WB-Adventskalender 2015

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    • WB-Adventskalender 2015


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      1. Türchen: Die Dankesblume von Cyaral
      2. Türchen: Begegnung am Spielfeldrand von Snapshot
      3. Türchen: Aus dem Schatten von Amanita
      4. Türchen: Fast gestorben von Heinrich
      5. Türchen: Findelkind von Jundurg
      6. Türchen: Der Pfau mit der goldenen Maske von Vinni
      7. Türchen: Nebelpfeil von Veria
      8. Türchen: Der Lohn der Fleißigen (Teil 1) von Vinni
      9. Türchen: Der Lohn der Fleißigen (Teil 2) von Vinni
      10. Türchen: Blau von Jerron
      11. Türchen: Das verstummte Dorf von Assantora
      12. Türchen: Die Bootsfahrt von Shay
      13. Türchen: Lowir von Nemedon
      14. Türchen: Wie Kenta eine Kröte in den Mund schlüpfte von Knochen
      15. Türchen: Verblassende Schatten von Nemedon
      16. Türchen: Die Flöte des Hirten von Vinni
      17. Türchen: Der Magierjäger von Elatan
      18. Türchen: Heraike, die erste Flamma von Cyaral
      19. Türchen: Harry Potter von Knochen
      20. Türchen: Die Bewerbung von Sturmfänger
      21. Türchen: Die erste Begegnung von Ehana
      22. Türchen: Fels oder Pflanze von Cyaral
      23. Türchen: Aus den Memoiren von Bolrundi Fargimma Dresslersdotr (Teil 1) von PolliMatrix
      24. Türchen: Aus den Memoiren von Bolrundi Fargimma Dresslersdotr (Teil 2) von PolliMatrix



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      Hinter dem hellgrün und rot-orange und auch etwas hellblau geschmückten ersten Türchen erklingt das geschäftige Murmeln einer Menschenmenge, durchsetzt von fröhlich lachenden Kinderstimmen.



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      Die Dankesblume

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      Der Große Platz in Annod war so so bunt wie sonst nur eine Wiese im Sommer. Überall hingen farbige Dreiecke aus Stoff, zumeist im Hellgrün Liorets und natürlich im Rot-Orange Forsaks gehalten, doch auch vereinzelte Wimpel in hellen Blautönen, Amaro gewidmet, waren vorhanden. Verständlicherweise war allerdings nirgends das Gelb der Maske zu sehen.
      Auf diesem Fest war sie nicht willkommen.

      Auch die Menschen auf dem Platz waren bunt in den Farben ihrer erwählten Götter gekleidet. Grün und Orange hielten sich hier die Waage, einige trugen auch beide Farben.
      Doch sie alle hatten eines gemeinsam: das Gnadenmal an ihrer Kehle, ein Strich aus roter Farbe, eine Erinnerung an das Leiden ihres Gottes. Sie flitzten umher um noch rechtzeitig Gaben und vor allem Dankesblumen für das Ritual zu bekommen. Einige Kinder trugen bereits Sträuße aus eben jenen orangefarbenen Blüten, stolz über ihre Ausbeute und ihre Schätze behutsam haltend. Lachen und Stimmen und die Geräusche von raschelnden Gewändern erfüllten den Platz. Die erhabenen Trümmer des Alten Palastes überragten all dies stolz und versehrt wie alte Krieger.
      Noch immer, nach beinahe tausend Jahren, sah man an ihnen die Spuren der Ereignisse, deren Zeugen sie damals gewesen waren.
      Der Ereignisse, die dieses Fest erst begründet hatten...

      Ein Mann stand in ihrer Nähe, in einen beinahe unpassend dunklen Mantel gehüllt und beobachtete die bunte Masse bei ihren Besorgungen.
      Sein Blick glitt über alle hinweg, hielt nie einen lange fest und schien eher Dinge jenseits von ihnen zu sehen, als auf sie zu achten.
      Sein Gesicht hatte einen undefinierbaren Ausdruck und fast wirkten seine für ein so junges Alter viel zu harten Augen, als würde in ihnen Glut lodern.
      Er war in Gedanken. Keine klar geformten Gedanken, nur verwaschene Eindrücke von Feuer, Schmerz und Verzweiflung.
      Er wusste nicht, warum er an diesen Ort gerade zu dieser Zeit zurückgekehrt war.
      Vielleicht wollte er sich mit den Erinnerungen quälen. Vielleicht wollte er auch nur glückliche Menschen sehen.
      Er wusste es nicht.
      Die Trommeln setzten ein und unwillkürlich schauderte er, als die Darstellerin der Maske auf den Platz trat, ihr leuchtendes Gewand stach zwischen allen hervor wie eine Beleidigung. Sie schritt an ihm vorüber und er musste sich zusammenreißen, als der Strom der Erinnerungen stärker wurde, ihn zu verschlingen drohte.
      Eeris funkelte an ihrer Hüfte im Licht, genau wie die übertrieben verzierte Maske es vor ihrem Gesicht tat.
      Dieses Schwert...
      Wieder versank er, aber eine genauere Betrachtung der langsam dahinschreitenden Frau rettete ihn. Sie war nur ein Abbild! Lange, rote Strähnen, die ihre wirkliche Herkunft in die Welt hinaus schrien, hatten sich aus ihrer Kapuze gemogelt und schwangen sanft im Takt ihrer Schritte. Dies tat der kriegerischen Eleganz jedoch bei weitem keinen Abbruch, mit der sie nun auf jene unheilvolle Stelle in den Ruinen zuschritt, an der große Klauen sich tief in den Boden gegraben hatten, gekrümmt in Todespein. Die Stelle, an der der Forsak-Darsteller bereits auf sie wartete. Wieder musste er schaudern. Wieder zerrten Erinnerungen an ihm...

      „Hast du keine Dankesblume?“, fragte plötzlich ein Stimmchen neben ihm. Er fuhr zusammen. Neben ihm stand ein kleines Mädchen, vielleicht an die sechs Jahre alt, das ihn mit großen, grauen Augen ansah und auf seine Antwort wartete. In der Hand trug sie eine einzige Dankesblüte.
      „N- Nein“, stotterte er verdattert.
      „Oh. Bist du deshalb so traurig?“, wollte sie wissen.
      „Ich bin nicht traurig.“, behauptete er.
      „Doch, das bist du.“, beharrte sie.
      „Aber das ist nicht schlimm. Ich war früher auch immer traurig, weil Forsak gestorben ist. Aber er ist ja nicht ganz tot!“
      „Ach nein?“, wollte der Mann neugierig wissen.
      „Nein“, die Kleine schüttelte den Kopf so heftig, dass die hellroten Locken flogen.
      „Das war nur ein Trick! Lioret hat ihm geholfen.“
      „Aha“, der junge Mann kratzte sich nachdenklich an seinem Gnadenmal, welches verblüffend einer echten Narbe ähnelte.
      „Aber du weißt doch, was passiert ist?“, hakte er nach.
      Die Kleine nickte: „Ja, Lioret hat Forsak mit Eeris erlöst. Genau hier.“, sie deutete auf ihr eigenes Gnadenmal. „Aber er hat Forsaks Seele einen neuen Körper gegeben. Den Körper eines Gottes. Er hat Forsak zu einem Gott gemacht! Deshalb ist Forsak nicht wirklich tot, nur sein Körper ist gestorben!“, erklärte sie ihm stolz.
      „Ach so“, der Mann nickte verstehend.
      „Bist du nicht von hier, wenn du das alles nicht weißt?“, wollte das Mädchen wissen.
      Er nickte geistesabwesend.
      „Weißt du, ich komm von ganz weit her. Von jenseits der Berge...“ Andere Erinnerungen flackerten in seinem Geist auf und unwillkürlich musste er lächeln.
      „Boah! Wie ist es da so? Wie sind die....“, sie brach ab. „Deshalb bist du also traurig! Du vermisst deine Heimat! Du bist so weit weg!“
      „Sozusagen“, stimmte der Mann ihr zu, irgendwie war es ja wahr...
      „Weißt du, Mama hat mir erzählt, dass Forsak jedes Jahr in dieser Nacht über Annod fliegt und nach seinem Volk sieht. Wer dann eine Drakenblüte hält und ihm gedenkt, dem schenkt er vielleicht einen Wunsch. Als Dank für die Treue zu ihm. Deshalb nennen wir sie auch Dankesblüten!“ Sie grinste ihn breit an, stolz, diesen komplizierten Zusammenhang richtig behalten zu haben. Auch er musste wieder lächeln.
      „Hier!“, sie gab ihm die getrocknete Blüte. „Du brauchst sie dringender als ich. Dann kannst du dir wünschen, wieder glücklich zu sein!“
      Verdattert sah der junge Mann ihr nach, als sie davonlief und sich unter die anderen Kinder mischte, die dem nachgestellten Tod des großen Drachenkaisers zusahen.
      Dann sah er die kleine, orangene Blüte an.
      Und die schlechten Erinnerungen verblassten.

      Als die letzten Lichter des Festes verloschen und die letzten Bürger in ihren Häusern verschwunden waren, konnte man, sah man genau hin, hoch im Himmel ein Schemen erahnen, welches dort seine Kreise zog.
      Es war ein Drache. Ein Drache mit orangeroten Schuppen und Augen, die nun nicht mehr so kalt waren.
      Eine einzelne Drakenblüte lag in seinen Klauen. Ein warmes Gefühl breitete sich in ihm aus, als er fühlte, wie sie zwischen seinen Schuppen kitzelte.
      Die Kleine hatte ja keine Ahnung, dass sie ihm seinen Wunsch bereits erfüllt hatte!
      So gut hatte er sich seit langem nicht mehr gefühlt!
      Vielleicht war es wirklich langsam Zeit, zurückzukehren...


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      Mitten im zweiten Türchen steht ein Holzpfosten und mit beachtlicher Geschwindigkeit saust ein Holzstab heran und trifft ...



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      Begegnung am Spielfeldrand

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      "Erobert!"
      Mit laut vernehmlichem Klacken war das Werfholz gegen das oberste Ende des rechten Holzpfostens geschlagen, und obwohl der Feldwart die beiden "Türme" noch nicht präpariert hatte, bestand kein Zweifel, dass Jeran sein Ziel ein weiteres Mal getroffen hatte. Gleich mehrere der anderen mitspielenden Kinder, alle so wie er zwischen etwa 11 und 14 Jahren, rannten eifrig los, um das Werfholz, einen knapp zwei Spannen langen Holzstab, für den nächsten Spielzug aufzuheben. Jeran selbst grinste zufrieden und schlenderte zur Startlinie zurück. So langsam hatte er den Dreh raus, es hatte wieder funktioniert. Sollten doch die anderen Spieler seiner Truppe unter sich ausmachen, wer für den nächsten Versuch ausscheiden musste – er sicherlich nicht, denn er hatte mit deutlichem Abstand die meisten Eroberungen für seine Seite erzielt.
      "Eamon! Du raus!" rief Selvia quer über das Spielfeld, mit demselben bestimmenden Ton, den sie auch in der Akademie immer an den Tag legte, wenn sie sich einer Sache ganz sicher war, und so laut, dass ihre helle Stimme von den noch fast leeren Zuschauerrängen ringsum wiederhallte.
      "Och Manno!" maulte der kleine Eamon etwas atemlos zurück. Er war unermüdlich in der Spielfeldhälfte der Verteidiger auf und ab gerannt, hatte das Werfholz aber nie zugespielt bekommen. Zurecht, dachte sich Jeran, das Ergebnis sprach jedenfalls für sich.
      "Immer ich, das is so blöd! Lass uns lieber ohne Ausscheiden spielen, wie sonst immer!"
      Eine Menge missbilligender Blicke gingen in Eamons Richtung.
      "Wir spielen schon die ganze Zeit mit Ausscheiden", erwiderte Gileon, der für die gegnerische Seite auf einer Turmwächter-Position spielte und dafür ein "Schwert" führte – eine Art Paddel, mit dem er leichter das Werfholz abfangen konnte. Damit wies er nun fast anklagend auf ein paar Jungs und Mädchen am Spielfeldrand, als er hinzufügte: "Die andern haben auch nicht gemeckert darüber. Willst du mal richtig nach Tarynger Regeln spielen oder nicht?"

      Da hatte Gileon gleich in mehrfacher Hinsicht recht. Er, Jeran, Selvia, Eamon und einige andere Kinder der unteren Altersstufen der Magieakademie von Rueglo waren zu einem Ausflug hier, das erste Mal seit dem letzten Freigang vor drei Wochen, dass sie die Akademie für einen Nachmittag verlassen konnten. Die Gelegenheit konnte besser nicht sein, denn hier, auf dem herzöglichen Turnierplatz von Rueglo, fand heute ein offizielles Turmspiel statt – oder Werfholzspiel, wie Jeran es von klein auf kannte.
      Früher hatte er es liebend gerne mit seinen Geschwistern auf dem Anwesen – und zum Leidwesen – seiner Eltern gespielt, einfach mit Holzstöcken und mit zwei Bäumen am Wiesenrand, die als "Türme" herhalten mussten. Die abgeplatzte Rinde an den "Turmbäumen" zeugte heute noch von vielen erfolgreichen Spielzügen.
      Seit seiner Aufnahme in die Akademie kam Jeran nicht mehr so oft zum Werfholzspielen. Doch der Sport erfreute sich quer durch alle Schichten großer Beliebtheit, und gerade in Rueglo, der Hauptstadt des Herzogtums Taryng, wurde ein organisierter Spielbetrieb vorangetrieben, mit offiziell festgeschriebenen Regeln und vor Publikum ausgetragenen Wettkampfspielen.

      Und heute Abend fand genau so ein Spiel statt! Eine große Abordnung mit politisch wichtigen Leuten war wohl aus der einige Tagesreisen entfernten Königshauptstadt Trayburg angereist, zu irgendeiner bedeutenden Konferenz oder sowas – Jeran wusste nicht genau was und interessierte sich auch nicht dafür. Das Wichtige war jedenfalls, dass bei dieser Gelegenheit auch genug Turmspieler unter den Trayburgern waren, dass sie antreten wollten gegen die Ruegloer Spitzentruppe – darunter der unüberwindliche Hamond Belhagen und natürlich Convyn von Taryng, der aus fast jeder Position heraus erfolgreiche Eroberungswürfe landen konnte!
      Diese Helden hatte Jeran zuvor erst einmal und aus großer Entfernung bei einem Spiel gesehen, und heute würde es wieder soweit sein. Doch nicht nur das: Angeführt von ihrem Lehrmeister Emnas hatte ihnen der Feldwart gestattet, auf dem Turnierplatz und mit einem offiziellen Tarynger Werfholz – mit löffelartiger Verdickung an beiden Enden – zu spielen, bevor er das Feld und die Türme für das Wettkampfspiel vorbereitete. Deshalb wollten die Kinder auch ansonsten genau nach den Regeln des Tarynger Turmspielverbands spielen – und dazu gehörte eben auch das Ausscheiden von Angriffsspielern nach dem dritten Versuch.

      "Is ja gut", lenkte Eamon ein. Er schlurfte mit leicht gesenktem Kopf in Richtung Seitenlinie, so dass ihm die Haare in die Augen hingen.
      Jerans Blick glitt an dem Jungen vorbei und blieb nicht zum ersten Mal an einem Mädchen am Spielfeldrand hängen – nun, eine junge Frau musste man ehrlicherweise sagen, bestimmt schon über 17 Jahre und damit viel älter als er. Sie trug ein edles, blaues Kleid, passend zur Farbe des Sommerhimmels, das ihre schlanke Figur ebenso betonte, wie das teilweise hochgesteckte, leicht lockige dunkle Haar ihr Gesicht hervorhob und umspielte. Sie stand zusammen mit zwei anderen jungen Frauen, sicherlich alle von Stande, und normalerweise hätte Jeran niemals erwartet, dass er ihre Aufmerksamkeit erregen würde. Diese eine aber schaute schon die ganze Zeit ab und an in seine Richtung, und dass es nun schon wieder passierte, ließ seine Brust ein wenig vor Stolz anschwellen. Auf jeden Fall würde er wieder einen tollen Spielzug hinlegen – erst recht, wenn er weiterhin seine Spezialität anwenden konnte.

      "Selvia, du wieder Rufer?" schlug Jeran vor. Eigentlich würde er ihr ja eher nicht eine Sonderposition geben wollen, Selvia stellte sich sonst schon ganz von alleine oft genug in den Vordergrund. Aber auf der Position des Rufers, wo sie ihm das Werfholz zuwerfen musste, war sie einfach die Beste hier, und sie spielten ziemlich gut zusammen.
      "Japp!" Selvias blonder Pferdeschwanz wippte, als sie zur Viertellinie hinüberging und eine Hand ausstreckte, um das Werfholz von einem Mitspieler entgegen zu nehmen. Sie ging leicht in die Hocke, hielt das Werfholz in Hüfthöhe und blickte prüfend nach links und rechts, ob die anderen ebenfalls startbereit waren.
      "Einer weniger bei uns diesmal", stellte die überflüssigerweise noch einmal fest, "aber wenn du wieder so gut bist, macht das nichts."
      Selvia grinste und ihre Augen schienen zu blitzen. Was war denn mit der los? Jeran schaute ganz kurz und unauffällig nochmal zu der Schönen an der Seitenlinie hinüber, doch sie hatte sich weggedreht und war ins Gespräch mit ihren Begleiterinnen vertieft. Egal. Konzentration jetzt. Jeran nickte Selvia zu.
      "Los!"

      In ruhigem Bogen warf Selvia ihm das Werfholz zu, so dass Jeran es mühelos fangen konnte. Im selben Moment bewegten sich wie auf Kommando die Spieler der Verteidigertruppe von der Mittellinie in seine Richtung. Jeran lief zur rechten Seite, versuchte alle Spieler gleichzeitig im Auge zu behalten. Als ihm zwei Verteidiger zu nahe zu kommen drohten, passte er das Werfholz zurück zu Selvia.
      "Du siehst schon vorher das Ergebnis vor Augen, bevor du es tust. Dann erst tust du es", hätte Meister Emnas gesagt. Das Holz flog genau richtig auf Selvia zu, und die fing es, indem sie es mit beiden Armen an ihren Körper presste. Jeran sprintete in Richtung gegnerische Spielfeldhälfte, während Selvia nach links rannte.
      Ein Verteidiger war schneller als sie, doch Selvia drückte das Werfholz auf kürzeste Entfernung einfach Nelenve in die Hand, die sich bis dahin kaum vom Fleck bewegt hatte. Jeran kannte Nelenve nicht besonders gut, aber sie konnte verdammt schnell sein wenn sie wollte. Sie entkam den Verteidigern mühelos, sah sich hinter der Mittellinie aber dem linken Torwächter gegenüber, der sie mit "Schwert" und weit ausgestreckten Armen nicht einfach vorbei lassen wollte.
      Jeran stand auf der rechten Seite bereit.
      "Hey!" Er reckte einen Arm in die Luft.
      Nelenve verstand und spielte ihm das Werfholz zu – aber etwas zu weit nach vorne! Nelenve spielte immer zu weit nach vorne!
      Nur mit größter Mühe konnte Jeran weit genug nach vorne hechten und das Holz mit einem löffelförmigen Ende in seiner Hand spüren. Zwischen ihm und dem rechten Turmpfosten stand jetzt nur noch Gileon – größer als er und sein "Schwert" schon halb erhoben, um Jerans Wurf abzufangen.
      Er täuschte eine Bewegung nach rechts an, doch Gileon ging nicht darauf ein. Dann zwei Schritte nach links, nur um dann rechts etwas Abstand zu Gileon zu gewinnen, ein gewagter Wurf...
      Eigentlich konnte das nichts werden. Gileons Schwert sauste schon in die richtige Richtung, noch bevor das Holz Jerans Hand verließ. Um es an dem breiten Paddel vorbeizumanövrieren, musste er es in viel zu weitem Bogen werfen. Das gelang, und Gileons Schwert sauste nur hörbar durch die Luft, während er das Werfholz verfehlte – doch wie nun den Turm treffen?
      Atemlos starrte Jeran dem unruhig fliegenden Stab hinterher, während er sich mühte, nicht sein Gleichgewicht zu verlieren. Einem eigenartigen, braunen Knochen gleich zappelte das Werfholz rotierend durch die Luft, die Höhe stimmte sogar fast, aber seitlich zu weit, ein ganzes Stück. Jeran schloss die Augen. Wenn das Holz mit seiner Drehung nur auch einen Bogen Richtung Turm vollziehen würde... Linie, Rotation, Neigung, Bogen. Aber dieses Mal war es zuviel. Schade.
      Jeran schlug die Augen wieder auf.

      Im selben Moment hörte er das vertraute Klacken des Werfholzes gegen den Turm.
      "Erobert!" jubelte Selvia von der Spielfeldmitte, und die restliche Angreifertruppe jubelte mit – Jeran eingeschlossen.
      "Das gibt's doch nicht..." murrte Gileon und schüttelte den Kopf. Sein Blick wechselte vom Turmpfosten zurück zu Jeran. "Echt nich."
      Doch der ließ sich davon nicht beirren und lief strahlend und leichten Fußes einmal mehr zur Startlinie zurück. Dort angekommen sah er, dass die dunkelhaarige junge Frau von vorhin nun auch wieder zu ihm herüberblickte – sie schaute ganz genau zu Jeran, kein Zweifel! Wenn sie den letzten Versuch fertig gespielt hatten, würde er zu ihr rüber gehen, und vielleicht--
      Jeran spürte eine große Hand auf seiner Schulter.
      "Du weißt, dass zaubern im Spiel nicht erlaubt ist", sagte eine tiefe Männerstimme, eindeutig mehr eine unaufgeregte Feststellung anstatt eine Frage, und hoffentlich leise genug, dass niemand sonst es gehört hatte. Jeran erschrak und drehte sich um. Die Hand steckte in einem stabilen, aber edel gearbeiteten Lederhandschuh. Sie gehörte einem großen, athletischen Mann, der Jeran jetzt mit leicht hochgezogenen Augenbrauen anblickte.
      "Was? Nein! Ich..." stammelte Jeran. "Wir sind von der Akademie, aber wir sind nur zum Turmspiel hier, wir--"
      "Weiß ich", erwiderte der Mann und wies mit dem Kopf zu Meister Emnas, der sich gerade von der Zuschauertribüne in ihre Richtung aufmachte.
      Jeran seufzte. Leugnen hatte wohl keinen Zweck. Auf dem Wams des Mannes bemerkte er nun das Stadtwappen von Rueglo.
      "Seid... seid Ihr ein Magier?" fragte er, mit mehr Ehrfurcht in der Stimme als ihm lieb war.
      "Ne", schnaubte der Mann, fast so als sei das eine Beleidigung, "aber ich weiß, wie ein Werfholz fliegen kann und wie nicht."
      "Ich- ich spiel echt gerne Werfholz!" plapperte Jeran jetzt, um von dem unangenehmen Thema wegzukommen. "Aber meine Eltern waren immer dagegen, dass ich damit viel Zeit verbringe."
      Der Mann schmunzelte kurz und ließ endlich Jerans Schulter los. "Ja, das kenn ich allerdings. Sagt mein Vater auch immer."
      "Wirklich?" fragte Jeran erleichtert. "Wer ist denn Euer Vater?"
      Der Mann zog wieder die Augenbrauen hoch. Dann wies er erneut mit dem Kopf hinter sich. Es dauerte ein paar Sekunden, bis Jeran verstand, was er meinte – und noch eine Sekunde, bis er begriff, was das bedeutete.
      Hinter den breiten Schultern des Mannes mit den Lederhandschuhen war auf einer Anhöhe Burg Rueglo zu sehen, Sitz des Herzogs Matian von Taryng, von dem man sagte, dass er kaum je einen Tag außerhalb seiner Schreib- und Sitzungsräume verbrachte. Und vor Jeran stand, wie ihm jetzt mit herunterklappender Kinnlade aufging, niemand anderes als dessen Sohn, Convyn von Taryng.
      "Wenn du so gerne spielst und das Zaubern nicht lassen kannst – in Ajinton erlauben sie das wahrscheinlich bald."
      Jeran ließ diesen Satz kurz auf sich wirken. In Ajinton gab es ein anderes Turmspiel-Regelwerk, das Jeran nicht kannte. Aber wenn das stimmte, dann könnte er ja tatsächlich seine Akademieausbildung verbinden mit dem Werfholzspielen, und dann hätten seine Eltern...
      Jerans Gedanken wurden von Herrn von Taryng unterbrochen, indem sich dieser zu ihm hinunterbeugte und den Kopf leicht schräg legte. Fragend blickte Jeran sein Idol an.
      "Das war ein Witz", stellte Convyn von Taryng klar.

      "Schluss jetzt, Kinder", rief Meister Emnas mit seiner immer ein wenig quäkenden Stimme und klatschte zweimal in die Hände. "Wir müssen das Spielfeld freimachen."
      "Aber wir müssen noch unsere letzten Versuche zuende spielen!" protestierte Jeran.
      "Ne", entgegnete von Taryng knapp, "jetzt muss ich mich mal warmspielen."
      Er klopfte Jeran auf die Schulter und ging mit einer offenen Hand zu Selvia hinüber, die ihm das Werfholz herausgab. Dann nahm er nur wenige Schritte Anlauf und schleuderte das Holz fast von der Viertellinie aus mit einer schwungvollen Bewegung in Richtung des rechten Turmpfostens. Mit lautem Knall traf das Geschoss sein Ziel. Ein paar vereinzelte Zuschauer spendeten bewundernd Applaus, während Convyn von Taryng weiter das Feld locker hinunter joggte. Er hob das Werfholz auf, warf es dem in der Nähe wartenden Feldwart zu, lief weiter, an den jungen Damen am Spielfeldrand vorbei, und verschwand in einem kleinen Gebäude abseits des Platzes. Jeran blickte ihm mit offenem Mund hinterher.

      "Musst noch ein bisschen üben, bis du so gut bist", feixte Selvia.
      "Pah", wiegelte Jeran ab, "ich bin schon ziemlich gut! Hast du selber gesagt. Und ich hab schon..."
      Jeran ließ den Satz unvollendet und schaute nochmal nach der Schönen im blauen Kleid. Doch sie stand nicht mehr da, nur ihre beiden Begleiterinnen, die sich immer noch angeregt unterhielten. Er ließ suchend den Blick schweifen – und konnte gerade noch sehen, wie sie durch dieselbe Türe ging wie kurz zuvor Herr von Taryng.
      Meister Emnas fasste ihn beim Arm. "Komm jetzt, Jeran", sagte er belustigt, "reiß dich los vom Spielfeld. Wir können nachher noch das ganze Spiel gegen die Trayburger Truppe anschauen – ich habe mit dem Herzogkomteur vorhin über Tribünenplätze gesprochen."
      "Ja", murmelte Jeran leicht abwesend, und fügte nach einer kurzen Pause hinzu: "Meister Emnas? Glaubt Ihr, ich könnte bald wieder eine Sonderstunde Fokusunterricht bei Euch bekommen? Ich glaube ich habe jetzt verstanden, was Ihr mit den Formen und dem Ergebnis-vorher-sehen gemeint habt letztes Mal."
      Meister Emnas hielt kurz inne und schaute Jeran verwundert von der Seite an. Dann kam ein Lächeln auf sein kantiges Gesicht.
      "Ja, sicher", quäkte er, "das können wir gerne tun, Jeran."


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      Das dritte Türchen ist verrostet und die Scharniere quietschen, dahinter ist eine schmutzige vermüllte Straße, gesäumt von Bettlern, zwielichtigen Verkäufern und Prostituierten.



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      Aus dem Schatten

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      Nicht einmal bei Tag war Malisda für eine allein reisende Frau sicher. Myrina Dagomir wusste das sehr genau, doch sie fürchtete sich nicht vor den gewöhnlichen Kriminellen, von denen es in dieser Stadt viel zu viele gab. Myrina war eine Angehörige der elavischen Sicherheitsbehörden und trug eine Waffe in den Falten ihres Gewandes. Doch selbst die brauchte sie eigentlich nicht, denn Myrina war eine Sauerstoffmagierin. Keine Luft mehr zu bekommen reichte normalerweise aus, um Angreifer zu entmutigen.
      Selbst die Bettler, von denen es hier noch viel mehr gab als Kriminelle sprachen sie ungewöhnlich selten an. Gewöhnliche Menschen wussten zwar nicht, was sie da wahrnahmen, doch auch sie bemerkten die Gaben.
      In den Straßenecken boten aufreizend gekleidete Frauen ihre Dienste an. Ein Mann lief ganz offen mit einem Bauchladen herum, auf dem er Kräuter anbot, die sicherlich nicht zum Würzen des Mittagessens gedacht waren. Andere Händler versuchten ausländische Markenprodukte zu verkaufen, die sicher gefälscht waren. Wahrscheinlich hofften sie auf leichtgläubige Touristen. Besonders einträglich konnte dieses Geschäft aber nicht sein, denn die Reiseveranstalter aus Arunien und Temira planten in der Regel keinen Aufenthalt in der Grenzstadt ein.
      Malisda war voller auswärtiger Elavier, die ihr Glück in den Nachbarländern versuchen wollten. Arunien und Temira hatten aber kein Interesse daran mittellose Elavier aufzunehmen, die nicht lesen und schreiben konnten. Selbst ihre Fähigkeiten aus der Landwirtschaft halfen ihnen unter den völlig anderen Bedingungen in den Nachbarländern nicht. Wer erwischt wurde, wurde zurückgeschickt und blieb in Malisda, genau wie diejenigen, die sich den überteuerten, illegalen Grenzübertritt nicht leisten konnten.

      Armut gab es in allen elavischen Städten, doch anderswo hofften die Menschen auf eine bessere Zukunft im eigenen Land und lebten weiterhin die elavischen Werte. Hier war davon nichts mehr übrig. Die Polizei hatte offenbar schon längst jeden Versuch aufgegeben, die Kriminalität einzudämmen oder die eigentlich im ganzen Land illegale Prostitution zu unterbinden.
      Der Zustand der Grenzstadt, die immerhin für jeden Fremden den ersten Eindruck von Elavien lieferte, war eine Schande für das ganze Land. Myrina wusste jedoch, dass es nicht in ihrer Macht stand daran etwas zu ändern.
      Aufgabe ihrer Organisation, der Elementwächter war es das Land vor kriminellen Elementarmagiern zu schützen und neue Elementarmagier zu finden, bevor es die falschen Leute taten. Selbst das war kaum zu schaffen, denn sie waren viel zu wenige. Aus diesem Grund war Myrina allein unterwegs und nicht zu zweit, wie es bei der Polizei üblich war. Daneben sollte es auch noch ihre Aufgabe sein, Elavien vor feindlichen Elementarmagiern aus dem Ausland zu schützen, doch eigentlich wussten sie alle, dass das illusorisch war. In Sarilien gab es tausende von Elementarmagiern, alle gut ausgebildet und erbarmungslos, in Elavien waren es nur siebzehn Adepten zurzeit, die meisten mit Metallen als Element. So viele neue Novizen hatten die Arunier jedes halbe Jahr.
      Myrina war sehr wachsam, denn sie vermutete, dass Malisda neben gewöhnlichen Kriminellen auch gesetzlosen Elementarmagiern Unterschlupf bot. Bis jetzt hatten sie keine heiße Spur, aber vielleicht würde sich das ja dieses Mal ändern. Sie ging durch die Straßen und nutzte ihre Gabe, um andere Elementarmagier aufzuspüren.

      Chlormagier Javaro traf sich währenddessen mit seinen Bekannten aus der Malisdaer Unterwelt. Als gut trainierter Mann mit Narben aus dem Arisaja-Krieg fiel es ihm wesentlich leichter sich dort Respekt zu verschaffen als Myrina. Auch sie hatte dafür Mittel und Wege, aber sie war längst alt genug um zu wissen, dass bei ihrer Arbeit Effizienz viel wichtiger war als das Bedürfnis sich zu beweisen. Deswegen wurden die Aufgaben so verteilt, dass sie mit der geringstmöglichen Mühe auszuführen waren. Dank ihres überall vorhandenen Elements konnte Myrina fremde Elementarmagier über einen viel größeren Bereich erspüren als Javaro.
      Bis jetzt bemerkte sie jedoch nichts. Einerseits war das gut, denn natürlich wollte niemand gerne auf gesetzlose Elementarmagier stoßen. Im Gegensatz zu den gewöhnlichen Kriminellen waren die auch eine große Gefahr für Myrina. Andererseits wussten sie aber alle, dass es diese Gruppen gab und dass etwas dagegen getan werden musste.
      In der Vergangenheit hatten sich die Aktivitäten dieser Gruppierungen neben dem gelegentlichen Auftragsbrand oder Giftmord auf brutale Initiationsriten und rituelle Unzucht beschränkt. Das war hauptsächlich ein Problem für Leute, die in die Fänge dieser Gruppen gerieten, besonders für die Frauen, stellte für die restlichen Elavier aber keine große Gefahr dar. Seit wenigen Jahren hatte sich das geändert. Die illegalen Elementarmagier verübten neuerdings Anschläge auf verschiedene Ziele. Bis jetzt war es der Regierung in Somi Dava gelungen die wahren Hintergründe zu verheimlichen und die Elementwächter hatte mehrmals geschafft, das Schlimmste zu verhindern, aber niemand gab sich irgendwelchen Illusionen hin: Sie konnten nicht überall sein. Es war an der Zeit, die Verantwortlichen dingfest zu machen. Gerüchteweise steckte ein männlicher Sauerstoffmagier hinter diesen neuen Aktivitäten, Genaueres wussten sie bisher aber nicht.
      Myrina gefiel der Gedanke überhaupt nicht. Sie und dieser Terrorist sollten demselben Element angehören. In den alten Schriften, aus den Zeiten bevor die Elavier der Elementarmagie weitgehend entsagten hieß es, dass Menschen mit denselben Elementen auch sonst einiges gemeinsam hatten. Das konnte einfach nicht wahr sein.

      Eine neue Wahrnehmung riss sie aus diesen Grübeleien. Da war etwas. Ein anderer Elementarmagier. Sie konnte die fremde Gabe nur ganz entfernt wahrnehmen, die Person musste ziemlich weit weg sein.
      Myrina konzentrierte sich darauf und bemerkte, dass die Verbindung der anderen Person zu ihrem Element seltsamen Schwankungen unterworfen war. Wie eine Kerze im Wind, die manchmal aufflackerte und manchmal beinahe zum Erlöschen gebracht wurde. Das sprach ganz eindeutig dafür, dass es sich hierbei um eine unerfahrene Person ohne Ausbildung handeln musste. Kein Krimineller sondern vielleicht Zuwachs für die Elementwächter.
      Myrina beschleunigte ihre Schritte. Jeder neue Elementarmagier war erst einmal erfreulich. Sie ließ sich nun von ihrer Gabe führen, ihre Augen verrieten ihr nicht, wohin sie gehen musste, um die andere zu finden. Als sie sich dem anderen Elementarmagier näherte verriet ihr die noch etwas anderes. Nicht nur die fremde Gabe war unstet, auch das Atmen fiel der jungen Magierin schwer. Myrina war sich nun ziemlich sicher, dass es sich um eine „sie“ handelte und sie schwebte offenbar in großer Gefahr.
      Myrina ging noch schneller. Hoffentlich würde sie noch rechtzeitig bei ihr sein, um ihr zu helfen. Wenn sie denn helfen konnte, in den Krankenhäusern hier konnte man das ohne entsprechende Kontakte vergessen.
      Die fremde Magie schien die von Myrina zu spüren, doch sie bezweifelte, dass das auch für den Geist des Mädchens galt. Myrina erkannte nun, was das Element der Fremden war, Phosphor. Myrina war schon seit Jahren keinem Phosphormagier begegnet, seit der alte Enari nicht mehr lebte. Sie würde eine große Lücke füllen, irgendwann, wenn sie ausgebildet war.
      Jemand fluchte, offenbar hatte Myrina ihn angerempelt. Sie achtete nicht auf die Beschimpfungen auch für eine Entschuldigung war keine Zeit. Myrina schlängelte sich zwischen den Menschen hindurch, bog immer wieder um neue Ecken. Schließlich sah sie in einer Ecke eine zusammengekauerte Gestalt am Boden. Daneben bemerkte sie einen seltsamen Geruch. In Malisda roch es überall nach Speisen und Gewürzen, nach Müll und Menschenmassen, Rauch und Abgasen und Dung von Mensch und Tier. Dieser Geruch gehörte jedoch nicht hierher. Oder war es nur der Sinn für Giftiges, den Myrina wie alle Elementarmagier besaß? Giftig war das, was sie da wahrnahm auf jeden Fall. Bald konnte sie auch die Struktur erkennen. Es war ein Insektengift, das eine arunische Firma in Elavien verkaufte. Immer wieder kamen Menschen dadurch zu Tode, versehentlich oder absichtlich. Solange sie das Gift aber verkaufen durften, störten sich die Arunier daran nicht.

