[Silaris] Ein Tag im Leben der Brajana von Elasvaihja

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    • [Silaris] Ein Tag im Leben der Brajana von Elasvaihja

      Das war eigentlich mal als Adventskalendergeschichte gedacht, aber dafür ist es erstens zu lang geworden und zweitens auch thematisch teilweise nur begrenzt geeignet. Es enthält aber einiges Weltrelevantes über Sariler, Elementarmagie und silarische Politik, also hoffentlich auch ais weltenbasterischer Sicht interessant.
      Vielleicht sollte ich sicherheitshalber dazusagen, dass weder die sarilischen Vorstellungen im Allgemeinen noch die von Brajana im besonderen eins zu eins meine Meinung wiedergeben.

      Der erste Teil (von drei) eines recht langen Tages..

      Ein Tag im Leben von Brajana von Elasvaihja


      Ein tiefer Gong ertönte. Brajana erwachte. Wie jeden Morgen versuchte sie, sich an den Traum zu erinnern. Dieser Tradition folgte sie wie üblich seit der Pubertät. Leider enthielten ihre Träume aber nur selten wertvolle Botschaften. Dieses Mal hatte sie geträumt, dass sie durch einen langen Korridor ging und an dessen Ende auf einen recht gut aussehenden arunischen Fluormagier traf, der sie zum Essen einlud. Irgendwoher kam er ihr bekannt vor, vielleicht aus einem anderen Traum. Wenn sie dem Minister davon erzählte, würde er wahrscheinlich vermuten, dass der Traum ihr mitteilen wollte, sie solle endlich die ablehnende Haltung gegen eine Versöhnung mit den Aruniern aufgeben. Glücklicherweise gab es keinen Grund ihm davon zu erzählen.
      Brajana stand auf, ging ins Bad und schlüpfte nach Erledigung aller Notwendigkeiten in ihre Uniform. Wie alle Elementarmagier in Sarilien, die nicht bei der Geheimpolizei angestellt waren, trug sie blau. Fünf gelbe Streifen am rechten Oberarm verrieten, dass sie den höchsten Rang erreicht hatte, den es in Sarilien für Elementarmagier unterhalb des Ministers gab.
      Dazu hätte Brajana auch noch ihre Orden aus dem Arisaja-Krieg tragen können, doch darauf verzichtete sie. Drei Stück hatte sie erhalten, einen für Tapferkeit, einen für die Anzahl getöteter Arisaja-Elavier und Arunier und einen für Alijan. Der für die Tapferkeit war der einzige, den sie gerne tragen würde, doch das widersprach den Regeln. Entweder alle oder keiner.
      Das violette Band um den linken Unterarm musste jedoch sein. Es zeigte an, dass sie eine Sonderbeauftragte der Staatslenkerin war. Meistens stand auf dem Band auch noch, für welches Gebiet die Person zuständig war, darauf wurde in Brajanas Fall jedoch verzichtet. Sie war die Sonderbeauftragte für chemische Waffen und dieses Thema war Anesèja unangenehm.

      Draußen auf dem Flur waren laute, ungehaltene Männerstimmen zu hören. Brajana erkannte Rejan den obersten Fluormagier von Elasvaihja. Sein Streitpartner brüllte nicht ganz so laut, was auch schwierig war. Mit etwas Anstrengung erkannte Brajana trotzdem, dass es sich um den obersten Chlormagier Dariko handelte.
      Brajana ließ sich dadurch nicht zur Eile animieren. Mitteilen, dass ihr Verhalten völlig unangemessen war, konnte sie ihnen auch noch später. Die würden sich schon nicht an die Gurgel gehen und wenn doch, war es ihr eigenes Problem.
      Brajana steckte ihre hellen Haare hoch und zeichnete sich als letzter Teil ihrer Ausrüstung das Elementsymbol für Phosphor auf die Stirn. Natürlich wusste in Elasvaihja jeder, was ihr Element war, aber die Regel galt trotzdem. So konnten die anderen Sariler auf den ersten Blick alles Wichtige über sie erfahren. Fast alles.

