabte parallel beliebig viel "zaubern", sondern es kommt darauf an, wer das "Tauziehen" um die verfügbare Energie gewinnt. "Rekanalisierung" meint in diesem Fall nur, dass Nomos den bereits fließenden Strom umkehrt, also neu kanalisiert. Ich gebe zu, dass ich noch nicht den optimalen Weg gefunden habe, das ganze zu beschreiben.

      Nemedon schrieb:

      Schöner Kniff den Text vom Anfang wieder aufzugreifen. Doch dann wäre vermutlich die Mutter Schuld am Tode des Mädchens. Wie passt das mit dem Jungen zusammen? Wie vermochte sie so viele Jahre ihre Gabe zu verbergen, wenn man die Anwendung offenbar zu spüren vermag?
      Und warum verbarg sie die Gabe überhaupt so lange? Ist der Beitritt zur Hand von Inis Pflicht, wenn sich diese Fähigkeit zeigt?
      Das war mein Versuch, innerweltliches Wissen und mein Wissen als Architekt der Welt zu trennen. Die Schulmeinung, die Nomos gelernt hat, lautet, dass die Gabe nicht vererbt wird. Das muss nicht zwingend so sein, daher wurde Nomos auch davon überrascht, dass die Mutter ebenfalls über sie verfügt. Und ja, in dem Landstrich, in dem die Handlung spielt, ist der Beitritt zur der staatlichen Organisation, die hinter der Hand von Inis steckt, für Begabte Pflicht. Nicht alle Familien trennen sich gern von ihren Kindern, daher war Nomos Auftrag in diesem Fall, die Familie aufzuspüren und den Sohn mitzunehmen.

      Was hättet ihr eigentlich als nächstes lieber: Noch eine Geschichte, die einen anderen Aspekt der Welt aufnimmt, oder eine "richtige" Vorstellung der Welt?
    • *rumspuk*

      Caspar schrieb:

      Die Schulmeinung, die Nomos gelernt hat, lautet, dass die Gabe nicht vererbt wird. Das muss nicht zwingend so sein, daher wurde Nomos auch davon überrascht, dass die Mutter ebenfalls über sie verfügt.
      Ups, das kam leider so nicht bei mir an. Sollte das auch anderen so gehen, könnte es hilfreich sein einen kleinen Satz einzubauen, in der Nomos kurz irritiert seine Lehrmeinung hinterfragt.


      Caspar schrieb:

      Was hättet ihr eigentlich als nächstes lieber: Noch eine Geschichte, die einen anderen Aspekt der Welt aufnimmt, oder eine "richtige" Vorstellung der Welt?
      Das klingt beides gut. :) Eine Weltvorstellung bringt natürlich mehr spezifische Details deiner Welt zu Tage. Doch anders herum sind Geschichten in aller Regel lebendiger und man wird dadurch intensiver in die Welt hineingezogen.
      Wenn ich also die Wahl hätte ... dann wünsche ich mir Beides. :thumbup:
      Nur weil du paranoid bist, heißt das noch lange nicht, dass sie nicht doch hinter dir her sind! (Frei nach Terry Pratchett)

      Damokles-Sternenring - meine kleine Galaxie
      Rollenspiel-Anekdoten