      Das Mädchen war etwa vierzehn oder fünfzehn Jahre alt. Die Flasche mit dem Insektizid lag neben ihr, Reste davon rannen über die Straße. Vielleicht hatte es ihr irgendein skrupelloser Händler als Medizin verkauft, in Malisda war alles möglich.
      Das Mädchen konnte sich nicht mehr aufrechthalten, sie rang mühsam nach Luft, ihr Gesicht schmerzverzerrt, die Pupillen unnatürlich klein. Auf Myrinas Ansprache reagierte sie nicht. Ihre Gabe war das einzige, was sie noch bei Bewusstsein und am Leben hielt.
      Eine gewöhnliche reiche Elavierin hätte angesichts des Anblicks und der Gerüche wohl vor Ekel nicht mehr handeln können, doch Myrina war einiges gewohnt und stattdessen erleichtert, denn hier konnte sie alleine helfen. Dieses Mädchen war nicht die erste Vergiftete, der sie mit ihrer Gabe half. In diesem Fall hatte sie es sogar leichter als bei manchen anderen, denn das Mädchen hatte eine eigene Gabe, die sich ohne Zögern mit Myrinas verband. Wie sollte es auch anders sein, das Mädchen hatte schließlich keine Kraft übrig, um sich dagegen zu wehren. Für eine so erfahrene Sauerstoffmagierin wie Myrina bedeutete es keine Mühe, das Gift aus dem Körper des Mädchens zu entfernen und je mehr sie schaffte, desto mehr half die junge Phosphormagierin auch dabei. Sie war wirklich begabt, daran bestand kein Zweifel.
      „Müde“, murmelte sie.
      „Natürlich bist du müde. Aber du musst mit mir kommen. Ich helfe dir.“
      „Ich bin nicht tot, oder?“
      „Nein.“ Dann wusste sie also doch, was sie da zu sich genommen hatte? Myrina hatte gehofft, dass es anders war. Eine Elementarmagierin, die so labil war, dass sie einen Selbstmordversuch unternahm, brachte einige Schwierigkeiten mit sich. Doch das konnte man sich nicht aussuchen. Zumindest hatte sie noch genügend Lebenswillen, um sich mit ihrer Gabe zu schützen.
      Das Mädchen verbarg das Gesicht in den Händen. „Oh nein, ich muss. Lieber als anständige Frau sterben als das.“
      Elementarmagie war in Elavien sehr schlecht angesehen. Es war nicht das erste Mal, dass Myrina so etwas hörte und manche Elementarmagier nahmen sich tatsächlich aus Scham das Leben. Ein weiterer Grund, warum es in Elavien so wenige von ihnen gab. Früher hatten solche Aussagen Myrina schockiert, inzwischen berührten sie sie kaum noch.
      „Du brauchst dich nicht zu schämen. Es ist eine Gabe, die dir geschenkt wurde. Du kannst damit viel Gutes für Elavien tun.“
      Das Mädchen schaute sie verwirrt an. „Sie wollen, dass ich das Gleiche, die gleiche Arbeit mache, wie meine Mutter.“
      Ach, daher wehte also der Wind.
      „Dazu wird es nicht kommen. Du kommst mit mir und wirst zur Schule gehen.“ Myrina wusste, dass sie bei ihrer Herkunft wohl keinen Grund hatte, das zu glauben. Das Mädchen hatte jedoch andere Sorgen.
      „Das geht nicht. Sie werden mich finden. Sie werden uns beiden etwas Schreckliches antun. Das dürfen Sie nicht machen.“
      „Du musst keine Angst haben. Ich kann auf uns aufpassen und ich habe mächtige Freunde.“ Das stimmte und war hier glaubwürdiger als Myrinas eigene Fähigkeiten in der Selbstverteidigung. „Ich werde auf dich aufpassen. Wie heißt du denn?“
      „Mitala.“ Sie nannte keinen Nachnamen, wahrscheinlich wusste sie selbst nicht, wer ihr Vater war.

      „Komm mit, wir dürfen keine Zeit verlieren. Und das legst du bitte ab.“
      Mitalas Schal war voll mit Erbrochenem, immerhin hatten ihre restlichen Sachen nichts davon abbekommen. So wie es aussah, hatte sie ihre beste Kleidung angezogen, die weite Hose und das lange Oberteil waren beide farbenfroh und kaum verschlissen.
      Mitala rappelte sich auf, Myrina musste so lange noch etwas erledigen. Das Gift musste hier weg, sonst würde vielleicht noch jemand zu Schaden kommen. Mitala konnte sie keinen Vorwurf machen. Sie hatte wahrscheinlich die Flasche fallengelassen, weil die Wirkung zu schnell einsetzte.
      Myrina löste das Problem so wie sie Probleme gerne löst, wenn das möglich war. Ein Schnippen mit dem Finger, das sie sich als Fokus angewöhnt hatte und die Giftpfütze stand lichterloh in Flammen.
      Mitala starrte das Feuer mit großen Augen an, doch Myrina sagte ihr nicht, welche Rolle sie dabei spielte, dafür war es noch zu früh. Sie vertrieb den Rauch voller Phosphor- und Schwefelsäure, das war wenig genug, um die Luft der Stadt nicht wesentlich schmutziger zu machen, als sie sowieso schon war.
      Sie nahm Mitala bei der Hand und führte sie zu einer belebteren Straße. Der Gang des Mädchen war noch unsicher, doch mit etwas Hilfe schaffte sie es. Myrina winkte ein Taxi herbei und drückte dem Fahrer ein Bündel Geldscheine in der Hand.
      Mitala wirkte überrascht, als sie das viele Geld sah und noch überraschter, als sie hörte, welche Adresse Myrina dem Taxifahrer nannte.

      Die Fahrt durch das Chaos aus Fußgängern, Ochsenwagen, Fahrrädern, Autos und Bussen auf Malisdas Straßen zog sich scheinbar endlos. Myrina hoffte, dass sie niemand stoppen würde, der hinter Mitala her war. Sie wollte das Mädchen nicht sofort mit den grausameren Anwendungen ihrer Gabe verschrecken müssen.
      Sie hatte Glück. Der Taxifahrer schaffte es ohne Schwierigkeiten auf die breitere Ringstraße und in das reiche Viertel der Stadt, wo es für die Fußgänger Gehwege gab. Die letzten paar hundert Meter ging sie zu Fuß, auch der Taxifahrer musste nicht genau wissen, wo sich das Haus der Elementarmagier in Malisda befand.
      Sie schloss das Tor auf und führte Mitala hinter die Mauern. Das Mädchen wusste überhaupt nicht, in welche Richtung es zuerst schauen sollte. Wahrscheinlich hatte sie noch nie einen so gepflegten Garten mit Blumen und Obstbäumen gesehen.
      Ihnen stand eine schwierige Aufgabe bevor. Mitalas Element gab es sonst nicht, sie war also darauf angewiesen von anderen zu lernen, die sich nicht mit den Einzelheiten auskannten. Außerdem konnte sie vermutlich weder lesen noch schreiben und hatte sicher noch nie von Elementen gehört. Viel zu lernen hatte sie auf jeden Fall.
      All das war möglich, doch ihr das Leben tatsächlich nichts mehr bedeutete, wurde es schwierig. Myrina wusste aber nicht, ob das wirklich so war. Vielleicht war es auch nur der Ruf ihres Elements gewesen, der Mitala dazu gebracht hatte, auf diesem Weg die Flucht zu versuchen. Womöglich hätte ihre eigene Magie sogar gereicht, um sie zu retten.
      Oder dieser Gedanke war nur ein Wunschtraum, Myrina wusste es nicht. Die nächsten Wochen würden es wahrscheinlich zeigen, aber wenigstens war Mitala jetzt in Sicherheit.
      An den ersten Tagen würde Myrina sie sehr genau im Auge behalten.


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      Um das vierte Türchen ranken sich schneebedeckte Zweige, man sieht vom Nebel die Hand vor Augen nicht mehr und friert sofort, wenn man hindurchtritt. Von irgendwoher erklingt unregelmäßig das Knirschen von überfrorenem Schnee unter Stiefeln.



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      Fast gestorben

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      Es war kalt, sehr kalt, als Tökra ül Tänar durch den Wald lief, auf der Suche nach einem Unterschlupf für die Nacht. Dichter Nebel umschlang ihn, als er durch den Schnee stapfte, der an der Oberfläche zu Eis gefroren war. Der nasse Schnee am vorherigen Tag hatte es nicht besser gemacht und Tänar spürte die Eiskristalle, die sich durch seine Felle gegraben hatten. Waren seit dem Fest wirklich gerade einmal drei Tage vergangen? Tänar kam es eher wie drei Jahre vor, in denen er durchnässt und halb erfroren durch die Wildnis stapfte, ohne essbare Pflanzen gefunden oder ein Tier erspäht zu haben. Zitternd vor Kälte und Hunger stolperte er mehr vorwärts, als dass er wirklich ging.

      Selbst die Jugenddörfer mussten noch etliche Tagesmärsche entfernt sein. Sein Vater hatte Tänar einen Tag vor dem Fest zu einer stillen Lichtung geführt.

      Er schritt die Ränder der Lichtung ab und prüfte mit Augen und Ohren, dass niemand in der Nähe war, der sie belauschen konnte. Sich immer wieder nervös umschauend, begann er dann, in der Jägersprache zu sprechen. Seine Worte zeichnete Tänars Vater abgehakt und schnell mit seinen Händen in die Luft, als hätte er Angst, jemand könnte sie beobachten. Es war schwer ihm zu folgen, obwohl Tänar von allen immer wieder gelobt worden war, dass er die Jägersprache so gut beherrschte.

      „Tökra ül Tänar, mein Sohn“ begann er „du hast von den Jugenddörfern gehört. Die Geschichten sind wahr.“ Tänars Vater ließ die Arme abrupt sinken und hielt sie ein wenig gesenkt, sodass es für Tänar anstrengender wurde, den Worten zu folgen.

      „Ich selbst war da, vor langer Zeit. Von hier sind es ungefähr zwei Wochen bis dort. Sie leben in den Bäumen und wenn du aufmerksam bist, kannst du sie leicht finden. Bring Fleisch mit, dann nehmen sie dich auf.“ Auf diese Worte folgte eine Beschreibung, wohin Tänar gehen sollte und woran er sich orientieren konnte.

      „Vergiss nicht, was du über das Überleben im Wald gelernt hast.“ schloss Tänars Vater die Beschreibung.


      Ein Ast peitschte Tänar ins Gesicht und riss ihn aus seinen Erinnerungen. Die Nadeln stachen dabei in seine Haut. Es schmerzte zwar nicht, aber er spürte die Nadeln noch, als er bereits ein paar Schritte weiter getorkelt war. Plötzlich sackte er ein. Mit einem Mal war überall nur noch Schnee und er konnte nicht mehr atmen. Tänar ruderte in Panik wild mit den Armen, fand jedoch keinen halt und sackte noch ein Stück tiefer. Der Schnee bedeckte ihn vollständig und es schien keinen Ausweg zu geben. Während er schon Sterne sah, dachte er, dass sein Ende gekommen war. In einem Erdloch versunken wie ein dummer Feröda, ein Südmensch.

      Mit letzter Kraft fand er etwas Hartes, wahrscheinlich eine Wurzel und zog sich aus dem Loch. Erschöpft blieb Tänar einen Augenblick liegen. Über sich sah er blaue Nadeln auf denen gefrorener Schnee glitzerte. Er lag mit dem Rücken auf dem Boden und sein Brustkorb hob und senkte sich zitternd. Was war gerade eigentlich geschehen? Die Wurzel, an die er sich hochgezogen hatte war nirgends zu sehen, als hätte sie nie existiert.

      Langsam setzte sich Tänar und das Zittern verebbte allmählich. Die Gedanken flossen nur zäh, aber er begriff fast instinktiv, dass er sich bewegen musste, da er sonst erfrieren würde. Und er wollte nicht sterben, erst recht nicht jetzt, da er dem Tod gerade erst von der Schippe gesprungen war. Er ließ seine Arme langsam kreisen und versuchte, seine tauben Finger zu bewegen. Nach und nach wurde sein Kopf wieder etwas klarer und das Gefühl, er würde in tausend Nadeln packen, zeigte ihm, dass auch seine Finger wieder zum Leben erwachten.

      Tänar brauchte ein Unterschlupf und dieses Loch schien ihm jetzt, da er sich wieder gefangen hatte, ganz geeignet zu sein. Vorsichtig klopfte er den Schnee in der Kuhle fest, die beinahe sein Schicksal besiegelt hatte. Aus der Todesfalle machte Tänar einen Lebensretter für die Nacht. Als der Schnee fest genug war, dass er darauf gefahrlos stehen konnte, holte er ein Messer heraus und stach in den Schnee. So höhlte er nach und nach ein schmales Loch aus, das schräg in den Boden lief, bis es tief genug war, dass Tänar komplett hinein passte.

      Danach musste er sich erst einmal setzen und innehalten. Trotz der ihn umgebenden Kälte ran ihm Schweiß von der Stirn. Erst als er sich ein wenig ausgeruht hatte, konnte er weiter machen. Er schnitt ein paar Äste ab, die er in den Eingang steckte, nachdem er mit den Füßen zuerst in sein Loch geklettert war. Die Lücken verschloss er anschließend mit Schnee und ließ nur noch ein paar Luftlöcher offen. Es war nicht die gemütlichste Übernachtungsmöglichkeit, aber für diese Nacht musste es genügen. In der Hoffnung, am nächsten Tag etwas essbares zu finden, fiel Tänar in einen unruhigen Schlaf.

      Der Boden bebte, als Tänar erwachte und bei jedem erneuten Beben rieselte ein Teil der Decke auf Tänar herab. Er begriff, dass er gerade noch rechtzeitig aufgewacht war, bevor der Schnee über ihm zusammenbrechen würde.

      Ein donnerndes Röhren verriet den Grund, warum die Erde zitterte. Ein Biest war ganz in der Nähe, wohl auf der Suche nach Nahrung. Was sollte Tänar tun? Er konnte im Schneeloch bleiben, aber dann würde ihn der Schnee früher oder später erdrücken. Draußen würde ihn allerdings das Biest riechen können, da diese Tiere einen äußerst feinen Geruchsinn hatten. Selbst, wenn er auf einen Baum kletterte, war er in höchster Gefahr, da Bäume für Biester nicht mehr, als Grashalme waren, die sie einfach umknicken konnten. Seine einzige Chance bestand darin, schneller zu sein, als das Biest. Auf dem Boden war das Tier zu schnell, selbst für geübte Läufer.

      Also kroch Tänar möglichst schnell aus seinem Unterschlupf und sah sich hastig um. Noch war das Biest weit genug entfernt, sodass es ihn noch nicht bemerkt haben konnte, aber das lauter werdende Röhren zeugte davon, dass es unaufhaltsam näher kam. Die Furcht gab Tänar neue Kraft und er kletterte flink wie ein Baumkätzchen den Baum hoch, unter dem sich die Kuhle befand, aus der er gerade gekrochen war. Oben angekommen sah sich Tänar um und sah das Biest rasend schnell näher kommen. Es galt, keine Zeit zu verlieren und so schwang er sich todesmutig zum nächsten Baum. Sein Glück war, dass die dicht stehenden Bäume das Biest langsamer machten, während er sich schneller und sicherer von Baum zu Baum hangeln konnte.

      Dennoch kam das Biest näher und näher. Bald schon würde es ihn errochen haben und dann hatte Tänar verloren. Gegen ein Biest war selbst der stärkste Mann hoffnungslos unterlegen und auch der geschickteste Jäger zu langsam und plump, um es mit ihm aufzunehmen. Und er, Tökra ül Tänar, war noch ein Junge, der kaum Erfahrungen hatte und sich in den praktischen Übungen nicht gerade besonders glücklich angestellt hatte.

      Zugegeben, Tänar war kein Äpnir, keiner, dem man das Erwachsenwerden versagte, aber er war weit davon entfernt, für seine Leistungen gelobt oder gar geehrt zu werden. Nicht ein Ehrenzeichen zierte seine Arme, wofür ihn sein Freund Lar-inar regelmäßig geneckt hatte. Bereits ein halbes Jahr vor ihm war Lar-inar aufgebrochen, um ein Mann zu werden, als sie noch durch das Ewige Eis gewandert waren.

      Tänar sah zurück und stellte erleichtert fest, dass das Biest abbog und sich immer weiter entfernte. Innerlich seufzte er. Doch die gerade erfahrene Erleichterung wurde jäh durch einen neuen Schrecken ersetzt. Der Ast, an dem sich Tänar festhielt, knackte hörbar und gab nach. Instinktiv griff er nach einem anderen Ast, doch er griff ins Leere. Die ersten Manneslängen zogen an ihm vorbei, bevor Tänar reagieren konnte. Doch alle Versuche, Ast oder auch nur einen Zweig zu greifen, schlugen fehl. Die schneebedeckte Erde kam rasend schnell auf ihn zu und sein Fall wurde durch nichts gebremst.

      Ein dumpfes Pochen. War er noch am Leben? Sein Körper fühlte sich weit fort an. Körper? Hatte er einen? Es war noch etwas anderes in der Nähe. Ein Plätschern. Es hörte sich schrill an. Hören. Riechen. Nun roch er etwas. Pflanzen. Der Wald. Schnee. Langsam öffnete Tänar seine Augen. Er fand sich in einem Üüt'engrartnöknir, einem Sonnenbrennkrautfeld. Doch er spürte es nicht. Er sah nur den mit scharfkantigen Steinen übersähten Bach, der sich dicht an seinem Kopf vorbeischlängelte. Ächzend richtete er sich auf und dankte den Geistern des Waldes für diese Rettung. Ihm war noch etwas schummrig, sodass er sich nicht allzu schnell bewegen konnte. Tänar lachte innerlich auf, als ihm die Absurdität seiner Rettung klar wurde. Er war dem Tod schon wieder entwischt, wieder ganz knapp und saß nun in einem Feld einer Pflanze, die als fies galt, weil ihre feinen Härchen die Haut verbrannten.

      Gegenüber auf der anderen Bachseite stand ein Maalstrauch dessen gelbe Beeren Tänar anlächelten. Der Strauch gab ihm wieder die Hoffnung zurück, dass er es doch noch zum Jugenddorf schaffen konnte. Dann hörte er ein leises Rascheln gefolgt von einem Kichern.


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      Aus dem fünften Türchen riecht es stechend und überaus unappetitlich. Dann rennt ein Jugendlicher vorbei, hinter ihm erklingt ein gellendes "Polizei! Polizei!", was ihn nicht aufhält - ganz im Gegenteil ...



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      Findelkind

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      An der Vorderfront des Wohnhauses klebte ein Zettel. Grüner Filzstift verkündete in schlampig geschriebenen Lettern das baldige Ende der Welt. Daneben stand ein Mülleimer, an den sich ein schlafender Mann lehnte. Der Geruch von Kotze lag in der Luft, vermischt mit dem Duft von verdorbenem Fleisch. Die wenigen Leute, die hier vorbeikamen, bemühten sich, diesen Ort bald wieder zu verlassen.
      Hengys stolperte über den ausgestreckten Fuß des schlafenden Mannes. Auch er hatte es eilig, hier wegzukommen, aber weniger wegen der Gerüche, als wegen des gestohlenen Geldbeutels in seiner Hosentasche. Irgendjemand hatte ihn bei seinem Diebstahl beobachtet und einen Polizisten alarmiert. Hengys machte sich keine Sorgen, erwischt zu werden – ihn würde niemand je erwischen. Aber er musste seinen Rückzugsweg sorgfältig planen, damit er seinen Verfolgern keine Verstecke verriet, die er und seine Freunde noch brauchen würden.
      Er sprang eine schmale Treppe hinab, die zwischen zwei Häusern in einen Durchgang hinabführte. Wenn man diesen Ort nicht kannte, würde man leicht hier vorbeilaufen. Doch Hengys würde nicht darauf spekulieren, dass dem Polizisten die Gegend nicht vertraut war. Vielmehr bot dieser Ort ganz andere Möglichkeiten. An einer Seite des Tunnels befand sich eine Absperrung aus Metall, hinter der sich ein Kanal befand. Hengys drückte an eine Stelle im Gitter, und dieses schwang zur Seite. Flink zwängte er sich durch die entstehende Öffnung, und betrat die Kanalisation. Hinter ihm schloss sich die Lücke mit einem lauten Geräusch. Er duckte sich in eine dunkle Nische und wartete.
      Die Schritte des Polizisten näherten sich, wurden lauter. Es war ein diensteifriger junger Mann, dem man aber gleichwohl die Abneigung, sich hier unten schmutzig zu machen ansehen konnte. Kam wohl aus einem guten Elternhaus. Aber der Polizist war nicht dumm, und er hatte das Geräusch des Gitters gehört. Vorsichtig beugte er sich vor, und betastete die metallenen Stangen.
      Hengys wartete nur noch einen Moment länger, dann griff er nach dem Gitter, konzentrierte sich auf seine Gabe, und hörte zufrieden, wie der Polizist einen Schrei von sich gab. Die Stangen glühten noch einen Moment lang hellrot, erleuchteten den ganzen Durchgang in einem unheimlichen Licht, dann wich die Hitze wieder. Am Boden, wo das Metall den feuchten Boden berührte, entstand eine Dampfschwade, die rasch nach oben stieg und einen ekelhaften Geruch verbreitete.
      Hengys schlich sich am Polizisten, der damit beschäftigt war, seine verbrannten Hände anzustarren, vorbei, und passierte den Durchgang. Nach drei weiteren Ecken erreichte er den Treffpunkt.
      Zwei andere Jungen warteten bereits auf ihn.
      „Erfolg gehabt?“, fragte der ältere.
      Hengys antwortete nicht, warf ihm stattdessen die Geldbörse zu.
      „Los, wir müssen weiter! Der Rova hat eine neue Lieferung für uns, um halb fünf in der Kammer.“
      Die Jungen liefen durch die alte Unterführung und zwängten sich durch eine Absperrung. Hengys kannte diesen Weg nicht, aber er wusste, dass sie es nicht weit hatten bis zur Kammer, wo der alte Rova auf sie warten würde. Die Schmuggler benutzten diese Gänge für ihre Geschäfte, ansonsten kam kaum jemand hier herunter. Die Stadtteile, die dieser Gang einmal verbinden sollte, waren nicht mehr bewohnt, außer von Gesetzlosen. Natürlich würde man das Viertel früher oder später abreißen, aber es schien, als ob die lokalen Behörden kein wirkliches Interesse daran hatten – vermutlich weil sie selbst in irgendeiner Weise vom Schwarzmarkt profitierten.
      Sie erreichten die Kammer. Ein junger Schmuggler erwartete sie, mit einem Paket Rivium unter dem Arm. Genug, um einen ganzen Stadtteil in den Rausch zu schicken. Doch hinter ihm war noch etwas – ein Korb, bedeckt mit einem fleckigen Handtuch.
      „Nicht noch eines!“, stöhnte Hengys, als er das schlafende Baby sah, „Was sollen wir damit machen?“
      „Seine Eltern sind tot. Waren aus Übersee. Sind gekommen den ganzen weiten Weg bis hier in die Stadt, und dann sind verreckt. Haben Klima nicht vertragen, schätze ich. Ich fahre zurück morgen, ich kann nicht nehmen Kind. Ihr nehmt, oder ich gebe Behörde.“
      „Bevor die es kriegen, nehmen wir es.“, sagte Hengys entschlossen.
      Im Kopf überlegte er bereits, wie er es Lug und Dou erklären sollte, dass sie schon wieder einen Mund mehr zu füttern hatten. Lug machte sich nicht viel aus den Kindern, die noch nicht sprechen konnten – er glaubte, die Revolution stünde unmittelbar bevor, und sie würden ihnen nur zur Last fallen. Aber Hengys wusste, dass sie noch lange nicht stark genug waren, um wirklich etwas zu erreichen. Das einzige, was sie tun konnten, war, einzelne Kinder zu retten. Ihnen zu zeigen, wie sie auf der Straße überleben konnten. Sie zu lehren, was die Behörden nicht wollten, dass sie wussten.
      „Ich gehe“, sagte der Rova-Schmuggler, „Nehmt ihr Kind. Nehmt ihr Rivium. Ist bezahlt.“
      Hengys deutete den anderen Jungen, dass sie das Paket nehmen sollten, während er vorsichtig den Korb hob, das Gewicht prüfend. Falls er auf dem Weg zu ihrem Versteck noch einmal laufen musste, war es wichtig zu wissen, wie sich der Korb mit dem Kind in der Hand machte.

      „Hengys!“
      Im Versteck angekommen, lief ihm einer der kleinen Jungen entgegen, Scygor. Er hielt beide Hände hoch – Hengys sah, dass sie deutliche Brandwunden zeigten. Aber in der Mitte der Handfläche war auch eine Andeutung von etwas bläulichem, das er gut kannte. Er lächelte. Seine eigenen Hände waren von dieser Farbe mittlerweile überzogen, so oft nutzte er seine Gabe.
      „Mazouky segnet dich.“, sagte Hengys, „Schön zu sehen, dass du vorankommst.“
      „Was ist in dem Korb?“, fragte Scygor.
      Hengys hob die Decke hoch.
      „Oooh!“
      Ein Raunen ging durch die Menge, und eine Schar von Kindern strömte herbei.
      „Wie heißt es denn?“
      „Ist es ein Junge?“
      „Seht nur, es macht die Augen auf!“
      Hengys hatte Mühe, die Kinder zurückzuhalten. „Es schläft gerade. Namen hat es noch keinen. Wir werden heute abend darüber entscheiden. Sagt Dou, sie soll herunterkommen.“
      Douwryla war wahrscheinlich die Älteste im Versteck – niemand wusste genau, wie alt sie war, sie selbst am wenigsten. Vielleicht zwanzig, vielleicht dreißig. Die Narben in ihrem Gesicht machten es schwierig, das Alter zu schätzen.
      Sie war für die meisten hier wie eine Mutter – einige der Jüngsten hatten auch tatsächlich an ihrer Brust gelegen. Damals, als die Bande nur aus ein paar Jungen, die sich irgendwie mit kleinen Diebstählen durchschlugen, war Dou hier aufgenommen wurden, zusammen mit ihren beiden kleinen Brüdern, die sie mitgebracht hatte, als sie von Zuhause geflohen war. Niemand von den drei Geschwistern redete je darüber, was dort vorgefallen war.
      „Hengys!“ Dou rief ihn schon von weitem „Hast du wenigstens auch etwas mitgebracht, damit wir hier nicht verhungern?“
      „?reew kümmert sich darum.“
      Dou nahm ihm vorsichtig den Korb mit dem schlafenden Baby aus dem Arm. „Es sieht gesund aus“, sagte sie, „zumindest nicht so völlig abgemagert wie Wrylint am Anfang war. Ein Glück. Sonst hätte ich mir Sorgen gemacht, wie wir das Kind über den Winter bekommen.“
      „Du machst dir doch in jedem Fall Sorgen“, meinte Hengys grinsend.
      „Irgendwer muss sich ja darum kümmern.“
      „Ach, es geht doch immer alles gut aus“, lachte er.
      Dou schaute ihn ernst an. „Was ist mit den Eltern?“
      „Der Rova hat nur gesagt, dass sie hier in der Stadt gestorben sind. Vermutlich haben sie sich eine Krankheit eingefangen.“
      „Und das Kind ist völlig gesund? Das glaube ich nicht. Wahrscheinlich waren sie Schmuggler und sind erwischt worden.“
      „Mag sein.“
      „Gibst du Lug Bescheid, dass wir heute abend eine Versammlung haben?“, bat Dou, „Wir müssen dem Kind einen Namen geben.“
      „Mach ich!“

      Hengys hörte noch, wie das Baby zu schreien begann – offenbar hatte Dou es aus dem Korb genommen und endgültig aufgeweckt – als er die Treppe zu Lugs Quartier hinabstieg. Er klopfte an die schwere Eisentür des ehemaligen Bombenschutzbunkers. Ein Klicken, dann öffnete sich die Tür.
      „Was gibt's?“ Lug war verschwitzt – wahrscheinlich hatte er die ganze Zeit trainiert.
      „Ein Baby.“
      „Schon wieder. Was ist mit dem Rivium?“
      Zur Antwort zog Hengys den Beutel mit dem Pulver aus der Tasche und legte ihn auf den Tisch. Lug öffnete ihn vorsichtig, roch daran, und nickte.
      „Die Rovan sind zuverlässig. Das ist viel wert.“
      „Heute Abend gibt es eine Versammlung“, verkündete Hengys, „Das Baby kriegt einen Namen.“
      „Natürlich. Lass mich jetzt allein.“
      Hengys warf einen Blick auf Lugs Waffen – Metallstäbe, Holzknüppel, und eine unscheinbare Glasmurmel, die beim Aufprall jedoch eine magische Explosion erzeugte.
      „Viel Spaß“, meinte er.

      Am Abend hatte sich der schmutzige Hinterhof, in dem sich die Bande versteckt hatte, völlig gewandelt. Alle Mauern waren bunt angesprüht, und jemand hatte ein paar Luftballons aufgetrieben. Die Ankunft neuer Mitglieder – und seien sie noch so jung – nahm man hier ernst.
      Hengys blickte auf die Schar an Kindern herab. Vor einem Jahr noch waren es halb so viele gewesen. Ganz allmählich hatte sich ihre Bande von einer Gruppe halbwüchsiger, die mit illegalen Drogen schmuggelten und heimlich verbotene magische Tricks übten, zu einem Auffanglager für Waisenkinder verwandelt. Er wusste nicht so recht, was er davon halten sollte – natürlich waren die Kinder auch eine wertvolle Ressource. Sie prüften alle regelmäßig auf magische Talente, und es waren gar nicht so wenige, wie sich gezeigt hatte. Wenn sie jemals eine Chance gegen die Truppen der Regierung haben sollten, würden sie alle diese Fähigkeiten brauchen. Und doch war jedes weitere Kind, das sie aufnahmen, ein Risiko. Irgendwann würden sie unachtsam sein, und ihr Versteck würde verraten werden.
      „Sch-sch-sch-sch!“ Die Kinder ermunterten sich gegenseitig auf nicht gerade leise Art, jetzt still zu sein. Dou war aufgestanden, und trug das neue Baby mit beiden Händen vorsichtig in die Mitte des Hofes.
      „Mazouky segne diesen Jungen und hüte ihn, wie du alle Deinigen behütest“, sprach sie bedächtig. Es war nicht gänzlich still – einige der Kinder konnten nie den Mund halten – aber still genug, dass sie nicht laut sprechen musste, um von allen gehört zu werden.
      „Du sollst den Namen Roscynt bekommen.“ Sie warf einen kurzen Blick zu Lug. Wenn dieser mit diesem Namen unzufrieden war, ließ er es sich jedenfalls nicht anmerken. „Roscynt – wie der große Held, der dem dreiköpfigen Drachen vom Silberwald den Kopf erschlagen hat.“ Sie spielte damit auf ein Märchen an, das sie den Kindern abends gerne vorlas. „Ich heiße dich willkommen, Roscynt!“
      Nach diesen Worten brach Jubel aus. Roscynt begann zu weinen, aber die geballte Aufmerksamkeit, die er in diesem Moment hatte, musste er doch gespürt haben, denn er verstummte sogleich wieder und blickte mit großen Augen in die Runde. Es wirkte so, als würde er sie alle zum ersten Mal überhaupt wahrnehmen.
      Zwei Luftballons stiegen zum Himmel auf. Sie schienen der ganzen Welt zu sagen: Hier sind wir, und wir haben keine Angst. Hengys lächelte – natürlich würden die Ballons im Nachthimmel bald verschwunden sein.


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      Das sechste Türchen ist mit feinen Stoffen ausgekleidet, Samt, Seide, allesamt kostbar bestickt. Der Duft von tausend köstlichen Speisen dringt hindurch. Es ist ein königliches Gelage, doch es wird nichts gefeiert und neben dem Türchen stehen eingeschüchterte Diener.



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      Der Pfau mit der goldenen Maske

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      In einem fremden Land, in einer fernen Zeit herrschte ein böser König. Er war hartherzig und grausam, eitel und geizig, rachsüchtig und ungerecht. Mit unmäßigen Steuern rang er den Menschen Geld und Güter ab, dass ihnen kaum das Nötigste zum Leben blieb. Mit seinen Launen quälte er die, die um ihn waren. Mit Gewalt regierter er und versetzte alles in Schrecken. Schon sein Vater und Großvater hatten so geherrscht und so litt das Volk große Not seit Jahrzehnten.
      Der König nun hatte eine Frau genommen, die einer bedeutenden Familie entstammte. Ihr Bruder war General in des Königs Heer, ihr Vater und Onkel waren Berater an des Königs Seite. Um deren Dienste zu erhalten, behandelte der König seine Königin gut und duldete gar, dass sie sich der Sorgen und Nöte der Menschen annahm.
      Als aber schließlich die Königin ein Kind gebar, einen Sohn, entschied sie, sich vom Hofe zurückzuziehen. Sie hatte ihre Pflicht als Gattin erfüllt und wollte von nun an für ihren Sohn da sein und ihn fern der Intrigen des Hofes und der Launen des Königs aufwachsen sehen. Sie zog in ein Schloss ihrer Familie am Fuße der Berge, fern der Stadt, in der der König herrschte. Sie nahm treue Diener mit sich und kluge Freunde, die dem Prinzen später gute Lehrer sein sollten. Der König ließ sie ziehen, ihre Ehrbarkeit langweilte ihn, ihre Güte ärgerte ihn. Kaum hatte sie den Palast verlassen, feierte er ausschweifende Feste mit losen Frauen, verprasste Gelder, für die seine Untertanen so hart gearbeitet hatten. Das Volk duckte sich unter seinen neuen Streichen und richtete alle Hoffnung auf den jungen Prinzen.
      Im stillen Schloss am Rande der Berge begann ein friedliches Leben für die Königin und ihren Sohn. Das Schloss war ein reizender Bau mit Aussicht auf die schimmernden Berge und die weiten Ebenen. Gärten umgaben das Schloss, in denen Pfauen lebten. Die Königin liebte den Anblick der gekrönten Vögel, den Glanz ihres Gefieders, ihre stolze Haltung. Sie fühlte sich sicher in ihrer Gegenwart und sagte oft: „Pfaue sind königliche Vögel. Sie sind klug und wachsam, wie auch ein König sein sollte. Ist er das nicht, werden die Pfauen über uns wachen.“ Und wirklich, die Pfauen des Gartens gaben Laut, wenn sich Gefahren zeigten. Manche Nacht drang ihr Schreien durch das Schloss. Dann eilten die Diener zu den Waffen, die Königin an das Bett des Prinzen, um seinen Schlaf zu bewachen. So wuchs er auf, umgeben von der Liebe seiner Mutter und der Klugheit seiner Lehrer.
      Der König aber setzte sein zügelloses Leben fort, ohne an morgen zu denken. Eines Tages dann, der Prinz mochte gerade zehn Jahre zählen, da gebar dem König auch eine Geliebte einen Sohn. Sie war stolz auf diese Tat, wollte sich damit einen Platz an der Seite des launischen Königs sichern. Und sie wollte ihrem Sohn eine Zukunft sichern, die nicht an zweiter Stelle stand. So sandte sie Männer nach dem stillen Schloss am Fuße der Berge. Männer, die den Prinzen und Erben des Königs töten sollten, um dem Bastard, dem Zweitgeborenen, die Krone zu bringen. Der König wusste davon und duldete es.
      Wieder war es eine Nacht im stillen Schloss am Fuße der Berge, in der die Pfauen wachten. Ihre Schreie weckten alle im Haus. Durchdringende Schreie, die keinen Eindringling schonten. Mehr noch, die Pfauen stürzten sich mit Schnabel und Klauen auf die Mörder. Als die Wachen herzueilten, lagen die Angreifer schon blutend am Boden. Sorge erfüllte die Königin bei dem ruchlosen Anschlag und Dankbarkeit für die Wachsamkeit und den Schutz der Vögel.
      Als dem König die Nachricht von dem misslungenen Überfall zugetragen wurde, verfinsterte sich sein Sinn. Er fragte sich, wie der Prinz den Bewaffneten hatte entgehen können. Und er fragte sich, ob ihm der Prinz nicht eines Tages gefährlich werden konnte. Mit Misstrauen beobachtete er nun das stille Schloss am Fuße der Berge. Mit Unmut musste er feststellen, dass das Volk seine Hoffnungen auf den jungen Prinzen richtete, dass es ihn liebte und verehrte in einem Ausmaß, den sein Vater nicht kannte. Neid und Misstrauen wurden groß im König.
      Im stillen Schloss am Fuße der Berge aber, da ging das Leben friedlich weiter. Der junge Prinz war eine Freude für seine Mutter und seine Lehrer. Er war geschickt in allen Künsten, handhabte die Waffen so flink wie die Bücher. Er hatte einen frohen, aufrechten Geist, den es nicht nach Gold und Macht gelüstete. Doch wusste er, dass er eines Tages über das Land herrschen würde und so befleißigte er sich, alles Notwendige zu lernen.
      Der König kam jedes Jahr zum Fest der Geburt des Prinzen. Er brachte Geschenke und besah sich den Sohn. Er fühlte keine väterliche Liebe, keinen Stolz. Er kam aus Pflichtgefühl die ersten Jahre. Und er kam aus Sorge und Misstrauen, als der Prinz älter wurde. Der König sah nicht den vielversprechenden Knaben, er sah einen Nebenbuhler um seine Macht. Die Liebe der Untertanen, die der König nie besessen hatte, gehörte dem Prinzen bereits. Den Thron und die Krone, die würde der König jedoch nie teilen. Als der König zum fünfzehnten Mal kam, der Prinz fast schon ein Mann war, da wurde aus Neid und Misstrauen Angst. Der König hatte seinem Vater die Krone einst mit Gewalt genommen. So fürchtete er nun, dass auch sein eigener Sohn ihm Krone und Leben nehmen würde, sobald er stark genug dafür war. Er erkannte nicht den edlen Sinn des Prinzen, sah nur den Nebenbuhler. Und so schickte diesmal der König Männer aus, um heimlich in das stille Schloss am Fuße der Berge zu dringen und den Prinzen zu töten. Niemand sollte dem König gleich kommen, niemand sollte ihm gefährlich werden.
      Wieder war es Nacht im stillen Schloss am Fuße der Berge, als die Mörder nahten. Es war Winter, die Gärten breiteten sich schneebedeckt um das Anwesen. Alle Vögel waren dem Sommer nachgezogen, nur die Pfauen wanderten noch stolz durch die kalten Fluren. Und die Pfauen wachten. Hell tönten ihre Schreie durch die Nacht, laut und klar wie Posaunen, die zum Kampfe riefen. Zu den Waffen, zu den Waffen! Doch als die Wachen kamen, da lagen die Mörder im Schnee, zerschlagen und blutig und die einzigen Spuren um sie herum waren die der Pfauen. Die Königin und der Prinz, die sorgten sich wegen des Anschlags und sie fühlten Dankbarkeit für die königlichen Vögel, die sie schützten. Der König aber, der tobte, als er von dem missglückten Überfall erfuhr. Er schrie und schlug um sich, dass sein Hofstaat erschreckt auseinanderstob. Das stille Schloss am Fuße der Berge betrat er nie mehr, die nächsten Feste feierte der junge Prinz ohne ihn.
      Es vergingen wieder drei Jahre, ohne dass der Friede des stillen Schlosses gestört wurde. Der Prinz war zu einem prächtigen jungen Mann herangereift, der ganze Stolz seiner Mutter. Ihm wurde die Zeit in der Einsamkeit nicht lang, nichts drängte ihn in den Palast des Vaters, in die Hauptstadt, auf den Thron. Doch es war sein Thron und seine Zeit sollte kommen.
      Der alte König starb, niemand wusste, ob ein Herzschlag seinem Toben ein jähes Ende gesetzt hatte oder mit heimtückischem Gift von heimlicher Hand nachgeholfen wurde. Es gab viele, die auf den Tod des Königs gewartet hatten. Viele, die den jungen Prinzen an seine Stelle wünschten, doch auch viele, die für sich selbst nach Macht gierten. Diese nun wagten einen letzten Angriff auf den Prinzen, wollten ihn vernichten, bevor er die Krone empfing. Eine ganze Schar machte sich auf zu dem stillen Schloss am Fuße der Berge.
      Wieder war es Nacht als die Feinde kamen. Wieder riefen die Pfauen ihre Warnung, laut und klar. Die Wachen stürzten hinaus und auch der Prinz griff zum Schwert. Es gab ein Gemetzel in den Gärten, Waffenklirren im Schloss. Es waren so viele, die dem Prinzen nach dem Leben trachteten, so viele, die ihn vernichten wollten. Die Wachen des Schlosses wurden zurückgedrängt und manch tapfrer Mann fiel durch den Streich eines grausamen Angreifers. Schon wollten die Feinde triumphieren, da scholl noch einmal schrill der Schrei der Pfauen durch das Schloss. Und da löste sich eine Gestalt aus den Schatten, schimmernd wie ein Pfau, aufrecht wie ein Mensch. Mit einem Schwert fuhr er unter die Angreifer, schlug nieder, wer immer sich ihm in den Weg stellte. Ein Umhang bauschte sich um seine Gestalt, blaue Seide und Pfauenfedern. Dann war der letzte Feind geschlagen. Blut floss über die feinen Flure des Schlosses, netzte die Erde in den Gärten. Unter den Geschlagenen erkannte der Prinz den Halbbruder und Vettern und Verwandte, die den Thron für sich selbst hatten erringen wollen. Die sich vereint hatten im Kampf gegen den rechtmäßigen Erben und die sich wohl auch gegenseitig bekämpft hätten, wenn nur erst sein Blut vergossen war. Grausamer Machtkampf um das Erbe eines grausamen Königs.
      Der Prinz rang nach Atem. Dann besann er sich auf den schattenhaften Helfer. Der hockte da auf sein Schwert gestützt, den blauschillernden Mantel aus Pfauenfedern um sich geschlungen. Die Hand, die das Schwert umfasste, war menschlich, alles andere war verborgen unter Seide und Federn. Und das Gesicht, das war verdeckt durch eine goldene Scheibe, eine Maske mit schmalen Schlitzen für die Augen. Wesenlos und fremd.
      Die Maske wandte sich zu dem Prinzen, als der näherkam. Eine seltsame Scheu ließ ihn innehalten. „Ich danke dir“, sagte der Prinz. „Du hast mein Leben gerettet und das von denen, die hier mit mir sind.“
      Der Fremde neigte das Haupt, ehrerbietig, aber nicht demütig. „Dazu bin ich hier“, gab er mit klingender Stimme zurück.
      „Wer bist du?“ fragte der Prinz.
      „Ich bin ein Wächter und ein Bote. Ich habe dich beschützt vor Menschen, die dir Böses wollten. Nun zeige dich als König dessen wert.“ Der Fremde stand auf, geschmeidig wie ein Schatten. Die Federn, der Umhang schwangen um ihn ohne ein einziges Geräusch. Er neigte noch einmal vor dem Prinzen das Haupt. „Zeige dich dessen wert“, wiederholte er, „damit ich nicht eines Tages zurückkehren muss, um die Menschen vor dir zu beschützen.“ Damit verschwand er nach draußen, verschmolz mit der Nacht in den Gärten. Der Prinz, der jetzt König war, blickte ihm noch lange nach. Und er wurde ein guter König. Es kamen gute Zeiten für sein Reich und Glück und Frieden für sein Volk. Den Fremden aber, den Pfau mit der goldenen Maske, den hat er niemals wieder gesehen.


