WB-Adventskalender 2015

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      Das einundzwanzigste Türchen ist Teil eines Bogengangs, die Sonne scheint vom Himmel und es ist so heiß, das man gerne in einen See springen würde. Aber manchen ruft die Pflicht hierher.



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      Die erste Begegnung
      Okro, Provinz Rykis, das Städtchen Oberrim, Spätsommer 729 n. Rgr.

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      Der Innenhof der Akademie lag verlassen da – bis auf den Kadetten, der da in einiger Entfernung im Schatten eines Hrukani saß, vollkommen in ein Buch auf seinem Schoß vertieft. Wohl aus einem der höheren Jahrgänge, vermutete Iradnas, denn an diesen pechschwarzen Haarschopf hätte er sich mit Sicherheit erinnert, wäre er ihm schon einmal im Unterricht über den Weg gelaufen.

      Er setzte seinen Weg in Richtung des Bogengangs fort, der zu den Quartieren der Kadetten hinüberführte. Der Großteil der anderen vergnügte sich noch im Akademiesee, aber Iradnas hatte sein nagendes schlechtes Gewissen angesichts des bevorstehenden Militärgeschichte-Tests dazu getrieben, sich früh auf den Rückweg zu machen. Er konnte noch so oft der Thronerbe des Großreichs Okro und Rykis sein – hier in der Akademie waren sie alle gleich, und wer in den ständigen Prüfungen hinter den Erwartungen zurückblieb, musste mit unangenehmen Strafen und, viel schlimmer, einem Brief an die Eltern rechnen. Iradnas durfte nicht riskieren, dass seinen Vater eine derartige Mitteilung erreichte, sonst nahm der ihn von der Akademie und schickte ihn, seinem ursprünglichen Plan gemäß, doch noch an die Verwaltungsschule von Aberra, den langweiligsten Ort der Welt. Außerdem hatte ihm die Sonne heute schon lange genug auf den Kopf geknallt.
      Ein feines Rinnsal suchte sich einen Weg aus seinem Haar hinunter Richtung Kragen. Schnell rieb Iradnas es weg und hielt weiter auf den Gebäudeeingang zu. Bald trennten ihn nur noch wenige Schritte Entfernung von dem Baum mit dem lesenden Kadetten. Dieser lag eher da als dass er saß, den Baumstamm im Rücken und das Buch gegen die angewinkelten Beine gelehnt. So streifte Iradnas‘ Blick beiläufig den dazwischen hervorblitzenden Einband – und er erkannte das Buch, denn erst vor wenigen Stunden hatte er es selbst durchgeblättert: Militärgeschichte – Eine Einführung.
      Iradnas hielt jäh an. Also doch …?
      Er trat einen Schritt näher in der Hoffnung, die Aufmerksamkeit des Jungen zu erwecken. Doch dieser schien weiter wie in sein Buch versunken. Einen Moment lang ließ Iradnas noch seinen Blick auf ihm ruhen. Er war mit Sicherheit älter als die meisten anderen der neuen Kadetten, mindestens acht, wenn nicht schon deutlich auf dem Weg zur Neun [1]. Und er musste aus einer der südlichen Provinzen stammen, denn sein Hautton war mehr als eine vorübergehende Sommerbräune und auch solch schwarzes Haar fand sich im Kernland selten. So manche Strähne war kurz davor, ihm in die Augen zu fallen, die Grenzen der Akademieregeln auslotend.
      Nach einigen Augenblicken ohne irgendeine Reaktion beschloss Iradnas, ihn direkt anzusprechen. „Du bist aber nicht im ersten Jahr, oder?“
      Der andere Kadett hob kaum merklich den Kopf. Er musste Iradnas‘ Anwesenheit die ganze Zeit sehr wohl bemerkt haben, seine Leseposition ließ nichts anderes zu. Seine Antwort kam etwas verzögert. „Doch, bin ich.“
      Iradnas suchte nach einem Vorwand. „Ich habe mich nur gefragt …“ Er deutete über seine rechte Schulter in Richtung Außengelände. „Ich dachte, alle von uns wären unten am See, noch einmal das warme Wetter ausnutzen.“
      Wieder ließ der Junge sich mit der Antwort Zeit. „Mir ist gerade nicht nach Schwimmen. Vielleicht gehe ich heute Abend noch, wenn weniger los ist.“ Seine Augen klebten immer noch an der Oberkante des Buches. Anscheinend scheute er Iradnas‘ Blick.
      So ein Verhalten war Iradnas vollkommen neu. Entweder sein unbekannter Kamerad hatte keine Ahnung, wen er da vor sich hatte – nein, das konnte nicht sein, das wusste hier wirklich jeder. Oder er beherzigte schlicht das, was die Ausbilder hier jedem einzutrichtern versuchten – dass sie, die frischgebackenen Kadetten, hier an der Akademie alle auf gleicher Stufe standen. Bislang erfolglos. Wirklich jeder in seinem Jahrgang scharwenzelte nach Kräften um Iradnas herum im Wetteifer um seine Aufmerksamkeit. Noch ein Grund dafür, sich in einem günstigen Moment früh vom See zurückzuziehen – einfach ein paar Momente Ruhe. Aber nun war seine Neugier endgültig geweckt. „Wie kommt es, dass ich dich noch nie im Unterricht gesehen habe?“
      „Du hast mich nicht gesehen? Das ist ein gutes Zeichen.“
      Das wird ja immer merkwürdiger! „Wie um alles in der Welt kann man wollen, dass einen keiner wahrnimmt?“
      „Wenn man gar nicht erst auffällt, fällt man auch nicht im Schlechten auf.“
      Das war eine derart treffende Feststellung, dass Iradnas erst einmal nichts einfiel, was er erwidern konnte. Erneut musterte er sein Gegenüber. Sicher, er sah wirklich nicht aus wie ein Sprössling alteingesessener Familien Zentral-Okros. Zu diesen gehörten zwar viele, aber nicht alle der anderen Kadetten im untersten Jahrgang. Seit Jahrhunderten war Okro ein Staat, innerhalb dessen Grenzen verschiedenste Völker lebten, umzogen, sich vermischten. Und abgesehen von dem südländischen Aussehen konnte Iradnas wirklich nichts Außergewöhnliches an seinem Kameraden entdecken. Weder hatte er überzählige oder verformte Extremitäten noch fehlten ihm welche. Und sein Okroisch war tadellos, es musste seine Muttersprache sein. „Na komm, hier spricht doch jeder über jeden, und das seit dem Tag unserer Ankunft. Wie heißt du?“
      „Seár.“
      „Se- wie? Okroisch ist das nicht, oder?“
      Wiederum Zögern, dann kam es etwas unterdrückt: „Das ist ein sundrischer Name.“ Und dann, mit festerer Stimme, wie um Nachfragen zu verhindern: „Einfach ‚se‘ wie in ‚serra‘, und die zweite Silbe ist wie ‚ar‘ in ‚arsit‘ [2], aber etwas länger gehalten. Wie in dem Laut, den man von sich gibt, wenn man freudig überrascht ist.“ All das kam ohne nachzudenken, als habe er es schon viele nevith[3] Male aufgesagt.
      Iradnas versuchte es noch einmal, aber es klang einfach komisch. Die okroische Sprache kannte schlicht keine langen oder aufeinanderfolgenden Vokale.
      „Das klingt doch schon ganz gut.“
      „Irgendwann bekomme ich das sicher hin. – Ehm, was mich betrifft, ich bin –“
      „Ich weiß, wer du bist. Iradnas Sarvis.“ Seárs Stimme klang mit einem Mal sehr belegt, fast ehrfürchtig. „Der Thronfolger unseres Landes.“
      Iradnas nickte und schob noch ein leises „Ja” hinterher, denn Seár hatte seinen Blick wieder hin zu dem Buch driften lassen. Eigentlich täte Iradnas gut daran, es ihm gleichzutun … Aber nun sah er seine Vermutung bestätigt: Sein Kollege wusste genau, wer er war, und anders als allen anderen in ihrem Jahrgang schien ihm das herzlich egal zu sein. Aber warum? Iradnas schob den nagenden Gedanken an die Militärgeschichte-Prüfung erst einmal beiseite. Erst wollte er einer anderen Geschichte nachgehen – der seiner neuen Bekanntschaft.
      Er hockte sich neben Seár auf den Boden, denn von oben herab unterhielt es sich auf Dauer schlecht. „Du bist also ein Siú?“
      Das war wohl die falsche Taktik, denn als Antwort erhielt er nur ein zögerliches Aufsehen vom Buch – wie in Erwartung herablassender Kommentare, die für gewöhnlich einer solchen Frage folgten. Iradnas musste Seár irgendwie zu verstehen geben, dass ihm das fernlag, er nichts Böses im Sinn hatte. „Ich weiß nicht wirklich viel über die Siú“, gab er zu, während er fieberhaft in seinem Kopf danach kramte, was ihm seine Privatlehrer vor Jahren über dieses Volk erzählt hatten. „Sie gehören zu den ursprünglichen Bewohnern der Nham-Ebene, sind also mit den Oremh verwandt. Heute leben sie auf der Halbinsel im Südwesten von uns. Sie sind ziemlich groß, und ... alle von ihnen haben echt lange Haare.“ Gegen Ende der Aufzählung wurde Iradnas‘ Stimme zunehmend leiser, denn was er da sagte, kam ihm unglaublich dumm vor. Zumal der letzte Punkt ersichtlich nicht auf sein Gegenüber zutraf.
