WB-Adventskalender 2017

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    • WB-Adventskalender 2017


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      1. Türchen: Der Reigen der Monate von PBard
      2. Türchen: Die Sage von der Salzstreuerin von Chrontheon
      3. Türchen: Elementare Lektionen von Amanita
      4. Türchen: Der Gottkönig (Teil 1) von Elatan
      5. Türchen: Der Gottkönig (Teil 2) von Elatan
      6. Türchen: Das Geschenk von Chrontheon
      7. Türchen: Maliikhu und der Stein aus Gold von PBard
      8. Türchen: Ein Tag im Leben von Yossir Krag-Schalati, Alchemieingenieur in Dul Hammad (Teil 1) von PolliMatrix
      9. Türchen: Ein Tag im Leben von Yossir Krag-Schalati, Alchemieingenieur in Dul Hammad (Teil 2) von PolliMatrix
      10. Türchen: Ein Tag im Leben von Yossir Krag-Schalati, Alchemieingenieur in Dul Hammad (Teil 3) von PolliMatrix
      11. Türchen: Akkais Rhaki (Teil 1) von Cyaral
      12. Türchen: Akkais Rhaki (Teil 2) von Cyaral
      13. Türchen: Das Mädchen und die Viertelkupferstücke von Nharun
      14. Türchen: Roter Schnee, Grünes Herz von PBard
      15. Türchen: Die Geschichte von Shay
      16. Türchen: Der Ehrengast von Shay
      17. Türchen: Brief 1 von Moordrache
      18. Türchen: Brief 2 von Moordrache
      19. Türchen: Brief 3 von Moordrache
      20. Türchen: Brief 4 von Moordrache
      21. Türchen: Winteranfang von Veria
      22. Türchen: Die Prüfung (Teil 1) - Der Mürrische, der Bärtige und der Gefährliche von Eld
      23. Türchen: Die Prüfung (Teil 2) - Eine letzte Frage von Eld
      24. Türchen: Die Prüfung (Teil 3) - Gefährliche, schöne Wesen von Eld


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      Hinter dem ersten Türchen tanzen fröhlich die Kinder des Monatsreigens - und gerade kommt das letzte Kind in Sicht.





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      Der Reigen der Monate



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      Des Monatsreigens erstes Kind,
      Ddedrauren trägt ihr weißes Kleid,
      Tanzt in das neue Jahr geschwind,
      Vergessen läßt uns altes Leid.

      Ihr dunkler Bruder folgt sogleich,
      Tyvelren, Zeit des finst'ren Herrn,
      In aller Kürz' wir einfallsreich,
      Ihm schlicht den Zugang rasch versperrn.

      Erwachet da, so rein und zart,
      Daffraren mit gar sanftem Hauch,
      Des Frühlings Kuß auf sie gewart',
      Wie wir gesehnt uns haben auch.

      Gar stürmisch folgt auf ihre Zeit,
      Caenfhren, Zeit des Chaos dann,
      Mal Sonnenschein, mal daß es schneit,
      Jed's Wetter nun geschehen kann.

      Bei Wärme bleibt es dann alsbald,
      Povethren bringt uns seinen Segen,
      Reckt sich die Heide und der Wald,
      Der wohl'gen Sonne nun entgegen.

      Voll Freude, Lust und Heiterkeit,
      Benwydren seines Bruders Wärme nimmt,
      Erfreut uns nun in seiner Zeit,
      Mit seinem Lebenshauch bestimmt.

      Die schönste Zeit des Reigens doch,
      Bryddunren, wenn die Sonne steht,
      Von früh bis spät am Himmel hoch,
      Der Schönen Göttin zum Gebet.

      Der Schönheit folgt als weit'res Licht,
      Reathuren, der Gerechtigkeit,
      Beleuchtet hell ein jed's Gericht,
      Tilgt jede Spur von Schlechtigkeit.

      Wenn langsam kühler wird das Jahr,
      Fiolatharen lädt zum Lesen ein,
      Denn trägt der Wald erst rotes Haar,
      Könnt's dafür drauß' zu kalt schon sein.

      Das nächste Kind des Reigens fein,
      Glychren trock'ner Erde bringt,
      Den Segen frischen Regens ein,
      Damit des Herbstes Ernt' gelingt.

      Als Zeichen daß das Ende naht,
      Baethren tanzt der Herrin Kreis,
      Streut mit dem Tod stets neue Saat,
      Vergehen ist des Lebens Preis.

      In diesem Rad das letzte Kind,
      Goweddren lockt mit sanfter Ruh',
      Besinnlich ihre Tage sind,
      Der Kreis sich dreht nun langsam zu:

      Des Monatsreigens erstes Kind ...



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      Hinter dem zweiten Türchen findet sich ein kleines Dorf zwischen mächtigen Gipfeln. Die Dächer, Wiesen und Wege sind dick von Schnee bedeckt, die Äste der Bäume biegen sich unter der weißen Last. Eine alte Frau öffnet das Türchen und geht hindurch in die kalte Winterlandschaft. Was sie wohl vorhat?



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      Die Sage von der Salzstreuerin


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      Vor vielen, vielen vielen Jahren, in einem kleinen Dorf hoch in den Bergen, lebte einst eine alte, einsame Frau. Die Dorfleute kannten sie, denn sie lebte schon immer im Dorf. Sie grüßten sie auch, wenn sie sie auf der Straße antrafen, denn sie wollten nett sein. Und sie trugen sogar ihre Einkäufe nach Hause, denn sie wollten helfen. Doch sie konnten sie nicht verstehen.

      Jeden Winter, wenn es schneite, und alle Dorfleute in den warmen Häusern blieben, wo sie Kekse aßen und Erdbeerpunsch tranken, war die alte Frau auf der Straße. Sie war ganz allein dort, denn die Dorfleute fühlten sich nicht wohl in der Kälte und blieben zuhause, wann immer es möglich war.

      Doch die alte Frau war draußen, in der Kälte, Winter für Winter. Sie ging durch den Schnee, der ihr über die Schultern ragte, durch jede Straße, an jedem Haus vorbei. Die Dorfleute beobachteten sie dabei. Und wenn die Zeit kam, in der der Schnee wieder schmolz, kamen sie aus ihren Häusern, doch die alte Frau war nicht mehr da. Sie war in ihrem Haus.

      Eines Tages, an einem warmen Wintertag, bemerkte ein Nachbar der alten Frau etwas. Wie jeden Winter blieb immer etwas Schnee liegen, bis der Frühling kam. Doch wo er liegen blieb, und wo er schmolz, wunderte den Nachbar. Überall, wo die alte Frau entlang gegangen war, lag kein Schnee, aber neben den Straßen ragten immer noch Wände aus Schnee empor.

      Das machte den Nachbarn neugierig. Er beschloss, im nächsten Winter zu beobachten, was die alte Frau eigentlich jeden Winter ganz alleine draußen auf den kalten Straßen machte. Als nun der nächste Winter kam, und sich alle Dorfleute in ihre Häuser zurückzogen, ging die alte Frau wieder durch die Straßen. Und ihr folgte der Nachbar.

      Hinter einem Schneewall versteckt beobachtete er, wie sie mit der Hand ein weißes Pulver aus einem Kübel nahm und vor sich auf den Schnee warf. Das wiederholte sich immer wieder, bis sie der Kübel leer war. Dann ging sie nach Hause und holte mehr von dem Pulver. Nachdem die den Kübel dreimal nachgefüllt hatte, konnte der Nachbar sich nicht mehr zurückhalten und sprach sie an.

      "Nachbarin, was ist das für ein Pulver, das Sie auf den Schnee werfen?" "Das ist Salz", antwortete sie. "Salz? Aber ist das nicht zu teuer, wenn Sie das ganze Salz wegwerfen?" "Nein, ich habe genug davon." "Aber ... das ist doch eine Verschwendung! Warum tun Sie das?" "Es ist keine Verschwendung", sagte die alte Frau. "Damit geht der Schnee weg, auch wenn es kalt ist. Damit die Dorfleute einkaufen gehen können, ohne den Schnee wegschaufeln zu müssen."

      Der junge Mann war begeistert davon, was die alte Frau Jahr für Jahr für die Dorfleute machte, ohne je etwas dafür verlangt zu haben. Wenige Tage später, als die Straßen tatsächlich schneefrei waren, lief er von Haus zu Haus, und erzählte den Dorfleuten, was die alte Frau ihm erzählt hatte. Zuerst wollten sie ihm nicht glauben, doch als sie sahen, dass die Wege frei von Schnee waren, beschlossen sie, der Frau zu helfen, da sie in den letzten Jahren immer länger draußen geblieben war, um das Salz zu streuen.

      So gingen die tüchtigsten Burschen und Mädchen des Dorfes im nächsten Winter zur alten Frau, um ihr beim Salzstreuen zu helfen. Dankbar gab sie den Helfern mehrere Kübel mit Salz und schaute ihnen zu, wie sie durch das Dorf gingen, um die Straßen schneefrei zu machen.

      Das ist die Geschichte, warum wir heute Salz auf die Straßen streuen.


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      Vor dem dritten Türchen wuseln junge Leute umher, sie unterhalten sich noch angeregt, als sie durch das dritte Türchen gehen, dahinter suchen sie ihre Sitzplätze und bald darauf herrscht gespanntes und neugieriges Schweigen.



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      Elementare Lektionen


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      Die Sitzordnung in der Akademie des Alchimistenzirkels war immer klar festgelegt. In der ersten Reihe saßen die Novizen der Edelmetalle, hinter ihnen reihten sich die übrigen Metalle ein, Alkalimetalle am weitesten hinten. Dann kamen die Magier der Halbmetalle und Luftelemente, ganz hinten dann der Rest, in manchen Seminarräumen wie in diesem hier gab es für sie nicht einmal Tische.
      Lucasta Clossiana hatte nie damit gerechnet im Alchimistenzirkel respektiert und genauso behandelt zu werden wie die anderen, deswegen machte sie sich nicht die Mühe, sich darüber aufzuregen. Die meisten Novizen stammten aus nadarischen Patrizierfamilien und auch wenn in Arunien angeblich alle drei Volksgruppen gleich waren, galt das in Wirklichkeit hier wie auch in Justiz und Militär keineswegs.
      Lucasta war Nadari, allerdings war sie auch das Kind einer Arbeiterfamilie aus den schlechtesten Teilen der Hauptstadt Wariona. Diese Familien bekamen viele Kinder, so viele, dass deren Leben für die Fabrikbesitzer keinen großen Wert besaß. Wie viele andere Mädchen hatte Lucasta als Jugendliche in einer Streichholzfabrik gearbeitet, wo mehrere ihrer Kolleginnen erkrankt und mache qualvoll gestorben waren. Schuld daran war der weiße Phosphor, mit dem sie arbeiteten. Es begann mit Zahnschmerzen, dann wurden die Symptome immer schrecklicher und am Ende verteilte sich das Gift im ganzen Körper bis man starb. Mit einem solchen Ende hatte Lucasta auch gerechnet, aber welche Wahl war ihr schon geblieben? Ihre Familie brauchte schließlich etwas zu Essen und Kohle für den Winter.
      Doch das Schicksal hatte andere Pläne. Der Phosphor hatte sie nicht getötet, sondern zu seiner Magierin gemacht. Am Anfang hatte sie sich dagegen gewehrt, auch wenn weder Lucasta noch ihre Eltern oder Geschwister ahnten, warum sie fieberte, schrie und tobte. In diesen Teilen von Wariona gingen viele Krankheiten um und sie nahmen an, dass sich Lucasta eine davon eingefangen hatte. Die Krankheit war wieder verschwunden, doch seitdem war Lucasta nicht mehr dieselbe.
      Sie hatte es gespürt ohne zu verstehen, bis sich ihre Gabe in der Fabrik zeigte und der Direktor plötzlich ungeahntes Interesse an ihr entwickelte. Er hatte darauf bestanden, dass sie zur Akademie des Alchimistenzirkels ging und war sogar bereit, ihrer Familie während dieser zwei Jahre weiterhin ihren Lohn auszuzahlen. Warum verstand Lucasta immer noch nicht ganz, aber jetzt war sie jedenfalls hier und beklagen konnte sie sich wirklich nicht. Sie hatte ein eigenes Zimmer mit Dusche und Toilette mit Wasserspülung und jeden Tag gab es reichlich zu essen, das meiste davon hätte Lucasta sich früher nie leisten können. Da konnte sie damit leben, dass viele ihrer Mitnovizen lieber Abstand hielten. Überrascht war sie jedoch darüber, dass sich die Lehrer eher daran zu stören schienen, dass ihr Element kein Metall war, als an ihrer Herkunft. Die einzige Ausnahme war Marius Agripetus, der selber Phosphor als Element hatte.
      Hier hinten in der letzten Reihe hatte Lucasta jedoch auch noch zwei Freunde. Rabanus und Valerius waren Magier der Elemente Chlor und Fluor. Genau wie ihre Elemente hatten sie vieles gemeinsam und waren doch völlig unterschiedlich.
      Rabanus war Sohn eines Arztes, allerdings aus eine Ladiving-Familie, mit allen Nachteilen, die dies mit sich brachte. Trotzdem studierte er an der Universität von Ergalla Chemie, zumindest hatte er das getan, bevor es ihn in die Akademie des Alchimistenzirkels verschlagen hatte und er wollte anschließend damit weitermachen. Rabanus träumte davon eines Tages Wirkstoffe zu finden, die Unkraut, schädliche Pilze und Insekten töteten, den Menschen aber nichts anhaben konnten, damit die Ernten in Zukunft nicht mehr diesen Schädlingen zum Opfer fielen.
      Valerius war Nadari und bisher bei einem Apotheker in die Lehre gegangen. Dabei sollte es für ihn jedoch nicht bleiben. Wenn er Adept war, wollte er eine eigene Fabrik gründen, die Medikamente so günstig herstellte, dass alle sie sich leisten konnten.
      Die beiden verbrachten einen Großteil ihrer freien Zeit damit an ihren Zukunftsplänen zu arbeiten und Lucasta zweifelte nicht daran, dass sie nicht ruhen würden, bevor ihre Träume Wirklichkeit geworden waren. Es war ein seltsames Gefühl sich vorzustellen, dass sie eines Tages vielleicht ein Unternehmer als Freundin betrachten würde.
      Zwischendurch mussten die drei aber auch den Unterricht des Alchimistenzirkels besuchen, auch wenn sie dort nicht viel Nützliches lernten. Drei Monate hatten sie hinter sich, 21 standen ihnen noch bevor.
      „Das Element spiegelt die Seele wider“, erklärte Lurier Lepistus. „Je edler das Element desto edler die Seele des Mannes.“
      „Was sagt uns das jetzt über ihn mit seinem Eisen?“, flüsterte Rabanus seinen beiden Nebensitzern zu. Lucasta überlegte, ob das für Frauen nicht galt.
      Sie wusste genau wie die anderen, dass die Metallmagier schon seit Jahrhunderten versuchten durch langwierige Rituale, Selbstdisziplin und einiges mehr, was sie nicht preisgaben, zu Magiern edlerer Metalle zu werden. Soweit sie wusste, war das bisher aber noch keinem gelungen und sie bezweifelte stark, dass es überhaupt möglich war. Sie war sich jedenfalls sicher, dass sie nie etwas anderes als eine Phosphormagierin sein könnte. Es war in ihre Seele geschrieben wie Brandzeichen auf die Haut eines Tieres und nichts konnte sie mehr davon trennen ohne sie zu töten.
      „Diejenigen, die einem weniger edlen Element verbunden sind, müssen sich lediglich Willensschwäche und Beeinflussbarkeit vorwerfen lassen.“
      „Gut, dass es davon so viele gibt, sonst hätte sich der Alchimistenzirkel schon längst aufgelöst“, kommentierte Valerius.
      „So wie ihre tollen Metalle, wenn wir sie in die Finger bekommen“, sagte Rabanus. „Egal wie edel die sind.“
      „Wer sich jedoch ausgerechnet einem giftigen Element verbunden fühlt, stellt damit unter Beweis, welche Abgründe sich in seinem Innersten auftun.“
      Arsenmagier Junus, der direkt vor Lucasta saß, schaute peinlich berührt zu Boden. „Wir suchen uns das Element ja auch alle freiwillig aus“, sagte er zu Stickstoffmagier Corvus. Im Gegensatz zu den beiden aus der letzten Reihe hatte er noch nicht gelernt leise genug zu sprechen, um nicht gehört zu werden.
      „Das mag vielleicht keine bewusste Willensentscheidung sein, Junus“, sagte Lurier Lepistus. „Aber es sagt uns etwas über dein Unterbewusstsein.“
      „Unterbewusstsein, das ist doch Unsinn. Unser Trinkwasser ist mit Arsen kontaminiert, deswegen brauche ich das. Dafür sind die Gaben doch eigentlich da“, sagte Junus.
      „Das wäre eine vernünftige Erklärung“, sagte Rabanus. „Vergiss nicht, dass wir hier im Alchimistenzirkel sind. Da brauchst du mit sowas gar nicht erst anzufangen.“
      Lepistus‘ Augen funkelten zornig. „Was fällt dir ein? Raus! Alle beide!“
      „Gerne“, sagte Rabanus und die beiden verließen das Klassenzimmer.
      Lucasta zog ernsthaft in Erwägung auch mit Lepistus zu diskutieren, damit sie sich diese unnötige Unterrichtsstunde nicht mehr länger anhören musste. Im Gegensatz zu den beiden Jungen war sie sich jedoch nicht so sicher, ob das, was der Adept behauptete wirklich Unsinn war. In der Streichholzfabrik waren sie schließlich alle mit dem Phosphor in Berührung gekommen, aber die anderen waren krank geworden und teilweise sogar gestorben. Nur Lucasta war jetzt eine Phosphormagierin.
      „Rabanus Ostreatus hat uns wieder einmal deutlich gezeigt, wie zutreffend das ist. Es verwundert wohl kaum, dass gerade diejenigen von zweifelhafter Herkunft und noch zweifelhafterem Charakter zu Magiern giftiger Elemente werden. Meiner Meinung nach sollte solches Gelichter überhaupt nicht im Alchimistenzirkel aufgenommen werden. Es liegt nicht in der Natur von Chlor- und Fluormagiern ihren Platz in der Welt zu akzeptieren und die Höherrangigen zu respektieren.“
      „So ein Pech aber auch“, sagte Valerius. Lucasta lachte.
      Lepistus hatte genug: „Mir reicht’s. Ihr geht jetzt auch vor die Tür.“
      Weder Lucasta noch Valerius bedauerte es besonders, dass sie den Rest dieser wunderbaren Unterrichtsstunde nicht mehr mitbekamen. Sollte er doch den anderen etwas über edle Metalle erzählen. Theorie der Elementarmagie? Da konnten sie in den Büchern der Bibliothek mehr lernen.
      Die beiden setzten sich zu Junus und Rabanus auf den Flur. „Manchmal glaube ich, ich bin viel zu nett“, sagte Valerius. „Was ich alle mit diesen ganzen Metallnovizen anstellen könnte. Aber ich tu’s nicht und ich rühr auch keins von den Alkalimetallmädels an.“
      „Das muss dir ja unheimlich schwer fallen“, sagte Rabanus. „Ich bin wirklich froh, wenn ich nicht in deren Nähe kommen muss. Eine dümmer und oberflächlicher als die andere. Warum schließt sich eigentlich Alkalimetallmagie und Intelligenz aus? Zum Glück wurde die Regel abgeschafft, dass ich irgendwann mal eine von denen heiraten muss.“
      „Ich weiß gar nicht, ob die wirklich so dumm sind“, sagte Valerius. „Vielleicht tun sie auch nur so.“
      „Ob Lepistus wohl auch nur so tut?“, überlegte Rabanus.
      „Vielleicht ist er auch einfach nur frustriert, weil er schon jahrelang Eisenmagier ist und das mit dem Gold will einfach nicht klappen“, vermutete Lucasta. „Das wird wohl nichts mit „Veredlung der Seele“ oder wie die das nennen.“
      „Ich verstehe überhaupt nicht, warum irgendjemand Goldmagier werden will“, sagte Rabanus. „Damit kann man doch gar nichts anfangen. Kohlenstoff wäre für mich natürlich geschickter gewesen und Stickstoff oder Sauerstoff vielleicht auch, aber das Leben ist nun mal kein Wunschkonzert.“
      Lucasta war nie auf die Idee gekommen, dass sie einmal Elementarmagierin werden könnte und hatte sich dementsprechend auch kein spezielles Element gewünscht. Daran hatte sich seitdem auch nichts geändert, wobei sie sich Chlormagie auch recht praktisch vorstellte. Mithilfe der desinfizierenden Wirkung dieses Elements könnte sie das Wasser in ihrem Heimatviertel sicherer machen. Das ging mit Phosphormagie nicht, oder jedenfalls nicht so einfach. Bisher hatte sie sowieso noch nicht viel darüber erfahren, was sie damit konkret anfangen konnte. Eine Anwendung kannte sie aber bereits: Unfälle in Streichholzfabriken mit weißen Phosphor verhindern.
      Ansonsten hatten sie bei Natriumadeptin Alodia angefangen sich mit mentaler Elementarmagie, also dem Eingehen von geistigen Verbindungen mit Magiern passender Elemente beschäftigt. Alodia nutzte als Vorführobjekt am liebsten Valerius und anscheinend hielt sie es auch für nötig, dabei seine Hand zu halten und ihn sonst wie zufällig zu berühren. Lucasta hätte es ziemlich unangenehm gefunden, wenn ein männlicher Lehrer so etwas bei ihr machen würde und auch Alodia war ihr unheimlich. Sie glaubte nicht daran, dass die Alkalimetallmagier wirklich so harmlos waren wie alle glaubten und war ganz froh darüber, dass sich die in ihrer Gruppe hauptsächlich für Mode, Schminke und Tratsch interessierten.
      Die nächste Unterrichtsstunde war jedoch nur für die Nichtmetallmagier und wurde von Lurier Agripetus gehalten. Der Phosphoradept arbeitete als wissenschaftlicher Mitarbeiter am chemischen Institut der Universität von Ergalla, wo er den Bereich der Phosphorchemie etablieren wollte. Soweit Lucasta das nach ihren drei Monaten Chemieunterricht, die sie auch von ihm erhalten hatte, verstand, bedeutete das, dass er versuchte neue Verbindungen mit Phosphor herzustellen und zwar ohne Magie, sodass auch andere es nachmachen konnten. Lucasta fand das durchaus faszinierend, aber sie hatte noch so viel zu lernen, bis sie auch nur ansatzweise begriff, was es schon gab und was die Phosphoratome im Körper, in den Pflanzen und in der Erde so taten, dass sie das nicht brauchte.
      Den Chemieunterricht mussten alle bei Agripetus besuchen, sonst lehrte er jedoch nur die Nichtmetallmagier, was Lucasta ganz recht war. So durfte sie nämlich auch mal in der ersten Reihe sitzen.
      „Wir gehen heute in den Keller“, erklärte Agripetus, nachdem er seine Novizen begrüßt hatte. „Heute werden wir uns nämlich wie versprochen praktisch mit dem Herbeirufen von Elementaren beschäftigen und das sollte lieber abseits von den anderen in einem Raum ohne allzu viel brennbares Material stattfinden.“
      Lucasta, Valerius und Rabanus tauschten aufgeregte Blicke. Das versprach endlich mal eine spannende Unterrichtseinheit zu werden. Die neun Novizen folgten Agripetus nach unten. Auf der Treppe spürte Lucasta den Atem eines anderen im Nacken. Sie schaute sich um. Dorian, wie sollte es auch anders sein. „Hast du über mein Angebot nachgedacht?“, flüsterte er ihr ins Ohr.
      „Ich weiß nicht, wovon du sprichst“, entgegnete Lucasta kühl. Natürlich wusste sie das sehr wohl. Der Sauerstoffmagier aus gutem Hause hatte „angeboten“ sie für eine gemeinsame Nacht großzügig zu belohnen. Lucasta hoffte, dass er irgendwann mal noch begreifen würde, dass sie in einer Streichholzfabrik gearbeitet hatte und nicht im Petersiliengässchen. Offenbar glaubte er, er könne sich wegen seiner Familie und seines Elements alles erlauben.
      Zumindest in dieser Situation behelligte er sie jedoch nicht weiter und die Novizen versammelten sich in einem leeren Kellerraum, Agripetus schloss die Tür hinter sich.
      „Bevor wir anfangen noch eine Warnung. Das Herbeirufen von Elementaren ist nicht ungefährlich. Euer Element wird euch selbst zwar nichts tun, aber das gilt nicht für alle anderen und sie sind sich auch nicht aller Folgen ihrer Handlungen bewusst. Deswegen werdet ihr eure Elementare einzeln rufen, damit sich nicht zwei vereinigen und dabei überhaupt nicht darüber nachdenken, dass sie die ganze Schule in die Luft jagen.“
      Einige der Novizen lachten. Lucasta wusste, dass die Schule schon seit hunderten von Jahren stand. Wenn das bisher nicht passiert war, würde es bei ihnen bestimmt auch nicht zum ersten Mal vorkommen.
      „Elementare unterscheiden genau wie die Elemente selbst nicht zwischen Gut und Böse, teilweise wird sogar darüber diskutiert, ob sie überhaupt lebendig sind, oder nicht. Das werden wir heute nicht diskutieren, aber denkt daran, dass ihr die Verantwortung für das habt, was ihr herbeiruft. Sie können aber auch sehr treu, verspielt und neugierig wirken. Bei Elementaren bedeutet das aber nicht in jedem Fall etwas Gutes. Es gibt durchaus Chlorelementare, die es spannend finden herauszufinden durch wie viel Chlor und wie schnell jemand stirbt.“
      Dieses Mal war Rabanus der einzige, der lachte. Ein paar Novizen schoben sich unauffällig in Richtung Tür, offenbar hofften sie so entkommen zu können, wenn so etwas passierte.
      „Wenn ihr sie gut kontrolliert, werden sie normalerweis die Gestalt von Tieren annehmen. Lasst euch aber nicht täuschen. Die Tierart hängt von euch ab und hat nichts mit der Gefährlichkeit des Elementars zu tun. Als erstes werde ich meinen rufen, der mir notfalls auch helfen wird.“
      Agripetus‘ Elementar hatte die Gestalt einer Eidechse aus rotem Phosphor. Er wuselte über den Steinboden zu Lucasta hinüber und berührte sie kurz, fast wie ein Hund, der alle Familienmitglieder zur Begrüßung beschnupperte. Sie lächelte und hätte ihn fast unwillkürlich gestreichelt, ließ es dann aber doch. Nach Agripetus‘ Vorrede ging sie eher nicht davon aus, dass Elementare so etwas wollten. Die rote Eidechse huschte auch wieder zu ihrem Lehrer zurück und die Novizen kamen selbst an die Reihe.
      „Genug der Vorrede. Wer möchte anfangen?“
      Niemand meldete sich.
      „So viele Freiwillige?“
      Nervös Gekicher.
      „Dann werde ich wohl jemanden bestimmen müssen. Corvus, wie wäre es mit dir? Stickstoffelementare machen normalerweise nicht so viel Ärger.“
      Corvus trat gehorsam nach vorne, Lucasta konnte aber nicht sehen, ob er es geschafft hatte, schließlich sah man Stickstoff ja nicht. Als im geschlossenen Raum ein Windstoß ihre Robe und ihre Haare verwehte, ging sie jedoch davon aus, dass es so war. Ihr Herz klopfte und sie stand wie angewurzelt da. Das, was Agripetus eben über Elementare anderer Leute gesagt hatte, war nicht besonderes vertrauenserweckend.
      Er schien ihr jedoch nichts tun zu wollen, sondern wehte jetzt die Robe von Wasserstoffmagierin Sayen zur Seite.
      „Ruf ihn zu dir“, sagte Agripetus. „Und noch etwas: Es ist nicht Sinn eines Elementars mit seiner Hilfe den Mädchen unter die Roben zu schauen.“
      Corvus wurde knallrot im Gesicht und murmelte etwas, wobei Lucasta die Worte „keine Absicht“ verstand.
      Im Großen und Ganzen war Agripetus jedoch zufrieden. Als nächstes kam Sauerstoffmagier Dorian an die Reihe. Dem traute Lucasta zu so etwas mit Absicht zu machen, doch daraus wurde nichts. Die Sauerstoffelementare hatten offensichtlich keine Lust ihn zu besuchen, wofür Lucasta vollstes Verständnis hatte.
      „Probieren wir nächstes Mal wieder. Livanu.“
      Dem Schwefelmagier gelang es sofort einen Elementar herbeizurufen, der die Gestalt einer Schildkröte annahm. „Das ist unser Clan-Tier“, erklärte er. „Das passt ja gut.“
      Lucasta kannte sich mit dem Volk der Roviniel, dem er, Sayen und einige andere Novize entstammten nicht weiter aus, aber von deren Clan-Tieren hatte sie auch schon gehört. Allerdings hatte sie sich darunter eher so etwas wie Wölfe und Adler vorgestellt.
      Livanu schien jedenfalls mit seiner Schildkröte zufrieden zu sein. Sie blieb brav neben ihm und ließ sich streicheln.
      „Sehr schön“, sagte Agripetus. „Bei dir läuft das ja. Rabanus, mach du mal als nächster.“
      Livanu sah seiner Schildkröte bedauernd nach, während Rabanus nach vorne ging. Wenig später war er von einer grünen Gaswolke umgeben. Lucasta hatte schon Bilder von Chlorgas in Büchern gesehen, aber im realen Leben war es doch noch eindrucksvoller. Ein beißender Geruch lag in der Luft und ihr Hals begann leicht zu brennen. Die Traube an der Tür wurde größer.
      „Versuch ihn dazu zu bringen eine Tiergestalt anzunehmen und ihn beim Namen zu nennen“, sagte Agripetus. Er schien das noch nicht beunruhigend zu finden.
      Rabanus wirkte sehr konzentriert und sagte schließlich einen Namen: „Rachala.“
      Die Wolke begann tatsächlich eine erkennbare Form anzunehmen, die schemenhafte Gestalt eines edlen Rassepferdes, die sich jedoch immer etwas veränderte. Das Gebilde war furchteinflößend, aber Lucasta fand es trotz allem schön. Es warf seinen Kopf nach hinten, senkte ihn dann aber und blieb neben Rabanus stehen, der Chlorgeruch in der Luft war verschwunden.
      „Gut gemacht“, sagte Agripetus. „Dann darf Valerius.“
      Rabanus sah fast etwas unglücklich aus, als er Rachala wieder wegschickte.
      „Du musst ganz besonders gut aufpassen“, sagte Agripetus. „Elementares Fluor ist sehr gefährlich und anders als viele andere hattest du noch nie damit Kontakt. Äußerste Konzentration bitte.“
      Zuerst geschah nichts, doch dann erkannte Lucasta wieder Gaswolken in Valerius‘ Nähe, dieses Mal hatten sie eine ganz blassgelbe Farbe. Als es seine Robe berührte, züngelten Flammen hervor.
      „Versuch den Elementar zu kontrollieren“, sagte Agripetus. Lucasta stellte sich das mit brennender Robe ziemlich schwierig vor, seltsamerweise schien Valerius aber keine Schmerzen zu haben. Als seine Robe schließlich verschwunden war, erkannte Lucasta auch warum. Es hatte zwar den Stoff verbrannt, aber nicht seine Haut. Valerius‘ durchaus recht ansehnlicher Oberkörper war jetzt nackt, während sein Elementar immer noch um ihn herumwaberte.
      „An der Kontrolle müssen wir noch arbeiten“, sagte Agripetus. „Für heute genügt das. Schick ihn wieder weg.“
      Davon hielt der Elementar jedoch nicht viel, sondern bewegen sich jetzt selbstständig im Raum herum, die anderen Novizen wichen zurück. Ihre Haut würde er bestimmt nicht verschonen. Agripetus befürchtete das offenbar auch. Mit einem Fingerschnippen schickte er seinen eigenen Elementar los. Einen Augenblick lang schien die Eidechse zu versuchen das Gas zu fressen, dann ging sie in Flammen auf. Lucasta schlug sich eine Hand vor den Mund. Sie hatte diesen Elementar wirklich gemocht und jetzt war er einfach so tot.
      Dort, wo eben noch die beiden Elementare gewesen waren, befand sich nun ein neues Gas, das aus beiden Elementen bestand. Lucasta spürte, dass es sehr giftig war, aber das spielte für sie keine Rolle, denn es enthielt ein Phosphoratom. So konnte sie ihrem Lehrer dabei helfen es gegen sein Bestreben sich im ganzen Raum zu verteilen in einer leeren Ecke zusammenzutreiben. Agripetus holte aus der Tasche seiner Robe eine Flasche mit Wasser und etwas anderem darin, dorthinein lenkten sie es und ordnete sich neu zu etwas weniger Gefährlichem an.
      „Danke Lucasta“, sagte Agripetus. „Du kannst gleich als nächste.“
      Die Novizen sahen alle ziemlich erschrocken aus, doch ihn schien das Ganze nicht weiter zu beunruhigen, wahrscheinlich hatte er mit so etwas gerechnet.
      „Ist er jetzt tot, Ihr Elementar?“, fragte sie traurig.
      „Keine Sorge, Elementare sterben nicht. Genau wie die Elemente selbst könnten sie einfach ihren Zustand wechseln. Er hat aber für heute genug für mich getan und ich denke, wir brauchen ihn jetzt nicht mehr. Die restlichen Elemente sind ja nicht so gefährlich und deinen kann ich notfalls direkt kontrollieren.“
      Lucasta konzentrierte sich wie sie es gewohnt war auf die Magie des Phosphors um sie her, in ihrem Körper, in denen der anderen und sogar in der Wand des Kellers. Und tatsächlich fand sie dort ein fremdes Bewusstsein, nicht menschlich, aber doch klar zu erkennen.
      „Komm zu mir“, flüsterte sie und spürte, dass es dieser Aufforderung folgte. Als sie das Wesen sah erschrak sie jedoch, einige der anderen Novizen schrien auf. Lucastas Elementar bestand aus einem weichen, gelblich weißen Material, das sie aus ihrer Zeit in der Fabrik sehr gut kannte, weißer Phosphor. Es hatte die Gestalt eines Hundes angenommen, doch irgendetwas war dabei schiefgegangen und man sah das teilweise deformierte Skelett des Hundes. Weiße Flammen züngelten daraus hervor. Es setzte sich neben Lucasta und schaute zu ihr hoch wie die groteske Karikatur eines treuen Hundes. Lucasta wich zurück.
      „Komm zu mir“, sagte Agripetus.
      Der Elementar gehorchte, die Novizen wichen alle so weit zurück wie sie konnten. Er setzte sich neben Agripetus, der berührte ihn sanft, eine Geste, zu der sich keiner der Novizen hätte aufraffen können. Lucasta konnte kaum glauben, was sie sah. Der deformierte weiße Hund schien zu zerfließen und verwandelte sich vor ihren Augen in die rote Eidechse, die sie vorhin schon gesehen. Sollte dies tatsächlich das gleiche Geschöpf sein? Lucasta konnte sich das nicht vorstellen. Sie wirkten so total unterschiedlich.
      „Das war für das erste Mal nicht schlecht“, sagte Agripetus. „Er war von Anfang an bereit dir zu gehorchen und hat nie versucht hier irgendetwas anzustellen.“
      Mit solchem Lob hatte Lucasta überhaupt nicht gerechnet. „Aber warum sah er so aus? Da stimmt doch irgendwas nicht.“
      „Deine Beziehung zu deinem Element ist nicht ganz einfach“, erklärte Agripetus. „Das ist auch nicht überraschend, denn schließlich ist deine Gabe durch eine Vergiftung entstanden und so etwas ist immer äußerst schwer. Das ist einer von vielen guten Gründen, warum sich alle Völker von Silaris einig sind, dass die Verwendung der Elemente als Waffen tabu ist. Die Entwicklung der Industrie in unserem Land führt jedoch dazu, dass solche Dinge trotzdem häufiger vorkommen werden, als dies in der Vergangenheit der Fall war. Das ist der Preis, den wir für viele neue Errungenschaften zahlen und es ist unsere Aufgabe als Lehrer euch dabei zu helfen, trotzdem zu eurem Element zu finden. Du bist aber auf einem guten Weg und kannst schon viel, dafür dass du etwas seit drei Monaten lernst. Mach dir keine Sorgen, bald wird dir dein Elementar in einer weniger furchteinflößenden Gestalt begegnen.“
      Während die restlichen Novizen an die Reihe kamen, dachte sie noch weiter über seine Worte nach. Hoffentlich hatte er recht und sie würde wirklich eines Tages so sicher mit ihrem Element und seinen Elementaren umgehen können wie er.


