WB-Adventskalender 2009

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    • Eine rauschebärtige Figur mit Apfelbäckchen, rotem Mantel, Sack und Rute spielt heute Pförtner für das sechste Türchen. Es führt ins Freie hinaus, auf eine von Schneeresten bedeckte Wiese.
      Seht ihr das kleine Mädchen dort? Es ist Riandil, die Tochter des Drachengottes, der zurzeit in Menschengestalt leben muss. Ihre Mutter war eine Elfin. Sie lebt zur Zeit bei einer sehr bodenständigen Bauersfamilie, die sich völlig im Klaren ist, was sie da zwischen ihren eigenen Kindern großziehen, und sie haben sich längst dran gewöhnt.
      Nur manchmal, ja, manchmal...





      Löcher


      Die kleine, grauschwarze Eselstute schnoberte skeptisch über die kurzen Grasstoppeln, die zwischen den Schneeplacken hervorragten. Von frischem Grün war noch nichts zu entdecken. Wenig begeistert zupfte sie etwas des überwinterten Grases ab und spazierte dann kauend zu Riandil, die auf einem Stein saß und ihre nackten Zehen gedankenverloren wieder und wieder in einen umgestürzten Schneemann bohrte.
      Die Eselin sah dem Mädchen eine Weile zu. „Was machst du da?“, fragte sie dann.
      „Löcher“, antwortete Riandil äußerst konzentriert.
      „Ah.“ Die Eselin scharrte mit dem Vorderhuf und nahm eine weitere Maulvoll Gammelgras. Dann widmete sie sich wieder dem Löcherspiel. „Warum?“, fragte sie schließlich.
      „Um diese Frage zu beantworten, bin ich noch zu klein“, murmelte Riandil.
      „Ich meine, warum machst du Löcher?“
      Riandil sah auf und blinzelte. „Ach so.“
      „Also?“
      „Ich erforsche Löcher.“
      „Ah.“
      „Ja.“
      Die Eselin zuckte mit der Oberlippe – ihre Nase hatte ganz plötzlich fies zu jucken begonnen. Bereitwillig hob Riandil die Hand und kraulte sie.
      „Danke. Etwas höher. Noch höher. Richtig hoch.“
      „Da sind deine Ohren.“
      „Genau.“
      Riandil lächelte und begann, die langen, flauschigen Löffel zu streicheln. „Findest du Löcher nicht fuchtbar spannend?“, fragte sie. „Du machst doch ständig welche, wenn du nach Futter scharrst oder auf Matsch ordentlich Gas gibst, dass du mit den Hufen einsinkst.“
      Die Eselin schnaufte und verdrehte verzückt die Augen. „Das sind Nebenprodukte“, murmelte sie geistesabwesend.
      „Stimmt. Deswegen mache ich ja Löcher. Weil ich wissen will, wie sie so sind. Das kann man nicht wissen, wenn man sie nur versehentlich macht. Man muss sie mit Absicht machen und darauf achten, wie sie entstehen.“
      „Davon verstehe ich nichts.“ Die Eselin gähnte. „Löcher sind mir egal. Ich mag es nur nicht, wenn ein Loch in meinem Magen ist, dann kriege ich schlechte Laune.“
      „Wusstest du, dass jedes Loch einen anderen Namen hat?“
      „Nein. Und?“
      „Nichts und. Das ist aber so.“
      „Ui. Toll.“
      Riandil seufzte und beendete die Krauleinlage mit einem freundlichen Klaps auf den wuscheligen Eselhals. „Ich brauche jemanden zum reden“, sagte sie leicht enttäuscht.
      „Stimmt wohl“, gab die Eselin hilfsbereit zurück. „Esel taugen nicht als Gesprächspartner für Drachen.“
      „Besser als Menschen, die haben fast nie Zeit dafür.“
      „Da hast du wohl recht. Sag mal, hast du keine kalten Füße, wenn du ewig damit im Schnee herumwühlst?“
      „Doch.“
      Vom Hügel herab erklang auf einmal eine Stimme. „Hier“, rief Feyadh, „ich habe sie!“ Dann kam er gelaufen und schlitterte die letzten Meter durch den nassen Schnee, das Halfter einsatzbereit in der Hand. „Nimvi, du kleine Ausreißerin, wie hast du denn das wieder angestellt? Oder hast du sie mitgenommen, Rian?“
      „Nein. Sie ist mich besuchen gekommen.“
      Die Eselin ließ sich bereitwillig einfangen, zumal Feyadh sie wie üblich mit einem Stück Schrumpelapfel bestach.
      „Feyadh, guck mal.“ Riandil deutete mit einem gelbweiß verfrorenen Fuß auf den malträtierten Ex-Schneemann. „Ich habe Löcher gemacht.“
      „Toll. Mutter bringt mich um, wenn sie deine Füße sieht. Los, steig auf, dass du damit aus dem Schnee rauskommst.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, hievte Feyadh Riandil auf den Rücken der Eselin und machte sich mit seinen Schützlingen auf den Heimweg.
      „Die Eselin hat kein Interesse an Löchern“, informierte Riandil ihren Pflegebruder.
      „Was du nicht sagst.“
      „Dabei sind die unheimlich spannend.“
      Feyadh musste schmunzeln. „Und so löchrig.“
      „Ja. Sehr.“ Riandil lächelte zufrieden. „Die Eselin macht schöne Löcher, aber sie kümmert sich nicht um sie.“
      Die Eselin drehte ihre Ohren nach hinten und gab ein kurzes Blöken von sich, gefolgt von einem Schnauben.
      „Weil das nicht dein Name ist“, antwortete Riandil freundlich.
      Die Eselin grunzte.
      „Ich finde das aber nicht höflich“, widersprach Riandil.
      „Streitet ihr euch?“, schaltete sich Feyadh amüsiert ein.
      „Nein“, sagte Riandil. Die Eselin schnaufte empört.
      „Dann ist ja gut. Hast du denn etwas gegen den Namen Nimvi, Rian?“
      „Nein.“
      „Und hat Nimvi etwas dagegen?“
      „Ich glaube nicht. Oder?“ Die Eselin schnaufte. Rian nickte. „Nein, hat sie nicht.“
      „Warum nennst du sie denn nun immer Eselin und nicht Nimvi?“
      Riandil lächelte. „Das ist noch komplizierter als die Sache mit den Löchern.“
      Das mattschwarze Auge des langsam tauenden, durchlöcherten Schneemannes folgte den dreien, bis sie über die Kuppe des Hügels verschwanden.

