WB-Adventskalender 2016

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    • WB-Adventskalender 2016


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      1. Türchen: Die Taverne am Wegweiser (Teil 1) von Efyriel
      2. Türchen: Die Taverne am Wegweiser (Teil 2) von Efyriel
      3. Türchen: Eine Geschichte vom Glück von Elatan
      4. Türchen: Spätvorstellung von Eld
      5. Türchen: Potential 28 von Nemedon
      6. Türchen: Morgen von Veria
      7. Türchen: Die Schwarze Hexe der Weißen Küste von PolliMatrix
      8. Türchen: Die Prophezeihung der Drachenreiter von Chrontheon
      9. Türchen: Exil von Amanita
      10. Türchen: Tanahareni und die Insel der Schätze (Teil 1) von Vinni
      11. Türchen: Tanahareni und die Insel der Schätze (Teil 2) von Vinni
      12. Türchen: Ein Tag im Leben ... von Chrontheon
      13. Türchen: Der Drache und die Maus von Elatan
      14. Türchen: Die Augen der Eulenfrau von Vinni
      15. Türchen: Die Rückkehr des Drachen von Thalak
      16. Türchen: Eindringling von Jundurg
      17. Türchen: Außenposten von Jundurg
      18. Türchen: Ssaaa von Cyaral
      19. Türchen: Die Taverne am Wegweiser (Teil 3) von Efyriel
      20. Türchen: Die Taverne am Wegweiser (Teil 4) von Efyriel
      21. Türchen: Lagdras letzte Tat von Aniosa
      22. Türchen: Wünsch dir was (Teil 1) von Moordrache
      23. Türchen: Wünsch dir was (Teil 2) von Moordrache
      24. Türchen: Wünsch dir was (Teil 3) von Moordrache


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      Hinter dem ersten Türchen steigt dichter Nebel von einem Moor auf und umwabert einen Wegweiser. Vielleicht sollten wir ihm folgen?



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      Die Taverne am Wegweiser Teil 1

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      Vielleicht war es ein Fehler dem Wegweiser zu folgen. Aber wenn man genau hin sah, dann meinte man da habe einmal etwas gestanden. Ehrlich, es war eher so eine vage Vermutung, aber die Neugierde war einfach stärker.
      „Also kommst du jetzt mit?“
      Der bärtige Mann war mir eigentlich nicht sympathisch, aber sonst war grade keiner da. Zögerlich nickte ich, dann gingen wir los. Ein schmaler Weg führte uns in einem weiten Bogen an einer Taverne vorbei und dann zwischen einem Moor und einem Wald entlang.
      Nebel schwappte über den Weg und machte es schwer ihn zu erkennen. Doch der feste Schritt des Mannes machte mir Mut.
      „Ich heiße übrigens Shabár“, ließ er mich wissen, während er über einen Ast stieg. Jetzt hatte er zumindest einen Namen und ich konnte ihn rufen, wenn er mir zu schnell ging.
      „Hayba“, entgegnete ich schlicht und er grinste mich an.
      „Freut mich dich kennen zu lernen Hayba.“
      Wir erreichten eine Kreuzung und hielten an, um uns dem Wegweiser zu widmen.
      „Das ist jetzt seltsam“, meinte Shabár, wirkte aber nicht gerade besorgt.
      Was er meinte, erkannte ich, als ich neben ihn trat, denn der Wegweiser sah genau so aus wie der Andere, der uns auf diesen Weg gelockt hatte.
      „Ich glaube, es heißt Nix, oder Nexa oder so ähnlich“, überlegte ich laut und mein Begleiter versuchte das nachzuvollziehen.
      „Könnte sein. Vielleicht aber auch Nixe, oder Naxan oder so ähnlich.“
      Eigentlich konnte man fast alles herauslesen, wenn man sich Mühe gab. Wir schienen uns aber relativ einig zu sein. Ein N und ein x enthielten alle unsere Vorschläge.
      „Lass uns weiter gehen, ich bekomme Durst.“ Shabár ging also wieder vorweg und ich folgte ihm dicht auf.
      In einem weiten Bogen führte uns der Weg zuerst an einer kleinen Taverne vorbei und dann zwischen einem Moor und und einem Wald entlang.
      „Sag mal Shabár, waren wir hier nicht schon?“
      „Ich bin mir nicht sicher, vielleicht täuscht uns der Nebel.“
      „Ja, vermutlich ist es so“, entgegnete ich und wollte es gerne auch glauben, aber als wir dann wieder über den Ast stiegen und kurz darauf an einer Kreuzung standen, die der Kreuzung davor verdammt ähnlich sah...
      „Wir sind im Kreis gegangen.“ Shabár stampfte gewaltig auf den Boden und raufte sich die Haare. „Dieser bescheuerte Weg führt nur im Kreis herum! Ich habe Durst verdammt! Lass uns zuerst einmal in der Taverne einkehren.“
      Weil ich nichts besseres zu tun hatte, stimmte ich zu und folgte dem Mann ins Haus. Außerdem wäre etwas heißes zu trinken bei dem ganzen Nebel auch nicht verkehrt. Warmes Laternenlicht empfing uns und ein Wirt, der sich über neue Gäste freute. Nur noch eine weitere Person befand sich im Raum. Es war ein alter Mann, dessen Kopf auf die Tischplatte herab hing und schnarchte.
      „Willkommen Freunde, darf es vielleicht ein Bier sein?“ fragte der Wirt freudestrahlend und begann sogleich zwei Bier einzuschenken.
      „Oh ja, ein Bier wäre köstlich“, sinnierte Shabár und nahm am Tresen platz. In Ermangelung einer besseren Idee folgte ich ihm auch diesmal und setze mich neben ihn.
      „Das Erste ist kostenlos“, erklärte der Wirt und stellte uns je ein Bier hin. Es war nun nicht gerade das Getränk meiner Wahl, doch wollte ich nicht direkt unhöflich wirken und nahm es dankend an.
      „Wisst ihr vielleicht wohin der Weg führt?“, fragte ich und musterte den Wirt, der dick, gemütlich und vielleicht ein bisschen unordentlich wirkte. Doch er schüttelte den Kopf.
      „Das weiß keiner. Aber jeder landet früher oder später bei mir.“
      „Also führt er wirklich nur im Kreis?“ Ich hatte mir mehr von einem geheimnisvollen Wegweiser erhofft, der in der Nähe eines Gasthauses stand und zwischen einem Moor und einem Wald hindurch führte.
      „Wer weiß?“


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      Aus dem zweiten Türchen dringen laute Stimmen, flackerndes Licht und der Dunst von Bier.



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      Die Taverne am Wegweiser Teil 2

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      Shabár lachte schallend, während er seinen Bierhumpen so kräftig auf den Tresen knallte, dass der schaumige Inhalt über den Rand schwappte. Wie paralysiert sah ich dem Rinnsal dabei zu, wie es über die Platte auf meinen Arm zu kroch. Es war nicht gerade schnell, weil die Menge dafür nicht ausreichte, aber ich schaffte es dennoch nicht meinen Arm rechtzeitig weg zu ziehen.
      Ich hätte mich erst gar nicht mit dem bärtigen Ungetüm von einem Mann einlassen sollen. Aber was tat man nicht alles, um sich mal wieder gut zu unterhalten. Ja gut, eigentlich war es eine blöde Idee gewesen und zwar von Anfang an.
      Jetzt waren wir sicher schon vier Mal im Kreis gelaufen und hatten aufgegeben. Irgendwie konnte man gar nicht mehr zurück. Als würde die Taverne am Wegweiser einen magisch anziehen. Sie wollte einen wohl einfach nicht mehr weg lassen, wenn man schon einmal da war. Vielleicht fühlte sie sich ja einfach nur einsam und... Seit wann fühlten sich Gebäude denn einsam?
      Vermutlich hatte ich schon zu viel Bier getrunken. Das restliche Gesöff hier war aber auch zu widerlich. Bier schien das einzige zu sein, was der Wirt an Trinkbarem zu bieten hatte. Shabár sprach dem Zeug noch mehr zu, als ich.
      „Noch eins!“, brüllte er durch den Raum, dass der schnarchende Alte am Tisch neben dem Tresen erschrocken zusammen zuckte. Nachdem nichts weiter passierte, krachte sein Kopf wieder herunter und er schnarchte weiter.
      Das hatte sich schon so oft wiederholt, dass ich aufgehört hatte zu zählen. Stattdessen nahm ich einen weiteren Schluck aus meinem Humpen.

      „Seit wann bist du hier?“, fragte ich den Wirt und ärgerte mich darüber, dass ich zu lallen begann.
      Doch der Wirt grinste nur schief, zuckte mit den Achsen und meinte dann in gebrochenem Hylta: „Keine Ahnung.“
      Angetrunken wie ich war, dauerte es einen Moment, bis das Ergebnis seiner Antwort bis in meinen Geist vorgedrungen war. Doch wir Haltya lassen uns nicht so schnell unterkriegen.
      „Warum denn?“, formulierte ich meine undeutliche Frage.
      „Ich weiß auch nicht, warum man immer im Kreis geht. Aber der Alte da meinte, dass es am Nix liegt.“ Sein Kinn wies dabei auf den schnarchenden Alten.
      „Nur was das Nix ist, konnte er mir auch nicht sagen.“
      „Nix...!“, gurgelte Shabár und lachte schallend.
      „Wie oft hast du es probiert?“, fragte ich und versuchte dabei das Lachen von Shabár zu ignorieren, was bei dieser Lautstärke kaum möglich war.
      „Keine Ahnung.“ Schon wollte ich entnervt die Theke verlassen, als noch mehr folgte.
      „...vielleicht zehn Mal oder so, aber es ist immer das Gleiche. Also spare ich mir jetzt den Weg.“
      Am liebsten hätte ich dem Mann eine herunter gehauen, weil er das erst jetzt sagte. Er musste schon mehrere Tage hier fest sitzen. Vielleicht kämen wir nie wieder hier weg. Bei diesem Gedanken wurde mir schlecht. Ungehalten zerrte ich an Shabárs Arm: „Wir müssen hier weg!“
      Zugleich wusste ich aber auch, dass es nicht so einfach würde. Wir hatten es schon ein paar Mal versucht und waren wieder hier gelandet. Außerdem schwankte ich beträchtlich, als ich mich von meinem Platz erhob.
      „Lass uns morgen...“, nuschelte Shabár, ehe sein Kopf neben dem Bierhumpen auf die Platte krachte. Ich musste einsehen, dass ich in diesem Zustand noch weit weniger dazu in der Lage sein würde die Taverne zu verlassen. Also musste ich den Versuch wohl oder übel auf den nächsten Tag verschieben.
      Vielleicht war das der Grund, warum es nur Bier in der Taverne gab...


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      Das dritte Türchen ist von einer dicken Schneeschicht verdeckt und ächzt von der Last. Dazu zerrt noch ein eisiger Wind daran, dass es sich ordentlich biegt. Doch da ist ein Hund mit dichtem Winterfell, er hat eine Wildkeule im Maul und trabt zielstrebig durch das Türchen und dann nach links davon.



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      Eine Geschichte vom Glück

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      Nach einem Herbst, den man nur als golden bezeichnen konnte, und welcher eine Ernte bescherte, die so üppig war, wie seit Jahren nicht, wirkte der Winter umso düsterer. Der Waldboden und die Hütten der Grenzbewohner waren mit einer leichten Schneeschicht bedeckt und die Menschen saßen die meiste Zeit vor ihren Feuern und warteten darauf, dass der Frühling kommen würde. Die Erwachsenen gingen ungerne raus und taten dies nur, wenn es sich nicht vermeiden ließ und gerade Feldan bewegte sich nur noch zum Schlafengehen von seinem Stuhl am Feuer weg. Seine alten Knochen mochten die winterliche Kälte nicht und seine Gelenke schmerzten, wenn er sich dann doch einmal hinausbegab, was äußerst selten vorkam.
      So bekam er auch erst dann von dem Unfall seines Urenkels Lancam etwas mit, als der kleine Junge von seinem Vater in die Hütte getragen wurde. Der Knirps war klitschnass, und zitterte am ganzen Leib und seine Mutter, die dem Vater gefolgt war, holte sofort eine Decke und trockene Kleidung hervor.
      »Er ist auf’s Eis gegangen, Großvater«, erklärte Trostam, als er seinen Sohn absetzte und der Obhut seiner Frau übergab. »Hab ihm oft genug gesagt, dass er es nicht tun soll.«
      »Aber er hat nicht hören wollen und das hat er nun davon«, sagte sein Weib, während es den bibbernden Kleinen grade neu ankleidete und in eine dicke Wolldecke wickelte.
      »So ein Pech aber auch«, sagte Lancam schließlich, als seine Zähne nicht mehr unaufhörlich aufeinanderschlugen.
      »Das ist kein Pech, sondern deine eigene Schuld«, sagte seine Mutter wenig mitleidig, doch dies lag weniger daran, dass sie wütend auf ihren Sohn für diese Dummheit war, sondern daran, dass er sich in eine solche Gefahr gebracht hatte. Er hätte ertrinken können, oder er konnte schwer krank werden.
      »Ach, wir wissen nicht, ob es Pech war«, sagte da Feldan, lehnte sich zurück und streckte die Füße ein wenig näher ans Feuer heran. »Vielleicht war es auch ein Glücksfall.«
      Der Alte musste gar nicht zu seiner Familie sehen, um zu wissen, wie verwundert sie ihn nun ansahen, also begann er zu erzählen.

      »Als ich ein junger Mann war und gerade diesen Hof von meinem Vater geerbt hatte, der in einem der vielen unseligen Kriege mit den Vimeari gestorben war, da herrschte eine große Not. Es war ein Winter wie dieser, doch der Herbst war nicht so herrlich gewesen wie der Vergangene. Die Ernte war schlecht gewesen und es waren durch die Kriege viel zu viele Männer nicht mehr da, um auf den Feldern zu arbeiten. Mein Vater und meine Brüder waren bereits eingezogen worden und ließen ihre Leben auf den Schlachtfeldern, was für neben dem ganzen Leid aber ein Gutes für mich hatte, denn so sahen die Herolde des Königs davon ab, auch mich zum Kampfe zu verpflichten, denn ein Mann musste schließlich daheimbleiben, um sich um die Felder zu kümmern.
      Ich saß oft mit meiner Mutter hier an eben dieser Feuerstelle und wir hatten kaum etwas zu essen, mussten aber dennoch meinen Hund mit durchfüttern, den mein Vater einige Jahre zuvor im Wald gefunden und mir geschenkt hatte. Das Jahr war ein gutes gewesen, wie die vorangegangenen auch, und so hatte er nicht damit gerechnet, dass wir bald am Hungertuch nagen sollten und jedes weitere Maul eine zusätzliche Belastung wäre. Meine Mutter hatte ein einziges Mal in jenem bitteren Winter, in dem wir nun ohne Vater und meine Brüder waren, gesagt, ich solle den Hund fortjagen, es aber nie wieder getan und sich sogleich bei mir entschuldigt, denn sie wusste, was mir der Hund bedeutete, der nur auf mich und meinen Vater gehört hatte. Hach, es war ein prächtiges Tier gewesen! Fast so groß wie ein Kalb, ein graues, fast silbernes Zottelfell, goldene Augen. Ein guter Hund. Ein guter Hund, aber eben ein Maul mehr.
      So waren wir hin- und hergerissen, als er Abends nicht nach Hause kam. Er war schon immer ein Streuner gewesen, der den ganzen Tag lang durch das Dorf streifte und sich erhoffte, von jedem ein Leckerchen zu bekommen. Meist erfüllten sich diese Hoffnungen, aber in diesem Winter mussten alle den Gürtel enger schnallen. Natürlich sorgten wir uns um ihn, aber andererseits hatten wir so von dem wenigen, was wir noch hatten, mehr für uns alleine. Doch so hungrig ich auch war, ich sah es als furchtbares Unglück, dass mein treuer Freund fort war, doch mitten in der Nacht kratzte es an der Tür. Aus dem Schlaf gerissen dachte ich für den Bruchteil einer Sekunde, dass ein Kobold oder eine andere Sagengestalt vor der Tür stünde, oder es vielleicht die Vimeari waren, die bei einem plötzlichen Überfall ins Land eingedrungen waren. Doch dann fasste ich mir ein Herz, ging hin zur Tür, öffnete sie und sah dort nicht nur meinen Hund, sondern auch ein großes Hirschbein vor ihm im Schnee liegen. Ich sah sofort, dass er keinen Hirsch erlegt hatte, denn dieses Bein war sauber abgetrennt und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass mein Hund so etwas getan hätte oder gar in der Lage dazu gewesen wäre, er war schließlich kein Jagdhund.
      Ich konnte nicht anders, als ihm dankbar um den Hals zu fallen – von dem Fleisch konnten wir eine Zeit leben und als es zu Neige ging, verschwand der Hund wieder, um nach einer Weile erneut mit einem prächtigen Stück Fleisch anzukommen. Natürlich fragten wir uns, woher er es hatte, aber dies hinderte uns nicht daran, es zu essen.
      Da die Unwissenheit aber an mir nagte, folgte ich ihm eines Tages heimlich. Ich hatte ihm schon einige Male hinterhergehen wollen, doch lief mein Hund nie weiter, wenn er bemerkt hatte, dass ich ihm folgte. Ich bezweifel, dass er mir den Ort bewusst nicht verraten wollte. Viel eher freute er sich immer, mich zu sehen, und kam schwanzwedelnd zu mir, um mich stattdessen mit seinen großen, treuen Augen anzubetteln. Irgendwann gelang es mir aber, unentdeckt seiner Spur zu folgen und so entdeckte ich inmitten des Waldes ein Lager, welches zweifellos Wilderern gehörte. Einige zwielichtige Gestalten saßen um ein Lagerfeuer herum. Der Duft gebratenen Fleisches stieg mir in die Nase, ließ mir das Wasser im Munde zusammenlaufen und sorgte dafür, dass mein Magen, der in der vergangenen Zeit viel zu selten und zu wenig bekommen hatte, sich schmerzhaft verkrampfte. Meinen Hund hatte ich aus den Augen verloren, aber es dauerte nicht lange, da erspähte ich ihn, als er grade ein Stück Fleisch aus einem Zelt herauszerrte und dann wieder in die Richtung lief, aus der er gekommen war.
      Die Wilderer bekamen nichts von alledem mit und ich glaube, sie hatten bereits so reiche Beute gemacht, dass ihnen hier und da mal ein fehlendes Stück Fleisch gar nicht auffiel. Als mein Hund sich mir näherte, blieb er stehen und wedelte fröhlich mit dem Schwanz. Als er das tat, was er immer zu tun pflegte, wenn er mich begrüßte, schien es mir, als ergriff und zerdrückte eine eisige Hand mein Herz: Er bellte.
      Ich mag mich nicht an diesen Tag zurückerinnern und ich will euch eine genaue Schilderung der Ereignisse ersparen. Natürlich entdeckten die Wilderer uns dadurch. Am Ende des Tages war mein Hund tot und ich hatte unzählige blaue Flecken und nicht wenige gebrochene Knochen. Mich zu töten wagten sie nicht. Warum weiß ich nicht, doch schien es, dass diese Schurken sich nicht trauten, diese letzte Grenze zu überschreiten. Doch wenn ihr mich fragt, taten sie es schon, als sie meinen Hund, meinen besten Freund, ermordet hatten.
      Sie schleiften mich ein Stück von ihrem Lager weg und ließen mich dann liegen. Wahrscheinlich dachten sie, der Winter würde den Rest erledigen. Sie rechneten aber nicht damit, dass ich es in meinem geschundenen Zustand dann doch noch schaffte, weiter ans Dorf heranzurobben, wo ich schließlich halb erfroren am nächsten Morgen von einigen Nachbarn entdeckt wurde.
      Die nächsten Tage verbrachte ich im Bett. Essen hatten wir keines mehr und mit meinem gebrochenen Bein konnte ich auch nicht versuchen, irgendwo welches zu besorgen. Außerdem hatte ich mir eine schwere Erkältung eingefangen und bei jedem Niesen fühlte ich tausend Nadelstiche in meinem Bein. Ein großes Unglück, nicht wahr?
      An einem Tag, an dem meine Mutter eine kümmerliche Menge Erbsen aufgetrieben hatte, die für uns aber schon fast ein Festmahl in dieser Zeit darstellte, kamen Männer des Königs in unser Dorf.
      Die Vimeari hatten begonnen, die Ortschaften an der Grenze zu überfallen. Diese Angriffe waren nicht besonders ehrgeizig ausgeführt worden, erklärte der Herold, als wir alle uns auf dem Dorfplatz vor ihm versammelt hatten – ich unter Schmerzen auf einem Hocker sitzend. Er sagte aber auch, dass dies nur Spähtrupps gewesen waren, die unsere Verteidigung ausspionieren sollten. Der wirkliche Krieg aber war unaufhaltsam.
      Warum der Herold gekommen war, lag auf der Hand. Der König brauchte neue Soldaten und so wurden noch die letzten ausgemergelten Jungen gemustert und für wehrfähig befunden. Als ich an der Reihe war, zeigte sich der Herold wütend. Ich war ein junger, kräftiger Bursche, aber durch mein gebrochenes Bein völlig nutzlos. Er fragte mich, wie es geschehen sei und nach einigem Rumdrucksen erzählte ich ihm die Geschichte. Erst wollte ich es nicht tun, da ich befürchtete, uns so in Schwierigkeiten zu bringen, da wir Fleisch gegessen hatten, welches nicht uns gehörte und die Wilderer nicht gleich gemeldet hatten. Daher verblüffte mich die Reaktion des Herolds umso mehr. Nachdem ich ihm geschildert hatte, wo das Lager der Wilderer war – denn an diesen Weg erinnerte ich mich nur zu gut – versprach er mir eine Belohnung, sollte sich die Geschichte als wahr herausstellen. Denn diese Wilderer gehörten zu einer noch größeren Gruppe Banditen, welche Reisende auf den Straßen hier im Norden ausraubte, und dem König schon lange ein Dorn im Auge war.
      Einige Tage, nachdem der Herold also mit den Wehrpflichtigen fortgegangen war, kamen zwei Soldaten zu uns nach Hause und gaben uns einen Sack Lebensmittel und einen Beutel mit einigen Münzen. Die Wilderer waren ausgemerzt worden und ihre Köpfe zierten die Straße, um niemanden auf die Idee zu bringen, es ihnen gleichzutun. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass ich von meiner Belohnung jedem berichten sollte. Ein großzügiger König war und ist ein angesehener König. Hart zu den Feinden, gütig zu den Untertanen.
      Einige Wochen später geschah schließlich das, wovor wir uns immer gefürchtet hatten, und ein Trupp der Vimeari kam in unser Dorf. Wir alle kannten die Geschichten über sie. Alben waren sie und so hatten wir von ihrer gar überirdischen Schönheit gehört, die allen von ihnen zu eigen sein sollte. Aber im Gegensatz zu den anderen Alben sollte ihre Haut weiß wie Schnee sein und ihre Augen von einem gleißenden, dämonischen Blau sein. Die Geschichten waren nicht völlig falsch, aber doch übertrieben. Tatsächlich fand ich, dass die Vimeari auf eine gewisse Art makelloser erschienen als Menschen, aber ich glaube nicht, dass es stimmt, dass der hässlichste Alb noch besser aussieht als der schönste Mensch. Furchteinflößend waren sie jedoch; hochgewachsen und mit einer Haltung, die man einem König, nicht jedoch einem einfachen Soldaten zugetraut hätte, und selbst als Laie, der niemals ein Schwert führte, weiß ich, dass ihre Rüstungen und Waffen all die unsrigen überragten. Herrisch und kalt wirkten sie auf mich und so traute ich mich nicht wirklich, ihnen direkt in die Augen zu sehen, als ich es aber doch einmal tat, wandte ich meinen Blick rasch ab, denn es schien fast, als könnten sie mir direkt in die Seele blicken. Auf irgendeine Weise geleuchtet, wie manch einer erzählt, haben diese Augen aber nicht. Ammenmärchen.
      Als die Vimeari zu uns kamen, leisteten wir keinen Widerstand. Wie denn auch? Nur noch Frauen, kleine Kinder und Tattergreise, wie ich es heute bin, waren neben mir im Dorf geblieben. Sie machten keine Anstalten, uns alle zu töten, wie manch einer unheilvoll verkündet hatte, aber sie machten uns deutlich, dass sie es tun würden, sollten wir uns gegen sie erheben. Dies alles war zu unserem Besten, sagten sie. Ja, so sollen sie auch rechtfertigen, dass sie Menschen als Sklaven halten. Die Menschen seien nicht imstande, ohne ihre Führung zu überleben, ohne sich gegenseitig umzubringen ...
      Sie schienen allerdings auch kein Interesse haben, uns zu versklaven. Ich glaube, sie hatten einfach keine Verwendung für uns. Es war also eigentlich ein Glück, dass wir alle, wenn ich es so sagen darf, nutzlos waren. Ich glaube, hätten wir noch einen jungen Hitzkopf im Dorf gehabt, der es für nötig gehalten hätte, den Helden zu spielen, säße nun keiner von uns hier. Sie hätten das komplette Dorf vernichtet.
      So verbrachten wir also den Krieg mehr oder weniger im Frieden, bis die Vimeari im Sommer sang- und klanglos abzogen. Später erfuhr ich, dass der alvurische König mit dem vimearischen König, seinem Vetter, verhandelt hatte und ihn dazu gebracht hatte, den Krieg zu beenden. Er hatte ihm wohl sogar gedroht, selbst in den Krieg einzugreifen, und so wenig die Vimeari die Menschen schätzen, so wollen sie doch nicht das Blut anderer Alben vergießen.«