      Seár nahm die Hände vom Buch, ließ sie auf den Boden gleiten und hob nun vollends den Kopf. Zum ersten Mal seit Beginn ihrer Unterhaltung trafen sich die Blicke der beiden Kadetten – und hielten einander fest. Zwar nur für einen kurzen Moment, aber für manch anderen wäre er lang genug gewesen, um Unbehagen zu bereiten.
      „Das ist schon viel mehr als die meisten anderen wissen”, meinte Seár. Mit einem Mal war der abwehrende Tonfall aus seiner Stimme verschwunden. Anscheinend war es nicht alltäglich, dass jemand an ihm und seinem Volk Interesse zeigte. „Und das stimmt alles. Auch das mit den Haaren, daran kann man für gewöhnlich sofort erkennen, dass man einen Siú vor sich hat. Meine waren auch viel länger als jetzt.“ Er hob den Arm, betastete mit den Fingern das kurze Haar in seinem Nacken. „Fast bis zur Hüfte. Nun ja, die Regeln …“ Ein Anflug von Bedauern schwang in diesen Worten mit, wich aber sogleich wieder der Zuversicht. „Aber ich denke, jeder gibt ein Stück von sich selbst ab, wenn er hier anfängt.“
      Iradnas nickte, denn dass das auch so gewollt war, hatten die neuen Kadetten bereits bei der Aufnahmefeier vor wenigen Wochen eindringlich vermittelt bekommen. Bei der Erinnerung daran traf ihn eine Erkenntnis. „Ich kann mich nicht daran erinnern, bei der Flaggenzeremonie ein Banner aus Süd-Okro gesehen zu haben.“
      „Ich komme aus Aberra, wie so viele hier.“
      Er sprach es nicht aus, wollte aber wohl andeuten, dass er bei den Begrüßungsfeierlichkeiten unter all den anderen neuen Kadetten untergegangen war. Vor Iradnas‘ innerem Auge zogen kurz die Ereignisse während der Zeremonie vorbei. Wie sich die neuen Kadetten nach Herkunftsorten zusammengefunden hatten, jeder mit einer Flagge oder einem anderen Zeichen seiner Heimatstadt in den Händen. Wie man die Grüppchen der Reihe nach aufgerufen hatte, sie auf die Kiste am Kopfende des Saals zugeschritten waren und die Flaggen feierlich dort hineingelegt hatten, wo sie bis zur Abschlussfeier verbleiben würden. Die Zeremonie sollte zum einen zeigen, aus welchen Ecken des Landes die neuen Kadetten kamen. Und ihnen zum anderen bewusst machen, dass für sie nun ein neuer Lebensabschnitt begann, dass – wie hatte Seár es eben ausgedrückt? – jeder von ihnen ein Stück von sich selbst zurücklassen würde. Nein, so angestrengt Iradnas auch nachdachte, er konnte sich einfach nicht daran erinnern, dass sich unter all den Gesichtern in der doch recht großen aberranischen Gruppe auch das seines sundrischen Kommilitonen befunden hatte. „Hätte ich dich dann nicht erst recht bei der Zeremonie sehen müssen?“, versuchte er sich mit Worten heranzupirschen.
      Er erntete einen etwas gequälten Blick – und Schweigen. Kaum hatte Iradnas geglaubt, die innere Verteidigung seines Kollegen überwunden zu haben, da fand er sich von der nächsten wieder. An sich keine schlechte Strategie an einem Ort wie diesem, wo es jeden Tag aufs Neue galt, Stärke, Durchhaltevermögen und Verantwortung zu zeigen. Aber auch Ehrlichkeit war eine Tugend, die man in Oberrim hochhielt, und dieser schien Seár gerade nicht sehr zugetan. Iradnas spürte noch eine Erkenntnis in sich aufkeimen. Nach unzähligen offiziellen Anlässen und Feierlichkeiten, zu die ihn sein Vater in den letzten Jahren mitgenommen hatte, glaubte er einen ganz guten Überblick über die Oberschicht Aberras und der restlichen Zentralprovinz gewonnen zu haben. Angehörige der verschiedensten Völker waren darunter, neben Okroern und Rykiern auch Anami, Lijeker und sogar ein paar Tapali. Aber Siú fielen ihm keine ein. Und wer nicht den höheren Kreisen des Reichs entstammte, konnte das Schulgeld von arnevren[4] Velin wohl kaum aufbringen. Irgendetwas in dieser Richtung war es wohl, das Seár von den anderen Kadetten unterschied und von dem er nicht wollte, dass es herauskam. Und bevor er deswegen zum Gespött der anderen wurde, allesamt Söhne und Töchter einflussreicher und wohlhabender Familien, versuchte er sie lieber selbst so weit wie möglich zu meiden. Genau, das musste es sein – so ergab sein ganzes bisheriges Verhalten seinen Sinn. Aber wie all die anderen Kadetten der Militärakademie zu Oberrim musste auch Seár Außergewöhnliches vollbracht haben, sonst wäre er nicht hier. Iradnas spürte seine Neugier ins Unermessliche steigen. Er beschloss, Seár einfach aus der Reserve zu locken – auch in der okroischen Geschichte hatte die Taktik des Überraschungsangriffs mehrfach hervorragend funktioniert.
      Er lehnte sich etwas zurück, stützte sich mit den Händen auf dem Boden ab. „Na komm. Wie auch immer deine Geschichte aussehen mag, sie kann nicht so schrecklich sein, dass sie dich zum Prügelknaben des Jahrgangs macht. Sich von den anderen abzusondern bewirkt das schon eher. Irgendwann kommt ohnehin alles ans Licht.“ Iradnas verkniff sich einen Hinweis darauf, dass er in seiner Stellung so ziemlich alles erfahren konnte, was er wollte. „Und dann hast du keinen Einfluss mehr darauf, wie. Jetzt hingegen schon.“
      Nach einigen weiteren Momenten der Stille meinte Seár leise: „Da hast du wohl Recht.“ Sein Blick wanderte gen Boden, betrachtete ihn dort, wo seine rechte Hand zum Liegen gekommen war. Welch harten inneren Kampf er wohl gerade mit sich ausfechten musste … Nach einiger Zeit sah er wieder auf. „Ich bin erst seit letzter Woche hier.“
      Ha! Hatte Iradnas‘ Erinnerung ihm doch keinen Streich gespielt. „Ich wusste gar nicht, dass man auch nachrücken kann.“ Nach der verbalen Herausforderung von eben gab er sich nun Mühe, möglichst wenig feindselig zu klingen. „Bei all den strengen Regeln hier …“
      „Ich habe ganz normal an der Aufnahmeprüfung teilgenommen“, beeilte sich Seár hinzuzufügen, „aber danach gab es noch einiges zu regeln. Es war nämlich nicht geplant, dass ich hierherkomme.“
      Dabei konnte es sich ja nur um Probleme mit dem Schulgeld handeln, aber Iradnas rang den Zwang nieder, an diesem Punkt nachzubohren. Nein, nicht nach dem bisherigen Verlauf ihrer Unterhaltung und erst recht nicht jetzt, wo er Seár einmal zum Reden gebracht hatte. „Wie kommt man denn ungeplant hierher? Damit ist ja doch einiges an … Aufwand verbunden.“ Innerlich beglückwünschte er sich selbst für diese grandios doppeldeutige Formulierung, die ihm eben gekommen war.
      „Nun, bei mir stand nicht von langer Hand fest, dass ich mich einmal hier bewerbe. Oder an einer anderen Militärakademie. Ich wollte direkt zur Armee gehen.“ Bei den letzten Worten klang Seár erstmals so unerschütterlich, wie man es von einem Kadetten einer okroischen Militärakademie erwarten würde. „Aber da man mich dort offiziell nicht nehmen würde, musste ich mir etwas einfallen lassen.“
      Iradnas fühlte sich herausgefordert zu erraten, was als Nächstes kam. „Sag bloß, du hast dich in die Armee eingeschlichen?” In diesen Worten schwang mehr Entsetzen mit als gewollt.
      „Ja.“ Für einen kurzen Moment ließ Seár den Anflug eines Lächelns erkennen. Er legte das Buch zur Seite, stemmte sich in eine aufrechtere Sitzposition hoch. Jetzt folgte wohl eine etwas längere Geschichte.
      „Nun, ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich jemals etwas anderes werden wollte als Soldat. Vielleicht, weil ich einen großen Teil meiner Kindheit damit verbracht habe, in Kasernen herumzuhängen. Nur mein Vater ist Siun, meine Mutter ist Okroerin, duvetni in Rashaje [5]. Sie entstammt einer Familie mit einer langen militärischen Tradition. Ich war also die meiste Zeit meines bisherigen Lebens fast ständig von Soldaten umgeben.“
      Das erklärte also, warum Seár perfektes Hauptstädter-Okroisch sprach. Wobei er mit diesem Hintergrund bestimmt auch derbste Soldatensprache auf Lager hatte – im Gegensatz zu Iradnas und seiner durchgeplanten, aber behüteten Kindheit am Hof. Er nickte, um Seár zum Fortfahren zu bewegen.