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      Das siebte Türchen besteht aus Metall und führt in einen engen niedrigen Raum, an dessen Wänden sich Schalttafeln befinden. Das Fenster gegenüber zeigt weißgesprenkelte Schwärze, und am Fenster steht nachdenklich eine Frau.



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      Nebelpfeil

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      Andell stand am Fenster und starrte hinaus ins Nichts. Es war schwierig geworden, die Energie reichte nicht mehr weit und mehr als die nötigsten Systeme war nicht aktiv. Und dennoch stand Andell am Fenster, sie stand. Der Schiffsarzt hatte darauf gepocht, dass die Gravitation zu den nötigsten Systemen zählte, zumindest in der Hauptsektion.
      Also stand Andell am Fenster und starrte hinaus ins Nichts. Sterne waren natürlich zu sehen, aber sie waren alle so weit weg, winzige weiße Punkte. Irgendwo da war ein Planet, ein Sandkorn im Universum, blau und grün und weiß, aber er war gar nicht zu sehen, er war viel zu klein. Die Heimat, so weit weg.
      Es klingelte an der Tür, Andell wandte sich um und tippte auf eine Taste an der Wand. Der Schiffstechniker trat ein. „Was gibt es, Lano?“, fragte sie ihn.
      „Trieb vier läuft“, sagte er, „spuckt nicht viel aus, bringt uns aber näher an die Sonne.“
      „Nichts zu merken.“ Sie wies auf das Fenster.
      „Nein, viel zu langsam. Ich hoffe, es läuft diesmal ein paar Tage durch. Die Solarpanels reichen noch nicht für die Lebenserhaltung und wenn wir nicht bald näher dran sind, sind die Batterien leer.“
      „Gravitation?“
      „Ausschalten, meine ich. Marl kann von Muskelschwund und sonstwas reden, tot ist schlimmer.“
      Andell runzelte die Stirn. „Dann Grav aus. An nur in der Sportstunde - wie sieht es mit den Dynamos aus?“
      Lano nickte. „Speisen die Batterie.“
      „Gut. Vorräte?“
      „Du weißt so gut wie ich, dass die Ernährung auf Jahre hinweg kein Problem sein wird ...“ Er sah zu Boden, die Finger seiner rechten Hand strichen über die Ehetätowierung auf dem linken Handrücken. „Du lässt dich selten blicken“, sagte er dann, „das ist nicht gut für die Moral.“
      Andell wandte sich um und starrte ins Nichts. „Wollen sie mich sehen? Ich bin an all dem schließlich Schuld.“
      „Quatsch, das war ein Unfall.“
      Ein Unfall. Ja, die Explosion war ein Unfall gewesen, aber der Flug selbst nicht. „Ich habe sie angeheuert, ich habe die Mittel beschafft, ich habe die Hoheiten beschwatzt, ich habe den Start befohlen.“ Und das war nicht leicht gewesen, die Hoheiten gaben das Geld sonst lieber dem Militär, man wusste ja nie, was die anderen Staaten vorhatten. Andell hatte mit neuen Erkenntnissen auf dem Nachbarplaneten argumentiert, die bestimmt auch militärisch genutzt werden könnten.
      Von Lano erklang ein leises Lachen. „Und du meinst, die Leute nehmen dir übel, dass sie ins All fliegen konnten? Wer kann das schon? Milliarden bleiben unten, und wir sind hier.“
      „Wir sterben hier.“
      „Und wenn schon, das ist auch was Besonderes.“
      Andell starrte ins Nichts und seufzte. Natürlich war es etwas Besonderes, hier zu sterben, fern von zuhause, fern vom Clan, fern von den Ahnen. Sie mochte sich nicht vorstellen, wie lange die Seele nach dem Tod suchen würde, bis sie die Ahnen fände. „Kümmere dich darum, dass die Gravitation abgedreht wird.“
      „Mache ich, Andell.“ Lano salutierte angedeutet und verließ den Raum.
      Andell starrte ins Nichts. Ein großes Metallteil schwebte nun links nahe dem Fenster außerhalb des Schiffes, es war ein Teil der zweiten Kabinensektion. Der Kurs des Schiffes hatte sich gemächlich geändert, die Trümmer waren jetzt nicht mehr kursgleich zum Schiff.
      Ein Ruck ging durch das Schiff und es zog Andell den Boden unter den Füßen weg. Ihre Hand fand den Haltegriff an der Wand, während ihr Körper vor dem Fenster sachte Richtung Decke schwebte. Marl würde schimpfen, all die medizinischen Nachteile der Schwerelosigkeit ausbreiten und die Energiebilanz möglichst ignorieren.
      Und Andell starrte ins Nichts. Sie hatte Angst und fühlte sich nutzlos. Warum nur hatte sie es jemals für eine gute Idee gehalten, sich selbst diesen Posten zu verschaffen? Wozu brauchte ein Raumschiff jemanden, der nur Geld beschaffen und Hoheiten beschwatzen kann? Andell hatte einfach ins All gewollt - und jetzt schwebte sie vor dem Fenster in einem Raumschiff und wollte einfach wieder zurück auf festen Boden.
      Vierzig Jahre war der letzte Unfall bei einem Raumflug her, so viel hatte sich verbessert. Sie hatten Gravitation, sie hatten Wiederaufbereitungsanlagen, sie hatten richtig gute Rechensysteme - alleine der Sensorclip der Bioüberwachung an Andells linkem Ohrläppchen hatte mehr Rechenleistung als die erste bemannte Rakete vor 72 Jahren.
      Vierzig Jahre seit dem letzten Unfall ... und jetzt war doch wieder einer passiert, ein Kabelbrand, und dann hatte die Isolierung der zweiten Kabinensektion gebrannt. Lano hatte das Verbindungsstück versiegeln müssen, sonst wäre das Feuer auf die Hauptsektion übergesprungen. So gab es nur elf Tote statt 32.
      Wie schwer es Lano gefallen sein musste, konnte Andell sich kaum vorstellen. Seine Frau war eine der elf.
      Andell starrte auf das Trümmerteil, das unmerkbar langsam am Fenster vorbei schwebte und sich nur wenig schneller um die eigene Achse drehte. Die Explosion hatte vieles beschädigt. Der Kontakt zur Heimat war schlecht, gut ein Drittel der verbliebenen Solarpanels lieferte keinen Strom. Ein weiteres Trümmerteil kam in Sicht - es war ein Stück eines Solarpanels. Es war unwahrscheinlich, dass sie den Nachbarplaneten jemals erreichten, und ebenso unwahrscheinlich, dass sie jemals heimkehrten.
      Ein Pling ertönte. "Kommandant benötigt!"
      Kommandant benötigt? Wozu denn?
      Andell drückte die Sprechtaste an ihrem Anzug. "Unterwegs." Dann stieß sie sich vom Fenster ab und schwebte zur Tür, die sich auf einen Tastendruck öffnete. Andell zog sich hindurch und schwebte den Korridor entlang, bis sie die Kontrollzentrale erreichte.
      Lano und Steuerfrau Töko waren an ihre Sitze geschnallt, Andell griff nach den Gurten ihres Sitzes und schnallte sich ebenfalls fest. "Was gibt es?"
      "Es ist noch weit weg, aber es kommt näher", sagte Töko, "Ich versuche, das Teleskop auszurichten, aber ich finde es noch nicht, ich habe es nur auf dem Radar." Sie wies auf einen der Bildschirme vor sich, wo tatsächlich ein Objekt angezeigt wurde.
      "Was?", fragte Andell.
      "Ich weiß es nicht, aber es ist riesig." Töko seufzte. "Es ist zu weit weg, selbst bei der Größe noch nicht zu sehen." Der Punkt auf dem Radar-Bildschirm teilte sich, einer kam recht schnell näher, der andere blieb auf dem bisherigen Kurs. "Ich versuche den, der sollte bald gehen", beschloss Töko und drehte an einigen Rädchen.
      Der mittlere Bildschirm, fast völlig schwarz, durchsetzt von winzigen weißen Punkten, zeigte kurz ein weißes, stromlinienförmiges Ding, dann war es nach links aus dem Bildbereich verschwunden.
      Töko drehte hektisch an Rädchen, tippte Tasten und sah schließlich auf.
      Da war es wieder, die Teleskopverfolgung funktionierte.
      Es war weiß, es lief vorne in eine abgerundete Spitze zu, es gab vorne ein breites Fenster, es gab definitiv auf beiden Seiten eine Art Luke und auf den angedeuteten Flügeln waren hellblaue Flächen ... Zierde? Wohl eher nicht. Wäre es Zierde, wären es mehr als nur zwei einfarbig hellblaue Flächen, sondern Muster oder Symbole.
      "Ein ... Schiff ...", sagte Andell, "Ich rufe es!" Sie drückte eine Taste. "Nebelpfeil ruft das Schiff im Anflug!"
      Töko und Lano sahen beide zur Kommandantin, alle drei warteten.
      Und dann: "Shuttle Kalea der Kindramér ruft Nebelpfeil." Glasklar, keinerlei Rauschen, aber ein merkwürdiger Akzent.
      Andell lehnte sich näher zum Mikrofon und drückte wieder die Taste. "Ich höre euch, Kalea. Wer seid ihr?"
      "Wir haben euren Notruf gehört. Wie können wir helfen?"
      Die Frage war nicht beantwortet worden. "Die Lebenserhaltung läuft auf Batterie, wir sind zu weit von der Sonne weg, um sie von den Solarpanels zu betreiben", sagte Andell, "Wer seid ihr? Welchen Staat repräsentiert ihr?" Welcher Staat konnte so schnell und unbemerkt ein Schiff starten?
      Keine Antwort vom Shuttle Kalea.
      Andell sah zu Lano und atmete tief durch, dann drückte sie wieder die Taste und sagte: "Nebelpfeil ruft das Shuttle Kalea!"
      "Wir hören euch. Wir repräsentieren keinen Staat eurer Heimat. Es steht eine Energiezelle bereit, die an euer Versorgungsnetz angeschlossen werden kann. Wir beginnen das Dockmanöver an der Schleuse nahe dem zerstörten Bereich."
      Sie begannen das Dockmanöver? Andell schielte zum Radar-Bildschirm, das Schiff war tatsächlich schon fast da. Sie tippte auf eine andere Taste, ein Pling ertönte, dann sagte sie: "Achtung an die Mannschaft: Dockmanöver ohne Gravitation!"
      Die Teleskopverfolgung stoppte, als das Shuttle dem Schiff noch näher kam, so weit konnte die Teleskopaufhängung nicht drehen. Ruck war wider Erwarten keiner zu spüren.
      "Lano, Gravitation bitte", sagte Andell nach einigen Momenten. Lano nickte und legte einen Schalter um. Gemächlich nahm Andells Gewicht zu, sie löste die Gurte, sprang auf und eilte aus der Kontrollzentrale, Lano knapp hinter ihr.
      Schleuse zwei meldete blau blinkend Atmosphäre auf der anderen Seite. Lano zog am Öffnungshebel, worauf die schwere Stahlkonstruktion federleicht zur Seite glitt.
      Andell wich zurück. Da war das kleine Schiff, das Shuttle Kalea, es wies der Schleuse den Boden zu und in jenem war eine offene Luke - aber da war auch ... das Nichts! Am Shuttle Kalea vorbei, oben, unten, links und rechts, überall sah Andell das Schwarz und die winzigen weißen Punkte.
      Aus der Bodenluke kletterte ein Mann. Andell wich noch einen Schritt zurück, als er sich ins Nichts fallen ließ ... nein, da war eine Art schimmernde Barriere, auf der er stehen konnte.
      Andell straffte sich und trat die beiden Schritte wieder näher, sie betrachtete den Mann und seine merkwürdige Uniform. Fast ganz schwarz war sie, nur eine rote Raute mitten auf der Brust und kleine metallene Knöpfchen am Kragen - Rangabzeichen möglicherweise.
      Der Mann legte die Handflächen aneinander und verneigte sich knapp. "Natim Galpinna", stellte er sich vor, "Übersetzer."
      Was für ein merkwürdiger Name.
      Andell legte die Handflächen aneinander und neigte kurz den Kopf. "Andell Kiu Karaikö Naivara, Kommandant." Sie wies auf Lano. "Lano Kiu Paima, Techniker."
      Natim griff in die Luke des Shuttles, eine weitere Person gab ihm einen kleinen Kasten in die Hände, den er dann Lano überreichte. "Eine Energiezelle. Bitte ändere nichts an den Einstellungen, sie ist bereits an euer Versorgungsnetz angepasst." Er wies auf zwei dicke Kabel, dann auf eine große blaue Taste. "Damit schaltest du es ein."
      Lano verneigte sich tief und hastete dann davon.
      Andell sah den fremden Mann, Natim, an. "Zu welcher Organisation gehört ihr?", fragte sie.
      "Die Organisation heißt Freie Flieger", sagte er, "und wir stammen nicht von eurer Heimat. Auch andere Sterne haben Planeten."
      Andell runzelte die Stirn. Er sah aus wie sie, er hatte nicht drei Augen, blaue Haut oder Flügel. An ihm war nur die Uniform merkwürdig - und vielleicht etwas der Haarschnitt, die glatten Haare waren so lang, sie fielen ihm fast über die Augen.
      Stimmte es etwa? Waren die Ahnen wirklich von fern durch die Leere gekommen? War Natim von dort?
      "Seid ihr aus der Welt der Ahnen?"
      Er schüttelte den Kopf. "Auch unsere Vorfahren wurden umgesiedelt - aber wir kennen die Welt der Ahnen."
      Ein Pling erklang. "Achtung an die Mannschaft: Wir haben volle Energie."
      Dankbarkeit nistete sich in Andell ein, aber der Zweifel nistete daneben. War die Explosion wirklich ein Unfall gewesen?
      Natim lächelte. "Wir schleppen euch zurück zu eurer Heimat, wenn ihr möchtet."
      Andell nickte. "Wir möchten - und ich danke euch."
      "Gestatte mir, über diese Zeit auf deinem Schiff zu bleiben", sagte er, "Ich habe einiges zu erklären." Sie nickte perplex. "Danke." Er trat ganz durch die Schleuse und beiseite. "Wir sollten die Schleuse schließen, damit das Shuttle zur Kindramér zurückkehren und das Schleppen vorbereiten kann."
      Andell wich einen Schritt zurück und zog den Öffnungshebel in die andere Richtung, worauf die schwere Schleusentür sich von der Seite über die Öffnung schob. Kaum später blinkte es nicht mehr blau, sondern rot, auf der anderen Seite war keine Atmosphäre mehr.
      Andell sah zu Natim. Er war nicht von der Heimat, er stammte von einer anderen Heimat, so weit weg. Wie war er hergekommen? Wie lange war er unterwegs gewesen? War sein Schiff, das große Schiff, die Kindramér, ein Generationenschiff? Warum war er hier?
      Woher konnte er ihre Sprache? Woher wussten seine Kameraden, wie die Energiezelle eingestellt werden musste? Das Wissen war einseitig.
      Andell wies den Korridor entlang. "Komm", sagte sie, "Ich muss dich vieles fragen."
      Natim nickte. "Darum bin ich hier."


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      In dichtem Wald ist das achte Türchen, ein Bogen aus aus verwachsenen Ästen. Hindurch hört man Flötenklang und Gänseschnattern gleichermaßen, und es führt aus dem Wald auf lichte Wiese.



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      Der Lohn der Fleißigen (Teil 1)

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      Ada war ein junges Mädchen, das mit seinen Eltern in einer Hütte am Dorfrand lebte. Sie hatten kein eigenes Land, nur ein paar Beete hinter dem Haus, in denen die Mutter Gemüse zog. Der Vater verdingte sich als Holzfäller und Tagelöhner, Ada aber hütete die Gänse der Nachbarn und machte sich nützlich, wo sie konnte. Sie mussten nicht hungern, hatten aber oft nur das Nötigste zum Leben. Und sie hatten einander und stets frohen Mut.
      Eines Tages im Herbst war Ada mit den Gänsen am Waldrand unterwegs. Während die Schnattertiere das Gras abweideten, war das Mädchen unterwegs, um ihren Tragekorb mit allerlei Nützlichem zu füllen. Sie sammelte Zapfen für den Kamin, Pilze für das Abendessen, Kräuter zum Trocknen für den Winter. Nie ließ sie die ihr anvertrauten Tiere aus den Augen, und nie ruhten ihre fleißigen Hände. So war der Korb am Nachmittag wohl gefüllt und die Gänslein satt. Ada nahm ihre Gerte, doch bevor sie die Gänse zusammentreiben konnten, reckten diese die Hälse. Flötenklang wehte mit dem Wind herüber, eine lustige Melodie, die bald näher kam. Auch Ada hatte sich umgewandt. Sie sah einen Burschen über die Wiesen kommen. Er war jung und hübsch, mit bloßen Füßen und abgerissener Kleidung. Aber er war sauber und an seinem Hut flatterten lustig bunte Bänder. Als er herankam, schnatterten die Gänse leise, die sonst jeden Fremden anfauchten.
      „Sei gegrüßt, Fremder“, sagte Ada freundlich. „Deine Flöte hat einen schönen Klang. Mir wird ganz leicht ums Herz, wenn ich sie höre.“
      Der Fremde lächelte. „Sei auch du gegrüßt, fleißiges Mädchen. Es freut mich, wenn dir meine Musik gefällt. Willst du dich nicht setzen? Wir rasten gemeinsam und ich spiel dir noch etwas vor?“
      Ada dankte für die freundliche Einladung. „Aber ich muss heim zu den Eltern“, erklärte sie dann. „Sie werden sich ängstigen, wenn ich länger ausbleibe und ich will mit der Mutter noch die Wäsche besorgen. Sie soll sich nicht alleine mühen, wenn ich hier die Hände in den Schoß lege. – Aber willst du nicht mitkommen ins Dorf? Du kannst rasten für die Nacht bei uns, wenn dir unsere Hütte genügt. Wir würden uns freuen, wenn du am Abend noch deine Lieder spielst.“
      „Hab Dank“, antwortete der Flötenspieler. „Doch mein Weg führt durch den Wald.“ Er wies in die andere Richtung. „Ist dort ein Dorf, wo ich rasten kann? Vielleicht auch ein Schneider, der flicken kann, was ein Dornbusch zerrissen hat?“ Er hob den Arm, und Ada sah, dass im Stoff des Ärmels ein weiter Riss klaffte.
      Sie lachte. „Da brauchst du keinen Schneider. Ich habe Nähzeug dabei und kann den Schaden schnell beheben.“ Ohne erst den schweren Tragkorb vom Rücken zu nehmen, machte sie sich ans Werk. Nadel und Faden trug sie im Gürtel, flink fädelte sie den Faden ein und hurtig fuhr die Nadel durch den Stoff. Bald war der Riss geflickt, ohne dass die schönen glatten Stiche auffielen.
      „Hab Dank“ sagte der Fremde wieder. „Du bist hilfsbereit und fleißig. Dafür will ich dich belohnen.“
      Ada lachte. „Doch nicht für die kurze Naht. Das war keine Mühe und bedarf keines Lohnes. Spiel noch ein Liedchen, wenn du willst. Dann hab ich das im Ohr für meinen Heimweg.“
      Der Fremde hob bereitwillig die Flöte, doch statt sie an die Lippen zu setzen, schob er sie in die Tasche seiner Weste. Er spitze die Lippen als sei ihm ein lustiger Gedanke gekommen. „Ein Liedchen spiel ich gleich – doch will ich dir noch etwas anderes mitgeben als Erinnerung.“ Er hieß Ada die Schürze heben und füllte Händevoll buntes Laub hinein. „Nimm das mit nach Hause, es soll dein Schade nicht sein.“
      Ada wusste nicht, was sie mit dem Laub sollte – aber sie wollte den Fremden nicht mit einer unhöflichen Abwehr verletzen. Also bedankte sie sich artig und verabschiedete sich. Sie rief die Gänse zusammen und machte sich auf den Weg zurück, sorgsam die Schürze mit dem bunten Laub haltend. Der Fremde setzte nun wieder die Flöte an die Lippen und sandte ihr eine lustige Melodie hinterher, die sie noch lange begleitete. Doch der Weg war weit. Der Tragkorb war schwer. Und auch die Schürze mit dem Laub wurde schwer. Adas Hände verkrampften sich bei der ungewohnten Haltung und schließlich blieb sie seufzend stehen. „Es war gut gemeint“, sagte sie sich, „aber es ist mühsam und hält mich auf. Und Laub gibt es auch genug im Dorf.“ So schüttelte sie ihre Schürze aus und eilte nun leichteren Schrittes nach Hause. Und doch tat es ihr Leid um den Fremden und seine gute Absicht.
      Die Eltern machten sich Sorgen, weil Ada so spät erst heimkam. Sie nahmen ihr den schweren Korb ab, warteten mit all ihren Fragen aber doch, bis das Mädchen die Gänse in ihre Ställe gebracht hatten. Erst danach erzählte Ada von der Begegnung. Und erst am Abend, als sie die Schürze ablegte, bemerkte sie, dass sich drei Blätter des Laubes im Schürzenband verfangen hatten. Drei Blätter, die sich in pures Gold verwandelt hatten! Da staunte das Mädchen. Und da staunten ihre Eltern! Und sie tanzten im Zimmer umher voller Freude über den unerwarteten Schatz. Das Gold mochte reichen, ein Stückchen Land zu kaufen und ein bisschen Vieh, den Rest würde fleißige Arbeit dazu tun. Sie trauerten nicht um das verlorene Laub, das als Gold ein wahrer Schatz gewesen wäre.
      „Wer weiß, wozu es gut war“, sagte der Vater milde, „wir wüssten doch auch gar nicht, was wir mit Bergen von Gold anfangen sollten. Im Reichtum zu leben und tagein tagaus nur Müßiggang zu treiben, das liegt uns nicht.“ So dachte auch Ada. Sie freute sich über die drei goldenen Blätter und manchmal im Traum hörte sie noch die lustigen Klänge der Flöte.


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      Das neunte Türchen sieht dem achten ziemlich ähnlich. Ebenfalls ist es aus verwachsenen Ästen gebildet, ebenfalls hört man die Musik einer Flöte und das Schnattern von Gänsen. Doch neben diesem Türchen lehnt ein Mädchen an einem Baum, dösend, doch nun ist es plötzlich aufgeregt.



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      Der Lohn der Fleißigen (Teil 2)

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      Im Dorf lebte nun auch noch ein anderes Mädchen, Randi war ihr Name. Sie war hübsch – aber faul – und die Großeltern, bei denen sie lebte, hatten ihre liebe Not mit ihr. Randi tat keinen Handschlag, ohne dass man sie dazu auffordern musste. Sie half nicht im Garten, nicht im Haus. Sie hatte nur ihre Schönheit im Kopf und trachtete danach, reich zu heiraten, um aus dem Dorf herauszukommen. Sie dachte an Geld und Palästen und nicht an Gemüse und Vieh.
      Es hatte sich nun herumgesprochen, was Ada widerfahren war. Die Dorfleute begafften ungläubig das Gold, das das Mädchen erhalten hatte. Sie staunten über die vielen Münzen, die das Gold wert war und neideten der Familie insgeheim das unerhörte Glück. Und manch einer suchte am Wegrain, am Feld, am Wald nach dem Laub das Ada aus ihrer Schürze geschüttelt hatte. Aber alle gingen leer aus.
      Auch Randi neidete Ada den Schatz. Ach, wie gern wäre sie an deren Stelle gewesen! Wie viel schlauer hätte sie sich angestellt und wie groß wäre der Schatz, den sie nach Hause bringen würde! Und so erbot sie sich, die Gänse auf die Weide zu führen, in der Hoffnung, ihrerseits dem Flötenspieler zu begegnen. Ada überließ ihr gutmütig die Aufgabe für ein paar Tage, sie war mit dem Garten beschäftigt und mit dem Feld, das sie nun mit den Eltern bestellte.
      Randi machte sich also auf den Weg, einen Tag, einen zweiten. Bereits am dritten Tag verwünschte sie die schnatternde Gänseschar und die Mühen des Weges. Dabei ließ sie die Gänse auf der Wiese laufen, um selber zu ruhen. Sie rührte keine Hand, um Nützliches im Wald zu sammeln oder gar Lasten nach Hause zu tragen. Sie hoffte auf Reichtum, der ihr in den Schoß fiel. Immer hielt sie Ausschau nach dem Fremden, immer lauschte sie auf ferne Musik. Und am Nachmittag des dritten Tages dann, da wehten tatsächlich Flötenklänge mit dem Wind herüber. Randi sprang auf die Füße, rief ihre Gänse zusammen und wartete ungeduldig, was passieren würde. Und dann kam er, ein abgerissener junger Bursche, ein barfüßiger Bettelmann mit Flöte und bunten Bändern am Hut.
      „Sei gegrüßt, Fremder“, sagte Randi, so wie sie es von Ada gehört hatte. Sie lächelte süß und hoffte, ihn mit ihrem hübschen Gesicht zu bezaubern. „Welch wunderbare Klänge deine Flöte spielt. Du bist ein Musikant, der des Königshofs würdig wäre.“
      Der Fremde lachte. „Sei auch du gegrüßt, schönes Mädchen. Willst du dich nicht mit mir setzen, dann spiele ich noch etwas vor, solange wir rasten?“
      Lieber hätte Randi im Gras gesessen und gerastet, als die störrischen Gänse nach Hause zu treiben. Doch noch lieber wollte sie Gold und Schätze erringen und jede Rast mochte das verzögern. Und so sagte sie süß und bescheiden: „Hab Dank für das Angebot, Fremder, doch die Großeltern warten. Ich muss noch helfen im Haus und im Garten und will sie nicht warten lassen. – Willst du nicht Gast sein in unserem bescheidenen Heim und uns dort mit deiner wunderbaren Musik erfreuen?“
      Es zuckte wie Lachen um den Mund des Fremden. „Hab Dank“, erwiderte er freundlich. „Fleiß ziert die Menschen und Helfen macht Freude. Es ist schön, wenn ein so hübsches junges Mädchen daran denkt, den alten Großeltern die Arbeit abzunehmen.“
      Randi spürte ihre Wangen heiß werden, wie bei einer Lüge ertappt. Doch sie beeilte sich, weiterzusprechen. „Kann ich dir nicht helfen? Ich sehe, deine Weste ist zerrissen, ich kann sie schnell nähen, wenn du willst.“
      „Das ist sehr hilfsbereit, das will ich dir lohnen.“
      „Ach Lohn“, wehrte Randi bescheiden ab, auch wenn ihr die Worte goldene Funken vor den Augen tanzen ließen. Er würde sie belohnen, und sie würde den Schatz nicht auf der Hälfte des Weges wegwerfen. Sie holte ihr Nähzeug und versuchte mit zitternden Händen den Faden ins Öhr zu fädeln. Es dauerte und auch das Nähen dauerte seine Zeit. Randi war nicht geübt mit Nadel und Faden und so wurde ihre Naht auch schief, mit großen Stichen wie von einem Grashüpfer gezogen. Der Fremde aber nickte und bedankte sich.
      „Vielleicht hast du eine Erinnerung für mich?“ fragte Randi in banger Hoffnung. „Zu den Flötentönen natürlich, an die ich mich immer erinnern werde.“
      Der Fremde nickte wieder mit lustig blitzenden Augen. „Ich will dir etwas mitgeben, damit du mich nicht vergisst.“ Er hieß sie, die Schürze zu hebe und füllte auch hier Hände voll Laub hinein. Randi hätte gern um mehr gebeten, doch sagte sie sich, dass auch das schon ein Schatz sei, der alles andere übertraf. Sie bedankte sich hastig und rannte nach Haus. Der Fremde aber sah ihr lachend nach. Er klatschte in die Hände, dass die Gänse aufsprangen und laut schnatternd hinter Randi herrannten. Und er selbst setzte die Flöte an die Lippen und wanderte davon.
      Randi hörte nichts von alledem. Sie wusste nur, dass sie einen Schatz in der Schürze hielt, den sie so schnell als möglich nach Hause bringen musste. Sie fürchtete, der Fremde würde sie aufhalten oder sie würde stürzen oder von Räubern überfallen. Tausend schreckliche Dinge malte sie sich aus, die ihren Schatz bedrohten. Doch nichts davon geschah. Sie erreichte das Haus, stürzte hinein und rief lauthals nach ihren Großeltern. „Ich habe es geschafft!“ jubilierte sie. „Ich habe ihn getroffen und ich habe alles heimgebracht!“
      Die Großeltern staunten sie an. Randi öffnete die zusammengeraffte Schürze, um das Gold zu präsentieren. Aber da war kein Gold. Da war auch kein Laub. In der Schürze fand sich unzähliges Krabbelgetier. Käfer, Spinnen, Hundertfüßler.
      Randi schrie auf und ließ die Schürze fahren. Ein Strom von Krabbelgetier ergoss sich in die Stube. Summend, brummend, kribbelnd und krabbelnd suchte das Ungeziefer das Weite, verschwand in Ritzen und unter Schränken und entfloh nach draußen in den Garten. Randi raufte sich das Haar. Er hatte Spott mit ihr getrieben! Er hatte sie betrogen!
      Bald lachte das ganze Dorf über Randis Goldsuche. Die aber suchte verbissen all die Krabbeltiere. Vielleicht, so sagte sie sich, wurden auch die noch Gold, wenn noch ein wenig Zeit verging. Sie suchte in der Stube, kehrte, schrubbte, säuberte jede Ritze jeden Spalt, jeden Schrank. Sie suchte draußen, grub den Garten um, zerrte Unkraut aus der Erde, wühlte gar den steinigen Boden des kleinen Feldes um und um. Tagelang mühte sich das Mädchen, doch das Krabbelzeug blieb verschwunden. Tage- und wochenlang arbeitete sie ohne Rast. Als der Herbst zu Ende ging, sank sie eines Abends mutlos auf einen Stuhl.
      „Verflucht sei der Flötenspieler“, klagte sie.
      Ihre Großeltern hielten sich an den Händen. „Gesegnet sei der Flötenspieler“, sagten sie gerührt. „Denn er hat aus einem faulen Mädchen ein fleißiges gemacht. Siehst du nicht, Kind, wie alles im Garten wächst. Wie reich die Ernte ist, dank deines Fleißes? Wie schön und sauber unser Heim ist?“
      Da sah sich Randi um und erkannte, dass es wahr war. Sie erinnerte sich an die Worte des Flötenspielers und verstand plötzlich sein Geschenk. Nicht das Gold war ein Schatz, sondern der Fleiß tatkräftiger Hände und der Wille zur Hilfsbereitschaft. Und da schämte sie sich ihrer Faulheit und ihres Stolzes. Sie bat ihre Großeltern um Verzeihung und versprach, sich zu ändern. Und so geschah es auch. Randi wurde ein fleißiges Mädchen, das frohgemut an jede Arbeit ging. Garten und Feld trugen im nächsten Jahr reiche Ernte und auch in den Jahren darauf, so dass sie ein gutes Auskommen hatten. Und als dann ein hübscher wohlhabender Mann um ihre Hand anhielt, verließ sie das Dorf, um den eigenen Hof zu bewirtschaften. Sie lebte in Wohlstand, wollte auf ihren Teil der Arbeit aber nicht verzichten. Und manchmal im Traum hörte sie noch das fröhliche Lachen des Flötenspielers.


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      Das zehnte Türchen schwebt hoch in der Luft und ist ... himmelblau.



