Evolution von Aliens im Sci-Fi

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    • Evolution von Aliens im Sci-Fi

      Hi!

      Bitte seht mir nach, wenn's einen solchen Thread schon gibt, habe aber erstmal keinen entdeckt. Mir schien die Sektion bisher ziemlich Fantasy-lastig, vielleicht weil sich das Theorienschmieden da mehr anbietet, wer weiß. Ich wäre aber doch sehr neugierig, was ihr über das Thema denkt und wie ihr Aliens in euren Welten - so sie welche haben - einordnen würdet:

      Wie menschlich sind sie?

      An welchem Grundsatz orientiert ihr euch?

      Was übernehmt ihr von altvertrauten Mustern, was gestaltet ihr a) wie und b) wieso um?

      Nahchdem ich Guardians of the Galaxy v2 gesehen hatte, konnte ich nicht anders, als als Lernprojekt einen kleinen Kommentar über die Evolution von Aliens zu schreiben, die sich - wie Evolution nunmal ist - natürlich auch überraschend umkehren kann. Jetzt ist mir natürlich bewusst, dass Sci-Fi auch weitaus abstrakter sein kann als die Filme, die in diesem Kommentar erwähnt werden. Seid ihr Fans von Stephen King? Seht ihr Evolution im Sci-Fi-Genre vielleicht in einem gänzlich anderen Licht? Ich möchte nicht, dass dieser Thread sich zu sehr auf meine Gedanken fokussiert, die ja nur eine von vielen Sichtweisen vertreten können.

      Ich schmeiße sie trotzdem mal in die Runde, um vielleicht eine erste Diskussion anzustoßen. Disclaimer: Ich habe nie eine ernste Weltenbasteltheorie betrieben oder Fachliteratur zum Thema gelesen, es ist also nur mit einer kleinen Handvoll Fachwörtern zu rechnen - im Guten, wie im Schlechten. Bitte haltet euch nicht zurück, wenn ihr diesen Kommentar auf welcher Basis auch immer auseinandernehmen wollt. Ich freu mich immer mehr über Protest als über Lob, wenn er durchdacht ist. :P



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      Die bunt Bemalten

      Außerirdisch… die da? Das ist doch nur ein grüner Mensch. Ich bitte euch, mehr ist euch nicht eingefallen?
      Es sind vielleicht keine Probleme, wie die Kinobesucher sie wälzen, während sie Guardians of the Galaxy (2014) sehen. Es wird leicht als selbstverständlich hingenommen, dass in der endlos weiten Galaxis alle durch und durch menschlich aussehen, nur dass sie eben bunt bemalt sind. Tatsächlich bemüht sich der Film nicht, dieses Klischee des 20. Jahrhunderts zu überwinden, weil er dazu zu sehr Parodie ist.

      Betrachtet man die Aliens aber spaßeshalber aus einem anderen Blickwinkel, ergeben sich sehr viele Fragen: Wie kommt es, dass alle dieselbe Sprache zu sprechen scheinen und alle dieselbe Anatomie bis hin zu ähnlichen Kleidergrößen haben? Mehr noch, warum teilen sie alle dieselbe Gefühlswelt miteinander, die von romantischer Liebe zwischen nicht einmal ansatzweise miteinander verwandten Lebewesen bis hin zu ihrem Humor reicht – auch, wenn der schon unter uns Menschen sehr verschieden sein kann?
      Hier waltet unverblümter Amtropomorphismus, das heißt die Tendenz zu vermenschlichen, was immer wir vermenschlichen können, weil es nicht durch ein nichtmenschliches Schema besetzt ist. So wissen wir, dass ein Löwe nicht an Menschen interessiert ist, aber von Aliens wissen wir es nicht, und wenn es noch so viel unwahrscheinlicher ist als ein Löwe, der einen Menschen liebt. Nichtmenschliche Besonderheiten kommen im Film zwar durchaus vor, wie bei Mantis, die in die Gefühlswelt anderer Personen eintauchen kann, indem sie sie berührt – aber außerhalb dieser dem Plot geschuldeten Tatsache scheint es nur umso wichtiger, dass sie sich möglichst in nichts von uns unterscheidet, um den Film leicht verständlich zu halten und nicht mit unnötigem Realismus wie z.B. einer Kommunikationsbarriere zu überladen.

      Hieraus entsteht aber ein Problem, denn es wäre kein Sci-Fi mehr, wenn sich der Film um Menschen unter Menschen drehen würde. Es muss also zumindest der Schein gewahrt bleiben, dass alles möglich ist. Das klassische Stilmittel, um dies zu erreichen, ist eine äußerliche Besonderheit der außerirdischen Figuren, die einerseits möglichst sichtbar, andererseits aber auch möglichst nebensächlich ist – und das heißt entweder ein leicht verzerrtes Gesicht, das aber nach wie vor menschliche Ausdrücke erlaubt, oder aber unnatürliche und schreiende Hauttöne.
      Klischees, denen Star Wars (1977) einen Schritt voraus war. Nicht, dass dieses Stilmittel hier nicht auch ab und an vorkäme. Durchgehend aber nehmen die Filme ernst, dass ihre Galaxis ein verwirrender Dschungel aus Kulturen und den verschiedensten Technologiestandards ist. Übersetzer und andere scheinbare Irritationen des Zuschauers sind nötig und schaden dem Filmerlebnis nicht, sondern lassen es echter und mitreißender wirken. Bahnbrechend neu sind diese Irritationen nicht – das Problem, einander nicht immer zu verstehen, war schon immer da und ist höchst menschlich. Es in ein Sci-Fi-Universum hineinzudenken, ist also nicht wirklich eine Innovation. In Star Wars blieb es selbstverständlich, dass ein belebter Planet grundsätzlich durch Menschen ohne Raumanzug betreten werden kann, dass Kreaturen der verschiedensten Planeten einander als Beute betrachten und verzehren können und vieles mehr, was natürlich und einleuchtend scheint, aber eben auch nur scheint. Sichtbarer und vielleicht entscheidender ist das Phänomen, dass die Aliens sich eine menschliche Shilouette bewahrt haben. In diesem Sinne entstand die Kategorie des Humanoiden, die keinen Menschen bezeichnen muss, aber ein menschenähnliches Lebewesen. Hier wird am deutlichsten, wie reserviert auch Star Wars
      mit echten Innovationen war. Man vergleiche nur einmal Admiral Ackbar mit seinen Fischaugen und seiner ansonsten menschlichen Statur mit den Göttern Horus oder Sobek, die das Nilvolk schon vor 5.000 Jahren ersann!