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      Eine steife Brise bläst durch das vierte Türchen, es ist aus grobem Felsgestein gemacht. Eiszapfen hängen davon herab, abgebrochene Eiszapfen liegen auf dem Boden und klirren leise im Wind. Hinter dem Türchen sitzen dick eingepackte Männer frierend und müde im Dunkel der Nacht. Was tun sie hier? Warum wärmen sie sich nicht an einem Feuer? Gehen wir durch das Türchen hindurch und finden es heraus.



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      Der Gottkönig Teil 1


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      Ein eisiger Wind pfiff durch die Felsspalte, in welcher der kleine Trupp sein dürftiges Nachtlager aufgeschlagen hatte. Selbst durch die dicken Pelze und Umhänge der Krieger fuhren die frostigen Reißzähne des Winters, eines Winters, wie er nur hier oben in den Bergen so harsch sein konnte. Doch trotz der Kälte hatten sie es nicht gewagt, ein Feuer zu machen und die Aufmerksamkeit dessen auf sich zu lenken, was hier lauerte und im vergangenen Herbst das Verderben über die Täler gebracht hatte.
      Das Jahr hätte nicht schöner sein können; der vergangene Winter war mild gewesen, der Sommer warm und im Herbst war die Aussicht auf eine Ernte, wie sie reicher nie war, groß. Doch bevor sie beginnen konnten, ihre Ernte einzuholen, fiel ein Schatten über das Land. Feuer regnete auf die Bauern hinunter und verbrannte alles Leben. Jene, die ihm entgehen konnten, flohen in die Tunnel und verschlossen die mächtigen Tore hinter sich. Die Kreatur, deren Schatten über das Reich der Zwerge gefallen war, schien alten Sagen zu entspringen, Legenden, die seit Urzeiten von Generation zu Generation weitergereicht wurden. Manch ein alter Krieger versicherte glaubhaft, in seiner Jugend kleinere Vertreter dieser Art mit eigenen Augen gesehen zu haben. Aber keiner von ihnen hatte je einen so großen Drachen gesehen.
      Fimri saß etwas abseits von den anderen Kriegern, die allesamt schweigend verharrten. Kein Wort wurde gesprochen, obwohl niemand schlief. Sie wollten in der Dämmerung in die Tunnel eindringen, die sich der Drache zur Heimstätte gemacht hatte. Die meisten Zwerge hatten ihre Behausungen in den Bergen westlich des Tales, doch eine Sippe, die schon immer als recht eigensinnig gegolten hatte und nur mit großen Vorbehalten ihre Unabhängigkeit aufgegeben hatte, als der große Gottkönig Mótsognir die Zwerge vereinigt hatte, war in den östlichen Bergen geblieben. Dies war ihnen zum Verhängnis geworden. Der Drache hatte ihr Tor aufgebrochen und war in ihre Tunnel gekrochen, hatte sie ausgeräuchert und ihre Hallen zu seinem Hort gemacht. Fimri erschauerte bei der Vorstellung. Als seine Truppe den Aufstieg am späten Nachmittag gemacht hatte, waren sie an Felsen vorbeigekommen, die teilweise geschmolzen waren. Was brachten Rüstungen gegen Drachenfeuer? Wie sollten Schilde sie schützen?
      Während er so nachdachte, sah er, wie eine Gestalt sich aus der Gruppe der Krieger erhob und auf ihn zukam. Als Fimri ihn erkannte, wollte er aufstehen.
      »Bleib sitzen«, sagte König Mótsognir, der zweite seines Namens, der alles daran setzte, wie sein Großvater, der große Vereiniger der Sippen, als göttlich angesehen zu werden. Er ließ sich ächzend neben Fimri nieder. Er war nicht mehr er Jüngste, aber das war Fimri auch nicht mehr. Zweieinhalb Jahrhunderte hatten beide Männer bereits hinter sich und die letzten fünfzig – mit sehr viel Glück hundert – Jahre ihres Lebens waren angebrochen.
      »Eure Heiligkeit …«, begann Fimri, wurde aber sogleich vom König unterbrochen.
      »Pah! Spar dir das«, sagte Mótsognir harsch. »Wir wissen beide, dass du nicht viel davon hältst.« Er nickte zu den Männern, die in einiger Reichweite saßen. »Von denen tut es auch kaum einer. Nicht einmal mein Sohn Vangri, von dem es mir scheint, er wolle gar kein Prinz sein. Die wenigsten unseres Volkes halten mich für einen Gott, wie es mein Großvater war.«
      »Es kommt nicht darauf an, was sie glauben, Herr«, sagte Fimri. »Wenn du ein Gott bist, dann bist du es, ob es nun jemand glaubt, oder nicht. Ein Eichhörnchen ist auch ein Eichhörnchen, wenn alle sagen, es sei ein Falke.«
      Der König musterte ihn einen Moment, dann lachte er. Es war kein fröhliches Lachen. Es war verbittert.
      »Solche Worte aus deinem Mund sind das Problem«, sagte er. »Die meisten sehen dich als einen großen Weisen. Sie denken aber nicht weit genug. Ja, das Eichhörnchen ist kein Falke, so oft man es auch wiederholt. Du bist aber auch kein Gott. Egal, was alle sagen.«
      »Mein König, ich …«
      »Halt den Mund, Fimri!«, herrschte der König ihn an. »Denkst du, ich weiß nicht, was geredet wird? Sie halten dich für meinen wiedergeborenen Großvater. Weil du deinen ersten Schrei in der Nacht tatest, in der er seinen letzten Atemzug machte. Weil du ein großer Krieger bist und ein Anführer, der seine Männer nicht zu mehr zwingt, als er selbst tun würde. Weil sie dich für weise halten, obwohl deine Weisheit doch nur aus Sprüchen besteht, die genauerem Nachdenken nicht standhalten. Vielleicht tun sie es aber ja doch, und du wolltest mit deiner Eichhörnchenmetapher genau das sagen; dass ich nämlich kein Gott bin, so oft ich es auch wiederhole und wiederholen lasse.«
      Fimri wusste nicht, was er dazu sagen sollte. Er schluckte. Der König verachtete ihn. Er hatte es schon geahnt. Die missgünstigen Blicke, wenn er von den Missionen erfolgreich heimkehrte, auf denen er eigentlich sterben sollte, während er selbst auf seinem Thron saß und statt sich selbst zu beweisen nur immer neidzerfressener wurde.
      »Mein König, ich bin dein treuer Diener«, sagte Fimri schließlich.
      »Oh ja«, sagte Mótsognir und erhob sich. »Du bist mein treuer Diener und du tust, was ich dir befehle. Darum wirst du mit mir morgen in den Drachenhort gehen. Du wirst die Kreatur ablenken und ich werde sie töten. Man wird in Liedern von dir singen, Fimri. Du wirst als der treue Diener in die Legenden eingehen, der im Drachenfeuer starb, als sein König zum Gott wurde.«

      Der Schlaf kam langsam und er brachte düstere Träume mit sich. Fimri hatte noch einmal den Drachen gesehen, wie er die Felder und Obstbäume, den größten Teil er Ernte verbrannte. Er hatte noch einmal die hungernden Kinder in den tiefen Stollen gesehen, in die sich das Volk zurückgezogen hatte, welches genau wusste, dass es im Frühjahr nicht hinausgehen und säen konnte. Er hatte die Verzweiflung in den Augen der Greise gesehen, die wussten, dass sie eine Flucht nach Westen, fort aus dem Gebirge, nicht mehr überstehen würden. Er hatte die verzagten Krieger gesehen, die nicht wussten, wie sie gegen einen solchen Feind vorgehen sollten. Und er hatte Mótsognir gesehen, der entschlossen war, den Drachen zu töten und so alle Zweifel an seiner Göttlichkeit ein für alle Mal zu zerschmettern.
      Und eben jener König schritt nun über die zertrümmerten Überreste des Tores hinweg in den Tunnel, der zu dem Hort des Drachen führte. Seine Männer und sein Sohn, Prinz Vangri, sollten draußen warten, lediglich Fimri begleitete ihn. Der König trug eine Lanze aus schwerem, dunklen Eichenholz mit einer stählernen Spitze, über welche die Magier Tag und Nacht Zauber woben, um ihr die Schärfe zu verleihen, selbst die Haut eines Drachen zu durchdringen. Fimri selbst trug nur sein Schwert und seinen Schild. Seinen lächerlichen Eichenschild, der jeden Axthieb und jeden Schwertstreich abwehren konnte, doch im Drachenfeuer nicht mehr Schutz bieten würde als ein trockenes Blatt.
      Fimri und Mótsognir gingen immer tiefer in den Tunnel und in die Dunkelheit, in die nur fahles Licht durch schmale Fenster fiel. Für die Augen von Zwergen aber reichte dieses Licht und so konnte Fimri sehen, wie der Drache hier gewütet hatte. Getrocknetes Blut konnte er nicht nur am Fußboden erkennen, sondern auch an den Wänden und sogar an der hohen Decke. Der Gang führte geradeaus in die große Halle, die einstige Heimstätte einer ehrwürdigen Zwergensippe, welche jedoch an nur einem Tag vollständig ausgelöscht worden war.
      »Du gehst nun voran, Fimri«, befahl der König ihm. »Lenk den Wurm ab. Ich werde einen dieser Seitengänge nehmen, die in die Halle führen. Lenk du ihn ab, sodass ich ihn von hinten erstechen kann.«
      Fimri zögerte.
      »Nur zu: Beweise deine Tapferkeit! Vielleicht überlebst du es sogar?«
      Fimri erwiderte nichts, sondern wandte sich vom König ab, zog sein Schwert und machte einige Schritte auf die Halle zu.
      »Warte aber noch einen Moment ab, bevor du dich als Leckerbissen präsentierst! Warte, bis ich dir ein Zeichen gebe. Wir haben uns die Pläne angesehen; ich werde durch den nördlichen Gang kommen. Versteck du dich so lange hinter einer Säule. Sobald du mich siehst, wirst du hervorspringen und die Bestie ablenken!«
      Fimri blieb einen Moment stehen, nickte dann aber nur und ging. Der Plan war schlecht. Nicht nur, weil sein Überleben mit ihm so gut wie ausgeschlossen war. Auch stand es nicht gut um das Leben des Königs. Wie sollte er den Drachen so lange ablenken? Für den Drachen war er höchstens ein Appetithäppchen. Er hatte an den Wänden im breiten Gang gesehen, dass sich das Biest regelrecht hindurchgezwängt haben musste. Und selbst wenn er nicht gleich verschlungen werden sollte; wie sollte er den Drachen so lange beschäftigen, dass dieser nicht merkte, wie der König sich von hinten an ihn anschlich?
      Fimri näherte sich, dich an die Wand gedrückt, der Halle, um so nicht völlig auf dem Präsentierteller zu sein. Es war recht lächerlich. Das Einzige, was ihm einigen Schutz bot, war ein umgestürzter Karren am Eingangsbereich der Halle, hinter dem er sofort in Deckung ging. Fast wäre er aber stehen geblieben, als er den Drachen erblickte, der zusammengerollt wie eine Katze in der hintersten Ecke der Halle lag. Fimri riss sich von dem Anblick los und kauerte sich hinter dem Wagen zusammen. Der Drache war furchtbar. Fimri war einmal mit einem Spähtrupp in die Höhle eines Bären getappt. Dem Tier fielen zwei seiner Männer zum Opfer und bis zu dem Tag, als der Drache auftauchte, war sich Fimri sicher gewesen, dass es kein furchteinflößenderes Wesen als ihn geben konnte. Oh wie er sich geirrt hatte!
      Fimri spähte hinüber zum nördlichen Seiteneingang. Der König war noch nicht da. Dann wagte er einen weiteren Blick zum Drachen, der noch immer regungslos da lag. Er war schrecklich, doch auf eine gewisse Weise auch schön – nein; er war erhaben. Erhabener, als es ein Zwergenkönig, ob nun Gott oder nicht, je sein konnte. Seine Schuppen bildeten einen Panzer aus schimmernder Bronze. Seine Klauen waren von einem weiß wie das Elfenbein, welches Händler aus dem hohen Norden mitbrachten und mit Gold aufwogen. Er war riesig, aber schlank, fast wie eine Schlange, und wie eine Schlange bewegte sich sein Schwanz, dessen Ende wie ein umgedrehtes Herz aussah. Fimri ging rasch wieder in Deckung. War die Kreatur aufgewacht? Konnte sie ihn wittern? Er wagte es nicht, dies in Erfahrung zu bringen. Stattdessen schaute er noch einmal zum nördlichen Korridor, an dem immer noch kein Zeichen des Königs zu sehen war.
      Fimri schaute sich um und betrachtete die Säule, die ihm am nächsten war. Auch an ihr waren Spuren vom Feuer zu sehen, doch waren sie nicht so schlimm wie an den Felsen draußen. Hinter dem hölzernen Karren hatte er keinen Schutz vor dem Odem des Drachen, hinter der Säule vielleicht schon eher. Fimri schätzte die Entfernung ab. Es waren nur wenige Schritte. Er nahm seinen ganzen Mut zusammen, dann legte er seinen nutzlosen Schild beiseite, erhob sich aus seiner kauernden Haltung und …
      »Tritt hervor, mein Freund.«
      Es war die Stimme des Drachen.


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      Das fünfte Türchen führt in eine tiefe Höhle, aus der beißende Hitze gegen die eisige Kälte außerhalb schlägt. Vage ist noch ein Feuerschein auszumachen, dann ist es vorbei. Wagen wir uns hinein.