      „Letzten Winter meinte mein Vater dann, es wäre langsam an der Zeit, dass ich mir einen Beruf aussuche. Ich sagte ihm, ich würde gern zur Armee gehen, aber das ließ er nicht gelten. Er meinte, ich wäre zu jung, was ja auch stimmte, und ich könne das immer noch tun, wenn ich eine Lehre abgeschlossen und etwas in der Hinterhand hätte. Und dann hat sich auch noch meine Mutter hinter ihn gestellt. Das hätte ich nie gedacht.“ Die zunehmende Erregtheit in diesen Worten machte der Enttäuschung Platz. „Aber ich wollte keine anderthalb Jahre mit etwas verschwenden, das ich eigentlich gar nicht möchte. Und das wollten sie einfach nicht verstehen.“
      „Eltern verstehen einen nie“, bekräftigte Iradnas. „Stell dir vor, mein Vater wollte, dass ich an die Akademie für Verwaltungswesen und Staatskunde gehe. Dorthin, wo all die drögen Beamten am Hof herkommen. Mir wäre jeden Tag das Gesicht eingeschlafen.“
      Seár gab einen amüsierten Laut von sich, bevor er zu seiner Erzählung zurückkehrte. „Es war mir aber todernst. Also habe ich mich letzten Kelan [6] als Freiwilliger gemeldet.“
      „Und das ging so einfach? Man muss doch neun sein, um zur Armee zu gehen.“
      „Natürlich, das war ja das Problem. Deshalb hatte ich bei der Erfassung ein falsches Alter angegeben. Und um möglichst in der Masse unterzugehen, hatte ich mir bereits zuvor meine Haare zum Großteil abgeschnitten. So bis oberhalb der Schultern. Und ich war die halbe Nacht durch bis zum Stützpunkt nach Kilenre gelaufen, denn in Aberra kennen zu viele Soldaten mein Gesicht.“
      Iradnas lauschte gebannt. Das war schon jetzt die mit Abstand interessanteste Geschichte, die er in den wenigen Wochen hier an der Akademie zu hören bekommen hatte, und sie versprach noch viel spannender zu werden.
      „Im Vergleich zu dem, was wir hier durchmachen mussten, wollten sie in Kilenre lächerlich wenig sehen. Anfangs sah es so aus, als hätte alles wunderbar geklappt. Aber ein paar Tage später wurde ich zum Stützpunktkommandanten berufen. Er sagte mir, man hätte herausgefunden, dass ich bei meinem Alter gelogen hatte. Dann warf er mich hinaus. – Ich hätte mir wirklich denken können, dass sie nicht nur nachsehen, ob man im Bürgerregister steht, sondern auch das Alter überprüfen. Aber was hatte ich schon zu verlieren?“ Seár hielt kurz inne, wie um das jähe Ende der Geschehnisse zu verdeutlichen. Als er fortfuhr, sprach er ein wenig leiser. „Meine Eltern waren außer sich, als ich nach den fünf Tagen, die ich ‚verschwunden‘ war, wieder zu Hause ankam. Ich hatte natürlich einen Brief hinterlassen, der alles erklärte, aber geholfen hat der nicht viel. Ich habe sie noch nie so wütend erlebt.“
      Welche Eltern wären das nicht? Iradnas erinnerte sich nur zu gut an die Konfrontation mit seinem Vater, nachdem er sich heimlich mit seiner Mutter verbündet und seine Teilnahme an der Aufnahmeprüfung hier in Oberrim veranlasst hatte. Besser, er schob den Gedanken daran schnell beiseite. „Und wie kamst du dann hierher?“
      „Lass es mich kurz halten.“ Klang der erste Teil der Geschichte wirklich heldenhaft, so stand nun wohl einer bevor, der Seár eher unangenehm war. „Ich muss mich während der paar Tage in der Armee ganz gut angestellt haben, denn ein paar Wochen später stand ein Gesandter aus Kilenre vor der Tür und unterhielt sich lange mit meinen Eltern. Ich wäre wohl jemandem aufgefallen und wenn ich wollte, könnte ich eine Empfehlung für eine beliebige okroische Militärakademie bekommen.“ Er klang wieder so ehrfürchtig wie beim Nennen von Iradnas‘ Namen und Stellung. „Ich hätte niemals gewagt, an so etwas auch nur zu denken. Es hat einige Monate gedauert und ich hatte schon nicht mehr daran geglaubt, aber dann bekam ich wirklich ein solches Schreiben. Dann ging alles sehr schnell. Ich hatte nur zwei Wochen Zeit, um mich auf die Aufnahmeprüfung vorzubereiten und reiste ohne weitere Planung dorthin, denn im Traum hätte ich nicht daran gedacht, dass ich genommen werde.“ Er schüttelte den Kopf, als könnte er immer noch nicht glauben, hier zu sein, im äußeren der beiden Innenhöfe der Militärakademie zu Oberrim, der besten von ganz Okro, und mit dem Lernen auf eine Prüfung beschäftigt.
      Iradnas spürte, wie sich sein schlechtes Gewissen wieder bemerkbar machte, und er beschloss, im Interesse beider die Erzählung zu einem schnellen Ende zu führen. „Und bis der Rest geregelt war, hatte der Unterricht schon begonnen?“
      Seár schien erleichtert. „Genau. Leider.“
      „Ich verstehe nicht, warum du dich so bedeckt hältst – diese Geschichte ist doch wirklich großartig“, verkündete Iradnas und versuchte erst gar nicht, seine Begeisterung zu unterdrücken. Wer so hartnäckig seinen Wunsch verfolgte, seinem Land zu dienen, und trotz kurzer Vorbereitung die Aufnahmeprüfung bestand, aus dem musste einfach ein guter Offizier werden. Vielleicht war es doch eine glückliche Fügung, dass man Seár in Kilenre vor die Tür gesetzt hatte. Auch wenn der Grund dafür wirklich lächerlich war. Iradnas machte eine abwehrende Handbewegung. „Warum muss man überhaupt neun sein, um zur Armee zu gehen? Wenn jemand etwas kann und sich berufen fühlt, in die Dienste Okros zu treten, braucht das Alter doch keinen zu interessieren.“
      „Das wusste ich auch nicht. Bis vorhin.“ Seár klopfte auf den Buchdeckel von Militärgeschichte – Eine Einführung. „Erlass von Dar Kitanas aus dem Jahr 545 n. Rgr., in ihrer Funktion als Großfürstin von Okro, nicht als Armeeoberhaupt. In Friedenszeiten sollen Kinder lernen und nicht in den Krieg ziehen.“
      Was? Jedem in der langen Liste der okroischen Monarchen hätte Iradnas einen solchen Erlass zugetraut – nur nicht Dar Kitanas. Sie war diejenige, die unter ihnen den mit Abstand militärischsten Hintergrund hatte, die sozusagen direkt von der Front in das höchste Amt im Staat gewählt worden war. Und sie sollte diese Regelung eingeführt haben? Unfassbar, dass Iradnas von dieser Episode aus dem Wirken der Frau, die er von seinen Vorgängern am meisten bewunderte, noch nie gehört hatte.
      „Ah, Dar Kitanas“, verkündete er, um seine Überraschung zu überspielen. „Die Soldatenfürstin. Begründerin ihrer eigenen Dynastie, Regierungszeit 545 – 563. Geboren am 37. Nnerri 525 in Vihas, gestorben am 13. Olvesh 563 in Kshetal.“
      Seár stand nun das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. „Hieß es etwa am Anfang, dass wir das alles wissen müssen?“
      Iradnas entrutschte ein Lachen. Der lässt sich aber ganz schön leicht hochnehmen für jemanden, der auf rauen Kasernenhöfen groß geworden ist. „Nicht dass ich wüsste“, fügte er versöhnlich hinzu. „Im Palast gibt es Flure mit einer Galerie der Herrscher Okros. Ich bin gern dort und lasse mich inspirieren. Mit der Zeit konnte ich die ganzen Daten unter den Bildern auswendig.“
      Iradnas‘ Gewissen nagte nun stärker als je zuvor an ihm. Er sollte sich besser mit dem beschäftigen, was er noch nicht wusste. Sein Blick wanderte zu dem zugeklappten Band neben Seár. „Wie weit bist du schon mit dem Lernen?“
      Seár nahm das Buch wieder auf den Schoß und begann, darin zu blättern, wohl auf der Suche nach der zuletzt gelesenen Stelle. „Bei den Nachgründungskriegen, also noch nicht sehr weit. Ich musste erst den Stoff der ersten beiden Wochen aufarbeiten.“
      „Ich bin auch noch nicht weiter.“ Iradnas deutete in Richtung der Unterkünfte. „Was dagegen, wenn ich meine Notizen hole und mitmache?“
      Diesmal war es wirklich ein Lächeln, was sich da erhaschen ließ. „Ganz und gar nicht.“
      „Gut, dann warte kurz, ich bin sofort wieder da.“ Iradnas sprang auf und nahm eilig die letzten paar Schritte, die ihn aus dem Innenhof heraus und unter den Säulengang führten. Es ging noch um zwei Ecken, dann hatte er die Stufen erreicht, die zu den Quartieren des untersten Jahrgangs führten. Er spürte er ein breites Grinsen in sein Gesicht treten. Noch immer hatte er nicht die leiseste Ahnung, warum ihm der wohl ungewöhnlichste Kadett der gesamten Akademie zuvor noch nicht aufgefallen war – vielleicht, weil er sich gerade deswegen ein wenig verschlossen gab. Aber er schien aufrichtig zu sein und machte den Eindruck, als sei ihm Iradnas‘ Status völlig einerlei. Und als könnte er einen Freund gebrauchen.