      Feldan streckte sich ein wenig in seinem Sessel. Er war von der langen Erzählung müde geworden.
      »Also siehst du, Lancam? Wir können zu Beginn meist gar nicht wissen, ob etwas ein Glück oder Unglück ist. Wäre mein Hund nicht gestorben und wäre ich nicht so geschunden worden, was mir als großes Unglück schien, hätte ich in einem sinnlosen Krieg vielleicht mein Leben gelassen. Natürlich zeigt diese Geschichte auch, dass ein vermeintliches Glück Saat des Unglücks sein kann. Aber was bringt es, sich darüber immer den Kopf zu zerbrechen? Ich für meinen Teil denke mir lieber, dass aus allem Schlechten noch etwas Gutes entstehen kann. Vielleicht, Lancam, entpuppt sich daher dein kleines Missgeschick also nochmal als erster Schritt zu einem großen Glück.«


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      Das vierte Türchen führt auf eine saubere gepflegte Straße. Im warmen Licht der Abendsonne erstrahlen die Villen im schönsten Glanz und alles geht ganz nobel zu. Gut gekleidete Damen und Herren machen sich auf den Weg ins Theater und bald kehrt nächtliche Ruhe ein, während die Straße und das Türchen nur noch von Mond und Straßenlaternen beschienen wird. Leise und überaus unauffällig drückt sich eine Gestalt durch das Türchen und die Straße entlang.



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      Spätvorstellung

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      Derég war so leise, dass ihn niemand hätte hören können, selbst wenn jemand da gewesen wäre. Es war eine laue Sommernacht, vom vollen grauen Mond und den Straßenlaternen sanft erleuchtet. Derég hielt sich aus den Lichtkegeln heraus, als er die prachtvolle Straße im Serainer Theaterbezirk entlang schlich. Seine dunkle Kleidung half ihm, sich vor unerwünschten Blicken zu verbergen, auch wenn fast niemand unterwegs war. Er hatte sich das Gesicht mit Ruß geschwärzt, die Kapuze tief in die Stirn gezogen und ein Tuch in Ganovenmanier vor das Gesicht gebunden. Nur seine grünen Augen stachen aus dem Spalt zwischen Tuch und Kapuze hervor. Er fühlte sich stark, denn er wusste, dass er in den Schatten der Vorgärten nahezu unsichtbar war. Derég musste unsichtbar sein für das, was er vorhatte. Er schlich durch eines der wohlhabendsten Viertel der Stadt. Die wenigen patrouillierenden Wachen hätten den armen Streuner zu gerne verprügelt und zurück in die Gossen der Schmalstadt geworfen, wo er erneut verprügelt, ausgeraubt und vielleicht abgestochen worden wäre. Derég hatte nicht vor, ihnen diesen Gefallen zu tun. Er hatte vor, den Theaterbezirk eigenständig zu verlassen, und zwar wohlhabender, als er ihn betreten hatte. Ort und Zeit für sein Vorhaben waren gut gewählt. Heute Abend fand eine Spätvorstellung im Savi-Theater statt und die feine Gesellschaft gab sich die Ehre. Also bewegte er sich ungesehen durch die Vorgärten und kundschaftete die Häuser aus. Er musste vorsichtig sein, viele der Reichen hatten Hauspersonal, das in ihrer Abwesenheit auf ihr Vermögen achtgab. Doch es gab Hauspersonal und Hauspersonal. Derég wusste, welche wachsam waren und welche sich in Abwesenheit ihrer Dienstherren einen feuchtfröhlichen Abend machten. Er hatte tagelang in den örtlichen Tavernen herumgesessen und sein letztes Geld versoffen. Doch es hatte sich gelohnt, er hatte viele Informationen aufgeschnappt, die in seinem Kopf zu einem vielversprechenden Plan herangereift waren.
      Nun war er fast da.
      Das Haus befand sich auf der anderen Straßenseite und vorne brannte kein Licht. Die Straße war wie leergefegt. Das Personal bestand zu dieser Uhrzeit nur aus einem alten Diener, der, wie Derég wusste, sich lieber an seinem Fusel erfreute, als die Villa zu bewachen. Dennoch wollte Derég sichergehen und beschloss, das Haus einmal zu umrunden und einen möglichst guten Überblick zu haben, bevor er einstieg. Langsam durchquerte er den Vorgarten, duckte sich in den Schatten der Hecken. Er achtete darauf, nicht auf Dinge zu treten, die verräterische Geräusche machten, wie etwa das Knacken eines Astes. Aber der Garten war aufgeräumt, es gab nichts zum Drauftreten. An der Rückseite angekommen, spähte Derég um die Hausecke. Der Garten war hübsch und weitläufig, von einer hohen Hecke begrenzt. Dahinter lag eine schmale Gasse an die das nächste Grundstück grenzte. Ein Weg führte von der Gasse durch einen kleinen Torbogen zum Hintereingang. Der Weg für die Dienstboten. Derég schlich hinter einen Zierbusch und suchte die Fenster ab. Unten links brannte Licht, sonst war es überall dunkel. Er zog sein Werkzeug aus der Hosentasche. Er würde leise die Tür knacken, hineinschleichen, herausfinden, was der Alte machte und dann in den entgegengesetzten Teil des Hauses gehen. Dort würde er nach Schmuck, Geld und nützlichen Dingen suchen, nur kleine Sachen, die er problemlos am Körper führen könnte. Er hatte eine kleine Tasche dabei, die dick gefüttert war, um kein Klimpern von sich zu geben. Er hatte an alles gedacht. Natürlich wäre es mit einem Komplizen einfacher gewesen und er hätte mehr mitgehen lassen können. Aber er hätte auch teilen müssen. Und in diesen Tagen einen vertrauenswürdigen Ganoven zu finden war alles andere als leicht. Derég erlaubte sich ein leises Seufzen und schlich auf die Tür zu.
      „Das würde ich nicht machen“, sagte eine Stimme hinter ihm im Flüsterton.
      Derégs Herz schien ihm mit einem schmerzhaften Ruck durch die Hose in die Schuhe zu rutschen. Beinahe hätte er aufgeschrien. Er wirbelte herum, machte dabei einen Satz nach vorn um eventuellen Angriffen zu entgehen und erblickte: niemanden. Der Garten war leer.
      „Er wird kommen, vertrau mir“, fuhr die Stimme fort und Derég erkannte, dass sie von der Gasse hinter dem Haus kam. Die Hecke versperrte ihm die Sicht auf den Sprecher und bewahrte ihn vor der Entdeckung.
      „Das will ich hoffen – für ihn“, antwortete eine zweite Stimme, die in Derég das Bild eines muskelbeladenen Hünen heraufbeschwor. Würden die beiden am Torbogen vorbeikommen und in den Garten schauen, wäre er ungeschützt. Also schlich er zurück zur Hecke. Er setzte seine Füße langsam und sachte auf um ja kein Geräusch zu machen. Als die erste Stimme wieder sprach, kam sie direkt von der anderen Seite der Hecke, höchstens zwei Schritte entfernt. Zu Derégs Glück war die Hecke gepflegt und dicht im Wuchs, sodass er nicht einmal die Umrisse der beiden Männer ausmachen konnte. Sie konnten ihn also auch nicht sehen. Er durfte nur keine Geräusche machen.
      „Hauptsache, er hält dicht. Immerhin kriegt der aufgeblasene Schnösel einen ganzen Batzen Geld.“ Der Mann klang, als würde er das Geld lieber für sich behalten wollen.
      „Wenn er singt, kriegt er ein Messer“, meinte das Muskelpaket brummend.
      „Nein“, widersprach der Erste, der der Anführer zu sein schien. „Wenn er singt, müssen wir schleunigst aus der Stadt. Dann warten wir, bis die Sache sich beruhigt hat und dann machen wir einen neuen Plan. Ich hab keine Lust, wegen so einem Arsch meinen Hals zu riskieren.“ Der Anführer sprach schnell und leise und der Muskelmann brummte zustimmend. „Aber das muss er ja nicht erfahren. Mach ihm ruhig etwas Angst.“ Für eine Weile herrschte Stille. Derég fragte sich, was er jetzt machen sollte. So nah an den beiden Kerlen dran, konnte er unmöglich wegschleichen. Das Risiko, gehört zu werden, war zu groß. Und gefangen zu werden war eine ganz schlechte Idee. So weit er das verstanden hatte, warteten sie auf einen dritten Mann, den sie für etwas bezahlen wollten, aber ohne zu Zögern umbringen würden, wenn es notwendig wäre. Derég war zwar ein Ganove, aber kein Mörder. Er würde in einem Kampf garantiert den Kürzeren ziehen. Also blieb er, wo er war und hoffte, dass keiner auf die Idee kam, den Garten zu kontrollieren. Oder dass er niesen musste. Oder husten. Plötzlich war ihm sehr warm in seiner Verkleidung und er begann zu schwitzen. Er ließ sich langsam auf die Knie herab, um eine stabile Position zu haben. Es hatte den Anschein, dass er noch eine Weile ausharren musste und Derég wollte nicht plötzlich das Gleichgewicht verlieren.
      Ein paar Minuten später näherten sich eilige Schritte auf der Gasse und verstummten etwa dort, wo Derég die Stimmen gehört hatte. Der dritte Mann war gekommen.
      „Da seid Ihr ja endlich“, raunzte der Anführer. Der unterdrückte Zorn war deutlich zu hören. „Wir hatten vor einer halben Stunde ausgemacht.“
      „Ach, regt Euch ab. Seid froh, dass ich überhaupt gekommen bin. Wegen Euch habe ich die Gesellschaft bezaubernder Damen verlassen müssen.“ Der Mann klang, als habe er seine Stimmbänder in Öl eingelegt. Derég stellte sich vor, dass er fettige, zurückgekämmte Haare trug. Er war sicher in die feinsten Stoffe gekleidet. Derég konnte ihn nicht ausstehen.
      „Also?“, fragte der Anführer und ignorierte die Beschwerden des Schnösels. Mit einem Schnauben kam die Antwort:
      „Nun, wie gesagt, ich habe die Auskunft, die Ihr wollt. Habt Ihr auch mein Geld? Als Schauspieler hat man gewisse Ausgaben, Ihr versteht sicherlich.“ Die Selbstgefälligkeit im Tonfall kam Derég fast zum Halse heraus. Er mochte es nicht, wie solche Leute von Geld sprachen ohne eine Ahnung zu haben, wie es war, wenn man mit fast nichts über die Runden kommen musste.
      „Zeig es ihm!“, befahl der Anführer kurz angebunden. Stoff raschelte, Metall klimperte leise.
      „Na gut, für den Anfang wird das wohl reichen müssen“, meinte der Schnösel abfällig. Weiteres Klimpern und Stoffrascheln erklang, als das Geld den Besitzer wechselte.
      „Nun raus mit der Sprache“, sagte der Muskelmann mit dem Versprechen von Schmerzen im Unterton, sollte die Antwort keinen Anklang finden.
      „Ich stehe zu meinem Wort, schließlich bin ich ein Mann von Ehre“, erwiderte der Schnösel etwas verschnupft ob der Andeutung, er würde womöglich wortbrüchig werden. Er holte tief Luft. Derég stellte sich eine theatralische Handbewegung vor.
      „Ich weiß, wie der Kontakt zum Palast, nun, sagen wir, eingefädelt wird.“ Das süffisante Grinsen war förmlich mit Ohren zu greifen. Der Mann machte eine kleine Pause, ganz der Schauspieler, ehe er fortfuhr. „Die Intendantin Mari Savi de Rash höchstselbst und Prinz, respektive Vizekönig Élderan Tarim treffen sich regelmäßig vor und nach Aufführungen.“ Erwartungsvolle Stille.
      „Weißt du, was sie besprechen?“, fragte der Anführer mit angespannter Stimme, offensichtlich genervt, dem aufgeblasenen Hecht alles aus der Nase ziehen zu müssen. „Nun, sie treffen sich. In ihrem Büro. Oft stundenlang. Niemand darf dann hereinkommen. Aber manchmal dringen gewisse, nun, Aufforderungsrufe und Äußerungen höchster Glückseligkeit bis auf den Korridor, wenn ihr versteht. Die anderen sehen darüber hinweg, sie sind ihr loyal ergeben. Die Schlange weiß genau, was sie tut. Durch ihre Künste ist ihr die königliche Aufmerksamkeit gewiss. Und wo der Vizekönig ist, kommt auch der Adel. So ist ihr Theater schön gefüllt und sie verdient sich eine goldene Nase.“ Der Mann ließ das letzte Wort voller Verächtlichkeit und Spott aus seinem Munde triefen, bis es mit einem ekelhaften Platschen in der Stille aufschlug. Derég musste unweigerlich an einen zähflüssigen Rotzfaden denken und schüttelte sich.
      „Diese Emporkömmlinge lässt sie vor dem Hochadel auftrumpfen, pah! Und ich? Der wohl beste Schauspieler Serains seit dem Krieg, um das mal in aller Bescheidenheit zu sagen, ist nur die Zweitbesetzung! Eine Unverschämtheit!“
      „Bleibt ruhig. Wir haben vor, die Lage nachhaltig zu verändern. Dann wird sich am Theater einiges ändern. Vielleicht habt Ihr dann die Gelegenheit, die erste Rolle zu spielen. Oder sogar höheres zu erreichen?“ Der Anführer machte eine vielsagende Pause. „Oh ja, das klingt wundervoll“, fiel der Schnösel sofort ein. „Ich sehe, es hat sich gelohnt, die Damenwelt heute ein wenig länger auf meine Künste warten zu lassen. Es wird in der Tat Zeit, dass der Vizekönig erkennt, auf welche Personen er sich verlassen kann. Ich habe deutlich bessere Verbindungen zum Adel als diese würdelose Schlampe. Ich verrate Euch etwas. Der Vizekönig ist keineswegs nur an der Theaterintendantin interessiert. Ihm geht es vor allem darum, sich mit dem Adel gut zu stellen, die zivile Fürsorge der Krone öffentlich zu zelebrieren und Wogen zu glätten. Mit mir wird ihm das viel besser gelingen. Er muss sich dann nicht mehr an der alten Schachtel abarbeiten.“ Je länger der Mann sprach, umso weniger konnte er seinen Hass auf seine Arbeitgeberin verbergen.
      „Sicher, sicher“, sagte der Anführer der beiden Männer. „Unsere Auftraggeber interessieren diese Details nicht, wie Ihr versteht. Geheimhaltungsverpflichtungen, diskrete Aktionen, Hände in Unschuld und so fort. Die Interessen der Krone müssen auf vielen Wegen gewahrt werden.“ Der Schnösel stimmte eilfertig zu.
      „Sehr gut, dann sind wir uns einig. Erklär du ihm den weiteren Plan“, forderte er den Muskelmann auf.
      Derég schliefen langsam die Füße ein, doch er wagte nicht, sich zu rühren. Eine falsche Bewegung und er wäre in ernsten Schwierigkeiten. Plötzlich kam ihm eine Idee. Eine verwegene, riskante, mutige Idee, die sehr verlockend war. Er lauschte weiter.
      „…also wie gesagt, wir melden uns. Du hältst still. Dann, am vereinbarten Tag, lässt du uns ins Theater. Wir bringen Leute mit. Sie werden wie Arbeiter aussehen. Du wirst nicht fragen, nicht reden, nicht im Weg stehen. Geh einfach deine Kollegen ablenken. Mach du deinen Teil, wir machen unsern. Dann klappt auch alles. Danach kriegst du noch mehr Geld. Und deine Beförderung. Wenn du plauderst, kriegst du ein Messer. Mit dem spitzen Ende voran. Klar?“ In der daraufhin eintretenden Stille musterte Derég die Blätter der Hecke vor sich. Sie waren klein und hatten zackige Ränder. Mehr konnte er in der Dunkelheit nicht erkennen. Er meinte förmlich hören zu können, wie der eingebildete Schauspieler schluckte. Es wirkte nicht gespielt.
      „Klar soweit“, gab der schließlich von sich. „Ihr könnt Euch auf mich verlassen. Kann ich mich auf Euer Wort verlassen?“
      „Sicher. Im Namen des Königs. Des rechtmäßigen Königs. Wir handeln in seinem Namen und geben Euch sein Wort. Ihr werdet doch nicht das Wort eines Königs in Frage stellen?“ Der Anführer hatte geantwortet.
      „Nein, sicher nicht“, beeilte sich der Schauspieler zu versichern. „Das Wort eines Königs genügt vollauf.“
      „Das will ich meinen“, merkte der Anführer dunkel an. „Und nun solltet Ihr zurückgehen, bevor die Damen Euch suchen kommen. Wir wollen doch nicht, dass jemand von unserem kleinen Geschäft erfährt.“
      „Nein, wollen wir nicht“, stimmte der Muskelmann ein.
      „Wirklich, das wäre gar all zu indiskret“, murmelte der Schnösel und daraufhin entfernten sich eilig Schritte und verklangen in der Ferne. Für einen kurzen Moment huschte sein Schatten durch den Torbogen, dann war er weg. Derég hatte genug gehört, er bewegte vorsichtig seine Füße, um die Durchblutung anzuregen. Er würde auf der anderen Seite des Hauses herumgehen und vorne auf der Straße dem Mann folgen. Bis zum Theater war es ein Stück. Gelegenheit genug, sich das Gold zu schnappen. Hauptsache, die Wachen waren gerade woanders. Es hatte nach viel Gold geklungen. Vermutlich genug, damit Derég etliche Monate nichts mehr riskieren musste. Er war schon halb damit beschäftigt, in Gedanken das Geld auszugeben.
      „Dieser Idiot glaubt wirklich, wir arbeiten für den Tarim-Abschaum“, sagte der Muskelprotz verächtlich. Derég blieb wie angewurzelt stehen. Er war keine drei Schritte weit gekommen.
      „Sch! Nicht so laut!“, fuhr der andere ihn an. „Der Kerl ist gierig, eingebildet und dumm. Natürlich glaubt er was ich ihm sage. Und du solltest aufpassen, wo du was erzählst, sonst erfährt der Herr davon.“
      „Schon gut“, nuschelte der Muskelmann kleinlaut.
      „Komm, wir haben genug zu erledigen und mir wird langsam kalt.“ Die beiden gingen die Gasse entlang und Derég atmete auf. Er schlich durch den Garten auf die Straße. Der Schnösel mit dem Geld war nicht mehr zu sehen. Vielleicht war es besser, sich nicht einzumischen. Er sollte sein Glück nicht überstrapazieren. Politische Kisten konnten ganz schnell ganz hässlich werden. Derég schlich außerhalb der Lichtkegel der Straßenlaternen entlang. Er war froh, nahezu unsichtbar zu sein, aber er fühlte sich nicht mehr stark. Angst saß ihm im Nacken. Angst, weil er etwas gehört hatte, das er nicht hätte hören sollen. Niemand durfte erfahren, dass er hier gewesen war. Die Gedanken an seinen wunderbar vorbereiteten Plan waren längst begraben, er machte nur noch, dass er ungesehen zurück in sein erbärmliches Heim kam. Derég war so leise, dass ihn niemand hören konnte. Auch Geheimagenten mit ihren Messern nicht.