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      Der Gottkönig Teil 2


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      »Tritt hervor.« Die Worte trafen Fimri wie ein Schlag. Seine Eingeweide verkrampften sich, sein Herz setzte einige Schläge aus und er sackte fast zusammen. Er hatte es immer nur für Märchen und Sagen gehalten, dass Drachen tatsächlich sprechen konnten. In ihnen wurden ihre Stimmen oft als tief und grollend beschrieben, sodass selbst die Erde erzitterte, wenn sie das Wort erhoben. Diese Stimme aber war nicht so. Sie war wie das Äußere der Kreatur; furchterregend, aber auch schön. Es war eine tiefe Stimme, in der keinerlei Kälte lag. Eine Stimme, die einem klugen Geschöpf gehörte, keiner reißenden Bestie, die ihn sofort verbrennen oder fressen würde. Konnte man nicht mit dem Drachen verhandeln? Natürlich würde er mit ihm reden können. Sie könnten ihm anbieten, ihn mit allem zu versorgen, was er begehrte. Im Gegenzug würde er sie in Frieden lassen. Vielleicht würde er sie sogar beschützen?
      »Tritt hervor und zeig dich«, sagte der Drache und Fimri hörte, wie seine Schuppen sich über den steinernen Fußboden kratzten. »Ich weiß, dass du hier bist.«
      Fimri war drauf und dran, hervorzutreten, doch etwas hielt ihn davon ab. War es Angst? Natürlich hatte er Angst! Er war starr vor Angst, sodass nicht einmal seine Hände zitterten, so starr vor Angst, dass seine Knöchel weiß hervortraten, als er sein Schwert umklammerte. Aber stärker war trotzdem die Stimme der Vernunft, die ihm sagte, nein, die ihn anschrie, nicht auf den Drachen zu hören. Er hatte gesehen, wie der Drache nicht nur die Felder, sondern auch die Bauern verbrannte. Er hatte das Blut in den Gängen gesehen und wusste, dass er nur deshalb keine Leichen dort lagen, weil die Schlange sich an ihnen satt gefressen hatte. Die Stimme war trügerisch, hypnotisierend.
      »Kleiner Zwerg«, sprach der Drache weiter, »ich sehe dich. Ich sehe dich wie du ein Feuer in finsterster Nacht sehen kannst. Ich weiß, dass du dich dort im Gang versteckst.«
      Im Gang? Er war nicht im Gang.
      »Du kleiner Narr«, säuselte der Drache nun. »Du trägst ein Licht bei dir. Ein strahlendes Licht, das selbst durch Stein dringt.«
      Nun hörte Fimri das Klacken von Krallen auf Stein.
      »Meiner Rasse ist die Magie Untertan. Wir erkennen sie. Ich weiß, dass deine Waffe verzaubert ist. Ich weiß, dass du beabsichtigst, mich zu töten, kleiner Zwerg. Kann ich es dir verübeln?«
      Fimri hörte, wie der Drache seine Flügel ausbreitete. Wollte er hier drinnen fliegen? Unmöglich. Dafür war die Halle viel zu klein. Er streckte sich nur. Fimri dachte kurz über die Worte des Drachen nach, dann wurde ihm bewusst, was sie bedeuteten; der Drache sprach nicht mit ihm, er sprach mit dem König. Er hatte den König entdeckt! Aber bedeutete das auch, dass er ihn selbst noch nicht ausgemacht hatte? Fimri fasste sich ein Herz. Er hatte in vielen Schlachten gekämpft. Er stand so oft einer Übermacht gegenüber. Sollte er nun hier kauern wie ein verängstigtes Kaninchen? Warten, bis der Drache den König gefressen hatte und dann ihn fand und ebenfalls verschlang? Nein. Er würde Schande über sich und seine Sippe bringen. Fimri lugte hervor und sah, wie der Drache seinen Hals bereits in den nördlichen Tunnel streckte. Das gewaltige Monstrum schob sich schwerfällig in das Loch, das viel zu klein für es war. Steine knackten und er hörte nun Schreie und ein Donnern. Der Boden erbebte und Schutt rieselte von der Decke.
      »Nun sind unsere Bedingungen nahezu gleich, nicht wahr? Du kommst nicht heraus aus dem Loch, aus dem du gekrochen bist, und ich komme nicht so schnell zurück in die Halle, aus der ich kam«, sagte der Drache. »Ein gerechter Kampf. Meinst du nicht?«
      Gedämpft hörte Fimri den König nun um Gnade flehen.
      »Du hast sogar eine Waffe. Ich habe nur das, mit dem ich geboren wurde.«
      Der Drache weidete sich augenscheinlich an der Angst des Königs. Er hätte ihn ohne Zweifel längst töten können.
      »FIMRI!«, schrie der König.
      Einen Augenblick lang herrschte Stille.
      »Du hast einen Lakaien dabei?« Der Drache regte sich. Fimri sah, dass er versuchte, sich wieder hinaus dem Tunnel zu zwängen. Es war nicht leicht für die Echse, aber sie würde es schaffen. Er konnte ihr nicht entkommen. Sie würde ihn genauso finden wie den König und Weglaufen war nicht möglich. In diesem Moment tat Fimri etwas, was entweder vom größten Mut oder von der größten Torheit zeugte: Er lief auf den Drachen, der nun mit dem Schwanz schlug, zu. Er wich ihm aus und war nun direkt neben ihm. Er schlug mit dem Schwert gegen den Schuppenpanzer, was absolut nichts brachte. Fimri hörte, wie der Drache, der sich nun bereits wieder mehrere Handbreit aus dem Tunnel zurückschob, Feuer spie. Kurz bevor dies geschah, vernahm er noch einmal einen Schrei seines Königs, der rasch verstummte. Fimris Herz pochte so stark wie nie zuvor. Es schien, ihm die Brust zu zerreißen. Er stach nun von unten in den Leib des Drachen und tatsächlich drang seine Klinge in ihn ein. Am Bauch war er nicht so gut gepanzert. Fimri bohrte tiefer, riss dann das Schwert heraus und dunkles Blut ergoss sich und spritzte dampfend zu Boden. Der Drache schlug mit seinem Schwanz um sich, doch Fimri war außer Reichweite. Der Zwerg stieß erneut seine Klinge in den Unterleib der Bestie, die ohrenbetäubend aufbrüllte.
      »Halte ein!«, rief der Drache aus, als Fimri das Schwert wieder hinausgezogen hatte. »Halte ein und ich mache dich zu einem König deines Volkes!« Die Bestie schob sich weiter aus dem Tunnel heraus, an dessen Decke sich erste Risse zeigten. »Lass mich deine Feinde vernichten! Ich werde dir dienen – keiner wird es wagen, sich dir jemals in den Weg zu stellen!«
      Doch der Bann der Worte des Drachen war gebrochen. Fimri wusste, dass es Lügen waren. Der Drache schob sich weiter aus dem Tunnel, und Fimri wusste, dass er ihn noch nicht wirklich schwer verletzt hatte. Sobald der Drache sich aber befreit hatte, war jegliche Möglichkeit vertan, ihn noch töten zu können. Das Biest drückte sich weiter heraus. Fimri sah nun die Stelle, an der das Herz des Drachen sein musste. Er betete zu seinen Ahnen, auf dass sie ihm Kraft geben würden, und stach zu. Doch in genau diesem Augenblick riss der Drache sein linkes Vorderbein nach hinten und schlug den Zwerg beiseite. Fimri rollte sich nun unter den Bauch des Drachen. Er wollte erneut zustechen, als er dann beschloss, noch einmal innezuhalten. Der Drache machte einen Satz nach hinten und entblößte dabei seinen schlangenartigen Hals. Dies war der Augenblick, der alles entscheiden sollte – der alles entscheiden musste. Fimri stieß mit einem Schrei zu. Das Brüllen des Drachen wurde zu einem Gurgeln. Heißes Blut troff auf Fimri und ätzte sich in seine Lederrüstung und seinen Umhang. Der Drache richtete sich über ihm auf, rasend vor Schmerz, würgend und röchelnd. Fimri krabbelte wie ein Käfer davon, versuchte, aufzustehen, stürzte, versuchte es erneut und rannte zum Ausgang. Hinter ihm schlug die Bestie wild um sich. Fimri drehte sich um und sah, wie der Drache, der sich nun wand wie eine Schlange im Griff eines Falken, dazu ansetzte, Feuer zu spucken. Allerdings zielte er nicht auf den Zwerg, sondern hob seinen Kopf in einem letzten Kraftakt. Feuer schoss aus seinem Maul, seinen Nüstern und aus der Wunde in seiner Kehle, in der immer noch das Schwert steckte, und mit dem Feuer verließ auch das Leben den Drachen.
      Fimri wandte sich von dem Anblick ab und trabte hinaus aus dem Tunnel, hinaus ans Sonnenlicht. Er holte tief Luft und sank auf die Knie. Er hatte nicht nur überlebt, sondern auch den Drachen getötet. Er sank vornüber und stützte sich mit den Händen ab, während Tränen hinunter auf den kargen Felsboden fielen. Es waren Tränen der Erleichterung, aber auch der Trauer. Nicht nur für all die Zwerge, die dem Drachen zum Opfer gefallen waren, sondern auch für den toten König, der ihn gehasst hatte.
      »Fimri?«
      Fimri blickte auf und wischte sich die Tränen aus den Augen. Vor ihm stand Vangri, der Sohn des gefallenen Königs. Nach und nach kamen weitere Krieger hinter den Felsen hervor.
      »Vangri, dein Vater, er ist …«
      »Tot«, beendete Vangri den Satz flüsternd. »Und der Drache?«
      »Ich habe ihn …«, begann Fimri, brach dann aber den Satz ab, der ihn selbst so unglaublich erschien. »Er ist auch tot.«
      Fimri musterte das Gesicht des Prinzen. Für einen Augenblick erwartete er, dass Vangri ihm vorwerfen würde, seinen Vater, den König, sterbengelassen zu haben, doch der Prinz schaute ihn nur aus traurigen Augen an und reichte ihm dann die Hand. Fimri ergriff sie und Vangri zog ihn hoch. Der Prinz legte seine Hände auf Fimris Schultern und schaute ihm ihn die Augen, als er zu seinen Männern sprach.
      »Heute ging unser König in diese Halle, um einen Drachen zu erschlagen.« Der Prinz machte eine kurze Pause, dann rief er laut, dass es von den Felswänden widerschallte: »Vom Erfolg gekrönt verließ sie unser Gottkönig!«
      Die Männer schienen einen Moment verwirrt, dann begannen sie, zu jubeln.
      »Ein jeder wusste es, Mótsognir«, sagte Vangri nun zu ihm und es fühlte sich für Fimri seltsam an, mit dem Namen angesprochen zu werden, den auch der König getragen hatte, welcher kurz zuvor auf so grausame Art getötet worden war, der Name, den dieser König zu Ehren seines vergötterten Großvaters bekommen hatte, und in dessen Schatten er immer gestanden hatte. In Vangris Augen funkelten nun ebenfalls Tränen. »Frag die Alten; du bist das Abbild meines Großvaters – im Äußerlichen, mehr noch aber im Inneren. Niemand kann es verleugnen.«
      Dann kniete Vangri vor ihm nieder, und zu Fimris Unbehagen taten es ihm die anderen gleich.
      »Lang lebe unser wiedergeborener Gottkönig!«, rief Vangri und die Krieger stimmten in seinen Ruf ein. »Lang lebe Mótsognir Djorkungr!«


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      Das sechste Türchen führt in die Welt der Lebenden. Zwei Seelen schlüpfen hindurch, als es sich unerwartet öffnet, sie wurden gerufen. Die bunten Farben und klingenden Geräusche locken sie nicht, aber wir fühlen uns dort sehr viel wohler, denn wir zählen ja zu den Lebenden. Treten wir schnell durch das sechste Türchen, bevor es sich wieder schließt.



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      Das Geschenk


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      Was sich damals wirklich ereignete, darüber sind sich die Experten uneinig. Manche sagen, dass die Ereignisse wirklich so abgelaufen sind, wie man es erzählt, andere behaupten, es wären nur Geschichten, um den Kindern Hoffnung zu geben. Aber wie man es nun auslegt, es wird aus dem Grund erzählt: Hoffnung. Die Geschichte handelt von einem jungen Mann, der sein Leben gab, um einem Freund jenes zu schenken.

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      Die Sache mit dem Tod ist nicht ganz einfach. Manche nehmen ihn hin, wie er ist, andere kommen nicht damit klar, und dann gibt es die Gscheiten, die glauben, sie könnten ihn umgehen oder rückgängig machen. Letztere sind die Urheber der Wiedergänger. Damals wurden sie noch verfolgt, man wusste doch nicht, dass andere an ihrer Wiederkehr schuld waren. Wiedergänger entstehen, wenn eine Seele in ihren Körper zurückgezwungen wird, obwohl der Tod schon vollständig
      abgeschlossen ist.

      Es gibt verschiedene Arten der Wiedergänger: Die ersten sind die Friedlichen. Sie haben ihr Leben ohne Gewalt gelebt und konnten niemandem ein Leid zufügen. Als Wiedergänger vegetieren sie emotions- und willenslos vor sich hin, nehmen zwar alles wahr, jedoch bleiben sie Wesen reinen Intellekts, unfähig, zu den noch lebenden menschlichen Kontakt zu pflegen.

      Die zweiten sind die Rächer. Wenn der Tod einen holt, aber die Seele zurück in den Körper gerissen wird, bevor er sie seiner Sammlung hinzugefügt hat, wird er alles dafür tun, dass das Unrecht, das ihm zugefügt worden ist, zu begleichen. Ihm ist eine Seele gestohlen worden, und so wird er sich so viele holen, bis er die ihm rechtmäßig zustehende hat, oder eine Sammlung ähnlichen Wertes. Da es nun aber nicht in der Natur der Menschen liegt, sich selbst das Leben zu nehmen, wird der Wiedergänger alles dafür tun, dem Tod Seelen zu sammeln.

      Die dritten sind die Unvollständigen, die durch Unerfahrene zurückgeholt wurden. Bei ihnen konnte die Seele nicht vollständig an den Körper gebunden werden, wodurch sie Untoten gleichen. Der Tod unterwirft sie sich dann, und so müssen sie ihr unnatürliches Leben damit verbringen, ihm als Diener beim Seelensammeln zu helfen.

      Nun war eine kleine Gruppe nach dem tragischen Verlust zweier Freunde in der Situation, sie zurückzuholen. Colin Macorin hatte Gerin Tavorin, den er schon seit seiner frühen Kindheit kannte, vor den Fingern des Todes gerettet. Nun, das hatte er sich so gedacht, als er das Ritual durchgeführt hatte. Jetzt war er sich nicht mehr so sicher, ob er ihm geholfen hatte. Gerin war ein Friedlicher geworden, war allerdings nicht mehr so aktiv und lebensfroh wie früher. Warum auch, er war gestorben!

      Asinom Nin, ein junger Abenteurer, der immer direkt an die Probleme trat, war auch beim Unfall umgekommen. Ihn zurückzuholen war wohl der größere Fehler gewesen. Drei Menschen mussten nach seinem Ausbruch schon das Leben lassen, wer weiß, wie viele es inzwischen waren. Er war in die Berge geflohen, da kam er hoffentlich mit weniger Menschen in Kontakt.

      Colin sorgte sich aber mehr um Gerin, den er nicht so leblos ertragen konnte. Er fragte jeden Weisen, jeden Gelehrten, jeden, der sich mit den Grauen Künsten auskannte, doch keiner wusste, wie er ihm helfen konnte. Die Tatsache, dass Colin in seinen jungen Jahren solch eine Leistung erbracht hatte, lenkte auch stark von seinem eigentlichen Begehren ab. In seiner Verzweiflung wollte er schon die Mächte des Universums fragen, als ein Callator erschien.

      „Colin Macorin, was du getan hast, widerspricht den Gesetzen des Universums“, sprach der Callator. „Du hast dem Tod genommen, was seins war, doch du gibst es ihm nicht zurück! Gerin leidet, denn er weiß, dass er nicht in diese Welt gehört. Er muss dorthin zurückgeschickt werden, wo er herkam, wenn sein Leid beendet werden soll. Der Tod ist nachtragend, er vergisst nie, und wenn er nicht bekommt, was ihm zusteht, wird er dir alles nehmen, was dir von Wert ist!“

      Colin hörte den Worten des Callators zu, doch er wollte Gerin nicht gehen lassen. Der Callator konnte ihm auch keinen Rat geben, denn die einzige Möglichkeit, die Colin anscheinend blieb, war ein Opfer. Ein menschliches Opfer. Er konnte aber auch nicht irgendwen opfern, denn der Tod würde einem solchen Opfer nur einen geringen Wert geben. Nein, er musste ein Opfer bringen, das so groß war, dass es allen menschlichen Instinkten widersprach: Er musste sich selbst opfern! Ein solches Opfer würde dem Tod von derartigem Wert sein, dass er alles andere dafür hergeben würde, denn dieses Opfer konnten die Rächer nicht bringen.

      Colin befahl dem Callator, zu verschwinden, denn er war sich sicher, dass er ihn von seinem Vorhaben abhalten würde. Danach schnitt er sich in den Unterarm, um den Tod zu rufen, hielt aber eine Silbermünze bereit, um sich notfalls zu heilen. Als er die Umgebung nur noch verschwommen sah, zeigte der Ruf seine Wirkung. Kühler Wind zog auf, die Wolken verdunkelten den Himmel, und Colin hatte das Gefühl, bald frei zu sein. Vor ihm erschien eine Gestalt im schwarzen Umhang, die er -- im Gegensatz zur Umgebung -- scharf sehen konnte. Und als er der Gestalt direkt gegebüber stand, sah er dem Tod in die Augen.

      „Du hattest einen Freund, den ich nicht verlieren konnte, doch zurückgeben will ich ihn auch nicht“, sagte er der Personifikation des Abschieds. „Ich will, dass er wieder leben kann, wie er früher lebte, mit all seinen Emotionen, mit seinem Willen, so, wie ich ihn in Erinnerung habe. Ich weiß, dass du das nicht willst, aber ich biete dir etwas, das du sicher nicht ablehnen kannst -- mich!“

      Die Wolken lichteten sich, der Wind legte sich, und dann geschah etwas, das niemand für möglich gehalten hätte: Gerin stand aus eigenem Antrieb auf, ging aus dem Haus, über das Tal, bis zu der Stelle, an der Colin mit dem Tod verhandelt hatte, doch es war niemand da. Gerin wusste, dass er etwas verloren hatte, aber im Gegenzug etwas zurückgewonnen hatte.

      In den folgenden Tagen konnte er wieder alleine Essen, ohne dass jemand ihm Schritt für Schritt erklären musste, was er zu tun hatte. Er zeigte wieder Interesse an den Aktivitäten der anderen und langsam kamen wieder Emotionen zum Vorschein. Anfangs versteckt, zeigte sich hier und da ein Lächeln auf seinem Gesicht, und Tränen traten ihm in die Augen, als er an Colin denken musste. Sie hatten ihm ein Grab im Garten hergerichtet, doch wusste er, dass sein Freund nicht darin lag. Er war weg. Er war gegangen -- für ihn.


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      Das siebte Türchen ist aus Zeltleder gemacht. Obwohl der gefütterte Saum dicht mit dem Zelt abschließt, kriecht die Kälte überall hin. Da kann man doch genausogut durch das siebte Türchen hindurchgehen und sich an eines der Lagerfeuer setzen.



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      Maliikhu und der Stein aus Gold


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      Stellt euch vor, es ist bitter, bitter kalt. Der erste Schnee hat den kahlen Felsboden mit seinen weißen Flöckchen angezuckert, und bei jedem Atemzug schweben kleine, weiße Wölkchen vor euch her.

      Wer nichts außerhalb des Lagers zu erledigen hat, der hat sich in den Zelten verschanzt oder sitzt im Kreis seiner Lieben an den Lagerfeuern des Stammes versammelt. Heiße Suppe wird von klammer Hand zu klammer Hand weitergereicht und es wird gelacht und gesungen.

      Ein kleiner Welpe aber, Maliikhu aus dem Stamm Lauscht-dem-Stein, hat sich den Weg hinab zum Eingang jener Höhle gemacht, in welcher die kräftigsten der Stammesmänner Tag für Tag nach den wenigen Kostbarkeiten suchen, welche der rohstoffarme Berg zu bieten hat. Eine der kruden Spitzhacken trägt er nicht mit sich, denn viel zu schwach sind seine dünnen Ärmchen noch, um diese auch nur anheben zu können.

      Aber ein willensstarker Ausdruck leuchtet in seinen goldgelben Augen, als er seine Fackel anhebt und den Blick über die Höhlenwände wandern läßt. Lange dauert es nicht mehr, dann feiert sein Stamm das Fest des Khibikk Khibika, und ein jedes Stammesmitglied wird seinen Liebsten kleine Geschenke überreichen als Zeichen der gegenseitigen Zuneigung.

      Ein jeder Welpe freut sich auf das Fest, denn in den kargen Felslandschaften gibt es nicht oft etwas Schenkenswertes zu entdecken. Was man entgegen aller Wahrscheinlichkeit dennoch finden mag, das wird gerecht mit dem gesamten Stamm geteilt. Am Tag des Khibikk Khibika hingegen dürfen die Welpen endlich einmal etwas ganz für sich selbst behalten.

      Maliikhu aber wird dieses Mal nicht nur ein Geschenk annehmen, sondern selbst ein solches suchen, um damit jemandem eine ganz besondere Freude zu bereiten. Als Sohn des Häuptlings ist es schließlich seine Pflicht, ein wenig erwachsener zu sein als andere Welpen, nicht wahr?

      Also sucht und sucht und sucht er die Wände nach funkelnden Kostbarkeiten ab, mit welchen er den Häuptling überraschen könnte. Lange irrt er durch verzweigte Stollen und dunkle Gänge. Die Arbeiter des Stammes jedoch haben ihre Aufgabe vorbildlich erledigt, denn beim Abtasten der Felswände kann der junge Häuptlingssohn nichts von Wert entdecken.

      Erst als er im letzten Stollen bereits umkehren will, dort wo schon lange niemand mehr gegraben hat, da blitzt und funkelt ein Teil der Wand im Schein der Fackel plötzlich auf. Mit großen Augen tritt er an den Fels heran, und siehe da: ein wundervoll golden glitzernder Stein ist dort eingeschlossen, beinahe von der Größe von Maliikhus Daumennagel!

      Eilig hängt er die Fackel in eine der Halterungen, um sich einfrig an der Wand zu schaffen zu machen. Aber wie soll ein schwächlicher Welpe wie er den schönen Stein von der Felswand trennen? Viel zu hart ist der Untergrund, als daß er ihn mit den Fingern herauskratzen könnte, doch selbst die kleinste Spitzhacke ist ihm noch zu schwer, um es damit zu versuchen.

      Maliikhu aber ist nicht dumm, und geizig ist er auch nicht. An seinem Gürtel nämlich trägt er noch den kostbaren Dolch, welchen ihm zum letzten Khibikk Khibika Fest als Geschenk überreicht worden war, und er ist bereit, die scharfe Klinge für seine Gabe an den Häuptling zu opfern.

      Und so schabt und kratzt er um seinen Stein herum, wann immer es seine Aufgaben zulassen - Tag um Tag, immer nur ein kleines Stückchen. Schon bald sind seine Finger wund und sein geliebter Dolch ist völlig stumpf, Maliikhu aber gibt nicht auf. Selbst noch am Tag des Khibikk Khibika huscht er vorbei an den Arbeitern, hinunter in den leeren Stollen, um sich dort weiter seinem Stein aus Gold zu widmen.

      Tränen der Verzweiflung glitzern schon auf seinen staubigen Wangen und seine Finger zeigen sich aufgeschürft und blutig, da knirscht es mit einem Mal leise unter seiner ausgefransten Klinge, und: Plopp! Da springt es aus der Wand, sein steinernes Geschenk!

      Keine Zeit hat er mehr zu verlieren, der junge Maliikhu, denn draußen steht die Sonne sicherlich schon tief am Horizont. So greift er geschwind nach seinem Stein, und wie im Fluge huscht er durch die dunklen Gänge, vorbei an den letzten Nachzüglern der Bergleute und den steilen Pfad hinauf zum Lager des Stammes.

      Das Fest ist bereits in vollem Gange, es wird schon ausgelassen gesungen und getanzt und heißer Kürbiseintopf mit Familie, Nachbarn und Freunden geteilt. Der Schamane erzählt vom allerersten Khibikk Khibika Fest, woher der Brauch des Schenkens rührt, wo doch ohnehin das ganze Jahr über alles frei geteilt wird.

      Maliikhu liebt es ja, den alten Geschichten zu lauschen, heute jedoch hat er nur eines im Sinn: Dem Häuptling sein Geschenk überreichen, an welchem er so lange und so hart gearbeitet hat. Und so tritt er eilig an dessen Platz am großen Hauptfeuer heran, beide Hände in der alten Geste des Schenkens ausgestreckt. Freudig und mit aufgeregter Stimme ruft er:

      »Tefi Khibikk Khibika!«

      Mit erwartungsvollen Blicken wenden sich unzählige Köpfe herum, um den Sohn des Häuptlings beim Überreichen seines ersten selbst gefundenen Geschenks zu beobachten. Und so sind sie alle Zeuge, als der kleine Maliikhu kalksteinbleich wird beim Anblick dessen, was er da seinem Häuptling entgegenstreckt.

      Im Schein des Lagerfeuers nämlich erkennt er nun zum ersten Mal, was er da nach all der langen Zeit aus der Felswand geschlagen hat. So wunderschön golden glitzernd, und doch ist es nur ein versteinerter Tashtibby Käfer, der da auf seinen aufgeschundenen Handflächen ruht.

      Der Häuptling aber greift danach, als wäre es ein Schatz von unvorstellbarem Wert, und sachte bettet er den goldenen Käfer in seinen Schoß. »Das ist das schönste Geschenk, das du uns hättest machen können, Maliikhu.«

      Daraufhin bricht der Welpe in Tränen aus, denn noch kann er die Bedeutung hinter dieser Aussage nicht erkennen. »Aber das ist doch nur ein dummer, dummer Käfer! Kein Stein aus Gold, kein Geschenk, das man einem Häuptling macht!«

      Mit einem breiten Grinsen schüttelt da der Häuptling seinen Kopf, und er greift Maliikhus Hände, um diese leicht zu drehen und so den um das Feuer herum Sitzenden zu präsentieren. »Der Käfer mag keinen materiellen Wert besitzen, und doch ist er hübsch anzusehen und wird einen ganz besonderen Platz in unserem Zelt bekommen. Das Geschenk, von dem ich spreche, ist aber eines, das du nicht mir gemacht hast.«

      Nichts weiter als Verwirrung lösen die Worte bei Maliikhu aus, doch als er den Blick in die Runde schweifen läßt, da erwarten ihn ausschließlich strahlende Gesichter. Freunde und Herzlichkeit kann er in ihren Augen blitzen sehen, keine Enttäuschung ob seines Versagens.

      »Denn er gehört dem ganzen Stamm«, verkündet der Häuptling mit erhobener Stimme, sodaß alle ihn hören mögen, »der tüchtige Maliikhu, der mit seiner Güte und seiner Beharrlichkeit den Lauscht-dem-Stein einst ein guter Häuptling sein wird.«


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      Das achte Türchen ist sichtlich sehr sehr stabil, was auch bitter nötig zu sein scheint, denn rundherum ist der Putz an etlichen Stellen abgebröckelt. An die Wand sind Kabel gedengelt und an einer Stelle werden sie durch ein kleines Loch hindurchgeführt, welchem Zweck die wohl dienen? Als sich das achte Türchen öffnet, erklingt ein gar grässliches Geräusch ...



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      Ein Tag im Leben von Yossir Krag-Schalati, Alchemieingenieur in Dul Hammad Teil 1


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      *Krrrrrräääng* *Krrrrrräääng* *Krrrrrräääng*... Mit diesem offenbar nach dem Kriterium "möglichst laut und nervig" gewählten Geschepper riss das Telefon Yossir aus dem Schlaf. Von der letzten außerplanmäßigen Nachtschicht noch nicht ganz ausgeruht grabschte er nach dem Hörer, bis er ihn schließlich zu fassen kriegte.
      "W's is'?", nuschelte er in die Muschel, wohl wissend, wer höchstwahrscheinlich am anderen Ende der Leitung saß. - "Holerö! Ich bin's, Nan!", antwortete eine energetische Mädchenstimme "Aaaalsooo, Yossir... Ich hab' gute und schlechte Neuigkeiten..." - "Und die wären?", gähnte der aus dem Schlaf Gerissene mit der größten Mühe, Malnango nicht mit seiner üblen Morgenlaune anzustecken.
      "Die gute Neuigkeit ist, dass wir 'das Projekt' heute zu Ende bringen und dafür noch eine saftige Bonuszahlung kassieren können!", erklärte die junge Sekretärin "Die schlechte... Nun ja... Murhad meinte, er bräuchte dich dafür heute schon zur Frühschicht..." - "Alles klar... bringen wir's hinter uns...", seufzte Yossir, "Bin gleich da!" - "Hehe! Alles klar!", kicherte Nan, "Bis gleich!" - "Bis gleich!", murmelte junge Mann und legte auf.

      Mühselig schleppte er sich aus dem Bett ins Badezimmer, wo alles, was anderswo aus Keramik war, aus Metall gefertigt war. Alles andere konnte man sich in diesem Teil von Dul Hammad nicht leisten, zumindest nicht auf Dauer. An Spiegeln gab es auch nur einen kleinen, dick in Handtücher eingewickelten Handspiegel. Nachdem er sich gewaschen hatte, zog Yossir seine flammhemmende Arbeitskluft an und kochte sich erst mal einen Kaffee, um wach zu werden. Zum Frühstück gab es wie üblich Brot mit Erbsenpüree und frischen Gemüsejoghurt.

      Auf dem Tisch lauerte aber auch noch ein Stapel Papiere, der den jungen Ingenieur jedes mal erschaudern ließ: Der Projektplan, voller wahnwitziger Formeln und irrsinniger Apparaturen. Jeder, der nicht im Alchemieunterricht geschlafen hatte konnte das Grauen bereits erahnen. Für jemanden wie Yossir grenzte es schon fast an ein Wunder, dass das Papier, auf dem die Formeln gedruckt waren, noch nicht in Flammen aufgegangen war. So instabil, wie die abgebildeten Verbindungen waren, hätte er es zumindest dem Papier nicht übel genommen, wenn es sich zum Wohle aller selbst zerstört hätte.
      Mit einem lauten Seufzen nahm er sich den Projektplan noch einmal vor und zur Überraschung von absolut niemandem war er noch immer genau so hirnverbrannt wie am Tag zuvor. Jedes mal, wenn Abscheulichkeiten wie diese auf seinem Schreibtisch vorfand, dachte er darüber nach, ob er nicht doch lieber Nekromant oder Kanalarbeiter in der Unterwelt hätte werden sollen.

      Doch dann erinnerte er sich an dieses seltsam erbauliche Gefühl, das er jedes mal hatte, wenn sich diese alchemischen Gräuel mit einem lauten Knall in Rauch auflösten. Yossir löffelte noch schnell den restlichen Joghurt aus, bevor er den Plan in die Tasche stopfte und sich auf den Weg zur Arbeit machte.
      Die gewaltigen Kessel und Rohre des "Quelldorfs" - Arlud Nebdilu - glitzerten rauschend und brummend in der aufgehenden Sonne. "Hach ja...", dachte sich der junge Techniker und schnupperte die schwach nach Staub und Petrolether duftende Morgenluft, "Mal wieder mit was weniger entzündlichem arbeiten... Erdgas... Leichtbenzin... das wäre mal was..."
      Die Straßenbahn hatte zwar seit Jahren keine Fensterscheiben mehr, aber sie war pünktlich wie immer und brachte ihn zuverlässig zu den Versuchsständen 9 bis 12 in Metud Karabi, dem "Segenshügel". Am Werkstor warteten einige in Schutzwesten gekleidete Wachen, die Yossir wie auch seine Kollegen den üblichen Sicherheitsprüfungen unterzogen, bevor sie ihn hinein ließen. Im Verwaltungsgebäude des eigentlichen Versuchsstandes wurde er sogleich von Malnango begrüßt.