      [1] 7 okroische entsprechen in etwa 13, 8 knapp 15 und 9 ca. 16,7 irdischen Jahren.
      [2] serra ist das okroische Wort für einen (militärischen) Appell, ein Antreten; arsit ist das Zahlwort sechs.
      [3] nevith = 81 = 9*9, im okroischen Zahlensystem mit Basis 9 sozusagen das Analogon zur 100 im Zehnersystem.
      [4] arnevren = 39.366; ein ungelernter Arbeiter in der Hauptstadt hat etwa einen Verdienst von 50 Velin pro Woche bzw. 3750 pro Jahr; ein einfaches Mittagessen ordentlicher Qualität ist in einer der dortigen Garküchen ab 3 Velin zu haben.
      [5] duvetni: Bezeichnung für den Anführer einer Einheit von 27 Soldaten in der okroischen Armee, vom Zahlwort duvet für siebenundzwanzig; Rashaje ist ein Stützpunkt südlich der okroischen Hauptstadt Aberra.
      [6] Kelan („Krieger“) ist im okroischen Jahr der erste Monat, der komplett im Frühling liegt. In Friedenszeiten nimmt die okroische Armee jedes Jahr zum 1. Kelan (Frühling) und 1. Gharis (kurz vor Herbstanfang) neue Rekruten auf.