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      Blau

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      Am Himmel über den Bergen bewegte sich ein winziger Punkt langsam in der Höhe. Einsam und verloren, allein in der unendlichen Weite. Einsam. Verloren. Verirrt. Yölkruhz hatte keine Ahnung mehr, wo er sich befand. Meister Khiauzö hatte gesagt, diese Übung gehöre zur Ausbildung. Sich von der Welt lösen, eins werden mit der Leere und dabei in sich hineinhören, sein Inneres Selbst kennenlernen. Oder so. Im Moment hatte sein Inneres Selbst jedenfalls panische Angst.
      Zu Beginn seines Fluges war er über den Berggipfeln geschwebt und hatte die Strukturen des Geländes, das seine Ortungsrufe zurückwarf, genau erfassen können – wie der Wind über die Grate und Zacken strich und dabei pfiff und wie das Echo des pfeifenden Windes sich an den Schluchten und Kanten brach und wieder brach und so ein genaues Bild in Yölkhruz' Wahrnehmung schuf. Und der Meister war hinter ihm geflogen und hatte ihm befohlen, höher zu steigen. Da war er in einen Aufwind geflogen und hatte sich kreiselnd emportragen lassen, und allmählich wurde das Bild der Landschaft unter ihm schwächer, es drangen keine Echos von Steinwänden und Schneefeldern mehr zu ihm, die Welt war verschwunden, er befand sich mitten im Nichts. Er war das einzige Lebewesen, das in dieser leeren Welt noch existierte. Verzweifelt stieß er schrille Ortungsrufe in alle erdenklichen Richtungen aus. Nichts. Yölkruhz kam noch nicht einmal auf die Idee, sich mit seinem Inneren Selbst näher zu befassen. Wie soll man auf sein Inneres hören, wenn man nur das Pochen des eigenen panisch schlagenden Herzen und das Rauschen des Windes in den Flügeln hören konnte? Wohin war die Welt verschwunden? Sie war immer da gewesen, hatte Abbilder als Antwort auf seine Rufe geschickt und ein beständiges Rauschen von Hall und Widerhall hatte ihn stets umgeben und ein Bild von seiner Umgebung vermittelt. Doch nun, nichts mehr. Wie sollte er zur Welt zurückfinden? War die Welt wirklich noch da oder hatte ihn die Leere verschluckt und er wäre nun zur ewigen Suche im Nichts verdammt? Wenn er sich einfach fallen ließe, müsste doch sicherlich irgendwo wieder die Welt auftauchen, oder? Oder war er so weit hinaus ins Nichts geraten, dass unter ihm keine Welt mehr übrig war? Und wo war überhaupt „unten“? Yölkhruz war wie gelähmt, erstarrt. Er vergaß, mit den Flügeln zu schlagen, wusste nicht mehr, ob er sich überhaupt vom Fleck rührte.
      Da, über ihm, da war auf einmal etwas. Ein ängstlicher Ortungsschrei wurde als Ahnung einer weitläufigen Struktur dort oben zu ihm zurückgeworfen. Hatte er etwa das sagenhafte Dach der Welt erreicht, die Decke der Großen Höhle? Aufgeregt begann er mit den Flügeln zu schlagen, streckte sich dieser außerordentlichen Entdeckung entgegen, seine Ortungsschreie wurden fordernder und gründlicher, so dass er schon mehr Details erkennen konnte. Gestein, Felsgrate, Zinnen und Klüfte, wie von selbst kam die Decke der Höhle näher.
      Da plötzlich packte ihn etwas am Schopf und riss ihn brutal herum, dass ihm die Ohren klingelten und der Kopf schwamm und nichts als dumpfes Rauschen in seinen Ortern klang. Etwas umklammerte ihm Brust und Beine, klemmte ihn fest und trug ihn davon. Wohin bekam Yölkruhz nicht mehr mit, denn in seinem Kopf war nur noch Watte und Nebel und traumlose Ohnmacht.

      Yölkruhz fand sich in eine warme Decke gehüllt, als er erwachte. Ein Haufen Holz war in Hitze versetzt und Knistern und Prasseln erfüllten die Höhle mit Konturen. Yölkruhz gegenüber auf der anderen Seite des Heißen saß Meister Khiauzö, still und bewegungslos meditierend, in seine Flügel gewickelt, ihm den Rücken zuwendend. Obwohl Yölkruhz keinen Mucks von sich gegeben hatte, hatte der Meister sein Aufwachen bemerkt.
      „Der Meisterflieger ist auch schon aufgewacht“, kommentierte er dieses Ereignis.
      „Wie... was ist passiert?“ fragte Yölkruhz verwirrt. Er wusste nicht, wo er war und wie er hier her gekommen war.
      „Was glaubst du denn, was passiert ist?“ fragte der Meister schmunzelnd.
      Yölkruhz versuchte, sich zu erinnern. „Ich weiß nicht... Ich war am Dach über der Welt. Die Höhlendecke, sie war genau über mir. Nur noch ein paar Flügelschläge und ich hätte sie berühren können...“
      „Du Narr“, unterbrach ihn der Meister. „Du warst angsterfüllt und hast in deiner Panik oben und unten verwechselt. Beinahe wärest du in einen Berghang gestürzt. Du hast ja sogar noch extra beschleunigt, um schneller da zu sein. Ich hätte dich fast nicht mehr zu fassen bekommen.“
      Yölkruhz war verwirrt. „Aber wie kommt es, Meister, dass Ihr auf einmal hinter mir wart? Ich war doch ganz allein dort in der Leere. Niemand sonst war dort!“
      „Du musst lernen, deine Orter besser zu benutzen, mein Junge. Du hast immer nur in eine Richtung geschrien. Ich war hinter dir, im Schatten deiner Rufe. Da es dort oben keine Wände gibt, die dir die Geräusche der Umgebung zurückwerfen, kannst du dort kein umfassendes Bild deiner Umgebung empfangen, wie du es von hier unten gewohnt bist. Hättest du nur mal deinen Kopf gedreht, dann hättest du mich geortet. Auch musst du auf den Wind achten. Rufst du in den Wind hinein, so trägt er deine Schreie mit sich und wirft kaum etwas zu dir zurück. So habe ich mich richtiggehend im Wind vor dir versteckt.“
      Yölkruhz war sprachlos. Das konnte doch nicht sein. Der Meister musste ihn anlügen. Er hatte doch in alle Richtungen seine Ortungsrufe ausgestoßen. Er hatte doch solche Angst gehabt und hatte sich hin und her gedreht, hatte in die Leere gekreischt und gerufen. Doch da war nichts gewesen. Nichts hinter ihm, nicht über ihm, nichts neben ihm und vor ihm erst recht nicht. Aber seine Angst hätte er um nichts in der Welt vor dem Meister zugegeben.
      „Aber das Dach... die Höhle...“
      „Du warst nicht am Dach der Welt, das habe ich dir doch gerade gesagt. Es gibt kein Dach! Die Welt ist keine Höhle!“
      Empört sprang Yölkruhz auf. Das war zu viel. Natürlich war die Welt eine Höhle! Jeder wusste das. Das stolze Volk der Rükier kam aus den Höhlen im Inneren der Felsen. Die Ahnen waren einst neugierig in diese große Höhle hier geflogen, mit all ihren Stürmen und diesem unberechenbaren Wetter – dem Wasser, das manchmal von der Höhlendecke fiel, dem Eis und Schnee und den Perioden von Hitze und Kälte. Doch den Weg zurück in die behaglichen Höhlen im Gestein, den fanden die Ahnen nicht wieder. Und so waren die Rükier dazu verdammt, hier in dieser großen Höhle zu wohnen. Die Kaste der Rghtruiz, die sich die Flügel stutzen, versuchten seither, sich in die Felsen hinein zu graben, immer auf der Suche nach den verlorenen Heimathöhlen. Und die Felsmassive, auf denen die Rükier wohnten, das waren die Säulen, auf denen das Höhlendach ruhte. Das war die Welt und jeder wusste, dass es so war. Wie hätte es denn auch sonst sein sollen?
      „Warum so aufgebracht, Junge?“ fragte Meister Khiauzö. „Glaubst du wirklich die Märchen dieser Rghtruiz-Feiglinge? Ja, ganz recht, Feiglinge sind sie. Sie wollen zurück in mystisch verklärte Höhlen, weil ihnen die Welt, in der sie leben, zu unbehaglich ist. Sie stutzen sich die Flügel, weil sie das Fliegen für frevelhaft halten und uns, den Geflügelten, die Schuld daran geben, nicht mehr in den behaglichen kleinen und warmen Höhlen im Fels leben zu dürfen. Sie sehnen sich nach der Vergangenheit, hassen die Gegenwart und haben Angst vor der Zukunft. Die Welt, in der sie leben, wollen sie nicht einmal kennen lernen, fliehen vor der Realität in einen Wunschtraum. Dabei ist die Welt, das Leben, doch da draußen! Die Welt ist großartig und voller Wunder! Doch sie wollen sich lieber im Fels verkriechen. So handeln nur Feiglinge.“
      „Aber Meister, da draußen ist doch nichts. Ihr habt mich doch selbst hinaus geschickt in die Leere. Und dort war nichts, ich habe es doch selbst erlebt.“
      „Junge“, der Meister schüttelte bedächtig und traurig seinen Kopf. „Du hast nicht gut genug gesucht. Du weißt doch selbst, dass draußen in der Welt noch mehr ist. Denk nur an die Wolligen.“
      Ja gut, die Wolligen... Jene Wesen die weiter unten an den Säulen der Weltenhöhle wohnten und die manchmal zu den Rükiern hinauf reisten, um Handel zu treiben. Aber was waren schon die Wolligen? Sie waren klein und gedrungen und... wollig. Sie konnten nicht richtig sprechen und hörten nur etwas, wenn man ganz langsam zu ihnen sprach. Die Laute, die sie ausstießen, waren hässlich und beschränkt, genau wie ihre primitive Sprache. Sie konnten nicht fliegen, hatten noch nicht mal Orter an ihren Köpfen und schienen die Rükier manchmal noch nicht einmal wahrzunehmen. Und wegen solchen minderen Wesen sollte man also die Welt da draußen erforschen? Wenn das die „Wunder“ waren, von denen Meister Khiauzö sprach, dann konnte Yölkruhz gut auf diese großartige Welt verzichten.
      „Dein Gesicht klingt so verächtlich, Junge.“ Der Meister konnte jede noch so kleine Gemütsregung von Yölkruhz' Gesicht ablesen. „Die Leute sind heutzutage so verstockt. Die Reden der Rghtruiz, ihre ewigen Klagen und Vorhaltungen, haben euch mürbe gemacht und ihr denkt fast schon wie sie. Die Wolligen werden verachtet, weil sie minderwertig wirken. Doch niemand macht sich mal die Mühe, sich näher mit ihnen zu befassen. So unvollkommen sie auf dich wirken mögen, so sind sie doch nur einer von vielen Beweisen dafür, dass die Welt da draußen voller Wunder ist, die wir uns nicht einmal vorstellen können. Wusstest du, dass sie ein viel größeres Bild von der Welt wahrnehmen können als wir? Gut, sie merken manchmal nicht, wenn man still in der Höhle direkt vor ihnen steht. Aber dafür wissen sie, was in großer Ferne geschieht, von wo wir keinen Laut vernehmen können. Sie erleben die Welt einfach anders als wir. Anstelle unserer Orter haben sie diese Löcher in ihren Köpfen, die sie 'Augen' nennen, und wo unsere Orter die Echos der Umgebung empfangen, nehmen diese Löcher etwas anderes auf, was die Umgebung aussendet. Einer ihrer Händler, der bei uns im Kloster zu Gast war, hat versucht, es mir zu erklären...“
      Er nahm einen Ast aus dem Heißen, das zwischen ihnen am Boden glomm. „Was nimmst du hier wahr?“
      Wollte der Meister ihn verspotten? Er erzählte ihm, dass die Welt ganz anders war, als jeder glaubte, und nun wollte er ihm wohl auch noch weismachen, das heiße sei eigentlich kalt und nass! Allmählich wurde Yölkruhz diese Angelegenheit zu dumm, doch er unterdrückte seinen Missmut fürs erste.
      „Ihr habt einen Stock aus dem Heißen genommen, und nun ist das eine Ende des Stockes ebenfalls heiß, Meister.“
      „Richtig, aber wenn du nicht mitbekommen hättest, dass ich den Stock aus dem Heißen genommen habe, woher würdest du dann wissen, dass das Ende des Stockes jetzt heiß ist?“
      „Na, zum Beispiel könnte ich meine Hand an das Ende des Stockes halten und die Hitze spüren.“
      „Gut, aber wie könntest du aus der Ferne die Hitze wahrnehmen? Ohne die Hände zu benutzen?“
      Yölkruhz überlegte. Das war schon kniffliger. „Ich höre das Knistern der Hitze, und wenn ich einen gebündelten, gezielten Ruf auf das Stockende richte, orte ich schwach, wie die Hitze das Holz verzehrt.“
      „Sehr gut! Aber nehmen wir mal an, du befindest dich nicht in dieser ruhigen Höhle, sondern in einer großen Stadt, voller Bewegung und voller Lärm. Würdest du diesen Stock mit dem Heißen am Ende dann noch wahrnehmen?“
      „Ich denke nicht. Es wäre wohl zu viel Ablenkung. Aber warum sollte ich überhaupt einen Stock mit Hitze in einer Stadt wahrnehmen wollen? Worauf wollt ihr hinaus?“
      „Darauf, dass zum Beispiel die Wolligen einen solchen Stock in einer lauten Stadt sofort und ohne Probleme mit ihren 'Augen' finden können. Denn das, was das Heiße aussendet, das nehmen sie mit ihren 'Augen' wahr.“
      Yölkruhz war nicht beeindruckt. Schön, die Wolligen konnten also angeblich das Heiße mit ihren „Augen“ orten. Na und? Wozu sollte das gut sein?
      „Es ist aber nicht die Hitze, die sie wahrnehmen, sondern das Heiße sendet noch etwas anderes aus, das wir uns noch nicht einmal vorstellen können. Sie nennen es 'Licht', und dieses 'Licht' soll überall in der Welt vorhanden sein und soll die Form aller Dinge verraten. Und sie müssen dafür noch nicht einmal Ortungsrufe ausstoßen wie wir. Ist das nicht bemerkenswert?“
      Nunja, das hörte sich zugegebenermaßen doch recht interessant an. Aber so etwas Besonderes konnte dieses „Licht“ ja wohl auch nicht sein, wenn man wie die Rükier auch hervorragend ohne es zurecht kommen konnte.
      „Und warte, es kommt noch besser!“ Erregung schwang in der Stimme des sonst immer so gefassten Meisters mit. Er ging mit dem Stock zur Wand der Höhle und strich mit einer kreisförmigen Bewegung das brennende Ende des Holzes am Fels entlang.
      „Du warst dabei, du weißt, welche Form ich an den Fels gezeichnet habe. Aber wenn nun in ein paar Tagen ein Fremder hier in die Höhle spazieren würde, wüsste er nichts davon. Käme allerdings ein Wolliger hier her, so könnte er noch nach sehr langer Zeit genau nachvollziehen, wie ich diesen Kreis an die Wand gemalt habe.“
      „Meister, jetzt reicht es mir aber langsam. Ihr wollt Euch über mich lustig machen!“ Yölkruhz war empört und nahe am Ende seiner Geduld. „Wie soll das denn bitte funktionieren? Ihr habt doch gerade gesagt, dieses ominöse 'Licht' verrät die Form der Dinge. Aber es kann ja wohl kaum eine vor langer Zeit geschehene Bewegung verraten!“
      „Die Bewegung kann es wahrlich nicht verraten, aber ihre Auswirkung. Das Heiße hat nämlich das Ende des Stockes in Ruß und Asche verwandelt, und wenn ich mit dem Stock über den Fels reibe, bleibt etwas von dem Ruß auf der Wand zurück. Und diesen Rückstand können die Wolligen mit ihren Augen wahrnehmen. Denn das 'Licht' verrät nicht nur die Form der Dinge sondern auch etwas anderes, das uns ebenso wie das 'Licht' vollkommen fremd ist. Sie nennen es 'Farbe', und jedes Ding unterscheidet sich in seiner 'Farbe' von anderen Dingen, was es diesen Wesen erleichtert, die Dinge voneinander zu unterscheiden. Der Ruß hat zum Beispiel eine andere 'Farbe' als der Fels, und deswegen können sie noch nach langer Zeit den Kreis an der Wand erkennen. 'Licht' und 'Farbe' scheinen eng miteinander verbunden zu sein. Soweit ich es verstanden habe, hängt die 'Farbe' eines Dinges zu einem gewissen Teil von der Art des 'Lichtes' ab.“ Er gestikulierte in Richtung Höhlenausgang. „Da draußen, die Luft, wenn sie nach oben blicken, nennen sie es 'Himmel'. Und dieser 'Himmel' kann unterschiedliche 'Farben' haben, sagen sie. Je nachdem wie das Wetter ist. Während der warmen Tageszeit, wenn es nicht regnet oder schneit oder stürmt, soll dieser 'Himmel' den schönsten Anblick bieten. Diese 'Farbe' nennen sie dann 'blau'; und es wandert eine große Kugel über den Himmel, die dieses 'Licht' ausströmt und auch für die Wärme in der warmen Tageszeit sorgt. Wenn die Kugel hinabsinkt, verschwindet auch mehr und mehr von dem 'Licht' und die 'Farben' verändern sich. Wenn wenig 'Licht' vorhanden ist, sollen die 'Farben' kaum noch voneinander zu unterscheiden sein, und...“
      Das war jetzt zu viel für Yölkruhz. Der Meister bombardierte ihn mit fremden Begriffen, erklärte ein unvorstellbares Phänomen mit einem anderen ebensosehr unvorstellbarem Begriff und behauptete so, zu „beweisen“, dass die Welt ganz anders war, als es jeder vernünftige Rükier wusste. Der Meister benahm sich so ganz anders als sonst. Er war doch immer so besonnen und weise, und nun überschlug er sich geradezu vor Begeisterung für diese abstrusen Theorien und redete davon, wie wunderbar es doch sei, in einer Welt voller unbemerkter Wunder zu leben, wie gern er einmal durch den „blauen“ Himmel fliegen würde, und dieses „blau“ auch dabei spüren wollte. Der Meister musste den Verstand verloren haben – oder von diesen Wolligen um den Verstand gebracht worden sein. Wer wusste schon, welche merkwürdigen Substanzen und Drogen bei diesem Volk verbreitet waren...
      Oder der Meister wollte ihm durch sein Verhalten irgendeine Lektion erteilen. Auf irgendeine Erkenntnis sollte er, Yölkruhz, hier gebracht werden. Er hatte nicht die geringste Ahnung, worum es sich dabei handeln könnte...
      Yölkruhz wurde aus seiner Grübelei gerissen, als ihn der Meister auf die Schulter tippte.
      „Ich merke, das ist alles ein bisschen viel für dich. Wir fliegen besser zum Kloster zurück. Es ist spät geworden. Wir reden morgen weiter.“

      Der Meister stürzte sich die Steilwand hinab und wurde vom Aufwind emporgetragen. Yölkruhz folgte ihm mit kräftigen Flügelschlägen und überlegte kurz spöttisch, welche „Farbe“ wohl der Himmel haben könnte, durch den die beiden nun flogen.


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      Vom elften Türchen aus sieht man ... wenig. Alles liegt im Nebel.



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      Das verstummte Dorf

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      Die Kopfschmerzen brannten sich durch seinen Geist, noch bevor er richtig erwachte. Sein Atem hörte sich rasselnd an, als er die Augen aufschlug und die Decke anstarrte.
      Es war schon hell. Viel heller, als er vermutete, doch das Licht war gedämpft, so als sei es ein Zwielicht, so als sei der Tag noch nicht vollkommen bereit die Welt für die kommenden Stunden zu übernehmen.
      Belsan richtete sich langsam auf hielt sich den Kopf. Das dumpfe Pochen in seinem Kopf schien nur schlimmer zu werden und als er aus dem Fenster blickte, sah er nur Nebel.
      Es war diese Sorte von Nebel, die man nicht erleben wollte. Ein dichter Schleier, der beinahe so wirklich war wie Stoff und sich dennoch den Fingern entzog.
      Er schloss für einen Moment die Augen, als er die nackten Füße auf den Boden stellte. Was war letzte Nacht passiert? Hatte er getrunken? Hatte er sich mit jemanden geprügelt und einen Schlag auf den Kopf bekommen?
      Er konnte sich an nichts mehr erinnern. Alles schien wie weg gefegt zu sein. Er konnte sich noch an den gestrigen Tag erinnern. Wie er aufstand, wie er zur Arbeit gegangen war und sich danach mit einigen Freunden.... Nein, er war nicht sicher, ob er nach der Arbeit noch einige Freunde getroffen hatte, oder ob er allein nach Hause gegangen war. Diese Stunden fehlten ihm, waren verschwunden aus seinem Geist. Was auch immer passiert war, es war heftig gewesen.
      Nachdem der Kopfschmerz ein wenig nachgelassen hatte, stand er auf und ging ins Bad, um sich zu waschen und sich anzuziehen. Auf ein Frühstück verzichtete er, denn egal, wie spät es war, er würde auf jeden Fall großen Ärger mit Relnar bekommen, den wohl bekanntesten Mann des Dorfes. Er war der Großhändler auf dem Markt und Belsan kümmerte sich um die Bestellungen der Leute. Sorgte dafür, dass Relnar wusste, was die Menschen wollten und was sie bereit waren auszugeben.
      Doch Belsan hatte die Haustür noch nicht einmal erreicht, als er stutzig wurde.
      Er ging in die Küche und blickte sich um. Alles war genau dort, wo es sein sollte. Exakt dort, wo es immer stand. Alle Teller waren weggeräumt, kein Messer auf der Ablage der Spüle. Es war alles sauber und alles sah wie immer aus. Es sah aus, als wäre er in einem Haus, wo keiner drin wohnt.
      Du machst dich verrückt, dachte Belsan und schloss wieder einmal kurz die Augen. Alles ist in Ordnung. Es ist ja nicht so, als sei es ein Weltuntergang, wenn ausnahmsweise mal alles dort liegt, wo es hingehört, oder?
      Er schüttelte den Kopf und öffnete die Haustür. Es dauerte wieder eine ganze Weile, bis er schließlich stehen blieb und sich langsam umsah. Sein Haus lag ein wenig Abseits des Dorfkerns und der Nebel hatte immer noch große Macht. Er war so dicht, dass er kaum mehr als zehn Schritt weit sehen konnte, zumindest, wenn er aus dem Dorf hinaus blickte. Wie eine weiße Wand erhob sich der Nebel und verschluckte die Welt, die dahinter lag.
      Doch als Belsan ins Herz des Dorfes blickte, konnte er jedes Haus, jeden Pfad und jede vergessene Forke sehen, die noch an einer Hauswand stand. Seine Verwirrung nährte sein Unbehagen und er ging nur wenige Schritte, bevor ihm bewusst wurde, dass wirklich etwas nicht stimmen konnte. Das dieser Ort irgendwie anders war.
      Er lebte nun schon seit über zehn Jahren in diesem kleinen Dorf und jeden, jeden verdammten Tag, als er zu seiner Arbeit ging, waren Kinder auf den Straßen unterwegs. Kleine Kinder, die das ganze Dorf mit Geschrei und Gelächter gleichermaßen erfüllten.
      Immer waren die Kinder zu ihm gekommen, hatten gefragt, ob Relnar etwas besonderes im Angebot hatte, was man sich vielleicht mal anschauen könnte. Sprachen davon, dass Dracheneier besonders wertvoll seien und der eine oder andere Junge wollte ein solches Ei besitzen und präsentierte dann stolz die wenigen ersparten Münzen, die kaum für mehr als eine Mahlzeit zu gebrauchen waren.
      Belsan hatte an einen Tag den Jungen Tiban kennen gelernt. Ein kleiner Rotschopf mit den leuchtenden grünen Augen, die ihn sicherlich eines Tages zu einem Frauenschwarm machten. Er hatte ihm erzählt, er würde mit einem eigenen Drachen die Felder leicht in einer Stunde bestellen. Er wollte den Drachen vor den Pflug spannen und ihn wie einen Ochsen benutzen.
      Da hatte sich Belsan hingekniet und meinte, der Drache könne doch einfach in der Luft seine Krallen durch das Land ziehen. Dann würde es gewiss noch schneller sein.
      Da hatte Tiban einen Moment lang stumm nachgedacht und schließlich über beide Ohren gegrinst. „Ja, das macht Sinn“, hatte er gesagt.
      Doch nun hörte Belsan nichts von dem Jungen und auch nicht von irgendeinem anderen Kind. Er konnte nicht verstehen, was hier vor sich ging. Wo waren nur all die Menschen aus dem Dorf? Es war kein strenger Frost, für alle Mitglieder der Gemeinschaft gab es etwas zu tun. Wo waren die Männer, die Frauen, die nach ihren Kindern riefen, die ebenso fehlten?
      Belsan beschleunigte seine Schritte. Vielleicht war etwas vorgefallen und die Bewohner waren vielleicht alle in die Schenke gegangen, um dort neue Kunde zu erfahren. Dort würde Belsan Antworten finden.
      Doch als er die Schenke erreichte drangen keinen Stimmen nach außen. Alles blieb still, auch als er die Tür zum Schankraum aufstieß.
      Der leere Raum erinnerte ihn daran, dass hier etwas merkwürdiges vor sich ging. Etwas was so unerklärlich ist, dass Belsan nicht wusste, was er tun sollte. Er trat wieder hinaus auf die Straße und rief nach den Leuten.
      „Hallo?!“ Seine Stimme trug weit und er eilte weiter, während er immer wieder rief. „Ist hier wer?“
      Seine Stimme zitterte leicht. Er konnte sich nicht vorstellen, dass etwas geschehen war, dass die Menschen verjagt hätte, man ihn aber zurück ließ, so als sei er ihnen egal.
      „Wo seid Ihr?“
      Er blieb stehen, als der Schmerz in seinem Kopf wieder schlimmer wurde. Er war stechend und schien sich tief durch seinen Schädel bohren zu wollen. Ein extrem unangenehmes Gefühl und seine Augen brannten, weil er ständig diese weiße Wand aus Nebel vor sich hatte. Es war ein unnatürlicher Ort. Nein, dachte er und schüttelte den Kopf. Etwas hat diesen Ort verändert.
      Er wurde schneller und schneller. Hoffte, dass er wenigstens Relnar fand. Er war auf jeden Fall in seiner Arbeitsstube. Er musste dort einfach sein.
      Als er das Handelshaus erreichte, gab es keine Anzeichen, dass jemand zugegen war. Er rannte die Treppe hinauf, rief nach dem alten Händler, blickte in jeden Raum und doch blieben sie verschwunden. Kein Mann, welcher hier arbeitete, saß in seiner Arbeitsstube. Das Zimmer von Relnar war leer und verwaist. Auf dem Schreibtisch lag keine Nachricht, kein Anzeichen, warum er zu spät kam.
      Belsan drehte sich im Kreis und wusste nicht, was er tun sollte. Dann fiel sein Blick auf das Fenster und er starrte nur die weiße Wand aus Nebel an. Hier stimmt etwas nicht. Das ist falsch. Das darf nicht sein.
      Sein Herz hämmerte in der Brust und das Pochen in seinem Kopf machte ihn halb wahnsinnig. Er versuchte ruhig zu bleiben, doch er stürzte schließlich die Treppe hinab, rannte auf den Marktplatz und sah sich überall um. Irgendwo mussten die Menschen doch sein. Oder waren sie vom Nebel verschluckt worden?
      Ein Zittern durchlief ihn. Der Nebel. Er war das erste Anzeichen gewesen, dass etwas nicht in Ordnung war. Er presste die Finger gegen die Schläfe. Der Schmerz wurde nicht weniger, sondern immer schlimmer. Seine Gedanken überschlugen sich. Der Nebel. Er war der Schlüssel, denn er verhielt sich unnatürlich.
      Sollte das ein Scherz der Bewohner sein, dann war er alles andere als witzig. Belsan beschloss der Sache auf den Grund zu gehen.
      Das Dorf war mit einer Pallisade geschützt worden. Dort wo ein Weg in die Wildnis führte, waren die Pallisaden mit einem großen Tor versehen worden. So sollte verhindert werden, dass ungebetene Gäste in der Nacht ins Dorf eindringen konnten. Doch Belsan sah keine geschlossenen Tore vor, sondern sie standen vollkommen geöffnet da, so als wollten sie ihn einladen und bitten, ihm zu folgen.
      Das Pochen in seinem Kopf, das Klopfen in seiner Brust. Sein Verstand, der verstehen versuchte, was hier geschah, aber was nicht zu begreifen war.
      Langsam näherte er sich dem geöffneten Tor und starrte die weiße Wand an, die immer fester zu werden schien, je näher er sich ihr näherte. Und schließlich stand er direkt davor und er hatte das Gefühl, dass jenseits dieser weißen Wand etwas war, dass ihn rief, was ihn zu sich locken wollte.
      War das mit den Bewohnern des Dorfes passiert? Wurden sie von diesem Nebel angelockt? Wurden sie vom Nebel verschluckt?
      Aber wieso? Belsan schüttelte verwirrt den Kopf, und bereute es sogleich wieder, als der Kopfschmerz ihn zischen ließ. Er schien immer stärker zu werden.
      Was sollte er nun machen? Handeln, oder nicht handeln? Wo waren die Menschen? Was war geschehen? Belsan wollte Antworten und seine Hand streckte sich langsam aus, ging über die Grenze des Dorfes hinaus und tauchte in den Nebel, ohne das etwas geschah.
      Seine Hand fühlte sich nur ein Stück kälter an, als zuvor und er zog sie wieder zurück. Nachdenklich betrachtete er seine Hand, die sich nicht verändert hatte. Der Nebel labte sich nicht an seiner Haut, nicht an seinen Knochen. Er fühlte sich nicht schlechter oder besser, als zuvor. Doch die Dichte des Nebels. Es musste etwas unnatürliches sein. Vielleicht endete die Wand auch in zwei Schritten Entfernung. Vielleicht musste er nur einen Moment durch den dichtesten Nebel wandeln um auf der anderen Seite Antworten zu finden.
      „Hallo?“, fragte er den Nebel, hatte aber wenig Hoffnung, dass sich in unmittelbarer Entfernung eine Person aufhielt. „Jemand da?“
      Als keine Reaktion kam, straffte er sich. Es gab nur eine Möglichkeit, heraus zu finden, was jenseits des Nebels war. Nur ein paar Schritte. Er würde sofort wieder umdrehen. Vielleicht würde er sich ein Seil holen und es irgendwo festbinden, damit er nicht im Nebel umherirrte, doch er hoffte, dass es nur ein Schritt war.
      Er schloss die Augen und zögerte doch. Er zählte bis drei und dann ging er mutig diesen einen Schritt und tauchte in den Nebel ein und gleichzeitig trat er wieder aus dem Nebel hinaus und blickte ins Dorf.
      Belsan runzelte die Stirn und drehte sich um. Der Nebel war direkt vor seiner Nase. Er ging den Schritt erneut und wieder gelangte er mit einem Schritt aus dem Dorf hinaus, wieder hinein. Das ergab keinen Sinn. Kein Mensch ging einen Schritt nach vorne, um einen Schritt zurück zu gehen.
      Ungläubig wiederholte er den Versuch. Und noch ein weiteres mal. Beim sechsten Mal blieb er stehen und schüttelte den Kopf. Es war sinnlos. War er gefangen in einem Dorf, in dem die Bewohner alle verschwunden waren? Was ging hier nur vor sich? Warum war er nicht früher aufgewacht, warum konnte er sich nicht mehr an das erinnern, was in der letzten Nacht passiert war?
      Er seufzte und lies hilflos die Arme sinken. Was sollte er jetzt tun? Darauf warten, dass der Nebel verschwand? Aber er hatte wenig Hoffnung, dass dass passieren würde. Dieser Nebel war nicht natürlich. Ein Zauber musste das Dorf übernommen haben. Oder er war vollkommen verrückt geworden.
      Er durchsuchte ein Haus nach dem anderen. Immer wieder rief er die Namen der Menschen, die er kannte. Immer wieder lauschte er, ob er nicht doch irgendwo ein Geräusch vernahm. Die Zeit verrann und schließlich wurde es dunkel.
      Enttäuscht und erschöpft ging er wieder zu sich nach Hause. Doch als er das Flackern von Kerzen sah, die jemand entzündet hatte, wurden seine Schritte schneller. Doch ein Scherz, ein schlechter Scherz, den er niemals verzeihen würde.
      Er eilte zu seinem Haus und stieß die Tür mit Gewalt auf und ging in die Küche, wo ein alter Mann in einem grauen Umhang gerade vor der Anrichte stand und mit irgendwas beschäftigt schien.
      „Das ist nicht lustig“, sagte Belsan angespannt.
      „Ich weiß“, sagte der Mann nur und winkte ab. „Ich habe mir die Erlaubnis selbst gegeben. Aber in Anbetracht eurer Lage fand ich es nicht verkehrt, wenn Ihr etwas zu essen bekommt.“
      Der Mann drehte sich um, in den Händen ein Tablett mit Brot, Butter, einigen Scheiben Wurst und Käse, gebratenes Fleisch.
      Belsan roch in diesem Moment alles in dem Zimmer und roch zum ersten Mal an diesem Tag überhaupt etwas. Was ihn wieder einmal stutzig machte.
      „Wer seid Ihr?“, fragte er dennoch scharf und ignorierte seinen knurrenden Magen. Ein Fremder war in sein Haus gekommen, und das gefiel ihm nicht. Vor allem, weil er den bärtigen Mann noch nie zuvor gesehen hatte.
      „Setzt Euch doch“, sagte dieser nur. Er war gelassen, viel zu gelassen, doch Belsan hoffte so auf Antworten zu kommen und folgte der Bitte des Mannes.
      Alte graue Augen musterten ihn, als Belsan ein wenig von dem aß, was der alte Mann vorbereitet hatte.
      „Ich habe Euch schon deutlich früher zurück erwartet“, sagte der Mann schließlich. „Ich bin alt und ich weiß nie, wie viel Zeit mir noch bleibt.“
      „Ihr habt mir noch nicht gesagt, wer Ihr seid.“
      „Nur die Ruhe, junger Freund“, sagte der alte Mann nicht unfreundlich. „Ich werde Euch alles erklären, was Ihr wissen wollt, aber meinen Namen, den werdet ihr nicht von mir erfahren, zumindest noch nicht.“
      „Warum nicht?“, fragte Belsan und schob den Teller fort. „Ich bin heute morgen aufgewacht und alle Leute des Dorfes sind verschwunden. Und ich kann durch Nebel gehen und lande immer wieder im Dorf. Und dann Ihr. Ich kenne Euch nicht, habe Euch noch nie zuvor hier gesehen.“
      „Ich weiß“, sagte der Mann. „Ich bin hier, weil jemand möchte, dass Ihr versteht.“
      „Was soll ich verstehen?“, fragte Belsan. „Warum Ihr einen Zauber über das Dorf ausgesprochen habt? Oder nur einen Zauber über mich?“
      „Magie“, sagte der alte Mann. „Ja, sie ist mächtig, zum Teil auch gefährlich, aber das ist nicht der Grund, weswegen ich hier bin. Ich bin nicht verantwortlich, was hier passiert ist. Ich bin nur die Konsequenz.“
      Belsan sah den Mann an und verstand ihn nicht. Was wollte der Kerl bloß von ihm? Warum konnte er nicht einfach sagen, was er sagen wollte und dann einfach verschwinden?
      „Die Konsequenz?“, fragte Belsan angespannt.
      „Ihr erinnert Euch nicht an die gestrige Nacht“, sagte der Mann. Es war in seiner Stimme keine Spur einer Frage, sondern nur die Gewissheit.
      „Ja“, sagte Belsan. „Wisst Ihr, was passiert ist?“
      Der Mann nickte und nahm sich noch ein Stück Fleisch. Er schnitt sich ein kleines Stück ab und spießte es mit der Gabel auf. „Wisst Ihr, was das hier ist?“
      „Fleisch?“, fragte Belsan ein wenig verwirrt.
      „Nein, dass meine ich nicht“, sagte der Mann und schob sich den Bissen in den Mund. Ein wenig schmatzend fügte er hinzu: „Ich meine das hier alles um Euch herum. Denkt Ihr immer noch, dass die gestrigen Ereignisse nichts mit dem zu tun haben, was Ihr gerade erlebt?“
      „Was meint Ihr?“, fragte Belsan und verschränkte die Arme vor der Brust. „Was ist in der letzten Nacht passiert? Was ist mit dem Dorf passiert?“
      „Dem geht es gut“, sagte der Mann und lächelte. „Die Menschen gehen ihrer Arbeit nach und die Kinder lernen etwas für das Leben. Es ist so wie immer.“
      „Wenn das der Wahrheit entsprechen würde“, begann Belsan und lehnte sich nach hinten, „dann stimmt mit mir etwas nicht.“
      „So ist es“, sagte der Mann und nickte. „Denkt ruhig weiter.“
      „Die letzte Nacht“, sagte Belsan. „Ich bin nach Hause gegangen. Zumindest denke ich das, doch dann verschwimmt alles. Meine Erinnerungen sind fort.“
      „Nein“, sagte der Mann und erhob sich. „Sie sind noch da.“ Er tippte sich an den Kopf. „Hier drin. Doch der Schmerz in Eurem Kopf blendet Euch für die Wahrheit. Ich bin hier, um sie Euch zu geben. Auch wenn sie grausam ist.“
      Belsan runzelte die Stirn und wollte schon aufspringen, als der Mann um den Tisch herum ging und seine Hand auf seinen Kopf legte.
      Belsan wusste nicht wieso er die Augen schloss, doch das heftige Pochen in seinem Kopf wurde schwächer und verschwand schließlich vollkommen.
      „Es ist Zeit“, sagte der Mann nachdenklich und ging wieder zurück an seinen Platz. „Ihr müsst Euch erinnern.“
      „Ich kann nicht“, sagte Belsan angespannt. Die Bilder in seinem Kopf waren unzusammenhängend. Irgendetwas war geschehen, doch er konnte nicht erkennen, was es war. „Es ist alles verschwommen.“
      „Nehmt den Geruch wahr“, sagte der Mann und seine Stimme schien dicht an seinem Ohr zu sein. „Erinnert Euch an den Geruch.“
      Belsan wusste nicht wieso, aber als er einatmete, roch er die kalte Luft des Abends und darin vermischt Alkohol und noch etwas anderes. Etwas, was er nicht gleich erkannte.
      Bilder blitzten auf. Ein Haus, eine Häuserwand. Er stützte sich mit den Händen daran ab.
      Belsan spürte, wie sein Herz schneller schlug. Wie es beinahe in seiner Brust zerspringen wollte. In diesem Moment wurde ihm übel. So schnell und so heftig, dass er vom Stuhl stürzte und sich übergab.
      „Ist schon gut“, sagte der alte Mann. „Das Schlechte muss hinaus, damit das Gute sehen kann.“
      Belsan zitterte am ganzen Körper, als das Würgen endlich nachließ. Kalter Schweiß bedeckte seinen ganzen Körper und der Geruch nach Erbrochenen drang ihm in die Nase.
      Doch die Worte des alten Mannes. Sie hatten ihn getroffen, irgendwie hatte er sich erinnern wollen. Er hatte diesen Satz schon einmal gehört. Aber er konnte sich nicht daran erinnern, wann das war.
      Als er sich kräftig genug fühlte, ließ er sich von dem alten Mann hoch ziehen und wischte sich über die Stirn, die nass vom Schweiß war.
      Doch als er seine Hand betrachtete, war sie blutrot. „Oh verdammt.“
      Mehr brachte er nicht mehr hervor, bevor er erneut zu Boden stürzte und er die Erinnerung zusammensetzen konnte. Den Geruch, den er nicht identifizieren konnte. Ein metallischer Geruch wie Blut, welches ihm über das Gesicht lief.
      „Was ist passiert?“, fragte Belsan und blickte den Mann an, der sich neben ihn niederkniete.
      „Du erinnerst dich. Versuch die Puzzlestücke zu verbinden. Versuche zu begreifen, was dein Verstand noch nicht begreifen will. Versuche zu akzeptieren, was passiert ist. Du kannst es nicht mehr ändern.“
      „Was kann ich nicht mehr ändern?“, fragte Belsan und starrte den Mann voller Angst an. „Was ist passiert? So redet mit mir!“
      „Erinnere dich.“
      Keine andere Antwort. Keine tröstenden Worte. Und dann kamen die Bilder zurück. Eines nach dem anderen. Mit einer solchen Wucht, dass es ihm beinahe den Atem raubte.
      Belsan sah die Häuserecke. Einen Mann, der ihn ansprach. Ein Fremder, den die Dunkelheit verborgen hielt. Belsan sollte näher kommen. Der Fremde wollte etwas von ihm. Was? Belsans Beine zitterten.
      Blut an seinen Händen, als er sich an der Häuserwand abstützte. Was war passiert? Was? Sein Herz schlug wild in der Brust.
      Menschen kamen. Schockierte Blicke, die auf ihn gerichtet waren. Was hatte er getan? Was? Der Schmerz in seiner Brust war unerträglich.
      Belsan schrie auf, als er zu Boden stürzte und presste die Hand auf seinen Bauch. Das Messer war tief in seinen Körper eingedrungen. Sein Schrei hatte den Mann alarmiert. Ein Klirren auf den Pflastersteinen. Rufe von Menschen, die ihn gehört hatten, die nach ihm sehen wollten.
      Heiß floss es durch seine Finger, zu viel, zu schnell. Das Herz pochte wild. Er begann zu zittern. Die Teile eines Rätsels fügten sich zusammen, als der Wirt der Schenke sich neben ihn kniete und nicht davor zurückscheute, die Wunde auch mit seiner Hand zu verschließen.
      „Belsan“, sagte der Mann. Im schwachen Licht der Kerzen, die durch die Fenster drangen konnte er den Schreck, die Furcht und die Erkenntnis in seinen Augen sehen.
      „Die Anderen“, sagte Belsan und blickte dem Wirt in die Augen. „Geht es ihnen gut? Sind sie alle da?“
      Der Blick des Wirtes war ein wenig verwirrt, doch dann lächelte er. „Ja, sie sind noch alle da.“
      Belsan zwang sich ebenso zu einem Lächeln und fühlte den Schmerz in seiner Brust, der ihn langsam aber sicher immer weiter schwächte. Dann kam der Husten, dass ihn in seiner Kehle Metall schmecken ließ.
      Mehr Menschen kamen. Einige versuchten mit schwindender Hoffnung die Blutung zu stillen. Suchten verzweifelt nach der Ursache der Verletzung, doch Belsan wusste es besser:
      Ihre Bemühungen würden scheitern, weil er dem Tod bereits ins Auge gesehen hatte, denn er hatte sich selbst gesehen.
      Der Nebel, dass stumme Dorf, es ergab nun alles einen Sinn. Er war das Dorf. Ein sterbendes Dorf, welches von einem schützenden Nebel umringt wurde, damit er nicht der Wahrheit ins Auge sehen musste, solange er dazu noch nicht bereit war. Ihm wurde die Chance gegeben, dass er sich von seinem Dorf, von seiner Heimat verabschieden konnte.
      Er schloss die Augen. Sie waren furchtbar schwer, doch jemand tätschelte ihm an der Wange.
      „Ihr bleibt wach“, sagte der Wirt. „Habt Ihr mich verstanden? Ihr bleibt wach und macht nicht einmal für einen Moment die Augen zu.“
      „Nein“, sagte Belsan und schluckte. „So müde.“
      „Wach bleiben“, sagte der Wirt scharf. In seiner Stimme war Verzweiflung, war die Not und Belsan ergriff seinen Arm und sprach Worte aus, die an alle gerichtet war.
      „Ich habe keine Angst. Nicht mehr.“
      Und dann sah Belsan einen Mann, erleuchtet durch ein Licht, das man nicht sehen konnte. Er stand neben den Menschen, die verzweifelt sein Leben zu retten versuchten. Die scheitern würden, denn er starb bereits seit einem ganzen Tag, den er in einem verstummten Dorf verbringen musste.
      Doch der fremde Mann sah ihn freundlich an. Er sagte kein Wort, doch Belsan verstand, wer er war. Welche Rolle er in diesem Zauber, der aus seinem eigenen Wunsch heraus geboren wurde, am Leben zu bleiben, spielte. Der alte Mann, der ihm die Hand reichte, die für ihn aber zu weit entfernt war, um sie zu greifen, symbolisierte das, was niemand in einem solchen Moment von sich wissen wollte: Es war die Vernunft, der Verstand, der akzeptierte, der nüchtern die Tatsachen betrachtete.
      „Es ist in Ordnung“, sagte Belsan und lächelte. „Ich habe verstanden.“
      Die Menschen um ihn herum verstanden diese Worte nicht, doch den einzigen Trost, den er ihnen noch schenken konnte, war ein Lächeln. Ein Lächeln, welches über seinen Tod hinaus in seinem Gesicht verankert blieb.
      Erst als das Licht des Lebens aus seinen Augen komplett verschwand und der Wirt ihm die Augen verschloss legte sich auch das Lächeln. Belsan war nun nicht mehr an die Welt gebunden, sondern sein Geist war frei.