      "Holerö!", rief ihm die quirlige Lefhin von ihrem Schreibtisch aus zu, "Meister Mur-Haddin wartet schon auf dich!" - Yossir grüßte mit einem Lächeln zurück und ging weiter zur "Bühne". Jedes mal, wenn Nan ihm begegnete, schaffte sie es, ihm ein wenig gute Laune zu schenken - im Gegensatz zu gewissen anderen Spitzohren, die sich hier gelegentlich sehen ließen.
      Yossir fragte sich aber gleichzeitig auch, was ein so junges Mädchen an einem so gefährlichen Ort machte. Murhad hatte auch mal behauptet, "Malnango" sei ein lefhisches Wort für "Obstsalat". Warum sie sich so nannte? Der Probiermeister meinte dazu zunächst nur, manche Lefhen seien halt bekannt dafür, dass sie öfter ihren Namen wechselten, als ihre Haarfarbe.
      In einer ruhigen Minute hatte Nan auch einmal von einem seltsamen Krieg in ihrer alten Heimat erzählt. Seitdem seien Rothaarige dort nicht mehr gern gesehen -

      *Mööp-Mööp-Mööp-Mööp-Mööp-Mööp* trötete plötzlich ein Signalhorn und *Rumm!-Bumm!-Bumm!-Bumm!-Bumm...!* erschütterte wenige Augenblicke später ein stakkatoartiges Donnern wie Trommelfeuer das Gebäude. Die junge Lefhin zuckte beim ersten Knall zwar etwas zusammen, aber sonst schien sie wie Yossir und die anderen "Veteranen" davon nicht sonderlich verängstigt. Es muss wohl einer dieser bizarren Lefhenkriege gewesen sein, vor dem Nan geflohen war. Einer von der Sorte, in denen ohne Bomben, Gewehre und andere Waffen gekämpft wurde. Zumindest die meiste Zeit nicht.

      Der Lärm war so schnell verstummt, wie er gekommen war. "Dass die von Stand 11 ihre Pulstests immer so früh machen müssen...", grummelte Yossir, bis er seinen Vorgesetzten, einen grauhaarigen, zauseligen Zwerg, bereits hektisch an den Kabeln und Rohrleitungen auf der Testbühne herumschrauben sah. - "Hej-Ho, Yossir!", rief der alte Probiermeister mit verrauchter Stimme, "Du kommst gerade rechtzeitig! Kannst du dir nochmal die Injektoren in Brennkammer 3 anschauen?"
      "Hej-Ho!", grüßte Yossir freundlich, wenn auch etwas verdutzt, zurück, "Klar kann ich mir die mal anschauen, aber sollten wir nicht erst..." - "Einen guten alten Hammerschlagtest durchführen?", unterbrach Mur-Haddin, "Oder einen Zündverzögerungstest, bei dem man nicht riskiert, ein teures Testtriebwerk zu zerdeppern?" - "Genau...", antwortete Yossir, der sich aber direkt daran machte, die Apparatur zu untersuchen.
      "Tja, das würde jemand tun, der seinen Kopf nicht nur als Perückenhalter benutzt...", grummelte Mur-Haddin und zog ein mehr zerknülltes als zusammengefaltetes Papier aus der Westentasche, "Aber deshalb war es ja auch jemand von der Konzilsakademie, der dieses Gutachten hier erstellt hat... Angeblich alles vollkommen harmlos..." - "Mmmhmm...", nickte Yossir, der gerade ein ungewöhnliches Verfärbungsmuster in der Brennkammer in Augenschein nahm "Wurtzan-Undecanitrat, Fyraxo-Fluxonsäure - klingt ja schon so harmlos, dass sich die werten Herren das statt Honig und Zitrone in den Tee kippen könnten.... Hey, ich glaube hier ist eine Dichtung durchge-"


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      Das neunte Türchen wirkt etwas korrodiert, aber noch fällt es nicht aus den Angeln. Man muss aber definitiv sehr vorsichtig damit umgehen, denn schon die hiesige Lautstärke fordert die Scharniere beachtlich ... und dann fällt das Türblatt tatsächlich um. Allemal kann man so auch sehr leicht durch das neunte Türchen hindurchgehen.



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      Ein Tag im Leben von Yossir Krag-Schalati, Alchemieingenieur in Dul Hammad Teil 2


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      *Tääää-täterätät-täätää!* schmetterte ihm plötzlich eine Fanfare ins Wort, die zu einem der unbeliebtesten Geräusche der ganzen Anlage gehörte, nur übertroffen vom Feueralarm in den Treibstofflagern. - "Ratsna-Kutta!", knurrte der Probiermeister, "Ich hoffe Malnango kann diesen strohköpfigen Deppen erklären, dass man dieses 'WUFF' besser erst mit ein paar Blecheimern und einem dicken Hammer testet und nicht in einem magnetooptischen Dwem-Potentiograph."
      "Was? Ein Dwem-Potentiograph?", rief Yossir, der vor Schreck fast seinen Schraubenschlüssel fallen ließ, "Das ist doch nicht deren Ernst! Bei diesem Zeugs wären mir selbst die Eimer zu schade!" - "Wem sagst du das?", stöhnte Mur-Haddin, der in seiner Weste nach seiner Schnupftabakdose kramte während sein resignierter Blick in die staubigen Weiten der Wüste schweifte, "Aber wenigstens bekommen wir den gestellt."
      "Aber das ist doch trotzdem...!", protestierte Yossir, als zwei Lefhen in makellosen, ultramarinblauen Seidenroben und mit perfekt gestriegeltem goldblondem Haar zur Tür herein kam. Hinter ihnen folgte eine Gruppe von Silberhaarigen in einfachen Baumwollkitteln, die eine Maschine mit unzähligen Linsen, Spiegeln und Prismen vor sich her schoben. "Guten Tag, Herr Probiermeister!", begrüßten sie Mur-Haddin mit einem so breiten Lächeln, dass man sich fragte, wie es in ihr schmales Gesicht passte, "Ich bin mir sicher, sie haben alles so weit vorbereitet, oder? Die *ähem* junge Dame am Empfang wusste wohl offenbar nicht, wie kostbar unsere Zeit ist. Wir können uns also keine weiteren Verzögerungen leisten."

      Murhad nickte und winkte ihnen zu, ihnen auf den Stand Nummer 10 zu folgen. "Was ist denn mit der Injektordichtung...?", flüsterte Yossir seinem Vorgesetzten zu. - "Du hast die feinen Herren gehört: Keine weiteren Verzögerungen!", murrte Mur-Haddin sich leise in den Bart, "Ich habe sogar extra Stand Nr. 10 reservieren lassen! Du weißt schon: Göttliche Vorsehung und so...." - Yossir nickte und sah zu den Silberlefhen hinüber, die den selben versteinerten Gesichtsausdruck hatten wie so ziemlich jeder der Anwesenden.
      Die einzigen Ausnahmen waren die zwei Goldschöpfe, die von ihrer WUFF-Formel schwärmten wie ein Melukkischer Gebrauchtwagenhändler. Diese zwei waren offenbar auch diejenigen, die offenbar am wenigsten den wahrscheinlichsten Ausgang des Experiments erahnten. Aber jeder wusste, dass Gesandte des Konzils keine Widerworte duldeten. Also verbrachten Yossir, seine Kollegen und die Silberlefhen die nächsten Stunden damit, den Dwem-Potentiograph aufzubauen, gefühlt hundert mal zu kalibrieren und anschließend die gesamte Prozedur für die Injektorapparatur zu wiederholen.
      Nur den Dichtungsring tauschten sie nicht. Das wäre ja Zeitverschwendung, auch wenn man den Injektor dafür in höchstens fünf Minuten auf- und wieder zugeschraubt hätte. Aber man hätte erst noch das Ersatzteil vom Akademierat genehmigen lassen und die Entsorgung des alten Gummis in einem zusätzlichen elfseitigen Bericht protokollieren müssen, der aber nur mit der Unterschrift eines hochlefhischen Umweltbeauftragten anerkannt würde...

      So schraubte man also rege an der Apparatur herum, bis es Zeit für die Mittagspause war, die für Yossir hauptsächlich darin bestand, sich anzuhören, wie die feinen Gäste von der Akademie sich in der Kantine darüber echauffierten, dass in Dul-Hammad der Ziegenkäse nicht aus Bohnen war. Währenddessen bedienten sich die silberhaarigen Untergebenen wortlos an den Bohnenkroketten eine Theke weiter sowie am mehr als adäquaten Salat- und Gemüsebuffet.
      Dass sie nicht am selben Tisch wie ihre Vorgesetzten sitzen durften, schien für sie eine regelrechte Erleichterung zu sein. Der Probiermeister war der einzige, der den Konzilalchimisten an der Tafel Gesellschaft leisten durfte. Sonderlich stolz schien er auf dieses Privileg jedoch nicht zu sein. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er jetzt lieber mit den anderen Spitzohren ein Bierchen getrunken.
      Glücklicherweise hatte er noch eine zweite Option, mit der er ihnen den Tag auch ohne Alkohol erträglicher machen konnte: Er ließ Malnango Kaffee bringen und ein paar kurze Geschichten zum Besten zu geben. Sie erzählte, wie sie einmal fast von wahnsinnigen Mangrovenfeen gefressen wurde oder wie sie mit einer falschen Schatzkarte eine Bande Piraten hereinlegte. Kurz gesagt: Sie spann bestes, insellefhisches Seemannsgarn.
      Mit ihrer verspielten Art und ihrem zierlichen Äußeren verleitete sie oft dazu, sie für kindisch und naiv zu halten. Dass sie aber kein kleines, unschuldiges Mädchen mehr war, zeigte sich jedoch spätestens, als die Goldschöpfe nicht mehr widerstehen konnten, naserümpfend einen Blick zu ihrem Tisch herüber zu werfen. Beispielsweise als sie offenbarte, was die Feen so alles mit ihr, einem Sack Kartoffeln und einer Karotte angestellt haben sollen, oder dass die Schatzkarte keine Insel zeigte, sondern aus einem horndämonischen Anatomiebuch abgepaust war.

      Schneller, als es den meisten lieb war, war die Pause dann auch schon vorbei und es ging zurück zum Versuchsstand. "So, wir können jetzt mit dem Test beginnen, nicht wahr?", fragte einer der Konzilalchimisten. - "Nun ja...", meinte Yossir, "Die Dichtung der Säurezuleitung des Injektors, sollte vielleicht...."
      Der andere Konzilalchimist räusperte sich. "Ich glaube, Sie haben meinen Kollegen nicht verstanden...", sagte er, "Wir können jetzt mit dem Test beginnen, oder?" - Mur-Haddin war bereits im Beobachtungsbunker, von dem er bereits die ganze Zeit auf das Werk feinster zwergischer Glasschleiferkunst starrte, das da auf dem Prüfstand aufgebaut war.
      "Alles bereit!", rief er schließlich mit der Entschlossenheit eines Drachenjägerkommandanten und alle folgten ihm in den Bunker. Als nur noch die Apparatur draußen stand und die Türen sicher verriegelt waren, drückte der Zwerg schließlich zitternd, aber ohne langes Zögern auf einen großen roten Knopf.
      *Mööp-Mööp-Mööp-Mööp-Mööp-Mööp* blökte erneut die Sirene und ... nichts passierte. "Na gut...", meinte einer der Goldlefhen mit einem höhnischen Grinsen zu Yossir, "Vielleicht sollte Herr Krag-Schalati doch einmal nach diesem Injektor sehen." - Der Ingenieur wusste es aber besser, als jetzt einfach so raus zu gehen. Im Rauschen des Wüstenwindes war ein kaum merkliches Zischeln zu hören - "Tja, so viel zu eurem WUFF...", grummelte Mur-Haddin bevor er plötzlich große Augen machte. Doch noch bevor er ein weiteres Wort sagen konnte gab es grellen Blitz und einen ohrenbetäubenden Knall und die gesamte Mannschaft fand sich im nächsten Augenblick mit klingelnden Ohren auf ihren Hosenboden wieder.
      Die zwei Konzilalchimisten, die sich zuvor noch über alles mögliche das Maul zerrissen hatten, starrten nur stumm wie Fische ins Leere. Selbst Yossir und Mur-Haddin staunten nicht schlecht, als sie sahen, dass die Detonation die unzähligen Linsen, Spiegel und Prismen der Apparatur nicht zersplittert hatte: Vielmehr hatte sie das Glas stellenweise regelrecht pulverisiert. Und was die metallischen Bestandteile des Geräts anging, verbrachte Yossir mit seinen Assistenten den Rest der Schicht damit, die größeren Überreste von, oder besser aus den Betonwänden zu kratzen.
      Was den nun unvermeidlichen Papierkrieg mit den Spitzohren betraf, konnte er nicht viel mehr tun, als seinem Chef und seiner Assistentin viel Erfolg zu wünschen. Aber da gab es ja im Zweifelsfall den "Krächzer", mit dem Malnango ein paar alte Hexenfreunde nach einem guten Anwalt fragen konnte. Irgendwie war er aber doch froh, den Rest des Tages mit einer Arbeit verbringen zu dürfen, die ihm weniger Kopfschmerzen bereitete, als mit Hochnasen über einen Vertrag zu debattieren...


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      Das zehnte Türchen führt in ein gut mit technischen Utensilien vollgestelltes Büro, es brennt Licht und jemand sitzt darin hinter einem Schreibtisch. Ein zweiter klopft am Türchen und geht auf ein gemurrtes "Herein" hindurch.



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      Ein Tag im Leben von Yossir Krag-Schalati, Alchemieingenieur in Dul Hammad Teil 3


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      Kurz vor Feierabend schaute Yossir noch einmal im Büro des Probiermeisters vorbei, der in seinem Schaukelstuhl hin und her wippte und immer wieder wehmütig auf ein paar Glasscherben auf dem Schreibtisch blickte. Wie hieß es doch gleich? "Einem Zwerg tut man nicht weh, indem man seine Knochen bricht, sondern das, was er erschaffen hat." - Murhad hatte den Dwem-Potentiographen zwar nicht selbst gebaut, aber es war nicht zu verkennen, dass er gerade in Gedanken bei seinen Brüdern und Schwestern in der Linsenschleiferzunft war.
      "Tja, das war ja ein ziemliches Desaster", murrte der junge Ingenieur. - "Manchmal fordert dieser Job halt seine Opfer", meinte der alte Zwerg und nahm einen kräftigen Zug aus seiner Pfeife, "Falls du dir über unsere Bezahlung Sorgen machst: Zerbrech dir darüber nicht den Kopf. Ohne Vorkasse läuft hier nichts. Was den Rest und die Reparaturen angeht, habe ich in all den Jahren eins gelernt: Dass Goldlöckchen nur glauben, dass sie einen Zwerg über den Tisch ziehen können - oder eine Tochter des Windes wie Nan."
      "Aber werden die mit neuen Aufträgen wiederkommen?", fragte Yossir. - "Och, das werden die schon", meinte der Probiermeister und paffte munter weiter, "Hier draußen bekommt eben kein anderer was davon mit, falls ihnen mal wieder das neueste frisch orakelte Rezept um die spitzen Ohren fliegt. Mal den Verstand zu benutzen würde sicher helfen, weniger Versuchsapparaturen zu zerlegen, aber das ist ja nur was für die armen Schweine in den Baumwollkitteln, die hinterher die Scherben wegfegen müssen... Aber genug von meinem Geschwafel... Hast du noch etwas, was du loswerden willst?"
      "Nun ja...", sagte Yossir etwas zaghaft, "Ich wollte mal fragen, wie das mit dir und Malnango so ist... Was sagt überhaupt deine Frau dazu?" - "Yuttren? Ja, was soll sie zu ihr sagen?", lachte der Zwerg, "Nan ist inzwischen eine gute Freundin der Familie. Gut, früher hätte ich nie gedacht, mal was für die Spitzohren übrig zu haben. Aber da war ich noch ein Jungspund und kannte nur die verzogenen Schnösel, die meinten, nach zwei Semestern an der Akademie wüssten sie mehr als unser Lehrmeister... Aber inzwischen frage ich mich selbst bei den Hochnasen, ob ich sie bemitleiden oder die Silberlocken um ihre Geduld beneiden soll. Durch Malnango haben wir so viel über den Wahnsinn erfahren, der sich in den Lefhenlanden abspielt. Ich wüsste nicht, warum Yuttren damit ein Problem haben sollte."

      Yossir hatte eine solche Antwort zwar erwartet, aber nicht ganz erhofft. Mur-Haddin und seiner Gefährtin war anscheinend, wie den meisten Zwergen, so etwas Eifersucht einfach zu fremd, die Frage beantworten zu können, die ihn eigentlich beschäftigte. "Mhmm, dann will ich nicht weiter stören...", entschuldigte er sich schließlich. - "Gut, wenn das so ist... Hier gibt's auch nichts mehr zu tun, als einen Brenner zu bestellen... und einen Beileidsbrief and die Schleiferzunft zu schreiben", meinte der alte Meister und schielte zum Scherbenhäufchen herüber, "Ich würde sagen, du hast dir das Wochend wohl verdient. Also, dann: Schönen Feierabend und kosshen Linnes!" - "Danke!", lächelte der Ingenieur, "Dir auch ein schönes Wochenende!"
      Kaum hatte Yossir das Büro verlassen, war er bereits in Gedanken in seinem "kleinen Paradies": Bei seiner geliebten Frau Minirahend im Stadtteil Shab-Magrabnum, auch Niedereisenstein genannt. Es war ein wunderbar ruhiger Ort, an dem Fensterscheiben mehrere Jahre alt werden konnten und in dem der Lärm der Teststände nur noch ein gelegentliches, sanftes Rumpeln war. Doch an Tagen wie diesem trübte etwas seine Vorfreude: Die Angst, Mends lange Ohren würden ihn nur wieder an die arroganten Akademielegaten erinnern. Er wusste, dass sie keine von ihnen war, aber manchmal kamen bei ihrem Anblick die Erinnerungen hoch - Erinnerungen an das eine mal, als eines ihrer Experimente einem Kollegen zwei Finger und das rechte Auge gekostet hatte. Oder auch an die Geschichten von einem Zwischenfall, wo die letzten Trümmerteile vom Leichenbeschauer gefunden wurden. Insgesamt waren es allesamt Dinge, über die er beim Anblick seiner Frau definitiv nicht nachdenken wollte, und bei aller Liebe schaffte sie es nicht, diese Gedanken zu vertreiben.


      Am liebsten würde er diese Gedanken irgendwie wegzaubern lassen. Hexen sollten darin ja ganz gut sein, aber man sagte auch, dass nicht wenige Männer zu ihnen gingen, weil sie eben mit jemand anderm als ihren Ehegattinen zusammen sein wollten.
      Langsam schlurfte Yossir in Richtung des Tors. Die Sonne glitzerte golden in den stählernen Kolonnen der Raffinerien, doch zugleich zogen auch schon die ersten Vorläufer der kalten Nachtluft durch die Außenbezirke - "Hey!", rief Nan ihm plötzlich nach, "Hör mal..." - Er drehte sich um und folgte ihr an den staubigen Getränkeautomaten, wo sie gemütlich eine Kaktusfeigenlimonade schlürfte. "Was gibt's?", fragte er schließlich. - "Du hast vor, ins Niedere Arkanum zu gehen, oder?", fragte die junge Lefhin mit einem breiten Grinsen. - "Was? Wie kommst du denn darauf?", erwiderte Yossir, der vor Schreck regelrecht erstarrte - "Ach, so was sehe ich einfach!", meinte Nan und spielte am Strohhalm in ihre Limoflasche herum, "Na ja... und ich habe gaaanz zufällig mitbekommen, was du Murhad vorhin gefragt hast. Aber eigentlich verrät dein verschämter Blick schon alles."

      "Ähm, ja...", stammelte der Ingenieur, "Also, ehrlich gesagt..." - "Hihi, das ist doch nichts schlimmes!", kicherte Malnango, "Klar, nicht wenige gehen da hin, um eine wilde Nacht mit einer Kornute zu haben oder sich von einer 'Vollkontakthexe' verzaubern zu lassen... Aber selbst da hat der eine oder andere schon etwas gelernt, was seine Beziehung gerettet hat!" - "Kennst du dich dort etwa aus?", fragte Yossir, der sich nicht sicher war, ob er darüber verwundert sein sollte oder nicht "Hast du dort schon mal... gearbeitet?" - "Jup...", meinte Nan lässig und schlürfte munter von ihre Limonade, "Ich hab' zwar nur etwas im Kräutergarten ausgeholfen, aber da bekam man schon so manches mit, was sich die Damen der Nacht sich zu erzählen hatten."
      "Und, ähm, was erzählt man sich da so?", fragte Yossir. - "Na ja, alles, worüber man so mit Kollegen redet: Nervige Kunden, nette Kunden, Rezepte für Karamellbonbons, Pläne für das nächste textilfreie Schildkröteninsel-Segeln... Gut, das letzte macht man nicht überall, aber auf den Inseln damals.... Auch sonst waren es ganz normale Leute, nur dass ein paar von ihnen gerne mal einsame Seeleute knapp unter der Gürtellinie verzauberten. Selbst die Kornuten waren nicht die Skrupellosen Monster, für die sie viele halten, auch wenn ihre Zeremonien manchmal etwas gruselig waren." - "Warum hast du denn aufgehört, dort zu arbeiten?", fragte der Ingenieur - "Na ja, es waren jedenfalls nicht die Hexen oder anmaßende Stammkunden...", erklärte Malnango, "Es waren später die Besatzer, die wohl meinten, 'Unkraut jäten' und 'Beeren pflücken' wären irgendwelche geheimen Codes einer dämonischen Verschwörung. Wenige Tage später wurde das Arkanum dann von Farodinen gestürmt.... Ich hab's eigentlich nur hierher geschafft, weil sie zu faul waren, uns im 'Flüchtlingslager' die Haarnadeln abzunehmen. Aber hey, ich bin jetzt hier und will dir den Rest des Abends nicht mit deprimierenden Kriegsgeschichten versauen."
      Yossir fehlten für einen Moment die Worte. Der kühle Abendwind zog weiter stadteinwärts und Yossir merkte, wie Malnango in ihrem luftigen Sommerkleid immer weiter zusammenkroch. "Gut, kommen wir auf den Punkt...", sagte er schließlich mit Entschlossenheit geschwellter Brust, bevor er erneut einknickte, "Meinst du nicht, dass... na ja... meine Frau eifersüchtig sein könnte, wenn ich..." - "Nur wenn du dich im Arkanum als einsamer Wüstenschiffkapitän vorstellst!", lachte die Sekretärin, "Aber ernsthaft: Die Hexen da haben nur ihre Magie zum Beruf gemacht und im Gegensatz zu gewissen anderen Herrschaften wollen sie damit nicht anderen das Leben schwer machen. Du ahnst nicht wie viele dort hingehen, um ein paar Tricks zu lernen, mit denen sie ihre Frau verwöhnen können. Nicht mal die Kerle, die das machen, ahnen das. Und wenn dir das nicht reicht, kannst du ja mit Mend zusammen da hin gehen... Außer du hättest ein Problem damit, dass im selben Haus auch ein paar Hexer rumlaufen, während ihr gemeinsam Blumenkränze flechtet oder was auch immer. Du bist doch nicht einer von diesen Typen, oder?"
      "Nein?", fragte Yossir mehr als er es sagte, als er in der Ferne bereits das Licht der Straßenbahn erahnte, "Ich muss jetzt aber wirklich los. Danke für die Tipps und alles... Bis bald!" - "Oki, mach's gut!", antwortete sie, schlürfte den Rest ihrer Limonade und stellte die Flasche neben den Automaten. Yossir hastete zum Ausgang und auch sein ungeduldiges Starren auf die Haltestelle änderte nichts daran, dass ihn die Wachen noch ein letztes mal für heute kontrollierten. Währenddessen stolzierte Malnango gemütlich zu ihrem Motorroller und fuhr entspannt zum Ausgang am anderen Ende der Anlage. Kaum war Yossir zum Tor heraus, sah er auch schon die Bahn heranrollen. Er spurtete zum Bahnsteig und schaffte es nur noch durch die Waggontür, weil jemand beim Aussteigen kurz irgendwo hängen geblieben war.

      Als er endlich einen Platz gefunden hatte, holte erst einmal tief Luft. Nach so einem Tag konnte so eine Brand- und Splitterschutzjacke doch ziemlich schwer werden. Während die Bahn in Richtung Shab-Magrabnum rollte, schaute er wie jedes mal erwartungsvoll in das Tal, in dem seine geliebte Minirahend auf ihn wartete. Dieses mal warf er jedoch auch einen flüchtigen Blick auf das ebenfalls dort gelegene "Hexenhaus". Vielleicht war es ja wirklich mal Zeit, dass er sich und seiner Frau von seinem hart erarbeiteten Geld etwas gönnte.


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      Das elfte Türchen ... fehlt? Das kann ja wohl nicht stimmen. Vielleicht unter all dem Schnee? Nach etwas schaufeln können wir es tatsächlich öffnen und hindurchgehen.