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      Das fünfte Türchen ist aus Aluminium und Glas gemacht und schwingt auf, als ein Kind mit grellrotem Rucksack es aufstößt. Danach hat das Türchen keine Gelegenheit, sich wieder zu schließen. Kind um Kind, mit Rucksack oder auch einem klassischeren Behältnis für Schulsachen, drängt sich eilig hindurch. Hinter der Traube Schüler fällt das Türchen langsam wieder zu - und kaum später erklingt schon die Schulglocke.



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      Potential 28

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      Die Lehrerin schaute auf. „Wer kann mir sagen, wieso die Erderwärmung nicht mehr aufgehalten werden konnte, trotz der Bemühungen des Weltklimarates seit Neunzehnhundertachtundachtzig?“
      Ein dunkelhaariger Junge zeigte auf.
      „Ja, Birger.“
      „Durch die Flutwelle dieser Insel im Atlantischen Ozean.“
      „Du meinst die sogenannte La Palma-Katastrophe, als die gesamte Westflanke eines Gebirges ins Meer stürzte“, vervollständigte die Lehrerin. „Sie hat die Entwicklung beschleunigt,“ nickte sie, „jedoch wäre auch ohne diese Flutwelle die Erderwärmung nicht mehr aufzuhalten gewesen.“ Die Lehrerin schaute in der Klasse umher.
      „Aber wurden durch diesen Tsunami nicht viele Atomreaktoren und Bohrinseln zerstört, Frau Soerensen?“, hakte eine Schülerin nach.
      „Das ist korrekt, Grietje“, stimmte die Lehrerin ihr zu. „Vor allem in Nordamerika befanden sich zu der Zeit ein Drittel ihrer Spaltreaktoren an der Ostküste. Diese wurden allesamt von mehreren fünfundzwanzig Meter hohen Tsunami-Wellen zerstört, weshalb bis heute das Meereswasser weltweit radioaktiv belastet ist. Und es existiert fast kein Strand auf der Welt, an dem man beim Graben keine dunkle Schicht unter dem Sand findet, wegen des ausgelaufenen Erdöls der unzähligen zerstörten Ölbohrplattformen.“
      „Fällt noch jemandem etwas dazu ein, weshalb die Menschheit es nicht schaffen konnte, die Erderwärmung abzuwenden?“ Frau Soerensen schaute sich um, wobei ihr Blick auf einen über den Tisch gebeugten Jungen mit herabhängenden langen Haaren fiel, der scheinbar etwas hinter diesem ‘Vorhang‘ verbarg. „Mathéo, hör auf dich mit deinem Armbandcomputer zu beschäftigen. Hier vorne spielt die Musik!“
      Verlegen schob sich Mathéo die Haare aus dem Gesicht und versuchte seinen linken Unterarm unter dem Tisch verschwinden zu lassen, doch sein HGC flackerte verräterisch am Handgelenk.
      „Nun, möchtest du deinen Klassenkammeraden verraten, was deine Meinung zum Thema ist?“
      Im Gesicht des Jungen arbeitete es sichtlich, scheinbar im Bemühen darauf zu kommen, was zuletzt in der Klasse besprochen worden war. Er biss sich auf die Unterlippe. „Antarktika?“
      Die Klassenlehrerin hob erst eine Augenbraue, dann seufzte sie leise. „Das war nicht richtig, aber auch nicht völlig falsch, Mathéo. Pass jetzt besser auf.“ Erneut wandte sie sich an die Klasse. „Weiß jemand, warum die Antarktis, wie man früher den Südpol nannte, Grönland und die Permafrostböden entscheidend dazu beitrugen?“
      Ein blondes Mädchen hob leicht die Hand. Die Lehrerin nickte ihr ermutigend zu: „Hanna.“
      Die Schülerin räusperte sich. „Weil dieser, ähm, … Gletscher“, Hanna schien sich unsicher wegen dieses für sie ungewohnten Wortes, und versuchte es erneut. „Weil der Gletscher vom Kontinent rutschte.“
      Frau Soerensen wackelte mit dem Kopf, eine Bewegung zwischen Nicken und Kopfschütteln. „Damit kommen wir der Sache schon ein wenig näher.“ Aufmunternd warf sie Hanna ein kleines Lächeln zu. „Doch warum rutschte der westliche Eisschild von Antarktika unerwartet schnell ab? Heute findet man dort übrigens die bekannte Stadt Thwaites. Und nein“, wobei sie betont zum dunkelhaarigen Birger schaute, der bereits wieder seine Hand heben wollte, „der La Palma-Tsunami hat das alles nur beschleunigt.“
      Als die Klasse nicht reagierte, tippte Frau Soerensen auf ihr Lehrerpult und auf den Tischen jedes Schülers erschien eine Weltkarte mit farbig markierten Gebieten. Neben dem Kontinent Antarktika und Grönland fanden sich größere Gebiete in Kanada und Sibirien, doch die größten Felder befanden sich vor den Küsten der Kontinente.
      „Ah,“ stieß ein sommersprossiges Mädchen mit rötlichem Haar aus.
      „Du möchtest etwas sagen, Lærke?“, fragte die Lehrerin.
      „Das war doch dieses Eiszeug, dieses Methadingens“, meinte die Schülerin mit leuchtenden Augen.
      „Richtig!“, freute sich die Lehrerin. „Als der Weltklimarat die Länder der Welt aufforderte, die Luft weniger zu verschmutzen, wussten sie nicht, dass durch die Erderwärmung und veränderte Meeresströmungen bereits das oberflächennahe Methaneis nahe den Küsten und im Permafrostboden begonnen hatte sich aufzulösen. Das Methanhydrat, so nennt man Methaneis eigentlich, besteht aus Wasser und Methan. Es braucht niedrige Temperaturen und einen hohen Druck um sich zu bilden, wenn Methangas langsam aus der Erdkruste aufsteigt.“ Bilder von brennendem Eis erschienen auf den Tischplatten der Schüler. „Doch das Methan ist achtundzwanzigmal schädlicher für die Atmosphäre, als das damals als Treibhausgas bezeichnete Kohlenstoffdioxid. Man wusste zwar, dass Methanhydrat existierte, jedoch nicht in welch gigantischen Mengen. Das begann man erst ein halbes Jahrhundert später zu ahnen.“ Linien erschienen in den Meeren der Weltkarten.
      Der langhaarige Mathéo zeigte auf, worauf die Lehrerin ihm zunickte. „Aber war das nicht doch die Flutwelle, die das Eis von Antarktika runterspülte? Ich hab‘ das mal in einer dieser langweiligen Geschichtssendungen meiner Schwester gesehen, als sie das Familienprogramm bestimmen dufte.“ Leicht trotzig blickte der Junge zur Lehrerin auf.
      „Nein Mathéo“, erwiderte diese. „Der La-Palma-Tsunami hat Antarktika nicht überschwemmt. Doch vor allem die Gletscher im Westen des Kontinents waren instabil geworden, und rutschten zunehmend schneller ins Meer. Der steinerne Sockel unter dem Meer“, hierbei verhakte sie die Finger der linken Hand mit denen der Rechten, „der dem Eisschild viele Jahrtausende lang Halt bot, wurde zum Teil durch Methaneis zusammengehalten. So wie Beton Steine beim Hausbau zusammen hält. Als das Methaneis langsam schwand, verlor das Gestein seinen Zusammenhalt, wodurch die La Palma-Flutwelle, als sie auf die ins Meer hinausragenden Gletscher schlug, das bereits gelockerte Fundament endgültig destabilisierte.“ Hierbei streckte sie die Finger der einen Hand aus, wodurch die andere Hand abrutschte. „Der durchschnittliche Meeresspiegel blieb danach deutlich höher. Viele Millionen Menschen starben bei dieser Katastrophe, manche Länder von damals existieren heute nicht einmal mehr. Doch trotz der Naturkatastrophe stieg der Meeresspiegel vor allem wegen der steigenden Temperaturen weiter an. Denn Wasser dehnt sich bekanntlich aus.“
      Die Lehrerin berührte ein weiteres Mal ihr Pult und die Umrisse der Kontinente veränderten sich. „Die flachen Küstenregionen wurden überspült, manche Länder kennt man fast nur noch dem Namen nach. Wie ihr hier sehen könnt“, wobei einige Küstenbereiche aufblinkten, „verschwanden bei uns, neben den Niederlanden und Dänemark, weite Teile der damaligen deutschen Küste im Meer, wozu die sogenannten Bundesländer Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein gehörten. Ebenso die Nordhälfte von Belgien. Doch auch Bangladesch, Gambia und Guinea-Bissau versanken im Meer. Zugleich rächte sich die Vorliebe der Menschen, ihr Hauptstädte in Küstenregionen oder an großen Flüssen zu bauen, da das steigende Meereswasser entlang dieser Einschnitte sich seinen Weg ins Innere der Kontinente bahnte. So verschwanden viele Hauptstädte auf der Erde.“ Die Lehrerin las einige Namen von einer Liste ab: „Bagdad, Bangkok, Buenos Aires, Colombo, Dublin, Kairo, London, Panama City, Paris, Peking, Riga, Rom, Stockholm, Tokio, Tripolis, Tunis, Washington sowie viele weitere Zentren.“ Bei jeder Namensnennung erschien ein kleines Bild dazu am Rand der Weltkarte, mit einer Linie verbunden mit seiner Lage auf der Karte. „Manche Städte wurden nahe der ursprünglichen Orte wieder neu errichtet. Deutschland verlor solche bedeutenden Städte wie Berlin, Hamburg, Bremen und Köln. Doch Köln sollte euch noch etwas sagen, da das neu eingeweihte Mahnmal dort aus dem Wasser ragt, der sogenannte Kölner Dom. Darüber wurde voriges Jahr oft in den Nachrichten-Channels berichtet.“ Einige Schüler nickten leicht, während sie die wechselnden Bilder auf ihren Tischen verfolgten, oder mit wischenden Bewegungen zu interessanten Aufnahmen zurücksprangen. Kurz darauf klingelte die Schulglocke zur Pause und die Unterrichtsmaterialien kopierten sich automatisch auf die HGCs der Schüler.
      Nachdem alle Kinder gegangen waren, verließ auch die Lehrerin die Klasse. Sie hatte Pausenaufsicht, und obwohl sie diese dank Überwachungstechnik und Autoalarm bei Auffälligkeiten bequem von Lehrerzimmer hätte erledigen können, wollte sie die Zeit lieber nutzen, etwas frische Luft zu schnappen. Draußen begegnete sie einem älteren Kollegen, der mehr auf sein HGC achtete, als auf die Schüler auf dem Hof.
      „Hallo Holger. Irgendwelche Probleme?“, fragte sie ihn.
      Er hob irritiert den Kopf, nur um eine Sekunde später diesen zu schütteln. „Nein, zumindest nicht hier. Ich studiere nur gerade die Nachrichten, da ich gestern nicht dazu kam. Der … Haussegen stand schief.“ Ein schiefes Lächeln erschien auf Holgers Gesicht und er zuckte verlegen mit seinen Schultern. „Hast du das mit der Dürre in Süddeutschland verfolgt?“, fragte er seine Kollegin. „Die Bayern sind diesen Sommer noch übler dran, als in den Vorjahren. Und erst die Ausschreitungen in Belgien zwischen den Flamen und Wallonen.“
      Frau Soerensen nickte, doch sie verspürte keine rechte Lust sich über schlechte Nachrichten in der Welt zu unterhalten. Bald schon löste sie sich aus dem Gespräch, um am Rand des Schulhofs entlang zu schlendern. Schnell wechselten ihre Gedanken zu ihrem neuen Lebensgefährten, und ein angenehmes Kribbeln bildete sich in ihrem Bauch.
      Der Wind zerzauste leicht ihre offenen Haare und sie legte ihren Kopf in den Nacken, um die Wärme der Sonne zu genießen. Der salzige Geruch des Meeres begleitete den Wind, der den Berghang hinauf blies. Ein paar Vögel nutzten die Brise, um für einen Moment nahezu still in der Luft zu schweben. Doch die Rufe der Tiere vermochten nicht den Geräuschpegel der vielen Kinder auf dem Hof zu übertönen.
      Die Lehrerin bedeckte mit ihrer Hand die Augen, und blickte zur wenige hundert Schritt entfernten Küste hinab. Am Horizont erkannte sie einige Schiffe, die sich penibel auf vorgegebenen Wasserstraßen bewegten, welche ihnen blinkende Bojen vorgaben. Hier und da ragten abseits davon Ruinen aus den Wellen. Niemand hätte sich vor hundertfünfzig Jahren vorstellen können, dass hier einmal die größte deutsche Hafenstadt entstehen könnte. Eine Stadt geboren aus den Resten Dortmunds und dem dahinterliegenden Hagen. Doch zumindest war dank des Hengsteysee-Staudamms die Trinkwasserknappheit hier weniger spürbar, als in vielen anderen Regionen der Bundesrepublik.


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      Das sechste Türchen hat Meerblick. Die Sterne schimmern am Himmel und reflektieren sich im Wasser, am leeren Leuchtensockel lehnt eine Leiter und eine Frau im Blaumann steckt den Mond gerade in ihre Tasche. Sie sieht sich um und wartet einige Zeit ab, dann zuckt sie mit den Schultern und schraubt die Sonne in den Sockel.



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      Morgen

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      Es war ein wunderschöner Tag in Findlingen am Nimmermeer. Eigentlich sollte jedenfalls Tag sein, aber irgendwie steckte einer der Zeitlieferanten im Stau. Schön war es durchaus irgendwie, also, wenn man sich an solcherlei staubedingte Fehler einmal gewöhnt hatte. Die Sonne war zwar schon da, aber die Nachtform stand noch am Himmel, sodass gewissermaßen zunehmende Sonne am Sternfirmament herrschte.
      Wanda zuckte mit den Schultern und schlängelte aus ihrem Zimmer in die Küche der Wohngemeinschaft, wo sie ihre Mitbewohnerin Dominique magenknurrend, aber sich sorgfältig die Pfote leckend, vorfand. "Was ist? Machst du Diät?"
      "Nein", Dominique fügte dem Knurren ihres Magens ein weiteres hinzu, "der Mauszeiger ist schon wieder eingefroren!"
      "Oh." Wanda folgte mit dem Blick der ausgestreckten Pfote ihrer Mitbewohnerin und betrachtete den handgroßen, leicht nach links geneigten Pfeil, der offensichtlich dem Eisschrank zu nahe gekommen und an diesem festgefroren war. "Oh nein ... und Föhnwetter ist ja erst morgen wieder angesagt ..."
      "Ja ..."
      "Gehen wir heute also auswärts frühstücken?"
      "Klar." Dominique wischte sich mit der Pfote ausgiebig über das Gesicht, dann stand sie auf und stellte sich vor den Spiegel. "Was meinst du? Wie sehe ich aus?"
      "Als wärst du in einem Schrumpfschlauch steckengeblieben", gab das Spiegelbild gehässig zurück und zupfte mit so spitzen Fingern, wie es einer Spiegel-Katzenfrau nur möglich war, am Dekolleté herum.
      "Dann passt es ja. Du, Wanda?"
      Jetzt schlängelte Wanda vor den Spiegel. "Huch, das ist wundervoll, ich bin begeistert!", antwortete Wandas Spiegelbild.
      Dominique sah zu Wanda und ließ ihre Schnurrhaare zittern. "Umziehen, schlage ich vor."
      "Ja, das meine ich auch." Darauf schlängelte Wanda wieder zurück in ihr Zimmer und riss den Kleiderschrank auf, das Kastenwesen wurde vor Schreck rosa-gelb-kariert und streckte der Schlangenfrau dann schüchtern drei Stielaugen entgegen. "Ja, ich weiß, ich habe mich eigentlich schon angezogen. Kann ich nicht doch nochmal was haben? Bitteee. Vielleicht Bluse und Jacke? Mein Spiegelbild findet mich gerade toll." Sie sah an ihrem schwarzen Kapuzenpulli hinunter und dann flehend zum Kastenwesen.
      Selbiges wurde prompt hellblau und bekam kurz darauf weiße Punkte, die Stielaugen verschwanden mit einem Plopp. Wenig später tauchte ein einzelnes Auge auf und klimperte fröhlich mit den Wimpern, ein grüner Tentakel überreichte Wanda einen Kleiderbügel mit weißer Bluse und dunkelblauer Nadelstreifjacke. Davon wäre das Spiegelbild bestimmt angemessen angewidert.
      So war es. Sowie Wanda umgezogen wieder am Spiegel vorbeikam, gab das Spiegelbild ein würgendes "Wuäh" von sich. Derart bestätigt gut gekleidet verließen Wanda und Dominique dann das Haus.

      Inzwischen war der Tag vollständig erreicht, eine Angehörige des Uhrvolkes mit in einem Bogen nach links oben ragenden Haaren stieg gerade ihre immense Leiter direkt neben Wandas und Dominiques Eingangtüre wieder herunter, die Sterne in einer Tasche am Gürtel. "Annabelle!", rief Dominique begeistert, "Wir haben dich ja ewig nicht gesehen!"
      "Oh", machte die Uhrvolkangehörige und sah kurz auf ihren Zeitplan, "Tut mir leid, ich war im Sektor vier, da hat mein Urenkel derart Mist gebaut, dass die Zeit fast drei Jahre lang rückwärts gelaufen ist. Ich sag euch, es ist echt pervers, wie manche Babys dreckig grinsen, wenn es auf die Geburt zugeht ..."
      "Äh ... ja", sagte Dominique und kratzte sich beiläufig mit dem Fuß am Ohr.
      Wanda bog das Thema um: "War der Stau vorhin sehr schlimm?"
      "Natürlich, sonst wäre es ja kein Stau gewesen."
      "Ah, natürlich." Wanda nickte, es war ja logisch.
      Dominiques Magen knurrte.
      Annabelle runzelte verdutzt die Stirn. "Ihr habt noch nicht gegessen?"
      "Der Mauszeiger ist eingefroren", raunzte Dominique.
      "Der wird schon wieder auftauen", versicherte Annabelle, "aber jetzt lade ich euch erst mal auf ein paar gebackene Mäuse ein. Kommt!" Sie faltete ihre Leiter zusammen, steckte sie in die Hosentasche und marschierte dann voran, Dominique eilte mit hin und her wiegendem Schwanz hinterher.
      Wanda schlängelte den beiden nach und starrte auf Annabelles immer wieder einen Hauch fallenden, dann wider die Schwerkraft wieder nach oben springenden Haare. So eine Zeitschleife war schon ein sehr netter Haarschmuck.
      In einem Straßencafé setzten sie sich an einen hübschen dreieckigen Tisch, der Kellner brachte sofort zwei Teller mit gebackenen Mäusen und zwei wilde Mauszeiger flogen herbei und wiesen auf die beiden köstlich zubereiteten Tierchen. Wanda und Dominique machten kurzen Prozess, nahmen die Mäuse am Schwanz und verschlangen sie in einem Haps.
      Lecker. Auch wenn nicht immer alles glatt ging, so konnte man doch noch gut in den Tag starten.


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      Das siebte Türchen gehört zu einer hölzernen Fischerhütte, von Salz und Wind angegriffen, aber doch gepflegt. Es ist mit Muscheln, Sternen, Zweigen und bunten Kugeln überraschend reich geschmückt und dahinter riecht es nach Gemütlichkeit und Familie.



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      Die Schwarze Hexe der Weißen Küste

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      Lenarra war eine gute Frau: eine fleißige Hausfrau und liebevolle Mutter. Auch wenn ihr Gatte oft Tage auf See war, um als Fischer den Unterhalt für seine Familie zu verdienen, blieb sie ihm stets treu. Sie hatte nicht viel, doch sie war glücklich mit dem, was sie hatte.

      Aber diese Geschichte handelt von einer Frau, die es ihr schwer machte, ihren Kindern die Tugend der Bescheidenheit zu lehren: Ihrer Schwester Lifane. Jedes Jahr feierte sie irgendwo in der Stadt alle vier Tage des Zuckerschädelfests, aber zur Wendnacht, wenn die Familie zusammenkam, war sie weit und breit nicht zu sehen. Das einzige, durch das Lifane sich bemerkbar machte, war die Tatsache, dass es Leny jedes mal vor dem Tag graute, an dem ihre Kinder herausfinden würden, wer die "Jarlö" wirklich war, die sie jedes mal mit Spielzeugen und Süßigkeiten regelrecht überschüttete.
      Noch mehr fürchtete sie jedoch die Frage, wo Tante Lifa all die Geschenke überhaupt herbekam. Es war nicht so, dass Lifane eine Diebin war oder ihr Geld auf andere kriminelle Wege verdiente, aber Traumhexe war eben kein Beruf, den man in ihrem Land als "ehrenhaft" bezeichnete. Auch wenn es ein offenes Geheimnis war, dass selbst der Königliche Kultusminister von Toenur sich die eine oder andere "prophetische" Vision herbei hexen ließ, hatte ihre Arbeit immer noch etwas anrüchiges. Dass Lifane auch keinen Hehl daraus machte, Dienste anzubieten, die sie in die Kreise der Gehörnten und Kurtisanen brachten, machte die Sache natürlich auch nicht gerade einfacher.
      Das Tante Lifa also nicht auftauchte, war also gewissermaßen ein Segen, aber dieses Jahr sollte noch jemand fehlen: Lenys beste Freundin Yuliam war vor einigen Monaten auf einer Geschäftsreise verschwunden. Eigentlich sollte sie in der Provinz Bardsdell eine alte Orgel reparieren, aber danach hatte man nichts mehr von ihr gehört...