      Auf dem Gang begegnete sie der obersten Natriummagierin Najala, die den beiden Männern beim Streiten in der Haustür zuschaute. Brajana konnte nicht mit Sicherheit sagen, ob sie zu schüchtern war, um vorbeizugehen, oder ob sie nicht auf die Show verzichten wollte.
      Najala war neu in Elasvaihja, ihr Vorgänger, wie Rejan und Brajana ein Veteran des Arisaja-Krieges, war vor kurzem zur Geheimpolizei abberufen worden. Die Beziehung zwischen ihm und Rejan war von Nostalgie und Kameradschaft geprägt, Brajana vermutete jedoch, dass gegenüber Najala bei ihm völlig andere Empfindungen ins Spiel kamen. Die Natriummagierin war noch recht jung und ihre bernsteinfarbene Haut, die großen Augen und das glänzend schwarze Haar ließen auf elavische Vorfahren schließen.
      „Guten Morgen, Donika. Gut, dass Ihr kommt. Ich habe versucht das hier zu schlichten, aber es hat irgendwie nichts gebracht.“
      Das überraschte Brajana nicht unbedingt. Sie kannte Rejan schon lange.
      „Was ist denn hier los?“
      Den beiden Herren schien die Ankunft der Chefin noch nicht aufgefallen zu sein.
      „So ganz klar ist mir das auch nicht. Anscheinend wollte Dariko schnell durch die Tür und hat Rejan dabei angerempelt. Anscheinend meint er, dass er zuerst durch die Tür darf.“
      „Ich verstehe. Ein wahrhaft triftiger Grund, um hier das ganze Haus zusammenzubrüllen.“
      Najala bemühte sich sichtlich, über Brajanas Tonfall nicht zu lachen.
      „Guten Morgen die Herrn.“
      Die Reaktion kam etwas verzögert, dann schwiegen die beiden für einen Moment. Dariko wirkte peinlich berührt, Rejan wenig überraschenderweise nicht.
      „So, Rejan auf diese Seite und Dariko, du auf die andere.“
      Wenn man sich die beiden so anschaute, war schwer zu verstehen, dass sie von zwei so ähnlichen Elementen ausgewählt worden waren. Rejan trug sein grau meliertes Haar immer noch militärisch kurz und seine gesamte Uniform saß tadellos, geziert von einem Orden für die Zahl der getöteten Feinde. Dariko dagegen trug sein Haar halb lang und dazu einen Dreitagebart. Militärische Abzeichen fehlten bei ihm völlig.
      „Gibt es hier irgendein ernsthaftes Problem?“
      „Es tut mir leid, ich hätte nicht so ausrasten dürfen, aber ich lass mir auch nicht alles gefallen“, sagte Dariko.
      „Alles gefallen? Du rempelst mich an. Was bildest du dir eigentlich ein wer du bist?“
      „Sei so gut und lass Dariko ausreden.“
      „Ich wollte einfach zur zügig raus. Heute früh kommt ein Phosgenschiff hier an und ich muss mich um das Entladen kümmern.“
      „Dann steh halt rechtzeitig auf! Aber das ist bei euch verweichlichten jungen Leuten ja zu viel verlangt.“
      „Deswegen wollte ich schnell an Rejan vorbei, da ist er völlig ausgerastet und hat mir eine geklebt. Ich hab zurückgeschlagen und dann kam Najala dazu und wollte dazwischen gehen. Da hat er die einfach angegrabscht. Sowas geht doch nicht.“
      „Ich habe sie zur Seite gezogen, das war alles.“
      „Du starrst ihr doch sowieso schon dauernd auf die Brust. Total widerlich.“
      „Daher weht also der Wind. Ich habe mich schon gefragt, warum du Weichei auf einmal so aggressiv bist. Rechnest du dir Chancen aus, wenn du dich aufführst, wie irgend so ein arunischer Filmheld?“
      Brajana schaute zu Najala. „Wie siehst du das?“
      „Vielleicht sollte ich mal eins klarstellen, damit hier keine Missverständnisse aufkommen: Ich steh auf Frauen.“
      Rejan und Dariko vergaßen nach dieser Aussage kurzfristig das Streiten.
      „Gut, dann wäre das ja geklärt“, sagte Brajana und die beiden Frauen tauschten ein Lächeln.
      „Ansonsten hat mich Rejan wirklich nur zur Seite gezogen. Ich hab’s dann gelassen, weil ich nicht auch noch mitmachen wollte.“
      „Sehr vernünftig. Und von euch beiden möchte ich so ein Verhalten nicht noch einmal sehen. In eurer Position seid ihr Vorbilder für alle anderen. Ich möchte euch ungern öffentlich verwarnen, aber wenn es noch einmal irgendwelche Vorfälle gibt, bleibt mir nichts anderes übrig.“
      Sie wusste wie stolz vor allem Rejan war. Darauf würde er es wahrscheinlich nicht ankommen lassen. Es sei denn, sein Jähzorn gewann wieder die Oberhand.
      „Dariko, du gehst jetzt zu deinem Phosgenschiff.“
      „Ich bin mir sicher, dass Rijuna und Xandria das ohne diese Flachpfeife besser hinkriegen“, sagte Rejan.
      Die beiden gehörten zu den fähigsten Elementarmagierinnen Sariliens, soweit stimmte Brajana ihm zu.
      „Keine Beleidigungen“, sagte sie zu Rejan, während Dariko schon hinausgeeilt war. „Ihr müsst euch ja nicht mögen, aber vergesst nicht, dass ihr Kollegen seid.“
      „Es ist einfach schwer so jemanden als Kollegen zu betrachten“, sagte Rejan. „Auch wenn uns wohl längerfristig nichts anderes übrig bleibt, die Verweichlichten werden ja immer mehr.“

      Beim Frühstück saß Brajana mit den anderen Phosphormagiern am Tisch. Viele der anderen Mitarbeiter im Speisesaal saßen ebenfalls nach Elementen getrennt, aber nicht alle. Ganz in der Nähe hockte eine Gruppe sehr gut gelaunter Natrium-und Chlormagier.
      Ein junger Natriummagier erzählte ziemlich lautstark einen Witz, der mit „Ein Heliummagier, ein Sauerstoffmagier und ein Silbermagier steigen in einen Zug“ losging. Die Pointe bekam Brajana aber nicht mehr mit, weil der junge Mann sich plötzlich an seinem Schinkenbrot verschluckte und keine Luft mehr bekam. Oder hatte der missbilligende Blick der obersten Sauerstoffmagierin damit zu tun?
      Die oberen Magier anderer Elemente durften die jungen Leute zwar zur Ordnung rufen, aber einfach so die Gabe gegen jemanden einzusetzen war nicht akzeptabel. Die Frau lächelte ein nicht besonders freundliches Lächeln, als Brajana sie anschaute. Nachweisen konnte sie ihr nichts und das wusste sie genau. Die oberste Sauerstoffmagierin tat sich sowieso schwer damit, Brajanas Autorität zu akzeptieren. Sie wirkte jedenfalls zufrieden, weil es bei den Natrium-und Chlormagiern jetzt ruhiger war.
      „Donika, darf ich Euch etwas fragen?“
      Das war Lessana, eine junge Phosphormagierin.
      „Selbstverständlich.“
      „Habt Ihr jetzt schon eine Entscheidung getroffen, wer der nächste Beauftragte für Schädlingsbekämpfung wird?“
      Brajana unterdrückte einen Seufzer. Diese Frage hatte einen traurigen Hintergrund. Der letzte Beauftragte für Schädlingsbekämpfung bei den Phosphormagiern war auf dem Weg zu einem Auftrag bei einem Autounfall gestorben, jemand hatte die Bremsen manipuliert. Es war nicht nachzuweisen, doch Brajana zweifelte nicht daran, dass der arunische Geheimdienst dahintersteckte. Völlig absurd. Zu behaupten, dass er keiner Fliege etwas zu leide getan hätte, war vielleicht etwas übertrieben, aber nicht sehr.
      „Nein, das habe ich noch nicht entschieden. Ich sage dir Bescheid, wenn es soweit ist.“
      Brajana wusste, dass sie sich bald um diese Sache kümmern musste. Lessana würde die Position aber nicht bekommen, höchstens als Assistentin könnte Brajana sie vielleicht mitschicken. Sie war noch sehr jung und es gab weitere Gründe, die dagegen sprachen.
      Sie hatte sich gerade wieder ihrem Brot mit gebratenem Schinken und Rührei zugewandt, als Dariko an ihren Tisch trat. Wollte der etwa noch gegen Rejan hetzen?