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      Akkais Rhaki Teil 1


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      Akkai krallte sich aufgeregt in Dsepprs Nackenfell, als hinter den Schneewehen die Stadt in Sicht kam.
      „Da ist sie!“, krähte sie. Aus dieser Entfernung sah Aerash Teksh eher aus wie ein ungewöhnlich regelmäßig geformter Haufen Eis, aber die winzigen Gestalten um sie herum, die sich entweder ebenfalls der Stadt näherten oder bereits um sie herum rasteten, verrieten die Besonderheit des Ortes.
      Endlich war es so weit, das große Herbstfest stand bevor! Rhakash und ihre Rhaki wanderten von überall her in die Stadt des Eises, um mehrere Tage lang Geschichten zu erzählen, zu essen und den jungen Rhaki und Rhakash Gelegenheit zu geben, sich aneinander zu binden. Deshalb war Akkai auch so aufgeregt: Hoffentlich würde sie endlich ihren eigenen Rhaki bekommen!
      Bei dem Gedanken zappelte sie noch mehr, bis ihre Mutter einen Arm um sie schlingen musste, damit Akkai nicht von Dsepprs Rücken fiel.
      „Pass auf“, bat sie sie amüsiert „Du willst doch nicht, dass wir zu spät kommen weil wir dich aus einer Schneewehe ausgraben müssen!“
      Die sanfte Strenge zeigte ihre Wirkung und Akkai hielt für den Rest des Ritts still, speergerade saß sie auf dem Rhaki ihrer Mutter und sah mit großen, glänzenden Augen der Eisstadt beim Näherkommen zu.
      Einem Bewohner des Südens wäre die Stadt nicht besonders spektakulär erschienen, abgesehen von der Tatsache, dass Eis das vorherrschende Baumaterial gewesen war. Für die junge Rhakash jedoch war es ein Ort wie aus Mythen und Sagen:

      Im Licht der Sonne, die sich bereits dem Horizont annäherte, leuchteten die großen Blöcke der Mauer golden und orange und blau, Unebenheiten und Risse fingen das Licht, drehten, reflektierten und spalteten es, bis die gesamte Stadtmauer aus bunten Sternen gemacht zu sein schien. Die zweite Stadtmauer schimmerte durch ihre Gefährtin hindurch, die vier Durchgänge versetzt, um den zuweilen schneidenden Wind abzuwehren, doch ebenfalls leuchtend und glitzernd im Licht.
      Die Blöcke waren nicht komplett klar, sah Akkai als sie näher kamen, aber doch deutlich klarer als die bläulich-milchigen Schollen die sie häufiger gesehen hatte, wenn ihre Gruppe nahe des Meers jagte.
      Dseppr schnaubte glücklich, als sie an den ersten lagernden Gruppen vorbeizogen. Auch er musste sich freuen, seine Freunde aus anderen Gruppen wieder zu treffen!
      „Ob Zhikra hier sein wird?“, fiel es Akkai ein, als sie den glücklichen Rhaki betrachtete. Auch die junge Rhakash hatte Leute die sie sehen wollte. Allem voran ihre älteste Schwester, die sich erst zum Frühjahrsfest von der Gruppe getrennt hatte, um eine eigene Familie zu gründen. Inzwischen musste sie Mitglied eines neu gegründeten Clans sein!
      „Das lässt sie sich doch nicht entgehen!“, beruhigte ihre Mutter sie „Wir werden sie schon treffen, immerhin bleiben wir fünf Tage hier!“. Akkai reckte sich ungeduldig, um nach ihrer Schwester Ausschau zu halten oder auch nach irgendeinem, den sie vielleicht kannte.
      „Da ist Onkel Fharrk!“, jubelte sie schließlich kurze Zeit später.
      Ohne einen gesprochenen Befehl drehte Dseppr und nahm nun Kurs auf die Gruppe des Onkels.
      Diese hatte bereits ein Lager aufgeschlagen. Drei große Zelte aus verschiedenen Tierfellen waren aufgespannt worden, die Eingänge waren aufgestellt und Akkai konnte die Matten aus gefilztem Rhakifell und das Wandgerüst aus überkreuzten Rippen großer Beutetiere im Inneren sehen.
      Ihr Onkel saß vor einem der Zelte auf einer Rhakifellmatte und stand auf, als er sie erblickte. Neben ihm kochte Ghakkir, sein Clangefährte, an einer kleinen Feuerstelle einen Eintopf doch alle anderen Mitglieder des Clans waren nicht zu sehen, vermutlich liefen sie herum und trafen Bekannte.
      „Siraik!“, donnerte Fharrk freudig. Akkais Mutter glitt von Dseppr und fiel ihrem Bruder um den Hals.
      „Schön, dich zu sehen!“, jubelte sie.
      Während sie und Fharrk sich gegenseitig ins Bild setzten, was seit ihrem letzten Treffen in den Clans geschehen war , folgte Dseppr mit Akkai auf dem Rücken ihren Clangefährten, die an einem nahegelegenen Platz ihre Besitztümer abluden und ihrerseits mit dem Lagerbau begannen.
      Akkai ließ sich von dem großen Wolfshirsch gleiten und half mit.

      Zunächst wurden die Wandgerüste aufgebaut. Die langen Knochen waren als Gitter übereinandergelegt und an den Kreuzungspunkten fest mit Rhakifell-Faden verbunden, sodass sie sich zusammenschieben und auseinander ziehen ließen. Mehrere dieser Gerüste bildeten die Wände der mehreckigen Zelte. Das, welches Akkai sich mit ihren zwei älteren Schwestern, ihrem kleinen Bruder und zwei Clanschwestern im selben Alter teilte, war sechseckig und damit recht klein, aber da es nur dem Schlafen diente, war es für sechs Kinder mehr als ausreichend. Bald sieben denn der Säugling von Clangefährtin Farrik war fast groß genug, um getrennt von der Mutter zu schlafen.
      Akkai zog ein Gerüst auseinander und ihre Schwester tat dasselbe, während ihr vierjähriger Bruder die Enden der Gerüste verband. Erst durch diese Verbindung konnten die flachen Gerüste stehen. So fuhren sie fort und durch ihre geübten Griffe standen die Grundwände nach kurzer Zeit.
      Schließlich wurden lange Stangen, ebenfalls aus Knochen gefertigt, oben auf die Gerüste gelegt, sodass sie sich in der Mitte überkreuzten. Akkais Schwestern banden die Stäbe aneinander und am Wandgerüst fest.
      Daraufhin wurden die Matten auf dem Boden ausgerollt, in zwei Schichten übereinander, damit die Kälte vom Eisboden nicht hoch kriechen konnte. Das machten die drei Kleinsten, während die sechsjährige Akkai und ihre zwölfjährigen Zwillingsschwestern die gewebten Unterbahnen aus Rhakifellfaden über den Unterbau zogen und schließlich die schützenden Pelzbahnen darüber legten. Auch dieses Gebilde wurde befestigt, indem ein paar flache Eisbrocken auf das Dach gelegt wurden, um Stoff und Pelz zu beschweren und gegen den Wind zu sichern. Lange hatte es nicht gedauert.
      Auch die anderen Zelte waren aufgebaut worden: Das zehnseitige Gemeinschaftszelt, in dem bei schlechtem Wetter auch gekocht wurde und die beiden Zelte der Paare.
      Die meisten Clans bestanden aus einem bis drei erwachsenen Paaren und ihren Kindern und Rhaki.
      Sie blieben bis zum Tode zusammen es sei denn die Gruppe wurde zu groß, um alle zu ernähren.

      Akkai schüttelte ihre abschweifenden Gedanken ab und ging hinüber zum Lager des Onkels, wo ihre Mutter noch immer mit Fharrk sprach. Die Sonne war beinahe untergegangen und die Aufregung in dem Mädchen nahm wieder zu. Bald würden die Rhakash in die Stadt ziehen, um sich zu treffen und Geschichten zu erzählen. Und am Morgen dann… Am Morgen würde die erste Gegenüberstellung stattfinden, bei der die ungebundenen Rhakikälber und Menschenkinder einander begegneten.
      Hoffentlich finde ich dann meinen Seelenpartner!


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      Durch das zwölfte Türchen schimmert der erste Anflug der Morgendämmerung. Es ist aus reinem, klarem Eis gemacht und das noch spärliche Licht bricht sich darin in allen Farben. Ein kleines Rhaki schleicht heran und schlüpft hindurch, dahinter kuschelt es sich an ein schlafendes, junges Mädchen.



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      Akkais Rhaki Teil 2


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      Am nächsten Morgen sprang Akkai aus dem Bett, bevor die Sonne selbst überhaupt aufgestanden war.
      Die anderen Kinder schliefen noch, ebenso wie ein junger Rhaki, der zu einer von Akkais Schwestern gehörte. Er war ganz klein, erst vor einem Jahr hatten sie sich gebunden. Erst in drei Jahren würden er so groß wie Dseppr sein und bis dahin würde er sich wohl noch häufig ins Zelt schleichen.
      Ob es bei mir auch so lange dauern wird wie bei Juliik?, bekam Akkai auf einmal Angst. Seitdem sie sechs war hatte ihre Schwester jedes Jahr an den Gegenüberstellungen teilgenommen und jedes Jahr war sie dennoch alleine und tieftraurig zurückgekehrt. Als es dann im vorherigen Jahr endlich geklappt hatte, war sie so glücklich gewesen.
      Bin auch ich dazu verdammt, so lange einsam zu bleiben?, fürchtete Akkai sich, doch dann zwang sie ihre Gedanken fort von diesem dunklen Ort.
      Man soll den Whal nicht zerlegen bevor man ihn gefangen hat!, erinnerte sie sich selbst, dann trat sie aus dem Zelt und ließ ihre Geschwister schlafen.
      Bei ihrem Gepäck fand sie etwas Trockenfleisch, also frühstückte sie an den dösenden Dseppr gelehnt. Sie genoss die schneidende, sauber riechende Luft des Morgens und beobachtete, wie die Sonne langsam am Horizont sichtbar wurde und langsam höher stieg. Ungeduldig wartete sie, dass die anderen erwachten. Jeder einzelne Moment schien für sie Jahre zu dauern, doch endlich hörte sie, wie hinter ihr eine Pelzvorhang raschelte und ihre Mutter ihr Zelt verließ.
      Nur ihre gesammelte Willenskraft sorgte dafür, dass Akkai nicht sofort aufsprang und sie zur Eile antrieb.
      Das Mädchen zwang sich, ruhig sitzen zu bleiben, als sich ihre Mutter ebenfalls einige Streifen Trockenfleisch nahm und sich neben sie auf die gefilzte Matte setzte.
      Sie lenkte sich ab, indem sie fragte:
      „Mama, wenn ich meinen Rhaki finde, wie finde ich da einen Namen für ihn? Wie hast du Dsepprs Namen gefunden?
      Siraik zuckte mit den Schultern und kaute weiter.
      „Man weiß es einfach, genauso, wie man weiß, welcher der richtige Rhaki ist. Du siehst deinen Rhaki an und es fällt dir ein. Mach dir da keine Sorgen.“, sie drückte das Mädchen kurz an sich, dann nahm sie den letzten Bissen.
      Akkai sprang auf, konnte sich nicht länger beherrschen.
      „Können wir jetzt los? Können wir? Bitte!“ Akkai konnte jetzt kaum noch still halten. Sie hüpfte und zappelte in der Gegend herum und Dseppr grummelte und ging weg, um nicht weiter mit aufspritzendem Schnee beworfen zu werden.
      Ihre Mutter lachte, sie hatte gewusst, dass Akkai wie in eisigem Wasser saß und war neugierig gewesen, wie lange ihre aufgeweckte Tochter die ungewöhnliche Beherrschtheit durchhalten konnte. Sie hatte länger durchgehalten als gedacht.
      „Dann komm!“
      Akkai jubelte laut genug, dass alle der in der Nähe ruhenden Rhaki hochschreckten, dann stürmte sie voran, ohne auf die Behinderung durch den neu gefallenen Schnee zu achten.
      Siraik stapfte gemütlicher hinterher und rief die Sechsjährige zurück, wenn sie zu weit vorauslief.
      Bald schon traten sie durch die Durchgänge der Mauern und kamen an den Eishäusern im Inneren vorbei, dann lag der Große Platz vor ihnen.
      Auf dem Platz in der Mitte von Aerash Teksh standen schon unzählige Kinder und Rhakikälber. Ihre Angehörigen sammelten sich am Rande des Platzes und zwischen den Häusern, sodass Akkai und ihre Mutter sich durch die Menge drücken mussten.
      „Viel Glück!“, sprach Siraik noch zu ihrer Tochter und umarmte sie schnell, dann schob sie Akkai auf den Platz hinaus.

      Akkai fühlte sich merkwürdig, plötzlich so alleine zu sein, war aber dennoch aufgeregt und freudig. Sie ließ ihren Blick über die versammelten Kinder streifen. Die meisten waren sechs, genauso wie sie, einige aber auch deutlich älter und bei vereinzelten war es inzwischen falsch, sie als Kinder zu bezeichnen.
      Die Armen, hoffentlich haben sie heute endlich Glück.Akkai konnte sich nicht vorstellen, zwanzig oder gar dreißig zu sein und noch immer keinen Seelenpartner zu haben.
      Sie müssen so einsam sein!
      Noch hatte die Gegenüberstellung nicht angefangen, weshalb die Menschen und Rhaki getrennt voneinander in kleinen Grüppchen standen.
      Akkai gesellte sich zu ihren Artgenossen und wartete erneut ungeduldig. Sie war neugierig, was für Rhaki hier wohl auf Partner warteten, aber es galt als schlechtes Omen, wenn man sich vor Beginn der Zeremonie band, deshalb wagte sie keinen Blick.
      Stattdessen unterhielt sie sich mit den anderen Rhakash, bis endlich der Gong ertönte und der oberste Schamane, ihr Zeremonienmeister, den Platz betrat, dicht gefolgt von seinem ältlichen Rhaki.
      Akkai drehte sich herum, zupfte nervös ihre Kleidung zurecht und beobachtete den Schamanen, der weiter zur Mitte des Platzes strebte, wo es ein flaches Podium gab.
      Auch die anderen Kinder folgten ihm mit den Augen und fast automatisch verteilte sich die kleine Gruppe als mehr oder weniger gerade Reihe. Viele von ihnen hatten bereits häufiger der Zeremonie zugesehen, es war immerhin das Großereignis der Herbstes! Auch Akkais eigene Verwandschaft würde irgendwo in der Masse der Zuschauer stehen und ihr Glück wünschen.

      „Willkommen“, rief der Schamane nun endlich, seine Stimme erstaunlich kräftig über den Platz schallend.
      „Wir sind heute hier versammelt, um junge Seelen zusammen zu bringen, wie einst der erste Rhakash und der erste Rhaki sich fanden. Aufdass unsere Völker weiter bestehen und weiter eines bleiben. Wir sind stark zusammen!“
      Großes Jubeln aus menschlichen und nichtmenschlichen Kehlen war die Antwort. Der Rhaki des Schamanen musste röhren, damit wieder Stille einkehrte.
      Der Schamane fuhr fort und erklärte die Zeremonie:
      „Die Reihe ist schon richtig“, wandte er sich an die Menschenkinder „aber ihr müsst mehr Abstand halten!“ Die Kinder rückten auseinander.
      „Gut. Jetzt werden die Rhaki an euch vorbeilaufen. Ihr habt dann kurz Zeit, euch kennen zu lernen, bis sie dann wieder ein Stück weiterlaufen. Wenn ihr euch findet, tretet aus der Reihe aus und wartet auf das Ende der Zeremonie. Für die, die sich nicht im ersten Durchgang finden, gibt es einen zweiten Durchgang, bei dem die Rhaki stehen bleiben und die Rhakash gehen. Das ist nur gerecht.“
      Der Rhaki hinter ihm grummelte und bellte, übersetzte das Gesagte für die Jungtiere.
      Akkais Herz schlug höher. Endlich!
      Der Tross von flauschigen Jungtieren setzte sich in Bewegung und bald stand das erste vor Akkai.
      Es war cremeweiß und ziemlich groß, eines der älteren Jungen. Jedes Jahr gab es auch Rhaki, die keine Partner bekamen und dieser hier hatte sicherlich im Jahr zuvor erstmals teilgenommen.
      Akkai ließ ihn an ihrer Hand schnuppern und blickte ihm in die Augen, doch sie spürte keine Veränderung. Enttäuscht kniff sie die Lippen zusammen, dann schalt sie sich albern. Dies war nur der erste einer ganzen Reihe von Rhaki, es war dumm zu erwarten, dass direkt der erste zu ihr passte!
      Entschuldigend strich sie dem ebenfalls leicht enttäuscht wirkendem Rhaki durch das weiche Fell im Nacken, bevor er weiter lief.
      Ihm folgte ein komplett dunkelbraunes Junges. Nichts.
      Ein graues Junges. Wieder nichts.
      Ein braun-weißes. Erneut nichts.
      Ein Rötliches. Auch eine Enttäuschung.

      Langsam musste Akkai gegen Tränen ankämpfen. Wie viele Junge gab es noch? War auch sie wie ihre Schwester dazu verdammt, jedes Jahr aufs Neue zu hoffen und jedes Jahr erneut enttäuscht zu werden?
      Beim nächsten Jungen traute sie sich kaum, hoch zu blicken. Was brachte es noch, wenn sie jedes Mal erneut enttäuscht wurde?
      Das Kalb blökte leise, verwirrt und ermunternd.
      Akkai zwang sich, hoch zu schauen.
      Schwarzweißes Fell, wild gefleckt. Noch ganz weich und flauschig, es war in diesem Frühjahr erst geboren worden.
      Als Akkais braune Augen dann auf blassblaue trafen, spürte sie etwas. Als sei eine Tür in ihr geöffnet worden und auf der anderen Seite davon stand diese Rhaki. Ihr Herz schlug schneller, ihre Kehle wurde eng. In ihrer Seele ging die Sonne auf.
      „Hallo du..“, sprach sie ergriffen, dann sprang das Rhakiweibchen sie an und schleckte ihr quer durchs Gesicht.
      Akkai lachte und weinte, drückte das winzige Tier fest an sich und ließ sich zu Boden stoßen.
      Sinneseindrücke drangen zu ihr, fremde Sinne, einige davon stärker, andere schlechter ausgeprägt als ihre eigenen. Auch Gedanken folgten, emotionale Wahrnehmungen und Bilder, keine wirklichen Worte. Sie brauchten keine solch armselige Hilfsmittel!
      Freude. Rudel. Das Gefühl von salziger Haut auf ihrer Zunge. Nein, auf der Zunge des Rhakis und gleichzeitig das kitzelnde Gefühl der nassen Zunge im Gesicht und am Hals.
      Ihre Eindrücke überlagerten sich, verschwammen und zum ersten Mal in ihrem Leben verstand Akkai, was es wirklich hieß, eins zu sein.
      Sie waren eins!
      Vashakra… ich werde dich Vashakra nennen...


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      Das dreizehnte Türchen führt in eine belebte Stadt. Unzählige Menschen wuseln durch die Straßen, sie eilen, sie schlendern, sie verweilen, das Leben in der Stadt ist bunt. Doch nicht alle haben es gut. Das Mädchen, das halb am Türchen lehnt, ist arm und traurig.



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      Das Mädchen und die Viertelkupferstücke


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      In den Straßen der Stadt des Königs wimmelt es bei Tag und Nacht vor Menschen. Wenn man sich an einer Straßenecke neben einem der zahllosen Imbisstände niederlässt, können in einer Stunde mehr Menschen an einem vorbei gehen, als in den meisten Dörfern wohnen; und wartete man dort einen ganzen Tag dann wohl auch mehr Menschen, als in irgendeiner anderen Stadt wohnen.
      Für die meisten Menschen in der Königsstadt spielt sich aber nur ein Teil ihres Lebens auf den Gassen und Straßen und Plätzen ab; für den anderen Teil kehren sie als Herr, Geduldeter oder Gekaufter in eines der unzähligen großen und kleinen Häuser ein. Aber nicht alle haben dieses Glück und müssen unter Arkaden, den öffentlichen Gartenanlagen oder auf der Straße selbst leben und schlafen.

      So war es auch einmal einem kleinen Mädchen ergangen, das, nachdem der Vater für den König in Gisphatien geblieben und die Mutter vor Kummer hungerte, bis der Schlaf sie bei sich behielt, als einziges Kind das Erbe antreten musste.
      Das Mädchen hatte in der Stadt keine Verwandten mehr, die waren in der Heimat ihrer Eltern gewesen, doch weder sie noch jemand anderes wusste, wo in Mauretien – man wusste immerhin, dass sie von dort stammten – diese Heimat lang. Da die Bronzemedaille ihres Vaters in Gisphatien geblieben war, hatte sie nichts in der Hand um den Witwensold einzufordern. Und weil die Mutter vor Kummer keiner Arbeit mehr nachgegangen war, war auch das gesparte Geld bald aufgebraucht. Das letzte Stück Eisen, das schon so lange von der Familie gespart worden war, dass es noch das Bild der könglichen Vorvaters zeigte, gab sie den Priestern, damit sie die Mutter angemessen bestatten.
      Weil das alles so traurig war und die Nachbarn ein Herz hatten, gaben sie dem Mädchen zunächst von ihrem Essen und auch von ihrem Kupfer. Aber die Großzügigkeit der Leute wurde mit jedem Tag und jeder Woche weniger. Sie warfen dem Mädchen schließlich vor, sie auszunutzen und auf Kosten ihrer Arbeit ein faules Leben zu führen. Doch das Mädchen war nicht faul, es bemühte sich fleißig um eine Anstellung – das war nur nicht so leicht, vor allem weil sie weder sich verkaufen noch stehlen wollte.
      Schließlich machte sie einen Laden auf und fing an den eigenen Hausstand zu verkaufen. Da waren kostbare Dinge darunter, die ihr Vater aus Charyien oder Phalastrien mitgebracht hatte. Mit dem Laden gelang es dem Mädchen gerade so viel Geld zusammenzubringen, um sich ein bescheidenes Mahl am Tag und die Miete für den Monat leisten zu können. Da sie kein Geld einbrachte, um neue Waren zu kaufen, wurde die Auswahl immer weniger und schließlich blieben ihr nur die alltäglichsten Dinge, wie Töpfe, Krüge und Kellen, Decken, Laken und Kissen. Da kam eines Tages eines alte Frau zu ihrem Laden und betrachtete einen der letzten Töpfe und fing an zu weinen.
      „Ich habe keinen Topf mehr, meinen Enkeln das Essen zu kochen, doch wenn ich dir den Topf zu diesem Preis abkaufe, habe ich kein Geld mehr ihn mit irgendwas zu füllen!“
      Da dachte das Mädchen daran, wie großzügig man zu ihr gewesen war, und verkaufte der Frau den Topf für das symbolische Viertel eines Kupferstücks.
      Später kam ein Mann, der wirkte abhetzt und traurig.
      „Meine Frau bekommt ein Kind und hat mich losgeschick die Wehenfreundin zu holen und ein paar Decken. Aber ich habe in der Eile wohl nicht genug Geld mitgenommen, wenn ich dir die Decken abkaufe, dann habe ich nicht mehr genug Geld, dass ich der Wehenfreundin geben kann.“
      Da dachte das Mädchen wieder daran, wie großzügig man zu ihr gewesen war, und verkaufte dem Mann ein paar Decken für das symbolische Viertel eines Kupferstücks.
      Noch später kam ein Junge zu dem Laden und weinte jämmerlich und schluchzte.
      „Ich hab meiner Mutter die Kellen zerstört und wenn ich ihr keine neuen bringe, verkauft sie mich sicher in die Minen!“
      Da dachte das Mädchen daran, wie großzügig man zu ihr gewesen war, und verkaufte dem Jungen die Kellen für das symbolische Viertel eines Kupferstücks.
      Und es kamen noch mehr zu ihr und dem Laden, und ein jeder von ihnen hatte eine Geschichte zu erzählen, die so traurig war, dass das Mädchen nicht anders konnte, als nur ein symbolisches Viertel zu verlangen. Und so kam es, dass sie alles, was ihr geblieben war verkaufte und zuletzt noch das Ladentischschen und nicht mehr als eine handvoll Kupferstücke dafür hatte.
      Da sie essen musste, blieb ihr nichts für die Miete übrig und der Hausherr setzte sie vor die Tür. Da sie alles verkauft hatte, was sie oder ihre Eltern besaßen, bis auf das was sie gerade am Leibe trug, musste sie nichts packen.
      Sie hockte sich an eine Straße und betete um ein Wunder, doch da kam kein Wunder. In den nächsten Tagen gab sie fast alles an Geld her, was sie noch hatte, um nicht zu verhungern und sah immer elendiger aus. Aber keiner der Leute, die an ihr vorbeigingen, nahm auch nur Notiz von ihr.
      Dann kam ein Mann zu ihr, der trug schöne gelbe und orangene Kleidung. Er sah sie an und sagte „Ja, du bist genau richtig. Weißt du, ich habe da eine Schule, die ist gleich neben dem Tempel, und da lehren wir die Kinder wie man liest und schreibt und rechnet und singt. Und du siehst mir gescheit aus und wärst sicher bald die Beste in der Schule. Und weißt du, wir haben neben der Schule ein Haus in dem die Kinder schlafen, deren Eltern fort sind. Und es gibt natürlich auch was zu essen, schließlich denkt ein leerer Magen nicht gern!“
      Das Mädchen traute ihren Ohren kaum, aber sie wusste, dass die Schulen ein teures Schulgeld haben wollten - für den Unterricht allein! Mit Kost und Logis würde es sicher noch unerschwinglicher sein. Also schüttelte sie traurig den Kopf und fragte: „Danke, aber was soll das denn kosten?“
      „Ach, das Schulgeld beträgt nur einmalig das Viertel eines Kupferstückes!“, sagte der Mann. Und er grinste, denn er hatte die Geschichte von dem Mädchen gehört, dass so großzügig gewesen war, alles für ein Viertel zu verkaufen und hatte sich auf die Suche nach ihr gemacht – wer, ohne dass er vom Wiedergekehrten Gott gehört hatte, schon so großzügig war, der müsse unter seiner Anleitung zu noch größerem fähig sein!


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      Kalter Wind zieht durch das vierzehnte Türchen, frischer Neuschnee liegt in einer dünnen Schicht darauf. Dahinter sitzt ein Mann auf dem Boden, einen Stiefel in der linken und eine Nadel in der rechten Hand. Er schreckt kurz auf, dann merkt er, dass es nur das quietschende Türchen war und widmet sich wieder seiner Arbeit.



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      Roter Schnee, Grünes Herz


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      Sie hatten den Angriff so lange erwartet, daß sie letztendlich vollkommen davon überrumpelt wurden.
      Wie oft war er den kleinen Felsvorsprung hinauf geklettert, welcher den hinteren Teil des Dorfes umsäumte, einem sanften Schutzwall gleich die schlichten Häuser vor Wind und Wetter bewahrte?
      Tag um Tag hatte er sich im Schneidersitz auf dem moosbewachsenen Felsen niedergelassen, sein Handwerkszeug neben sich gebettet und war seinem Tagewerk nachgegangen. Anfangs hatte sich sein Blick noch jeden zweiten Herzschlag von der Arbeit losgerissen, um mit flauer Ungewißheit den Horizont abzusuchen nach den ersten Anzeichen – der ersten im sachten Frühlingswind flatternden Standarte, der ersten von hunderten marschierenden Füßen aufgewühlten Staubwolke.
      Als die Tage jedoch ins Land gezogen waren, die Wochen die Landschaft in saftiges Grün getaucht und schließlich die Monate ihre jahreszeitlichen Spuren hinterlassen hatten, da war die Furcht langsam ein vertrauter Begleiter geworden, ein beständiges, beinahe schon einlullendes Hintergrundsummen.
      So kam es, daß er endlos lange Momente nur mit offenem Mund gen Horizont starrte, als sich die vom mittlerweile hereingebrochenen Winter weiß gezuckerten Hügel langsam dunkel färbten von finsteren Gestalten. Erst als der löchrige Stiefel der Witwe Friedhilde seinen Händen entglitt und in seinen Schoß platschte, da riß ihn der plötzliche Aufprall aus seiner entsetzten Starre.
      »Alarm,« flüsterte er erst, und: »Alarm!« zerriß einen Augenblick später die panische Stimme des Schusters die kalte Winterluft. Zweier Anläufe bedurfte es, ehe er sich auf dem eisig glatten Boden aufgerappelt hatte, um den nicht ganz ungefährlichen Abstieg hinab ins Dorf zu wagen.
      Die ersten verwirrten Gesichter lehnten sich aus eben noch dicht verrammelten Fenstern, doch wie auch bei ihm zuvor dauerte es eine Weile, ehe die so lange verdrängte Realität sich ihren Weg in das Bewußtsein der Dorfbewohner bahnte.
      »Sie sind hier!« keuchte er atemlos, während er mit weiten Schritten durch das matschige Chaos der Hauptstraße eilte. Die ersten Mitglieder der Dorfmiliz stürmten aus ihren Häusern, auch wenn der einst allgegenwärtige und nun schon längst wieder vergessene Drill nur langsam wieder in ihre Bewegungen zurückkehrte.
      Der Schuhmacher aber lief weiter, fort vom Marktplatz, wo die tapferen Mannen sich versammelten, um die aussichtslose letzte Defensive gegen das übermächtige Heer vorzubereiten. Er wußte – sie alle waren sich darüber im Klaren – daß nicht einer von ihnen den heutigen Tag überleben würde.
      Auf ihn jedoch wartete eine andere Aufgabe, denn das Opfer seiner mutigen Nachbarn durfte nicht vergeudet werden. Überall um ihn herum hatten sie ihre Kinder auf den Arm oder an der Hand genommen, die aufgeschreckten Frauen des Dorfes, so wie sie es all die Monate zuvor immer und immer wieder geübt hatten.
      Seine Tochter jedoch, seine kleine Prinzessin hatte keine Mutter, welche nun bei ihr wachte und dafür sorgen konnte, daß sein Kind den Weg zum Steinbruch fand. Die Frauen und Kinder, Alten und Schwachen würden sich dort sammeln, gemeinsam die beschwerliche Reise gen Osten antreten, um den Schrecken des Krieges zumindest eine Weile zu entfliehen.
      Es kümmerte ihn nicht, daß die Eingangstür der Schusterei mit einem Knall gegen die Wand donnerte und so eine Reihe an Tiegelchen und Töpfchen von den Regalen fegte. Was waren diese Scherben schon im Vergleich zu jenen, in die ihr aller Leben eben gnadenlos zerschellt war?
      »Prinzeßchen,« rief er in die bedrückende Dunkelheit der Werkstätte hinein, doch der Widerhall seiner eigenen Stimme verblieb die einzige Antwort auf seinen Ruf. Die Erkenntnis schnürte sich um seine Brust wie ein unnachgiebiger Gürtel, der ihm erbarmungslos die Luft aus seinen Lungen drückte: Sie war nicht hier.
      Von allen schneeverkleisterten Tagen hatte sie sich offenbar ausgerechnet diesen hier ausgesucht, um sich auf einen ihrer irrwitzigen Erkundungsstreifzüge zu wagen, das närrische Kind!
      Hinaus stürmte er, vorbei an den Todgeweihten, zum verschneiten Rand des Waldes, in welchem sie sich unzweifelhaft ihrer vermaledeiten Neugier hingab, anstatt zuhause auf ihn zu warten wie ein braves Kind es tun würde.