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      Das zweiundzwanzigste Türchen trennt ein gut geheiztes volles Gasthaus von stürmischem Wetter. Es ist laut draußen und laut drinnen. Ein nassgeregneter Mann geht durch das Türchen und schließt es sorgfältig hinter sich, dann quetscht er sich an die Theke und bestellt ein Rhuk.



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      Fels oder Pflanze

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      Das Gasthaus an der alten Imperiumsstraße war an diesem Abend voller als sonst, denn ein Sturm wütete und schleuderte in seinem Zorn wie wild mit Regen, Hagel und abgebrochenen Ästen aus dem Wald um sich. Wer auf der Straße unterwegs gewesen war, hatte schnell Schutz gesucht.
      Im Inneren war es dementsprechend warm, stickig und eng.

      „Schon einmal so ein Wetter erlebt?“, wollte Thamris leutselig von seinem Nachbarn an der Theke wissen.
      Dieser hob noch nicht einmal den Kopf und starrte weiterhin trübselig in sein Rhuk, vollkommen in Gedanken versunken. Nachdem etwas Zeit verstrichen war, rang er sich endlich zu einer Antwort durch.
      „Ich erlebte schon andere, schlimmere“
      Er sprach so grollend wie ein wütender Hund knurrte.
      Thamris hob beschwichtigend die Hände „Da hat wohl wer schlechte Laune“
      „Ja“, sprach der andere Mann kurz angebunden und sah noch immer nicht auf.
      „In Ordnung.“ Der Katzenwandler hielt das darauf folgende Schweigen vielleicht drei Minuten aus, dann fragte er: „Warum?“
      „Würdest du nicht verstehen, Kleiner“
      „So jung bin ich jetzt auch nicht mehr“, Thamris tat beleidigt. „Und bestimmt nicht jünger als du“
      „Das bezweifele ich. Ich bin wesentlich älter, als ich aussehe.“
      „Aha. Vampir?“, riet Thamris.
      „Nein“, antwortete der andere kurz angebunden und schwieg dann wieder.
      „Ich bin auch älter als ich aussehe“, vertraute der Wandler dem Fremden an. Das schien zumindest teilweise dessen Aufmerksamkeit zu erregen.
      „Bist du denn ein Vampir?“, fragte der Fremde.
      „Nein“, Thamris strich nachdenklich über sein Amulett.
      „Ich bin auf.. andere Weise jung geblieben. Wie genau würde ich auch ganz gerne wissen.“
      Das ließ den Fremden auflachen: „Na dann sind wir ja schon zwei.“
      „Wie alt bist du denn?“, hakte der Werkater neugierig nach.
      Der Fremde stieß kurz Luft aus und dachte nach: „ Irgendetwas über tausend Jahre. Ich habe irgendwann aufgehört mitzuzählen.“
      Das ließ den Wandlerkater kurz sprachlos zurück aber Thamris wäre nicht Thamris, wenn dies ein dauerhafter Zustand gewesen wäre.
      „Bist du deshalb so mürrisch?“, nahm er das Gespräch wieder auf.
      „Ja“, entgegnete der andere und fuhr dann fort „Du müsstest das Gefühl doch kennen, wenn du auch nur annähernd so alt bist.“
      „Ich bin 683“, antwortete Thamris, „und ja, ich kenne das Gefühl. Es ist, als würde nichts mehr wirklich zählen, weil alles Erlebbare schon geschehen ist. Aber lass dich davon nicht in die Irre führen, es gibt noch so viele Dinge zu erleben. Schon das Lächeln eines hübschen Mädchens kann ungemein aufbauend sein, wenn man es in sein Herz lässt.“
      „Ja“, der andere lachte kurz freudlos auf, „bis sie dann irgendwann alt wird und stirbt. Glaub mir, das hatte ich schon oft genug. Ich verzichte lieber darauf.“
      „Ich weiß, wie du dich fühlst“, fuhr der Wandlerkater ungerührt fort „So taub und leer und kaum blinzelst du einmal, flog wieder ein leeres Jahrhundert an dir vorüber. Ein leeres Jahrhundert, weil die Gesichter der Menschen um dich herum zu einem Einheitsbrei verwischen und dir keiner mehr irgendetwas bedeutet. Aber das ist kein Leben!“
      „Es ist das einzige Leben, das ich führen kann“, gab der andere zurück.
      „Bis jetzt. Komm, ich will dir etwas zeigen!“
      Und mit diesen Worten ergriff Thamris fest den Arm des anderen und zog ihn aus der Taverne, ohne auf den Wirt zu achten, der sich über die geprellte Zeche aufregte und ihnen hinterherrief.
      Draußen schrien die Böen sie nun an, wollten sie zurück ins Haus treiben, doch Thamris ignorierte das und zog den protestierenden anderen hinter sich her, bis sie im Windschatten eines großen Felsens angelangt waren, wo man einander zumindest einigermaßen verstehen konnte.
      „Was soll das?!“, wollte der Ältere von Thamris wissen, „Es ist Wahnsinn, bei diesem Wetter hinaus zu gehen!“
      „Da liegt dein Fehler!“, sprach der Werkater, „Du versuchst noch immer das Leben eines Menschen zu führen, wo wir doch ganz klar keine sind!“
      Er grinste und fuhr dann fort: „Menschen leben üblicher Weise ihr Leben wie Pflanzen: Sie wachsen, altern, pflanzen sich fort und sterben, auf ihre kurze, leidenschaftliche Art und Weise. Das ist in Ordnung, der drohende Tod gibt selbst ihren kleinsten Bedürfnissen eine ganz andere Bedeutung.
      Du aber, du bist im Moment wie dieser Fels: Erstarrt und langsam, unveränderlich und grau. Du sehnst dich nach den Freuden als Pflanze zurück, aber du kannst sie nicht mehr haben. Das musst du erkennen. Du bist etwas anderes und musst etwas anderes finden, was deinem Leben einen Sinn verleiht, weil es der Tod ja nicht mehr sein kann.“
      Er sprang elegant hoch und landete als Katze auf einem Vorsprung im Felsen, bevor er sich wieder zurück verwandelte und die Beine baumeln ließ. Erneut setzte er seinen kleinen Vortrag fort:
      „Du magst anders als die Pflanzen sein, aber weder besser, noch schlechter. Nur anders. Was heißt, dass du an Dingen Freude haben kannst, an die Sterbliche noch nicht einmal denken würden, weil es ihr empfindliches Lebenspflänzchen zerstören könnte. Einen Felsen zerschmettert so leicht nichts!“
      Er schlug zum Beweis fest gegen den Stein „Siehst du?“
      „Und was soll mir dein Gerede über Felsen und Pflanzen nun sagen?“, wollte der Fremde skeptisch wissen.
      „Das musst du entscheiden. Such dir irgendeine Aufgabe, eine, die einem Felsen gerecht ist und nicht einer Pflanze. Dann danke mir, wenn eir uns das nächste Mal treffen.“
      Thamris grinste kurz breit, dann sprang er auf die Spitze des Felsens, wurde wieder zu der schlanken, goldbraunen Katze und sprang mit einem Juchzer von Felsen. Einige Spannen weiter landete er und huschte dann in die Dämmerung davon.
      Der Zurückbleibende schüttelte den Kopf, konnte aber ein unwillkürliches Grinsen nicht verhindern.
      Ein Felsen also, so so...


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      Das dreiundzwanzigste Türchen ist weiß, steril und sorgfältig desinfiziert. Das ist auch nötig, denn es befindet sich in der Krankenhalle.



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      Aus den Memoiren von Bolrundi Fargimma Dresslersdotr (Teil 1)

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      Der Zunftrat war also zu dem Entschluss gekommen, dass es Zeit für den nächsten Schritt war und eigentlich sollte Kilgwenna diesen Schritt machen. Aber die Snarglbäume wollten es wohl anders, als sie sie mit ihrer Blüte überfielen und ihren Lungen so übel zusetzen, dass sie erst in zwei bis drei Wochen wieder voll einsatzfähig sein würde.
      Verschieben ließ sich die Expedition auch nicht, denn in der "Scheune" waren die Antriebswelle einer Wasserpumpe als auch die Reserve ausgefallen. Man musste sie also notdürftig flicken, denn dass man dort nicht einfach einen Brunnen graben kann, versteht sich ja von selbst. Es dauerte nicht lang, bis die ersten von "göttlichem Zorn" sprachen. Es ging sogar so schnell, dass kurz darauf der Verdacht der Sabotage durch die Sekte "Blitz von Plaver" aufkam.
      Nach einigem Hin und Her wurde schließlich ich ausgewählt, um Kilgwenna zu vertreten. Darüber, was für eine exzellente Ausbilderin sie ist, und über ihre selbst für eine Bergzwergin bewundernswerte Geduld habe ich mich ja schon zu genüge ausgelassen, aber das machte es mir nicht gerade leichter, die Mission anzunehmen.
      Ich fühlte mich wie eine Diebin, die ihr die Gelegenheit stehlen wollte, Geschichte zu schreiben. Also bestand ich darauf, sie zu besuchen, denn ich wusste, dass die Krankenhalle noch mit zu meinem Quarantänegebiet gehörte. Dankenswerterweise hatte der Meister in Rot-Weiß sie auch genug untersucht, um ansteckende Krankheiten auszuschließen, also wurde ich am nächsten Tag in ihr Zimmer gelassen.

      Ihr Atem rasselte wie ein altes Getriebe, als ich sie fragte, ob sie wirklich damit einverstanden war, dass ich ihren Platz einnehmen würde. Schließlich war sie mit ihrer unglaublichen Gelassenheit geradezu dazu prädestiniert - "Sieh es mal so..." röchelte sie mit einem Lächeln auf den Lippen "Jeder kann mit einem Engel fliegen, aber ich kann mir kaum jemanden besseres als dich vorstellen. Denn du kannst zeigen, ob die Freundschaft zu den Ettins wirklich schon reif genug ist..." - "Mit einem Engel? Ach, deshalb zeichnen die Langen sie so gern mit Flügeln?" lachte ich, denn bis auf diesen dümmlichen Witz fehlten mir die Worte.
      Ich konnte es einfach nicht fassen, wie sehr Kilgwenna einem Jungspund wie mir vertraute. Vor allem kannte sie Kommandant Hethenfrall im Gegensatz zu mir schon seit Jahren. Doch sie sah mich mit den selben wissenden Augen an wie an dem Tag, an dem ich den Termin für meinen ersten "Ritt" in der Übungsschleuder bekam. Dann raffte sie sich auf und nahm meine Hand mit den selben Worten wie damals: "Lass uns irgendwo drüber reden, wo's gemütlicher ist..."