      Donika, Xandria hat sich eben gemeldet. Das Phosgenschiff verspätet sich. Die hatten einen arunischen Spion in der Mannschaft und müssen jetzt auf die Geheimpolizei warten.“
      Brajanas Hand ballte sich unwillkürlich zur Faust. Schon wieder. Dieses elende Dreckspack!
      „Danke, dann weiß ich Bescheid.“
      Dariko setzte sich zu seinen Kollegen.
      „Ich verstehe nicht, warum die extra auf die Geheimpolizei warten.“ Lessana fuhr sich in einer eindeutigen Geste mit dem Zeigefinger über die Kehle. „Weg mit dem Dreck.“
      „Ich bin mir sicher, dass der Arunier deine Variante vorgezogen hätte“, sagte Brajana. Der Ruf der sarilischen Geheimpolizei eilte ihr auch im Ausland voraus.
      Grundsätzlich gab sie Lessana jedoch recht. Das war eine richtige Landplage. Eigentlich wäre es Zeit, wieder einmal ein Exempel zu statuieren. Bei dem ganzen Versöhnungsgesülze würde es dazu aber nicht kommen. Womöglich ließen sie den Mistkerl sogar laufen. Obwohl er wahrscheinlich geplant hatte, Rijuna und Xandria etwas anzutun. Wann wachten die nur endlich auf?
    • Auf dem Weg zur Schule schritt Brajana kräftig aus und beruhigte sich wieder etwas. Die Bezirksschule für elementarmagische Kinder befand sich außerhalb des Zentrums, jenseits der Gärten im Süden. Ein Schild mit der Aufschrift:
      „Ab hier kein Zutritt für Schüler ohne Begleitung eines Mitarbeiters“
      trennte die beiden Bereiche voneinander. Wenn jemand vergaß das Tor zu verschließen, kam es allerdings regelmäßig vor, dass Schüler dieses Schild als Einladung auffassten.
      Schulen für Elementarmagier waren immer Internate, anders war das gar nicht möglich. Vor allem zu Beginn ihrer Ausbildung brauchten die Kinder ständig Aufsicht durch andere Elementarmagier. Brajana unterrichtete an diesem Tag die jüngsten Phosphormagier von Elasvaihja. Alle sarilischen Kinder wurden mit zwölf auf latente Elementarmagie getestet und dann wurden diese Gaben gezielt geweckt, sodass die Kinder unter kontrollierten Bedingungen lernen konnten damit zurecht zu kommen. Trotzdem konnte dabei einiges schiefgehen, deswegen hatten die jüngsten Kinder auch zu den erfahrensten Magiern ihres Elements Kontakt.
      Sarilien war das einzige Land in Silaris, in dem dies so gehandhabt wurde, Brajana hatte keine Ahnung warum. Als die Arunier die Stadt Alijan mit chemischen Waffen angriffen, hatten einige Kinder ihre latenten Gaben unkontrolliert entwickelt. So hatten sie sich zwar vor dem Gift retten können, doch viele von ihnen waren in den Wochen danach gestorben, weil ihre Körper nicht mit dem Element in Einklang zu bringen waren. Brajana verstand beim besten Willen nicht, wie die Verantwortlichen in anderen Ländern ihre Kinder dem freiwillig aussetzen konnten, nur weil sie zu faul waren für vernünftige Tests zu sorgen. Oder es war ihnen zu teuer. Das war bei den anderen ja immer das Hauptkriterium.

      Die Schule war von einem Sportplatz, einem Pferdestall, Gärten und einem befestigten Hof umgeben. Es war für die Schüler sehr wichtig, dass sie einen Ausgleich zu ihrer Arbeit hatten und die Bodenhaftung nicht verloren.
      Auf dem Flur traf Brajana eine der Lehrerinnen, eine Silbermagierin. „Donika, gut dass ich Euch treffe.“
      „Guten Morgen. Was ist denn los?“
      „Es geht um Elanja. Sie liegt schon wieder auf der Krankenstation.“
      „Ist es etwas Ernstes?“ Brajana entging der vorwurfsvolle Tonfall der Lehrerin nicht. Warum kam sie damit zu ihr? Sich um alles persönlich zu kümmern, war unmöglich.
      „Ehrlich gesagt verstehe ich das langsam nicht mehr. Ist es denn möglich die Gabe zu benutzen, um sich absichtlich krank zu machen?“
      Brajana überlegte kurz. Dieser Gedanke war ihr noch nie gekommen. „Vermutlich schon. Aber wie kommst du darauf, dass Elanja so etwas tun würde?“
      Elanja war schon fast zwanzig, eigentlich hätte sie bereits seit ein, zwei Jahren in Elasvaihja arbeiten sollen. Wegen ihrer vielen Fehlzeiten hatte sie den Schulstoff jedoch noch nicht hinter sich gebracht und musste länger bleiben. Brajana war über diesen Aufschub nicht besonders traurig, denn sie wusste nicht, was sie mit Elanja in Elasvaihja anfangen konnte. Das Mädchen hatte auch nach über zwölf Jahren keinerlei Kontrolle über seine Magie.
      „Andere Phosphormagier werden fast nie krank, Elanja holt sich aber alles, was irgendwie umgeht und es verläuft fast immer schlimmer als bei den anderen Kindern.“ Offenbar fiel ihr selbst auf, wie das klang, was sie da sagte. „Wobei, so etwas würde sie sich wohl nicht absichtlich antun.“
      „Das glaube ich auch nicht. Was Elanja mit ihrem Element so genau anstellt kann ich dir aber auch nicht sagen. Da bin ich wirklich überfragt.“
      Brajana wünschte sich, dass es anders wäre, aber zu diesem Thema gab es in Sarilien weder Literatur noch Erfahrungsberichte. Wenn sie einmal vorhanden gewesen waren, waren sie der Machtergreifung zum Opfer gefallen, eine Unterstellung, die Brajana natürlich nicht laut äußern würde. Die üblichen Übungen schienen alle fruchtlos zu bleiben.
      Die Lehrerin entschuldigte sich, weil sie Brajana darauf angesprochen hatte, dabei gab es dafür überhaupt keinen Grund. Sie hatte ja recht. Irgendjemand musste sich um Elanja kümmern und außer Brajana hatte sie niemanden. Ihre Mutter Neralia, eine Elitesoldatin, war im Krieg gestorben, ihr Vater, Offizier der Geheimpolizei wollte von dem kranken, schwächlichen Kind, das auch noch Elementarmagierin war, nichts wissen. Wut stieg in Brajana auf, als sie an ihre Begegnung mit diesem Mann zurückdachte. Die Mischung aus Furcht und Verachtung, die er Elementarmagiern entgegenbrachte, war schwer gelassen zu ertragen. Auch Neralia hatte nie viel von Elementarmagie gehalten und das Brajana auch spüren lassen, bevor sie Gelegenheit gehabt hatte ihr zu beweisen, was sie sonst noch alles leisten konnte. Danach waren sie erst Schülerin und Mentorin und dann gute Freundinnen geworden.
      Brajana wollte sich lieber nicht vorstellen, was Neralia denken würde, wenn sie ihr Kind jetzt sehen könnte. Sie hatte sich das so einfach vorgestellt. Elanja würde sich erholen und genauso tapfer und stolz sein wie ihre Mutter, aber mit zusätzlicher Phosphormagie.