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      Durch das zwölfte Türchen dringt das Geräusch von Wellen und Wasservögeln, es führt hinaus auf die Mole, wo ein Matrose wartet.



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      Die Bootsfahrt
      Kallarn, Oktober 1846

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      Jotan zwang sich, ruhig sitzen zu bleiben, aber es fiel ihm schwer. Alles in ihm drängte danach, aufzuspringen, herumzutigern, das Seil, das da drüber perfekt zusammengerollt war, noch perfekter aufzurollen, egal was. Aber das hätte ihn nervös wirken lassen. Scheiße, er war nervös! Und wie! Zwölf Jahre seines Lebens hatte der Mann, auf den er wartete, wie ein drohender Sturm am Horizont alles überschattet was Jotan tat. Siebzehn weitere Jahre hatte er erfolgreich jede Begegnung vermieden. Und jetzt sollten sie beide also einen kleinen gemeinsamen Segeltörn unternehmen. So, als wäre nie etwas gewesen. Siebzehn Jahre kein Wort, bis sie sich vor drei Tagen durch einen dummen Zufall begegnet waren. Sie hatten kaum miteinander gesprochen, es waren ja auch Zeugen anwesend gewesen. Dann war gestern ein Brief gekommen. Keine tränenschweren Worte, keine Vorwürfe, nicht einmal eine Frage nach dem, was er all die Jahre getrieben hatte. Nur ein paar Anweisungen, niedergeschrieben, ohne den geringsten Zweifel, dass Jotan gehorchen würde. Und er hatte gehorcht - wie ein Sohn das eben tat. Und deswegen war er jetzt hier, zur befohlenen Stunde, am befohlenen Ort, in der befohlenen Aufmachung. Lange weite Hosen, ein Hemd mit geraden Ärmeln, barfuß - er sah aus wie ein gewöhnlicher Matrose. Niemand würde ihn so für den lange verschollenen Sohn des reichsten Mannes der Stadt halten. Und genau das bezweckte sein Vater. Wahrscheinlich brauchte er erst noch Zeit, um das plötzliche Auftauchen dieses Sohnes in Einklang zu bringen mit all den Lügen, die er sicherlich in der Vergangenheit über den Verbleib seines Erben erzählt hatte. Das Ansehen der Familie - das war schon immer sein höchstes Gut gewesen.
      Jotan wurde aus seinen Gedanken gerissen, als sich plötzlich Schritte näherten. Sofort sprang er auf und nahm Haltung an. Ja, es war sein Vater - Baron Segrender Sadayan, Admiral der nordbelidischen Flotte. Ein wichtiger Mann in der Stadt, vielleicht der wichtigste. Heute aber wurde er nicht von Dienern und Adjutanten, von Speichelleckern und Duckmäusern begleitet. Ganz allein war er aus der Pforte des Sadayanschen Lagerhauses getreten und kam jetzt eilig die Mole entlang. Dann stockte sein Schritt auf einmal, kaum merklich, aber Jotan, der darauf gewartet hatte, nahm es mit Genugtuung war. Er hatte die Befehle seines Vaters treu ausgeführt, bis auf den letzten Buchstaben. Aber das Boot, das er bestimmungsgemäß besorgt hatte, war nicht irgendein Boot. Der "Wasserfloh" war das kleinste - und schnellste - Beiboot der "Falke", deren Kapitän Jotan war. Es hatte eine einen ungewöhnlich großen Mast, der dazu noch stark nach hinten geneigt war. Und außerdem hatte es eine Kabine, winzig zwar und so niedrig, dass man nicht darin stehen konnte, aber immerhin. Unter all den anderen Booten hier im Hafen stach es heraus wie ein Papagei unter lauter Krähen.
      Baron Sadayan hatte sich schnell wieder gefangen. Mit einem Satz sprang er an Bord und nahm sofort den Platz an der Ruderpinne ein. Sicher hätte er Jotan jetzt gerne zur Rede gestellt, aber das hätte nicht zu dessen Rolle als Matrose gepasst. Naja, das väterliche Gewitter mochte schon noch kommen. Später, wenn es weniger Aufsehen erregen würde. "Ablegen!" knurrte der Baron nur kurz angebunden und Jotan beeilte sich, dem Befehl Folge zu leisten. Sofort trieb die Strömung das Boot weg vom Ufer. Jotan setzte schnell das kleinere Vorsegel, damit das Steuerruder greifen würde, dann machte er sich daran, auch das große Hauptsegel hochzuziehen. Nur aus dem Augenwinkel sah er die "Falke" vorbeiziehen, sein Schiff - nein, zumindest für die nächsten Monate war es Tanos Schiff. Einen Moment lang wünschte Jotan sich, er wäre wieder an Bord. Aber er war siebzehn Jahre lang nicht zu Hause gewesen, jetzt war es Zeit, sich seiner Familie zu stellen. Und was waren schon die paar Wochen. Sie würde vorübergehen.
      Jetzt war das Hauptsegel gesetzt, die Schoten dichtgeholt und die "Wasserfloh" nahm Fahrt auf. Schon lag der Hafen hinter ihnen und sie flog geradezu den Irhusam hinab, zur Mündung, zum Meer hin. Sie waren nicht allein auf dem Fluss, dazu herrschte hier, zwischen See und der großen Handelsstadt, viel zu viel Betrieb. Aber sie waren nun außer Hörweite aller anderen und Jotan wartete darauf, dass sein Vater das Wort an ihn richten würde - doch es kam nichts. Das war Jotan nicht unrecht. Während er sich mit diesem und jenem auf dem Vorschiff beschäftigte, beobachtete er verstohlen den Mann am Ruder. Baron Sadayan wusste mit Booten - und Schiffen - umzugehen. Geschickt steuerte er das kleine Gefährt zwischen den Sand- und Schlickbänken hindurch, die nun bei Ebbe freilagen. Dabei testete er unentwegt seine Grenzen aus. Ging mal höher an den Wind, ließ es dann wieder abfallen, und schon bald hatte er ein gutes Gefühl dafür, wie er de "Wasserfloh" am geschicktesten durch das Watt steuern konnte. Er war wirklich ein guter Seemann. Nun ja, das war keine neue Erkenntnis. Nicht einmal seine schärfsten Kritiker - und derer gab es viele, insbesondere unter den Matrosen - hatten das je bestritten. Seine Fehler lagen woanders. Doch wie Jotan ihn so beobachtete, wurde ihm auf einmal bewusst, dass er es sich herausnehmen konnte, über die seemännischen Fähigkeiten seines Vaters zu urteilen. Und dass er sich umgekehrt nicht vor dem Urteil seines Vaters verstecken musste. "Ich bin meinem Vater als Seemann ebenbürtig." Das war ein guter Satz. Jotan beschloss, sich diesen Satz zu Herzen zu nehmen, wie ein Schutzschild gegen die Tyrannei seines Vaters. "Ich bin hier, weil ich will, nicht weil ich muss." Das war noch einer. Und: "Ich kann jederzeit gehen."
      Auf einmal nahm Jotan aus dem Augenwinkel etwas Dunkles wahr. Er kniff die Augen zusammen. Tatsächlich! Jotan drehte sich zu seinem Vater um, und für den Moment war alle Ehrfurcht vergessen. "Da drüben liegt jemand auf der Sandbank!"
      Der Baron sah gar nicht recht hin. "Wahrscheinlich nur ein Fischerweib, dass besoffen im Watt gestürzt ist." meinte er nur verächtlich.
      Aber Jotan ließ nicht locker. "Und selbst wenn, braucht der dort drüben trotzdem Hilfe. Die Flut kommt bald." Dann sagte er den einen Satz, von dem er wusste, dass er seinen Vater überzeugen würde und hasste sich doch dafür. "Außerdem ist das nie im Leben der Mantel einer Fischerfrau. Das sind ja Unmengen von Stoff."
      Wie er erwartet hatte, wurde sein Vater sofort hellhörig. Jetzt endlich sah er genauer hin. "Du hast recht. Wir müssen ihm helfen. Segel bergen und dann klar machen zum Ankern!"
      Wenig später lag der Wasserfloh sicher im flachen Wasser vor Anker. Hier, näher am Meer war die Strömung des Flusses geringer und die auflaufende Flut trieb das Boot schon Richtung Landesinnere. Viel Zeit blieb nicht mehr, um die Person zu bergen. Schon jetzt lag sie mit den Füßen fast im Wasser. Aber zwischen dem Wasserfloh und dem Verunglückten lagen mehrere Sandbänke und Wasserläufe. Zu flach, um den Floh näher heran zu bringen, aber schon in wenigen Minuten mochten sie schäumende Strudel bilden. Egal, es war nicht Jotans Gewohnheit zu zaudern - er sprang ins hüfthohe Wasser. Immer wieder reichte das Wasser ihm bis zum Gürtel und er kam nur langsam voran. Dann endlich hatte er es geschafft.
      Ja, die Person trug einen weiten Mantel aus dunkelblauem Samt, der jetzt allerdings mit Sand und Schlick verschmiert war. Die Kapuze war übers Gesicht gefallen und auf den ersten Blick konnte Jotan nicht erkennen, ob die Person noch lebte. Schnell kniete er sich hin und strich den schweren Stoff zur Seite. Es war eine junge Frau, fast noch ein Mädchen, was tat sie nur so weit draußen. Jotan legte den Finger an ihre Halsschlagader. Gottseidank, sie lebte, war nur bewußtlos. Er drehte sie auf den Rücken und suchte sie kurz ab, aber er konnte kein Blut oder andere Anzeichen einer Verletzung erkennen. Jetzt nichts wie zurück zum Boot.
      Der Weg zurück war alles andere als einfach. Das Wasser strömte mit solcher Macht, dass es ihn mehrfach von den Füßen zu reißen drohte, und bald schien ihm das schlanke Mädchen in seinen Armen eine halbe Tonne zu wiegen. Dazu kam die Eiseskälte, die ihm die Kraft aus den Gliedern zu saugen schien. Endlich war er auf der letzten Sandbank. Doch das Wasser um das Boot war mittlerweile mehr als brusthoch und ein reißender Strom. Jotan zitterte mittlerweile wie Espenlaub und er bekam kaum die Zähne auseinander, so stark klapperten sie. Aber sein Vater schien seine Not nicht zu bemerken. "Werft mir ein Seil zu, Herr!" rief er so laut er es nur eben fertig brachte. Und zwang sich dann noch ein "Bitte!" anzufügen. Endlich kam Bewegung in den Baron. Die Sandbank auf der er stand wurde mittlerweile schon knöcheltief überspült. Jotan rückte das Gewicht des Mädchens zurecht, bis es ihm endlich gelang, eine Hand frei zu machen. Da, da war endlich das Seil. Mehr durch einen glücklichen Zufall gelang es ihm, es zu fangen. Schnell wand er es dreimal um den linken Arm, dann stieg er beherzt ins Wasser. Drei Schritte gelangen ihm, dann riss ihn die Flut um, aber er hatte damit gerechnet. Während sich der Baron jetzt doch endlich bequemte, das Seil einzuholen, versuchte er, die Macht des Wasser so gut es ging zu nutzen, um sich auf das Boot zutreiben zu lassen. Auf einmal, er war schon fast am Ziel, brachte ihn etwas aus dem Takt. Hatte sie sich gerade bewegt? Ein Moment der Unachtsamkeit nur, und Jotan knallte schmerzhaft mit der Schulter gegen den Rumpf des Wasserflohs. Dann nahm ihm sein Vater das Mädchen ab. Und mit letzter Kraft zog Jotan sich selbst an Bord. Doch er war noch nicht fertig. "Was stehst du so rum! Bring sie sofort in die Kabine. Sie holt sich ja noch den Tod in den nassen Kleidern!" herrschte ihn sein Vater an. Jotan biss die Zähne zusammen. Es hatte keinen Sinn, sich jetzt zu streiten. Der Wind war wirklich bitterkalt. Noch einmal hob er das Mädchen hoch und irgendwie gelang es ihm, sie in die Kabine zu bugsieren und dort auf die schmale Koje zu legen. Er drehte sich um, um einige Decken aus der Kiste hinter sich zu nehmen und dann gab es keinen Zweifel. Sie war wach. Aus großen, dunklen Augen starrte sie ihn an.
      "Es wird alles gut! Ihr seid jetzt in Sicherheit!" sagte Jotan sanft. "Hier, ich decke euch zu."
      Sie sah ihn nur stumm an.
      "Da, jetzt ist es besser!" Jotan wollte sie gerade nach ihrem Namen fragen, als sein Vater schon wieder nach ihm brüllte. "Segel setzen, aber plötzlich!"
      Er sah noch so etwas wie ein Lächeln auf ihren Lippen, war das so etwas wie Mitgefühl? Dann duckte er sich durch die niedrige Türöffnung und tat, was sein Vater von ihm wollte.


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      Feedback zu den Adventskalendertexten könnt ihr HIER geben. Die Texte sind wie jedes Jahr zunächst anonym, damit ihr - wenn ihr wollt - Autoren raten könnt. Wenige Tage nach Weihnachten wird aufgelöst, welcher Text von wem stammt, dann können die Autoren dort im Thread gesammelt auf das Feedback antworten.


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      Das dreizehnte Türchen steht unter Wasser auf sandigem Grund, über den Lichtreflexe spielen. Leichte Strömungen wirbeln den Sand etwas auf, doch er setzt sich schnell wieder. Nicht fern aber schwimmt ein Vielzahn durch diese Gewässer - besser schnell in Sicherheit bringen!



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      Lowir

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      Sanft drang das Licht der Sonne durch die Oberfläche des Wassers, malte tanzende Lichter auf den sandigen Meeresgrund. Doch wir mussten uns sputen. Die größeren Ausläufer der Korallenbänke zeichneten sich ab. Bald war es soweit. Bunte Fische tummelten sich zwischen ebenso farbenfrohen Steinkorallen. Unsere acht Arme zogen und schoben uns voran, wühlten dabei den weichen Boden auf. Wir spürten bereits, wie 'es' sich regte. Wir mussten hier weg! Irgendwo dort draußen hatten wir die Aufmerksamkeit eines gewaltigen Vielzahns auf uns gelenkt. Und als wäre das nicht bereits schlimm genug, vermochten wir nur noch über den Boden zu kriechen, anstatt mit ausgestoßenen Wasserstrahlen geschwind durch das offene Meer zu hüpfen. Der Geschmack von Blut breitete sich in unserer Atemkammer aus.
      Nervös suchten wir nach einem Versteck. Mawir ließ mich spüren, dass ichwir zu leichtsinnig gewesen war, soweit abseits unseres Atolls nach Schlammwürmern zu suchen. Doch sie sind dermaßen lecker, und unser Heißhunger war einfach zu groß gewesen. Ichwir war schon immer der genießerischere Part von uns, dem es schwerer fiel Versuchungen zu widerstehen.
      Wir sahen es gleichzeitig. Ein dunkler Schatten zeichnete sich dort ab, wo eine Korallenbank einen Überhang bildete. Zum Glück schauten unsere Sehbänder gerade in dieselbe Richtung, so dass uns die räumliche Tiefe auffiel. Wir glitten über den Grund zu der verheißungsvollen Spalte. Deutlich spürten wir die Strömung auf der Haut, denn die Küste war nicht mehr allzu fern. Doch der Weg ans rettende Ufer blieb uns verwehrt. In unserem Zustand überständen wir niemals die Überquerung des wasserlosen Sandes, um die geschützte Lagune zu erreichen.
      Ichwir sicherte unseren Stand mit meinen vier Tentakeln, während Mawir ihre Vier prüfend in die Dunkelheit streckte. Tastend bewegten wir uns am Vorsprung entlang, um eine Stelle zu finden, die genug Platz bot uns aufzunehmen. Die Zeit drängte, doch diese Stelle verhieß uns als einzige eine Chance. Immer wieder ließen wir unsere Sehbänder hinter uns fokussieren, um nach dem Raubtier Ausschau zu halten.
      Endlich eröffnete sich hinter ein paar lockeren Steinen unterhalb des Überhangs eine tiefere Kuhle im Sandboden. Wir quetschten uns hindurch, reichten mit den ersten Tentakeln die Steine nach hinten durch, während die nachfolgenden Tentakeln sie sogleich ergriffen, um die Öffnung hinter uns wieder zu verkleinern. Keinen Moment zu früh, denn gerade als unsere Raspelmünder erfreut klicken wollten, verdunkelte ein Schatten den Meeresboden. Der Vielzahn glitt majestätisch über unserem Versteck dahin, doch hierher vermochte er uns nicht zu folgen.
      Für einen Moment entspannten wir unsere silbernen Sehbänder, wodurch ihre Punkte zu breiten Gürteln auseinander strebten und unser Blick an Schärfe verlor. Doch dafür erfassten wir nun das Panorama rundherum. Leider währte die Ruhepause nicht lang, denn erneut regte 'es' sich in uns. Der Geschmack des eigenen Blutes verstärkte sich im Atemwasser. Endlich war die Zeit gekommen. Wir spürten wie 'es' sich aus seiner Brutblase befreite und begann sich frei in unserer Kernkammer zu bewegen. Unwillkürlich öffneten wir einen der vier Spalten zwischen unseren beiden Tori-Ringen. Sanft pressen wir die Häute um die Kernkammer zusammen, entleerten damit einen Teil des Wassers darin. 'Es' sollte dem Wasserstrom folgen, um den Weg hinaus zu finden. Doch 'es' kam nicht, schien sich gar dagegen zu sträuben. Langsam füllten wir die Kernkammer mit Wasser, nur um dieses erneut auszublasen. Doch egal wie oft wir diesen Vorgang wiederholten, 'es' verharrte geradezu stur in der Kernkammer zwischen unseren Ringen.
      Verzweiflung machte sich in uns breit. Hatten wir diesen Moment zu lange hinausgezögert? Hatte ihm die lange Flucht vor dem Vielzahn geschadet? War irgendetwas nicht mit ihm in Ordnung? Hier draußen gab es keine Hilfe von den anderen Aklasur. Mawir streckte eine ihrer Arme vorsichtig durch den offenen Spalt zwischen den Tori, hinein in die Kernkammer. Unser Tentakel, an sich zu dick für unsere Spalten, weitete die Öffnung bis aufs Äußerste. Es fühlte sich an, als rissen wir uns selbst entzwei. Unmöglich das das passierte, doch der Schmerz war überwältigend. Es kam uns wie eine Ewigkeit vor, bis Mawir langsam unseren Tentakel wieder herauszog. Etwas ruckte fast unmerklich in unserem Innersten. Als die Spitze des Arms herausglitt, erblickten wir etwas Unglaubliches. Zwei kleine Tentakel wanden sich eng um Mawirs Armspitze. Noch einmal zogen wir mit sanftem Nachdruck und endlich schlüpfte unser Nachwuchs aus uns hervor. Vorsichtig befreiten wir 'es' von einigen Fetzen der Eihülle, bis unsere Sehbänder erkannten, warum unser Junges nicht herausgeschlüpft war. Mit seinen beiden anderen Tentakeln hielt es weiterhin einen leicht blutigen Fetzen Fruchtblase fest. Ein völlig normaler Klammerreflex, doch erwachte dieser üblicherweise erst einige Minuten nach der Geburt. Ansonsten schien alles in Ordnung mit unserem Nachwuchs. Wir taxierten es von allen Seiten. Ein wohlgerundeter graugrüner Torus dessen Mittelloch von einer durchgehenden Haut verschlossen wurde. Das Kind ähnelte dadurch stark einem Plättchen mit konkaver Delle in seiner Mitte. Ein silbernes Sehband verlief um die gesamte Außenseite seines Ringes. Auf der einen Seite des Torus entsprangen vier gleichmäßig verteilte Tentakel, während man auf der anderen Seite die Geschlechtsmerkmale erahnen konnte. Es ist ein Dawir, durchfuhr uns die Erkenntnis. Doch egal ob Dawir oder Mawir, Hauptsache es war gesund. Und soweit wir es zu erkennen vermochten, schien alles in bester Ordnung mit unserem Kind.
      Vorsichtig zogen wir unser Junges von Mawirs Armspitze und führten es zu einer unserer Tentakelwurzeln. Sofort umschlang das Kleine mit seinen vier Ärmchen unseren wulstigen Tentakel. Eine warme Empfindung durchlief unsere Ringe. Das alles fühlte sich einfach … richtig an. Eines Tages würde es sich mit einem Mawir vereinigen, so wie ichwir es einst tat. Für immer vereint. Und aus dieser Verschmelzung erblühte die eigentliche Vernunft in unserem Volke. Mochte die geistige Vereinigung zweier Tori auch eine Weile dauern, so fanden sie letztlich stets in Einklang zueinander.
      Nie werde ich aber den Augenblick vergessen, als unser Kind nur wenige Tage später versuchte, erstmals sein Sehband zu konzentrieren. Immer wieder zog sich der gesprenkelte Silberstreifen zu einem dickeren Augentrichter zusammen, der sich uns zuwenden wollte. Es dauerte natürlich noch lange, bis unser Dawir das richtig zu kontrollieren wusste. Doch dieser erste Moment, als es uns bewusst mit seinem wachen Blick fokussierte, war unbeschreiblich. Welches vernunftbegabte Wesen vermag schon dem Anblick eines einzelnen Sehbandes zu widerstehen?


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      Das vierzehnte Türchen führt zwischen zwei gut tragenden Pflaumenbäumen hindurch. Von der nahen Veranda her ziehen kleine Rauchschwaden herbei, doch diese werden vom Regen zerschlagen, sowie sie sich unter dem alten Dach hervortrauen.



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      Wie Kenta eine Kröte in den Mund schlüpfte

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      Die Pflaumen standen in voller Reife, die zwei Bäume im Garten bogen sich unter ihrem Gewicht, während der dünne Regen unablässig auf sie niederging. Es war Regenzeit.
      Kenta saß auf der Veranda und genoss die Freiheit alleine zu sein. Neben ihm lag eine Schachtel Zigaretten und eine Teeschale, die er als Aschenbecher benutzt hatte. Er rauchte Seven Stars, denn er mochte die erwachsene Schwere, die gleichzeitig mit dem Rauch in seine Lungen strömte.
      Während er so da saß, behielt er mit einem Auge die Uhr im Blick. Um 7 Uhr würde die Schicht seiner Mutter enden. Ihm war diese kurze Zeit alleine zu Hause sehr kostbar. Deswegen ging er selten mit den anderen Jungs aus seiner Klasse noch ins Karaoke oder ins Gamecenter. Wenn er die Schule endlich verlassen konnte und er wusste, seine Mutter hätte an diesem Tag Mittagsschicht, schaffte er es mit dem Fahrrad von der Kaita Oberschule innerhalb einer viertel Stunde zu ihrem alten Häuschen in Aki-Nakano, wofür er morgens doppelt so lange brauchte.
      7 Uhr. Kenta packte die Zigaretten in seine Hosentasche, ging in die Küche und spülte die Teeschale gründlich. Dann stellte er sie zum Trocknen neben die Spüle. In seinem Zimmer holte er eine Andenkenschachtel unter seinem Bett hervor, in dem er seine Zigaretten vor seiner Mutter versteckte. Neben den Zigaretten hielt er darin Kondome und eine kleine Tube Gleitgel versteckt, die er im Internet bestellt hatte. Er erinnerte sich, wie nervös er gewesen war, ob das Packet nicht ankommen würde, wenn seine Mutter gerade da war. Aber er hatte Glück gehabt.
      Er hörte die Haustür aufgehen.
      „Ich bin wieder da!“, rief seine Mutter ins Haus hinein. Er konnte sie sich lebhaft vorstellen, abgekämpft von der Arbeit, eine Einkaufstüte aus dem Konbini in der einen Hand, eine abgewetzte Handtasche in der anderen. Wie sie leicht schwankte dabei in die Hausschuhe zu schlüpfen. Wie sie ein fröhliches Lächeln von irgendwo tief in sich hervor quälte.
      Er schob die Andenkenschachtel wieder unters Bett und ging zu ihr in die Küche.
      „Willkommen daheim“, sagte er zu ihr, ohne ihr Lächeln zu erwidern.
      „Ich hab Bentos vom Konbini mitgebracht. Tut mir leid, die hängen dir sicher schon zum Hals raus, oder?“
      Kenta schüttelte den Kopf. „Nein, ist in Ordnung.“
      „Ich hab für dich das Karaage-Bento mitgenommen und für mich Napolitana. Wenn du magst können wir tauschen.“
      „Nein, das ist schon in Ordnung, Mama“, wiederholte Kenta pflichtbewusst. Er nahm ihr die Tüte aus der Hand und ging zum Esstisch an der Veranda, wo er sich im Schneidersitz hinsetzte.
      „Bringst du den Tee mit?“, fragte er.
      Sie kam mit einer PET-Flasche grünen Tees und zwei Trinkschalen an den Tisch. Kenta erkannte, dass eine davon die war, die er zuvor als Aschenbecher benutzt hatte. Etwas betreten nahm er sie sich.
      Sie aßen schweigend, während sie dem Trommeln des Regens lauschten.
      Schließlich, sie hatte schon länger aufgegessen, wandte Kentas Mutter ihr Gesicht zu ihm. Unwillkürlich blickte Kenta auf.
      „Hast du deine Tabletten schon genommen?“, fragte sie ihn.
      Kenta schluckte das Stück frittiertes Hähnchen hinunter und schüttelte den Kopf.
      „Kenta“, tadelte sie ihn leise. „Das ist doch wichtig.“
      Sie stand auf, ein wenig schwankend, wie immer. Ging zur Kommode und begann in der obersten Schublade herumzukramen. Sie stellte ihm das das Röhrchen hin. Schweigend schüttelte er zwei der grünlichen Tabletten hervor und schluckte sie ohne Wasser. Er hatte sich daran gewöhnt.
      Kentas Mutter stellte die Tabletten selbst her. Sie benutzte dazu Wasser aus einem Schrein in der Nähe und Pflanzen, die hier in ihrem Garten wuchsen.
      Mit einem Seufzen ließ sie sich wieder nieder und zusammen starrten sie in den Regen hinaus, auf die Pflaumen.

