Hydrologie beim Basteln

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    • Hydrologie beim Basteln

      Admin-Anmerkung: Rausgeschnitten aus einem Weltenthread, dort würde das nur verschüttet. Hier ist es besser aufgehoben.
      Veria


      Allerdings sind Flussbifurkationen auch nicht unbekannt. Am bekanntesten ist die Verbindung zwischen Orinoco und Amazonas. Und über eine Bifurkation in Wyoming sind sogar Pazifik und Atlantik miteinander verbunden. So etwas ist nur recht selten. Bei Wikipedia gibt es im Artikel Flussbifurkation eine Liste mit Beispielen. Einige auch aus Deutschland. Ich verweise da insbesondere auf Haase und Else. Das damit zusammenhängende Szenario sowie die Entdeckungsgeschichte der Verbindung von Orinoco und Amazonas, dem Brazo Casiquiare geben Anregungen für den Einfluss, den so etwas auf eine Welt haben kann. Lange Zeit galt die Existenz einer so großen Bifurkation, die noch dazu mal in die eine und mal in die andere Richtung fließt, je nachdem ob der Orinoco oder der Amazonas gerade mehr Wasser führt, als unmöglich. Erst Alexander von Humboldt, der die Bifurkation 1801 befuhr und dessen Karte in dem verlinkten Wikipedia-Artikel abgebildet ist, glaubte man. Schon seit dem 16. Jahrhundert war mehrfach darüber berichtet worden. Heute sind von den Namen vielleicht noch Francisco de Orellana und Sir Walter Raleigh bekannt. Dennoch fanden sie großteils keinen Glauben und es kam in der Fachwelt immer wieder zu heftigen Auseinandersetzungen.

      Als uns in der Schule unser Erdkundelehrer davon erzählte, dass es da einen Fluss gibt, der in 2 Richtungen fließe, glaubte ihm ein Teil der Schüler nicht. Selbst nachdem er eine Doku darüber besorgt hatte, blieben bei einigen Zweifel. (Es gibt übrigens sogar Flüsse, die gleichzeitig in entgegengesetzte Richtungen fließen und im Mississippidelta gibt es Stellen, an denen sich das Wasser nicht bewegt. Jedenfalls nicht mit einer Strömung. Das wäre dem Entdecker Robert de la Salle fast zum Verhängnis geworden, als er durch das Delta irrte und die Flussrichtung feststellen wollte. Natürlich kommt das im Mississippidelta nur zeitweise vor.) Bei einer Welt würde ich das immer nur bewusst basteln und in sehr kleinen Dosen einsetzen, da es eben den Erwartungen der meisten Leser widerspricht.

      Dabei würde ich auch die Begründung ausarbeiten: Es müssen dabei besondere Umstände vorliegen, z.B. ein See mit Abflüssen in verschiedene Richtungen, ein sehr flaches Feucht- oder Deltagebiet (wie bei Orinoco und Nil), Auch eine Quelle auf einer Wasserscheide, bzw. ein Zusammentreffen des Flusslaufs mit einer Wasserscheide ist möglich.

      In dem Zusammenhang sind weitere Phänomen interessant:

      • Ein natürlicher Flusslauf ist oft von Mäandern, Altarmen, toten Armen und auch mehrere Flussbetten gekennzeichnet. In Deutschland stammen die bekanntesten Beispiele einer Kartierung solcher Zustände vom Rhein.
      • Gewässer, die eine Nummer kleiner sind, wurden teilweise schon seit der Antike vom Menschen gestaltet. Der bekannteste Fluss in Deutschland, der erste Eingriffe in der Antike erlebte, dürfte die Lippe sein. Vor den modernen Regulierungsmaßnahmen wurde eine ebenfalls recht bekannte Karte des Flusses angefertigt. Sie ist, zumindest zum Teil auch online zu finden, nur kann ich mich gerade nicht erinnern, wo.
      • Bäche sind teils solange begradigt, dass ihre Namen sich in Ausdrücke für Graben, z.B. "Delle-Gosse" verwandelt haben. Ich kenne ein Beispiel, dass Archäologen in einem für modern gehaltenen, weil schnurrgeraden Graben Funde aus dem Frühmittelalter machten und erst mal an eine Fälschung glaubten, weil auch zugezogene Anwohner und befragte Beamte nicht wussten, dass es sich um einen Bach handelt. Das klärte sich erst auf, als eine Zeitung berichtete.
      • Es gibt auch Flüsse, die irgendwo in ihrem Lauf, teils während bestimmter Jahreszeiten, teils dauerhaft verschwinden. Und zwar auch ohne, dass das mit Trockenheit zusammenhängt. Ein bekannter Fall sind da Alme und Sauer in Ostwestfalen. Der Name "Sauer" geht dabei sogar auf das altsächsische Wort für "trocken" und "dürr" zurück, ein seltsamer Name für einen Fluss. Das versickernde Wasser von Alme und Sauer tritt bei Salzkotten, Upsprunge, Paderborn und Kirchborchen wieder an die Oberfläche. Bei Kirchborchen ist es vergleichsweise unspektakulär, während das Wasser bei Salzkotten aus dem Felsen gewaschenes Salz mit sich führte, dass es erlaubt, in der dortigen Saline auf traditionellem Weg reinweißes Salz zu gewinnen, was in früheren Zeiten selten war. Traditionell gewonnenes Salz ist zumeist aufgrund von teils ungesunden Verunreinigungen grau oder braun. In Upsprunge ist das Hederquellgebiet das zweitstärkste Quellgebiet Nordrhein-Westfalens. Und bei Paderborn speist das verschwundene Wasser mit der Pader den kürzesten, aber auch -nach einigen Quellen- quellreichsten Fluss Deutschlands oder -nach anderen Quellen- zumindest Nordrhein-Westfalens. (Wie bei der Lippequelle galt einst eine Vertiefung in einem großen Quellbecken, die in schönstem Blau erschien und mittlerweile aus Sicherheitsgründen zugeschüttet wurde, als das Auge, dass Wotan verlor und auf die Erde gefallen war. Wie bei der Lippe sollte das tränende Auge die Ursache für die Quellen sein.) Heute ist der Wasserstand durch die zahlreichen Wasserentnahmen und Stauseen abgesunken. In meiner Kindheit gab es da noch Stellen, wo man bei leicht feuchtem Wetter mit dem Fuß hintreten konnte und es entstand eine Quelle. Dass es als Wunder gesehen werden kann, wenn Moses mit einem Stab an einen Felsen schlägt und eine Quelle entsteht, musste man hier einigen Kindern erst erklären. Schließlich konnten sie ja so etwas ähnliches auch selbst.
      • Ein, zumindest zum Teil wegen der Trockenheit versiegendes Beispiel, dass dabei sogar ein Delta bildet, ist das Okavangodelta.
      • Sich verändernde Flussläufe und intermittierende Quellen brauche ich hier wohl auch nicht ausgebreitet zu erwähnen. Aber Werke der Hydrologie mögen noch weitere Seltsamkeiten zu bieten haben.
      In dem Roman "Thud!", zu deutsch "Klonk!" von Terry Pratchett spielt die Hydrologie eine große Rolle. Darin wird großartig gezeigt, wie auch eine große Anomalie ungezwungen und realistisch in eine Welt eingebaut werden kann.