      Ackbar ist wie sie nicht entmenschlicht, sondern er vermenschlicht nur subtiler. Bloß, lässt sich das eigentlich vermeiden?
      Sci-Fi muss sich an zwei Messlatten orientieren: daran, was eine Generation sich vorstellen kann, und daran, was ihr überzeugend scheint. Es ist vorstellbar, aber nicht überzeugend, dass der Mars von intelligenten Salamandern bewohnt wird, die eine Invasion der Erde vorbereiten. Parameter, die sich stetig verschieben. Für die älteren Filme hieß beides manchmal, dass sich Menschen und Aliens äußerlich überhaupt nicht unterscheiden mussten, außer vielleicht durch die sonderbare Mode letzterer. Der evolutionistische Zeitgeist ließ Zivilisationen, die die Sterne bereisen, als das erscheinen, was nach uns kommen wird und sich aus uns entwickeln muss, und daher störte es niemanden, dass sie wie wir selbst aussahen. Hier wäre der berüchtigte Film Plan 9 from Outer Space (1959) zu nennen, in welchem sich die außerirdischen Saboteure durch nichts als ihre moralische und technologische Überlegenheit von den – anderen, wie man sagen möchte – Menschen abheben.

      Ideen entstehen niemals ohne Nährboden. Und der ist zunächst eben unsere Zivilisation, von der schrittweise abstrahiert wird. In letzter Instanz handelt es sich also immer um menschliche Projektionen, nur dass sich die beiden Messlatten schleichend wandeln und immer deutlicher ins Nichtmenschliche rücken. In diesem Sinne war Admiral Ackbar sehr wohl revolutionär, nicht durch das, was er äußerlich war, sondern vielmehr dadurch, dass ein Fischmensch imstande war, eine Flotte zu kommandieren, in der die meisten Piloten auch noch menschlich waren – eine überdeutliche Absage an den Evolutionismus, die Star Wars noch bahnbrechender machte.

      Nach und nach wurde man mit den Innovationen mutiger und aus heutiger Sicht realistischer. Bis heute kann die berühmte Kreatur aus dem Sci-Fi-Thriller Alien (1979) als Meilenstein des entmenschlichten Sci-Fi gelten. Es handelt sich aber um eine wilde, unzivilisierte Kreatur. Es musste sich erst die Idee durchsetzen, dass auch eine außerirdische Kultur anders aussehen, denken und leben kann als wir – und hier sind die meisten Klassiker des Sci-Fi sehr zurückhaltend. Es blieb das Problem, dass die Aliens weiterhin mit den Menschen interagieren sollen und sich dies nur mit zwei Methoden leicht einrichten lässt. Entweder, man vermenschlicht sie übermäßig, oder man bedient sich übermäßig den Klischees des wilden und unzugänglichen Monsters. Beides ist aber mehr ein Ausweichmanöver als eine subtile Interpretation dessen, was die Aliens erst interessant macht, nämlich ihr Innenleben. Beides raubt ihnen sämtliche Individualität.
      Sie werden zu Massenware.
      Dabei demonstriert Star Trek schon seit The Cage (1964), dass es auch anders geht, nämlich durch Figuren wie den legendären Mr. Spock. Äußerlich durch und durch der vermenschlichte Alien, der seinerzeit erwartet wurde, besitzt er übermenschlichen Intellekt, bleibt aber durch seine radikal nüchterne Person außerstande, zu beantworten, wie es ihm geht. Er besitzt ein charakteristisches Innenleben. Es ist diese Mischung aus Nähe und Ferne zum Menschen, die bis heute nur selten überzeugend erreicht wird.

      Tatsächlich scheint es dermaßen schwer zu sein, die Person selbst zu entmenschlichen, dass Parodien außerirdischen Lebens nichts mehr lieben, als sich äußerlich der abgedroschensten Klischees zu bedienen – überdimensioniertes Hirn, kurze Beine, keine Nase – und diese Figur mit einer möglichst banalen Person zu verbinden, die das nur scheinbar Besondere lächerlich macht. Roger aus American Dad (2005) ist ein unregistrierter außerirdischer Mitbewohner der Protagonisten der Serie und liebt das Fernsehen, das Trinken und betreibt sehr viel künstliches
      Drama über Bagatellen wie unzureichendes Staubwischen oder wenn ihm wieder das falsche Müsli mitgebracht wurde.
      Sci-Fi wird erst dadurch interessant, dass die Geschichte etwas Besonderes an sich hat. Freilich kann dieses Besondere auch in einem schrulligen Humor liegen oder in solch atemberaubenden Horrorszenen wie in Alien. Es wäre trotzdem schön, wenn unsere Regisseure mit den endlosen Möglichkeiten ihrer Aliens über kurz oder lang mehr riskieren würden, als sie bunt zu bemalen.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Trajan ()