      Bis zu dem Tag, an dem Lifane sich entschloss, an den Klippen der weißen Küste spazieren zu gehen. Es rankten sich schauerliche Legenden darum, weshalb die nahegelegenen Strände so weiß seien, aber nach der sechsten "keine Rosenblüten oder Lavendelduftkerzen, bitte"-Predigt in dieser Woche war dieser Ort genau der richtige für sie. Die Vorstellung, die zermahlenen Gebeine ihrer geistigen Brüder und Schwestern unter den Füßen zu haben, widerte sie mittlerweile weniger an als das frömmelnde Gefasel, das sie die letzten drei Tage über sich ergehen lassen musste.
      Lifane wusste von Anfang an, dass sie als Traumhexe in einer bizarren Welt lebte, die zwischen Leben und Tod, zwischen Illusion und Wirklichkeit lag, doch wieder einmal musste sie erfahren, dass man die Wahrheit und Erkenntnis mehr fürchtete als Lügen und Ignoranz. Die größte Beleidigung für sie war jedoch, dass man bei allem Gerede von "Leben" und "Hoffnung" sie im frischen, duftenden Blumenkleid mehr verachtete als in einer muffigen alten Kutte, die sie sonst nicht einmal als Trauergewand getragen hätte.
      Kurzum, es war wieder einer dieser Tage, an denen Lifane ernsthaft darüber nachdachte, das Blütensäckchen gegen den Blutsaugerdolch einzutauschen. Großen Schaden an ihrem Ruf hätte das eh nicht angerichtet, denn wie sie selbst von sich sagte bestand ihre einzige Tugend darin, ihr Geld nicht für Alkohol und "Sommerschnee" zu verprassen. (Sie bevorzugte stattdessen einen nicht überall ganz legalen "Kräutertee", den sie sich gelegentlich von einem alten Apothekerfreund aus der Zwergenkolonie besorgen ließ.)
      Frei nach dem Motto "Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert" hätte sie also genau so gut Meuchelmörderin der Knöchernen Legion werden können. In Ermangelung zu meuchelnder Personen - und weil sie aus unerfindlichen Gründen andere Menschen immer noch lieber glücklich als tot sah - entschloss sie sich, ihrem Frust an einem ohnehin leblosen Gegenstand Ausdruck zu verleihen: Mit einem kräftigen Tritt katapultierte sie einen faustgroßen Stein ins Wasser.

      Eine jüngere Lefhin, die in einem weiten Reifrock den Strand entlang ging, schreckte auf und sah sich kurz zu ihr um, bevor sie hastig weiter holperte. Angestrengt schleppte sie sich, ihr wallendes Kleid und einen großen, schweren Weidenkorb über den steinigen Strand, an dem weit und breit nur sie und Lifane zu sehen waren. Wenige Schritte später stürzte die junge Frau in den Sand und blieb dort völlig erschöpft liegen.
      Lifane stürmte direkt los, um ihr zu helfen, denn wenn sie ihr Wissen über "Normale" nicht täuschte wusste sie bereits, was hier eigentlich los war. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die "Geier" kommen und über sie herfallen würden. Aber was sollte sie nur tun? Als Lifa das Emblem auf dem Korb sah, waren auch die letzten Zweifel beseitigt. Sie streckte der Fremden die Hand entgegen und hätte am liebsten ein dramatisches "Folge mir, wenn du frei sein willst!" herausposaunt.
      Die weit aufgerissenen Augen der jungen Dame machten der Hexe aber schnell bewusst, dass sie im Moment eher einem Todes- als einem Schutzengel ähnelte. Also blieb es bei einem dezenten "Kann ich irgendwie helfen?" - "N-nein... I-Ich..." stammelte die kreidebleiche Lefhin "Ich mache nur... eine kurze Pause." - "Oh natürlich..." nickte Lifane "Könnte ich dir vielleicht beim Tragen helfen?" - "Nein, das geht schon." meinte die Fremde, die noch immer schweißgebadet im Sand lag, und starrte Lifa mit einem Blick an, den diese gleich erkannte.

      Es war der einer ziemlich schlechten Lügnerin. - "Hör auf, so einen Mist zu plappern!" hätte die Hexe sie am liebsten angeschrien, aber sie merkte gerade noch rechtzeitig, dass sie ihre Wut besser gegen die richten sollte, die das arglose und offensichtlich entkräftete Mädchen auf sinnlos langen und schwierigen Wegen riesige Wäschekörbe schleppen ließen. "Du arbeitest nicht zufällig für das 'Haus der Hoffnung'?" fragte sie. - Das Schweigen der Lefhin genügte als Antwort. - "Ist ja auch nicht so wichtig..." meinte Lifane schließlich "Aber wenn du willst, kann ich dir eine kleine Geschichte erzählen."
      "Was für eine Geschichte denn?" wisperte die Lefhin, die gerade genug Kraft zum sitzen hatte. In ihren Augen flackerte für einen Moment ein leises Funkeln auf, das Lifa sonst nur von Kindern kannte, die sich schon seit Wochen auf ein spannendes Märchen freuten. - "Na ja..." meinte Lifane "Ich habe da einen Brieffreund aus Muyale. Du weißt schon, diesem Knast, in dem sonst Typen einsitzen, die eher für eine Packung Zigaretten jemanden abmurksen als sich dabei erwischen lassen, wie sie ihrer Mutti eine nette Geburtstagskarte schreiben... Und weißt du was? Selbst als ihm da die Wachen beim Schreiben über die Schulter geschaut haben, als wollte er mit der Feder jemanden erstechen, hat er weniger verklemmt geschrieben als alle, die jemals in diesem 'Haus' waren... Aber, hey! Was hörst du überhaupt einer bösen Hexe wie mir zu?"

      Die junge Lefhin schaute sie nur verdutzt an. "Ich weiß nicht..." seufzte sie schließlich "Irgendwie ist es dort schon etwas... einsam..." - "Was hat dich überhaupt in dieses Haus getrieben?" fragte Lifane "Hat dich dein Mann mit einem anderen im Bett erwischt?" - "Oh, nein!" beteuerte die Lefhin "Eigentlich wollte ich nur für ein paar Wochen mein Haus vermieten..." - "Und dann wurdest du verknackt, weil der Mieter ein Kornut war?" unterbrach Lifa als gäbe es keine andere Erklärung "Wäre nicht das erste mal, dass so was passiert."
      "Wo- Woher weißt du das?" staunte die Lefhin. - "Mein Kumpel Kullstev hat mir davon erzählt." erkläre Lifane trocken "Als Hexe hat man eben Kontakte, die so was mitbekommen. Aber mal was anderes: Willst du noch länger da liegen?" - Etwas zögerlich griff die junge Dame, die inzwischen wieder einigermaßen bei Kräften war, nach Lifanes Hand und raffte sich wieder auf. "Danke..." sagte sie, obwohl ihr betrübter Blick verriet, dass sie insgeheim lieber weiter am Strand sitzen wollte.
      "So, ich muss jetzt auch gleich los, einem feinen Herrn etwas Geld aus der Tasche ziehen." sagte Lifane mit einem verschmitzten Grinsen während sie ihr half, den Sand aus dem Kleid zu klopfen. - "Aber... Wohin soll ich jetzt nur gehen?" fragte die Lefhin und klammerte sich an Lifas Gewand fest - "Das kann ich dir nicht sagen." meinte die Hexe und ließ ein paar Münzen in die Hand der Lefhin gleiten "Aber an deiner Stelle würde ich erst mal was trinken gehen. Ein schöner heißer Kakao mit Schirmchen bei 'Noxie und Moxie' wäre jetzt was feines..." - "Ähm..." schoss der Lefhin plötzlich die Schamesröte ins Gesicht "Ich denke nicht, dass... äh..."
      "Na ja, vielleicht wäre das 'Meluk' eher was für dich, so mit Milchkaffee und Obstpastetchen." meinte Lifane, die mit ihrem geschulten Blick eine Halskette mit einem goldenen Gabelbein ausgemacht hatte "So zwischen drei und vier kommt dort auch einer vorbei, mit dem du dich über den lieben Schöpfer unterhalten kannst." - "Danke..." flüsterte die Lefhin verlegen "Wie kann ich dir nur...?"
      "Wenn du mir und dir selbst einen Gefallen tun willst, pass einfach auf dich auf." lächelte Lifane "Ach ja, falls du das Körbe schleppen und im Staub kriechen vermissen solltest, pass auf, dass du dich nicht hierhin verirrst..." Sie drückte ihr ein Stück Pappe in die Hand und bevor das spitzohrige Mädchen noch ein Wort sagen konnte, war die Hexe auch schon verschwunden. - Immer noch etwas verwirrt schaute die Lefhin auf die Pappkarte "Kanzlei Knotti" stand darauf "Fachanwälte für randständige Berufe und Arkana (sowie Personen, die Umgang mit selbigen haben oder hatten)"


      Wenige Wochen später erreichte Lenarra ein Brief von Yuliam, die stolz davon berichtete, als Lefhin der zwergischen Orgelbauerzunft beitreten zu dürfen. Nach einer langen Aufnahmeprüfung hätte sie jetzt sogar die Gelegenheit, ihre beste Freundin zur Winterfeier zu besuchen. Alles nahm also seinen gewöhnlichen Lauf: Leny und Yuliam tratschten und futterten zwergische Nusskekse, während sich für die Kinder auf die Geschenke unter der Sternenpyramide stürzten.
      Eine Sache lief diesmal etwas anders als geplant, denn diesmal erschien auch Lifane zum gemeinsamen Abendessen. Leny war etwas verwundert darüber, aber irgendwie auch froh, ihre Schwester wieder zu sehen. Die größte Überraschung war es jedoch für Yuliam, die jetzt erst merkte, wer die seltsame Hexe war, die ihr da an der weißen Küste begegnet war. Aber wenn Lifane eines auf Familienfeiern gelernt hatte, dann war es, unangenehme Fragen zu vermeiden. Schon recht früh hatte sie nämlich gemerkt, dass sie ihre Eltern zu sehr mochte, als dass sie sich durch Fragen wie "Warum hast du denn noch keinen Mann?" oder "Warum haben wir eigentlich nur von Leny Enkelkinder?" in eine Lage drängen ließ, in denen sie einen gewissen Neid gegenüber Waisen verspürte.
      "Na so was! Schon so spät?" sagte sie plötzlich "Ich habe ja noch meinem Nachbarn versprochen, nach seinem Hund zu sehen!" Dann war sie fast so schnell wieder verschwunden, wie sie gekommen war. Ihr Nachbar hatte zwar gar keinen Hund, aber sie konnte ja auch als Hexe nicht einfach einen Sack voll Geld herbeizaubern. Irgendwer musste ja dafür sorgen, dass auch mal etwas anders auf den Tisch kam als Zwieback und Stockfisch, und wenn sie schon keine Kinder in die Welt setzte, dann konnte sie wenigstens welche an einem Tag im Jahr glücklich machen.


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      Das achte Türchen ist aus hellem Buchenholz gemacht und durch Schnitzereien verziert. Es führt in eine sehr vollgeräumte Kammer mit den unterschiedlichsten Schriftrollen, Büchern, Artefakten, Siegeln und ähnlichem Zeug, das nicht mehr in die vielen Kästen und Regale passt. Auf einem kleinen Tisch in der Ecke liegt eine nach frischer Tinte duftende Schriftrolle, noch nicht zusammengerollt, damit die Tinte nicht verschmiert. So lässt sie sich natürlich auch problemlos von uns lesen.



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      Die Prophezeihung der Drachenreiter

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      Übersetzung aus dem Original, 21.3.3749, Dh'an

      Über den Wolken,
      Wo die Hohen Lords von Luv'dran leben,
      Wird einst ein neuer Reiter kommen,
      Sie alle werden sich vor ihm verneigen.

      Er wird kommen von oben,
      Getragen vom Blauen,
      Und die Herrschaft des Feuers beenden!

      Sieben Familien werden sich anschließen,
      Sieben Familien werden sich gegen ihn stellen,
      Sieben Familien werden sich zurückhalten,
      Doch nur wer mit ihm ist, wird bleiben.

      Die Wolken werden ziehen,
      Das Geheimnis wird offenbar werden,
      Die Niederen werden sich erheben!

      Wenn der Neue König kommt,
      Und die Seinen um sich sammelt,
      Die Ungläubigen ins Exil gehen,
      Dann wird die Einheit deutlich.

      Die Völker kommen zusammen,
      Sie werden ihm dienen,
      Und der Frieden wird kommen!

      Dann werden die Tore des Exils geöffnet,
      Und sie werden zurückkehren,
      Der Höchste wird sie aufnehmen,
      Und die neue Eiszeit bricht an.


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      Das neunte Türchen gehört zu einem mehrstöckigen Betonhaus, auf der einen Seite ein schmaler Korridor, auf der anderen ein mit allem nötigen ausgestatteter Wohnraum für eine Person. Auf einem Stuhl sitzt eine Frau mit langen, braunen Haaren und bindet ihre Schuhe zu, dann steht sie auf und geht durch das Türchen.



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      Exil

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      Stufe um Stufe ging Tenera die Treppe hinunter. Die Hausordnung untersagte die Anwendung von Magie in den Gemeinschaftsbereichen des Hauses. Gute Gründe gab es dafür sicherlich, doch die Regel führte Tenera auch immer wieder vor Augen, wie schwach ihr Körper immer noch war.
      Endlich hatte sie es geschafft und war unten. Ihr Stolz hielt sie davon ab eine Pause einzulegen. Das musste sie so schaffen.
      Der uniformierte Wächter an der Tür schaute auf, als er ihre Schritte hörte. Tenera zuckte zusammen. Wie lang würde sie der Anblick von Uniformierten noch so nervös machen? Sie wusste doch, dass die Wächter da waren, um die Sicherheit der Bewohner zu gewährleisten. Die Gemeinschaft von Ruash lebte in Freiheit, hier bedeutete eine Uniform keine Gefahr.
      „Wie ist Ihr Name und wohin möchtet Ihr gehen?“, wollte der Uniformierte wissen.
      Tenera nannte ihm ihren Namen und sagte, dass sie auf dem Weg in die Hauptstadt war. Der Mann machte sich ein paar Notizen und winkte sie durch. Alles kein Problem, oder?
      Sie schloss die Türe hinter sich und konzentrierte sich auf ihr Ziel. Trotz ihrer kränklichen Verfassung klappte das inzwischen wieder richtig gut. Wenig später stand sie in einer belebten Einkaufsstraße von Rondris. Niemand achtete auf sie. Äußerlich unterschied sie sich nicht von den Einheimischen mit ihren langen braunen Haaren und grünen Augen. Erst wenn sie den Mund aufmachte und redete fiel auf, dass sie Ruash mit deutlichem Akzent sprach und vieles noch nicht verstand.
      Die Straße machte einen friedlichen Eindruck, fast zu friedlich. Kinder kauften Schulbücher und schlenderten mit Eistüten und heißen Waffeln durch die Straßen. Manche lachten, andere unterhielten sich laut. In Xantera hätte sie wahrscheinlich einige der Eltern gekannt. Hier waren sie alle Fremde. Auch die Erwachsenen erledigten ihre Einkäufe oder blieben stehen, um ein Schwätzchen zu halten. Ein paar Straßenreiniger murmelten ihre Zauber, die den Staub und Schmutz von der Straße verschwinden ließen. Wenigstens diese Sprache war überall gleich.
      Alles wirkte friedlich, doch das hatte es bei ihren letzten Besuchen in Larena auch getan. Jedenfalls für all diejenigen, die nicht wussten, wie es früher ausgesehen hatte. Sie schaute hinter sich. Fast erwartete sie, dort die schwarze Uniform eines Ellugani zu sehen, die schwarze Uniform mit der silbernen Libelle. Ellugani, die nur darauf warteten, dass sie irgendetwas Verbotenes tat und ihnen einen Grund gab sie zu schikanieren oder Schlimmeres.
      Tenera holte tief Luft. Das hier war Ruash nicht Xantera. Hier hatten die Ellugani keine Macht. Wenn es welche gab, blieben sie im Verborgenen so wie sie es einst auch in Xantera getan hatten. Damals. Heute stand ganz Xantera unter ihrer Herrschaft. Sie seufzte. Wahrscheinlich genügte ihnen das nicht. Doch hier war sie weit weg, hoffentlich weit genug.
      Damals war Tenera kein Feigling gewesen und wäre niemals weggelaufen, doch sie war schon längst nicht mehr die Alte. So viele Jahre in einem Krankenbett, wo man ihr irgendetwas eingeflößt hatte. Geholfen hatte es nicht, dafür waren die Nebenwirkungen umso schlimmer gewesen. Wahrscheinlich hatten die Ellugani auch dort schon ihre Finger im Spiel gehabt, ganz besonders er.
      Trotz der warmen Spätsommersonne fröstelte es sie. Sie wollte nicht mehr daran denken. Tenera hatte guten Grund ihre Heimat zu verlassen, sie brauchte sich nicht zu schämen. Ihr Körper und ihr Herz waren viel zu müde zum Kämpfen. Sie sagte sich das immer wieder, doch wirklich glauben konnte sie es nicht.
      Tenera bahnte sich ihren Weg durch die vielen Menschen. Die Fremde schien ihnen nicht aufzufallen. Die Gemeinschaft von Ruash war recht groß, da wusste nicht jeder, wer fremd war und wer dazugehörte. Schließlich erreichte sie das Heilerhaus am Ende der Straße. Es wäre klüger gewesen es am Eingang zu bauen, damit die Kranken nicht so weit gehen mussten, doch daran hatte offenbar niemand gedacht. Oder es gab Gründe für die Ortswahl, die Tenera nicht kannte. Hier behandelten die Heiler schließlich nicht die Schwerkranken, sondern diejenigen, die sich noch draußen bewegen konnten.
      Tenera ließ sich von der beweglichen Treppe in den dritten Stock bringen und meldete sich an. Zum Glück trug die Empfangsdame von Heilerin Irmela keine Uniform.
      Tenera setzte sich ins Wartezimmer und blätterte in einer älteren Ausgabe von „Kräutermagie heute“ herum. Mit was für unnötigem Zeug sich die Leute beschäftigten. Wozu magische Kräuter verschwenden, um Haarausfall bei Männern zu bekämpfen?
      Endlich hatte Irmela Zeit für sie. Die Heilerin hatte halblanges blondes Haar und war etwas beleibter. Neben ihr fiel Tenera ganz besonders auf, dass sie viel zu dünn war. Irmela führte zuerst ihre körperlichen Untersuchungen durch. „Vom Gewicht her könnten Sie ruhig noch ein bisschen zulegen. Können Sie denn immer noch nicht essen?“
      „Morgens beim Frühstück nicht, sonst geht es.“
      Tenera jammerte nicht darüber, dass das Frühstück hier so ganz anders war als das, was sie aus Xantera kannte. Schließlich hatte sie auch dort morgens nichts mehr heruntergebracht, seit sie wieder „zuhause“ war. Zuhause. In dieser Gemeinschaft, wenn man es noch so nennen konnte, gab es für sie kein Zuhause mehr.
      Als nächstes musste Tenera sich hinlegen, damit die Heilerin ihre Magie überprüfen konnte. Bei den ersten Malen war sie in Panik geraten, doch inzwischen versuchte nicht einmal mehr ihre Magie sich dagegen zu wehren. Irmela nannte das einen Fortschritt, Tenera war sich nicht sicher.
      „Unverändert“, sagte sie schließlich. „Seit Ihrem letzten Besuch gibt es keine Verbesserungen aber auch keine Verschlechterungen. Haben Sie die Übungen für Ihre Magie regelmäßig durchgeführt?“
      „Ja, habe ich.“ Zumindest wenn sie die Kraft dafür finden konnte.
      „Gut. Machen Sie damit weiter. Der Erfolg wird sich einstellen, es dauert einfach seine Zeit. Das ist bei solchen Verletzungen immer so und nach Folter noch mehr. Ich weiß es ist schwer, aber Sie müssen Geduld haben.“
      „Ja. Es ist ja nicht so, als ob ich irgendwas verpassen würde, wenn ich warte.“ Diesen Satz hatte Tenera eigentlich nur denken und nicht aussprechen wollen, aber es war dennoch geschehen.
      „Sie waren eine aktive Kämpferin, damals im Krieg in Xantera, nicht wahr?“, fragte Irmela.
      „Ja.“ Die Vorstellung kam ihr inzwischen unwirklich vor. Woher hatte sie nur jemals die Kraft dafür genommen? Damals war sie eine derjenigen gewesen, die Uniformen trugen. Man hatte ihr Respekt entgegengebracht. Respekt. Sie wusste gar nicht mehr, was das war.
      Warum nur war sie nicht gestorben, sondern krank vor sich hinvegetiert, bis es ihr durch zweifelhaftes Glück wieder besser ging, wenn man das so nennen wollte?
      „Ich bin Heilerin und es ist meine Pflicht politisch neutral zu sein. Aber bei dem, was in Xantera geschieht, kann man nicht neutral bleiben. Außerdem gehört es in Ihrem Fall zu meiner Arbeit. Die anderen Gemeinschaften sind zu selbstfixiert. Sie glauben, dass bei ihnen ja alles in Ordnung ist, wenn sie die Machthaber in Larena bloß nicht provozieren.“
      „Aber das ist nicht wahr“, sagte Tenera. „Den Ellugani reicht es nicht in Xantera zu herrschen. Sie wollen mehr Gemeinschaften unter ihren Einfluss bringen. Sobald sie die einfachen Xanteraner auf ihrer Seite haben und sie von einem neuen Krieg überzeugen können, werden sie den durchführen. Und wahrscheinlich rekrutieren sie jetzt schon Verbündete. Auch hier.“ Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken. Wirklich sicher war sie nirgendwo. Auch nicht in Ruash.
      „Genau das fürchten wir auch“, sagte Irmela. „Aber Sie kennen sich mit diesen Dingen aus. Sie wissen, wie sie damals in Xantera vorgegangen sind und die Gemeinschaft destabilisiert haben. Wenn Sie mit unseren Strafverfolgungsbehörden darüber sprechen würden, könnten Sie helfen.“
      „Haben sie Sie darum gebeten mir das zu sagen?“
      „Ich habe Bekannte, die dort arbeiten und wir sind auf das Thema Xantera gekommen“, sagte Irmela. „Da habe ich angeboten, dass ich Sie fragen würde.“
      Tenera holte tief Luft. Ihr Verstand wusste, dass sie den Strafverfolgungsbehörden hier in Ruash vertrauen konnte, zumindest grundsätzlich. Verräter konnte es immer geben, damit musste man rechnen. Vielleicht hatte Irmela ja recht und sie konnte so wenigstens einen kleinen Beitrag leisten.
      „Wenn es ihr recht ist, würde ich mit Ihrer Bekannten sprechen. Ich kann aber nichts versprechen, bevor ich sie nicht kenne. Helfen würde ich gerne, aber man weiß nie.“
      „Natürlich. Ich werde es arrangieren.“

      Auf dem Rückweg fühlte Tenera sich nicht mehr ganz so schwach und hilflos. Sie wollte sich keine zu großen Hoffnungen machen, aber wenigstens war das eine Chance etwas zu tun. Vielleicht halfen ihre Informationen wirklich dabei Ruash zu schützen und die anderen aufzurütteln. Alles, was sie gegen die Ellugani tun konnte, war gut. Sie musste er versuchen.
      Tenera ging an einem der Stände vorbei und kaufte sich eine Waffel. Wenigstens hatten sie ihr das Geld nicht nehmen können, sodass sie nicht völlig von der Gutmütigkeit der Ruash abhängig war.
      Die Waffel schmeckte gut, außerdem war es Nachmittag, da fiel ihr das Essen immer leichter. Langsam fühlte sie sich in der Stadt etwas sicherer und verspürte nicht so wie sonst sofort das Bedürfnis ins Haus zurückzukehren. Es war sicher und sie hatte dort ein Dach auf dem Kopf, aber es war auch wie ein Gefängnis, in dem andere über sie bestimmten. Wenn der Papierkram endlich geklärt war, musste sie sich um eine eigene Wohnung kümmern. Für ein paar Jahre reichte ihr Geld, bis dahin fand sie hoffentlich eine Arbeit und vielleicht mehr.