      Zwei vierzehnjährige Phosphormagerinnen winkten Brajana freundlich zu. Sie wurden zurzeit nicht von ihr persönlich unterrichtet, kannte sie aber alle von früher. In einer Ecke hörten zwei Jugendliche schnell auf sich zu küssen, als sie Brajana vorbeigehen sahen. Sie tat so, als ob ihr nichts aufgefallen wäre. Die sollten ruhig ihren Spaß haben.
      Im Klassenzimmer warteten die Kleinen bereits auf die Leiterin des Zentrums.
      Sieben zwölfjährige Kinder mit Phosphor als Element waren dieses Jahr im Bezirk gefunden worden, eine normale Anzahl, Phosphormagie war immer verhältnismäßig häufig. Die Schüler erhoben sich schweigend als Brajana den Raum betrat. Bei den Erstklässlern klappte das immer noch, in den höheren Klassen gab es öfter jemanden, der dafür eine Extraeinladung brauchte.
      „Setzt euch“, sagte Brajana und ließ ihre Blicke über die Gruppe schweifen. Alle wirkten munter. „Bevor wir anfangen wie immer, gibt es irgendwelche Fragen?“
      Ein rothaariges Mädchen namens Elina meldete sich. „Wie ist das eigentlich, Donika, Ihr habt uns ja gesagt, dass wir mit unserer Gabe andere Lebewesen finden und das ist bei mir wirklich ziemlich heftig. Ich hätte nie gedacht, dass es so viele Mücken in unserem Zimmer gibt.“
      „Ja, das ist echt schlimm“, bestätigte ihre Mitbewohnerin, eine junge Elavierin.
      „Wir könnten sie ja mit unserer Gabe umbringen, das wäre ziemlich einfach, oder? Aber irgendwie ist es auch unfair. Wenn man sie totschlägt, können sie wenigstens noch wegfliegen, wenn sie schnell genug sind. So haben sie überhaupt keine Chance.“
      Brajana hatte sich über diese Fragestellung bisher noch nie den Kopf zerbrochen, sondern sich bei Bedarf einfach mit ihrer Gabe die Plagegeister vom Leib gehalten. Für Anfänger wie die beiden Mädchen war das aber nicht die sinnvollste Entscheidung.
      „Solange ihr noch nicht mehr könnt, solltet ihr nicht versuchen, irgendetwas umzubringen.“
      „Ich möchte aber auch kein Sumpffieber bekommen“, sagte die junge Elavierin.
      „Da musst du dir keine Sorgen machen. Sumpffieber gibt es hier in Sarilien nicht“
      Jainas Familie war erst vor kurzem aus dem elavischen Enes Tall nach Alijan gezogen.
      „Die meisten Insekten, die du da bemerkst, wollen dir auch gar nichts tun. Es ist ganz normal, dass die in der Nähe sind, nur normalerweise bekommen wir davon gar nichts mit. Deswegen müsst ihr auch lernen, das zu blockieren, sonst macht ihr euch nur verrückt. Womit wir jetzt auch beim Thema wären, wenn es keine weiteren Fragen gibt.“
      Brajana verbrachte den ersten Teil der Doppelstunde damit den Kindern beizubringen, wie sie die Auswirkungen ihrer Gabe besser steuern konnten. Im zweiten Teil ging es dann darum, Phosphor in verschiedenen Proben zu erkennen. Alle sieben waren eifrig dabei und stellten sich geschickt an. Teilweise schafften sie es sogar schon, die anderen Elemente in den Proben zu erkennen.
      „Das habt ihr sehr gut gemacht. Übt selber fleißig weiter. Übermorgen sehen wir uns wieder.“
      Brajana war sehr zufrieden mit dieser Gruppe. Vom Benehmen her machten sie auch keine Schwierigkeiten und schienen sich gut zu verstehen. Jungen und Mädchen saßen allerdings strikt getrennt, doch das war in diesem Alter normal. Mit der Zeit würde es sich ändern, wobei sich die Jugendlichen meistens für Magier anderer Elemente interessierten.
      Auch Jaina schien gut mit den anderen auszukommen. In Alijan waren Elavier nichts Ungewöhnliches, aber in den ländlicheren Regionen war das anders.
      Bei anderen Gruppen wie den Chlormagiern gab es wie so oft wesentlich mehr Probleme, doch darum durften sich erst einmal andere kümmern.