      Am nächsten Tag regnete es noch immer. Der Unterricht hatte geendet und auch die Clubzeit näherte sich dem Ende. Gleich zu Beginn seiner Schulzeit war er dem Baseballclub der Kaita Oberschule beigetreten. Nicht, weil er sehr an Baseball interessiert war, er guckte die Spiele der Carps, wenn der Zeit dazu hatte, sondern weil es hieß im Baseballclub wäre es sehr leicht Anschluss zu finden. Für Kenta, der nicht sehr geschickt mit solchen Dingen war, ein ausschlaggebender Punkt.
      Er versuchte nämlich immer so wenig wie möglich zu reden.
      Er wusste nicht woran es lag, aber wenn er zu viel mit jemandem redete, dann bemerkten sie es früher oder später. Dass Kenta anders war. Er konnte nicht erkennen, was dazu führte. Daher vermutete er, es war eine unterbewusste Sache, die die anderen Menschen misstrauisch werden ließ. Wie dieses bohrende Gefühl im Nacken, wenn man beobachtet wird. Komplett unterbewusst, aber man begann sich unwohl zu fühlen. So ein Gefühl löste Kenta aus, wenn er zu viel von sich offenbarte. Das passierte mit derselben, unvermeidlichen Wahrscheinlichkeit, mit der das Gesetz der Schwerkraft eine Tasse auf den Boden fallen und in tausend Stücke zerspringen lässt.
      Er warf einen weiteren Baseball in den Eimer mit den gesäuberten. Er ließ sich absichtlich Zeit damit. Die anderen Neulinge waren schon am Aufräumen oder gingen bereits in kleinen Grüppchen in die Umkleide.
      Und es war auch nur noch einer der Senpais da. Kageyama-san spielte gelangweilt auf seinem Smartphone herum, hatte die Füße auf den Tisch hochgelegt.
      Kenta nahm sich einen neuen Ball und begann ihn mit dem Lappen abzurubbeln.
      Er konnte beim besten Willen nicht sagen, wie es angefangen hatte. Oder woher sie es überhaupt gewusst hatten. Vielleicht die verstohlenen Blicke in der Gemeinschaftsdusche. Vielleicht die kleinen Auffälligkeiten im Verhalten mit den anderen. Vielleicht hatten sie auch einfach gegenseitig ihre einsame Gier gespürt, die zusammen mit all den anderen Gefühlen erwacht war.
      Bei der ersten erwiderten Liebe, so ist es vielleicht, geht es weniger um den Charakter oder um das Aussehen, sondern vielmehr um das zufällige Zusammenspiel der richtigen Zeit und des richtigen Ortes.
      Kenta jedenfalls konnte mit Kageyama-sans Charakter nicht viel Anfangen. Er sah ganz gut aus, aber es gab viele Dinge an ihm, die er irritierend fand. Zum Beispiel seine Faszination für Serienmorde. Er konnte stundenlang in einschlägigen Foren herumstöbern, bis er zu einem Fall jedes gruselige Detail und jede Verschwörungstheorie kannte. Und er liebte es all sein erworbenes Wissen dann mit Kenta zu teilen.
      Manchmal, wenn es besonders grausig war, bekam er Albträume davon. Als er das Kageyama-san erzählte, hatte dessen Antwort ihn nur noch mehr verstört:
      „Gut. Das ist gut, denke ich. Diese Geschichten halten unsere Gesellschaft zusammen. Solange du solche Geschichten unheimlich findest, begehst du keinen Mord, Mikami-san.“
      Seitdem überlegte Kenta, ob Kageyama-san sich mit diesen Geschichten selbst davon abhalten wollte einen Mord zu begehen.
      „Kennst du eigentlich die Kitakyushumorde?“, fragte er plötzlich.
      Kenta blickte auf. Sie waren alleine.
      Er schüttelte den Kopf. „Nein. Tut mir leid.“
      „Wirklich nicht? Sie sind sehr berühmt!“. Seiner Stimme war die Erregung anzuhören.
      „Tut mir leid“, wiederholte Kenta.
      Er schüttelte den Kopf. „Weißt du, die ganze Geschichte um Matsunaga Futoshi und seine sieben Opfer war so widerlich, dass die Medien es am Anfang gar nicht gedruckt haben. Nur, dass er und seine Lebensgefährtin Ogata Junko festgenommen wurde.“
      Kenta gab einen unbestimmten Laut von sich. Doch Kageyama-san war bereits in seinem Element. Er stand auf und stellte sich hinter Kenta. Mit einer Hand strich er ihm durch das Haar. Und begann all sein widerliches Wissen über ihn zu ergießen, sie ihm ins Ohr zu flüstern mit rauer Stimme. Über Elektroschocks, einen gefälschten Suizid, Folter und Gefangenschaften, alles während er Kentas Kopf kraulte, als wäre er ein Haustier.
      „Ich will dich küssen“, meinte Kageyama-san irgendwann, wanderte mit seinen Fingern in Kentas Nacken, ließ sie sanft umherstreifen. Der Regen trommelte ohrenbetäubend auf das Dach des Baseballschuppens. Kenta fühlte sich wie auf einer einsamen Insel, vom Rest der Menschheit getrennt durch ein weites, graues Meer. Nur er, Kageyama-san und eine Kröte.
      Kentas Magen zog sich zusammen. Seit fast einem Monat ging das mit ihnen schon, aber sie waren nicht sehr weit gekommen bisher. Auch wenn er vorsorglich Kondome und Gleitgel gekauft hatte, sie hatten sich noch nicht einmal geküsst. Aus gutem Grund.
      Als er sechs Jahre alt war, da war Kenta eine Kröte in den Mund geschlüpft. War in seinen Magen hinabgeglitten und hatte sich dort eingenistet. So hatte er es von seiner Mutter gelernt. Deshalb nahm er auch diese Tabletten, zweimal die Woche. Sie sollten helfen die Kröte unten in seinem Magen zu behalten. Denn, eines Tages könnte die Kröte in seinem Magen genug gezehrt haben von ihm und beschließen wieder hinauszuklettern. Sich mit ihren glitschigen Patschefüßchen auf den Weg zu machen, vom Magen aus seine Speiseröhre hinauf und in den Mund hinein. Und von dort in die Welt hinaus.
      Würde das passsieren, wäre es Kentas Todesurteil. Die Kröte hinterließ nur verbrannte Erde, nur ausgezehrte Körper, nur Aufträge für die lokale Leichenverbrennungsanlage. Mit diesem Wissen lebte Kenta.
      Auf diese Art war auch Kentas Vater gestorben. Irgendwann war ihm eine Kröte in den Mund geschlüpft und als Kenta sechs gewesen war, da war sie wieder hinausgeklettert. Und hatte seinen Vater tot zurückgelassen.
      Seine Mutter meinte sogar, es wäre möglich, die Kröte wäre direkt von seiner Zunge gehüpft und in Kentas Mund geschlüpft. Es wäre absolut möglich, meinte sie. Kenta meinte sogar eine Erinnerung daran zu haben, ganz verschwommen zwar, aber definitiv vorhanden. Das Gesicht seines Vaters war ganz nah, der Mund leicht geöffnet und etwas schien sich darin zu bewegen.
      Wann immer er daran zurückdachte, begann Kenta zu zittern.
      Und wenn sein Vater, die Kröte in ihn übertragen hatte, dann war es auch möglich, dass sie von Kentas Zunge hüpfend direkt in Kageyama-san schlüpfen würde.
      „Unmöglich“, hauchte Kenta, mit all diesem Wissen über sich wie ein Damoklesschwert.
      Kageyama-san ließ seine Hand unter Kentas Kinn gleiten und drehte seinen Kopf so, dass sie sich anblickten.
      „Ist es nicht.“
      Kenta riss sich los und stand abrupt auf. Kageyama-san wich unwillkürlich zurück. So viel Energie war er von Kenta nicht gewohnt.
      „Unmöglich“, wiederholte Kenta mit dem fiebrigen Blick eines in die Enge getriebenen Tieres.
      „Wieso?“, schoss Kageyama-san zurück.
      Kenta blickte zur Seite.
      „Wieso?“, fragte Kageyama-san noch einmal, diesmal weicher.
      Kenta senkte den Kopf, er wurde hochrot. Er musste lügen.
      „Bakterien“, hauchte er kaum vernehmlich. Die Scham zeichnete sein Gesicht. „Ich hab wahnsinnig Angst vor Bakterien.“
      Kageyama-san starrte ihn an. Schien mit sich zu ringen, nicht laut loszulachen. Schien auszutarieren, zu wie großen Zugeständnissen ihn seine Einsamkeit zwingen würde, während der Regen lauter denn je niederging.
      Er drehte sich um und flüchtete aus dem Geräteschuppen. Nach nur wenigen Schritten war er komplett durchnässt. Er rannte so schnell er nur konnte zu den Duschen. Über das Baseballfeld, an den Waschbecken vorbei, zum Eingang der Turnhalle, in der er verschwand.
      Kenta blickte ihm nach, den Mund leicht geöffnet. Die Wangen brannten ihm vor Scham.
      Dann rannte er los. Rutschte aus auf dem zu Matsch gewordenen Spielfeld, rappelte sich keuchend auf, die weiße Baseballuniform voll von Schlamm. Er hielt sich nicht weiter damit auf, musste das weite graue Meer durchqueren.
      Dann war er in der Turnhalle. Völlig außer Atem stand er im Eingang, vor ihm das mit bunten Kreisen und Linien bemalte Parkett und dazwischen die Fußspuren nasser Füße. Kageyama-san.
      Kenta streifte seine Schuhe ab und hastete los zu den Duschen.
      Zu dem wilden Trommeln des Regens kam jetzt noch das stetige Prasseln der Duschen hinzu. Abgekämpft setzte er Schritt für Schritt auf die schlecht gealterten, ehemals weißen Fliesen der Jungenduschen.
      Kageyama-san lehnte an, noch immer angezogen, an der Wand, verbissen ins Leere starrend. Die Dusche musste noch von jemand anderem benutzt worden sein.
      Das Wasser hörte auf zu laufen. Kageyama-sans Blick wanderte langsam zu dem völlig verdreckten Kenta. Sie waren wieder allein mit dem Regen.
      „Was willst du, Mikami-san?“, fragte er unverwandt.
      Kenta wusste nicht, was er antworten sollte.
      „Ich bin dir hinterhergerannt“, flüsterte er.
      Kageyama sah ihn kurz an, dann begann er sich seiner Baseballuniform zu entledigen.
      „Du solltest dich auch ausziehen, wenn du keine Erkältung kriegen willst“, sagte er knapp, kickte seine Klamotten achtlos fort und stellte das Wasser wieder an.
      Kenta zog die klatschnasse Uniform von seinem Körper, wrang sie aus. Sah schlammigen Wasser dabei zu, wie es zum Abfluss rann. Dann faltete er sie so gut es ging zusammen und schob sie eines der Ablagefächer. Er ging zurück und stellte sich unter eine der Duschen. Ließ das warme Wasser auf sich niederregnen.
      „Was soll ich denn tun?“, quälte er schließlich hervor, gegen die Wand sprechend.
      Kageyama-san drehte sich um zu ihm.
      „Mich nicht anlügen.“
      Kenta schaffte es nicht sich umzudrehen.
      „Bitte“, sagte er. Er stand direkt hinter Kenta.
      Vorsichtig drehte Kenta sich um. Sah Kageyama-san an. Sah ihn vielleicht zum ersten Mal überhaupt richtig an. Musterte jeden Quadratzentimeter. Seine fein geschwungenen Augen mit den dichten Wimpern. Die kräftigen Wangenknochen, die kleine Stupsnase. Der leichte Bartschatten über der Oberlippe. Die knubbeligen Ohren, die aus seinem plattgedrückten, nassen Haar herausragten.
      Kenta widersetzte sich und küsste ihn. Widersetzte sich all dem, was er seit seiner Kindheit gelernt hatte. Auf was er aufpassen müsse, was er verschweigen müsse. Und Kageyama-san küsste zurück.
      Dann zog sich sein Bauch fürchterlich zusammen. Er keuchte auf. Kageyama-san wich zurück, musterte ihn entsetzt.
      „Was? Was ist los?“
      Kenta wimmerte nur und ging in die Knie. Er konnte es spüren, die sich regende Bewegung in seinem Magen. Und wie es sich den Weg nach oben bahnte. Er stöhnte auf, weiße Sterne blitzen auf in seinem Gesichtsfeld.
      Kageyama-san ließ sich neben ihn fallen.
      „Soll ich die Krankenschwester rufen?“ Seine Stimme zitterte vor Panik.
      Kenta versetzte ihm einen Stoß, stark genug, dass er auf seinen Hintern fiel.
      Verstört sah Kageyama-san ihm zu, wie er wegkroch von ihm.
      Dann spürte Kenta es. Die Kröte setzte ihre Patschefüßchen auf seine Zunge. Tapp, tapp. Panisch hielt er sich beide Hände vor den Mund und presste die Lippen so fest zusammen wie er nur konnte.
      Doch seine Hände fielen von selbst schlaff auf den Boden zurück. Die Kröte ließ sich nicht abbringen von ihrem Weg. Seine Lippen teilten sich.
      Kenta stöhnte aus tiefster Seele auf. Seine Zunge schob sich unerbittlich vor. Kageyama-san krabbelte verängstigt weg von ihm.
      Und da sprang sie ihm von der Zunge auf die nassen Fliesen hinab. Es machte ein dumpfes Klatschen. Braun war sie mit grünen Schecken und der Rücken mit fleischigen Warzen übersät.
      Sie blieb einen Moment sitzen, vielleicht um Orientierung zu gewinnen. Dann wackelte sie Richtung Ausgang.
      Kenta warf einen Blick zu Kageyama-san. Zweifellos, er hatte sie gesehen. Ihre Blicke trafen sich.
      Kageyama-san krabbelte auf allen vieren zu ihm. Er umarmte ihn so fest er konnte. Kenta begann laut und schluchzend zu weinen in der warmen Umarmung. Kageyama-san selbst zitterte am ganzen Leib.
      Und wieder waren sie allein auf einer einsamen Insel, vom Rest der Menschheit getrennt durch ein weites, graues Meer. Und wieder hörte man nur den stetig fallenden Regen.


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      Das fünfzehnte Türchen ist zerfallen, die Jahrhunderte haben daran genagt, auch dahinter ist alles verfallen, obwohl es einmal ein Beispiel prächtiger Architektur gewesen sein muss. Aber da ist jemand, verhüllt und alleine.



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      Verblassende Schatten

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      Ich erinnere mich.

      Ich erinnere mich an meinen Namen, dachte die verhüllte Gestalt. Ton’Pal, so nannte man mich. Vorsichtig wischte Ton’Pals Hand Staub und vertrocknetes Moos von einem schwer erkennbaren Schriftzug einer umgefallenen Marmorstele. Ich erinnere mich auch an dich, geliebte Schwester. Ton’Pal strich mit seiner grazilen Hand beinahe zärtlich über eine verwitterte Büste. Ich erinnere mich an manch anderes Gesicht, auch wenn mir ihre Namen längst entfallen sind. Sein Blick schweifte über weitere Skulpturen, von denen so Manche zerborsten am Boden lagen. Langsam erhob sich Ton’Pal von seinem Knie. Ich erinnere mich an das Volk der Nemphíli, die 'Krone' der Menschheit. Mein ach so stolzes Volk. Sein Blick glitt die steinernen Ränge des Theatrons empor. Für einen Moment schloss er die Augen, und stellte sich die Sitzreihen voller prachtvoll gewandeter Menschen vor. Schnell merkte er, dass er sie sich zu klein und viel zu hellhäutig vorstellte, als sie gewesen sein durften. Er hatte zu lange beim Seevolk an der Küste gelebt, was seine Vorstellung beeinflusste. Mühsam versuchte er die Szene in seinem Kopf zu korrigieren.
      Ton’Pal seufzte. Wie viele Dekaden mag es her sein, seit ich die Büsten hier aufstellte? Hier wo alles seinen Anfang nahm. Vorsichtig schritt er die Stufen zwischen den Sitzreihen empor, stets dem Schutt der Jahrhunderte ausweichend. Am oberen Rand der kraterförmigen Überreste des Theatrons angelangt, drehte Ton’Pal sich langsam um seine Achse. Ich erinnere mich an die perlmutternen Türme, die die Stadt umgaben. Sein Blick suchte den Horizont ab, doch bis auf einen etwas erhabenen Mauerrest, der wie ein abgebrochener Zahn wirkte, war in dem Geröllfeld nichts mehr von den vergangenen Wunderwerken zu erahnen. Ich erinnere mich an die beeindruckenden fünf Plätze der Elemente. Doch nichts verriet ihre Lage unter den steinernen Ruinen und der verdorrten Vegetation. Ich erinnere mich an den großen Tag, als wir in unserer grenzenlosen Überheblichkeit den mächtigsten je von Menschen gewirkten Zauber aussprachen. Doch heute drang kein anderer Laut an seine spitzen Ohren als das leise Raunen des Windes. Einsam stand seine schlanke Gestalt in dem Ruinenfeld.
      Erneut schloss Ton’Pal seine grauen Augen. Ich erinnere mich an unsere strahlende Stadt Phidara. Es dauerte eine Weile bis seine Vorstellungskraft ausreichte, um Stück für Stück der Umgebung so Gestalt annehmen zu lassen, wie er es damals erlebt hatte. All die prunkvollen Bauten, Parks und breiten Alleen entstanden von Neuem vor seinem geistigen Auge. Schmerzlich wurde ihm bewusst, dass dieses Bild mehr auf seiner Imagination fußte, denn auf tatsächlichen Erinnerungen.
      Dann füllten hochgewachsene Menschen mit dunklem Hautteint die Wege. Alle gewandet in ihre besten Roben, während sie entweder dem zentralen Ratsplatz im Theatron oder den umliegenden fünf Plätzen der Elemente zustrebten. Ton’Pal versank in diesen Bildern, spürte dass mit jedem Schlag seines Herzens sich vergessen geglaubte Details hinzufügten. So verharrte er, bis sich bereits nach wenigen Schlägen die Dämmerung ankündigte. Zu selten regte sich das Herz des Nemphíli noch, ein versiegender Lebenshauch aus vergangenen Tagen.
      Die Landschaft nahm einen leichten Blauschimmer an. Ton’Pal erhob seinen Blick zum Zenit, mit der Hand die stets an ihrem Platz verharrende Sonne verdeckend. Die Nacht schickte sich an das Licht zu ersticken, verdeckte bereits in Richtung Méco den Himmel mit ihren schwarzen Schwingen. Der fedrige Rand der Dunkelheit jedoch erglühte über dem Nemphíli in schillernden Farben.
      "Ich erinnere mich", wiederholte Ton’Pal halblaut seine bisherigen Gedanken, sich selbst zur Disziplin gemahnend. Ich erinnere mich an den Zauber, mit dem wir die Fesseln der Sterblichkeit ablegen wollten. In den ersten Jahrzehnten nach der Verwandlung hatte ihn dieser Gedanke stets erschauern lassen, später dann verursachte er eher in ihm eine tiefe Traurigkeit. Heutzutage hingegen wuchs mit jedem Jahrhundert ein Gefühl der Leere. Einen Verlust der für ihn immer weniger greifbar wurde.
      Das schwindende Licht tauchte die Umgebung derweil in ein grüngelbes Kleid. Erinnerungsfetzen schlugen unerwartet auf ihn ein. Dämonen die in immer neuen Wellen auf die Stadt einstürmten. Ton’Pal schüttelte seinen Kopf, wie um diese Bilder zu verscheuchen. Warum müssen nur die schlechten Erinnerungen immer zu den Stärksten gehören, fragte er sich.
      Durch den kurzen Verlust der mentalen Selbstkontrolle stiegen in ihm weitere unliebsame Erinnerungen empor. Von den Kämpfen in den folgenden Jahrhunderten mit 'Gefallenen' seines eigenen Volkes. Er versuchte auch diese Bilder wegzuwischen, doch immer neue Szenen drängten sich ihm auf. Stück für Stück vermochte er sie zu verdrängen, bis nur noch das Gesicht seiner Schwester verblieb. Ihre Schönheit auf grausige Art verzerrt durch die ebenholzfarbene Haut, die sich deutlich sichtbar über ihren Knochen spannte. Und noch heute schauderte ihm, wenn er sich an den Blick ihrer Augen entsann, die wie rissige Kohlestücke glommen.
      Schmerzhaft zog sich seine Brust zusammen und heiße Tränen rannen über sein Gesicht. Ich erinnere mich an dich, Schwester. So lange haben wir zusammen der Dunkelheit widerstanden. Doch als du dich von mir trenntest, verfielst du der Finsternis. Als wir nach langer Zeit ein letztes Mal aufeinander trafen, ähneltest du mehr den Dämonen, die unsere Kultur auslöschten. Ton’Pal schluchzte, während sich das Licht um ihn herum langsam in ein düsteres Rot wandelte.
      "Doch auch das gehört zu meiner Vergangenheit", flüsterte der Nemphíli nach einer Weile. "Annai, meine geliebte Schwester aus sterblichen Tagen, mit deiner samtbraunen Haut. Annai, meine gewandelte Schwester, mit blasser Haut und weißem Haar. Verwandelt wie wir alle nach dem Zauber. Nie werde ich dein unwiderstehliches Lachen vergessen." Ton’Pal wischte sich eine der Tränen weg. "Aber auch Annai, meine gefallene Schwester, werde ich nicht vergessen. Darf dich nicht vergessen."
      Er hob seinen Kopf Richtung Scabond, wo noch der letzte Rest Himmel rot glühte, während über ihm bereits die Sterne dahinzogen. Ton’Pal ballte die Fäuste, bis sich die Fingernägel schmerzhaft in sein fahles Fleisch bohrten. Zum ersten Mal an diesem Tage erhob er laut seine Stimme, ließ seine Worte wie Peitschenknallen die Stille der kargen Landschaft durchbrechen. "Heute ist Myméro, der 'Tag der Rückbesinnung'. Ich gelobe niemals zu vergessen. Denn mit dem Vergessen schleicht sich die Dunkelheit in unsere Herzen." Und mit rauer Stimme fuhr er fort. "Erinnerungen sind das, was uns ausmachen. Sie geben uns Halt, Orientierung und Sinn. Doch ohne sie …"
      Als auch der letzte Schimmer des Tageslichts am Horizont entschwunden war, verließ Ton’Pal das Ruinenfeld Phidaras mit langsamen Schritten. Wie ein bleicher Schemen wandelte er alleine durch die Finsternis. Ein Schatten der Erinnerung für diesen Ort. Der vermutlich Älteste der untoten Nemphíli bei klarem Verstand hatte den alljährlichen Brauch des Myméro zelebriert. Und noch oft tauchten in jener Nacht die rituellen Worte in seinen Gedanken auf.
      Ich erinnere mich.



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      Das sechzehnte Türchen steht mitten zwischen friedlich grasenden Tieren auf der Wiese. Aus der Ferne erklingt eine wundervolle Flötenmelodie, ganz ausgezeichnet zum Tanzen geeignet und überaus fröhlich, und etwas näher stimmt eine andere Flöte in das lustige Spiel mit ein.



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      Die Flöte des Hirten

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      Am Rande des Dorfes lebte ein junger Mann alleine in der Hütte, die er von den Eltern geerbt hatte. Sie waren gestorben als er noch ein Kind war und so hatte er früh für sich selbst sorgen müssen. Cadwin war sein Name, und er war zu einem kräftigen Burschen herangewachsen, der sich vor keiner Arbeit scheute. Im Winter schlug er Holz, im Sommer half er als Tagelöhner auf den Feldern der Bauern. Er war geschickt beim Reparieren der Häuser und Gerätschaften und hatte ein gutes Händchen für die Tiere. Doch er war arm. Die Söhne der reichen Bauern lachten ihn aus, wenn er am Wochenende zum Tanzboden kam, die Mädchen schlugen die Augen nieder.
      Cadwin hatte ein Herz für Musik. Er ließ sich von den anderen nicht abhalten, zum Tanzboden zu kommen. Er freute sich an der lustigen Musik der Spielleute, fühlte sich leicht und frei beim Tanz. Wenn er draußen war mit den Schafen auf der Weide, dann spielte er auf einer Flöte, die er selbst geschnitzt hatte und träumte davon, beim Tanz aufzuspielen. Dass dann die Burschen die Augen niederschlugen und die Mädchen mit ihm tanzten.
      Eines Tages als er so am Wiesenrain saß vor den grasenden Tieren, da klangen Flötenklänge im Wind herüber, die nicht die seinen waren. Cadwin horchte auf. Es war eine fröhliche Melodie, lustige Klänge, die das Herz leicht machten und zum Tanze lockten. Cadwin aber lockten die Töne, in das Flötenspiel einzustimmen. Er setzte seine eigene Flöte an die Lippen, horchte und spielte und versuchte, an die fremde Musik anzuknüpfen. Ein Suchen und Finden in der Musik, ein fröhliches Spiel ohne Wettstreit. Und dann sah er den anderen Flötenspieler. Es war ein junger Bursche mit bloßen Füßen. Seine Kleidung war einfach, aber sauber. Ein wandernder Spielmann mit bunten Bändern am Hut. Der Fremde kam heran, setzte die Flöte ab und lachte. „Gut gemacht, Hirte!“ lobte er fröhlich.
      Auch Cadwin lachte. „Sei gegrüßt, Freund. Setz dich und raste ein Weilchen. Wie wohl tat mir deine Musik und wie schön ist der Klang deiner Flöte.“
      Der Fremde lüftete den Hut, dass der Sommerwind fröhlich durch seine blonden Locken zauste. „Das will ich gerne tun.“ Und so saßen sie und teilten ein einfaches Mittagsmahl. Die Flöten hatten sie ins Gras gelegt.
      „Ich wünschte, ich könnte so spielen wie du“, sagte Cadwin schließlich. „Du lebst als Spielmann von deiner Musik, ziehst herum mit deiner Flöte und bringst Freude unter die Menschen.“
      „Das kannst du doch auch“, antwortete der Fremde.
      „Sie lassen mich nicht“, sagte Cadwin traurig. „Sie lassen mich nicht beim Tanz aufspielen. Sie sagen, ich bin zu grob und zu plump. Zu niedrig für richtige Musik und Tanz und Feste.“ Er schaute bekümmert auf seine großen Hände, die von der schweren Arbeit schwielig und rau waren.
      „Willst du das denn?“ fragte der Fremde. „Willst du als Spielmann durchs Land ziehen und nur von der Musik leben?“
      „Himmel bewahre“, wehrte Cadwin ab, „nein, das wäre kein Leben für mich. Ich brauche die Scholle des Ackers und die Wurzeln im Dorf. Bin eher Ackergaul als Zirkuspferd. Aber ab und an beim Tanze aufzuspielen, das würde mir schon gefallen.“
      Da lächelte der Fremde. „Du bist ein kluger Bursche und hast ein gutes Herz. Es gefällt mir, dass du keine Arbeit scheust und mit deinem Platz zufrieden bist. Und doch kann Musik nicht schaden. Lass dir das von den anderen nicht ausreden.“
      „Ach“, sagte Cadwin, „es ist ja nur so ein Traum… und es ist ja auch nur die Flöte, die ich mir in Kindertagen geschnitzt habe.“
      Der Fremde nahm Cadwins Flöte, besah sie mit Kennerblick. „Es ist nicht die Flöte, die die Musik macht“, urteilte er. „Es ist der Spieler, auf den es ankommt.“ Er setzte Cadwins Flöte an die Lippen, die einfache Flöte geschnitzt aus Holunderholz. Mit flinken Fingern spielte er eine Melodie, so fröhlich und lustig, dass sie zum Tanze lockte. Töne so rein und klar, wie Cadwin sie noch nie gehört hatte. Es zuckte in seinen Füßen und auch die Schäflein kamen fröhlich herbeigesprungen. Sie drehten sich im Kreis, jagten fröhlich umeinander. Cadwin sprang auf und tanzte im fröhlichen Reigen mit. Lachend drehte er sich um und um und als der Flötenspieler innehielt, da fiel er lachend zu Boden. „Das ist Zauberei“, rief Cadwin fröhlich.
      „Das ist Musik“, antwortete der andere nur. Er wog die Flöte in den Händen, sah dann mit lustig blitzenden Augen auf den Hirten. „Wir wollen tauschen“, schlug er vor. „Ich nehme deine Flöte und ziehe damit weiter – du nimmst meine Flöte und spielst am Wochenende beim Tanz. Spiel, auch wenn sie dich hindern wollen, die Musik wird ihr Werk tun.“
      Cadwin wusste sich vor Freude nicht zu fassen. Er nahm fast ehrfürchtig die Flöte des Fremden, ein schlankes Instrument, zierlich aus Bein geschnitzt. „Ich weiß nicht, wie ich dir danken soll!“
      Der Fremde lachte. „Spiel, das ist mir Dank genug. – Aber halte Maß und denk an die Freude der Tänzer.“
      „Das will ich tun.“
      Der Fremde nickte ihm zu. Er stand auf, schob den Hut aus der Stirn und setzte die Flöte wieder an die Lippen. Er ging davon mit einem Lied und die bunten Bänder flatterten lustig hinter ihm.
      Am nächsten Wochenende ging Cadwin zum Tanzboden. Er hielt die Flöte in den Händen und wollte sich diesmal nicht entmutigen lassen. Doch schon am Eingang zum Saal da standen die Burschen, die Söhne der Bauern in ihren schmucken Anzügen. Sie lachten über Cadwin in seinem einfachen Gewand. Dommel war der eine, der das Wort führte und Bron sein Kumpan, der immer rasch mit Fäusten dabei war. Und da standen noch andere Burschen in ihrem Alter, schon erhitzt von Tanz und Schnaps.
      „Heda“, rief Dommel, „wer kommt denn da?“
      Die anderen lachten und Bron gab Cadwin einen groben Stoß, dass er taumelte. „Hast dich rausgeputzt“, spottete er, „glaubst unsresgleichen zu sein?“
      Cadwin, der sich sonst still vorbeigedrängt hatte, um zur Musik und dem Tanz zu kommen, der blieb stehen und setzte die Flöte an die Lippen. Spiel – hatte der Fremde geboten – und spielen würde er. Seine Finger tanzten über das feine Instrument und mit den ersten klaren Tönen ging ein Ruck durch die frechen Burschen. Ihre Füße zuckten, ihre Körper streckten sich und wie von fremder Macht gesteuert, begannen sie zu tanzen. Sie tanzten hinein in den Saal, Cadwin ging hinterdrein. Und kaum dass die Flötentöne auf dem Tanzboden erklangen, da lockten sie auch all die anderen zum Tanz. Männer und Frauen, Jung und Alt, sprangen auf die Tanzfläche, drehten sich fröhlich im Kreis, wirbelten beschwingt umeinander. Das war ein Schwingen und Lachen und Drehen, dass es eine wahre Freude war. Cadwin spielte ein zweites Lied, hielt dann aber inne, um den Tänzern Erholung zu gönnen. Die Leute klatschten und jubelten als Lohn und die Mädchen sahen ihn wohlgefällig an. Nie zuvor hatten sie bemerkt, wie groß und kräftig Cadwin war, mit breiten Schultern und hübschem Gesicht. Nie zuvor hatten sie ihn auch nur angesehen.
      Dommel und Bron aber lachten nicht. Sie brodelten vor Zorn, dass er sich ihnen zu widersetzen wagte. Mit diesem Zorn traten ihm die beiden entgegen und Gewalt lag in der Luft.
      „Lasst ihn“, sagten da die Mädchen. „Er hat so schön gespielt. Nie hatten wir so viel Spaß beim Tanzen!“ Und wieder gingen ihre Blicke wohlgefällig zu Cadwin.
      „Lasst ihn“, sagten da auch die alten Bauern, die keinen unnützen Streit wollten, der das schöne Fest verdarb.
      „Lasst ihn“, sagten da auch die Spielleute, deren Musik er übertönt hatte. „Der Bursche soll mit uns zusammen spielen und es wird ein Fest, wie es keiner gesehen hat. Lasst ihn durch, dass er sich zu uns setze und gebt ihm ein Bier für die gute Laune!“
      Und da mussten Dommel und Bron ihn ziehen lassen. Ihr Groll wurde deshalb nicht geringer und mit finsteren Mienen verzogen sie sich in eine Ecke.
      Cadwin aber, der setzte sich zu den Spielleuten und stimmte in ihre Musik ein. Und immer wenn er spielte, dann riss es die Leute von ihren Sitzen. Dann zuckten alle Füße und sprangen zum Tanz. Doch er hielt Maß, wie es der Fremde geraten hatte. Er machte Pausen und ließ die Tänzern zu Atem kommen. Und er tanzte auch selbst, froh und dankbar, wie sich durch den Tausch der Flöten alles zum Guten gewendet hatte.
      Doch da waren noch Dommel und Bron, die Cadwin nicht aus den Augen ließen. Groll und Neid nagten an ihnen und sie warteten auf eine Gelegenheit, es Cadwin heimzuzahlen. Das war als Cadwin vor die Tür trat, um frische Luft zu schöpfen und nach den Sternen zu sehen – da fielen sie über ihn her, schlugen und beschimpften ihn und entwanden ihm die Flöte. Sie nahmen ihm die Flöte des Spielmannes! Sie warfen Cadwin zerschlagen in eine Ecke und zogen mit stolzgeschwellter Brust hinein in den Tanzsaal. Wohl fragten die anderen, was gewesen sei, aber da setzte Dommel die Flöte an die Lippen und spielte. Ach weh, die Töne klangen schief und schrill – und doch zwangen sie die Leute zum Tanzen. Ein wilder, böser Tanz, ohne Anmut und Freude. Die Tänzer stießen zusammen, sprangen atemlos im Kreis, prallten gegen Tische und Wände. Geschirr ging in Scherben, gutes Bier wurde verschüttet. Und immer noch mussten alle tanzen. Auch Cadwin hörte die schrille Musik, auch seine Füße zuckten zum Tanz, aber Schmerz und Scham waren stärker und hielten ihn am Boden.
      Dommel aber spielte weiter auf der Flöte. Auch er sprang dazu im Kreis, gezwungen von den eigenen Tönen. Er tanzte und spielte mit vor Entsetzen verzerrtem Gesicht. Er konnte nicht aufhören, konnte nicht stehenbleiben und musste zusehen, wie die ersten Tänzer kraftlos darnieder sanken. Manch einer versuchte, ihn am Spielen zu hindern. Es gab ein wildes Ringen und Rangeln, Schubsen und Ziehen. Endlich gelang es, Dommel zu stoppen. Er stürzte, die Tänzer sanken matt zu Boden – und die Flöte, die war entzwei gebrochen in dem wilden Kampf. Ein Stück hielt Dommel noch in verkrampften Händen, das andere hatte Bron umklammert. Die Flöte war entzwei.
      Da war Stille im Raum.
      Cadwin kam, mit blassem Gesicht und blutiger Stirn. Ohne ein Wort nahm er die Bruchstücke der Flöte an sich, ging davon und war traurig. Auf dem Tanzboden aber, da wurde es laut. Da mussten Dommel und Bron Schimpf und Schande des Dorfes ertragen. Sie hatten das Fest zerstört, sie hatten Schaden angerichtet mit ihrem tumben Neid. Sie hatten sich lächerlich gemacht, und ihre Väter grollten, als sie die Zeche beim Tanzwirt zahlen mussten. Die Mädchen aber, die sahen Cadwin traurig nach und seufzten, weil die schöne Musik vorbei war.
      Es war eine bittere Nacht für Cadwin. So viel hatte die Flöte ihm geschenkt und nun war alles wieder verloren. Doch siehe, am nächsten Tag sprachen die Bauern anerkennende Worte. Sie dankten Cadwin für seine Musik und fragten, ob er auch zum nächsten Tanzfest aufspielen würde. Die Mädchen lächelten für ihn. Und Dommel und Bron, die gingen ihm aus dem Weg und schlichen davon wie geprügelte Hunde. Da bekam Cadwin wieder Mut, und er erinnerte sich an die Worte des Spielmannes. “Es ist nicht die Flöte“, hatte der gesagt, „sondern der Spieler.“ Und so nahm Cadwin weißes Holunderholz, schnitzte sich eine neue Flöte, mit all seiner Liebe für die Musik. Dann beim nächsten Fest spielte er damit auf dem Tanzboden auf. Und siehe, die Klänge lockten die Menschen wieder zum Tanze. Nicht aus Zwang oder Zauberkunst, sondern weil sein Spiel so schön und mitreißend war. Cadwin spielte von da an immer wieder. Man schätze ihn hoch, ein jeder hatte ihn gern zum Freund. Und die Mädchen, die freuten sich, wenn er mit ihnen tanzte. Zum Erntefest nahm er dann das Mädchen zur Braut, das er am liebsten gewonnen hatte. Sie lebten lange glücklich und zufrieden. Und immer klangen Lachen und Musik in ihrem Haus.


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      Das siebzehnte Türchen ist schneebedeckt, eine Gruppe frierender Reiter begibt sich hindurch. Ihr Ziel ist ein Dorf - doch Rast suchen sie nicht.



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      Der Magierjäger

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      Es war ein ungewöhnlich kalter Winter. In Egemenoi war mehr Schnee gefallen, als Perilos in den vergangenen fünfundzwanzig Jahren seines Lebens gesehen hatte. Meist legte sich nur eine feine weiße Decke über die Stadt, die rasch wieder schmolz, doch dieses Jahr war sie mehrere Finger dick. Bereits der Herbst war kalt und verregnet gewesen und die Ernte war nicht gut ausgefallen, sodass man gezwungen war, teures Getreide aus dem verräterischen Süden zu importieren. Sich einfach mit Gewalt zu holen, was dem Reich zustand, war nicht möglich, gab es doch zu viele andere Probleme, als dass man Soldaten nach Ilnoy hätte schicken können.
      Es war ein verfluchtes Jahr. Dieser Gedanke war zunächst ohne tiefere Bedeutung gewesen. Doch nachdem im Frühling viele Lämmer gestorben waren, und die Sonne im Sommer erbarmungslos die Felder verdörrt hatte, begriffen die Menschen, dass er richtig war. Das Jahr war tatsächlich verflucht.
      Angst hatte sich in die Herzen geschlichen, die mancherorts zu einer Panik geworden war, derer nicht wenige zum Opfer fielen, die man mit dem Unglück in Verbindung brachte.
      Neunzehn Jahre war es nun her, dass die lange Herrschaft der Magier über das Reich beendet worden war. Sie hatten sich am Ende gegenseitig in ihrer Gier nach Macht bekämpft und das Volk, welches über Jahrhunderte von ihnen versklavt worden war, hatte dies genutzt, sich gegen sie aufzulehnen und sie zu vernichten. Einige Magier hatten sich auf die Seite der Rebellen gestellt, doch waren diese nicht so töricht gewesen, wie ihre Vorfahren, die sich der Hilfe der Zauberer bedient und sich so ins Unglück gestürzt hatten. Nachdem sie den letzten Magierfürsten niedergerungen hatten, war Teredias zum Kaiser ernannt worden. Er hatte befohlen, alle Magier im Reich zu jagen und unschädlich zu machen – wofür sich Feuer angeboten hatte.
      In fast jedem Dorf war es seitdem zu Übergriffen auf Menschen gekommen und es war offensichtlich, dass nicht immer tatsächlich Schuldige dabei umkamen. Doch der leiseste Verdacht konnte bereits tödlich sein.
      Kaiser Teredias wollte keine Lynchjustiz erlauben. Es herrschte schon zu viel Chaos in dieser Zeit. Aber wenn die Bevölkerung nicht selbst gegen die Magier vorgehen sollte, so war es seine Aufgabe. Also hatte Teredias Agenten ernannt, denen es zufiel, Magier zu finden und ihrer gerechten Strafe zuzuführen.
      Perilos war einer dieser Agenten. Stolz hatte ihn erfüllt, als er im Thronsaal von Egemenoi den Siegelring erhalten hatte, der ihn als direkt dem Kaiser – und nur dem Kaiser – unterstellt auswies. Er brannte darauf, seine neue Aufgabe auszuführen, hatte sein Vater ihm doch erzählt, wie grausam und willkürlich die Magierfürsten gewesen waren.
      »Deinen Großvater haben sie auf dem Gewissen«, hatte Perilos’ Vater ihm am Vorabend seiner Abreise gesagt. »Hab so wenig Erbarmen mit den Magiern, wie sie es mit ihm hatten.«
      Perilos hatte sich dies zu Herzen genommen. Er würde keine Gnade zeigen, denn die Magier hatten über dreihundert lange Jahre auch niemals Gnade mit dem einfachen Volk gehabt. Perilos erinnerte sich selbst daran, wie er in seiner Kindheit, während der Magierkriege, ständig auf der Flucht gewesen war. Nein, die Zeiten des Schreckens waren vorbei und Perilos würde dafür sorgen, dass sie niemals wiederkämen.
      »Habt Ihr mir zugehört, Herr?«
      »Was?« Perilos schaute zu dem Bauern, der neben ihm am Stall stand, in dem sich die Schafe, dürre und krankaussehende Tiere, eng aneinander drängten. »Jaja, ich habe zugehört.« Nun, es stimmte nur bedingt, doch das Wichtigste hatte Perilos mitbekommen. Er deutete auf einen Berghang in einiger Entfernung, auf dem ein einzelner Turm stand. »Dort soll er sich eingenistet haben?«
      »Ja, Herr«, sagte der Bauer und nickte. »Von dort kommt er morgens immer hinunter zu den Feldern und Weiden, um die Tiere und das Getreide zu verhexen. Das Land hier ist nicht sehr fruchtbar, doch seit er hier ist, ist es noch schlimmer geworden. Wir haben so gut wie nichts zu essen diesen Winter! Der Kaiser muss uns helfen, wenn wir nicht ...«
      »Der Kaiser wird euch helfen«, sagte Perilos, ohne dem Bauern weitere Beachtung zu schenken, und beobachtete den Turm. Weiß und dürr wie ein Skelettfinger ragte er auf. Einst hatte hier einer der Magierfürsten residiert und mit eiserner Faust das Land beherrscht.
      »Wir dachten, die Zeiten wären längst vorbei«, sagte der Bauer, als habe er Perilos’ Gedanken gelesen. »Nun ist wieder einer dieser Teufel hier. Mögen uns die Göttlichen schützen!«
      Warum sollten sie euch nun beschützen, wenn sie es vorher auch nie getan haben?, dachte Perilos, sagte aber: »Sei unbesorgt. Wir werden euch schützen. Du sagtest, er käme meist morgens?«
      »Immer in den frühen Morgenstunden, wenn die Sonne noch nicht hinter den Bergen aufgetaucht ist«, bestätigte der Bauer.
      Perilos nickte und wandte sich dann an den Hauptmann, der ihm mit seinem kleinen Soldatentrupp zur Seite gestellt worden war. Die Männer trugen Mäntel, unter denen ihre Rüstungen nicht sogleich zu entdecken waren. Perilos wollte nicht, dass allein ihr Anblick bereits mögliche Hexer vorwarnen würde.
      »Wir werden uns in der Scheune auf die Lauer legen«, sagte Perilos dem Hauptmann, der um einiges älter als er war. Er hatte Perilos zu verstehen gegeben, dass er Zauberer über alles hasste, da er wegen ihnen Frau und Kinder verloren hatte.
      »Solltet Ihr es nicht über Euch bringen, einen dieser Hunde zu erledigen, weil er Euch mit seinen teuflischen Worten einlullt, dann werde ich es mit Freuden übernehmen, Herr«, hatte der Hauptmann gesagt und Perilos war froh, ihn an seiner Seite zu wissen.