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      Das zehnte Türchen führt auf eine belebte Hafenstraße. Viele Leute haben Lasten auf dem Rücken, andere haben es einfach so eilig, und manche bieten sich als Träger oder Matrose an. Einzelne sind vornehmer gekleidet, und einer ganz besonders.



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      Tanahareni und die Insel der Schätze Teil 1

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      Tanahareni wurde wiedergeboren im Schoß einer Frau der Insel Ukanos, wurde wiedergeboren als älteste Tochter einer Familie aufrechter Schiffsführer. Die Eltern waren stolz auf ihre schöne Erstgeborene und hofften, sie würde der Tradition der Familie folgen und ebenfalls Schiffe über die Meere führen. Und so nannten sie das Mädchen Amnis, nach den flinken Fischen, die in großen Schwärmen die Meere durchkreuzten. Wie ein Fischlein im Wasser wuchs Amnis auf. Sie liebte das Meer, die Wogen, die Winde. Bald tauchte sie nach Muscheln und Krebsen, fing Meeresgetier mit Schnüren und Netz und schlürfte Seevogeleier aus, die sie mit den anderen Kindern in den Uferfelsen sammelte. Sie war jedoch auch eine fleißige Schülerin ihres Vaters und lernte wissbegierig all die Dinge, die ein guter Schiffsführer wissen muss. Schon als kleines Mädchen kletterte sie auf seinen Schiffen umher, furchtlos bis auf die Spitze des höchsten Masts. Als junge Frau dann verließ sie ihre Heimat und zog hinaus in die weite Inselwelt, die voller Abenteuer und Entdeckungen war.

      Einmal kam Amnis nach Inalta, wo sie einige Monde in der Hafenstadt Udak blieb, um die Menschen der Insel kennenzulernen. Sie wohnte bei einer Kaufherrin, für die sie Geschäfte machte. Die Kaufherrin, Olai war ihr Name, schätzte Amnis‘ Tatkraft und ihren klugen Rat. Sie hätte die junge Frau gern für immer bei sich behalten, als rechte Hand und Teilhaberin, doch wusste sie wohl, dass diese nur auf eine Gelegenheit wartete, weiter zu reisen.
      Eines Tages, Amnis war im Hafen und verhandelte mit den Schiffsführern, da kam ein schmuckes Segelschiff. Es war nicht groß, es reichte ein Handvoll Besatzung, und schien gemacht für schnelle Reisen und nicht für schwere Transporte. Die Leute im Hafen sahen feindselig auf den Besitzer, der angetan mit feinbunten Gewändern am Bug stand. Feindselig waren auch die Schiffsführer, die bei dem Anblick Schutzzeichen gegen das Böse schlugen.
      „Was ist das?“ fragte Amnis erstaunt, schien ihr das Schiff doch keine Gefahr zu bieten.
      „Das ist Tonobaio“, sagte einer der Schiffsführer. „Wir wissen nicht, welche Geschäfte er macht. Er kommt einige Male im Jahr und dingt einen Helfer. Seine Mannschaft bleibt immer gleich, doch die Helfer kehren nie zurück, auch wenn sie Familie hier haben und versprechen, heimzukommen.“
      „Was meint ihr, tut er mit denen?“ fragte Amnis.
      „Es wird nichts Gutes sein“, war die Antwort. „Er zahlt zu viel Geld für einfache Arbeit, so dass sich doch immer ein Verzweifelter findet. Jahr um Jahr geht das nun schon. Die Einheimischen meiden ihn wie einen bösen Fluch. Wir werden sehen, welch armen Tropf er diesmal ins Unglück stürzt.“
      „Wie kann man ihn gewähren lassen, wenn er etwas Unrechtes tut?“ fragte Amnis weiter.
      „Wir wissen nicht, was er tut. Wer bei Verstand ist, hält sich von ihm fern. Und wer sich mit ihm einlässt, ist an seinem Unglück selbst schuld.“ Damit ließen sie Amnis stehen. Die blieb nun grübelnd im Hafen zurück, sah zu wie das fremde Schiff anlegte und Tonobaio leichtfüßig an Land ging. Da war sie auf ein Geheimnis gestoßen, dass schon manchen ins Unglück gerissen haben mochte.
      Amnis folgte dem Mann über das Hafengelände bis zum Markt. Und richtig, er sprach Leute an und suchte, einen Helfer zu dingen. „Wer jung und kräftig ist“, rief er aus, „der soll mit mir kommen für leicht verdientes Geld. Nur eine Woche soll der Dienst dauern bei freier Kost und freier Fahrt. Einen Beutel Gold ist es mir wert und die Hälfte gebe ich im Voraus!“
      Das war wahrlich ein reiches Angebot, doch die Leute aus Udak wandten sich ab. Selbst die einfachen Träger wollten nichts davon hören. Was sollte ihnen Gold und Geld, wenn sie nicht in die Heimat zurückkehrten?
      Tonobaio blieb wohlgemut. Er wollte am nächsten Tag wieder fragen, das Gold war ein lockender Köder, für den sich immer jemand fand.
      Amnis hatte den ganzen Tag beobachtet und gelauscht und nachgedacht. Am Abend sprach sie zu Olai, der Kaufherrin: „Ich werde mich in den Dienst von Tonobaio stellen. Ich will herausfinden, was es mit ihm auf sich hat.“
      „Das kannst du nicht tun“, entsetzte sich Olai. „Keiner ist bisher zurückgekommen!“
      „Das wird sich zeigen“, entgegnete Amnis ruhig. „Ich vertraue auf die Götter, die mir in schweren Zeiten beistehen werden. Ich vertraue darauf, dass ich mir selbst zu helfen weiß, auch wenn der Dienst mir zum Schaden gereichen soll. Ich fürchte mich nicht. Ich will das Geheimnis lösen und ich will nicht zusehen, wie eure Leute verschwinden. Wenn da ein Unrecht ist, will ich es beenden.“
      Olai wehklagte, doch Amnis ließ sich nicht umstimmen. Schmerzlich ließ die Kaufherrin sie ziehen und kleidete sich in weiße Gewänder der Trauer. Amnis aber ging in den Hafen und meldete sich bei dem Herrn Tonobaio. Sie war jung und kräftig und eine Fremde, die sich nicht von düsteren Erinnerungen schrecken ließ. Er nahm sie mit Freuden an Bord und händigte bereitwillig den halben Beutel Goldmünzen aus, der der Vorschuss auf den Lohn sein sollten. Mit Staunen und Entsetzen sahen die Leute aus Udak, wie Amnis mit ihm davonsegelten. Keiner glaube, sie je wiederzusehen.
      Vier Tage waren sie unterwegs auf dem offenen Meer, viel Strecke legten sie so zurück, scheinbar ziellos in verschiedene Richtungen. Tonobaio gab den Kurs vor, hielt aber die Seekarten verschlossen. Er war freundlich und leutselig zu Amnis und zur Mannschaft, es war wie eine Vergnügungsfahrt bei angenehmem Wetter. Die Mannschaft kümmerte sich nicht viel um die junge Frau, sie machten ihre Arbeit, ohne nach dem woher und wohin zu fragen. Amnis aber, die es gewohnt war, sich an den Sternen und Strömungen zu orientieren, die als Kind einer Familie von Schiffsführern den Wind zu lesen verstand, wusste auch ohne Seekarten, dass sie sich nicht weit von Inalta entfernt hatten. Der willkürlich scheinende Kurs mochte dazu gedacht sein, die Orientierung zu verwirren, sowohl die ihre als auch die der Mannschaft. Doch Amnis wusste sehr genau, wo sie waren.
      Nach zwei weiteren Tagen erreichte das Schiff eine kleine Insel, einen schwarz aufragenden Kegel im Meer. Sie ankerten in einer kleinen Bucht und dann forderte Tonobaio Amnis auf, ihn zu begleiten. „Es ist kein schwerer Dienst“, versprach er, „doch nun sollst du dein Geld verdienen. Ich denke, du hast dich nicht zu beklagen über die letzten Tage.“
      Bereitwillig folgte Amnis ihm an Land. Sie war neugierig, was nun kommen sollte. Die Insel schien schwarz und leer bis auf ein paar unerschrockene Palmen am äußersten Ufer. Welchen Dienst mochte es hier zu verrichten geben?
      Tonobaio belud Amnis mit Packtaschen und gebot ihr, ihm zu folgen. Ein versteckter Weg führte zwischen die Felsen und dann hinauf auf den schwarzen Berg. Es war ein schwarzer Krater, der vor Urzeiten heißes Feuer in den Himmel geschleudert haben mochte. Heute waren die Steine kalt und hart, nur Nistplatz für Vögel.
      Es war ein anstrengender Weg hinauf auf den Krater. Tonobaio schnaufte in der Sonnenwärme, auch wenn er kein Gepäck zu tragen hatte. Er ging voraus, zeigte den Weg, und schließlich, Stunden später, hatten sie den Gipfel fast erklommen. Doch führte Tonobaio Amnis nicht ganz nach oben. Durch einen Spalt im schwarzen Fels drangen sie nach innen in den Krater ein. Der blaue Himmel über ihnen war nur ein Kreis, gerahmt in den schwarzen Fels des Kraters. Ein schmaler Pfad führte abwärts und unter ihnen war alles finster. Auf einem Felsplateau war der Weg zu Ende, steil führten die Felswände abwärts.
      „Du sollst hinabsteigen an einem Seil“, gebot Tonobaio. Er wand das Ende des Seiles um einen festen Stein. „Lass dich hinab bis ans Ende, dort ist eine weitere Stufe, auf der du stehen und weitergehen kannst. Nimm nur das Bündel da und lass das übrige Gepäck bei mir.“
      Folgsam lud Amnis ihre Lasten ab. Sie schaute in die Tiefe, in der das kräftige Seil wie ein Spinnenfaden zu verschwinden schien. Doch sie fürchtete sich nicht. Sie prüfte die Festigkeit des Knotens und ließ sich dann am Seil hinabgleiten. Hinein ging es in die Dunkelheit, Schritt um Schritt um Schritt abwärts. Dann war das Seil zu Ende und wie Tonobaio es versprochen hatte, fand sie sich auf einer Felsstufe wieder. Schutt klapperte unter ihren Füßen, ein Stein, den sie versehentlich anstieß, fiel lange lautlos in die Tiefe bis ein Platschen verriet, dass er auf Wasser traf.
      Da erklang Tonobaios Stimme laut von oben: „Siehst du die Edelsteine an den Felswänden? Die sollst du sammeln. Pack sie in die Beutel und binde sie an das Seil, damit ich sie herauf ziehen kann.“
      „Das Seil, das mich hält, will ich nicht lösen“, rief Amnis hinauf, die ihm nicht traute. „Lass mir ein zweiten herab, dann will ich tun, was du mich heißt.“
      Tonobaio zeigte keinen Unmut bei der Forderung. Bereitwillig ließ er ihr ein zweites Seil hinab, um ihre Funde zu bergen.
      Amnis besah sich nun die Wände. Alles schien nur schwarzer Stein. Dann tastete sie sich ein paar Schritte weiter auf dem Plateau entlang, fort von der Stelle, an der sie herabgekommen war. Da sah sie ein Funkeln und Glitzern! An der Wand, wie hingestreut, hingen weiße Edelsteine, groß wie ihr Daumennagel. Nun verstand sie, was Tonobaio verlangte. Sie nahm das Messer und die Beutel, die er ihr mitgegeben hatte und begann, die Edelsteine aus dem Stein zu klauben. Sie staunte dabei über den Glanz der klaren Kristalle, funkensprühend in den einzelnen Sonnenstrahlen, die bis zu ihr hinabreichten. Sie sammelte Stein um Stein, füllte die Beutel und band sie an das Seil, damit Tonobaio sie nach oben ziehen konnte. Der Mann gab ihr von oben gute Ratschläge, trieb sie zu fleißiger Arbeit an, bis schließlich der letzte Beutel gefüllt war. Ein Schatz ohnegleichen. Tonobaio zog auch diesen Beutel nach oben. Dann rief er laut: „Ich entlasse dich nun aus meinem Dienst, für die restliche Reise benötige ich deine Hilfe nicht mehr. Lebe wohl, solange du noch zu leben hast!“
      Amnis fasste rasch nach ihrem Seil, um daran nach oben zu steigen. Tonobaio aber lachte ein böses Lachen und schnitt das Seil entzwei. Das Ende fiel nutzlos auf Amnis herab. Tonobaio aber raffte seine Schätze und all sein Gepäck und verschwand.
      Amnis hatte mit Heimtücke gerechnet, doch nicht mit solcher Bosheit. „Das Seil!“ rief sie hinauf. „Lass mir ein neues Seil herab!“
      Aber Tonobaio war längst verschwunden. Amnis war allein. Sie stand auf einem schmalen Absatz aus Stein, weit über ihr das blaue Rund des Himmels, weit unter ihr in bodenloser Schwärze vielleicht Wasser. Die Wände hinauf und hinab waren ohne Spalten und Sprünge, um daran klettern zu können. Der Absatz, auf dem sie stand, mochte kaum fünf Schritt lang und einen Schritt breit sein. Und jetzt, wo sie sich genauer umsah, bemerkte sie auch, dass nicht nur lockere Steine unter ihren Füßen knirschten. Es waren auch bleiche Knochen darunter. Knochen ihrer Vorgänger, die Tonobaio hier schon ins Verderben geführt hatte. Amnis sank auf die Knie, um nachzudenken. Sie sandte ein inniges Gebet an die Götter. Das konnte hier nicht das Ende sein.


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      Das elfte Türchen ist mit prächtigen Edelsteinen geschmückt, dahinter ist es allerdings stockfinster.



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      Tanahareni und die Insel der Schätze Teil 2

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      Stunden verbrachte Amnis auf dem schmalen Absatz. Sie hatte versucht, hinaufzuklettern, hatte versucht, einen Weg zu finden. Hatte sich die Hände an den schroffen Felsen wundgerissen. Doch es gab keinen Weg.
      Der Tag verging. Das wenige Licht, das in den Krater hinabreichte, schwand, es wurde dunkel und kalt. Amnis saß auf dem felsigen Absatz wie in einem Kerker. Sie hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben, doch jetzt in der Nacht konnte sie nur warten.
      Dann stieg ein silberner Schimmer über den Rand des Kraters. Ein Mond erhob sich auf seiner Bahn, der Vollmond des ersten Mondes. Er schickte sein Licht bis in die Dunkelheit des Kraters hinab – und siehe, plötzlich strahlte auch die Tiefe in silbernem Licht. Mit der Flut war das Wasser gestiegen, es schimmerte hell im Mondenlicht.
      Amnis beugte sich über die Felskante. Die Wasserfläche mochte, gehoben von der Flut, nur noch zwanzig Schritt unter ihr liegen. Und da war nicht nur Schimmer, da war auch Bewegung. Mit dem Wasser der Flut waren auch zahllose riesige Quallen aufgestiegen. Die weichen, halb durchsichtigen Leiber schwammen Wolken gleich im klaren Wasser. Sie schienen zu tanzen, einen seltsamen Reigen, einen Kreis um das Spiegelbild des Mondes. Amnis sah ihre langen Fangfäden, die hinter ihnen wehten wie die Schleier einer Tänzerin. Trotz der Gefahr ihrer Lage bestaunte Amnis lange die Anmut des stillen Tanzes. Dann aber dachte sie, dass hier ein Weg zur Rettung sein mochte. Wo die Quallen einen Weg in den Krater gefunden hatten, musste mit dem Wasser auch ein Weg hinaus ins Meer sein. Ob der freilich groß genug für einen Menschen war und nah genug, um mit einem Atemzug hindurchzutauchen, dass wussten allein die Götter. Und auch die Quallen mochten Gefahren bieten. So zauberhaft die wehenden Schleier erschienen, sie waren doch voll von nesselndem Gift, das ihren Körper zu lähmen vermochte. Doch welche Wahl blieb ihr sonst? In elender Qual auf dem Felsen zu verschmachten?
      Amnis zögerte nicht. Sie empfahl ihr Schicksal den Göttern an und holte tief Atem. Mit einem beherzten Sprung tauchte sie Kopf voran in den schimmernden Kreis der Quallen. Das Wasser traf sie wie ein kalter Schmerz. Die weichen Leiber und langen Fangarme blieben über ihr zurück, als Amnis tief in das Wasser tauchte. Und dort unten, am tiefsten Grund verstand sie auch, warum das Licht des Mondes so spiegelnden Wiederschein gefunden hatten. Der Boden unter dem Krater war bedeckt mit weiteren Edelsteinen, Kristallen, Diamanten, groß wie Schildkröteneier. Sie fasste einen der Steine, dann gab sie dem Sog der Strömung nach und tauchte hinab zwischen die schwarzen Steine. Sie tauchte um ihr Leben, sie schwamm, wie sie nie geschwommen war, nur geleitet vom Strom der Gezeiten. Es war schwarz um sie her, Wasser um sie her, Felsen, die an ihr schrammten. Und dann rauschte die Brandung, das Brausen des freien Meeres. Mit letzter Kraft riss Amnis sich nach oben und durchbrach die Oberfläche des Wassers. Sie war frei! Sie war außerhalb des Kraters in der Brandung der schwarzen Insel. Sie schwamm hinüber zum Ufer und warf sich auf den Strand. Dort fiel sie in tiefen Schlaf.
      Die Götter blieben Amnis auch weiter hold. Als die sich am nächsten Tag mit einem notdürftigen Floß aus Palmzweigen der Strömung anvertraute, trugen sie sie zu den Handelswegen, wo Amnis zwei Tage später von einem Seefahrer gefunden wurde. Sie wurde gerettet und nach Udak zurückgebracht, wo sie im Hause der Kaufherrin Olai wieder zu Kräften kam. Die ganze Stadt war in Aufruhr über ihre Wiederkehr, doch Amnis vertraute nur Olai an, was ihr wiederfahren war. Sie wollte warten, bis Tonobaio wiederkam. Es würde dauern, das wusste Amnis jetzt. Denn der heimtückische Schatzsucher musste bei all seinen Besuchen sichergehen, dass sein vorheriger Helfer verschmachtet und verdorben war. Aber er würde wiederkommen, denn er würde niemals genug der edlen Steine haben.
      Amnis wartete. Sie ging wieder ihrer Arbeit nach im Dienste der Kaufherrin Olai. Sie verhandelte mit den Schiffsführern, feilschte mit den Kaufherren, scherzte mit den Trägern. Sie sprach nicht davon, was sie erlebt hatte und mit der Zeit hörten die Leute auf zu fragen. Dann, Wochen später, erschien wieder das Schiff von Tonobaio im Hafen. Er legte an und ging zum Markt, wie er es immer tat, um einen Helfer zu dingen. Er bemerkte nicht, dass Amnis ihm folgte, und er merkte auch nicht, dass sich die Leute aus Udak um ihn scharten, um nun endlich die Lösung des Geheimnisses zu erfahren.
      „Ich suche einen Helfer“, rief Tonobaio aus, wie er es immer tat. „Einen Beutel Gold für eine Woche Dienst und die Hälfte will ich schon vorher zahlen.“
      „Du schuldest mir noch die Hälfte“, rief da Amnis laut. Sie trat vor den Mann und der wurde bleich.
      „Das kann nicht sein“, rief der, „ich habe dich doch zurückgelassen!“
      „Zurückgelassen zu sterben, so wie all die anderen!“
      Da ging ein Raunen durch die Menge, für die es nun Gewissheit war, dass all die anderen verloren waren. Sie bildeten einen Kreis um Tonobaio und nun bemerkte der, dass die Stimmung gegen ihn schlug. Dass die Leute zornig wurden und rachsüchtig. Er hob hastig die Hände.
      „Ich habe niemandem etwas zuleide getan.“
      „Ich will euch sagen, was er tat“, rief Amnis. „Er hat sie auf eine Insel geführt, um Schätze für ihn zu bergen. Und dort hat er jeden zurückgelassen, um in finsterem Höhlenschlund zu verschmachten. Er hat Reichtümer gesammelt mit den Leben der euren. Schätze wie diesen.“ Damit hob sie die Hand und zeigte den einen großen Edelstein, den sie im tiefen Wasser genommen hatte. Ein Diamant groß wie ein Schildkrötenei, gleißend funkelnd im Licht der Sonne, so dass alle geblendet die Augen abwenden mussten.
      „Wo hast du den her?“ rief Tonobaio heftig. „Der Stein ist so viel schöner und größer als die, die man für mich gesammelt hat!“
      Da wussten die Leute, dass Amnis die Wahrheit gesagt hatte. Da wurden Stimmen laut, die nach Rache und Gerechtigkeit schrieen. Auch Stimmen, die sagten, Amnis solle über Tonobaios Schicksal entscheiden, da er auch ihr Leben hatte verderben wollen. Amnis aber hob die Hände. „Ich will nicht Richter und Rächer sein, das ist nicht meines Amtes.“
      Da riefen die Leute nach den Wachen des Gerichts. Tobobaio aber, dem die Angst neue Kräfte verlieh, riss sich aus dem Kreis der Menschen und rannte hinunter zum Hafen. Alle eilten ihm nach, doch er war schneller. Er sprang vom Kai in das Hafenbecken, um zu seinem Schiff, um zur Freiheit zu entkommen – doch er sprang in den Tod. Die Gezeiten, die Amnis mit dem Wasser der Flut gerettet hatten, waren nun Tonobaios Ende. Die Ebbe hatte das Hafenbecken bloß gelegt und da lag nun zerschmettert der böse Schatzsucher.
      „Er hat sich selbst gerichtet“, sagte Amnis.
      Die Leute von Udak fanden das gut und richtig. Und dann begannen sie zu fragen: „Was ist mit seinem Schiff und seiner Mannschaft? Was ist mit den Schätzen, die er zusammengerafft hat und was mit den Schätzen auf dieser Insel?“
      Amnis hob die Hände. „Ich habe gesagt, ich will nicht Richter sein, doch ich will euch einen Rat geben: Die Mannschaft Tonobaios kennt den Kurs zur Insel nicht. Schickt sie fort, jeden in eine andere Richtung der Inselwelt, dass sie so weit wie möglich voneinander nicht an Schatzsuche denken. Die Schätze, die Tonobaio zusammengerafft hat, die nehmt und teilt sie unter euch auf. Gebt auch den Familien der Verlorenen, denen die edlen Steine das Leben gekostet haben. Aber vergesst die Schätze auf der Insel. Sucht nicht danach, sie bringen kein Heil. Ich weiß, wo die Insel ist, doch ich will ihre Ruhe nicht stören. Ich weiß, nicht Schätze machen reich.“ Wieder hob sie die Hand mit dem gleißend funkelnden Diamanten. „Diesen Stein will ich dem Tempel geben als Dank für die Götter, die mich gerettet haben. Die anderen Steine auf der Insel mögen Grabschmuck sein für die, die dort zugrunde gingen.“
      Da schnippten die Leute beifällig mit den Fingern. So wie Amnis es geraten hatte, so sollte es geschehen. Nur eines beschlossen sie noch: dass Amnis, die all dem ein Ende bereitet hatte, das Schiff des Tonobaio haben sollte. Amnis war froh und dankte ihnen. Sie versprach, auch fürderhin nach anderen Reichtümern zu suchen als nach goldwerten Schätzen. Nach Wahrheit und Freundschaft, Gerechtigkeit und Güte. Sie nannte das Schiff „Mondlichtschimmer“, so wie auch der kostbare Stein genannt wurde, den sie dem Tempel von Udak gab. Noch heute glänzt in der Stadt der Mondlichtschimmerstein zu Ehren der Götter, zu Preis und Ruhm ihrer Allmacht. Amnis aber fuhr mit dem Schiff und einer Mannschaft treuer Freunde hinaus in die Inselwelt von Corenia.