      Auf dem Gang wurde sie jedoch wieder von der silbermagischen Lehrerin angesprochen. Anscheinend war eine Mutter da, die mit ihr sprechen wollte. Davon war Brajana alles andere als begeistert. Früher war den Eltern elementarmagischer Kinder völlig klar gewesen, dass sich der Staat um die Ausbildung kümmerte und sie sich da nicht einzumischen hatten, doch in letzter Zeit tauchten immer wieder Eltern auf, die fanden, dass ihr Kind ungerecht behandelt wurde, wollten, dass es irgendetwas Bestimmtes nicht essen sollte und dergleichen mehr. Völlig verweichlicht, da stimmte Brajana mit Rejan überein.
      Dieses Mal war die Mutter eine mittelgroße Frau mit kurzen braunen Haaren, die zumindest auf arunische Modeaccessoires wie Schminke, Schmuck und unpraktische Handtaschen verzichtete. Bei vielen der überbehütenden Mütter war das anders.
      „Vielen Dank, dass Ihr Zeit für mich gefunden habt, Donika“, sagte die Frau. „Es ist mir sehr unangenehm, dass ich Euch belästigen muss, aber mein Gewissen lässt mir einfach keine Ruhe.“
      Sie presste ihre Finger immer wieder zusammen und vermied es Brajana anzuschauen. Die ahnte bereits, dass es hier um mehr gehen musste, als um ein verwöhntes Kind.
      „Worum geht es denn?“
      „Ich bin die Mutter von Elina, sie ist jetzt seit kurzem Phosphormagierin.“
      „Ja, ich habe sie gerade unterrichtet“, sagte Brajana mit einem Lächeln. „Sie macht sich sehr gut.“
      „Danke, dass freut mich zu hören. Ich bin aber nicht deswegen hier, ich muss Euch etwas gestehen.“
      Brajana wunderte sich über diese Formulierung. Sie beschloss, die Frau einfach weitersprechen zu lassen.
      „Wisst Ihr, ursprünglich komme ich nicht aus Alijan sondern aus einem Dorf im Süden. Unser Dorf lag mitten im Kriegsgebiet. Wir sind trotzdem lange verschont geblieben, aber irgendwann sind arunische Soldaten ins Dorf gekommen. Wir haben gekämpft so gut wir konnten, aber wir hatten nur unsere Jagdwaffen und die kamen mit Panzern und modernsten Waffen. Wir hatten keine Chance. Sie haben alle erwachsenen Männer getötet und wir Frauen, nun, Ihr könnt es Euch vermutlich denken.“
      „Das heißt, Elina ist das Kind eines Aruniers?“
      Die altbekannte Wut auf die Arunier stieg in Brajana hoch. Wie konnten sie sich so etwas erlauben? Und natürlich wurde dort niemand bestraft, was die schändlichen Verträge, die der Chemieminister aushandelte, aber von den Sarilern verlangten.
      „Ja.“ Die Frau schaute noch auffälliger an Brajana vorbei. „Die meisten anderen sind natürlich zum Arzt, aber ich, ich wollte das nicht. Ich bin lang nicht schwanger geworden und ich wollte kein noch größeres Risiko, dass es vielleicht nie klappt. Als ich gehört habe, dass Leute gesucht werden, die nach Alijan ziehen, bin ich sofort gegangen. Ich wollte nicht, dass alle darüber reden und Bescheid wissen. So sollte sie nicht aufwachsen. In Alijan kannte uns niemand, und die Menschen, die ich jetzt kennengelernt habe, wissen nichts davon. Ich habe mir immer gedacht, sie würde einfach eines Tages mein Schneidergeschäft übernehmen. Aber jetzt ist sie Elementarmagierin und das ändert alles. Ich konnte das nicht mehr für mich behalten.“
      „Es ist gut, dass du ehrlich zu mir bist. Aber sonst ändert sich überhaupt nichts. Sarilersein ist keine Frage des Blutes. Es ist eine Frage des Charakter und der Einstellung. Da konnte ich bei Elina bisher nichts Schlechtes sehen. Selbst wenn du auch ihr eines Tages die Wahrheit sagst und sie sich zur arunischen Seite hingezogen fühlt, was ich nicht glaube, würde sie in der Schule hier nichts lernen, was unserem Land schaden könnte. Wir haben hier sogar mehrere elavische Kinder. Du brauchst kein schlechtes Gewissen zu haben und dir keine Sorgen zu machen.“
      „Ihr verachtet mich nicht dafür, dass ich das Kind eines Aruniers zur Welt gebracht habe?“
      Zum ersten Mal sah sie Brajana an, regelrecht um Verständnis flehend.
      „Warum sollte ich das tun? Diese Entscheidung lag bei dir allein, es hat seine Gründe, dass das Gesetz so ist. Immerhin hat er erfolgreich gekämpft. Du brauchst dir auch keine Sorgen zu machen, dass ich Elina von nun anders behandeln werden.“
      „Ich danke Euch.“

      Brajana hoffte, dass Elinas Mutter jetzt wirklich beruhigt war. Wenn sie sich so das Hirn zermarterte, tat sie genau das, was sich die Arunier wünschten. Wieso schämte sie sich nur so für ihre Entscheidung? Elina war ein gesundes, begabtes Kind auf das sie stolz sein konnte. Als Soldatin hatte sie für sich beschlossen, dass sie dieselbe Entscheidung treffen würde, wenn der Feind sie in einem ehrenhaften Kampf besiegt hätte. Dazu war es jedoch nie gekommen und sie wusste, dass sie nicht beurteilen konnte, ob es dann wirklich alles so klar und einfach gewesen wäre. Niemand kann dir deine Selbstachtung nehmen, wenn du sie nicht aufgibst, war ein schöner Spruch, doch sie wusste nicht, ob er sich im Ernstfall bewehren würde.