      Seine Stiefel sanken tief ein in das größtenteils unberührte Weiß des Winters, aber keinen Grund zu fluchen hatte er deswegen, war es doch eben diese dichte Schneedecke, die ihn direkt zu seiner Tochter führen würde.
      Wie eine lockende Fährte lenkten ihn die kleinen Fußspuren tiefer hinein in den Wald, dessen kaltverhangene Äste und Zweige die Klänge des hektische Treibens in seinem Rücken dämpften, bis nur noch das Knirschen unter seinen Sohlen seinen Streifzug durch das Unterholz begleitete.
      Stille und Frieden umschmeichelten ihn, der harsche Kontrast zu seinem pochenden Herzen und den rasenden Gedanken jedoch verzerrten sie zu einem höhnischen Abklatsch, der die Angst in seiner Brust nur noch mehr schürte. Ebenso wie das leise Kinderlachen, welches ihm sonst ein Lächeln auf die klammen Lippen gezaubert hätte, ihn derzeit lediglich mit einem Gefühl der Hilflosigkeit zurückließ.
      »Prinzeßchen!« Sein Ruf ließ das Lachen verstummen, und wenige Momente später schälte sich eine kleine Gestalt aus dem nebligen Weiß des Waldes. Wangen und Nasenspitze gerötet, schien ihr die Kälte dennoch nichts anhaben zu können, und mit einem Hauch von Erleichterung wanderte sein Blick über den dicken Wintermantel, hinab zu den molligen Schafswollfäustlingen und weiter zu den fellgefütterten Stiefeln, die er vor wenigen Wochen erst selbst für sie gefertigt hatte.
      »Papa?« Erst noch war es fröhliche Verwunderung, die sich in Stimme und Blick seiner Tochter wiederfand, sein Gesichtsausdruck aber mußte wohl seine düsteren Gedanken widerspiegeln, zeichnete sich doch einen Moment später ein Echo seiner eigenen Angst auf ihren pausbäckigen Zügen ab. »Was hast du?«
      Anstatt einer Antwort ging er nur vor ihr in die Knie, um die Arme um sie zu schlingen und sie fest an sich zu drücken. In diesem bittersüßen Moment verlor alles andere an Bedeutung – die ungewisse Zukunft, all ihr zurückgelassenes Hab und Gut, und selbst die Sorge um seine Nachbarn und Freunde trat für einen Augenblick in den Hintergrund.
      Solange er nur sein Kind in Sicherheit wußte, war noch nicht alles verloren.
      »Komm, wir müssen zum Steinbruch, Prinzeßchen.« Als er schließlich das Schweigen brach, da hallte seine Stimme wie ein Donnergrollen in seinen Ohren wider, und wie zur Antwort schreckte ein Stück weit in Richtung Dorf eine Handvoll Vögel aus den weißgefrorenen Baumwipfeln hoch.
      Deutlich vermochte er durch seine Umarmung hindurch zu spüren, wie sich der kleine Körper bei seinen Worten anspannte. Kluges, kleines Mädchen. Sie mochte noch ein Kind sein, ja, und doch hatte sie wohl sofort die Implikation seiner Aufforderung verstanden. Ihre Antwort, als er sich wieder aufrichtete und zu ihr hinabsah, war nur ein stummes Nicken, und artig ließ sie sich an der Hand zurück gen Dorf führen.
      Mit jedem knirschenden Schritt drängten die hektischen Laute, die ängstlichen Schreie mit beklemmenderer Deutlichkeit auf sie ein, bis diese seine Bewegungen letztlich gänzlich erstarren ließen. Die kleine Hand klammerte sich fester an die seine, als wohl auch sein Kind die Veränderung in den Geräuschen vom Waldrand her wahrnahm.
      Es waren keine eiligen Rufe mehr, sondern Schreie der Angst und des Entsetzens. Keine hektisch gezogenen Karren erfüllten die Luft mehr mit hölzernem Knarren, sondern das Bersten von Brettern unter schweren Klingen. Dort hinter den Bäumen wartete kein Fluchtweg mehr auf sie, sondern nur noch rot gefärbter Schnee.
      »Runter,« zischelte er leise, und mit sanfter Gewalt drückte er sein Kind in den Windschatten eines umgestürzten Stammes, als unweit schwere Stiefel den Schnee unter sich zermalmten. Das unerbittliche Knirschen drang ihm durch Mark und Bein, umso mehr, als das garstige Geräusch sich ihnen beständig näherte.
      Still! Still jetzt! Unter heftigem Beben richtete er die flehenden Gedanken an sein pochendes Herz, dessen lautes Donnerhallen noch bis zum anderen Ende des Waldes zu hören sein mußte. O gütiger Herr, sei still!

      Doch nicht sein Puls verstummte, sondern die harschen Schritte auf dem kristallenen Untergrund. Sein kleines Mädchen hatte ihr Gesicht ängstlich gegen seine Brust geschmiegt, sodaß ihr der Anblick gnädig erspart blieb, welcher sich ihrem Vater darbot.

      Langsam nur hatte er den Kopf angehoben. Sein Blick war erst an den rotverkrusteten Stiefeln hängen geblieben, dann langsam die schweinsledernen Beinschoner mit den martialischen Metalldornen empor gewandert und hatte sich dann jenseits der geschwärzten Brustplatte am wild bemalten Gesicht des Kriegers festgefroren.
      Gut zwei Doppelschritt ragte er nun über dem Schuster und dem leise schluchzenden Bündel in dessen Armen empor. Die Schultern, breit und muskulös wie die eines Ochsen, waren angespannt und zuckten erwartungsvoll.
      Das Beängstigendste an der Gestalt war nicht etwa die mannshohe Doppelaxt in ihren Händen, sondern die an Baumstämme erinnernden Arme, welche diese mit scheinbarer Leichtigkeit über der zerstörten Schneedecke schweben ließen. Trotz der Kälte lagen die Oberarme frei, und salzig feuchter Schweiß bahnte sich seinen Weg über die grünlich gebräunte Haut.
      Aus gelbgrünen, recht tief in den etwas zu klein geratenen Schädel eingelassenen Augen starrte der Krieger auf seine wehrlosen Opfer herab. Aus den stark nach oben gezogenen Nüstern schnauften weiße Dunstwolken hervor, welche beinahe schon die Erwartung weckten, im nächsten Moment von heißen Stichflammen begleitet zu werden.
      Stattdessen war es nur weiterhin der schwere Atem der rot besudelten Gestalt, der ihr vernarbtes Gesicht dunstig warm umspielte, untermalt von der kreischenden Stille zwischen den beiden Männern.
      Der Schuster drückte sein wimmerndes Kind fester an sich, verdeckte es trotz der Aussichtslosigkeit dieses Unterfangens schützend mit dem eigenen Körper und schloß dann seinem Schicksal ergeben die Augen.
      »Hab keine Angst, es wird alles gut,« log er sachte in ihr rosig kaltes Ohr.
      Er zuckte heftig zusammen, als er am Rücken getroffen wurde, doch der erwartete Schmerz blieb aus.
      Der Krieger stieß eine Reihe bellender Worte in der fremdartig gutturalen Sprache seines Volkes aus – wollte er seine Kameraden heranrufen, den Anblick der geschlagenen Feinde mit ihnen teilen? Das Knirschen jedoch, stapfende Schritte auf dem frostigen Untergrund, begannen sich langsam wieder von ihnen zu entfernen.
      Tage und Wochen schienen ins Land zu ziehen, in welchen die beiden nur bebend im Schatten des verschneiten Baumstammes verharrten, sich nicht zu bewegen wagten oder auch nur lauter zu atmen.
      Erst als sich das erste Zwielicht der herannahenden Nacht langsam seinen Weg durch seine zusammengekniffenen Lider bahnte, erlaubte er sich selbst, die Augen zu öffnen. Der Versuch, den Kopf anzuheben, scheiterte jedoch an einem unerwarteten Widerstand.
      Die Zweige eines eisverkrusteten Astes, die welken Blätter von einer kristallenen Schicht überzogen und so für die Dauer des Winters als letzte Erinnerung an den verstrichenen Herbst konserviert, hatten sich in seinem Haar verfangen und beantworteten jegliche Bewegung mit einem schmerzhaften Ziehen.
      Es war dieser Ast, so erkannte er, der ihn vorhin im Rücken getroffen hatte. Und es war dieser Ast, der ihn und seine Tochter vor beiläufigen Blicken vorbeistapfender Eroberer bewahrt hatte.
      Sachte löste er seine kleine Prinzessin aus seiner Umarmung, um sich von der schützenden Last auf seinem Rücken zu befreien. Seine Bewegungen waren leise, die Geräuschkulisse des Waldes jedoch ließ darauf schließen, daß er ohnehin nichts mehr zu befürchten hatte.
      Stiller war es wieder geworden, die Schreie und all die grausamen Geräusche des Überfalles waren verstummt und lediglich dem Prasseln eines Feuers gewichen. Eines Feuers, welches seine altvertraute Welt in grellen Rotschein tauchte und sein bisheriges Leben als rußige Überreste zurücklassen würde.
      Vorsichtig rappelte er sich auf und zog seine Tochter mit sich empor, dreht sie so, daß ihr Blick nicht auf das brennende Dorf fiel. Selbst in der aufziehenden Dunkelheit konnte er ihr salzig rotes Gesicht deutlich erkennen, und den Ausdruck von schläfriger Verwunderung darauf.
      »Was ist passiert, Papa?«
      Mehr aus Gewohnheit denn aus tatsächlicher Notwendigkeit heraus zupfte er ihr Schal und Haube zurecht, klopfte die gröbsten Ansammlungen von halb geschmolzenem Schnee von ihrem Mantel und griff dann wieder nach ihrer Hand.
      Einen letzten Blick warf er zurück auf die Stelle, wo der Hüne über ihnen aufgeragt war, ehe er sie rasch fortführte von diesem Ort des Schreckens. Und während sie gen Osten aufbrachen in eine unbestimmte Zukunft, da flüsterte er als Antwort auf ihre Frage nur verwundert:
      »Menschlichkeit.«


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      Das fünfzehnte Türchen ist von einem prächtigen Rahmen aus geschnitztem Holz umgeben und gehört definitiv in ein sehr nobles Haus. In ein solches nobles Haus führt es dann auch, in einen hohen, verzierten Raum mit großen Fenstern. Zwei Diener mühen sich ab, einen mannshohen Spiegel vorsichtig durch das Türchen zu bugsieren, immer bedacht, nirgendwo anzustoßen.



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      Die Geschichte


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      Landsitz der Familie Descordar bei Kallarn, Ende Oktober 1846

      Nikél betrachtete sich voll Freude in dem bodentiefen Spiegel, der an diesem besonderen Tag in ihr Gemach gebracht worden war. Gerade steckte ihre Dienerin die letzten blonden Locken über dem Perlendiadem fest. Heute war es soweit! Baron Sadayan würde die Saison mit einem rauschenden Ball auf Gut Sanderwacht eröffnen. Und seit dem Moment, da die Einladung sie erreicht hatte, redete sich von der Herrschaft bis zur einfachsten Kaminmagd jeder den Mund fusselig, warum er das wohl tat. Denn normalerweise war der Ball auf Sanderwacht der Abschluss der Saison! Und so hatte Nikél noch einen weiteren Grund zur Freude. Denn mit dem Ball heute Abend endete auch ihr Hausarrest. Ihr Vater - Ratsherr Descordar -war stinkwütend gewesen über ihren Ausflug ins Watt. Mochte er seinem Augenstern auch so manche Unartigkeit verzeihen - dass sie sich in Gefahr gebracht hatte, war zu viel gewesen. Drei Wochen lang hatte sie das Haus nicht verlassen dürfen und die Diener waren mehrmals am Tag ermahnt worden, sie ja nicht aus den Augen zu lassen. Aber selbst in seinen seltenen Momenten der Strenge brachte ihr Vater es nicht über sein Herz, ihr die Teilnahme am sadayanschen Ball zu verbieten und so war sie ab heute Abend wieder frei. Frei!
      Nun ja. Wenn sie ehrlich war, hatte sie den Arrest die letzten Tage kaum bemerkt. Denn zu diesem Ball konnte man nicht irgendein Kleid anziehen, wie es für eine andere Veranstaltung wohl genügen mochte. In fieberhafter Eile hatte alles, was eine Nadel halten konnte, die letzten zwei Wochen genäht, gerafft, gestickt, gesäumt, was das Zeug hielt. Die letzte Nacht hatten ihre Zofen durchgearbeitet, um nur ja fertig zu sein. Nikél selbst natürlich nicht. Sie musste heute frisch und ausgeruht sein. Augenringe zum Ball? Gähnen zur Musik? Nein, das ging nun wirklich nicht!
      Jetzt aber war ihr Kleid fertig und es war ein Traum! Sabessische Seide in einem leuchtenden Lindgrün schmiegte sich wie eine enge Haut um ihren Oberkörper und betonte ihre schlanke Taille aufs Vortrefflichste. Darunter aber fiel sie in langen, weiten Falten bis zum Boden, sogar für eine kleine Schleppe hatte der Stoff gereicht.Dazu die weiten Trompetenärmel aus gelber Nebelseide. Seide so dünn und durchscheinend, dass man einen Brief durch sie hindurch lesen könnte. Das Schönste aber war die Front. Sie war über und über mit Goldstickerei bedeckt. Nikél selbst hatte schon den ganzen Sommer an den Blüten und Ranken und versteckten Vögelchen gearbeitet. Nun zog sie sich, einem breiten Band ähnlich,vom Ausschnitt bis zum Saum hinab.
      Hufgetrappel im Innenhof riss sie aus ihren Schwärmereien. Schnell eilte sie zum Fenster - fast hätte sie dabei ihre Zofe umgestoßen. Ja, sie waren da! Gerade eben fuhr die Kutsche von Aliarh und Segon Grescolides in den Innenhof. Wie lange hatte sie Aliarh nicht gesehen! Ihre Freundin war vor einigen Wochen zum ersten Mal Mutter geworden und kehrte erst heute in die Gesellschaft zurück. Es dauerte nur ein paar Minuten, dann ein Klopfen an der Tür und die beiden jungen Frauen lagen sich in den Armen. Nur die instinktive Vorsicht jahrelanger Übung rettete Kleider und Frisuren bei dieser stürmischen Begrüßung. Diskret verließen die Dienerinnen den Raum.
      Nachdem sie ihre Kleider ausgiebig begutachtet und bewundert hatten, setzten sie sich auf die Bank am Fenster, um endlich wieder einmal nach Herzenslust miteinander plaudern zu können. Zwar hatte Nikél Aliarh kurz nach der Geburt besucht und die kleine Tochter bereits in Augenschein genommen, aber da waren sie nie allein gewesen.
      Nikél machte den Anfang: "Wie geht es denn der kleinen Annot? Lässt du sie heute zum ersten Mal allein zuhause? Wird sie dich nicht vermissen?"
      Aliarh wehrte lächelnd ab. "Nein, nein. Ich habe eine gute Amme für sie gefunden. Die Frau eines unserer Bauern, die vor kurzem ebenfalls ein Mädchen bekommen hat. Das war mir schon wichtig, dann können die Kinder noch recht lange zusammen aufwachsen, weißt du? Jedenfalls, die Frau ist jung und gesund, und ihre Milch würde auch für vier reichen." Ein kleiner Anflug von Wehmut huschte über ihr Gesicht. "Ich hätte ja schon gerne noch ein Weilchen länger selbst gestillt, aber Segon hat ja recht, dass mir das nicht bekommt. Wie kann man schon eine strahlende Erscheinung abgeben, wenn man jede Nacht fünfmal aufstehen muss? Und als die Einladung zu Baron Sadayans Ball kam, habe ich natürlich nicht mehr gezögert."
      "Das war eine Überraschung, nicht wahr? Was für einen Grund kann er nur haben? Es muss irgendetwas Besonderes sein, aber mein Bruder sagt, selbst im Stadtrat weiß keiner, was los ist."
      Aliarh lachte. "Fang jetzt nicht auch noch damit an, Niki! Ich kann die vielen Spekulationen nicht mehr hören. Noch etwa zwei Stunden, dann wissen wir Bescheid. Aber sag einmal, was war denn bei die los? Segon hat mir erzählt, dass du im Watt fast ertrunken wärst. Was hattest du da draußen nur zu suchen?"
      Nikél zog eine Schnute - eine hübsche Schnute. "Ich mag es nunmal, da draußen spazieren zu gehen. Aber dieses Mal habe ich nicht richtig aufgepasst, wie die Flut stand und habe zu spät gemerkt, dass das Wasser zurückkam. Die Kanäle wurden immer tiefer und mein Rock immer schwerer. Ich hab versucht abzukürzen, und mich dann rettungslos verirrt."
      Aliarh schlug bestürzt die Hand vor den Mund. "Niki, warum tust du nur immer solch gefährliche Dinge. Was, wenn kein Boot vorbeigekommen wäre?"
      "Es ist aber eines vorbeigekommen. Und wenn nicht das, dann ein anderes. Es war ja nicht so, als ob auf dem Irhusam niemand unterwegs wäre."
      "Sag mal,stimmt es, dass du von Baron Sadayan persönlich gerettet wurdest?"
      "Nein, nicht von ihm selbst. Es war sein Boot, ja. Aber an Bord getragen hat mich der Matrose, den er dabei hatte."
      "Ein Matrose?" Aliarh riss die Augen auf. "Ein einfacher Matrose? Segon sagte etwas von einem Diener."
      "Nein, das war einfach ein Matrose."
      "Und er hat dich angefasst?" Aliarh schauderte. "Ich glaube, ich könnte es nicht ertragen, von so einer Kreatur berührt zu werden."
      "So schlimm war es gar nicht. Er war sauber, und überhaupt nicht... schmierig oder so. Eigentlich auch nicht viel anders als die Bauernburschen, die manchmal den Zins hier abliefern." Nikél lächelte versonnen. "Er hatte eine sehr schöne Stimme. Ganz sanft und weich und tiefer, als ich erwartet hatte."
      "Niki..."
      "Er hatte dunkle Locken und war wohl nur ein bisschen älter als wir. Ziemlich schlank. Weißt du, Aliarh, er sah richtig gut aus."
      "Niki, wie kannst du so etwas sagen? Weißt du denn nicht, welch lasterhaftes Gesinde Matrosen sind?"
      Nikél lachte herzlich. "Nein, das weiß ich nicht. Also nicht genau. Solche Dinge erzählt man uns Mädchen ja nicht."
      Aliarh verdrehte die Augen. "Und das ist auch besser so. Es wäre wirklich gut, wenn du endlich heiraten würdest. Dann würden deine Gedanken um die Freuden kreisen, die dein Mann dir bereitet, und du müsstest nicht solch unsittlichen Gedanken nachhängen."
      "Ach Aliarh! Jetzt fang du nicht auch noch an. Ich sag doch nicht, dass ich diesen Burschen wiedersehen will. Ich meine doch nur, wenn ich einen standesgemäßen jungen Mann träfe, der intelligent, lustig und verständnisvoll wäre, dann würde ich mich sicher nicht beschweren, wenn er so aussehen würde." Nikél blickte versonnen zum Fenster hinaus. "Aber leider scheitert es ja schon an den ersten drei Kriterien..."
      Ihre Freundin legte tröstend einen Arm um sie. Sie wusste, dass es allmählich an Nikis Herz nagte,dass sie mit 25 immer noch nicht verheiratet war. "Ich weiß, dein Vater hat dir versprochen, dass du selbst deinen Ehemann aussuchen darfst. Aber magst du es nicht doch mit einem versuchen, den er für dich aussucht? Ich wusste mit Segon zuerst ja auch nichts anzufangen, aber jetzt wollte ich nicht ohne ihn sein. Manche Seiten eines Mannes sieht man eben erst, wenn man mit ihm zusammenlebt..." Sie lächelte verschmitzt. "... und sein Gemach teilt."
      "Aliarh!" Jetzt war es an Nikél entsetzt aufzusehen. "Und nein, ich möchte nicht, dass mein Vater einen Mann für mich aussucht. Noch nicht! Erst, wenn..." Sie starrte angestrengt wieder zum Fenster hinaus. "Ach, ich weiß doch auch nicht."
      "Jetzt sei nicht niedergeschlagen. Ausgerechnet heute!" Ihre Freundin nahm ihre Hand und drückte sie ganz fest. "Wer weiß, vielleicht ist ja heute etwas für dich dabei!"
      "Mhm..."
      Einige Zeit schwiegen beide. Dann fiel Aliarh plötzlich etwas ein. "Sag einmal, Niki. Dieser Matrose... du hast ihn nicht zufällig in einer dieser Geschichten von dir verwendet?"
      "Woher weißt du das?"
      Aliarh lachte. "Ach, Niki, ich kenne dich doch! Also ja? Darf ich sie lesen?"
      "Haben wir denn noch Zeit?"
      "Aber natürlich. Ich hatte Segon doch extra gebeten, besonders früh hierher zukommen. Nicht, dass es ihm sonderlich schwer fallen würde, stundenlang mit deinem Bruder über Politik und Geschäfte zu reden. Uns bleibt sicher noch fast eine Stunde."
      Nikél erhob sich und eilte zu einem Tisch an der Wand. Auf ihm standen Tiegel und Töpfchen mit Cremes und Puder, Schalen mit Bändern und Haarnadeln. Aus einem Versteck in der Wandvertäfelung nahm sie einen kleinen Schlüssel und öffnete die Schubladen. Hier befand sich ihr Schmuck - alles, was sie gerade nicht trug - aber ganz hinten,in einer kleinen Kiste ihr ganz besonderer Schatz. Sie nahm ein paar eng beschriebene Blatt Papier in die Hand, doch dann zögerte sie. "Wehe, du erzählst irgendjemand davon, Ali!" sagte sie beinahe flehend. "Wenn mein Vater davon erfährt, lässt er mich bis zum Tag meiner Hochzeit nicht mehr hier heraus!"
      "Ich verspreche es dir!" Aliarh sagte dies mit großem Ernst und endlich rückte Nikél die Geschichte heraus.
      Aliarh las schweigend und ohne eine Regung. Nikél konnte es kaum ertragen, auf ihr Urteil zu warten und so blickte sie nervös aus dem Fenster. Endlich legte ihre Freundin die Blätter beiseite.
      "Und?"
      "Niki, Niki,was schreibst du nur immer für Sachen! Das gehört sich nicht für eine Dame!" rügte Aliarh sie, aber mehr, weil es sich so gehörte. "Du solltest über Spaziergänge über Sommerwiesen schreiben. Sittsame Gespräche bei noblen Bällen oder nach dem Gottesdienst in der Kirche. Nicht über Schwertkämpfe und wilde Abenteuer in fremden Ländern! Wie kommst du nur auf solche Ideen? Ein einfacher Matrose, der ein edles Fräulein aus Sturmnot rettet, und für ihre Ehre gegen den Anführer der Piraten kämpft. Und dann, nachdem er sich so zum Kapitän der wilden Horde gemacht hat, bringt er sie nach Hause und sie lässt ihn wehmütig ziehen…"
      "Ich hätte die beiden doch nicht heiraten lassen können!" verteidigte Nikél sich.
      Aliarh wurde ernst. "Niki, du musst diese Phantasien hinter dir lassen. Vor deinem Vater magst du sie verheimlichen, aber vor deinem Ehemann wird dir das nicht gelingen. Du warst ein wildes Kind, immer schon. Aber es wird Zeit, dass du erwachsen wirst. Und besser, du gewöhnst dich jetzt daran, bevor es zu spät ist."
      Nikél seufzte. "Du hast ja recht."
      "Versprichst du mir, dass das die letzte Geschichte war?"
      "Ich soll gar nicht mehr schreiben?" fragte Nikél entsetzt.
      "Keine solch wilden Geschichten mehr. Schreib doch mehr Gedichte. Die mochten alle immer gern und du hast uns schon lange keines mehr geschenkt"
      Niki nahm die Blätter, verstaute sie wieder in der Kiste und schob sie ganz nach hinten. Sie atmete tief durch, dann schloss sie die Schublade entschlossen. "Ich verspreche es dir!"
      Aliarh nahm sie fest in den Arm. "Jetzt komm! Es wird Zeit zu gehen."


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      Das sechzehnte Türchen ist ein großes Tor. Einige Kutschen werden von Pferden hindurch gezogen, Leute steigen aus und sie sind alle überaus prächtig gekleidet. Was mag da wohl vor sich gehen? Gehen wir durch das sechzehnte Türchen und sehen nach.