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      Das zwölfte Türchen führt auf den großen Zentralplatz des Campus der Akademie. Noch ist es dunkel und ganz ruhig, aber bald wird sich das ändern ...



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      Ein Tag im Leben ...

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      Zayen Luvar, Student an der Ceylenischen Akademie für Supramagische Fertigkeiten

      Zayen lebt für die Dauer seines Studiums am Campus der Akademie, wodurch er an einen sehr strengen Tagesablauf gebunden ist. Obwohl jeder Tag anders und auf seine Weise einzigartig ist, gibt es ein Muster, nach dem er abläuft. Folgend wird der erste Tag der Woche in der Anfangszeit seines Studiums beschrieben:

      Der Tag beginnt um 3:30, wenn der Klang des Gongs die Schlafräume durchdringt. Zayen steht jedoch meist früher auf, da er, wie die meisten anderen Studenten, mehr als zehn Minuten braucht, um sich auf die Morgenmeditation vorzubereiten. Die 3-stündige Meditation jeden Morgen ist für alle Studenten Pflicht, unabhängig von ihrer Studienrichtung.

      Anschließend genießen die Studenten eine 4-stündige Sporteinheit, bevor sie um 11:00 zum Frühstück gehen. Ab dem Zeitpunkt beginnt der individuelle Tag. Zayen nimmt sich nur 20 Minuten für das Frühstück, um sich auf die Kurse vorbereiten zu können. Zwischen Frühstück und Mittagessen und Mittagessen und Abendessen besuchen die Studenten jeweils vier Module zu je zwei Stunden. Die Module können sowohl ausschließlich aus Theorie oder Praxis aufgebaut sein, als auch eine Mischform enthalten.

      Das erste Modul, das er besucht, ist Meditation I und bezieht sich auf den Kurs Telepathie für Anfänger I. Im Gegensatz zur allmorgendlichen Meditation steht hier nicht die praktische Anwendung, sondern die Theorie im Vordergrund. Die Studenten erlernen Meditationstechniken, die ihnen bei den telepathischen Übungen helfen sollen. Dass der „ruhige Geist” die Voraussetzung für die professionelle Telepathie ist, lernen die Studenten schon am ersten Tag. Denn auch wenn sie von Geburt an die Fähigkeit besitzen, die Gedanken anderer lesen zu können, gibt es dennoch Leute, die einfach besser sind und ihre Gedanken verbergen können, ganz zu schweigen von anderen nützlichen Fertigkeiten, die man an der Akademie erlernt.

      Das zweite Modul ist Theorie der Telepathie, bei dem die Studenten bei Vorlesungen sitzen, in denen ihnen alles um die Theoretische Telepathie beigebracht wird. Während bei Meditation I nach der Theorie immer ein bisschen Praxiszeit liegt, bei dem die Dozenten auch für Fragen zur Verfügung stehen, ist Theorie der Telepathie ein rein theoretisches Modul, das das erste Wissen für den Kurs Grundlagen der Telepathie sichern soll.

      Um 16:00 lernt Zayen die Theorie des Traumwandelns, also alles, was diesen speziellen Zweig der Telepathie betrifft. Hat er einmal die Theorie begriffen, fehlen nur noch praktische Module, um Grundlagen im Traumwandeln erfolgreich abzuschließen. Vor der zweistündigen Mittagspause muss er noch das theoretische Modul Kommunikation I besuchen, bei dem er lernt, wie er mit anderen Menschen geistig in Verbindung treten kann und was er bei telepathischer Kommunikation beachten sollte.

      Die Mittagspause wird von den Studenten hauptsächlich dazu genutzt, die Aufgaben, die sie am Vormittag bekommen haben, zu machen, da diese meist als Vorbereitung auf die praktischen Kurse des Nachmittags dienen.

      In der um 22:00 beginnenden Praxisstunde: Barrieren überwinden wird den Studenten beigebracht, wie man, wenn man in den Köpfen anderer ist, die geistigen Barrieren durchdringt, um an die gewünschten Gedanken ranzukommen. Dann folgt Selbsterarbeitung: Möglichkeiten der Telepathie, ein Modul, in dem die Studenten eigenständig erarbeiten sollen, zu was sie nach Abschluss des Studiums fähig sein können.

      In der Praxisstunde Kontrolle des Traums darf Zayen nach 20 Stunden wieder schlafen – aber nur, um in einen Traum zu gelangen, den er, wie der Name des Moduls sagt, kontrollieren muss. Hat er das einmal geschafft, kann er in späteren Modulen lernen, seinen Körper zu verlassen und durch die Akademie zu gehen.

      Um 28:00 beginnt die letzte Praxisstunde, in der Zayen lernt, sich mit seinen Kollegen telepathisch zu verbinden. Beruht die Verbindung auf Gegenseitigkeit – im Gegensatz zu der Übung in Barrieren überwinden – entsteht sie leichter. Außerdem ist das Risiko, anschließend Kopfschmerzen zu haben, geringer. Haben die Studenten eine Verbindung aufgebaut, können sie – je nach Talent – mehr oder weniger problemlos miteinander kommunizieren, ohne dass es ein Außenstehender mitbekommt, der sich nicht mit „Gewalt“ daran beteiligt.

      Nach dem Abendessen kommt noch eine zweistündige Sporteinheit, wobei die Studenten beim Abendsport zwischen verschiedenen Kursen wählen können, die unterschiedliche Sportarten anbieten. Anschließend folgt eine weitere 3-stündige Meditationseinheit, die dafür sorgen soll, dass die Studenten sich nach dem Sport wieder beruhigen.

      Viel Zeit bleibt Zayen dann nicht mehr, weil die Studenten nicht weniger als sieben Stunden schlafen sollten. Die kurze Zeit zwischen Abendmeditation und Schlaf bzw. Schlaf und Morgenmeditation ist der Grund dafür, dass Zayen wie die meisten anderen Studenten die Zeit nach den Mahlzeiten für Hausübungen nützt. Der Tag endet für gewöhnlich um 36:20, wenn die Dozenten durch die Schlafräume gehen, und die Lichter mitnehmen.


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      Das dreizehnte Türchen besteht aus festem Fels und führt in eine tiefe Höhle. Tiefes Grollen dringt heraus und ein Drache schwingt sich in die Lüfte, dass alle Tiere sich fürchten.



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      Der Drache und die Maus

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      Vor langer Zeit, als die Menschen noch nicht in den Ländern südlich der Noam Asorl lebten, errichtete ein Drache in den Bergen seinen Hort. Er war so furchterregend, wie er prächtig war, doch der tapfere Löwe, Herr der Tiere, fasste sich ein Herz, und ging zu ihm, denn er wollte niemanden über sich dulden. So näherte er sich der Höhle des Drachen und sprach mit seiner mächtigen Stimme, die ein jedes Tier erzittern ließ: »Dies ist mein Reich, Wurm, und niemand betritt es, ohne dass ich es ihm erlaube!« Doch als der Löwe den Schatten der Bestie sah, die sich aus dem Dunkel erhob, wurde es ihm bang und er wollte den Drachen beschwichtigen, indem er sagte: »Ich will nicht deine Feindschaft, und ich glaube, dass du auch die meine nicht willst! Sieh die anderen Tiere an; sie sind uns unterlegen und würden sich freuen, wenn wir uns gegenseitig töten. Doch wenn ich nicht mehr bin, um über sie zu herrschen, würde das Chaos ausbrechen. Lass uns daher zusammen die Ordnung erhalten als gleichrangige Brüder!«
      Da ertönte ein Grollen und die Erde erbebte. Steine rollten vom Berg und Blätter fielen von den Bäumen. Dies war das Lachen des Drachen, und als er hervorkam, wich der Löwe, mutigstes aller Tiere, zurück vor seiner Schrecklichkeit.
      »Dein Mut ehrt dich«, sprach der Drache und dies war noch grauenerregender als sein Lachen, »doch er ist töricht! Du hättest dich, wie all die anderen niederen Kreaturen verkriechen sollen. Aber ich will dich für deine Tapferkeit belohnen!«
      Und noch ehe der Löwe, der im Angesicht des Drachen nicht mehr war als ein mickriges Kätzchen, reagieren konnte, packte der Drache ihn mit seinen mächtigen Kiefern und schluckte ihn im Ganzen herunter; denn die Belohnung war ein schneller Tod.
      Der Drache aber wurde von dem Löwen nicht satt und so breitete er seine Schwingen aus und flog hinaus, um weitere Beute zu finden.

      Die Tiere und das Land hatten unter dem Drachen zu leiden, aber niemand wusste, wie dieses Leid beendet werden könnte, bis eine kleine Maus ankündigte, sie würden den Drachen zähmen. Niemand nahm die Maus ernst, man lachte über sie und warnte sie, den Drachen nicht weiter zu erzürnen, doch die Maus war sich ihrer Sache sicher und so ging sie in die Berge und zum Hort des Drachen und in einem großen Abstand folgten ihr die anderen Tiere, um Zeuge zu werden, wie sie den Drachen zähmen würde. Der Drache schlief und so konnte sich die Maus ihm heimlich nähern. Jedes andere Tier wäre zu laut gewesen und hätte ihn geweckt, denn der Schlaf eines Drachen ist leicht und er ist immer wachsam, doch die Maus war vorsichtig und lautlos. Sie kroch unter eine der Schuppen des Drachen, die ihn vor jedem Angreifer perfekt schützen sollten und dies auch immer tadellos getan hatten. Unter den Schuppen aber war das weiche und schutzlose Fleisch, und als die Maus dort saß, biss sie zu. Mit einem grausigen Brüllen wachte der Drache auf und schlug sogleich um sich, sodass der ganze Berg erbebte und Schutt und Geröll auf ihn stürzten. Der Drache kroch daraufhin, ehe die ganze Höhle einstürzte, hinaus. Er fragte sich, was diesen Schmerz ausgelöst hatte, als die leise Stimme der Maus ertönte.
      »Mächtiger Drache!«, piepste das Mäuslein. »Ein jedes Tier hat seinen Platz in der Welt, du aber stellst dich über die Welt selbst! Du bringst Leid über sie und ihre Bewohner und nimmst keine Rücksicht auf sie.«
      »Wer bist du, dir anzumaßen, mich für mein Verhalten tadeln zu können?«, fragte da der Drache, der sich umschaute, um seinen Peiniger zu finden, der ihm jedoch unsichtbar blieb, saß er doch unter seinen Schuppen. Als die Maus nun wieder zubiss, um dem Drachen zu verdeutlichen, dass er sich ihr nun zu fügen hatte, brüllte er erneut vor Schmerz auf.
      »Versprich, dass du nicht mehr grausam und ohne Grund tötest!«, forderte da die Maus und bohrte dabei ihre Krallen ins Fleisch des Drachen. »Versprich es, und ich lasse dich in Frieden!«
      »Ich bin der Herr der Welt!«, fauchte da der Drache, fügte dann aber leiser hinzu: »Aber du bist nun mein Gebieter. Was bringt mir mein Feuer? Was bringen mir meine ehernen Schuppen? Du hast mich bezwungen und all meine Macht nützte mir nichts! Doch nun sei besser, als ich es je war, und zeige mir, was Gnade ist!«
      »Dann schwöre, dass du aus dieser Begegnung eine Lehre ziehst!«
      »Ich schwöre es!«, versicherte der Drache.
      Da kroch die Maus unter der Schuppe hervor und tippelte vor den Drachen.
      »Vergiss deinen Schwur nicht!«, sprach die Maus, doch, noch während sie sprach, umfasste Furcht mit einer eiskalten Hand ihr Herz, denn die Augen des Drachen begannen zu glühen, und Rauch stieg aus seinen Nüstern.
      Das letzte, was die Maus sah, war, wie die Flammen aus dem Rachen der Bestie schossen.
      »Eine Lehre ziehe ich aus dieser Begegnung«, rief der Drache, der längst wusste, dass alle Tiere verängstigt lauschten. »Und daher habe ich dich, kleine Maus, in Asche verwandelt, auf dass diese Begegnung auch all jenen eine Lehre ist, die meinen, sich mit einem Drachen anlegen zu können.«

      Und dies ist der Grund, warum die Menschen, als sie in jene Länder kamen, sich diesem und den anderen Drachen unterwarfen, die dort lebten. Denn nur der Narr bekämpft, was nicht zu bekämpfen ist.


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      Um das vierzehnte Türchen ist es dunkel wie im tiefen nächtlichen Wald. Die Bewegung schreckt einen Vogel auf, der lautlos zwischen den Bäumen verschwindet.



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      Die Augen der Eulenfrau

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      Ich bin voller Lieder, Gedanken und Erinnerungen. Es sind nicht die meinen. Ich kann sie singen und erzählen, doch ich weiß nicht, von wem sie stammen, aus welchen Zeiten. Trauer ist dabei, Schmerz und Freude. Die Blicke von Liebenden, die ersten Schritte kleiner Kinder. Es sind Erinnerungen an Abenteuer und Heldentaten, an kümmerliche Leben in Armut, an Alltag. Gewöhnliche Leben, besondere Leben. Ob auch mein Leben besonders ist? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass sich alles änderte, als ich in ihre Augen sah. Habe ich sie gesucht? Hat sie mich gesucht? Oder haben sich unsere Leben nur zufällig gekreuzt?
      Da war ein dunkler Wald. Es war Nacht, die Berge ragten spitzzackig in den Himmel, boten düsteren Rahmen für die Nacht. Auch der Wald ragte schwarz in den Himmel. Die Bäume, stumme Wächter, standen dicht gedrängt um einen See. Die runde, glatte Wasserfläche war ein Spiegel für den Mond. Ein schwarzer Spiegel auch für die Bäume und die paarweise glänzenden Lichter zwischen den Stämmen. Auch der Wald hatte Augen.
      Ich war da, sah den See und den Mond. Und dann sah ich die Eulenfrau, von der es heißt, sie kann alle Gedanken erkennen und alle Erinnerungen fühlen. Sie schwebte über dem See. Die Arme ausgebreitet, die Schwingen so weich, dass kein Laut sie verrät. Ihre Füße wie Krallen, die das Wasser des Sees nicht berührten, nur fast, so nah. Ihr Körper war der einer Frau, doch ihre Augen waren älter als die Zeit. Feuerfarben, doch ohne Fühlen, weise, doch ohne Urteil. Ich sah die Erinnerungen von so vielen Leben in ihren Augen. Sie gab sie mir, all die Erinnerungen. Und sie nahm die meinen dafür. Mir bleibt nur dieses Bild von dem See und dem Mond und dem Wald. Von der Eulenfrau, deren Augen die Nacht und die Zeit durchdringen. Meine Augen aber sind leer. Und so singe ich und weiß doch nicht, wer ich bin.






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      Das fünfzehnte Türchen führt auf einen großen freien Platz, in deren Mitte die Statue einer Frau steht. Von allen Seiten strömen Leute herbei, dann erklingen schon die dumpfen Trommelschläge und die Ältesten stimmen den Sprechgesang an.



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      Die Rückkehr des Drachen

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      Thassa, unser Drache, bring uns Gerechtigkeit!
      Thassa! Komm zurück zu deinem Volk!
      Ruft dein Volk in bangen Nächten
      Aus dem dunklen Vergessen.
      Und wenn du kommst. – gib uns deinen Segen,
      und Kraft auf all unseren Wegen!
      Auf des Drachen feurigen Atem,
      tut dein Volk noch immer warten!

      Hörst du nicht, Thassa, unser heiliger Drache!
      Wie dein Volk an deinem Grabe wache!
      Tausend Jahre standhaft, trotzend allen Schmerzen,
      vereint wartend mit brennend reinen Herzen!
      Für dein Volk weder Licht noch Leben,
      nur kämpfend nach Gerechtigkeit strebend!
      Thassa, unser Drache, nur du allein,
      kannst deines Volkes Rettung sein!

      Brüder und Schwestern, reinigt eure Seelen,
      damit unser Licht uns kann erwählen!
      Thassa, unser Drache, wird kommen,
      und stärken den Glauben aller Frommen.
      Denn nur gebeugt und fliehend sterben,
      bringt unserem Volk noch mehr Verderben!
      Wer standhaft steht mit festem Glauben,
      dem wird sie auch das Licht erlauben.

      Wessen Herz treu für unseren Drachen schlägt,
      dessen Seele sie im Herzen trägt!
      Thassa, unser Drache, dein Volk wartet,
      voller Hoffnung das deine Rückkehr nahet!
      Ein jeder, ob Bauer oder Gelehrter,
      mit deinem Mal, freudig stirbt er!
      Unsere Ehre, unsere Treue gilt nur dir,
      in deinem Namen Leben und Sterben wir!

      Es kommt die heilige Zeit,
      in der sie uns aus dem Elend befreit!
      Mit dem Drachen an unserer Seite,
      gibt es keine Gnade für unsere Feinde!
      Thassa, unser Drache, wir sind bereit,
      komm und rette uns aus unserem Leid!
      Unser Herz ruft laut und stark,
      nach dem lichtbringenden Tag!

      Thassa, unser Drache, sei unsere Erlöserin,
      sieh dein Volk tanzen und sing!
      Komm zurück, sei Fleisch und Blutes,
      wir kämpfen gemeinsam vollen Mutes!
      Bis zum letzten unserer Tage,
      verkünden wir voller Hoffnung unsere Sage!
      Von Thassa, unserem Drachen, unserem Licht,
      wir sind stark im Glauben, wir weichen nicht!


      Mündliche Überlieferung eines feierlichen Sprechgesangs der Dalagahri.