      Die Nacht verbrachten die Männer im hinteren Bereich der Scheune, von wo aus sie nicht sogleich zu sehen waren. Zwei von ihnen saßen aber links und rechts vom Scheunentor, um den Magier sofort ergreifen zu können, wenn er eintrat. Auf dem Heuboden saß ein weiterer Soldat, der Pfeil und Bogen griffbereit liegen hatte. Sie wollten den Magier lebend ergreifen, um ihn befragen zu können, doch im Notfall würde eben Blut fließen müssen. Nach einer Weile wechselten sich die dort wartenden Männer mit den übrigen Sieben ab, die hinter den Schafen schliefen. Perilos wollte zunächst die ganze Nacht wach bleiben, ließ sich dann jedoch davon überzeugen, dass er übermüdet niemandem nutzen würde. Er hatte jedoch darauf bestanden, die letzte Schicht am Scheunentor zu übernehmen, in der es am wahrscheinlichsten war, dass der Hexer erscheinen würde. Der Hauptmann hatte ihm zwar vorgeschlagen, dass er doch lieber auf dem Heuboden mit dem Bogen sitzen solle, aber Perilos ihm gesagt, dass er den Hexer persönlich ergreifen wollte. Dies war zwar nicht völlig falsch, doch der Hauptgrund war eigentlich, dass Perilos ein miserabler Schütze war.
      So wartete die Truppe die ganze Nacht über und am nächsten Morgen begann bereits die Sonne, über die Berge im Osten zu steigen. Perilos, der an der Scheunenwand lehnte, hatte bereits die Hoffnung aufgegeben, dass der Magier erscheinen würde. Wahrscheinlich hatte er bemerkt, wie ihre Gruppe das beschauliche Bergdorf erreicht hatte, und war misstrauisch geworden. Alleine und unbemerkt auf die Magierjagd zu gehen, war jedoch keine Alternative. Ein einzelner Mann war einem Zauberer absolut unterlegen – selbst wenn man bedachte, dass die wirklich mächtigen unter ihnen sich im großen Krieg gegenseitig vernichtet hatten.
      Perilos öffnete bereits den Mund, um den Befehl zu geben, ihre Positionen zu verlassen, als er Schritte hörte. Für einen Augenblick dachte er, es könne der Bauer sein, doch dann fiel ein Schatten in den Stall. Perilos erkannte, dass die Gestalt einen weiten Umhang trug und sich anders bewegte als der Bauer, der ein wenig hinkte und eine wesentlich gedrungenere Figur hatte. Als der Magier eintrat, begannen die Schafe zu blöken und einen Moment blieb Perilos wie angewurzelt stehen. Dann sprang er auf den Hexer zu.
      »Jetzt!«, rief er dabei, was seinen Männer das Zeichen gab, hervorzukommen. Er packte den Magier am Mantel, doch wich dieser sofort einen Schritt zurück ins Freie und griff seinerseits nach Perilos’ Arm. Noch ehe der Soldat auf der anderen Seite des Scheunentores bei ihnen war, hatte der Zauberer Perilos’ Arm schmerzlich auf seinen Rücken gedreht und hielt den Agenten nun vor sich.
      »Kein Schritt weiter, wenn ihm nichts geschehen soll!«, befahl der Magier. Perilos versuchte, sich zu befreien, doch der Zauberer festigte nur seinen Griff. Perilos blickte hinauf zum Dachboden. Der Bogenschütze hatte seine Waffe gespannt und auf den Magier gerichtet – das Problem war nur, dass Perilos zwischen ihm und seinem Ziel stand. »Werft eure Waffen fort!«
      Die Männer zögerten. Perilos fühlte, wie eine Hand des Magiers ihn losließ, doch ehe er reagieren konnte, fühlte er kaltes Metall an seiner Kehle.
      »Weg mit euren Waffen, sonst passiert ein Unglück!«
      »Ha!« Der Hauptmann trat hervor und hielt eines der Wurfmesser in der Hand, von denen weitere in seinem Gürtel steckten. »Und was wäre das Unglück? Dass du einen Mann tötest, den ich kaum kenne? Sobald du das getan hast, hat Meros da oben freie Schussbahn und wird dich erledigen – wenn ich ihm nicht zuvorkomme.«
      Warum, bei der ewigen Finsternis, habe ich eigentlich diesen Auftrag angenommen?, fragte sich Perilos, als der Magier ein paar Schritte zurückging und ihn mit sich zerrte. Mutter hatte wahrscheinlich recht; der Posten sollte nur eine Ehrung für die Verdienste meiner Familie sein. Dumm nur, wenn es dann mal ernst wird ...
      »Meros, schieß deinen Pfeil ab«, befahl der Hauptmann.
      »Herr?«
      »Wenn du den Agenten triffst, ist es eben ein Unglück. Er wusste, dass seine Arbeit gefährlich sein würde und er würde es verstehen.«
      Perilos traute seinen Ohren nicht, aber in seinem Innersten wusste er, dass ihn das Verhalten des Hauptmannes eigentlich nicht zu verwundern brauchte. Der Mann hatte durch die Magier so viele Opfer zu beklagen, dass es ihm egal war, wenn beim Erledigen eines von ihnen ein Unschuldiger umkam – es war ein Unglück, aber doch zu verkraften. Er konnte es ihm eigentlich nicht wirklich übel nehmen. Lediglich, dass er dieser Unschuldige war, störte ihn an der Sache gewaltig.
      Als Meros die Sehne losließ, schien es Perilos, als bewege sich die Welt langsamer. Der Pfeil schien sich seinen Weg mühsam und träge durch die Luft zu bahnen. Auch die Bewegungen der Männer, die er jedoch nur am Rande wahrnahm, kamen ihm schleppend vor und das Blöken der aufgebrachten Schafe war seltsam langgezogen.
      Der Pfeil wird sich direkt in meine Stirn bohren, dachte Perilos, als das Geschoss nur noch zwei Fuß von ihm entfernt war. Ich könnte vielleicht einen Schritt zur Seite gehen.
      Doch noch bevor er dies tun konnte, änderte der Pfeil seine Flugbahn und raste, nun in völlig normaler Geschwindigkeit in einer scharfen Kurve so nah an seinem Gesicht vorbei, dass Perilos den Luftzug spürte, und bohrte sich in einen Baum, der einige Schritte von ihnen entfernt stand. Einen Augenblick dachte Perilos, die Zeit stehe nun völlig still, da niemand sich regte. Die Männer starrten ihn und den Magier an, der immer noch sein Messer an Perilos’ Hals hielt. Dann drehten sie langsam ihre Köpfe zu dem Baum und wieder zu ihnen.
      In dem Moment fühlte Perilos, wie der Magier sein Messer fortnahm, ihn losließ und nach vorne schubste, sodass er auf den gefrorenen Boden fiel. Der Hauptmann war von der ganzen Situation noch so verwirrt, dass er es zunächst völlig vergaß, sein Messer zu werfen. Als er sich dann jedoch besann, schleuderte er die Waffe dem Magier erfolglos hinterher, der zu einem Pferd rannte, welches hinter dem Zaun angebunden war, der das Grundstück des Bauern begrenzte. Soldaten rannten an Perilos vorbei, um den Zauberer zu ergreifen, doch sie waren nicht schnell genug und der Mann war bereits auf dem Pferd, dem er einen Stoß in die Flanken gab, woraufhin es lospreschte.
      Perilos schaute dem Magier hinterher, der sich immer weiter vom Hof entfernte und auf den Turm zuritt. Wenn sie nun schnell genug waren, konnte ihm dies teuer zu stehen kommen. Perilos bemerkte, wie der Hauptmann sich neben ihn stellte und ihm eine Hand reichte. Perilos griff danach und wurde auf die Beine gezogen. Der Hauptmann sah ihn mit einem flüchtigen Blick an, schaute dann jedoch zu Boden.
      »Versteht das Ganze nicht falsch, Herr«, begann er, aber Perilos klopfte ihm auf die Schulter.
      »Schon gut«, sagte er, obwohl er nicht wusste, ob es stimmte.
      Einer der Soldaten hob einen Beutel auf, den der Magier bei seiner Flucht fallengelassen hatte, und reichte ihn Perilos, der vorsichtig hineinspähte. In ihm waren verschiedene Pflanzen, von denen manche recht exotisch wirkten. Hiermit hatte er die Tiere also vergiftet.
      Inzwischen kam der Bauer herausgelaufen, was Perilos nur recht war. Er unterbrach den Mann, der ihn mit besorgten Fragen überhäufte, und forderte ihn auf, zum benachbarten Gasthaus zu gehen, und sein und das Pferd des Hauptmannes zu holen. Die anderen Männer hatten keine Reittiere. Sie würden zu Fuß gehen müssen und vielleicht erst ankommen, wenn Perilos und der Hauptmann bereits alles erledigt hätten.

      Der Weg zum Turm gestaltete sich auf seinem letzten Abschnitt schwieriger, als sie vermutet hatten. Perilos und der Hauptmann hatten das Poltern von Steinen vor sich auf dem schmalen Pfad gehört und, als sie um eine Biegung ritten, gesehen, dass mehrere Felsbrocken hinuntergestürzt waren und ein Weiterreiten verhinderten. Der Magier wollte ihnen die Verfolgung offensichtlich nicht leicht machen. Seine Jäger waren nun gezwungen, von ihren Pferden zu steigen, und über das Geröll zu klettern, um ihm dann weiter zu Fuß zu folgen, doch brachte ihm der Vorsprung wenig. Sie erreichten den Vorplatz des schmalen, weißen Turmes, als der Zauberer sich gerade von seinem Pferd schwang und in den hineineilte. Er machte sich nicht einmal mehr die Mühe, die Tür zu schließen. Seine Flucht war Hals über Kopf und führte ihn geradewegs in die Falle.
      Perilos und der Hauptmann zögerten einen Moment und begutachteten den Turm, der hoch über die Felsen ragte und aus dessen Mauerwerk viele Statuen erwuchsen, die sie von weitem nicht gesehen hatten und die sie wie stumme Wächter, zu beobachten schienen. Dann zogen Perilos und der Hauptmann ihre Schwerter und folgten dem Magier in einen runden Raum, der wohl einmal eine prächtige Eingangshalle gewesen war. Nun war er jedoch verwüstet und eine dicke Staubschicht auf der umgestürzten und zerbrochenen Statue einer unbekleideten Schönheit zeigte, dass dies wohl die Spuren eines vor langer Zeit gekämpften Kampfes waren.
      »Wartet hier«, wies Perilos seinen Hauptmann an. »Ich gehe nach oben, wir können nicht warten, bis die Männer da sind.«
      Perilos wusste nicht, ob sein Vorhaben klug war, doch fasste er sich ein Herz und schob alle Zweifel beiseite, als er der Wendeltreppe, die sich in der Mitte des Raumes befand, nach oben folgte. Mit seiner rechten Hand umklammerte er den Griff seines Schwertes, doch das Gewicht der Waffe beruhigte ihn nur wenig. Was würde sie gegen einen Magier ausrichten können, der Pfeile abwehren konnte, ohne auch nur einen Zauberspruch formulieren, oder eine Geste mit der Hand machen zu müssen?
      Jedes Stockwerk hatte nur ein einzelnes Zimmer, was es Perilos leicht machte, sich davon zu versichern, dass der Zauberer sich nirgendwo verstecken konnte. Die meisten der Möbel waren zertrümmert, nicht wenige waren von Ruß geschwärzt. Natürlich hatte Perilos sich informiert, welcher Magierfürst hier seinen Sitz gehabt hatte. Er schien ein wahrer Eigenbrötler gewesen zu sein. Zu den Konventen der anderen Fürsten war er nur selten erschienen und die Dorfbewohner hatte er so gut wie nicht beachtet – zu ihrem Glück. Trotzdem hatte er von ihrer Arbeit gelebt und es sich gut gehen lassen. Er hatte sich an Sklavenarbeit bereichert. Perilos verlangsamte seinen Gang. Der Magier konnte nicht entkommen.
      »Ich weiß, wer Ihr seid«, rief Perilos. »Ihr seid der Schüler des Magierfürsten, der hier einst herrschte.«
      Es folgte ein Moment der Stille, dann antwortete der Magier.
      »Ihr seid gut informiert.«
      Es waren nur noch wenige Schritte bis zum letzten Stockwerk, in dem sich der Magier befand.
      »Ergebt Euch besser.«
      Ein freudloses Lachen erklang.
      »Warum? Soll ich es Euch leichter machen, mich zu verbrennen?«
      Eigentlich hatte der Zauberer recht. Was würde ihm die Aufgabe bringen? Für ihn bestand keine Hoffnung und das würde ihn zu einem erbitterten Gegner machen. Vorsichtig stieg Perilos die letzten Treppenstufen hinauf und fand sich im höchsten Raum des Turmes wieder, in den sich der Magier einigermaßen häuslich eingerichtet hatte.
      »Es war von Euch ein Fehler, hier hinaufzufliehen«, sagte Perilos, der nun den Zauberer, der vor einem Balkon stand, dessen Geländer abgebrochen war, das erste Mal wirklich betrachten konnte. Er musste zu Zeiten der Rebellion noch ein junger Mann gewesen sein, wenngleich er vorzeitig gealtert aussah. Er war hager und seine Augen lagen tief im Schädel. Sein Gesicht von langem Haar und Bart umrahmtes Gesicht hätte edel aussehen können, wäre es nicht so abgemagert gewesen. Mit dem linken Arm hielt er ein dickes, in wurmstichiges Leder gebundenes Buch an seinen Körper gepresst, mit der rechten Hand umklammerte er ein Schwert, an dem der Zahn der Zeit seine Spuren hinterlassen hatte.
      »Lasst mich einfach gehen, und ich versichere Euch, nicht wiederzukommen«, sagte der Magier, der sichtlich nervös zu sein schien.
      »Einem Magier vertrauen?«, fragte Perilos. »So, wie mein Volk Eurer Gilde damals, vor so langer Zeit vertraut hatte, als sie es gegen seinen rechtmäßigen Kaiser aufhetzte?«
      »Euer Volk ist auch mein Volk«, sagte der Zauberer. Seine Stimme war nur ein Flüstern.
      »Werft jetzt das Schwert weg!«, befahl Perilos ihm, doch er streckte ihm den Arm mit der Waffe nur entgegen, wie es ein Rekrut bei seiner ersten Kampfübung tun würde.
      Perilos machte ein paar Schritte auf ihn zu und der Magier wich zurück. In seinen Augen erkannte Perilos Furcht, was ihn seltsamerweise selbst verunsicherte. Perilos täuschte einen Schlag vor und der Magier hielt seine Klinge schützend vor sich und zuckte zusammen, wobei ihm fast das Buch hinunterfiel. Wahrscheinlich war er nur für diesen Folianten noch einmal hierhergekommen. Was für dunkle Geheimnisse mochte er beinhalten?
      Dies ist kein gerechter Kampf, dachte Perilos und parierte mühelos einen Konter seines Gegners.
      Perilos’ Angriffe setzten dem Magier sichtlich zu, der sie nur mit Müh und Not abwehren konnte und von ihm immer weiter nach hinten gedrängt wurde. Sie standen bereits beide auf dem kleinen Balkon und drückten ihre Klingen aneinander. Perilos musste nur seine Kraft bündeln und den Magier einen weiteren Schritt nach hinten drängen, dann wäre der Kampf vorbei. Der Zauberer wusste, dass er direkt am Abgrund stand und Schweiß stand auf seiner Stirn. Perilos konnte dem Ganzen nun ein Ende bereiten, doch er zögerte.
      »Lasst mich gehen«, versuchte es der Magier noch einmal.
      Perilos grinste. Wenn es ausweglos war, starben die Hexer nicht erhobenen Hauptes, sondern begannen, feige um ihr Leben zu betteln.
      »Es tut mir fast ein wenig leid, Euch zu töten«, sagte Perilos. »Wo Ihr mir doch vorhin das Leben gerettet habt, als der Pfeil auf mich zuflog.«
      Der Magier starrte ihn an. Dann lachte er heiser.
      »Glaubt mir, so etwas können nur talentiertere Magier, als ich es bin.«
      Der Zauberer nutzte den Augenblick der Verwirrung, den er in Perilos hervorgerufen hatte. Er ließ sein Buch fallen und packte Perilos’ Arm. Noch ehe er überhaupt reagieren konnte, warf der Magier ihn zur Seite. Perilos ruderte mit den Armen. Der Moment schien ihm wie eine unerträgliche Ewigkeit anzudauern. Dann stürzte er. Sein Herz setzte für ein paar Schläge aus und es war mehr als nur ein wenig Glück, dass Perilos nicht in die Tiefe stürzte. Er wusste selbst nicht, wie er es bewältigt hatte, doch nun umklammerte er mit beiden Armen die Statue eines Sagengeschöpfes mit dem Kopf eines Vogels und dem Körper einer Frau und sein Herz schien die Schläge, die es beim Sturz vergessen hatte, nun mit zehnfacher Geschwindigkeit nachzuholen. Zwei Manneslängen über ihm befand sich der Balkon, von dem der Magier hinunterspähte.
      »Ich wollte das alles nicht!«, rief er. »Ich wollte doch nur Unrecht wieder gut machen!«
      Perilos wollte ihn fragen, warum er ihn dann hinuntergeworfen hatte, doch ein beängstigendes Knacken, welches vom Halse der Statue, den er umschlungen hatte, ausging, ließ ihn verstummen. Er blickte herunter und sein Magen verkrampfte sich. Den Sturz würde er nicht überleben. Er schloss die Augen und richtete ein Stoßgebiet an irgendeinen der Göttlichen. Ihm war völlig gleich, welcher es hörte und welcher sich seiner erbarmte. Er nahm seinen Mut zusammen und schaute erneut kurz herunter und es bestätigte sich, was er beim ersten Mal gar nicht wirklich beachtet hatte: Der Hauptmann stand nicht mehr auf seinem Posten vor der Tür.
      Wahrscheinlich hatte er sie kämpfen gehört und war nun auf dem Weg nach oben, um ihm zu helfen. Es würde sich alles vielleicht doch noch zum Guten wenden. Und tatsächlich; als er aufschaute, sah er, wie ein Seil neben ihm herunterbaumelte. Perilos seufzte erleichtert.
      »Hauptmann, ich ...« Er brach ab. Oben stand nicht der Hauptmann, sondern der Magier.
      »Denkt daran, wenn wir wieder aufeinandertreffen, auch wenn ich es nicht hoffe!«, sagte der Magier und deutete auf das Seil, welches er an einem noch vorhandenen Teil des Geländers direkt an der Wand des Turmes festgebunden hatte.
      Perilos war sprachlos und wusste nicht, ob er das Seil tatsächlich ergreifen konnte, oder ob es eine Falle war. Dann verschwand der Magier aus seinem Sichtfeld. Als der Hals der Statue erneut – und diesmal noch bedrohlicher – knackte, packte Perilos das Seil. Was hatte er in dieser Situation schon zu verlieren? Während er sich langsam hinaufzog, hörte er über sich in dem Raum einen Schmerzensschrei und ein Poltern. Er stoppte einen Moment, kletterte jedoch weiter, als er merkte, wie der Kopf der Statue unter seinen Füßen nachgab. Als er den Balkon fast erreicht hatte, erschien der Hauptmann auf ihm, kniete sich nieder und streckte Perilos die Hand entgegen, um ihn hinaufzuziehen. Perilos blieb einen Moment liegen, während der Hauptmann ihm mit grimmiger Genugtuung erzählte, wie er den Magier mit einem seiner Wurfmesser an der Flucht gehindert hatte.
      »Das mit dem Pfeil war wohl nur Glück von ihm«, sagte der Hauptmann. »Meinen Dolch konnte er nicht so einfach abwehren.«
      Weil er kein so mächtiger Magier war, als dass er Pfeile oder Dolche hätte abwehren können, dachte Perilos, während er in den Raum spähte, in dem der Zauberer nun regungslos mit einem Messer in der Brust auf dem Rücken lag. Der Gedanke löste Unbehagen in ihm aus.
      Mit zittrigen Knien stand Perilos auf und griff dabei nach dem Buch, welches der Magier während ihres Kampfes auf dem Balkon fallengelassen hatte. Er schlug es auf.
      »Hexenwerk«, sagte der Hauptmann und spuckte aus.
      Perilos nickte geistesabwesend und las den Titel:
      Die heilende Magie der Pflanzen.


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      Feedback zu den Adventskalendertexten könnt ihr HIER geben. Die Texte sind wie jedes Jahr zunächst anonym, damit ihr - wenn ihr wollt - Autoren raten könnt. Wenige Tage nach Weihnachten wird aufgelöst, welcher Text von wem stammt, dann können die Autoren dort im Thread gesammelt auf das Feedback antworten.


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      Das achtzehnte Türchen ist hoch und breit, oberhalb steht in riesigen Lettern "Annod". Es ist ein Stadttor und es ist fest verschlossen - außer für uns.



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      Heraike, die erste Flamma

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      Die Belagerung hatte ihr dreizehntes Jahr erreicht und Annod litt. Die Vorräte waren fast verbraucht und die alte Stadt siechte langsam ihrem Ende entgegen. Traurigerweise war es gerade der Tod ihres Kaisers gewesen, der ihnen überhaupt bisher das Leben gerettet hatte. Ein Drache aß nun einmal viel und so war mehr als genug Nahrung in der Stadt eingelagert gewesen, um die Belagerung so lange zu überstehen.
      Zwischendurch hatten auch immer wieder mutige (oder wahnsinnige) Vogelwandler Nachschub in die Stadt geflogen, aber inzwischen reichte auch das nicht mehr:
      Die alte Stadt verhungerte.
      Dazu kamen die ewigen Kämpfe um den Thron, Adelige, Handelsrat und diverse Separatisten wollten jeder ihren Kandidaten auf dem Thron sehen, weshalb kaum ein Herrscher länger als ein Jahr ausgehalten hatte.

      Heraike seufzte tief und hustete. Sie konnte sich nicht einmal mehr an die Zeit des Friedens erinnern, die zu Forsaks Zeiten geherrscht haben sollte. Als er ermordet worden war, hatte sie erst drei Jahre gezählt und seitdem war es mit jedem Jahr schlimmer geworden.
      Nun war sie fast erwachsen und die Leute töteten sich in den ärmeren Vierteln bereits für vertrocknetes Brot.
      Sie richtete kurz ihre Robe, wischte sich das Blut vom Mund und wandte sich dann wieder dem Gebet zu, das sie seit mehreren Stunden hielt. Die Heiler hatten ihr zwar davon abgeraten mit der Begründung, es würde ihren sowieso schon schlechten Zustand noch weiter verschlimmern, aber ihr war das egal gewesen.
      Sie musste beten, das war das Einzige, was sie tun konnte. Sie würde sowieso sterben, was machte es da schon? Und so betete sie, für eine Zukunft, die sie selbst nie erleben würde...
      Rethisches Schlangenfieber... eine grauenhafte Krankheit, die sie von innen auffressen würde, bis nichts mehr von ihr übrig war.
      Ihr blieb nur die Wahl vollkommen zu verzweifeln, oder sich einen Sinn im verbleibenden Leben zu geben. Und sie wählte diese Variante, denn immerhin hatte sie noch immer einen gewissen Stolz. Sie war immerhin eine Alrubio!

      Wer auch immer mir zuhört... Heret, die Alten Wölfe oder die Götter der Drachen. Bitte, helft uns. Unser geliebter Gott und Anführer wurde kaltblütig ermordet und wir brauchen dringend Beistand. Bitte, helft uns. Verhindert weitere sinnlose Tode. Verhindert, dass sich jetzt auch Brüder anfallen. Bitte!
      Sie versuchte, die Verzweiflung aus ihren Gedanken heraus zu halten, wusste, wie armselig sie wirken musste und dennoch konnte sie es nicht verhindern. Sie war immerhin verzweifelt, es war manchmal die einzige Emotion, zu der sie sich nach all dem Leiden noch fähig fühlte. Aber sie wollte die Hoffnung bewahren, in irgendeiner Form! Die Welt durfte doch nicht nur aus Trauer, Wut und Angst bestehen!

      Hoffnung ist eine mächtige Emotion, du hast recht. Annod hat die Hoffnung auf einen glimpflichen Ausgang der Belagerung schon lange verloren und das schwächt meine Stadt viel zu sehr...
      Eine Stimme war plötzlich in ihren Geist eingedrungen und vibrierte nun tief in ihrem Schädel. Sie spürte einen großen, alten und mächtigen Geist und fing einige Eindrücke auf, die ihr die Tränen sowohl aus Freude als auch aus Leid in die Augen trieben.

      „W-Wer seid ihr?“, fragte sie, obwohl sie schon eine Vermutung hatte.
      Es gab keine Antwort, aber das Bild ihrer Augen begann zu flattern, Punkte aus orangefarbenen Licht breiteten sich aus, erhellten die Dämmerung und eine Erscheinung nahm vor ihr Gestalt an.
      Er schien lediglich aus Licht zu bestehen und dennoch sah er so stofflich aus wie ihre eigene Hand.
      Glühende Augen bohrten sich in ihre eigenen, hellgrauen und dann stand sie Auge in Auge mit einem gigantischen Drachen aus Licht. Forsak. Ihr ermordeter Gottherrscher.
      Erschreckt huschte ihr Blick zu den anderen Tempelbesuchern, aber niemand sonst schien das riesige Wesen zu sehen.
      Ein tiefes Lachen erscholl in ihrem Geist.
      Ja, sie sehen mich nicht. Schon mich dir zu zeigen kostet viel zu viel Kraft. Ich habe keine Verbindung zur körperlichen Welt mehr und sollte mich eigentlich überhaupt nicht mehr im Sein festhalten können.
      „Ich weiß“, sprach Heraike leise, damit die anderen sie nicht hörten.
      „Dieser verdammte Namensverbannte hat euch...“, sie tippte mit einem Finger unauffällig an ihre Kehle.
      Nein, Forsak senkte den Schädel. Nur wegen Lioret existiere ich überhaupt noch. Seine Schwester wollte meine Seele zersplittern, um diese elenden Amulette aufzuladen. Nur seine Gnade erhielt meinen Geist und er band mich an das Leben, damit ich eines Tages zurückkehren kann.
      Ein Hoffnungsschimmer durchströmte nun tatsächlich ihren Geist.
      „Heißt das, ihr kehrt jetzt zurück?“, flüsterte sie.
      Der Drache schüttelte das Haupt.
      Nein, ich bin noch nicht wieder erstarkt genug. Das wird Jahre dauern, vielleicht Jahrhunderte. Die Maske würde sofort wieder nach meiner Seele greifen wollen, immerhin habe ich dafür gesorgt, dass sie auch an keinen anderen Drachen heran kommt,- deshalb schickte ich meine Tochter kurz vor meinem Tod los.
      Traurig senkte die junge Frau wieder den Kopf: „Dann sind wir verloren?“
      Nein, noch nicht, tröstete der Drache sie.
      Ich kann euch eines geben: die Hoffnung. Den Rest müsst ihr selbst schaffen.
      „Aber...wie..?“
      Dazu brauche ich deine Hilfe. Ich weiß, wie es um dich bestellt ist, du riechst förmlich schon nach Tod. Deine Krankheit wird dich innerhalb eines Jahres dahin raffen, wenn nichts geschieht.
      Aber ich kann dir helfen, wenn du mir hilfst.
      „Und wobei? Warum? Ich meine... ich bin doch nichts besonderes.“
      Du hast ein gutes Herz und so etwas braucht Annod momentan mehr als alles andere.
      Ich mag zwar deinen Körper nicht heilen können, aber ich kann deinen Geist unsterblich machen wie Lioret es bei mir tat. Ich kann dir etwas von mir geben, von meinem Wissen und den Erfahrungen eines langen Lebens.
      „Und was soll ich tun, Herr?“
      Du sollst herrschen. Herrsche gerecht und weise, bis ich zurückkehren kann. Willst du das für mich tun?
      „Ja, Herr“, sprach Heraike so fest wie niemals zuvor.
      So sei es.

      Die Besucher des Tempels wurden fassungslos Zeuge, als die Nacht zum Tage wurde und Bänder aus Licht tanzten, um eine junge Frau tanzten und sie veränderten.
      Als die Nacht dem Tage wich, erhob sich auch die erste Flamma und schritt, gefolgt und bejubelt von jedem, der sie erblickte, direkt zum Herrscherturm.
      Die Flamme der Hoffnung war wiederauferstanden und dieses Mal würde hoffentlich keine Göttin sie löschen können.


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      Feedback zu den Adventskalendertexten könnt ihr HIER geben. Die Texte sind wie jedes Jahr zunächst anonym, damit ihr - wenn ihr wollt - Autoren raten könnt. Wenige Tage nach Weihnachten wird aufgelöst, welcher Text von wem stammt, dann können die Autoren dort im Thread gesammelt auf das Feedback antworten.


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      Don't diagnose and drive.

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      Das neunzehnte Türchen steht auf einem Hügel. Man kann über die Stadt blicken, dort drüben ist das Rathaus, nicht weit weg die Schule, und hier ist vor allem Lärm, denn das Türchen steht unter einem Windrad, dessen Rotorblätter sich eifrig drehen, um der Stadt den nötigen Strom zu schenken.