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      Der Ehrengast


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      Gut Sanderwacht bei Kallarn, Ende Oktober 1846

      Es war beschlossen worden, dass Nikél Descordar heute ihre beste Freundin Aliarh und deren Mann, Ratsherrn Segon Grescolides begleiten würde. Auf diese Weise war der Anstand gewahrt und die beiden jungen Frauen mussten dennoch nicht auf jeden Spaß verzichten. So fuhr Nikél in der Kutsche der Grescolides mit, während ihre Eltern, ihr Bruder und dessen Gemahlin in der nächsten folgten.
      Die Landgüter der Descordars und der Sadayans waren benachbart und deshalb dauerte es nicht lange, und ein hölzernes Gatter tauchte auf - sonst verschlossen, aber heute weit geöffnet. Zwei Soldaten in Livree hielten hier Wache, aber sie warfen nur einen kurzen Blick auf die Wappen, die auf die Seiten der Kutschen gemalt waren, dann ließen sie sie passieren. Nun rumpelten sie über eine lange hölzerne Brücke, die über einen breiten schilfgefüllten Sumpf führte. Dahinter begann die Insel Sanderwacht, das Schmuckstück des Sadayanschen Besitzes. Eine geschwungene Allee aus Kirschbäumen, die noch die letzten feuerroten Blätter trugen, dann waren sie da. Eine schier endlos lange Backsteinmauer zog sich quer über den Hof, unterbrochen von unzähligen Fenstern und einem imposanten Torhaus in der Mitte. Das war keine Festungsmauer. Gut Sanderwacht war nicht für den Krieg gebaut, sondern für Feste wie heute - und für den Neid der anderen. Als es vor fast 50 Jahren erbaut worden war, hatten alle den Kopf geschüttelt über den Irrsinn, so viel Reichtum hinter so dünnen Mauern zu verbergen. Aber wer einmal hier gefeiert hatte, die lichtdurchfluteten Räume mit den großen Fenstern erlebt hatte, der überlegte unweigerlich, ob er sich nicht auch so etwas leisten konnte. Sicher, so viel Geld wie Baron Sadayan hatte sonst kaum einer in Belida, aber dennoch waren in den letzten Jahren an der einen oder anderen Stelle Landsitze ähnlicher Art entstanden. So wie der Einfluss der alten Ritterfamilien im Schwinden war, verdrängt durch die Patrizier und ihr Geld, so schienen auch die Tage der trutzigen Burgen gezählt.
      Obwohl das Tor breit genug war, um zwei Kutschen nebeneinander passieren zu lassen, stauten sich die Kutschen doch, und so dauerte es etwas, bis sie in den Hof gelangten. Aliarh traute ihren Augen nicht. Als Frau eines Ratsherren und Tochter eines anderen war sie auf jedem Ball des Barons gewesen und dachte, sie wüsste, was sie erwartete. Aber heute war alles anders. Der Hof war durch eine Art Holzwand in zwei Hälften geteilt. Der Bereich zum Tor hin gehörte den Kutschen. Jede von ihnen wurde von einem Diener nach einem ausgeklügelten Plan zu einem Platz gebracht, wo die Insassen aussteigen konnten, und dann sogleich wieder hinausgeleitet, ohne den Weg der nachfolgenden zu kreuzen. Auch Aliarh und ihre Begleiter verließen die Kutsche und durchschritten die Holzwand, die aus einer schier endlosen Reihe von Bögen bestand, mit Girlanden aus buntem Herbstlaub umwunden und von den letzten Blumen des Jahres geschmückt. Im Hof dahinter versammelte sich nun die festliche Schar. Diener nahmen ihnen ihre Mäntel ab und trugen sie beiseite. Schließlich wollte jeder sein kostbares Gewand unverhüllt zeigen. Aber eigentlich war es nicht die Jahreszeit für ein Gartenfest. Was in aller Welt plante der Baron? Warum gingen sie nicht einfach in den Festsaal? Immerhin, das Wetter meinte es gut mit ihnen. Heute war noch einmal einer dieser wunderschönen Herbsttage gewesen, an denen einen die Wärme der Sonne noch einmal an den vergangenen Sommer erinnerte. Doch auch so hatte der Baron vorgesorgt. Vier große Zelte aus weißem Segeltuch waren aufgebaut worden, je zwei links und rechts des Eingangs. Durch die geöffneten Klappen konnte sie glühende Kohlebecken erkennen. Aber kaum jemand hielt sich darin auf. Alle hatte eine rastlose Neugier erfasst, und jeder hatte das Gefühl, unter freiem Himmel würde er früher erfahren, was hinter all dem steckte. Auch Aliarh war keine Ausnahme. Zwar fröstelte sie etwas in ihrem feinen Seidenkleid, aber um nichts in der Welt wollte sie sich hinter den dichten Stoffbahnen verstecken. Lieber nahm sie einer der dampfenden Teigtaschen, die Diener auf großen Zinntellern durch die Menge trugen. Es gab auch heiße Maronen oder Glühwein.
      Aliarh drehte sich zu Niki um. Voll Freude sah sie, dass deren Traurigkeit vollkommen verflogen war. Ihre Augen leuchteten, und neugierig sah sie sich um, als könne sie irgendwo einen Hinweis entdecken. Als sie den Blick ihrer Freundin auf sich ruhen spürte, machte sie zwei schnelle Schritte und ergriff Aliarhs Hände. "Ist es nicht wunderbar?" fragte sie atemlos. "Schau nur, es sind wirklich alle, alle da - und sieh doch all die ratlosen Blicke! Ach Aliarh, ich glaube, von diesem Fest werden wir noch unseren Kindern erzählen!"
      "Bevor du Kinder hast, müsstest du erst…"
      In diesem Moment erschallte eine Fanfare. Augenblicklich war es so still, dass man eine Haarnadel hätte fallen hören können. Dann öffneten sich die Türen der Eingangshalle. Sofort strömten alle hinein, so schnell, wie es gerade noch ziemlich war. Aliarh und ihre Gruppe hatten Glück. Durch Zufall hatten sie ganz nahe an einer der großen Türen gestanden, und so fanden sie sich weit vorne in der Menge, gleich in der zweiten Reihe vor der großen Freitreppe in der Halle. Es waren so viele Gäste, dass sie kaum alle Platz fanden, doch noch immer öffnete sich die Tür zum Festtrakt nicht. Doch sie mussten nicht lange warten, dann kam ein älterer Mann die Treppe herunter. Er war eine imposante Erscheinung. Seine Kappe und sein rotbraunes Wams waren über und über mit Gold bestickt, und mit Knöpfen aus edlem Jaspis verschlossen. Das war der Hausherr, das war Baron Segrender Sadayan.
      Er hatte es nicht eilig, ließ den Blick langsam über all die versammelten Barone und Edeldamen, Ritter und Ratsherren schweifen. Alles, was im Umkreis von fünf Tagesreisen Rang und Namen hatte, war gekommen. Dann endlich begann er zu sprechen: "Herzlich willkommen auf Gut Sanderwacht. Wie ich sehen kann, hat keiner meine Einladung ausgeschlagen. Ich dachte mir schon, dass Eure Neugier Euch keine Wahl lassen würde. Was nur ist so wichtig, dass Baron Sadayan ein so außergewöhnliches Fest ausrichtet." Er schmunzelte selbstgefällig."Nun, es ist wahrlich ein außergewöhnlicher Anlass…" Wieder machte er eine Pause. "Nun denn, es ist Zeit, das Geheimnis zu lüften. Vor siebzehn Jahren hat mein Sohn sein Vaterhaus verlassen, wie es sich für einen jungen Adligen geziemt. Von den besten Lehrern sollte er lernen, so dass er einst einmal die Geschicke des Geschlechts derer von Sadayan mit Stärke und Weisheit lenken möge. Siebzehn Jahre, und ich weiß, dass viele geraunt haben, er sei wohl in der Ferne verstorben. Aber um der Bedeutung seines Namens würdig zu werden, musste er mehr lernen als die anderen, besser werden, als alle anderen, damit auch in Zukunft das Geschlecht derer von Sadayan den ersten Platz einnähme in Kallarn und weithin. Doch nun ist er zurückgekehrt. Er ist der erste Sohn der Stadt, dem es gelungen ist, ein Offizierspatent der königlichen Akademie von Sadarin zu erlangen. Er hat Gestade bereist und erforscht, die noch kein Belider je betreten hat. Er hat über mehrere Jahre als Kapitän in der Südlandfahrt alles gelernt, was es über den Handel mit den Schätzen der Eobragi zu wissen gibt und er hat seinen Mut und seine Entschlusskraft in Stürmen und Schlachten gestählt." Er deutete in einer dramatischen Geste auf die Treppe hinter sich. "Voll Stolz und Freude präsentiere ich euch meinen Sohn und Erben: Jotan Sadayan!"
      Auf dieses Zeichen hin, begannen die Fanfaren wieder zu spielen und dann kam ein junger Mann mit gemessenen Schritten die Treppe herab. Einen Moment schwiegen alle völlig überrascht, dann beugte sich jeder nach links oder rechts, um mit seinem Nachbarn zu tuscheln und dann brandete tosender Applaus auf. Die Treppe war lang und so hatte Aliarh ausgiebig Zeit ihn zu betrachten. Ob er wohl schon verheiratet war? Er war nicht mehr blutjung, wohl schon etwas jenseits von 25 Jahren alt. Genug Zeit also, um eine Frau zu finden. Aber nachdem, was sein Vater gerade aufgezählt hatte, klang es nicht gerade so, als hätte er viel Muße für die Brautschau gehabt. Wenn nicht, dann kam da gerade die beste Partie von ganz Belida die Treppe herab. Der Erbe der Sadayans! Sie schmunzelte. Dabei sah er gar nicht schlecht aus. Zumindest nicht so, dass ihn eine Frau nur wegen seines Geldes in Betracht gezogen hätte. Er war schlank und bewegte sich mit eleganter Grazie. Auf seinen dunklen Locken saß nur ein kleines Samtkäppchen, das im unvergleichlichen Grün des Rubaums leuchtete. Auch sein Wams war dunkelgrün, und zwar deutlich schlichter, als das seines Vaters, aber vom allerneuesten Schnitt. Es stand ihm perfekt und Aliarh wusste sofort, dass schon bald jeder junge Mann genau diesen Schnitt tragen würde - und bei den wenigsten würde es so gut sitzen. Die kräftigen Schultern, breit, aber nicht zu breit. Die schlanke Taille, die langen Beine in den eng sitzenden braunen Beinlingen. Wahrlich, eine herausragende Partie! Mit Mühe riss Aliarh den Blick los, als er schon fast am Fuß der Treppe angekommen war und sah sich um. Auf dem Gesicht jeder Mutter und jeder mannbaren Jungfrau spiegelten sich dieselben Überlegungen. Aliarh wendete sich Nikél zu, um ihrer Freundin eine freche Bemerkung zuzuraunen. Sie erschrak! Nikél war kreidebleich und schwankte, als würde sie jeden Moment in Ohnmacht fallen.
      "Was ist denn, Niki?" fragte Aliarh besorgt.
      "Das ist er!"
      "Das ist wer?" Was hatte sie nur so erschreckt?
      "Der Matrose -mein Piratenkapitän!"


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      Das siebzehnte Türchen besteht aus schwerer Eiche und ist mit allerlei Schnitzerien verziert. Dahinter befindet sich eine kleine Bibliothek, in deren Mitte ein Tisch steht. An einer seiner Stirnseiten schließt sich ein Pult an, der offenbar sowohl zum Schreiben als auch zum Redenhalten dienen mag. Darauf liegen Briefe, offen, und vermutlich erst kürzlich auch gelesen.



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      Brief 1


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      Fraván, Nordprovinz – am 3. Tage im Kaltmond des Jahres 228 neuer Cyumischer Zeit

      Hochgeschätzter und ehrenwerter Freund!

      Unbeschreiblich groß waren meine Freude und Überraschung, als ich deinen Brief in Händen hielt. Wie ist es dir nur gelungen, meinen jetzigen Aufenthaltsort zu erfahren? Du musst über Beziehungen verfügen, von denen ich bisher nichts ahnte.
      Ebenso erfreut es mein Herz ungemein, dass du endlich die erhoffte Anstellung in der Schule des ehrenwerten Ralvosos gefunden hast – und das schon seit über zwei Jahren, wie du schriebst. Wie die Zeit vergeht! Ich erinnere mich: Als ich vor beinahe drei Jahren Cyum verließ, hatte für dich alles noch sehr viel ungwisser ausgesehen – als schlecht bezahlter Schreiber, Aushilfslehrer und Archivar, wie es die Gelegenheiten eben mit sich brachten. Umso erfreulicher ist nun dein wohlverdienter Aufstieg, der deiner würdig ist.

      Und doch denkst du bereits darüber nach, in deine Heimat zurückzukehren? Bitte verzeih, aber sei nicht einfältig! Tenau, lieber Freund, ich rate dir, deine Anstellung wenn möglich noch einige Jahre zu behalten. So sehr ich dich verstehen kann, dass dir Cyum zu groß, ja riesenhaft ist, dir die alltägliche übermäßige Eile in allen Straßen und Häusern zuwider ist und du dich nach Narémion sehnst. Zwar bin ich in Cyum aufgewachsen und kannte es kaum anders, doch hier in Fraván merke ich den Unterschied sehr wohl; Hektik ist hier nahezu ein Fremdwort. Auch wenn Narémion viel größer ist als Fraván, so dürfte es dort ähnlich beschaulich zugehen – zumindest im Vergleich mit Cyum.
      Aber noch einige – wenn nicht gar zehn – Jahre in Ralvosos' Schule, und deine Reputation hat ein Ausmaß erreicht, dass du in Narémion ein sehr gutes Auskommen haben wirst. Außerdem können wir uns bis dahin mit Sicherheit wieder einmal in Cyum sehen und „wie in alten Zeiten“ – so lange ist das wahrlich noch nicht her, wie es sich anhören muss – über die Merkwürdigkeiten und kleinen wie großen Wunder unserer Welt diskutieren. Ist das nicht auch ein lohnenswertes Ziel? Wehe dir, du sagt jetzt Nein!

      Nun aber weiß auch ich etwas Spannendes zu berichten. Da du mich ausfindig machen konntest, ist dir sicher ebenso bekannt, dass ich im Auftrag des Cyumischen Reiches hierher entsandt wurde, um die Region um Fraván herum zu kartographieren und nach lohnenswerten Rohstoffen zu fahnden. Du weißt genauso, dass ich mich schon von jeher sehr für unbekannte Landschaften und deren Tier- und Pflanzenwelt interessiere. Das Schicksal hat mir nun eine für mich bislang gänzlich unbekannte Tierart in die Hände gespielt. Oh, ich höre dich schon aufstöhnen, aber glaube mir, es ist wirklich aufregend. Denn es ist keine gewöhnliche Tierart, sondern etwas wirklich Einzigartiges.
      Wir, mein Gehilfe und ich, fanden das Tier jedoch nicht in der Wildnis, sondern mitten in Fraván in einer etwas abgelegenen Gasse. Leider war es bereits tot, obwohl keine Verletzungen ersichtlich waren. Zunächst erschien das Tier nicht sonderlich ungewöhnlich, etwas größer, vor allem länger als eine gut genährte Ratte, doch sonst von großer Ähnlichkeit zu einer solchen. Das Besondere jedoch ist das Horn – ja, ein Horn – auf dessen Stirn. An der Basis etwa so dick wie mein Daumen und etwas kürzer als mein Zeigefinger, gerade wie eine Dolchklinge, sehr spitz zulaufend und hart. Eine äußerst gefährliche Waffe selbst gegenüber Menschen, würde ich sagen.
      Noch am selben Tage habe ich begonnen, das Tier weiter zu untersuchen. Ich schnitt es vorsichtg auf, um sein Inneres zu studieren. Zum Glück schien seine letzte Mahlzeit nicht lange vor dem Tod gewesen zu sein, denn der Mageninhalt war noch recht gut zu erkennen: kleine Obstkerne – es muss also Früchte gefressen haben –, dazu offenbar Reste von Wurzeln oder ähnlichem Gemüse, aber auch offensichtlich Bestandteile von Maden oder kleinen Würmern, alles gut vermengt. Die Tiere scheinen sich also äußerst ausgewogen zu ernähren, zumindest auch von Kleinsttieren. Oh, bitte vergib mir! Ich habe vergessen, dich vorzuwarnen. Du nimmst hoffentlich nicht gerade eine Mahlzeit zu dir, während du meinen Brief studierst? Nun denn, jetzt weißt du, dass es eine schlechte Idee war. Nochmals: Verzeih mir bitte!

      Nun wieder zurück zu meinem Fund. Das Innere des Tieres unterscheidet sich nicht wesentlich von jenem vergleichbarer Tiere; soweit es für mich erkennbar war, mit allen üblichen Organen. Einzelheiten erspare ich dir daher. Die Vorderpfoten ähneln erstaunlich stark Menschenhänden – mit je vier Fingern und einem umgreiffähigen Daumen, nur natürlich filigraner, vielleicht nicht kräftig genug, um wirklich etwas sehr fest zu greifen. Die Hinterpfoten sind stärker in die Länge gezogen und machen zusammen mit den Beinen einen kräftigen Eindruck, doch weisen auch sie einen Daumen auf, wenn auch stärker nach vorne ausgerichtet. Etwas Kleines umgreifen können sie damit vermutlich nicht, aber ich schätze, es befähigt sie zum fast mühelosen Klettern, wie es bei manchen Affenarten der Fall ist. Die Zähne sind eher die eines Allesfressers als eines Nagers, der Schwanz ist nackt und kürzer als bei Ratten, doch auf den ersten Blick würde man dieses Tier wohl für eine solche halten, wäre da nicht das eigentümliche Horn!
      Tròsh erzählte mir, dass diese Tiere durchaus nicht unbekannt sind in seiner Heimat – oh, Tròsh ist mein einheimischer Gehilfe; und ja, die haben hier alle so seltsame Namen mit meist nur einer Silbe; für mich hören sich viele fast gleich an; ich frage mich, wie die gegenseitig ihre Namen auseinanderhalten können. Und ich habe noch kein Schema herausgefunden, nach dem sich Frauennamen eindeutig und immer von Männernamen unterscheiden lassen; wenn ich glaube, ein Schema gefunden zu haben, werde ich alsbald eines Besseren belehrt; verrückt! Verzeih, ich schweife ab …
      Jedenfalls erzählte er mir, dass diese Tiere – die ich pragmatisch einfach „Einhornratten“ nennen möchte, er dagegen nennt sie „Snytt“ – in der Nordprovinz sowie in den Bergen und Regenwäldern weiter im Norden offenbar weit verbreitet sind, jedoch sieht man sie selten. Andererseits sind gerade diese Regionen unwegsam und eher dünn besiedelt; die seltenen Sichtungen können auch mit diesem Umstand zusammenhängen, möchte ich anmerken.
      Tròsh selbst habe solche Tiere nur selten gesehen und bisher nie in Fraván, sich für sie aber auch nie sonderlich interessiert. Es gebe ein paar Legenden, in denen sie erwähnt werden, aber sie scheinen darin keine herausragende Rolle zu spielen, wenn ich Tròshs etwas vage Aussage richtig interpretiere. Vielleicht gelingt es mir, mehr über die eine oder andere dieser Legenden herauszufinden, um auf diesem Wege mehr über die Einhornratten zu erfahren; oft steckt in Legenden ja ein Kern Wahres.

      Unglücklicherweise muss ich mich morgen schon auf eine bereits länger geplante Erkundungsreise begeben und werde mich für etwa zwei Wochen oder etwas länger weder um Einhornratten noch um Legenden kümmern können. Ironischerweise wurde diese Erkundung durch eine wenig bekannte Legende angestoßen; darin ist von Felsen die Rede, die in der Dämmerung des Tages leuchten oder glitzern sollen. Vermutlich nichts als uralter Aberglaube, aber es könnte sich auch um einen Hinweis auf Erze oder Edelsteine handeln, auch wenn ich es stark bezweifle, denn das wäre sicherlich längst bekannt und dort müsste es von Schatzsuchern – oder deren reichen Nachfahren – nur so wimmeln. Dennoch: Die Pflicht ruft.
      Für die Einhornratte ist in der Zwischenzeit gut gesorgt, ich verwahre sie, so gut ich sie zunähen konnte, in einer kleinen Schatulle, die ich vor einigen Jahren erstanden habe. Sie hält das Innere auf magische Weise gut gekühlt. Ich hoffe, es reicht, um die Verwesung zu verhindern. Ich werde es nach meiner Rückkehr vermutlich merken – vielmehr riechen. Mit ein wenig Glück kann ich sodann meine Untersuchungen und Nachforschungen dazu fortsetzen.
      Unterdessen würde es mich freuen, mehr darüber zu erfahren, wie es dir in den vergangenen drei Jahren erging. Es wird doch sicherlich mehr geschehen sein – hoffentlich überwiegend Positives – als nur die Anstellung bei Ralvosos? Und noch einmal bitte ich dich, keine voreiligen Entschlüsse zur Rückkehr in deine Heimatstadt zu fassen. Glaube mir, du würdest es früher oder später bereuen. Gelegenheiten musst du ergreifen, lieber Tenau, wenn sie sich dir bieten – und darfst dann nicht einfach loslassen.

      Mit den besten Wünschen für dich und der Zuversicht auf ein baldiges Wiedersehen
      Nycauso


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      Das achtzehnte Türchen besteht aus schwerer Eiche und ist mit allerlei Schnitzereien verziert, es ist geradezu ein Zwilling des siebzehnten. Es führt ebenfalls in eine Bibliothek, in dieselbe genaugenommen, aber diesmal fällt unser Blick mehr auf die wandfüllenden Regale, angefüllt mit Hunderten von ledergebundenen Büchern sowie etlichen Schriftrollen und Pergamenten. Die Briefe auf dem Pult liegen nun so, dass ein anderer Brief sich zuoberst befindet als gestern.



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      Brief 2


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      Fraván – am 32. Tage im Kaltmond des Jahres 228 neuer Cyumischer Zeit

      Hochgeschätzter, ehrenwerter Freund!

      Endlich, endlich finde ich die Zeit, dir zu schreiben, und doch muss ich mich mäßigen, um ob meiner Aufregung nicht vollkommen unleserlich zu schreiben. Zugleich gibt es so vieles, das ich dir berichten muss – mache dich auf eine Sensation gefasst!
      Doch zuvor lass mich dir danken für deinen Rat, das Horn näher zu untersuchen. Weshalb bin ich nicht selbst auf diesen Gedanken gekommen? Du beweist mir aufs Neue, wie wichtig ein gewisser Abstand sein kann; meine Begeisterung muss mich blind gemacht haben für die offensichtlichsten Dinge. Die bevorstehende Erkundung mag ebenso eine Rolle gespielt haben, darauf abschieben mag ich meine Nachlässigkeit indes nicht. Jene Reise ist im Übrigen wie von mir erwartet erfolglos geblieben; immerhin war ich jedoch in der Lage, Karten der den Hohen Herren in Cyum bislang unbekannten Region anzufertigen. O weh, ich schweife erneut ab!

      Deinem Rat folgend versuchte ich, etwas über die Beschaffenheit des Hornmaterials herauszufinden. Leider ist es mir in keinster Weise gelungen, auch nur eine kleine Probe davon abzuschaben oder anderweitig zu gewinnen; nicht den geringsten Kratzer konnte ich ihm mit meinen schärfsten Messern zufügen. Nicht einmal das Horn vom Schädel zu trennen wollte mir gelingen. Sicherlich wäre es mit viel Wut im Herzen möglich gewesen, doch wollte ich den Schädel nicht zerstören, was die unausweichliche Folge gewesen wäre; dafür erscheint er mir zu wertvoll; vielleicht brauchen wir ihn noch für weitere Untersuchungen. Auch wäre es mir frevelhaft vorgekommen.
      Ja, lieber Tenau, ich höre dein Rufen schon jetzt bis hier, und ich stimme dir zu: Selbst dieser vermeintliche Rückschlag bringt uns Erkenntnisse! Das Horn ist in keiner Weise vergleichbar mit Hörnern anderer bekannter Tiere, höchstens vielleicht mit jenen echter Einhörner oder gar Drachen – aber hast du schon auch nur ein einziges Exemplar von ihnen gesehen oder von einer verbürgten Sichtung gehört? Selbst wenn sie nicht bloß Erdichtungen uralter Legenden sein sollten, ist fraglich, ob diese heute überhaupt noch existieren. Im Gegensatz jedoch zu unserer Einhornratte! Auch wenn diese hier tot ist, leben ganz sicher noch weitere, und offenbar alle mit solch einem ungewöhnlichen, geradezu außernatürlichen Horn, das gar den von Menschen erdachten Waffen zu trotzen scheint. Ein absolut außergewöhnliches Tier – oder mehr als nur ein Tier?
      Das jedoch ist keineswegs die Sensation, von der ich anfangs schrieb – oder nicht die einzige. Diesmal gebührt Tròsh die ungeteilte Ehre. Wenige Tage nach unserer Rückkehr ist es ihm gelungen, eine weitere Einhornratte zu fangen. Ja, zu fangen, keineswegs eine weitere tote. Welch Aufregung! Offensichtlich war sie jedoch stark geschwächt – sonst wäre Tròsh wohl auch erfolglos geblieben –, trotz abermals fehlender Verletzungen. Ich vermute eine schwere Krankheit oder Vergiftung, die beide Tiere und vielleicht noch weitere getroffen hat. Jedenfalls brachte Tròsh dieses Tier zu mir.

      Du musst wissen, ich habe in meinem Arbeitsraum stets einige kleine Käfige; du kennst ja meine Leidenschaft für die Tierwelt. Fast immer bleiben die Käfige zwar leer, da ich auf meinen Erkundungen nur selten Tiere fangen kann oder deren Transport zu umständlich wäre, aber nun hat sich diese Vorsorge ausgezahlt – allein für die Einhornratte. Kurzum, nun ist einer der Käfige nicht mehr leer.
      Zunächst ging es dem Tier zunehmend schlechter; nach anfänglichen Versuchen, der ungewohnten Umgebung zu entkommen, gab es offensichtlich entkräftet auf. Dank des toten Tieres wusste ich, was sie fressen, also besorgten wir Obst, Gemüse und Maden – du glaubst nicht, wie schwer diese Mistviecher zu finden sind, wenn man einmal wirklich welche braucht! –, zerkleinerten alles und gaben das in den Käfig.
      Aber das Tier wollte nicht fressen! Es hat nur mal dran geknabbert, sich abgewendet, das war's. Mussten wir ausgerechnet einen eitlen Feinschmecker aus seiner Art finden?
      Da das Tier schwächer wurde und auch nach einem Tag noch nicht fressen wollte, habe ich zur einzigen Maßnahme gegriffen, die mir sinnvoll erschien. Nein, nicht Notschlachtung! Tròsh hat ihr Fressen zu einem Brei vermengt und ich es ihm mit sanfter Gewalt und doch vorsichtig eingeflößt – ich meine dem Tier, nicht Tròsh. Mit zunehmender Übung ging das auch ganz gut; zumal dem Tier die Kraft fehlte, sich zu wehren.

      Es folgten Tage des Fütterns und bangen Wartens. Die meiste Zeit schlief das Tier, wenn wir es nicht alle zwei Stunden zwangsfütterten. Ich glaubte schon, es zu verlieren – was hätte uns eine weitere tote Einhornratte genutzt nach diesem grandiosen Fund? Doch endlich näherte sich das Tier dem Reich der Lebenden wieder, es bewegte sich selbstständig, wenn auch zunächst zaghaft. Schließlich haben wir die Zwangsfütterung beendet und das Tier hat unsere Bemühungen honoriert und freiwillig gefressen. Mittlerweile verwenden wir Regenwürmer wenn möglich, diese scheinen ihm besser zu schmecken als die Maden – und sind einfacher zu finden. Käse ist offenbar auch interessant für das Tier, Wurst dagegen nicht – aber das mag an den starken Gewürzen und Kräutern liegen, welche die Fraváner reichlich verwenden.
      Oh, wie ich diese Würste vermissen werde, wenn ich dereinst wieder in Cyum sein werde! So rückständig sie hier in der Nordprovinz auch sein mögen, die Wurstherstellung beherrschen sie perfekt. Ich überlege bereits seit geraumer Zeit, ein Buch über die hiesige Würzkultur zu verfassen. Die Adligen und Neureichen in Cyum gieren ja stets geradezu nach exotischem Wissen und unbekannten Gaumenfreuden; auch in Narémion fänden sich zweifellos viele Leser. Verzeih, ich schweife ab!