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      Das sechzehnte Türchen steht mitten in äußerst öder und sehr spärlich bewachsener Landschaft. Ein Mann in Tarnmantel lehnt sich kurz daran, dann schleicht er hindurch.



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      Eindringling

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      Wie erwartet war es leicht gewesen, den äußeren Gürtel zu durchqueren. Yinus war an ein paar Türmen vorbeigekommen, die aussahen, als hätten sich darin einmal Wachtposten befunden, aber sie waren alle leer, und das schon sehr lange. Trotzdem war er konzentriert, um bei der kleinsten Bewegung ins eingeübte Fluchtprotokoll überzugehen. Er horchte in sich hinein, um kein noch so leises Signal zu verpassen – drei Servitoren waren aktiv, um ihn im Falle einer Unstimmigkeit zu warnen. Die Programme liefen automatisch ab, deswegen konnte er selbst sich darum kümmern, die grobe Strategie zu planen. Ja, der äußere Gürtel war völlig unbewacht gewesen, das war auch kein Wunder, da es dort auch eigentlich nichts gab, für das sich der Aufwand gelohnt hätte. Für das Ortsgebiet und die zentrale Station aber galt das nicht. Yinus kannte von früheren Ausflügen die Positionen einiger Wachsysteme, aber zweifellos hatte man diese in den letzten Jahren erweitert.

      Er ließ sich hinter einem vertrockneten Busch nieder. Die wüstenartige Einöde um ihn herum bot wenig Sichtschutz, aber das war kaum ein Problem, da es hier draußen auch keine menschlichen Wachtposten gab – sprich, es gab niemanden mit Augen, der ihn sehen könnte, selbst wenn er keine tarnende Kleidung getragen hätte. Das Abwehrsystem basierte auf magischen Gleichgewichten; eine kleine Störung an der falschen Stelle würde den Alarm auslösen. Es wäre völlig unmöglich, sich per Hand vorzutasten, lehrbuchmäßig die Gegend nach Magie abzutasten – menschliche Vorstellung war viel zu ungenau, zu grob, sie würde zwar etwas finden, aber zugleich auch selbst gefunden werden. Stattdessen musste er darauf vertrauen, dass seine Servitoren diese Aufgabe erledigten. Yinus regelte seinen Geist auf ein Halbschlafniveau herab und ließ den Blick beiläufig über die Landschaft streichen, mit der lässigen Haltung eines Feldarbeiters, der nach getaner Arbeit bei einem Glas Alkohol über seine Äcker blickt, und dabei über das Leben sinniert. Es war wichtig, sich ein wenig fallen zu lassen, damit die Arbeit der Servitoren nicht gestört würde.

      Nach einigen Minuten wurde Yinus wieder aus seinem gemütlichen Dämmerzustand gerissen. Zufrieden stellte er fest, dass er nun eine perfekte innere Landkarte der gesamten Umgebung besaß, in der alle Wachtposten markiert waren.

      Wenig später erreichte er den Rand der Siedlung. Die fremdartigen Häuser von Ges Wgenn waren ihm immer noch unheimlich, obwohl er viele Jahre hier gearbeitet hatte, als die Station sich noch im Besitz des Imperiums befunden hatte. Yinus wusste beinahe nichts über die Kultur, die sie erbaut hatte, aber insgeheim vermutete er, dass sie vielleicht nicht einmal menschlich war. Oh, es hatten Menschen darin gewohnt, als der Ort vor dreihundert Jahren ans Imperium annektiert worden war, aber er hatte das dumpfe Gefühl, dass diese vielleicht selbst auch nur Eroberer waren; dass von den ursprünglichen Bewohnern nichts mehr geblieben war, kein Bild, kein Name, nur dieses seltsame Gefühl von etwas unbeschreiblich Fremden...

      Yinus schüttelte den Gedanken ab. Er war nicht hier, um über Wahngebilde nachzudenken. Sein Team verließ sich auf ihn – sie waren völlig aus dem Häuschen gewesen, als sie gestern das Signal bekommen hatten. Der Erkennungscode von einer längst verloren geglaubten Agentin, gesendet direkt aus der Station von Ges Wgenn. Das Paradoxe daran war, dass die Station nicht nur seit dreißig Jahren in Feindeshand war, nachdem sie als uninteressant von seinen Leuten aufgegeben worden war, sondern dass auch die Agenten der anderen Seite nichts mit ihr anzufangen wussten. Yinus' Vorgesetzter vermutete, dass es sich um eine bewusste Irreführung handelte. Aber für den Fall, dass das Signal echt war, musste jemand vor Ort nachsehen.

      Er machte es sich in einem der Häuser bequem, und ließ seine Servitoren noch einmal die Umgebung scannen. Das Signal war direkt aus der Station gekommen, aber eine genauere Ortung war ihnen nicht möglich gewesen. Wohl oder übel musste er also das ganze Areal durchkämmen. Den Anfang würde der Südtrakt machen – den Informationen seines Teams nach war dieser seit Jahren unbenützt. Dort war die Wahrscheinlichkeit, dass jemand oder etwas der Aufmerksamkeit der feindlichen Agenten entgangen war, am höchsten.

      Der Zugang war natürlich abgesperrt – nicht nur magisch, sondern auch schlicht mit einem metallenen Vorhangschloss. Yinus' innere Landkarte zeigte ihm außerdem ein verräterisches Muster an der Kette. Jemand hatte hier noch eine weitere Sicherung angebracht, etwas, das er nicht identifizieren konnte. Er würde einige Minuten brauchen, um das Schloss zu knacken; währenddessen musste er darauf hoffen, dass niemand in der Station auf dieser Seite aus dem Fenster sah. Mit einer eingeübten Handbewegung holte er seine Werkzeuge aus der Manteltasche. Magisch auf die Kette einzuwirken, war zu riskant, aber ein geschickter Hieb mit einem unrealistisch scharfen Messer würde das Problem hoffentlich lösen. Viel Zeit war gestern darauf verschwendet worden, das Messer vorzubereiten – es war natürlich magisches Feingefühl nötig, um eine Klinge zu erzeugen, die nur im entscheidenden Moment scharf war, dann allerdings eine absurde Schärfe aufwies, mit der sich buchstäblich alles schneiden ließ, als wäre es Watte.

      Um das Messer zu aktivieren, musste er sich wieder eines Servitors bedienen. Es würde nicht lange dauern – nur einen Moment im Stehen fast schlafen, eine nicht gerade einfache Kunst. Yinus verschloss seinen Geist von den äußeren Eindrücken und ließ seine Gedanken treiben. Aus irgendeinem Grund musste er an seine Mutter denken, und an das Dorf seiner Kindheit. Nun, jedes Thema war gleich akzeptabel, er musste nur etwas haben, das ihn genügend von hier und jetzt ablenkte – er vertiefte sich in den Duft der regennassen Straßen, die ihm seine Phantasie vorgaukelte, die runden Zapfen, die von den Bäumen gefallen waren und über den Boden rollten, wo sie von ihm und seinen Freunden herumgetreten wurden...

      Jemand trat zu ihm heran. Ein Gesicht, das es hier nicht hätte geben dürfen. Ein Gesicht aus der Vergangenheit.
      „Esinna?!“
      „Da bist du ja wieder. Ich hatte dich schon so vermisst.“, sagte seine ehemalige Geliebte. In der Hand hielt sie einen harzigen Zapfen, den sie vom Boden aufgehoben hatte. Sie hielt ihn an seine Nase, und er atmete unwillkürlich tief ein. Der Geruch ließ ihn vergessen, wo er war.
      „Du bist zurückgekehrt? Du hast mich vermisst? Ich... es tut mir leid, ich wollte...“
      „Du brauchst nichts zu sagen.“ Sie lehnte sich vor und küsste ihn.

      Als er aufwachte, fand er sich in einer kleinen abgesperrten Zelle wieder, im Inneren der Station – das Messer hatten sie ihm abgenommen, auch alle weiteren Werkzeuge – anstatt seines funktionalen Tarnmantels trug er einen bunten Schlafanzug. Sie waren gründlich gewesen – im Mantel gab es eine Vielzahl von verborgenen Taschen für Notfälle.
      Das Ärgerliche war, dass die Zelle ihm so vertraut wirkte. Sie glich in ihrem Aufbau den Gefängniszellen in vielen anderen Stationen des Imperiums. Nur der Schlafanzug irritierte ihn. Es war ein plüschiges Ding, das überhaupt nicht hierher zu passen schien.

      Die Zellentür öffnete sich.
      „A-ah, Sie sind wach. Ich hoffe, unsere kleine Illusion ist Ihnen wohlbekommen.“
      Yinus sah auf. Ein älterer Beamter lächelte ihn an. Stirnrunzeln.
      „Mein Name ist Axej Possestin, Leiter der Station Ges Wgenn – eure Organisation führt zweifellos Akten über mich – wie schön, an meinem letzten Tag im Dienst noch einen Spion zu erwischen. Es ist doch eigentlich lächerlich; die Friedensverhandlungen sind so weit fortgeschritten... Ihr hättet auch einfach höflich anklopfen können. Nun denn. Wollt ihr mir verraten, was euch hierhergeführt hat, oder soll ich mit der nächsten Illusion beginnen?“


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      Das siebzehnte Türchen führt in einen einfachen Korridor. Einige Leute gehen hindurch und den Korridor entlang, einzelne unterhalten sich miteinander, und dann verschwinden sie durch eine Tür in einem Versammlungsraum.



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      Außenposten

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      Es waren jetzt schon so viele Leute hier – in Momenten wie diesen fragte Axej sich, ob er die Stille nicht bald vermissen würde, die ihn so viele Jahre begleitet hatte. Die Station hatte sich kaum verändert – ein bisschen Dekoration hier, ein vergessenes Spielzeug dort. Den anderen war das sicher gar nicht aufgefallen, aber für ihn war jede noch so kleine Veränderung schrill und ungewohnt. Zwanzig Jahre hatte er hier draußen verbracht, fast allein in dieser verlassenen Gegend.

      Er wäre fast in die Tür gelaufen, die vor ihm aufging.
      „Entschuldigung!“ Der Sekretär fuhr sich hastig durch die Haare, nervös wie immer.
      „Nichts passiert.“
      „Ich bin gar nicht hier. Ich meine, da stehe ich; Sie wissen schon, ich wollte noch einmal nachsehen, ob auch wirklich alles in Ordnung ist; habe das Verzeichnis sortiert, damit Sie keine Schwierigkeiten bekommen...“
      Axej musste sich zwingen, nicht zu schmunzeln. Stattdessen nickte er, und klopfte dem Mann auf die Schulter. „Gute Arbeit. Entschuldigen Sie mich, die Versammlung beginnt gleich...“

      Er ging weiter, an seinem treuen Sekretär vorbei – der Arme hatte es nicht verwunden, dass er jetzt in den Ruhestand geschickt würde; er lebte für seine Arbeit. Obwohl er sich offiziell schon vor drei Tagen verabschiedet hatte, war er jeden Tag wieder aufgetaucht, unter irgendeinem Vorwand; er habe dies und das vergessen, diese Liste müsse noch einmal kontrolliert werden (unnötig, denn Marrus machte so gut wie nie Fehler), oder schlicht und einfach um alle Schreibtische noch einmal zu putzen. Unnötig, da sie vermutlich in nächster Zeit niemand mehr brauchen würde. Der Außenposten hatte seine Schuldigkeit getan, jetzt waren die Einwanderer am Zug.

      Im Versammlungsraum unterhielt man sich bereits angeregt. Axej warf einen kurzen Blick in die Runde, und seufzte. Natürlich, keine Spur vom Lehrer – wahrscheinlich würde er wieder mindestens eine halbe Stunde zu spät kommen.
      Er nahm am einen Ende des Tisches Platz. Nach einem Moment verstummten die Gespräche und alle sahen ihn erwartungsvoll an.
      „Im Namen des Kombinats begrüße ich alle Anwesenden. Wir freuen uns außerordentlich, dass auch der Gesandte des Imperiums unserer Einladung gefolgt sind. Im Rahmen des Friedensabkommens wird es mir eine Freude sein, Ihr Gastgeber zu sein.“

      „Die Freude ist ganz meinerseits, Min Possestin.“ Der Deshnianer spielte das selbe Spielchen wie Axej – beide gaben vor, sich nicht zu kennen. Dabei waren D'Sh?r und er einander in den letzten Jahren immer wieder begegnet. Aber das war eben in seinem früheren Leben – als Spion, oder offiziell, Leiter des Außenpostens Ges Wgenn. Er machte sich auch keine Illusionen, dass er diesen Beruf je gänzlich aufgeben könnte, selbst wenn er offiziell im Ruhestand war.

      Er räusperte sich. „Ich hoffe, Sie haben sich alle in ihren neuen Häusern so weit zurechtgefunden.“
      „Es gab einige kleine Schwierigkeiten“, meinte Doktor Pusay, ihre zukünftige Ärztin, „aber nachdem unsere geniale Ingentin uns assistiert hat, ist alles reibungslos verlaufen. Ich bin wirklich froh, dass wir eine so erfahrene Technikerin unter den ersten Siedlern haben.“
      Die Angesprochene strahlte. Mehrere andere fingen nun ebenfalls an, von ihren technischen Problemen zu erzählen. Bei jemandem hatte offenbar das Wasser nicht funktioniert, und beim Versuch, das Problem zu beheben, waren irgendwann nur noch lila Seifenschaum aus dem Rohr gekommen. Ein anderer hatte ein Problem mit einem farbwechselnden Fenster, das in einem peinlichen Gelbton steckengeblieben war.

      Axej ließ seine Gedanken derweil schweifen und beobachtete die Runde. Die Mehrheit der Leute waren Experten auf irgendeinem Gebiet, die speziell für die Neuansiedlung herangezogen worden waren. Mindestens zwei davon waren wahrscheinlich auch insgeheim zur Spionage auf ihn angesetzt, für den Fall, dass sein Ruhestand nur ein Vorwand war. Im hinteren Teil des Raumes wurde mit starkem deshnianischen Akzent gesprochen – offiziell gab es nur ein kleines Kontingent unter den Ansiedlern, das vom Imperium gestellt wurde, eine Vereinbarung, um die Bemühungen des dauerhaften Friedensabkommens zu unterstützen, aber wahrscheinlich hatte D'Sh?r es auch geschafft, die richtigen Leute zu bestechen, sodass auch unter den anderen Kontingenten seine Leute waren. Im Grunde konnte es ihm egal sein – auch nach zwanzig Jahren hatte man hier nie etwas gefunden, was den ganzen Aufwand der Geheimhaltung wert gewesen war. Natürlich, Ges Wgenn war einmal ein Zentrum des deshnianischen Geheimdienstes gewesen, aber das war fast hundert Jahre her, und als er hier mit seinen Leuten vor zwanzig Jahren hier eingezogen war, hatte es außer einer Menge Staub kaum etwas zu sehen gegeben. Natürlich hatte man das ganze Gebäude durchsucht, und später auch den Ort, aber außer gelegentlichen Zusammenstößen verirrter Spione beider Seiten war alles ruhig gewesen. So ruhig, dass man beschlossen hatte, den Ort wieder neu zu besiedeln, die historischen Ruinen zu restaurieren und ihn, da seine Arbeit im Außenposten nicht mehr gebraucht wurde, in den Ruhestand zu schicken.

      Natürlich hätte er jetzt einfach weggehen können. Aber nachdem er so lange Zeit seines Lebens hier verbracht hatte, fühlte er sich überall sonst nur noch fremd. Große Städte machten ihm Angst, einfach weil er es nicht mehr gewohnt war, unter Leuten zu sein. Und der Lärm! Jedesmal, wenn er seiner Familie einen Besuch abstattete, litt er noch tagelang daran. Nein, er war nun hier zuhause. Und was er kaum gehofft hatte, war eingetreten: Seine Frau war vom Vorschlag, dass sie doch einfach zusammen in Ges Wgenn leben könnten, sofort überzeugt gewesen. Sie hatten ihre Sachen gepackt und waren schon eine Woche vor den offiziellen ersten Siedlern hier eingetroffen.
      Ein wenig machte er sich Sorgen um seine Tochter – sie war erst sechs Jahre alt, und würde nun aus ihrem gewohnten Umfeld herausgerissen. Wenn er ehrlich war, hatte er ihretwegen ein schlechtes Gewissen gehabt – aber entgegen seiner Erwartungen schien auch sie sich hier wohlzufühlen. Und es würde ja höchstens ein paar Wochen dauern, bis mit den anderen Siedlerkontingenten auch weitere Kinder hinzukamen.

      Der erste Punkt auf der Tagesordnung sorgte für eine angeregte Diskussion – für die neue Kolonie musste ein Belieferungsvertrag abgeschlossen werden, und aus mysteriösen Gründen gab es nur einen Kandidaten; Axej war nicht der einzige, dem das aufgefallen war.
      „Warten wir noch eine Woche ab“, schlug die Ingentin vor.
      „Unverantwortlich!“, warf D'Sh?r ein, „Min Roshe ist zurzeit der einzige, der überhaupt bereit ist, die Risiken einzugehen, die mit der Belieferung einer solch abgelegenen Randwelt einhergehen. Wenn wir ihn brüskieren, müssen wir ohne Nahrungsversorgung auskommen.“
      „Zur Kenntnis genommen. Da sich die Mehrheit aber dafür ausgesprochen hat, werde ich den Aufschub einreichen“, sagte Axej.
      „Zumal alle hier wissen, dass durch einen merkwürdigen Zufall die Händlervereinigung von Mespay erst heute früh informiert worden ist“, warf Doktor Pusay ein. Sie erntete einen giftigen Blick von D'Sh?r.

      Axej räusperte sich. „Zweitens, das Kombinat hat mit knapper Mehrheit entschieden, dass der östliche Teil des Ortes von der Besiedlung vorerst ausgeschlossen wird. Man vermutet dort alte Bausubstanz, die noch auf die Zeit vor den Kriegen zurückgehen, bevor die Rà Heng von hier verschwanden...“
      „Bevor sie vom Imperium verschleppt wurden“, warf Pusay ein.
      „Das ist unerhört! Ich verlange, dass das aus dem Protokoll gestrichen wird!“, rief D'Sh?r.
      „Protokoll?“, fragte die Ingentin, „wer führt denn überhaupt...“

      Die Tür wurde aufgerissen. Es war Jirgo T?ne, der zukünftige Grundschullehrer von Ges Wgenn – sofern sich das Schicksal nicht erbarmte und jemand anderen vorbeischickte. Axej konnte den Mann nicht ausstehen. Vielleicht lag es daran, dass er so lange Zeit mit einem Sekretär zusammengearbeitet hatte, für den Pünklichkeit, Sauberkeit und Ordnung die höchsten Prinzipien des Lebens waren.

      Ohne ein Wort der Entschuldigung, und mehrere Leute im Vorbeigehen anrempelnd, hastete Professor T?ne auf seinen Platz, wo er sich hustend seiner Jacke entledigte. „Ich hoffe, dass die Anbindung hierher sich noch verbessern wird. Wenn ich mir vorstelle, diese Strecke zukünftig täglich zurückzulegen...“
      Axej runzelte die Stirn. „Sie haben doch eine Wohnung hier zugesichert bekommen.“
      T?ne zuckte mit den Schultern. „Aber das kann doch nicht Ihr Ernst sein... hier kann man doch nicht leben, so eine Einöde...“
      „Wenn ich mich recht entsinne, ist es vertraglich vorgesehen, dass Sie als Grundschullehrer dauerhaft im Ort ihres Wirkens wohnhaft sein müssen.“
      „Ach, Verträge! Da kümmert sich doch niemand darum. Klar hab ich die Wohnung bekommen, vielen Dank, irgendwo muss ich meine Sachen ja auch ablegen. Aber man kann doch nicht von einem Mann von Welt verlangen, dauerhaft am Arsch derselben zu wohnen... Verzeihung, die Herren. Äh, und die Damen auch...“

      Doktor Pusay verdrehte die Augen.

      Axej blickte auf seinen Notizzettel. „Zudem hat das Kombinat beschlossen, hier in der Station ein Museum einzurichten, das sich mit der Kultur der Rà Heng befassen soll...“
      „Davon wurden wir nicht benachrichtigt!“, warf D'Sh?r ein.
      „Das wurde mir auch erst heute mitgeteilt“, erklärte Axej.
      „Finde ich gut, das Ganze hier mal zu beforschen“, fing Professor T?ne an, „Aber ein Museum – das ist doch vollkommen sinnfrei; sollen sie den Krempel doch in Mespay ausstellen, da gibt es dann auch das nötige Publikum, das was von versteht, verstehen Sie?“
      „Ich glaube nicht, dass man die Ruinen einer jahrtausendealten Siedlung so einfach verfrachten kann“, meinte Pusay schmunzelnd.
      „Da hab ich schon ganz andere Dinge gesehen, sag ich euch! Ne ganze Stadt detailgetreust nachgebaut. Mit der heutigen Technik ist das alles kein Problem mehr, verstehen Sie? Da müssen Sie sich mal damit befassen, dann...“
      „Danke, ich bin mit der Technik ganz gut vertraut“, sagte die Ingentin eisig. Axej seufzte.

      Professor T?ne wollte zu einer weiteren Belehrung anheben, aber seine Worte gingen in einem lauten Warnsignal unter. Axej stand auf und raffte reflexartig seine Sachen an sich. Ein Blick auf D'Sh?r – der Gewohnheit halber. Aber es schien, als wäre der Deshnianer ebenso überrascht wie er. Oder zumindest ließ er sich nichts anmerken. Axej hob die Hände.
      „Wir haben einen Eindringling. Bitte bleiben Sie alle zusammen. Ich kümmere mich darum.“

      * * *

      Die Befragung war kurz gewesen, hatte aber viele Fragen aufgeworfen. Allem Anschein nach hatte jemand von innerhalb der Station ein Signal geschickt? Jemand, der allen Berichten nach eigentlich für tot gehalten würde. Axej zuckte mit den Schultern. Früher hätte er deswegen höchste Vorsicht walten lassen, aber das klang eher nach einem technischen Versagen – er würde D'Sh?r diplomatisch davon in Kenntnis setzen, dass er einen deshnianischen Spion gefangen hatte, und nichts weiter. Sollten sich die Behörden weiter oben damit herumschlagen – er war nun offiziell kein Spion mehr, sondern lediglich Interims-Vorstand einer Randweltsiedlung, und so wollte er sich auch verhalten.