      Wie damals gingen wir zur Schenke, um uns einen großen Humpen Wurzelbier zu genehmigen. Genauer gesagt war es keine Schenke im üblichen Sinne, sondern nur eine kleine Sitzecke mit bequemen Sesseln und einem Bier- und Weinregal direkt neben ihrem Zimmer, aber das störte mich nicht. Ich war nur froh, dass man hier wusste, wie wichtig ein guter Trunk für die Genesung sein konnte.
      Kilgwenna erzählte viele nette Anekdoten über Kommandant Hethenfrall. Besonders in Erinnerung geblieben waren mir damals, wie er sich von ihr den Bart stutzen ließ und wie er ihre Haare gewaschen und geflochten hatte. Dann war da noch das eine mal, wo er eine Gitarre mit auf seine Reise genommen, um traditionelle Hirtenlieder aus Bomfokket zu spielen.
      Wer schon mal den Innenraum einer "Gogora" gesehen hat, kann sich denken, dass das keine leichte Angelegenheit war. Aber kaum hatten wir beide unseren Humpen geleert, musste Kilgwenna zur nächsten Untersuchung. Ich wünschte ihr noch eine gute Besserung und auch sonst alles Gute, bevor ich zurück auf meine Station ging.

      Dort wartete bereits Steuermann Dunndågur auf mich. "Und, was macht Gwenna so?" fragte er in seiner typischen trockenen, aber nicht gleichgültigen, Art "Geht's ihr gut?" - "Jep!" meine ich "Es geht ihr prächtig, wenn man von dem ganzen Snarglschmodder absieht, den sie sich noch immer aus dem Balg hustet." - "Verstehe..." meinte er und nahm einen kräftigen Schluck Birnen-Sötatz, der vermutlich mehr Essig als süß war, aus seinem Becher "Ich hoffe, sie konnte dir weiterhelfen." - Ich nickte.
      Dunndågur war eben das, was man von einem Dünenzwerg aus der Masonei erwartete: Kein Freund großer Worte, aber stets treu und hilfsbereit. Es würde mich nicht wundern, wenn er mit dafür gesorgt hatte, dass ich noch einmal Gwenna sehen konnte, bevor die große Reise begann. Ich hätte ihn fragen können, aber wenn das wirklich so war, war es für ihn schon Dank genug zu wissen, dass er mir helfen konnte.
      "Weißt du eigentlich, wo der Kommandant steckt?" fragte ich ihn "Ich hab' ihn seit Tagen nicht mehr gesehen!" - "Irgendeine Familienangelegenheit." murmelte mein Kollege "Die Langen halten sich da ziemlich bedeckt." - "Wieder so eine Schönrederei! Vermutlich für 'Seine Frau will ihn vorher nochmal poffen'... " grummelte ich "Na, sei's drum! Aber wenn er nicht zu den 'Geschichten von Sand und Salz' auftaucht, bin ich mir immer noch nicht sicher, ob er wirklich zum Kommandanten taugt!"

      Ich las noch etwas in einer Zeitschrift über cid?nisches Lederhandwerk und bewunderte die Bilder von meisterhaften Wanderstiefel, bevor es schließlich zum Lampensaal ging, wo bereits die Vorbereitungsmannschaft auf uns wartete. Dunndågur legte gerade den besagten Film in den Projektor, als Kommandant Hethenfrall endlich auftauchte. "Hey-Ho!" grüßte er uns mit einem ungewohnt verhaltenen Lächeln "Tut mir Leid! Ich konnte leider nicht früher kommen."
      Das erste Mal als ich traf, wusste ich auch noch nicht so recht, was ich von ihm denken sollte. Mit seinem buschigen Schnauzbart und seiner stolzen, unerschrockenen Art erinnerte er mich an einen Eisenmann, einen ehrenhaften Krieger, von einem strikter Ehrenkodex dazu verpflichtet, die Armen und Schwachen zu beschützen. Andererseits waren bei weitem nicht alle Eisenmänner über Machtgier und Blutdurst erhaben, wie die Geschichte mit dem "blutigen Dreieck" und den "Kriegen der Einheit" gezeigt hatte.
      Gut, er war kein Feuerinsulaner, geschweige denn Eisenmann, und ich erwartete auch nicht wirklich, dass er jetzt oder später an Bord plötzlich einen Säbel oder einen Revolver zücken würde. Aber dennoch kamen mir trotz Kilgwennas guten Zuredens diese Bilder in den Kopf.
      "Ging's um deine Frau?" fragte ich ihn. - "Ja, danke!" nickte er "Aber ihr braucht euch darüber keine Gedanken machen..." - "Verstehe..." seufzte ich "Wenigstens können wir uns zusammen den Film ansehen und zum Abendessen gehen." - Wenn ich nur wirklich so gut verstanden hätte, wie ich dachte...

      Ich holte noch schnell eine Flasche "Grötzinger Apfel", bevor ich mich endlich für den Film hinsetzte. "Geschichten von Sand und Salz" war glücklicherweise einer der Filme, bei dem man gut das Räderwerk im Kopf einen Gang langsamer stellen konnte, was ihn trotz des wüsten Schlachtszenen zum Ende eigenartig entspannend machte.
      Dann war da noch meine absoluten Lieblingsszene mit Kallitha, der geflohenen Sklavin, was ich auch alle im Raum wissen ließ - "Natürlich gab's einen leichteren Weg hier raus, aber tot zu sein klang mir zu langweilig." und "Du hast mich nie besessen! Alles was du hast, ist ein klammer Händedruck von einem Händler!" waren und sind immer noch gute Sprüche, die einem Mut machen, wie ich finde.
      Doma Hethenfrall schien auch Spaß an dem Film zu finden - nur nicht gerade während der Kampfszenen. Also hatte Kilgwenna wohl schon mal Recht damit, dass er kein Säbelrasselnder Möchtegern-Eisenmann war.

      Im Anschluss ging es dann wie geplant zum Abendessen, wo es Peshleyther Hammeleintopf mit frischem Gemüse und Königskessler Röstbrot gab, eine eigenwillige, aber durchaus schmackhafte Kombination. Danach war es dann auch schon Zeit, schlafen zu gehen.
      Am nächsten Tag würde es endlich so weit sein für unseren "Ritt auf dem flammenden Donnerdrachen", wie Doma es in einem Lied nannte, das er noch spielte, bevor wir alle auf unsere Zimmer gingen. Ob es seine Musik war oder ich einfach nur müde von all der Aufregung war, kann ich nicht mehr sagen. Ich weiß nur noch, dass sie in dieser Nacht besser schlief, als ich noch am Mittag gedacht hätte.


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      Durch das vierundzwanzigste Türchen dringen der Duft von einem deftigen Frühstück und die Geräusche von leisen Gesprächen und Geschirrklappern.