      Damit es bei der Aufzählung nicht noch länger wird, füge ich gleichsam als Anhang noch einige Beispiele, wie die erwähnten ostwestfälischen Besonderheiten Einfluss auf Geschichte und Besiedlung hatten, hinzu:

      • Während der Sachsenkriege fand Karls Heer einst kein Wasser. Es wurde als Wunder angesprochen, dass plötzlich eine Quelle zu sprudeln begann. Dies geht wahrscheinlich auf das geschilderte Phänomen zurück, da einige Quellen nur sprudeln, wenn an der Alme genügend Wasser versinken kann. Auch nur 2 km von dem Ort, wo ich dies schreibe, gibt es so ein Phänomen. Oft genannt in dem Zusammenhang wird der Bullerborn (heute: Bollerborn) bei Altenbeken. Dass die Quelle, wie im Artikel beschrieben wird, seit dem 17. Jahrhundert durchgehend sprudelt, hängt damit zusammen, dass man damals den Zusammenhang verstand und natürlich die Wasserversorgung Altenbekens sicherstellte, indem man den 'zuständigen' Teil des Flussbettes entsprechend veränderte, ich meine einen Bach etwas umleitete, damit dort immer Wasser versickern konnte.
      • Die Anwohner der Alme versuchten natürlich immer wieder, die Schwalglöcher zu verstopfen, um selbst genug Wasser zu haben. Da dadurch in Salzkotten kein Salz mehr gesiedet werden konnte, wurden sie mehrfach wieder freigeräumt. Erst um 1900, als sich das Salzsieden auch aus anderen Gründen rentierte, leisteten die Sälzer, die Besitzer der Anteile an den Salzrechten, die einst sogar den Landesherrn erfolgreich vor dem Reichskammergericht verklagten, keinen Widerstand mehr und da jeder sah, dass es sich nicht mehr lohnte, gab es keinen Widerstand gegen die Werksschließung, der allerdings schon geschrumpften Saline. (Seit ein paar Jahren wird in Salzkotten einmal im Jahr für einen guten Zweck wieder Salz gesiedet.)
      • Wegen der Trockenheit und der ungeschützten Lage vor dem Eggegebirge gab es dort mit dem Soratfeld noch im Frühmittelalter eine unbesiedelte Landschaft. Dies nutzte Karl der Große aus, als er im Sachsenland Franken ansiedelte. Wer der Wikipedia nicht traut, kann es auch hier in einer Schrift eines anerkannten Wüstungsexperten nachlesen. (Auf der Seite des Landschaftsverbands, einem Zusammenschluss der Kommunen und Kreise in Westfalen-Lippe zu Zwecken der erleichterten Ausführung allen gemeinsamer Aufgaben, werden übrigens noch so einige Eigenheiten Westfalens erklärt, falls jemand nach Inspiration sucht.)
      • Nördlich vom Soratfeld lag um Paderborn der Padergau. Zwischen jener Stadt und dem Soratfeld liegen die -auch heute noch so genannten- "trockenen Dörfer". Dort musste das Wasser in Erdlöchern gesammelt werden, da keine andere Versorgungsmöglichkeit Bestand, weil das Wasser ganzjährig schnell im Untergrund verschwindet. Diese primitiven Zisternen wurden regelmäßig mit Wasserundurchlässigem Lehm ausgekleidet. Diese werden Saut genannt und in dem zum Borchener Stadtteil Dörenhagen gehörendem Ort Eggeringhausen wird der Holtsaut, der, obwohl künstlich, als Naturdenkmal eingetragen ist, noch heute instand gehalten.
      Ich hoffe, ich konnte Anregungen zur Anwendung der Hydrologie beim Basteln geben.

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von Riothamus ()