      Der Alarm vorhin war im ganzen Gebäude losgegangen... es wäre sicher eine gute Idee, seiner Tochter einen kurzen Besuch abzustatten, um sichergehen, das alles in Ordnung war. Axej schritt die schmale Holztreppe zu ihrem neuen Zimmer hinab.

      „Papa! Was war denn das für ein Lärm vorhin? Ist jemand eingebrochen?“
      „Ja. Aber es ist nichts weiter passiert. Hast du Angst gehabt?“
      „Nein, kein bisschen. Ich bin ja nicht alleine.“ Sie warf einen Blick auf ihre neue Stoffpuppe.
      Axej schmunzelte. „Na dann. Ich komme später wieder, die Leute warten auf mich! Mach's gut!“

      Die Tür schloss sich.
      Das Mädchen wandte sich wieder der Puppe zu.
      „Papa ist wieder weggegangen. Du kannst weitererzählen.“
      Die Puppe schnarrte. „Das Signal ist geschickt worden, ich werde bald abgeholt werden.“
      „Aber du musst doch nicht weggehen, wir haben doch einen Platz für dich hier.“
      Das Kind sah die Puppe flehend an. „Ich bin doch sonst ganz alleine, wenn du auch noch weggehst.“
      „Es ist wichtig“, sagte die Puppe, „Ich muss abgeholt werden. Ich werde vermisst. Man sucht mich. Das Signal ist schon geschickt worden...“


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      Das achtzehnte Türchen ist aus lebenden Ästen gewunden und fügt sich in einen Wald. An einer Feuerstelle ganz nahe sitzen einige Leute und zwei Drachen, einer riesig und dunkel, der andere noch klein und orangerot geschuppt. Ein Mann legt den Löffel in seine nun leere Schale und setzt an zu erzählen.



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      Ssaaa

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      »Das Mädchen erwachte auf verbranntem Gras, ohne Erinnerung an alles, was vorher war. Sie wusste nur, dass sie war, dass sie ein Mädchen war und dass ihre Haut leuchtete. Flammen tanzten auf ihren Armen und Beinen und in ihrem Haar, ohne sie zu verbrennen.
      Sie rappelte sich auf, ohne Furcht vor den Flammen zu verspüren, denn diese waren hübsch und bissen sie nicht. Wie zahme Katzen schmiegten sie sich an, als sie losging, dem Weg folgte, der durch die Wiese führte, auf der sie erwacht war.
      Trotz der Dämmerung, die bereits in der Ferne heranschlich, fror sie nicht, auch nicht, als sie erst nach einigen Stunden und in fast vollkommener Dunkelheit auf ein Dorf traf.

      Sie hörte die Geräusche der Familien in ihren Häusern und etwas regte sich in ihr. Einsamkeit. Sie wollte auch jemanden haben, der mit ihr sprach und ihr Geschichten erzählte, wie es der alte Mann in der ersten Hütte rechts von ihr mit einigen Kindern tat. Sie wollte auch umarmt werden wie der kleine Säugling im Haus gegenüber, dem von seine Mutter Kosenamen zugeflüstert wurden. Sie wollte auch einen Namen haben!
      Doch sie hatte keinen, der ihr einen geben konnte...

      Sie lief weiter durchs Dorf und ihre Flammen tanzten im Takt ihrer wirbelnden Gefühle. Sie hatte keinen Namen... sie hatte keine Familie... Salziges Wasser zischte und versiegte, kaum, dass es ihre Augen verlassen hatte und ihre Wangen hinab gerollt war. Sie rieb die verbleibende juckende Kruste fort.
      Wie konnte sie denn überhaupt sein, wenn sie nichts hatte? Was war sie denn alleine?
      Ein Wegweiser gab ihrem Rücken halt, als sie sich, mitten im Dorf, niederließ und sich in ihren Wünschen und Ängsten verlor...

      Sie wurde unsanft geweckt, als ein Stein neben ihr vom trocken gebackenen Boden abprallte. Erschrocken fuhr sie hoch und sah sich drei Männern gegenüber, alle mit Steinen und Knüppeln bewaffnet. Der mittlere trug sogar ein langes Messer, welches unheilvoll schimmerte.
      „Verschwinde, Drael!“
      „Ich... ich heiße Drael?“, fragte sie, verwirrt vom Schlaf und von der Begegnung.
      „Nein, du bist ein Drael. Und wir dulden keine Vieh verbrennende Feuerbrut in unserem Dorf. Verschwinde, oder du bekommst das kalte Eisen hier zu spüren!“
      Ein weiterer Stein prallte neben ihr vom Boden ab, um die Worte zu unterstreichen. Die Männer blieben weiterhin auf Abstand, zu allem bereit, und hinter ihnen sah das Mädchen verängstigte Augen hinter Vorhängen hervor starren.
      Sie floh und das Zischen ihrer Tränen mischte sich mit dem Trommeln ihrer Füße. Allein, Allein, der höhnische Gesang ihrer Gedanken zu dieser Melodie aus Angst und Scham.
      Alleine, verlassen, hoffnungslos, ein Nichts!
      Irgendwann blieb sie einfach im Wald liegen und schluchzte sich in eine erschöpfte Ohnmacht.

      „Sssaaa? Sssaa?“
      Sie fuhr hoch, eine weitere Attacke erwartend, doch vor ihr erblickte sie lediglich eine Echse, etwa halb so groß wie sie, die sie neugierig züngelnd betrachtete.
      „Zsssa?“, wieder dieser Laut, als wollte die Echse sprechen.
      „Hau ab!“, murmelte das Mädchen, wollte sich noch weiter in ihren Kokon aus Einsamkeit und Elend hüllen. Sie drehte dem Tier den Rücken zu.
      „Tsssa?“
      Die Echse lief um sie herum und blickte sie wieder an. Es war ein schönes Tier mit dunkel metallisch schimmernden Schuppen und klugen gelben Augen, der Kopf so groß im Verhältnis zum zarten Körper, dass es sich wohl um ein ziemlich junges Tier handeln musste.
      „Tssaa!“
      Es schmiegte sich an sie, die Flammen ignorierend, die seine schuppige Haut ebenfalls nur sanft streiften. Das Mädchen erstarrte, dann hob es eine Hand und strich über die glatten Schuppen, die sich unter ihre Haut wie feinstes Perlmutt anfühlten.
      „Sssssssaaaa“, schnurrte die Echse und wohlig stellte sich ihr Rückenkamm auf. Wirre Empfindungen, nicht nur ihre eigenen, erblühten in ihrem Kopf. Freude, Sicherheit, die Einsamkeit einer anderen Seele...
      Das Mädchen schloss die Arme eng um das Reptil und drückte es an sich.
      „Saa!“, maunzte es und deutlichere Bilder fluteten ihren Kopf. Angst, Verlust, Hoffnung. Schnelle Wärmebilder von Jagd und Hatz, der Geruch einer warmen Höhle an einem Regentag.
      „Saa“, ein kleines Flämmchen entwich dem Maul der Echse, verletzte keinen von ihnen.
      „Saa“
      Gelbe Augen trafen blaue, schienen so viel mehr zu sagen als selbst die telepathische Berührung es könnte.
      Ich bin nicht alleine..., erkannte das Mädchen,
      Ihre Flammen und die nun aus dem Maul der Echse fließenden vermischten sich in orangefarbenen Wirbeln und strichen wie sanfte Hände über beide hinweg, doch keiner von ihnen wich zurück. Weiterhin sah die Echse dem Mädchen tief in die Augen, hielt vollkommen still und gab keinen Laut von sich.
      Ich bin nicht alleine! Ich muss nichts sein, was ich nicht sein will! Und ich will nicht alleine sein!
      Die Echse schnurrte, zufrieden mit ihrer Entscheidung, und sandte ihr eine stumme Aufforderung.
      Ich bin Saa-Drael, Feuergeborene und ich werde niemals wieder alleine sein!, antwortete das Mädchen.
      Die Echse in ihren Armen schnaubte zustimmend, als hätte sie sie verstanden.«

      Der Geschichtenerzähler beendete seine Erzählung und sah die Reiterin Almosen heischend an.
      Sie waren weit ab der Zivilisation und es war reiner Zufall, dass sie hier aufeinander getroffen waren, aber Drachenreiter bedeuteten Reichtum und er hatte sein Bestes getan, um zumindest ein wenig davon abzubekommen. Die Reiterin warf ihm ein Goldstück zu.

      Varanis legte den Kopf schief und stupste Valoodher energisch an, sodass er ihr den Kopf zuwandte.
      Und was heißt das nun?, ihre Ungeduld war für den alten Drachen so stark zu spüren, als wäre es seine eigene. Er schickte ihr sein Amüsement zurück und warf dann noch einen kurzen Blick auf den männlichen Menschen, der unter seinem Blick unruhig zappelte. Wenn er wüsste, dass das Mädchen aus der Geschichte die Reiterin war, mit der er gerade das Feuer teilte, was würde er dann wohl sagen?
      Er wandte den Blick ab, bevor der arme Kerl sich noch in die Hosen machte. Drachen waren in dieser Gegend ein seltener Anblick und die meisten Menschen wurden nicht gerne daran erinnert, dass es Wesen gab, die sie mit Leichtigkeit fressen konnten.

      Es ist die Geschichte wie die Herrin den ersten Drachen fand. Es ist auch die einzige der Drachensagen, die unter den Menschen sehr beliebt ist und sie haben eine gesamte Religion auf ihr gegründet, erklärte der Mentor seinem Schützling.
      Die junge Drachin schlug nachdenklich mit dem Schwanz. Noch war sie nur so groß wie ein Hund, kleiner sogar, als der Drache aus der Geschichte es damals gewesen war.
      Menschen sind manchmal dumm: „Die Belagerung von Bel-Eziel“ ist doch viel spannender! entschied sie dann und rollte sich zum Schlafen zusammen.
      Valoodher traf den Blick seiner Herrin und wurde wieder zurückversetzt an ihr Treffen im Wald vor so vielen Jahren. Beinahe unhörbar zischelte er: „Ssaaaa...“ und erntete ein leises Lachen.


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      Aus dem neunzehnten Türchen dringen laute Stimmen, flackerndes Licht und der Dunst von schlechtem Eintopf.



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      Die Taverne am Wegweiser Teil 3

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      Die Taverne hielt uns also erfolgreich bis zum nächsten Tag fest und der Blick aus der Tür offenbarte, dass sich nichts verändert hatte, außer dass mein Kopf schmerzte.
      „Was hast du erwartet?“, fragte Shabár, der an einem Tisch saß und etwas aß, was wie Eintopf aussah. Der Wirt brachte mir auch einen Teller davon und ich löffelte ihn mit Widerwillen. Sein Inhalt schmeckte wie alte Socken mit etwas Leder und Rüben, doch es gab nichts anderes als das.
      „Wir müssen hier weg“, meine Stimme kratzte im Hals und klang ziemlich verzweifelt, wie ich mir eingestehen musste. Shabár sah mich an, dann kratzte er sich am Hinterkopf.
      „Wie willst du das schaffen?“
      „Es muss einen Weg geben. Wenn man hier her finden kann, dann kann man auch wieder von hier fort gehen.“ Ich legte alle Überzeugung in diese Worte, die ich aufbringen konnte. Um zu erreichen was man wollte, musste man davon überzeugt sein. Genau das hatte mir mein Vater auch immer gesagt und mein Vater hatte noch nie gelogen.
      Shabár schob seinen Teller von sich. Er hatte den Inhalt mit dem Ausdruck einer Echse verspeist und nicht mit der Wimper gezuckt.
      „Mädchen, du hast Vorstellungen“, mischte sich da der Alte ein, der noch immer auf dem gleichen Platz saß. Ich konnte ihn kaum verstehen, so undeutlich sprach er. Vielleicht lag das an den vielen Zahnstummeln in seinem Mund.
      „Es muss einen Weg geben“, wiederholte ich, als könnte ich alle Welt davon überzeugen, wenn ich es nur oft genug sagte. Das Gefühl diesen Ort zu verlassen zu müssen wuchs zunehmend mit dem Bedürfnis mich in warmem Wasser zu baden. Wir Haltya waren seit jeher sehr reinlich und wuschen uns mindestens drei oder vier Mal am Tag. Ich bevorzugte warme Bäder, wie so viele meines Volkes und hier gab es gerade einmal einen Eimer voller Wasser.
      „Das Nix ist überall“, erklärte der Alte besserwisserisch und ich musste an mich halten ihn nicht anzuschreien. Er konnte auch nichts dafür, dass wir hier gelandet waren, daran war nur unsere verdammte Neugierde schuld.
      Ich sah Shabár an: „Du willst doch auch hier weg. Das schaffen wir nur, wenn wir es auch probieren.“
      Der alte Mann schüttelte nur den Kopf, wie man es tut, wenn man zum wiederholten Male jemandem versucht etwas erfolglos zu erklären.
      Immerhin stimmte Shabár mir zu und sein Blick auf den Suppenteller sagte das Übrige. Der Eintopf schmeckte so fürchterlich, dass er lieber alles Mögliche versuchen wollte hier weg zu kommen.
      „Ich will nicht länger hier bleiben, als unbedingt nötig.“
      Wir waren uns also einig und verließen das Gasthaus.
      Dieses Mal versuchten wir zuerst den anderen Weg, der von der Kreuzung abzweigte. Schließlich musste der einfach in eine andere Richtung führen und irgendwie waren wir ja auch hier her gekommen. Tatsächlich führte der Weg in mehreren Kurven durch sonnenbeschienene Felder. Es war kein Nebel weit und breit und ich war mir sicher, dass wir es diesmal schaffen würden. Beschwingt lief ich voraus durch ein kleines Wäldchen, doch dann...

      Der Wegweiser hatte sich kein Bisschen verändert.
      Als wollte er uns verspotten warf das Sonnenlicht Reflexe auf das alte Holz und ließ die Buchstaben N, i und x deutlicher erscheinen.
      Ich war den Tränen nahe, als Shabár hinter mir aus dem Wald hervor trat.
      „Aber wir haben den zweiten Weg erforscht“, versuchte er dem Ganzen etwas Positives abzugewinnen. „Immerhin gibt es dort zwei Felder, die in vollem Korn stehen, wir werden also nicht verhungern.“
      Falls mich das beruhigen sollte, hatte es seine Wirkung verfehlt und ich fiel dem Mann schluchzend um den Hals. Die Lage schien wirklich aussichtslos.


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      Das zwanzigste Türchen steht am Waldrand nahe einem Feld. Ein Mann und eine Frau stapfen aus dem Feld herbei und verschwinden im Wald.



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      Die Taverne am Wegweiser Teil 4

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      Langsam kam ich mir vor wie in einem schlechten Roman. Keiner der Wege wollte uns von hier weg führen. Inzwischen spazierten wir querfeldein durch Wald und Feld. Das Moor hätte uns fast verschluckt und der Wald zerkratzte uns Arme und Beine, aber wir hatten ein Ziel vor Augen.
      „Sag mal, kommt dir das auch so komisch vor?“, fragte Shabár und ich blieb neben ihm stehen.
      „Der Wirt meinte 'Jeder landet früher oder später hier' erinnerst du dich? – Doch wo sind all die Leute, die hier gelandet sind?“
      Das war eine sehr gute Frage und ich hatte keine Antwort darauf. Im Gasthaus waren nur zwei Personen, der Wirt und der alte Mann. Eigentlich keine Anzahl bei der man von 'jedem' sprechen konnte.
      „Ich glaube hier stimmt was nicht.“ Da pflichtete ich Shabár bei. Wege führten normalerweise sehr selten nur im Kreis und Tavernen versorgten sich in der Regel auch nicht selbst mit Bier.
      „Dieser verdammte Wegweiser!“ Tatsächlich hatte uns auch dieser Kurs irgendwie wieder an den Ausgangspunkt zurück geführt. Shabár schrie nicht nur, sondern trat nun auch nach dem Pfahl der diesen verfluchten Wegweiser hielt.
      „Nehmen wir einmal an hier waren schon mehr Leute, wo sind sie dann abgeblieben?“ Es mischte sich eine neue Angst in meine Worte, denn das konnte alles Mögliche bedeuten. Im besten Falle hieß es, dass es sehr wohl einen Weg von hier weg gab, im Schlimmsten, dass dieses Nix sie geholt hatte.
      „Hör mal Hayba, du bist doch eine Haltya. Stimmt es, dass dein Volk auch im Dunkeln noch ganz gut sehen kann?“
      Ich nickte, noch halb in furchtsamen Gedanken. Erst dann sah ich Shabár an.
      „Was hast du vor?“, wollte ich wissen und fragte mich, was für eine Idee er hatte.
      „Komm mit, jedes Gasthaus hier im Westen hat einen Keller, also hat dieses auch Einen.“
      Da war ich mir zwar nicht so sicher, aber wenn jemand alle Gasthäuser des Westens kannte, dann war das Shabár. Und wenn er alle Gasthäuser kannte, dann wusste er auch, was diese so hatten.
      Natürlich war die massive Holztür hinter dem Haus verschlossen, doch mein Begleiter war guter Dinge und machte sich am Schloss zu schaffen.
      „Ich wusste ja gar nicht das du ein Dieb bist“, stieß ich aus, handelte mir aber nur leises Gelächter ein.
      „Ich bin kein Dieb, sondern ein Einbrecher.“
      „Aha...“, einen wirklichen Unterschied machte das für mich nicht, aber vielleicht wäre das jetzt ja ganz nützlich.
      „Du Shabár, was genau willst du eigentlich im Keller?“
      Eine Antwort bekam ich erst einmal nicht, denn leises Knacken kündete von seinem Erfolg. Galant ließ er mir den Vortritt, vermutlich weil er in der Dunkelheit hinter der Tür nicht viel sehen konnte. Dann zog er die Tür hinter uns zu und es dauerte ein paar Sekunden ehe ich etwas sehen konnte, weil die Schwärze so plötzlich über mich her fiel.
      Nach und nach schälten sich immer mehr Einzelheiten aus der Umgebung. Da standen mehrere Fässer, dort stapelte sich Kohl und in einer Kiste lagen eine Menge Rüben. Also waren die Zutaten nicht Schuld an dieser wirklich miesen Suppe.
      „Gibt es einen Gang, oder eine Treppe?“, wollte Shabár wissen, der wohl nur einen Bruchteil von allem erkennen konnte.
      „Ja, da hinten gibt es eine Treppe.“
      Die Stufen führten uns weit in die Tiefe und ich staunte nicht schlecht, was für ein riesiger Keller unter dem kleinen Gasthaus verborgen war.
      „Das dachte ich mir“, flüsterte der Einbrecher und ich konnte sein triumphales Grinsen hören. Ein schmaler Gang verlief vom Haus weg, immer weiter und weiter in den Untergrund.
      „Was ist das?“ wollte ich wissen und versuchte mehr zu erkennen, doch der Gang verlor sich im Dunkel.
      „Jedes Gasthaus im Westen hat einen Fluchttunnel. Du erinnerst dich vielleicht auch an die Sage, dass es für Herbanen früher verboten war Gasthäuser zu besuchen. Sie taten es trotzdem und weil sie manchmal heimlich verschwinden mussten, gibt es diese Gänge.“
      Ja, von der Sage hatte ich schon gehört, hätte aber nicht gedacht, dass es Herbanen wirklich gegeben hatte. Die Leute dachten sich immer viel aus, wenn sie zu viel Bier tranken.
      „Weißt du auch was das Nix ist?“, fragte ich mit wenig Hoffnung.
      Lange, so lange, bis wir eine Biegung im Gang erreichten wartete ich auf eine Antwort. Es war aber auch sehr unwahrscheinlich, dass Shabár etwas wusste und es mir noch nicht gesagt hatte.
      „Das...“, Shabár räusperte sich,7 „...ist eine andere Sage des Westens. Viel weniger bekannt und ich bin mir nicht mehr sicher... Das Nix soll ein kleines Moosmännchen sein.“
      „Achja.“ Moosmännchen waren ebenfalls eine Ausgeburt von Sagen, mit welchen man Kindern Angst einjagte, damit sie am Abend rechtzeitig nach hause kamen.
      „...sie verschlingen die Kinder bei Nacht.“ rezitierte ich und verdrehte die Augen. „Was, wenn...“
      Weiter kam ich nicht, denn Shabár war verschwunden. Ich wiederholte seinen Namen immer wieder, doch er antwortete nicht. Auch von seinen Schritten, oder seinem Atem war nichts zu hören. Gerade war er doch noch direkt hinter mir gewesen!
      Langsam wurde mir das alles zu viel und ich wollte nur noch hier weg. Ich begann schneller und schneller zu laufen. Fast fiel ich über einen Stein, dann stieß ich gegen die Wand, weil der Gang plötzlich abbog. Ab und zu hingen Wurzeln von der Decke, doch ich eilte weiter. Ich merkte wie die Panik in mir aufstieg, konnte es jedoch nicht verhindern.
      Endlich stieß ich gegen eine Tür und hämmerte wie wild dagegen. Panisch, immer und immer wieder ließ ich meine Hände auf das Holz nieder fahren. Bitte, bitte geh auf!
      Ich kam gar nicht auf die Idee, dass es einen Griff geben könnte, ich wollte einfach nur weg. Es war mir auch egal, dass mir Tränen über die Wangen liefen. Da gab es nur noch diesen einen Gedanken, hier raus zu kommen. Weg von dem Wegweiser, weg von diesem verfluchten Gasthaus und weg von dieser schrecklichen Suppe und dem Bier.
      Fast hätte ich die pausbäckige Frau geschlagen, die auf einmal unter der Tür stand und mich staunend anstarrte. Dann fiel ich ihr erleichtert um den Hals.


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