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    • Armer durchlöcherter Schneemann. :-X
      Jedenfalls ist diese kurze Geschichte sehr unterhaltsam und macht schön neugierig, wie dieses Halbdrachenmädchen denkt.

      Aber "schnobern" soll schnuppern heißen, oder?
      Willkommen im Kreis der willfährig leichtgläubigen und begeistert abseitigen Phantasten. --- Entropie
    • schnobern /Vb./ landsch. den Atem hörbar einziehen, um zu schnuppern, schnüffeln, wittern: der Hund schnüffelte und schnoberte im Laub unter den Bäumen; Hinter dem Zirkus schnoberten in einem Gehege Ponys Hartung Wunderkinder 79; Hagedorn schnoberte Luft durch die Nase: »Na, riech doch mal, Mann!« M. W. Schulz Staub im Wind 212 dazu be-, umschnobern dwds.de/

      ;)
    • Text 3, ein schöner Welterklrungstext.

      Text 4 hab ich auch gleicht enttart und hat mir recht gut gefallen. ;D

      Text 5 hat auch Märchencharakter (wie Text 1) und passt damit auch perfekt zu Weihnachten.

      Und Text 6 fand ich lieb, diese ernstahfte Löcherforschung (dafür müsste es sicherlich auch einen Fachausdruck geben) an einem Schneemann. :)
    • Fernes Hufgetrappel erklingt, als sich das siebte Türchen öffnet. Doch halt, ist da nicht auch noch ein anderes Geräusch? Es klingt wie das leise Schaben von Schuppen auf Stein...