      Jetzt ging es zurück ins Zentrum. Vor der Mittagspause wollte sie noch einen Teil des anfallenden Papierkrams erledigen. Sie delegierte diese Dinge schon wann immer möglich, doch manches musste sie einfach selbst kontrollieren. Sie unterschrieb nicht einfach irgendetwas ohne zu wissen, ob wirklich alles ordentlich gemacht und dokumentiert worden war.
      Bei der Arbeit bekam sie Besuch von Rijuna und Xandria. Die beiden sahen wohlbehalten aus. Zum Glück.
      „Alles in Ordnung? Dariko hat mir erzählt, was vorgefallen ist.“
      „Alles in Ordnung“, bestätigte Rijuna. „Der Mann ist verhaftet und niemand wurde verletzt.“
      „Wenn Rijuna nicht so viel über Arunier wüsste, wäre uns wahrscheinlich gar nichts aufgefallen“, sagte Xandria. „Da hatten wir echt Glück.“
      „Na ja, er hat sich auch verdächtig gemacht. Wollte wissen, was wir mit dem Phosgen vorhaben. Kein Sariler in einer Schiffsbesatzung würde solche Fragen stellen.“
      „Das ist allerdings wahr“, sagte Brajana. „Scheint nicht gerade der Topexperte gewesen zu sein. Ich werden Leuten heute Abend noch einmal sagen, dass sie unbedingt die Augen offenhalten sollen. Das nimmt wirklich überhand.“
      „Ich verstehe das nicht“, sagte Rijuna. „Eigentlich verhandeln sie doch gerade über Annäherungen zwischen unseren Ländern. Die Arunier reden ständig von Vertrauen und dann ständig diese Aktionen.“
      „Der Arunier spricht mit gespaltener Zunge“, sagte Brajana. „Anstand und Ehrlichkeit sind ihnen völlig fremd. Nur ein Narr vertraut ihnen.“
      Rijunas Gesichtsausdruck wirkte kurz so, als ob sie darauf etwas erwidern wollte, sie ließ es dann aber bleiben. Die talentierte junge Wasserstoffmagierin sprach fließend Arunisch und unterstützte den Minister manchmal bei seinen Gesprächen. Mit vierzehn hatte sie einen arunischen Bomberpiloten, der mit seinem Flugzeug in die Arethusa gestürzt war, vor dem Ertrinken gerettet und verhindert, dass er von wütenden Dorfbewohnern gelyncht wurde. Der Arunier hatte nach seiner Freilassung zuhause davon erzählt und die Geschichte war groß in der arunischen Presse aufgetaucht.
      Brajana zweifelte nicht an Rijunas Ehrlichkeit und Treue, sie hatte einfach ein viel zu gutes Herz für diese Welt. Wenn sich Gelegenheit bot, versuchte sie, ihr diese übermäßige Sympathie für die Arunier auszureden. Dies war jedoch nicht der richtige Moment dafür.
    • Die drei machten sich auf den Weg zum Mittagessen und tauschten Neuigkeiten aus. Zu Essen gab es in Elasvaihja immer reichlich. Elementarmagier verbrauchten viele Kalorien und mussten außerdem regelmäßig ihr Element zu sich nehmen. Das musste allerdings nicht über übliche Nahrungsmittel passieren, alle Formen des Elements konnten diesen Zweck erfüllen, es sei denn, es handelte sich um ein starkes Gift, das der Magier nicht kontrollieren konnte. Brajana fiel auf Anhieb nichts ein, was sie nicht verwenden könnte, doch es einfach übers Essen zu machen war die bequemste und meistens auch zweckmäßigste Methode.
      Xandria griff noch einmal zum Salzstreuer, Rijuna hatte es da am leichtesten. Ihr Element kam in allen Lebensmitteln vor und Wasser zu trinken reichte notfalls auch aus. Das Mittagessen bestand aus einem kräftigen Eintopf mit Wildschweinfleisch, Kartoffeln und Gemüse, darunter auch Kohl, damit die Schwefelmagier auf ihre Kosten kamen.
      „Der Minister möchte übrigens, dass ich dich frage, ob du noch einmal über die Sache mit dem Chemiewaffensperrvertrag nachgedacht hast“, sagte Rijuna nach einer Weile.
      „Worüber hätte ich nachdenken sollen? Das ist völlig untragbar. Glaubst du wirklich, den Aruniern geht es darum, Silaris zu einem sichereren Ort zu machen?“
      Brajana wartete Rijunas Antwort überhaupt nicht ab. Gut möglich, dass sie genau das glaubte. „Sie wollen unsre Rechte einschränken, uns legal ausspionieren und als „Belohnung“ bieten sie uns wirtschaftliche Beziehungen an. Das ist doch nur eine Eroberung durch die Hintertür. Wenn es mit Gewalt nicht klappt, versucht man es halt mit Verführung.“
      „Warum siehst du das alles so negativ? Es geht doch hier nicht um Arunien gegen uns. Es geht um ganz Silaris. Fast alle Länder haben diesen Vertrag unterschrieben.“
      „Unsere Erzfeinde aber nicht und das ist das einzige worauf es ankommt.“
      „Das mit den Übungen wäre doch alles weiterhin erlaubt. Ein bisschen dürftest du trotzdem herstellen. Du willst nicht wirklich solche Waffen benutzen, so viele Menschen töten, oder?“
      „Wenn dein Feind von deiner Güte überzeugt ist, schadet das mehr als es nutzt, es sei denn du willst ihn in eine Falle locken“, sagte Brajana.
      Gemeinsam mit Rejan hatte sie tatsächlich so viel Gift hergestellt, dass sie großen Schaden anrichten könnte, doch davon wussten nur sehr wenige Sariler. Rijuna gehörte nicht dazu und angesichts ihrer Rolle sollte das auch so bleiben.
      „Aber wieso glaubst du, dass die Arunier für immer unsere Feinde bleiben müssen? Es gibt dort auch gute Menschen.“
      „Das kannst du nicht beurteilen. Solange sie nicht zu ihren eigenen Verbrechen stehen, sondern das nur von uns verlangen, glaube ich nicht daran, dass sie ein Interesse an Versöhnung haben. Und jetzt möchte ich nichts mehr zu diesem Thema hören. Grüß den Minister freundlich von mir.“
      „Mach ich. Auch wenn er sich dann wahrscheinlich noch einmal persönlich melden wird.“
      „Ich freue mich darauf.“