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      Harry Potter

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      Die Windradhügel waren eines der Wahrzeichen der Stadt. Die Windradhügel und die Brücke über den Fluss. Er hatte den Windrädern den Rücken gekehrt und war auf dem Weg in die Stadt hinein, nach Hause. Unter dem Lärm der Rotorblätter hatte er gehofft zu verschwinden, ihr Drehen kam ihm ewig und unabänderlich vor.
      Sie zog weg und irgendwie war dann alles schief gelaufen. Er war eigentlich ein gewöhnlicher Junge. Er hatte akzeptable Noten geschrieben in der Mittelschule, hatte keinen Unsinn getrieben. Violine spielen gelernt, drei Mal die Woche. Seine freie Zeit hatte er mit Lernen verbracht. Und mit ihr eben.
      Die Kiesel des Weges knirschten unter seinem Schritt, der Windradhügel, auf dem er gesessen hatte, war nicht sehr hoch, der Weg zur Stadt hinunter war aber sehr steil. Er musste aufpassen nicht vornüber zu fallen. Es war eher ungewöhnlich den Windpark aufzusuchen.
      Ein Leben in der Stadt war ruhig und beschaulich und es gab selten irgendwelche Auffälligkeiten. Die Bürgermeisterwahlen standen an und eine Gruppe Aktivisten hatte sich zusammengefunden, um auf den schlechten Zustand der Süd-Straße aufmerksam zu machen.
      Sie würde wegziehen hatte sie gesagt. In ihrer Stimme hatte der erwartete Ausdruck gelegen, Wehmut, Traurigkeit, aber auch ein bisschen Vorfreude auf etwas Neues. Alle hatten betroffene Gesichter gemacht und ihr viel Glück gewünscht in der neuen Stadt.
      „Wohin ziehst du?“, hatte er gefragt. Sie hatte ihn etwas verwirrt angelächelt. „Ich ziehe um.“
      „Ja, aber wohin ziehst du? Ich würde dich gerne besuchen kommen, wenn es dir nichts ausmacht.“
      Irgendwie hatte er in diesem Moment gespürt, das etwas fürchterlich schief gelaufen war. Alle hatten es gespürt. Jede soziale Gruppe war im Besitz ihres eigenen Kommunikationscodes, es gab Umgangsformen, Gesten, Dinge die man nicht sagte. So wie die Patienten im Krankenhaus sich ununterbrochen über das Essen beschwerten und Details ihrer Erkrankung mit denen der anderen verglichen und ausbreiteten, verschwiegen sie den Verlauf ihrer Krankheit, ob sie auf dem Weg der Besserung waren oder nicht, darüber sagte man einfach nichts. Genauso die Lehrer, die Ärzte, die Einwohner eines Mietshauses oder Viertels oder eben einer Stadt. Von diesem irritierenden Moment an hatte er eine eigene soziale Gruppe gebildet, er war in Sekunden zum Salzwasserfisch geworden in einer kleinen, sauren See ohne Zugang zum Meer voll von Süßwasserfischen. Er konnte die komplizierten sozialen Gefüge nicht nachvollziehen, das was sich zwischen den anderen Schülern abspielte.
      Sie antwortete: „Ich werde bald auf eine andere Schule gehen, aber ich werde euch richtig vermissen.“
      Eine unsichtbare Linie zog sich zwischen ihnen, die sich früher als beste Freunde bezeichnet hätten. Das Schwimmen im nahegelegen See im Sommer, die vielen Mittagspausen in der Mittelschule, die Zuckerwatte am Stadtfest, die sie gemeinsam auf der Brücke gegessen hatten – es schien wie ausgelöscht.
      Zuhause hatte seine Mutter dazu nur gesagt: „Leute ziehen nun mal weg, Schatz. Das ist das Leben.“
      Er hatte sich nicht getraut sie zu fragen, wohin Leute denn zögen. Vielleicht war das Leben nun mal so.
      Ihre Familie hatte Kartons in den Umzugswagen geschleppt, die Mutter hatte ein paar Helfern auf einem Tablett belegte Brötchen gebracht. Er hatte sie durch das Küchenfenster beobachtet. „Geh doch rüber und verabschiede dich. Ihr habt doch immer so nett gespielt.“
      Er hatte nur den Kopf geschüttelt.
      Er war einsam. Er fand den weg nicht zurück, sein Begleiter waren Kakao aus dem Automaten und eine Breze vom Kiosk dazu geworden. Er verhielt sich nicht auffällig, bemühte sich sogar so unauffällig wie möglich zu sein. Er gehörte keinen Arbeitsgemeinschaften an, war in keinem Sportverein, er meldete sich nicht einmal.
      Umso überraschter war die Lehrerin als er sich eines Tages meldete. Die Frau war Geschichtslehrerin und noch sehr jung, aber schon verheiratet. Sie hatte die Angewohnheit immer zu lächeln, egal was passierte, was ihr etwas Gequältes verlieh. Sie schön zu nennen, wäre übertrieben gewesen, aber einen gewissen Sexappeal besaß sie schon. Vor allem in einem Raum voller pubertierender Jugendlicher.
      „Ja?“. fragte die Lehrerin und lächelte.
      „Ich habe eine Frage.“
      Die Geschichtslehrerin lächelte aufmunternd und nickte.
      „Wo liegt die Hauptstadt eigentlich? Wie komme ich da hin?“
      Sie lächelte verständnislos. „Die Hauptstadt ist Sitz der Regierung seit 1987, davor war sie Provinzhauptstadt. Ihre Funktion als Hauptstadt ist verfassungsrechtlich verankert, auch wenn mehrere Initiativen diesen Artikel streichen lassen wollten.“
      „Das ist nicht die Antwort auf meine Frage“, stellte er fest. Die Frage war plötzlich in seinem Kopf aufgepoppt, wie ein Maiskorn und er hatte sie beinahe ohne Zeitverzögerung gestellt. Wie eine bloße Affekthandlung.
      Tatsächlich war die Frage das Ende eines langen Prozesses von unbewusst ablaufenden Vorgängen in seinem Gehirn gewesen, die ihn nachts unruhig hatten schlafen lassen.
      Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er nur einmal sozial auffälliges Verhalten gezeigt, als seine Kindheitsfreundin weggezogen war. Er hatte oberflächlich, an der Spitze seines Bewusstseins, daraus Konsequenzen gezogen und aus der Furcht vor weiterem sozial geächteten Handlungsweisen so gut wie gar nicht mehr gehandelt, sondern das Leben rein passiv über sich ergehen lassen. Oberflächlich hatte er nicht mehr über dieses Ereignis nachgedacht, verdrängt, dass er unfähig gewesen war sich der Situation anzupassen wie es alle anderen taten. Unterbewusst aber hatte es in ihm weitergearbeitet, vielleicht war es auch nur unterbewusst möglich gewesen. In komplexen Strömen hatte sein Gehirn über der Frage gebrütet, wie das überhaupt funktionierte. Wohin war sie gezogen und warum was es sozial nicht akzeptabel danach zu fragen?
      Sein Unterbewusstsein hatte auf diese Frage genauso wenig eine Lösung gefunden, wie der bewusst arbeitende Teil seines Gehirns. Da es mit allem Druck aber weiter arbeitete, brach es sich wie in einem Vulkan Bahn und schoss eine Art Testrakete in den Raum, um erstens eine Antwort zu finden und zweitens um die Reaktion der Gruppe zu provozieren.
      Die Lehrerin antwortet: „Aber dieses Wissen wirst du für die Prüfung brauchen. Alles andere ist ja nicht so wichtig, oder?“ Wieder lächelte sie.
      „Ich würde gerne wissen wie ich zur Hauptstadt komme.“
      In der Frau schien es zu arbeiten. Der Rest der Klasse schwieg angespannt, wie ein Raubtier, das zum Sprung ansetzte. Sie schüttelte den Kopf und lächelte. „Man hat mich gewarnt, dich in die Klasse aufzunehmen. Man hat mich gewarnt.“ Sie nickte beflissen. „Man sagte mir: Pass auf, der macht noch Probleme! Weiger dich ihn aufzunehmen, der macht nur Schwierigkeiten. Aber ich dachte, ich muss Heldin spielen, mein Mann hat mich darin bestärkt. Der muss doch sonst von der Schule, hat er gesagt.“ Sie knetete ihre Hände, auf denen rote Flecken sich deutlich von ihrer blassen Haut abhoben.
      Er war inzwischen aufgestanden. Die Schüler begannen zu tuscheln.
      „Wo liegt die Hauptstadt! Wie komme ich dort hin!“ Er schlug mit der Faust auf sein Pult.
      „Ruhe!“, kreischte sie. „Ruhe!“
      „Sie wissen es nicht, stimmt’s? Sie wissen nicht, wo die Hauptstadt ist, in ihrem Kopf, da ist nur hohles Wissen, Fakten ohne Zusammenhang.“
      „Die Hauptstadt ist Sitz des Obersten Gerichtshofs, der Staatsregierung und des Länderrats. Die Konservativen trieben die Zentralisierung des Staates voran, bei den Parlamentswahlen 2001 gewannen sie die absolute Mehrheit, was ihnen die nötige Gestaltungsmacht verlieh!“
      „Wie komme ich zur Hauptstadt?“
      Sie schnappte nach Luft, schien um eine Antwort zu ringen, dann lächelte sie wieder. „Verlass bitte diesen Raum. Augenblicklich. Du bist in diesem Kursus nicht mehr erwünscht.“
      Er blickte die Lehrerin fassungslos an.
      „Verlassen Sie bitte den Raum“, sagte sie mit bestimmter Stimme, lächelte neutral und verdeutlichte die neue Distanz zwischen ihm und dem Rest, indem sie ihn nun siezte.
      Fahrig packte er seine Sachen ein.
      „Das Buch ist Eigentum der Schule. Bitte lassen Sie es gleich hier, damit ich es in Lehrmittelraum zurückbringen kann.“
      Er blickte sie an und musste plötzlich schlucken. Die Lehrerin beobachtete ihn. Der Kurs schwieg. Die meisten blickten bereits wieder nach vorne, hatten ihn vergessen.
      Er versuchte sich an einer nichtssagenden Miene, als er das schwarz eingebundene, zerlesene Geschichtsbuch nach vorne brachte und der Lehrerin auf ihr Pult legte. Sie nickt ihm zu und er verließ den Raum und dann das Schulgebäude. Er glaubte nicht zurückzukehren.
      Stattdessen war er zum Windradhügel gegangen, wo über ihm die Rotorblätter sich gedreht hatten und gedreht und gedreht hatten. Er hatte nicht viel gedacht, nur gestarrt. Auf die anderen Windräder und ihrem Lärm gelauscht. Bis die Sonne untergegangen war.
      Auf dem Rückweg hielt er kurz bei einem Stand an und kaufte sich von dem Münzen in seiner Hosentasche eine warme Suppe mit Nudeln und Fleisch, die er an einem Stehtisch schnell herunter würgte. Weil sie so salzig war, kaufte er noch eine Dose Limonade hinterher, die er auf dem Heimweg trank.
      Zuhause war niemand. Seine Mutter war vermutlich auf ihrem Bridge-Abend, sein Vater in seiner bevorzugten Bar, die sein Cousin führte. Im Kühlschrank stand ein Topf mit Gulasch. Eine dünne Haut spannte sich über die eingedickte, braune Flüssigkeit, die an den bleichen Kartoffeln und faserigen Fleischstückchen klebte. Er seufzte und stellte den Topf in die Mikrowelle und aß das Gulasch so schnell wie möglich, damit die Hitze den Geschmack überdeckte.
      Im Bad reinigte er sich so gründlich wie schon lange nicht mehr, kürzte seine Nasenhaare, putze die Zähne exakt 3 Minuten (was er an der Sanduhr für Kinder sah), säuberte sich die Ohren sorgfältig mit Wattestäbchen. Dann brauste er sich den Körper mit lauwarmem Wasser ab, um dann in das dampfende Wasser in der Badewanne zu steigen. Er bemühte sich nicht nachzudenken, sondern konzentrierte sich auf den aufsteigenden Wasserdampf.
      Am nächsten Morgen gönnte er sich nur eine Katzenwäsche, täuschte vor in Eile zu sein. Er schlang die zwei Toastscheiben mit Butter, die ihm seine Mutter hingestellt hatte herunter und spülte mit Kakao nach.
      „Wann kommst du heute nach Hause?“, fragte sie. Sie trug das blonde Haar unordentlichen hochgebunden und sah ihm desinteressiert beim Essen zu. Als er zum Antworten ansetzten wollte, schnitt sie ihm das Wort ab: „Beim Essen spricht man nicht.“ Dann seufzte sie. „Manchmal frage ich mich, was das gebracht hat.“
      „Was?“, fragte er und musste husten, weil trockene Toastkrümel ihm noch in der Kehle steckten. Er nahm einen großen Schluck Kakao.
      „Die Geburt durchzuhalten. Die Schmerzen waren grauenvoll. Das ist wie…naja, ich kann es nicht beschreiben. Eine Geburt ist schon einmalig. Alle haben so getan, als wäre es etwas wundervolles, aber, Gott, es hat einfach nur weh getan.“
      Sie betrachtete ihren Sohn, der mit gebeugtem Rücken am Tisch saß, das Haar zerzaust, die Schuluniform schlecht sitzend, das Morgenlicht, dass seine markanten Konturen weichzeichnete.
      „Ich glaube ich hätte einfach sterben sollen. Alles was danach kam, hat der Mühe nicht mehr gelohnt. Und stell dir vor, du wärst als Waise aufgewachsen. Du wärst wahrscheinlich ein viel besserer Mensch geworden, als hier in diesem Haus.“
      „Wieso das denn?“
      „Waisen sind immer gute Menschen. Hast du nie Harry Potter gelesen?“
      „Und selbst wenn, Dad wäre bei der Geburt nicht gestorben. Ich wäre noch schlimmer als jetzt, wenn ich nur ihn gehabt hätte.“
      Sie lachte trocken auf. „Ha. Wenn ich ihm das erzähle!“
      Er stand auf und gab seiner Mutter einen Kuss auf die Stirn. Ihre Mundwinkel zuckten.
      „Bis dann“, sagte er.
      „Bis dann“, sagte sie.
      Sie blickte ihm mit merkwürdiger Wehmut hinterher und beobachtete durch das Küchenfenster, wie er in die entgegengesetzte Richtung der Schule verschwand.
      Er fühlte, es gab keinen Weg zurück zur Schule. Er war für immer draußen aus dieser Gruppe, aus dieser Gesellschaft. Er war gebrandmarkt mit seiner Andersartigkeit, er konnte nicht im selben Wasser leben wie sie.
      Die Straßen waren so gut wie leer. Nur wenige Leute tätigten Einkäufe, es war noch zu früh. Ihm begegneten keine Schüler. Die Verkäufer räumten ihre Waren auf die Straßen, kurz war er versucht eine Mango zu kaufen, weil ihn ein plötzliches Bedürfnis nach frischem Obst überkam, er kaufte dann aber die billigeren Erdbeeren.
      „Müsstest du nicht in die Schule?“, fragte der Verkäufer, der nur noch einen silbrigen Haarkranz um seinen Schädel wachsen hatte, als er ihm die Erdbeeren in eine Plastiktüte einpackte.
      „Nein, ich habe heute die ersten beiden Stunden frei. Da dachte ich, ich könnte den Morgen auf den Windradhügeln genießen.“
      „Den Weg kannst du dir sparen. Da arbeiten heute die Techniker den ganzen Tag an den Windrädern. Alles gesperrt an den Hügeln wegen der Arbeiten.“
      „Was machen die denn da? Eine Routineüberprüfung oder so?“
      „Nein, es ist wohl ein Generator kaputt gegangen, jetzt wollen sie die anderen vorsichtshalber auch noch durchchecken, wie ich das mitbekommen habe.“
      „Woher wissen sie denn das? Gestern konnte man noch auf die Hügel. Sah auch nichts kaputt aus.“
      „Ah, meine Schwiegertochter arbeitet als Technikerin für die Gemeinde. Hat’s mir gestern am Telefon erzählt. Aber wenn ich dir was empfehlen darf, Junge, dann geh die Südstraße Richtung alte Haltestelle. Da hab ich früher immer meine freien Tage genossen!“
      „Alte Haltestelle?“
      „Jah, wenn du die Südstraße Richtung Bäckerei gehst…die mit dem rosa Neonschild, weißt du?“
      „Die mit den leckeren Windbeuteln?“
      „Ja, genau die. An der Ecke dort ist ein Wegweiser Richtung Haltestelle angebracht. Die ist schon lange nicht mehr in Betrieb, es ist unheimlich ruhig da.“
      „Schatz, hast du ihn auf die Petition aufmerksam gemacht?“, rief eine Stimme aus dem Laden.
      „Wieso?“, rief der Mann über die Schulter.
      Eine verhutzelte Frau streckte den Kopf aus dem Obstladen. „Na, ich hab euch doch von der Südstraße reden hören!“
      Seufzend wandte der Mann sich zu ihm. „Wie alt bist du, Junge?“
      „Siebzehn.“
      „Dann bist du alt genug Petitionen zu zeichnen, nicht? Also die Petition ist von der Bürgerinitiative „Neue Südstraße jetzt!“, die setzen sich ein für…“, doch er unterbrach den alten Mann.
      „Ich weiß wofür die stehen, die wollen die Schlaglöcher in der Südstraße ausbessern lassen, oder? Tut mir leid, aber ich denke wir sollten die Prioritäten auf andere Dinge legen.“ Er lächelte unverbindlich.
      Drinnen hörte er die Frau schnauben. Aber der alte Mann lächelte. „Weißt du was?“, flüsterte er, „ich schenk dir die Erdbeeren.“
      Laut sagte der Obstverkäufer: „Na gut, die Schale Erdbeeren macht 3,80.“
      „Vielen Dank“, sagte er und lächelte versuchsweise.
      Wenn die Leute einen nicht näher kannten, dann funktionierte es noch immer ganz gut. Das Kommunizieren. Er fand es anstrengend den komplexen, leichten Fluss aus Gesten, Wörtern und Mimiken zu decodieren und angemessen zu antworten. Aber es funktionierte irgendwie. Sollte so sein zukünftiges Leben aussehen?
      Er machte sich auf den Weg zur Bäckerei mit dem rosa Neonschild. Windbeutel würde er keine kaufen, aber vielleicht einen Becher heißen Kakao. Oder Kaffee. Der machte wach und war gesünder als der süße Kakao.
      Er fand die Bäckerei ohne Umwege, auch wenn er noch nicht häufig dort gewesen war. Er ging um das zweistöckige Gebäude herum und suchte nach dem Schild. Die Bäckerei war in sanftem rosa gestrichen, das Neonschild zeigte eine Tasse von der wellenförmig Dampf aufstieg. Der Parkplatz vor dem Haus war fast leer, die weißen Trennlinien zwischen den einzelnen Parkplätzen waren fast gänzlich verblasst. Er mutmaßte, dass das ein sehr altes Haus sein musste.
      Der Duft von frischen Brötchen war verführerisch, aber er wollte bei seinen Erdbeeren bleiben. Ihn dürstete es nach der erfrischenden Süße der Früchte. Auch den Kaffee schlug er sich aus dem Kopf. Er würde bei den Erdbeeren bleiben und zwar nur bei den Erdbeeren.
      Schließlich fand er das Schild. Es sah alt aus, so unglaublich alt. Es war verwittert und wie ein Pfeil geformt, darauf stand schlicht: „Bahnhof“. Er folgte dem Schild und ging in die von der Südstraße abführende Straße, die noch löchriger war als die Südstraße selbst. Warum sich wohl niemand über diese Straße beschwerte? Er blickte hoch, auf der Suche nach einem Straßenschild, doch er fand keines. Bahnhof. Bei dem Wort überkam ihn ein seltsamer Schauer. In dem Wort schien sich so viel zu verstecken. Die alte Haltestelle, hatte der Verkäufer den Bahnhof genannt. Ob es eine neue gab? Er hatte noch nie von einer gehört. Die Straße endete urplötzlich.
      Er riss die Augen auf. Hier endete die Stadt. Er war noch nie, nie in seinem ganzen Leben außerhalb der Stadt gewesen! Vor ihm lagen grüne, verwilderte Wiesen und ein befestigter Weg. Vor ihm, in der Mitte des Weges stand ein etwa ein Meter großer Betonkegel. Autos kamen hier weder raus noch rein, denn die Grenzhäuser bildeten eine Barriere. Ein Schauer lief ihm den Rücken hinab, als er einen großen Schritt nach vorne machte und außerhalb der Stadt war. Außerhalb der Stadt. Der Salzwasserfisch war dem See entronnen und hatte den Weg zum Meer gefunden.
      Bahnhof, Bahnhof, Bahnhof, Bahnhof, Bahnhof, Bahnhof – Haltestelle. Was zum Teufel steckte in diesem Wort, dass ihm die Nasenflügel bebten, dass seine Muskeln juckten und er laufen wollte, loslaufen, Energie verbrennen, die Augen weit aufreißen und zum Bahnhof zu gelangen. Er wollte ein großes Stück abbeißen vom Bahnhof, von der alten Haltestelle.
      Dennoch erhöhte er seine Schrittgeschwindigkeit nur minimal. Er wollte jeden Schritt genießen. Jedem Schritt den Respekt zollen, der ihm gebührte.
      Und dann kam er zu der Haltestelle. Sie war wahrhaft unspektakulär. Eine kleine Wartehalle, ein betonierter Bahnsteig, um den Zug besteigen zu können. Eine große Uhr. Ein verlassener Ticketschalter, wo vielleicht einmal ein freundlicher, älterer Herr in Uniform gesessen hatte, um die Fragen der Reisenden zu beantworten und ein bisschen aufzupassen auf diese kleine Haltestelle. In der Wartehalle Holzbänke für die Reisenden, ein Ticket- und ein Getränkeautomat, in dem nur noch eine Sorte Fruchtmilch übrig war.
      „Wartest du auch auf den Zug?“
      Er fuhr herum. Auf einer der Bänke saß eine Frau.
      Sie hatte sich in einen langen, schwarzen Mantel gewickelt. Sie trug das Haar zu einem Bob geschnitten. Über ihrem rechten Auge war eine Augenklappe angebracht.
      „Ich, äh, weiß nicht“, antwortete er verdattert.
      „Achso“, sagte sie und blickte aus dem Fenster.
      Zuerst dachte er, sie würde nachdenken, aber offenbar hatte sie das Interesse verloren.
      Er rang mit sich. Ihn ihm wuchs Furcht, aber auch ein Drang wieder auszubrechen aus dem System.
      „Ich will zur Hauptstadt“, brachte er mit kratziger Stimme hervor.
      „Zur Hauptstadt? Was für ne Hauptstadt?“
      Seine Augen weiteten sich. „Na, die Hauptstadt.“
      Das Mädchen schnaubte. „Weißt du, es gibt eine Menge Hauptstädte auf der Welt.“
      Sein Mund öffnete sich leicht. Sein Kopf schmerzte und gleichzeitig fühlte er sich wie berauscht. Er hatte gedacht, er wäre ausgebrochen aus dem System, aber tatsächlich war nur einen kleinen Schritt weitergekommen. Was er für eine Schuhschachtel gehalten hatte, war in Wirklichkeit ein Labyrinth.
      „Das hier ist unser Land, oder? Zu dieser Hauptstadt will ich.“
      Das Mädchen lächelte plötzlich wehmütig.
      „Die Welt hat sich in letzter Zeit ziemlich oft, ziemlich schnell verändert. Kennst du denn den Namen deines Landes?“
      Er überlegte. Dann schüttelte er den Kopf.
      Das Mädchen stand auf, ging zu ihm. Unwillkürlich wich er einen Schritt zurück.
      „Keine Angst“, sagte sie. „Du musst keine Angst haben vor dem was ich tue.“
      Er schluckte.
      „In der heutigen Welt, da könnte deine Hauptstadt ein Kaff am Ende der Zivilisation sein. Oder ein vor Leben berstender Knotenpunkt des interkontinentalen Handels. Oder eine Ruine. Oder ein verseuchtes Loch, voll von Mutanten und zwielichtigem Gesocks. Der Punkt ist – die Welt ist nicht mehr so, wie sie vor 100 Jahren war. Sie ist nicht einmal so, wie sie gestern war. Es gibt nur eine Sache, die fortdauernd ist im neuen Chaos. Und das ist der Zug.“
      „Wohin fährt dieser Zug?“
      Sie lächelte. „Einmal um die ganze Welt.“
      „Und wo hält er?“
      „Er hält nie. Er fährt immer nur weiter.“
      „Und wie steigt man ein?“, fragte er atemlos.
      „Man muss aufspringen. Wenn man Glück hat, dann schafft man es.“
      „Und wenn nicht?“
      „Dann nicht. Dann wartet man auf den nächsten Zug. Bis er einmal die Runde gemacht hat.“
      „Ist dir das passiert?“
      „Ja“, sagte sie knapp.
      „Wie lange wartest du schon auf den nächsten Zug?“
      Sie kramte eine Taschenuhr aus ihrem Mantel und blickte darauf. „Zu lange.“
      Und etwas an ihrem Tonfall ließ es ihm wahrscheinlich erscheinen, dass sie schon 100 Jahre hier auf den nächsten Zug wartete.
      Plötzlich zerrte sie sich mit einem Stöhnen die Augenklappe vom Gesicht.
      Sie hatte eine steinerne Replik in ihre Augenhöhle eingesetzt. Es war das erste Mal, dass er so etwas sah.
      Und dann hüpfte es auch schon heraus. Er schrie auf vor Überraschung. Die Frau hielt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht beide Hände vor die rechte Augenhöhle, fiel auf die Knie
      Es schlug auf dem Boden auf, rollte kurz umher, dann stoppte es abrupt. Ein tiefrotes Leuchten drang aus der in die Steinkugel eingeritzten Pupille.
      „Oh“, machte die Frau.
      Das Leuchten pulste auf und vier dürre Beinchen bildeten sich hervor. Es ging wackelig ein paar Mal im Kreis, dann lief es davon.
      Im gleichen Augenblick erzitterte der Boden.
      „Der Zug kommt.“. hauchte sie. „Er ist so vollgestopft mit Magie, dass magische Artefakte verrückt spielen.“
      „Komm, schnell“, sie griff nach seiner Hand und gemeinsam rannten sie auf den Bahnsteig hinaus. Die Schienen sangen und doch konnte er ihn noch nicht ausmachen.
      „Hast du deine Fahrkarte?“
      „Was?“
      „Deine Fahrkarte“, sagte sie ungeduldig.
      „Ich wusste nicht, dass man eine braucht“, sagte er. Panik kroch in ihm auf.
      Sie biss sich auf die Lippe.
      „Geh zum Ticketautomaten. Vielleicht schaffst du es rechtzeitig. Ich werde nicht auf dich warten. Tut mir Leid. Und jetzt, renn!“, sagte sie und gab ihm einen Stoß.
      Er lief los zu dem Ticketschalter.
      „Schneller“, hörte er die Frau hinter sich rufen.
      Dann stand er davor. Es war ein archaisch aussehendes Ding, alt und verrostet. Er kramte so viele Münzen wie möglich aus seiner Hosentasche.
      Sein Blick suchte den Automaten ab. Nichts. Blickende Knöpfe, aber kein Münzeinwurf.
      „Wo bezahl ich?“, brüllte er der Frau zu.
      „Leg deine Hand auf das Bezahlfeld!“
      Er untersuchte hektisch die blickenden Felder vor ihm. Dort, da war eine Hand abgebildet.
      Er klatschte seine Hand dagegen, die Münzen darin fielen scheppernd zu Boden und rollten davon.
      Nichts passierte. Dann spürte er einen stechenden Schmerz in der Hand. Er schrie auf und wollte sie wegreißen, doch sie war wie festgewachsen. Der Schmerz hielt kurz an, dann konnte er seine Hand von dem Feld wegnehmen. Sowohl seine Hand, als auch das Feld waren blutverschmiert.
      Aus dem Feld selbst ragte ein rostiger, eiserner Dorn hervor. Er hatte mit Blut bezahlt!
      „Er kommt!“, rief die Frau.
      Er drehte sich um und rannte zurück zum Gleis. In genau diesem Moment donnerte die riesenhafte Lok an ihnen vorbei.
      Überfordert blickte er zu der Frau. Diese war zurückgewichen. Sammelte sich. Sie streckte eine Hand nach dem Zug aus – die andere nach ihm.
      Er griff danach.
      „Das wird wehtun“, sagte sie, sah ihn an und lächelte breit.
      Dann krallten sich ihre Fingernägel in seine unverletzte Hand und der Schmerz raste durch seine Hand seinen Arm hinauf. Instinkt wollte er seine Hand wegreißen – doch er konnte ihn nicht mehr bewegen. Er blickte auf seinen Arm hinab. Er hing schlaff und leblos an seinem Schultergelenk herab.
      Sein Kopf füllte sich mit dem ohrenbetäubenden Donnern des Zugs. Seine Augen weiteten sich, während der Kreis seines Bewusstseins auf den Schmerz in seinem Arm zusammenschrumpfte.
      Im nächsten Moment lag er auf dem staubigen, samtenen Sitzpolster eines Zugabteils.
      Er versuchte aufzustehen, doch es funktionierte nicht, wie erwartet.
      Irgendwie schaffte er es, sich immerhin aufzusetzen. Ihm gegenüber saß die Frau.
      Er kniff die Augen zusammen und langsam wurde das Bild vor ihm schärfer.
      Die Frau hatte keine Augen mehr. Ihm starrten zwei leere Augenhöhlen entgegen.
      „Bist du erschrocken?“, fragte sie mit rauer Stimme. „Es hat seinen Preis in diesen Zug einzusteigen.“
      „Das Blut für das Ticket?“, fragte er bange.
      Die Frau zögerte kurz, dann lachte sie auf. „Das Blut für das Ticket? Nein, das war nur deine Einwilligung, dass der Zug sich nimmt von dir, was er will.“
      Er sah an sich hinab, überprüfte Hände und Füße. Alles da.
      „Was hat er mir genommen?“
      „Wir werden sehen“, sagte sie.
      Er lehnte sich zurück, nur erleichtert noch sehen zu können.
      „Jetzt, wo wir im Zug sitzen, sollten wir uns vielleicht einander vorstellen. Wir werden vielleicht sehr viel Zeit miteinander verbringen. Ich bin Aika. Und du?“
      Er überlegte. Er blinzelte überrascht. Er kannte seinen Namen nicht. Er kannte den Namen seiner Mutter (Shizuka) und den Namen seines Vaters (Taichiro), aber der Name seiner Familie und sein Vorname: Verschwunden. Er öffnete seinen Mund.
      „Harry“, sagte er schließlich. „Harry Potter.“
      Immerhin war er jetzt ein Junge ohne Eltern, in einem magischen Zug sitzend, auf dem Weg zu einem Ort, den er sich nicht im Entferntesten vorstellen konnte.
      Er lachte und wiederholte: „Ja, ich bin Harry Potter.“


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      Das zwanzigste Türchen ist in festen Stein gehauen. Doch Vorsicht beim Hindurchgehen, unten ist nur von einzelnen Wolken durchzogener Himmel und man kann sehr weit fallen.



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      Die Bewerbung

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      "Sie kommen, tatsächlich, sie kommen!" Meine beste Freundin Sadesi huschte aus dem Felsgang, duckte sich neben mir an die steinerne Brüstung und starrte gebannt durch die schmalen Lücken in der Brüstung in den Himmel hinunter. Nervös nestelte sie an ihrem Zopf herum.
      "Ich wußte, dass sie heute kommen würden!" flüsterte ich, obwohl uns hier oben niemand hören konnte.
      Sadesi warf mir ihren kritischsten-aller-Blicke zu, den sie ihrer Mutter abgeschaut hatte. "Das sagst du seit fast einem Zyklus, Llella - heute stimmt es nur zufällig."
      "Hm!" Ich grinste und kniff die Augen gegen den Wind zusammen.
      Schräg unter uns klebte das Dorf Sheerse wie eine Nistkolonie in den zerklüfteten Wänden des Sichelhohlbruchs. Und darunter… Nichts.
      Naja. Jedenfalls nicht viel außer Wolken, Vögeln und Sonnenlicht. Und dem dunklen Fleck, der sich gerade aus einer Wolkenbank hervorschob, aus dem Himmel heraus immer höher stieg, dem Felsenhimmel entgegen - uns entgegen.
      "Endlich…" flüsterte ich.
      Unter uns wurden Klangbretter geschlagen, wuselten die Dorfbewohner aufgeregt hin und her, und sicher holten meine Gasteltern und die Handvoll anderer Staker jetzt ihre Zauberstäbe aus den hohen Schränken im Haus des Schatzmeisters, und stellten sich in den runenbedeckten Ritualkreisen des Dorfes auf.
      Sadesi seufzte. "Du solltest jetzt dort unten sein, bei ihnen, mit der Initiandenrobe in einem der Kreise…"
      "Ach was. Was die können, kann ich schon lange. Und warscheinlich hätten sie mich nur wieder zusehen lassen, zuhause darf ich wenigstens wirklich mithelfen. Aber zuschauen… das geht von hier oben auch."
      Aus dem dunklen Fleck war inzwischen ein knolliger Felsklotz geworden, dessen Form in die Kuhle des Dorfes zu passen schien wie eine Faust in eine hohle Hand. Schnell wurde er größer und verschluckte dabei immer mehr vom Morgenlicht. Der Abstand zu uns schrumpfte immer weiter zusammen, auf eine dreiviertel Meile, eine halbe…
      Als uns der Kernschatten des gewaltigen Flugkörpers schließlich traf, wurde es dämmrig. Gleichzeitig wuchs ein Gefühl in mir, dass ich schon viel zu lange nicht mehr gespürt hatte. Es schmiegte sich an und in mich, dieses tiefe, magische Vibrieren...
      "Llella?" Sadesis aufgeregte Stimme durchbrach meine Konzentration. "Was, wenn sie nicht bremsen können wie du gesagt hast? Was wenn…"
      "Nicht fragen, fühlen. Spürst du die Magie?"
      Sie hatte das Talent, das wußte ich, seit ich sie beim Göttindienst vor beinahe viermal achtundachtzig Tagen mit den Füßen hatte wippen sehen, im Takt der magischen Anrufung, den man nicht mit den Ohren hören konnte. Sadesi, so alt wie ich, mit den Eltern frisch nach Sheerse gezogen. Geteiltes Talent, Freundinnen in der Fremde.
      Nun saß sie neben mir, und obwohl ich nicht hinsah wußte ich, dass sie an ihrer Unterlippe nagte, wie so oft wenn sie konzentriert war.
      "Ja, da regt sich etwas… das Suchen hast du gesagt?" Ich nickte, spürte es ebenfalls, und nicht zum ersten Mal.
      In das Vibrieren der Magie mischte sich ein neuer Unterton, ein Wispern. Etwas erwachte.
      "Sieh mal!" Sadesi deutete auf den dunklen runden Teil des Felsens, der uns zugewandt war, nur noch wenige hundert Längen entfernt, stetig näherkommend. Lichter erblühten dort: eins, zwei, vier, acht! Tentakel aus Licht wuchsen hervor, und das Wispern der Magiefelder wurde zum Singen, als die Staker in Sheerse nun ihrerseits acht suchende Lichtfinger nach oben sandten.
      "Augen zu jetzt!" schnappte ich, und keine Sekunde zu früh: das Gleißen des Findens schwappte über uns hinweg, ebbte ab, und als wir die Augen wieder öffneten, verbanden acht schimmernde Lichtsäulen Dorf und schwebenden Fels, so eng verwoben dass niemand hätte sagen können wo die des Dorfes endeten und die der Besucher begannen.
      Ihr Pulsieren erhellte die enger werdende Lücke zwischen Dorf und Felsklotz, und es hallte in meinem Geist wieder. Ich lächelte. Fast. Jetzt würde der Fliegende Felsen langsam abgebremst, bis die Energie, die ihm sein Momentum verliehen hatte, abgebaut war, nur noch jene für Sheerse ungefährliche Magie in ihm war, die ihn der Schwerkraft trotzen ließ.
      Jetzt war normalerweise die langweilige Zeit: das Warten, bis man endlich nahe genug war, um die Taue zu werfen und die Laderampen auszufahren, bis die Staker in ihrer Konzentration nachlassen, die Zauberstäbe in den Halterungen der Ritualkreise verankern konnten, und sie durch die Gänge nach unten und draußen eilen würden und die Begrüßungen beginnen konnten.
      Aber nicht heute. Ich sah Sadesi an. "Deine letzte Chance, es dir noch anders zu überlegen."
      Sadesi warf einen langen Blick auf den Felsklotz, der noch hundertfünfzig Längen vom Dorf entfernt war. "Wir ziehen das durch, Llella. Wir haben nichts zu verlieren, stimmt's?"
      Ich lächelte. "Nur Zeit. Auf geht's!"
      Der Felsbalkon, auf dem wir gekauert hatten, gehörte zu einem abgelegenen Felsenhaus am oberen Dorfrand, das schon seit Jahren leerstand. In einem der Zimmer hatten wir Seile und Gurte versteckt, und uns täglich heraufgeschlichen, um ihren Zustand zu prüfen und das Anlegen zu trainieren bis wir es im Schlaf beherrschten. Oder im Halbdunkel, wie jetzt auf dem Balkon.
      Ich prüfte die Gurte, einmal, dann noch einmal. "Alles in Ordnung, keine Maus dran geknabbert seit gestern."
      Sadesi ließ ihre Finger über die Schlingen der beiden aufgerollten Seile wandern, die wir uns von Sadesis Vater sozusagen geliehen hatten. "Hier auch alles gut. Erst Vertäuen, dann Schutzkappen, dann die Gurte."
      Ich nickte. Knoten hatte ich Sadesi nicht beibringen müssen - ihr Vater war Schlingenweber, und seit er sich hier niedergelassen hatte, hatte er sich einen guten Ruf für seine Blasenfloßvertäuungen erworben.
      Trotzdem prüften wir beide die Knoten noch zweimal, mit denen Sadesi die Seile nun an der steinernen Balkonbrüstung festzurrte
      Dann legten wir Schutzkappen und Gurte an, prüften diese, und die Schlingen und Haken, die uns beim Abseilen sichern würden.
      Der schwebende Fels war noch vierzig Längen unter uns. Unsere Schätzungen hatten gestimmt - es war zu schaffen.
      Sadesi nickte mir zu. Dann ließen wir uns über die Brüstung in die Leere gleiten.
      Das Riskante an diesem Abstieg war, dass wir beschlossen hatten, es ohne Licht zu machen. Die acht Lichtsäulen strahlten links von uns, und ich bemühte mich, nicht hinzusehen, mich von ihrem magischen Wispern nicht ablenken zu lassen. Der Wind zerrte an mir, brachte das Seil zum Schaukeln. Der Untergrund bewegte sich noch immer, langsam jetzt, das Streulicht der Säulen half - ich konnte erahnen wo er war. Neben mir seilte sich Sadesi ab wie eine Strangspinne in der Nacht.
      Gleich war ich unten, hatte noch Spielraum und Seil… Kontakt! Ich rollte mich ab, und stieß mir den rechten Ellbogen an, fluchte unterdrückt. Hätte schlimmer kommen können, vor allem wenn wir in einem Gebiet mit mehr Gefälle gelandet wären. Aber einen ordentlichen blauen Fleck würde das sicher geben.
      Unweit von mir erklang ein leises Ächzen, dann ein unterdrücktes Lachen. Ich gurtete mich los, ließ das Seil baumeln wo es war und huschte in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war. "Sadesi?"
      "Alles gut", flüsterte sie zurück. "Hatte mich nur mit dem Gurt verheddert. Blöder Umhang!"
      "Der gehört halt dazu… Lass alles andere liegen, holen wir später." Wir waren schon fast zum Stillstand gekommen.
      Ich nahm Sadesi an der Hand und lotste sie zu einer der Führleinen, die die Oberfläche des Felsbrockens überzogen, und die Plätze der Ritualkreise miteinander verbanden. Es gab nämlich mehr als nur die acht Kreise, die heute benutzt worden waren. Das Wegenetz hier kannte ich wie meine Gürteltasche, und so erreichten wir in kurzer Zeit unser Ziel.
      Inmitten der Kreise, deren Runen milchig glühten, standen acht Staker in den zeremoniellen Kapuzenroben. Sie hielten die Zauberstäbe, jeder armesdick und höher als sie selbst, jeder in einer kleinen Kuhle in der Mitte seines Ritualkreises ruhend, die Quelle des Lichts.
      Alle acht hatten die Augen geschlossen, waren hochkonzentriert und hörten nicht, wie wir in die Mitte zwischen den Ritualkreisen huschten.
      Wir verhielten uns still bis wir spürten, dass die letzte Bewegung verebbte, und das Pulsieren der Lichter zu einem gleichmässigen Summen wurde. Ich hatte Sadesi am Arm gepackt, doch als ich sah wie sich in den Ritualkreisen nun die filigranen Stützstreben erhoben, welche die Zauberstäbe in Position halten würden, drückte ich noch einmal ermutigend zu, dann ließ ich sie los.
      Sadesi zupfte nervös an ihrem zeremoniellen Anwärterumhang, den wir aus dem Fundus des Schatzmeisters ausgeborgt hatten, holte tief Luft und sprach:
      "Seid willkommen im Sichelhohlbruch, ihr Meister des Meers der Lüfte. Wagemutig doch bedächtig seid ihr, und mit dem Segen der Göttin nutzt ihr die Magie. Wagemutig doch bedächtig bin auch ich, Sadesi Schlingenweber, und in mir wohnt die Sehnsucht nach den tiefen Lüften und das Wispern der Magie. Drum bitte ich um euren Segen - nehmt mich als Schülerin an, und lasst mich mit euch ziehen."
      Nun fiel sie auf die Knie - das hatten wir nicht abgesprochen - und ich konnte sehen dass ihr das Herz bis zum Hals schlug.
      Eine nach der anderen ließen die Staker nun von ihren Zauberstäben ab, und einer von ihnen trat aus seinem Kreis heraus, einen Schritt auf uns zu, und schlug seine Kapuze zurück. Die anderen folgten seinem Beispiel.
      "Wer seid ihr??"
      Ich hatte mich im Hintergrund gehalten, aber nun hielt ich es nicht mehr aus und trat vor.
      "Vater, Mutter, Onkel und Bruderherz - darf ich vorstellen: Sadesi, meine beste Freundin unterm ganzen Felsenhimmel. Sie hat was drauf, ist nett, und begabt und… darf sie mitkommen? Bitte?"
      Vater sah mich einen Moment lang an und schüttelte dann den Kopf. "Mein Llellamädchen. Warum muss bei dir immer gleich alles so melodramatisch sein? Komm her."
      Ich flog in seine Arme. "Ich freu mich so, dass ihr wieder da seid", flüsterte ich, dann reichte mich mein Vater an Mutter weiter, deren Mundwinkel verdächtig zuckten. Aus den Augenwinkeln sah ich meinen Cousin, wie er Sadesi auf die Beine half, und mein Onkel meinte: "Freundin von Llella, hm? Eine von der Sorte ist schon anstrengend genug, sag ich dir."
      Mein Bruder klopfte mir auf die Schulter. "Lass uns runtergehen, Kleine."
      Ich warf meinem Vater einen Blick zu. "Und was ist jetzt mit Sadesi?"
      Er kratzte sich am Kinn. "Ich sag dir was. Onkel Daniin wird sie erstmal runterbringen, bis die Begrüßungen vorbei sind. Und du kommst mit mir und erklärst mir wie ihr es verdammt nochmal geschafft habt, vor dem Andocken einfach so hier aufzukreuzen. Dann werde ich mit Sadesi reden, und dann… vielleicht, Llella… mit ihren Eltern. Einverstanden?"
      Ich lächelte. "Einverstanden."
      Wir hatten einen guten ersten Eindruck gemacht. Sadesi, frisch zugezogen und ohne einflussreichen Fürsprecher, hatte nun eine echte Chance, einen der wenigen begehrten Stakerlehrplätze in unserem schwebenden Dorf zu ergattern. Etwas, das bei den Stakern in Sheerse bei den ganzen Söhnen und Töchtern einflussreicher Dörfler kaum möglich war. Mehr hatte gar ich nicht erreichen wollen.


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