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      Aus den Memoiren von Bolrundi Fargimma Dresslersdotr (Teil 2)

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      Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war mit das erste was ich tat, auf die Terrasse zu gehen.
      Ich wollte noch einmal bewusst die Erde unter meinen Füßen spüren, den Wind auf meiner Haut und in meinen Haaren, denn bald würde ich frühestens in einem halben Jahr die Gelegenheit dazu haben. Lang blieb mir dafür nicht, denn es war schon Zeit, mich fürs Frühstück bereit zu machen.
      Es gab Brot mit Spiegeleiern, Speck und Käse, aber irgendwie ließ mich diesmal mein sonst fast schon berüchtigter Appetit im Stich. Das wäre aber gerade beim ersten echten Flug ganz normal, meinte Kilgwenna mal. Eventuell hätte das sogar den Vorteil, dass man oben keinen so großen Speibeutel bräuchte.
      Dass Dunndågur nicht sonderlich gesprächig war, überraschte mich nicht, aber auch Doma war eigenartig schweigsam, dafür dass er sonst als ziemlich redseliger Typ bekannt war. Er aß wie Dunn'r und ich nur still sein Frühstück, bevor er ein kleines, silbernes Gabelbein in die Hände nahm und leise ein Gebet murmelte.
      Er war doch nicht etwa einer von diesen "Blitz von Plaver"-Spinnern? Kilgwenna hätte das doch sicher bemerkt, denn schließlich war sie während ihres Wehrdienstes in der Spionageabwehr tätig. Also riss ich mich zusammen und lauschte, was er seinem Schöpfer zu sagen hatte. Draußen rumpelte gerade der Zug zum Turm vorbei, so dass ich nur "Melinda - behüte sie" verstand.
      Jedenfalls schien er nicht direkt für uns zu beten - zumindest nicht in dieser offensichtlich zweischneidigen Art, in der "Frieden" im Grunde eine Abkürzung für "Unterdrückung aller Ungläubigen" ist. - Der Fairness halber muss ich sagen, dass die Johanniten mit dieser Zweizüngigkeit nicht allein sind. Die Götzenbrecher können da mindestens genau so schlimm sein.
      Ich hatte sogar schon einen Schwarzfuß getroffen, der keinen Deut besser war, und versuchte angestrengt, es diesem Schwarzfuß nicht gleich zu tun. Erst im Nachhinein wurde mir durch diesen Augenblick wirklich bewusst, wie leicht es war, auf den Weg dieser Fanatiker abzurutschen.

      Zeit, lang darüber nachzudenken hatte ich jedoch nicht, denn direkt nach dem Frühstück mussten wir los, unsere Rettungsanzüge anziehen. Die ganze Prozedur hatte ein bisschen etwas vom Anlegen der Rüstung bei der schweren Reiterei: Immer wieder hier und da etwas zurechtrücken, bis endlich alles einigermaßen bequem sitzt und man sich so gut wie eben möglich bewegen kann. Anschließend war das Funkgerät prüfen und der Helm aufzusetzen zur Funktionsprüfung. Da hieß es dann gespannt auf das Ergebnis warten.
      "Alles klar! Temperaturregelung, Belüftung und Druckblase funktionieren fehlerfrei. Dann kann's ja losgehen!" meinte der Techniker und ich war froh, dass ich meine Dichtung nicht wieder aus meinem Anzug pfriemeln, neu zuschnüren und wieder zurück stecken musste, bevor wieder alles geprüft werden musste. Aber Kilgwenna hatte nicht umsonst gesagt: "Mach die Falten und den Knoten so ordentlich, als ob dein Leben davon abhängen würde. Denn bei einem Druckabfall tut es das!"

      Als Dunndågur und der Kommandant auch so weit waren, setzten wir uns zusammen und gingen noch einmal den Flugplan durch. Wie wir bei der letzten Stufe angekommen waren, kam mir der Gedanke, Doma nach seiner Frau zu fragen, denn plötzlich fiel es mir ein, dass es ihr Name war, den er während seines Morgengebets gemurmelt hatte und nicht etwa der einer Heiligen.
      Aber wie es der Zeitplan so wollte ging es direkt weiter in die Bahn zum Startturm und wie wir so auf unseren "Donnerdrachen" zurollten, setzte bei mir langsam die Trance ein, die sich schon beim Durchsehen des Flugplans angebahnt hatte.
      Was danach in mir vorging, lässt sich nur schwer mit Worten beschreiben, aber ich werde es versuchen. Ich kann nur sagen, dass mir damals bereits die Worte fehlten, als ich den metallenen Riesen das erste mal "lebend" in voller Größe sah und wir anschließend im Aufzug zur Gogora-Fähre hinauffuhren.
      Am ehesten ließen sich meine Gefühle als eine Einheit von Stolz und Ehrfurcht bezeichnen. Stolz, ein Zwerg zu sein, wie diejenigen, die diese gewaltige Maschine erbaut haben und auf die Ehre, sie mit steuern zu dürfen. Ehrfurcht vor der immensen Kraft, die in ihrem inneren schlummerte und nur darauf wartete, entfesselt zu werden - sei es, um uns wie geplant über die Wolken zu erheben, oder uns in einem riesigen Feuerball in Fetzen zu reißen.

      Wir alle vertrauten aber auf unser Können und das der Bodenmannschaften, dieses Monstrum, das wir selbst erschaffen hatten, auch zu beherrschen. So stieg Kommandant Hethenfrall als erster in die Kommandokapsel, gefolgt von Steuermann Dunndågur, bevor schließlich ich als Ingenieurin in meinen Sitz kletterte.
      So wie wir uns alle angeschnallt hatten und die Luke geschlossen wurde, bekam der Ausspruch "im selben Boot sitzen" für mich eine neue Bedeutung: Ich fühlte mich nicht länger nur mit der Rakete, sondern über sie auch mit dem Rest der Mannschaft verbunden. Selbst die Zweifel an Doma, die mich zuvor gequält hatten, verblassten.
      Die Zeit, in der wir die letzten Kontrollen durchführten und Vorbereitungen trafen, verging wie im Flug und ehe ich mich versah meldete die Bodenkontrolle "Kumpel 7, alles klar für die letzten Sekunden... Zwölf... Elif... Zehn... Neune... Acht... Sieben... Sechs... Fünnef... Vier... Drei... Zwo... Eins... Zunt!" - Mit einem einzigen Knopfdruck begann die Rakete zu grollen und zu rumpeln, als würden wir zugleich einen Sturm aus einer Konservenbüchse lassen.
      Für einen Moment war nur das Rütteln zu spüren, bevor sich endlich die Halteklemmen lösten und wir durch den Schub in unsere Sitze gedrückt wurden. Das Gefühl, auf einer Säule aus Flammen und Metall in den Himmel zu brausen, lässt sich nur schwer in Worte fassen. In der Trance wirst du zum Feuer und zum Donner und gleichzeitig bist du dir immer noch bewusst, dass du eigentlich nur ein kleiner Zwerg in einer engen Blechdose bist, der Knöpfe drückt und Schalter umlegt.
      Jeder Versuch von mir, das alles noch genauer zu beschreiben, würde wohl in Seiten von Feyrunen enden, deren verständlichste sich lesen würden wie der Liebesbrief einer jungen Kornute an eine Waschmaschine im Schleuderprogramm.

      Nach wenigen Minuten war das jedoch mit einem Mal vorbei. "HaTO!" meldete Dunn'r, als sich das Haupttriebwerk abschaltete und wir mit einem mal schwerelos waren. "HaTO bestätigt, 7!" krächzte die Bodenkontrolle "Telemetrie meldet Höhe, Geschwindigkeit und Neigung sauber im grünen Bereich... Gute Arbeit! Erste Korrektur voraussichtlich in circa eins-sechs Minuten" - "Verstehe, Korrektur in eins-sechs Minuten."
      Nach diesem wilden Ritt und nachdem ich anschließend alle wichtigen Instrumente geprüft hatte, war also noch etwas Zeit für eine kurze Verschnaufpause. Die nutzte ich natürlich gleich, um endlich mit eigenen Augen meine Heimat als die blaugrün glänzende Perle zu sehen, wie man sie sich einst in den alten Mythen nur erträumen konnte. Ich muss gestehen, dass mir bei dem Gedanken, dass ich auf den blauen Himmel hinab und nicht hinauf blickte, ein wenig mulmig wurde.
      Es gibt ja ein Sprichwort, nachdem für uns Zwerge der ganze Planet das Zuhause ist. Doch erst seit ich das erste mal aus dem Fenster der Raumfähre geschaut habe, habe ich ein Bild davon, was es wirklich bedeutet.