      Nach dem Essen ging es im Büro weiter. Brajana wollte den Produktionsbericht für das erste Quartal noch möglichst an diesem Tag fertigstellen, dann konnte Rijuna ihn gleich mitnehmen, wenn sie nach Benada zurückreiste. Das war ihr lieber als die Post, die möglicherweise auch infiltriert worden war. Im Bericht stand zwar nichts Verfängliches, aber fremde Spione brauchten auch nicht zu wissen, welche chemischen Produkte in Sarilien produziert wurden.
      Als sie gerade damit beschäftigt war alles noch einmal durchzulesen, klopfte es an der Tür. Der Neuankömmling war Faron, der Schädlingsbekämpfungsbeauftragte der Chlormagier, der dieses Arbeitsgebiet im Moment alleine leitete, ein weiteres Problem, mit dem sich Brajana noch beschäftigen musste.
      „Donika, habt Ihr einen Moment Zeit? Wenn es gerade ungeschickt ist, kann ich auch warten.“
      Brajana wusste, dass er das aus Höflichkeit sagte, aber nicht unbedingt so meinte. Halogenmagier waren nicht für ihre Geduld bekannt.
      „Nicht nötig. Was gibt es denn?“
      „Die Grundschule von Leraja hat leider wirklich ein Rattenproblem. Gestattet Ihr mir, dass ich mich allein darum kümmere. Ich bin mir sicher, dass ich mit dem Phosphorwasserstoff umgehen kann. Ich habe die entsprechende Ausbildung, in anderen Ländern wird das immer so gehandhabt.“
      Brajana unterdrückte einen Seufzer. Insgeheim gab sie ihm Recht. Sarilisches Gesetz war aber sarilisches Gesetz. „Die Vorschriften, du weißt, dass ich dir das nicht erlauben kann. Falls doch etwas schiefgeht bist du wegen gemeingefährlichen Umgangs mit Giften dran und du weißt, was das bedeutet. Vergiftung mit demselben Mittel als Strafe.“
      Egal wie klein die Gefahr war, das konnte niemand wollen.
      „Ich liebe unser Rechtssystem“, sagte Faron und fügte ein schnelles „Verzeiht mir“, hinzu.
      Brajana machte eine wegwerfende Handbewegung. Die Zeiten als jede kleine Kritik in die Verliese der Geheimpolizei geführt hatte, waren dem Fluss sei Dank schon lange vorbei.
      „Wenn das so ist, bräuchte ich einen Phosphormagier, der mich da unterstützt.“
      „Ich werde Bescheid sagen und mich auch um den Neuen kümmern. So wahnsinnig viele Bewerbungen habe ich bis jetzt nicht.“
      „Versteh ich gar nicht. Besser Rattenfänger als Mistkäfer, oder?“
      Das Lächeln wich von seinem Gesicht als er Brajanas Blick sah.
      „Ach verzeiht mir, ich hatte ganz vergessen, dass Ihr auch Phosphormagierin seid.“
      „Extra für Leute wie dich trage ich ja immer mein Elementsymbol.“
      Ob der viele Umgang mit Pestiziden seinem Hirn geschadet hatte? Die gängige Weisheit, dass Elementarmagier gegen alle Gifte immun waren, die ihr Element enthielten, traf so nicht zu.
      Faron hatte bereits Schädlinge bekämpft als Brajana zum ersten Mal nach Elasvaihja gekommen war. Sie konnte sich vorstellen, dass er genau wie die oberste Sauerstoffmagierin etwas befremdet über ihre schnelle Karriere war. Nach dem Krieg war sie sofort oberste Phosphormagierin geworden, während es Faron nicht einmal zum obersten Chlormagier geschafft hatte.
      Brajanas Vorgänger war in Alijan gestorben. Früher hatte er sie ständig heruntergemacht und auch in dieser Nacht war ihm nichts Besseres eingefallen, als sie wegen ihres nicht mehr erkennbaren Elementsymbols zu ermahnen. Dann hatte er sich noch darüber ausgelassen, welche Schande sie über die Sariler gebracht hatte, indem sie ihre Magie mit dem arunischen Gift verband. „Du widerst mich an.“ Das waren seine letzten Worte zu ihr gewesen.
      Sie hatte ihn ohne Erklärungen in die Giftwolke rennen lassen. Ein schlechtes Gewissen hatte sie deswegen nicht. Er hätte sich sowieso nicht von ihr belehren lassen. Außerdem war er derjenige gewesen, der hätte Bescheid wissen müssen. Er hatte versagt und manchmal bezahlte man das eben mit dem Leben.
      Faron wirkte allerdings ehrlich beschämt oder er war ein sehr guter Schauspieler. Brajana war das egal.
      „Du kannst auch Rijuna fragen. Sie hat heute glaube ich nichts mehr zu tun.“
      Der Umgang mit dem Rattengift würde ihre Aggressivität etwas steigern, was bei ihr durchaus sinnvoll war.
      „Ah, Rijuna ist auch hier? Ich war beim Essen vorhin nicht da. Dann werde ich mal nach ihr schauen. Und, es tut mir wirklich leid mit dem dummen Spruch.“
      „Das sollte es auch. Und zwar nicht nur, weil ich die Leiterin des Zentrums bin.“

      Nach diesem mäßig erbaulichen Gespräch stellte Brajana ihren Bericht fertig und schaute sich danach noch einmal die wenigen Bewerbungen für den Schädlingsbekämpfungsposten an. Wirklich perfekt geeignet war keiner, aber da würde sie wahrscheinlich auch niemanden mehr beischaffen können.
      Jetzt stand jedenfalls der allabendliche Rundgang durch die Produktionsanlagen an. Die Phosphormagier arbeiteten wie immer in der Düngemittelproduktion. Sie wunderte sich selbst auch darüber, dass viele das heutzutage offenbar dem Schädlingsbekämpfungsposten vorzogen, aber es gab einfach viele, denen der Umgang mit Giften unangenehm war. Als Phosphormagier bekam man auch recht genau mit, wenn ein anderes Lebewesen starb. Bei Insekten war das zu verkraften, aber wenn es um Tiere wie Ratten ging, war wohl vielen unwohl dabei. Bei Brajana selbst war dieses Problem nie besonders ausgeprägt gewesen, im Krieg blieb dafür einfach keine Zeit. Wenn sie nicht zuerst schoss, konnte sie ihren eigenen Tod beobachten.
      Auch die Stickstoffmagier waren fleißig am Dünger produzieren. Manche ebenfalls aus Gülle, andere stellten mithilfe der Wasserstoffmagier Ammoniak her. Das war jedoch sehr anstrengend, sodass die Aufgaben immer wechselten.
      Düngemittel und Pestizide gehörten zu den Hauptprodukten in Elasvaihja, doch es wurden auch Farben und Kunststoffe hergestellt. Letztere wurden in Sarilien jedoch längst nicht so verschwenderisch eingesetzt wie anderswo, denn jeder wusste, dass harte Arbeit der Elementarmagier darin steckte.
      Hochrangige Elementarmagier, vor allem mit den Elementen Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff und Stickstoff stellten Medikamente her. Dies war eine noch verantwortungsvollere Aufgabe als die anderen, weil nichts dabei schiefgehen durfte. Dank ihrer Gaben wussten sie jedoch genau was sie taten und konnten Fehler und Verunreinigungen rechtzeitig erkennen.
      An diesem Abend ging alles seinen geregelten Gang und niemand berichtete über Unregelmäßigkeiten oder sonstige Probleme. Das war oft aber nicht immer so.