      Nun, seither scheint die Einhornratte alles, was Tròsh und ich im Arbeitsraum machen, ob es mit ihr zu tun hat oder etwas völlig Alltägliches ist, mit großer Neugierde zu verfolgen, soweit sie uns vom Käfig aus beobachten kann. Selbst jetzt, da ich diesen Brief an dich verfasse, fühle ich geradezu, wie sie mich über meine Schulter hinweg beobachtet. Ich habe mich sogar ein wenig anders hingesetzt als sonst, damit sie es besser sehen kann – lache nicht! Wenn ich eines gelernt habe beim Beobachten aller möglicher Tiere, dann das: Neugierde zeugt stets von großer Geisteskraft.
      Natürlich wird sie nicht verstehen, was ich da mache, geschweige denn begreifen, was ein Brief ist. Aber mit Sicherheit wird sie inzwischen wissen, dass sie den Raum durch die Tür verlassen und so in die Freiheit gelangen könnte, hätte sie nur die Gelegenheit dazu. Ja, so viel traue ich ihr zu. Daher muss ich umso vorsichtiger im Umgang mit ihr sein, auch wenn sie noch immer etwas geschwächt ist; ihre Genesung liegt ja erst wenige Tage zurück. Es wäre ärgerlich, würde sie mir entwischen, bevor ich ihr Verhalten näher studieren kann. Noch muss ich mir überlegen, wie ich das anstellen soll, denn hier ist sie ja nicht „zuhause“ und verhält sich wahrscheinlich anders.

      Vor lauter Aufregung hätte ich es beinahe zu erwähnen vergessen. An unserer neuen Einhornratte gibt es etwas Ungewöhnliches. Tròsh sagte zwar, er habe davon gehört, dies komme selten vor, es jedoch für ein Märchen gehalten. Ja, ich spanne dich noch ein wenig auf die Folter. Und es geht wieder um das Horn. Das des toten Tiers hat etwa die Farbe des Fells, so wie es laut Tròsh üblich ist. Diese jedoch hat ein – halte den Atem an! – grünlich-blaues Horn! Und nein, das Fell ist genauso graubraun wie das der toten Einhornratte, mit etwas anderem Fleckenmuster, aber sonst nahezu identisch. Und das Horn ist an der Spitze leicht nach oben gebogen. Sehr, sehr eigenartig. Allein, mir ist noch nicht klar, was ich mit dieser Besonderheit anfangen soll – nach all den aufregenden Tagen.
      Doch genug für heute. Hab nochmals herzlichen Dank für deinen Vorschlag wegen des Horns. Auch erfüllt es mein Herz mit großer Freude, dass du dich zum Verbleib in Ralvosos' Schule und damit in Cyum entschieden hast; ich hoffe, nicht nur für einige Monde. Tröste dich damit, dass es nicht für immer ist, und du weißt, wie schnell besonders in Cyum ein paar Jahre vergangen sein können. Deine Reputation jedoch wird dir bis ans Lebensende bleiben.

      Mögen die Götter dir stets wohlgesonnen sein
      Nycauso


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      Das neunzehnte Türchen kommt uns verdächtig bekannt vor, es besteht aus schwerer Eiche und ist mit Schnitzereien verziert. Durch die Fenster der Bibliothek, derselben Bibliothek, fällt helles Sonnenlicht und beleuchtet die Regale unter und zwischen den Fenstern. Keine Bücher stehen dort aufgereiht, stattdessen leere Papyrus- und Pergamentbögen, einige Tintenfässchen und Schreibfedern, kleine Schiefertafeln und Kreidestücke. Offenbar dient die Bibliothek auch dem Unterricht. Zwei der Briefe auf dem Pult liegen an der Seite, ein weiterer liegt, soeben geöffnet, in der Mitte.



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      Brief 3


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      Fraván – am 28. Tage im Wandelmond des Jahres 228 neuer Cyumischer Zeit

      Hochgeschätzter und wertvollster Freund!

      Oh, wie sehr wünschte ich, du könntest hier in Fraván an meiner Seite sein und mit mir die Einhornratte studieren. Wie so oft sind deine Ideen und Überlegungen, für die ich mich aufrichtig bedanke, pures Gold wert; sie scheinen stets exakt den richtigen Weg zu weisen. Selbstverständlich weiß ich, dass mein Wunsch nicht erfüllt werden kann; zu wichtig ist deine Anstellung in Cyum und es wäre blanker Irrsinn, diese wegen einer bislang kaum erforschten Tierart aufzugeben.

      Deiner Anregung folgend ließ ich Tròsh ein Irrkabinett bauen, womit wir die Geisteskraft des Tieres auf die Probe stellen können. Nebenbei: Ich habe mich entschlossen, dem Tier nun einen Namen zu geben: Snytt. Du erinnerst dich, in der hiesigen Sprache wird diese Tierart so genannt. Da ich mit jener Bezeichnung nichts anfangen kann und mir Tròsh auch nicht erklären konnte, was der Name bedeutet – er sei uralt, seine Bedeutung längst vergessen, behauptet er –, erschien mir das Wort passend; schließlich ist das Tier vermutlich das erste seiner Art, das so intensiv erforscht wird.
      Nun, das Irrkabinett ist einfach gehalten, dennoch deutlich größer als Snytts Käfig. Es besteht hauptsächlich aus dem Holzboden und zahlreichen Holzwänden, manche davon mit wenig Mühe entfern- und hinzufügbar, so dass stets unterschiedliche Wege und Sackgassen entstehen können. Um Snytt beobachten zu können und zugleich nicht die Flucht oder Abkürzungen über die Zwischenwände hinweg zu ermöglichen, haben wir über alles ein Geflecht aus Draht gespannt. So etwas bei den hiesigen Schmieden aufzutreiben, war nicht einfach. Den Göttern sei Dank kennt Tròsh die richtigen Männer für eine solche Arbeit.
      Zudem haben wir sehr hartes Holz verwendet, auch wenn es für Tròsh schwer zu bearbeiten war; aber Snytt sollte sich nicht einfach den Weg mit seinem Horn freischaben können – die Sorge war offenbar unbegründet, Snytt hat derartiges nicht einmal versucht. Nahe einer der Ecken befindet sich eine schmale Trennwand, die mit einem etwas entfernt befindlichen Hebel umgeklappt werden kann und so den Weg freigibt; es hat ein wenig gedauert, bis Tròsh den Mechanismus funktionsfähig hatte. Was es ihm an Verständnis für solche Mechanismen fehlt, fehlt es mir dafür an handwerklichem Geschick – wir ergänzten uns somit gut.

      Seit fast einer Woche setzen wir nun mehrmals täglich Snytt in das Irrkabinett, immer mit anderen Wegen zum Ziel hinter der Wand mit dem Hebel, dem Futter. Die erste Suche dauerte noch einige Zeit; den Nutzen des Hebels begriff Snytt jedoch nach einigen Versuchen. Er erkennt den Hebel stets wieder und scheint sofort zu wissen, was zu tun ist. Als wir den Mechanismus nach zwei Tagen derart umbauten, dass er in die entgegengesetzte Richtung gedrückt werden muss, um die Wand umzuklappen, irritierte dies Snytt nur kurz. Seither versucht er sofort die andere Richtung, wenn die erste nicht zum Erfolg führt. Phänomenal!
      Und es wird noch besser! Viel besser! Gestern war der Hebel für Snytt hinter einer Trennwand nicht erreichbar, doch durch ein kleines Loch konnte er einen starken Faden erkennen, der daran befestigt war. Das andere Ende des Fadens – über zwei Umlenkrollen geführt und mit einer Schlaufe und Holzperle zum besseren Greifen versehen – befand sich an einer Stelle, von der aus der Hebel sowie die Klappwand nicht zu sehen waren, auch konnte Snytt von nirgendwo den Faden in seiner Gänze sehen. Trotzdem schien Snytt der Zusammenhang relativ schnell klar zu sein.
      Ich glaube nicht, dass es nur Zufall war; kaum hatte er an dem Faden gezogen, flitzte er zur nun offenen Klappwand, ohne den Hebel durch das Loch weiter zu beachten. Und als wir ihn eine Stunde später erneut in das Irrkabinett setzten, hat er nur kurz durch das Loch auf den Hebel gesehen und sofort die Prozedur ohne Herumprobieren wiederholt; mir kam es so vor, als habe er nur kontrolliert, ob der Faden wie zuvor wirklich am Hebel befestigt war. Was nicht verwunderlich ist, schließlich haben wir ihn immer wieder mit neuen Aufgaben konfrontiert.
      Ich wage zu behaupten, seine Geisteskraft überflügelt die eines abgerichteten Hundes bei Weitem. Welcher Hund wäre schon in der Lage, den Zusammenhang zwischen Hebel und Wand, geschweige denn dem Faden zu erkennen, selbst wenn alle Einzelheiten der Mechanik für ihn sichtbar wären? Ich kann gar nicht ausdrücken, wie fasziniert, ja geradezu berauscht ich von Snytts Fähigkeiten bin.

      Und doch; bei aller Euphorie über diese einzigartige Entdeckung betrübt mich die Situation zunehmend. Mit jeder Woche, jedem Tag, den ich Snytt intensiver beobachte, sei es im Käfig oder im Irrkabinett, überkommt mich ein ungutes Gefühl. Manchmal glaube ich regelrecht zu spüren, wie er sich nach seinem Zuhause sehnt, wenn er – wie ich glaube – traurig den Blick in die Ferne schweifen lässt, als sähe er dort seine Heimat oder vielleicht auch seine Familie. Und wenn wir uns gegenseitig beobachten und sich unsere Blicke treffen, sehe ich Einsamkeit und Trostlosigkeit in seinen Augen.
      Überhaupt, seine Augen – bitte lache nicht, teurer Freund, aber wenn ich in solchen Momenten tief in seine Augen sehe, kommt es mir vor, als sähe ich in die Augen eines Menschen – oder vielmehr eines Kindes. Nein, es ist mehr als das; es ist wie der Blick in die Tiefen der Seele, der Kinderseele. Gibt es etwas Ehrlicheres, Unverdorbeneres als eine Kinderseele? Und kann es etwas Schrecklicheres als eine tieftraurige, einsame, gar gebrochene Kinderseele geben? Würden wir in für uns sinnfreier, nicht nachvollziehbarer Gefangenschaft nicht auch früher oder später eingehen, wenn nicht körperlich, dann doch zumindest seelisch? Um wieviel grausamer muss so etwas für ein Kind sein?
      Trotz aller Geisteskraft, die Snytt an den Tag legt, wie sollte er nachvollziehen können, dass wir nur genauso neugierig sind wie er selbst und wir ihm nichts Böses wollen? Wenngleich wir ihm vermutlich das Leben retteten und wir ihn seither gut behandeln, dennoch ist er gefangen und von den anderen seiner Art getrennt. Wir wissen nicht viel über das Miteinander dieser Tiere, um nicht zu sagen: beinahe nichts. Es ist nicht auszuschließen, dass er die Einsamkeit und Gefangenschaft als Qual empfindet. Seine Augen sagen mir genau dieses.
      Gewiss, lieber Tenau, ich höre bereits deinen Einwand; mir ist bewusst, dass ich mich täuschen kann und dass Snytt mich gezielt zu beeinflussen suchen könnte; wie nahezu jeder Hund es versteht, mit seinem ganz speziellen Blick jenes von seinem Besitzer zu bekommen, das er möchte: Zuneigung, Spiel oder Futter – sofern der Besitzer nicht völlig ignorant und herzlos ist gegenüber seinem Tier. Gerade wegen Snytts außergewöhnlich großer Geisteskraft wäre ihm das zuzutrauen.
      Und auch deshalb, da er sich Tròsh gegenüber anders verhält. Zumindest habe ich nicht festgestellt, dass er Tròsh direkt in die Augen sieht oder sich so auffallend traurig zeigt wie mir gegenüber. Ob er ahnt – oder gar weiß –, dass Tròsh nicht über seine Freiheit entscheiden würde?

      Oh, ihr Götter! Ich bin hin und her gerissen.
      Sollte Snytt dies alles nur vortäuschen, zeugte diese Listigkeit abermals von seiner hohen Geisteskraft, die sich dann vielleicht gar mit jener von uns Menschen messen könnte; zumindest in einigen Belangen. Umso wichtiger – und ja, auch spannender – wäre es, ihn weiterhin zu beobachten und Neues über seine Art zu entdecken. Es stellte sich dann auch die Frage, wo in einem solch kleinen Köpfchen so viel Geisteskraft seinen Platz finden kann. Und noch wichtiger: Sind die Einhornratten magische oder gar halbgöttliche Geschöpfe? Es wäre ein Jammer, diese Gelegenheit ungenutzt verstreichen zu lassen; denn so bald wird sich womöglich keine mehr bieten.
      Täuscht er es jedoch nicht vor – und verhält sich Tròsh gegenüber lediglich anders, weil er sich vielleicht vor ihm fürchtet, aus welchem Grund auch immer, und daher ihm seine Gefühle nicht so offen zeigen mag –, werde ich mir irgendwann in nicht allzu ferner Zeit schwerste Vorwürfe machen; wenn Snytt in meinen Händen jämmerlich verendet sein wird – mit einem letzten vorwurfsvollen Ausdruck in seinen erstarrten Augen! Schon wenn ich mir diesen Anblick vor mein geistiges Auge führe, fällt es mir schwer, meine Tränen zurückzuhalten; Eiseskälte ergreift mein Herz. Nenn mich ruhig gefühlsselig. Selbst du würdest so empfinden, lieber Tenau, hättest du Snytt hier wahrhaftig erlebt.

      Ach weh! Ich drehe mich immerzu im Kreise; erst recht jetzt, da ich es für dich niederschreibe und ich mir die Zeit nehme, über all jenes wirklich zu sinnieren. Tròsh mag ich meine Zerrissenheit und Bedenken nicht anvertrauen; ich fürchte, er könnte mich für verrückt halten; oder mich als seinen Dienstherren anzweifeln. Schließlich kennt er Snytts Verhalten nicht so wie ich. Außerdem bin ich mir nicht sicher, ob er in Snytt mehr sieht als „nur“ ein Tier, auch wenn er Einhornratten mittlerweile für weitaus interessanter hält als offenbar je zuvor.
      Teurer Freund, darf ich dich offen um deinen weisen Rat bitten? Zwar hast du Snytt hier nicht selbst erlebt, aber möglicherweise klärt gerade dies deinen Verstand für den nötigen Durchblick in meinem geistigen Durcheinander.

      In der Hoffnung auf ein läuterndes Wachrütteln
      dein (ver)zweifelnder Nycauso


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      Das zwanzigste Türchen sieht schon wieder gleich aus, schwere Eiche und Schnitzereien, und es führt uns auch wieder in dieselbe Bibliothek. Unser Blick fällt diesmal auf fünf gepolsterte Stühle, die gut genutzt aussehen. Jener hinter dem Pult gleicht mit Armlehnen und sehr bequem wirkendem Polster allerdings eher einem herrschaftlichen Sessel. Auf dem Pult liegt nun nur noch ein einziger Brief.



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      Brief 4


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      Fraván – am 17. Tage im Grünmond des Jahres 229 neuer Cyumischer Zeit

      Höchstgeschätzter, nicht mit Gold aufzuwiegender Freund!

      Es ist ausgestanden! Genau heute vor einer Woche schenkte ich Snytt die Freiheit. Aber damit endet seine Geschichte noch lange nicht. Jedoch lass mich der Reihe nach berichten.

      Oder nein, zunächst bedanke ich mich aufrichtig für deinen Rat und deine Hilfestellung. Zwar hat mich dein Brief erst einen Tag nach Snytts Freilassung erreicht, doch es beruhigte mich – und überraschte mich auch ein wenig –, dass du weitgehend meine Entscheidung unterstützt hast, ohne dir dessen bewusst zu sein. Ich danke dir, dass du als wahrer Freund mein Wohlergehen so deutlich über einen wissenschaftlichen Erfolg stellst; was ich, wenn es um mich selbst geht, oftmals eher umgekehrt priorisiere – ich sollte dies vielleicht überdenken.
      Zurück zu Snytt. Nachdem ich mich einige Tage lang verstärkt meinem eigentlichen Auftrag gewidmet hatte – es mussten noch Berichte an die Herren in Cyum verfasst werden, was ich zu Snytts Gunsten ein wenig vernachlässigt hatte – und dadurch vielleicht den nötigen Abstand erhielt, entschloss ich mich endlich zu handeln. Bereits kurz nachdem die Entscheidung gefallen war, fühlte ich mich erleichtert, ich sprach viel mehr mit Snytt als sonst; auch Snytt war aufgeregt und zugleich erschien er mir weniger niedergeschlagen. Ich denke nicht, dass er mein Gerede verstanden hat, aber vermutlich ahnte er ob meiner Stimmung und dem Tonfall meiner Stimme, was bevorstand.
      Im Nachhinein betrachtet mag es Unsinn gewesen sein, Tròsh weiterhin nicht einzuweihen, doch so musste ich heimlich vorgehen, um den Schein zu wahren. Also schlich ich mich des Nachts mit Snytt in einem kleinen transportablen Käfig hinaus – er kletterte ohne Umschweife hinein, er muss gewusst haben, was auf ihn wartete!
      Ich glaube, das war etwa um die Mitte der neunten Stunde. Wenn ich mich recht entsinne, glaubt man in deiner Heimat, lieber Tenau, dies sei die unglückseligste Stunde des Tages, in der Geister und Unholde und selbst der Tod umgehen. Den Göttern sei Dank glaube ich lieber an andere Gottheiten, somit sah ich in der späten Zeit keinerlei Problem. In Cyum hätte ich natürlich vorsichtiger sein müssen, dort treibt sich nachts allerlei Gesindel herum, ganz unabhängig von irgendwelchem Unglücksglauben, und auch ist es dem Gesindel gleich, ob es die neunte, achte oder zehnte Stunde ist, zu der sie unbescholtene Bürger belästigen. In Fraván dagegen muss man sich keine Sorgen machen; nachts bleiben selbst Räuber und Trunkenbolde zuhause.

      Schweife ich erneut ab? Als ich Snytt am Stadtrand aus dem kleinen Käfig ließ, flitzte er nicht sofort davon, wie ich erwartet hatte. Er wandt sich stattdessen mir zu und sah mich lange an. Ich beugte mich hinab, um ihn zu streicheln, was ich bis dahin fast nie getan habe. Da richtete er sein Horn gegen meine Hand. Ich dachte, er wollte mich verletzen.
      Nun, nach dem ersten Schrecken hätte ich es als gerechte Strafe für seine lange Gefangenschaft hingenommen. Weit gefehlt! Ebenso sanft, als wolle er wiederum mich streicheln, berührte er seitlich mit seinem Horn meine Hand. Vielleicht eine übliche Dankes- oder Abschiedsgeste unter Einhornratten? Ich hatte vermutet, dass sie ihr Horn mindestens zur Verteidigung oder gar zum Angriff einsetzen, aber so etwas hätte ich am wenigsten erwartet.
      Nach etlichen Atemzügen löste Snytt die Berührung und entschwand schnell im Dunkel der Nacht. So wohl habe ich mich noch nie gefühlt wie in diesem Moment. Und auch während der darauffolgenden Tage ging es mir so gut wie schon lange nicht mehr, als seien ganze Felsbrocken von meinen Schultern gefallen.
      Tròsh erzählte ich am nächsten Tag, Snytt sei mir entwischt, als ich ihn in das Irrkabinett setzen wollte und für einen Moment unaufmerksam gewesen sei; das Fenster sei versehentlich einen Spalt offen gewesen, was Snytt sofort genutzt habe. Nun ja, lieber stehe ich als ein wenig trottelig da und kann es vermeiden, als gefühlsgeleiteter, unfähiger Forscher zu gelten; aus Tròshs Sicht wäre es auch eine Entscheidung aus heiterem Himmel gewesen, was er vielleicht als flatterhaft und unzuverlässig gedeutet hätte.

      Wie ich schon schrieb, endet Snytts Geschichte damit jedoch noch nicht. Zumindest wenn meine Vermutung zutrifft. Drei Tage später war plötzlich die magische Schatulle verschwunden, in der ich nach wie vor die tote Einhornratte aufbewahrte – sie war trotz der vielen Wochen noch immer gut erhalten. Tròsh wisse von nichts, beteuerte er, und ich glaube ihm auch. Sonst hat niemand regelmäßig Zugang zu meinem Arbeitsraum. Ich hegte bereits einen vagen Verdacht, der sich zwei weitere Tage später meiner Ansicht nach bestätigte: Die Schatulle stand am Morgen wieder auf dem Boden vor ihrem Platz im Regal; sie war leer.
      Ich bin mir sicher, Snytt hat die Schatulle geholt und später wieder zurückgebracht – natürlich zusammen mit anderen Einhornratten; alleine hätte auch Snytt sie kaum bewegen können; aber fünf oder sechs dieser Tiere dürften gut reichen, schätze ich, wenn sie sich geschickt anstellen. Frage mich nicht, wie sie das genau bewerkstelligt haben. Durch Snytts Beobachtungen kann er wissen, wie Türen und Fenster zu öffnen sind. Und natürlich hat er es wohl gesehen, wenn ich ab und zu die tote Einhornratte hervorgeholt habe, um dort etwas mit Snytts Erscheinungsbild zu vergleichen oder auch nur um zu prüfen, ob die Kühlung durch die Schatulle noch ausreichend wirkt.

      Viel wichtiger als das Wie ist jedoch die Frage: Warum? Zufriedenstellend beantworten lässt sich diese Frage natürlich nicht – ich wünschte, es wäre irgendeine Art von Verständigung mit Snytt möglich. Ich halte es für gut möglich, dass die Einhornratten ihren toten Artverwandten geholt haben, um ihn zu verabschieden oder gar zu bestatten. Sollte dies zutreffen, bedeutete dies, dass sie so etwas wie Kultur kennen, wenn sie sich gar um ihre Toten kümmern. Stell dir vor, es gäbe einzelne Einhornratten, die sich als Künstler oder Priester betätigen! Eine größere Sensation ist kaum vorstellbar.
      Möglicherweise wollte Snytt auch lediglich verhindern, dass ich ein Geheimnis herausfinde, das seine Art oder dieses spezielle Tier betrifft. Aber auch das zeugt zumindest von vorausschauendem und geplantem Vorgehen und wenn nicht von Kultur, so doch von der Fähigkeit, sich in die Gedankenwelt anderer – sogar ganz anderer Wesen – hineinzuversetzen. Wenn das nicht phänomenal ist!
      Dazu kommt noch, dass er die Schatulle zurückgebracht hat. Weshalb auch immer, aus Dank für die Freilassung? Oder gar als bewussten Hinweis, dass dafür kein menschlicher Dieb verantwortlich war? Aber es bezeugt ein gewisses Verständnis für Besitztum, das selbst einzelnen abgeschiedenen, primitiven Stämmen in den Regenwäldern fehlt, dort „besitzt“ einer allenfalls das, was er gerade am Leibe trägt oder in der Hand hält; wenn er es ablegt, gehört es niemandem mehr oder dem, der es als Nächster in die Hand nimmt. Damit wären die Einhornratten in diesen Belangen sogar manchen Menschen überlegen!
      Ich weiß, diese Überlegungen klingen geradezu verrückt, sind weit hergeholt und – vorerst – nicht zu beweisen. Vielleicht deute ich auch mehr hinein als dahintersteckt. Aber so oder so, Snytts Verhalten überrascht mich weiterhin aufs Neue, als wollte er mir selbst beweisen, dass ich ihn und seine Artverwandten noch immer unterschätze; und das ist keinesfalls demütigend, sondern absolut fantastisch.
      Ich sollte ernsthaft in Erwägung ziehen, einen neuen Namen für diese Art zu ersinnen. Die doch eher negativ belegte „Ratte“ erscheint mir ganz und gar nicht mehr angemessen. Dringlicher mutet mir jedoch an, meine Euphorie ein wenig zu zügeln, um wieder klare Gedanken fassen zu können. Ich hoffe, dies ist nicht die erste meiner Ideen in diesem Brief, der du zustimmst.
      Ich denke, ich werde bald beginnen, alles, was mit Snytt und seinem toten Artverwandten zusammenhängt – einschließlich meiner gewagten Vermutungen –, in einem ausführlichen Bericht niederzuschreiben. Vielleicht finde ich bis dahin auch die snyttrelevanten Legenden, von denen ich dir schon berichtete, glaube ich.
      Ich fürchte jedoch, dass mir kaum ein Gelehrter Glauben schenken wird. Zwar könnte ich Tròsh für vieles als Zeugen anführen – er war nahezu immer anwesend, wenn etwa Snytt im Irrkabinett seinen Weg fand, und natürlich war er es, der ihn fangen konnte. Jedoch wäre er in Cyum ein Niemand, manche würden mir gar unterstellen, ich würde die Bezeugungen Tròsh in den Mund legen oder gar Tròsh selbst erfinden, um glaubwürdig zu wirken.
      Du weißt selbst, wie viele Gelehrte in Cyum nur auf eine Gelegenheit warten, den Ruf eines anderen ruinieren zu können, um selbst besser dazustehen oder um einfach nur seine eigene Meinung durchsetzen zu können und nicht nachgeben zu müssen. Die Erkenntnisse über Snytt hätten das Potenzial, so manches Weltbild zu erschüttern – und einige Gelehrte als Vollidioten erscheinen zu lassen. Die meisten würden sich dagegen mit aller Macht wehren. Nicht verwunderlich! Hätte ich Snytt nicht selbst erlebt, würde ich so etwas vermutlich auch niemandem glauben.

      Daher bitte ich dich, ehrenvoller Freund, um Verschwiegenheit, was insbesondere Snytts Verhalten und meine Vermutungen betrifft, wovon ich in diesem und meinen vergangenen Briefen berichtete. Von Tròsh einmal abgesehen bist du der Einzige, der davon weiß. Wenn ich wieder in Cyum bin – das kann noch ein oder zwei Jahre dauern –, überlegen wir gemeinsam, ob und wie mein Bericht veröffentlicht werden kann.
      Momentan denke ich jedoch, ich werde ihn dir oder einem anderen Vertrauenswürdigen in Obhut geben mit der Maßgabe, ihn erst nach meinem Tode zu veröffentlichen. So muss ich wenigstens nicht zu Lebzeiten den Spott der anderen ach so Gelehrten über mich ergehen lassen.
      So bleibt mir zu hoffen, dass Snytt mir vielleicht eines Tages doch noch einmal über den Weg läuft, damit ich zumindest Gewissheit habe, dass es ihm gut geht – und mit ein wenig Glück mein Wissen über ihn und seine Art nochmals ein wenig erweitern kann. Ich bin mir sicher, da gibt es noch so einige Geheimnisse zu lüften.

      Ich glaube, allmählich wird es Zeit, dass wir in unserem Gedankenaustausch zu anderen Themen finden, so interessant Snytt auch war und ist. So würde es mich erfreuen, von dir mit deinem kritischen Unterton gewürzt zu erfahren, was sich in Cyum in den letzten Jahren alles verändert hat. Hier in der Nordprovinz erfahre ich davon fast nichts oder erst mit großer Verzögerung.

      Mit den besten Wünschen für dich und gespannt auf deine Sicht der Dinge
      dein aufatmender Nycauso


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