      Wie ich kurz zu Doma herübersah, merkte ich, dass er mit den selben staunenden Augen hinaussah, obwohl es bei weitem nicht sein erster Flug war. "Ist sie nicht wunderschön, unsere kleine saphirene Perle?" fragte er uns voller Bewunderung, wie sie unmöglich jemand haben konnte, der die Welt nur als eine unwürdiges Hindernis auf dem Weg ins Jenseits sah. - "Ja..." sagte ich "Wunderschön..."
      Endlich hatte ich auch Gewissheit, dass Kilgwenna Recht damit hatte, dass er nicht nur Ehrfurcht vor seinem Schöpfer kannte, sondern auch vor dessen Werke. Wirklich von seiner Gott überzeugen - geschweige denn von seinem so genannten Propheten - konnte er mich nie, aber von diesem Moment an wurde mir immer klarer, dass es nicht bloß eine Illusion der Trance war, dass er und ich mehr gemeinsam hatten, als anfangs gedacht.

      Das einzige, was ich noch nicht ganz an ihm verstand, war sein seltsames Verhalten vor dem Start. - "Sag mal, Doma..." sprach ich ihn schließlich an "Warum bist du erst so spät im Startzentrum aufgetaucht?" - "Ach..." seufzte er "Ich wollte nur noch einmal zu Melinda, wo ich doch nicht zur Geburt dabei sein kann. Ich hatte schon daran gedacht, von der Mission zurückzutreten. Aber sie meinte nur, ihr wäre es lieber, wenn unsere Kinder sagen können, ihr Papa sei Kommandant einer Raumstation..."
      "Moment mal!" unterbrach Dunndågur "Das heißt doch, deine Frau ist schwanger..." - "Ja." meinte Doma erstaunt "Wusstet ihr etwa nichts davon?" - Der Steuermann und ich schüttelten nur den Kopf - "Also meine Idee war es nicht, das euch zu verheimlichen." stöhnte der schnauzbärtige Kommandant "Da sieht man mal, was die Toëner von ihren 'Nationalhelden' halten..." - "Und von deren Frauen..." fügte ich hinzu.
      "Ähem... Kumpel 7, hier ist Kennac..." räusperte sich eine Stimme im Funkgerät - "Kennac, hier ist Kumpel 7. Wir hören." antwortete Doma - "Wir stören nur ungern, aber die Korrektur ist in null-drei Minuten." - "Verstanden, Kennac - Korrektur in null-drei Minuten. Machen uns bereit für den Abgleich der Daten."
      Und so machten wir uns also wieder an die Arbeit. Im Gegensatz zur Hektik des Starts ging aber jetzt alles sehr gemächlich von Statten. Hin und wieder ein paar kleine Bahnkorrekturen; zwischendurch mal Navigation, Antrieb, Elektrik und Lebenserhaltung prüfen, aber insgesamt eher entspannt.

      Zumindest entspannt genug, um die Aussicht zu genießen, als wir in den Schatten der Nachtseite eintauchten, in dem die Städte unter uns leuchteten wie die Lichter an einer Mittwinterpyramide, teils verbunden durch einem sanft glühendes Spinnennetz aus kleineren Lichtern und noch einmal, um einen Sonnenaufgang zu bestaunen. Zu sehen, wie sich die Sonne sich von einem kleinen Funken an einem schwach bläulich glimmenden Bogen am Horizont in eine gleißend helle Scheibe verwandelt und anschließend ihr Licht über die halbe Welt ausbreitet ist wohl eines der wenigen Dinge, die ein Zwerg zu Recht als "wundervoll" beschreiben kann.
      Zwischendurch konnte ich sogar ein paar Lichtbilder machen, mit denen ich mich noch immer in einem stillen Moment in die Raumkapsel zurückversetzen kann. Vielleicht geben sie auch euch einen kleinen Einblick, wenn ihr euch die Zeit und Muße nehmt, sie auf euch wirken zu lassen.

      Auch wenn es mir die ersten beiden Male leicht fiel, musste ich mich trotzdem immer wieder zurück in meine Rolle als Bordingenieurin versetzen. Nach etwa sieben Stunden, die im wahrsten Sinne des Wortes wie im Flug vergingen, war es dann schließlich Zeit für den Anflug auf die Raumstation, von uns liebevoll auch "die Scheune" genannt.
      Als sie in Radarreichweite kam, war wieder volle Konzentration für die letzten Brems- und Annäherungsmanöver gefragt. So weit ich es sagen kann, waren Dunndågur und ich irgendwo zwischen Trance und Ruhezustand. Um noch einmal den Vergleich mit der Horndämonin zu bemühen war das am ehesten mit einem ruhigen Abend auf dem Sofa bei einer Tasse warmen Kakaos und einem Zwosilber im Schoß zu vergleichen, wobei die Bremsung doch eher etwas von einer Reifenschaukel hatte.
      Wie dem auch sei... Die Befriedigung, als wir am Ende ankoppelten, war natürlich eine andere, aber ein besseres Bild fällt mir im Moment nicht ein. Die nächste Stunde verbrachte ich zusammen mit meinen Kumpanen damit, die Verbindungen und die Dichtheit zu prüfen, bevor wir endlich auch die Luke öffnen konnten.

      In der "Scheune" wurden wir auch schon von der Mannschaft erwartet: Als erste war da Kommandantin Borgunn Mishnerist, eine Tieflandzwergin, die eher wie eine Schankwirtin als eine Befehlshaberin einer Raumstation wirkte. "Willkommen an Bord!" rief sie uns zu, bevor sie herüber schwebte, um uns der Reihe nach zu umarmen "Ich hoff' ihr hattet einen guten Flug. Fühlt euch wie Zuhause!" - Dunn'r nickte - "Danke! Alles ist bestens gelaufen!" meinte Doma.
      Als nächstes kam Wilm E. Wampus, ein hagerer Ingenieur aus dem ehemaligen "Volkskaiserreich", um die Maskottchen zu tauschen. Als diejenige, die heute zum ersten Mal ins All geflogen ist, bekam ich von ihm feierlich einen kleinen Plüsch-Rotwolf überreicht, während ich ihm einen kleinen blauen Stoffvogel überreichte, den wir auf unseren Flug mitgenommen hatten.
      Der dritte war Liu-Ma Kayada, ein kleiner, etwas rundlicher Feuerinsulaner, der es irgendwie fertig gebracht hatte, in der Schwerelosigkeit einen - zudem noch krümelfreien - Zuppes für uns zu backen.

      Zu guter Letzt meldete sich dann auch die Bodenkontrolle, um uns zu unserem erfolgreichen Flug zu gratulieren. Mit dabei war überraschenderweise auch der Präsident der Raumfahrbehörde von Toënur, der sich sonst nur zu Wort meldete, wenn irgendetwas furchtbar schief gelaufen ist. Doma schien das nur zu gut zu wissen, wie sein Gesicht verriet.
      "Auch meinerseits herzlichen Glückwunsch dazu, dass Sie diesen Teil der Mission trotz aller Schwierigkeiten gemeistert haben." sagte er und alle sechs von uns hörten gespannt zu "Ich möchte mich persönlich dafür entschuldigen, mit dem Schweigen über Kommandant Hethenfralls Gattin Melinda für Unruhe gesorgt zu haben. Deshalb möchte ich zugleich auch eine etwas erfreulichere Mitteilung machen: Melinda ist wohlauf und wir werden ab sofort dafür sorgen, dass Kommandant Hethenfrall sich in seiner Freizeit jederzeit in einem persönlichen Gespräch mit ihr selbst davon überzeugen kann."
      Und tatsächlich hatten sie es am nächsten Tag geschafft, dafür zu sorgen, dass Doma mit seiner Frau sprechen konnte. Aber ich greife damit ja schon etwas vorweg. Am selben Tag stand erst einmal noch Zuppes essen auf dem Plan und bomfokket'sche Volksmusik vom Kommandanten persönlich, und zwar auf der Gitarre, die er bei einer früheren Mission mitgebracht hatte und die Borgunn ihm persönlich überreichte. Da konnte selbst die kaputte Wasserpumpe noch ein paar Stunden warten...


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