      Zum Abendessen trafen sich noch einmal alle im Speisesaal. Es gab ein Gericht aus zerrupften Pfannkuchen mit Nüssen und Äpfeln. Gut, aber auch gehaltvoll. Brajana hielt sich bei der Portionsgröße eher zurück, schließlich hatte sie an diesem Tag nur im Büro gesessen und vor den Schülern gestanden. Wer hart mit seinem Element arbeitete, brauchte natürlich mehr.
      Nach dem Abendessen zog sie sich zurück und stieg unter die Dusche. Dies abends zu erledigen war noch ein Relikt aus der Zeit bei der Düngemittelproduktion.
      Danach las Brajana noch ein wenig in einem Buch über Phosphormagie, das dem sarilischen Geheimdienst in Arunien in die Hände gefallen war. Da die Geheimdienstler nicht so recht wussten, was sie damit anfangen sollten, hatten sie das Buch Brajana überlassen. Vielleicht würde sich dort ja irgendetwas Nützliches finden. Bisher hatte Brajana da jedoch weniger Erfolg, in diesem Buch stand nichts, was sie nicht sowieso schon wusste.
      Mit dieser Erkenntnis knipste sie das Licht aus und legte sich schlafen.
    • Ich hab's gelesen und interessant gefunden. :) Wie es bei Tagen im Leben so ist, gibt's keinen Roman/kurzgeschichtenartigen Spannungsbogen, aber das muss ja auch nicht sein. Es genügt auch so, um sich das Leben vorstellen zu können. Anschaulich finde ich es und weltenspezifisch auch. Natürlich ist es sehr chemisch - was bei Silaris ja zu erwarten war - und erinnert mich sehr an ein Universitätsumfeld. Da könnte man jetzt reininterpretieren, dass dein aktuelles Umfeld sich da in silarischen Abläufen und Organisationen wiederfindet. ;D
      Mir hatten doch nüscht! Damals, kurz nach dem Krieg!
    • Amanita schrieb:

      konnte sie ihren eigenen Tod beobachten.
      Oh, ist das wörtlich gemeint?

      Vinni schrieb:

      Da könnte man jetzt reininterpretieren, dass dein aktuelles Umfeld sich da in silarischen Abläufen und Organisationen wiederfindet.
      Ja, das Gefühl hatte ich auch ;D

      Also ich fand den Text sehr spannend und finde, ich habe einen guten Einblick in das Leben von Brajana bekommen. Spätestens jetzt wäre mir auch so klar geworden, dass du Chemie studierst :lol: ich muss mich unbedingt mal durch deine anderen Weltenbeiträge lesen - jetzt bin ich neugierig auf Silaris und die dort angewandte Magie geworden.

      Eine Frage habe ich allerdings: Warum wird Brajana immer mit "Donika" angesprochen? Ist das ihr Titel?

      Edit: Achja, ich wollte auch noch nach den Träumen fragen. Gibt es einen Grund, warum am Anfang erwähnt wird, sie müsse ja niemandem davon erzählen? Haben Träume in deiner Welt eine besondere Bedeutung?
      ... gibt es keine Tür, geh ich durch die Wand.
    • Danke, dass ihr den langen Text gelesen habt. :)
      Ob meine Umgebung da mit reinspielt? Ja, wahrscheinlich schon, wenn auch nicht geplanterweise.

      Donika/Doniku ist in Sarilien die höfliche Anrede für eine höhergestellte Person. Vergleichbar mit "Sir" auf Englisch.

      Träume haben in meiner Welt an sich keine spezielle Bedeutung, in der sarilischen Kultur spielt(e) Traumdeutung aber eine recht wichtige Rolle. Bevor Sarilien in einen totalitären Staat verwandelt wurde, gehörte dazu auch die Deutung des in Rauschzuständen Erlebten, inzwischen ist dort aber sogar Alkohol außer zu besonderen Anlässen verboten. Träume aufschreiben und darüber nachdenken wird aber immer noch praktiziert.
    • Ja, das ist für sie gar nicht so einfach. ;) In Sarilien gilt es als sehr unpassend, Beziehungen mit Untergebenen einzugehen, sodass ihr nur die wenigen Leiter der übrigen Zentren bleiben, aber keiner von denen ist wirklich ihr Typ. Also nicht verwunderlich, dass ihr Unterbewusstsein dann an Ausländer denkt...
    • Wozu ein ausnahmsweise ruhiger Nachtdienst nicht alles gut sein kann. :) Genug Zeit zum Lesen und Kommentieren hier.

      Die Frage um Donika hattest du bereits beantwortet. Ansonsten stellten sich mir während des Schmökerns noch diese beiden Fragen:


      Amanita schrieb:

      Das violette Band um den linken Unterarm musste jedoch sein. Es zeigte an, dass sie eine Sonderbeauftragte der Staatslenkerin war. Meistens stand auf dem Band auch noch, für welches Gebiet die Person zuständig war, darauf wurde in Brajanas Fall jedoch verzichtet. Sie war die Sonderbeauftragte für chemische Waffen und dieses Thema war Anesèja unangenehm.
      Wer ist diese Anesèja, die du leider nur an dieser Stelle kurz erwähnst?


      Amanita schrieb:

      Auf dem Weg zur Schule schritt Brajana kräftig aus und beruhigte sich wieder etwas. Die Bezirksschule für elementarmagische Kinder befand sich außerhalb des Zentrums, jenseits der Gärten im Süden.
      Hm, Brajana gehört zu den höchstrangigsten Elementarmagiern, die direkt unter den Ministern stehen. Warum unterrichtet sie selbst eine Anfängerklasse? Brajana in der Position einer Art Schulleiterin, ok. Eventuell entsprechend ihres Ranges vielleicht noch eine Gruppe Fortgeschrittener unterichten. Doch die 'blutigen' Anfänger irritierten mich.


      Es gab einige interessante Stellen in dieser Geschichte. Schön fand ich z.B. das Detail, dass sich Phosphormagier stärker des Lebens um sich herum bewußt sind. Weshalb sie den Tod in ihrem näheren Umfeld viel stärker wahrnehmen. Wobei ... wie weit reicht diese Wahrnehmung eigentlich?
      Nur weil du paranoid bist, heißt das noch lange nicht, dass sie nicht doch hinter dir her sind! (Frei nach Terry Pratchett)

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