      Wie Shalitara den einäugigen Drachen tötete


      Damals, als Shalitara noch jung an Jahren war, machte sich der mutige Sawat alleine auf den Weg nach Uttarghar, um der Raani seine Aufwartung zu machen. Der Weg war voll von Räubern, hungrigen Wölfen, Löwen und Ostebors, ja sogar von schrecklichen Drachen erzählte man sich unter vorgehaltener Hand, doch Shalitara war jung und unerfahren und wollte keine Waffen mitnehmen, da sie ihn nur behindert hätten. Da rief seine besorgte Mutter: „Wenn du doch nur ein Messer mitnehmen würdest, dann könntest du dich wenigstens verteidigen!“ Doch Shalitara wollte nicht hören und ritt ohne Messer fort.
      Es dauerte nicht lange, da hörte er ein böses Schnauben und neugierig wie er war, stieg er von seinem Pferd und schlich näher. Da saß vor seiner Höhle ein großer, schrecklicher Drache mit nur einem Auge und verspeiste gerade einen Holzfäller. Shalitara wollte fliehen, doch der Drache hatte ihn mit seinem einen Auge bereits entdeckt und freute sich nun auf einen weiteren schmackhaften Menschen. Mit nur wenigen Sätzen hatte er den Sawat eingeholt und wollte ihn schon verschlingen, da rief Shalitara: „Wenn ich nur auf meine Mutter gehört und ein Messer mitgenommen hätte. Dann könnte ich jetzt diesen schrecklichen Drachen töteten!“
      Da horchte der Drache überrascht auf. „Du glaubst“, sprach er lachend, „mich mit einem einzigen Messer töten zu können.“
      „Aber natürlich!“ behauptete Shalitara furchtlos. „Doch weil ich keines habe, wirst du mich wohl jetzt gleich verschlingen.“
      Die Worte des jungen Sawat erheiterten das schreckliche Ungeheuer so sehr, dass es sagte. „Halte deine Hand auf und ich werde dir eines geben. Dann werden wir ja sehen, ob du mich mit einem einzigen Messer töten kannst.“
      Shalitara tat wie ihm geheißen und tatsächlich erschien in seiner Hand ein goldenes Messer. Er sah sich das Messer genauer an und rief plötzlich empört: „Aber das Messer ist ja abgebrochen!“
      Das konnte der Drache nicht glauben und er wollte einen Blick auf das zerbrochene Messer werfen. Doch Shalitara nahm das Messer, das gar nicht zerbrochen war, und stieß es dem Ungeheuer in sein riesiges Auge.
      Da begann der Drache furchtbar zu toben, wollte den Sawat packen und verschlingen, doch da er ihn nicht sehen konnte, war es ihm auch nicht möglich ihn zu ergreifen. Shalitara lief aber schnell zu dem toten Holzfäller, nahm seine Axt und schlug damit dem Ungeheuer den Kopf vom Hals.
      Von nun an ritt Shalitara niemals unbewaffnet fort, und er hatte auch immer das goldene Messer bei sich, mit der er den einäugigen Drachen getötet hatte.

      Der Sawat Shalitara in eine berühmte Sagengestalt in Nordmeseleth, der einige ganz verwegene Abenteuer erlebt haben soll, aus denen er meist eher mit Schläue und einer großen Portion Glück (und zum Teil auch Naivität) als durch Kampfgeschick gekommen ist. Ob so eine Person jemals existiert hat, ist daher zweifelhaft (und wenn doch, dann hat diese Person wohl niemals das Leben geführt wie sein sagenhaftes Alter Ego).

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    • Die Geschichte hat gewisse Ähnlichkeiten mit der Sage von Odysseus und Polyphem. Aber der Mythos ist deutlich verändert worden und bis auf das Wort "töteten" ist alles an richtigem Ort und an rechter Stelle.
      Und die Geschichte hat einen guten Ausgang...ausser für Mr. Holzfäller.
      Willkommen im Kreis der willfährig leichtgläubigen und begeistert abseitigen Phantasten. --- Entropie
    • Die Ähnlichkeit ist, wie mir bei der Abgabe des Türchentextes versichert wurde, rein unabsichtlich und wurde erst hinterher bemerkt als der Text schon fertig war.

      (brought to you by Sturmfaenger Adventskalendermanagement mbH)


      (Die Figur des weisen Narren, oder des glücklichen aber unfähigen Kriegers ist ebenfalls ein Klassiker, der in vielen Kulturen vorkommt, zum Beispiel Till Eulenspiegel oder Nasreddin Hodscha)
      Ich schätze, es schwirren in jedem von uns die Plots der Mythen herum, die man früher schon mal irgendwo gehört hat. Wenn es jedoch unbewußt passiert, zählt es imho dennoch als was eigenes. Und selbst wenn es eine bewußte Adaption gewesen wäre - es ist gut geworden. Was zählt ist, wie der jeweilige Autor verschiedene Versatzstückchen nimmt und daraus etwas eigenes macht. ;)
    • Vor dem achten Türchen ist ein großes Warnschild aufgestellt, auf dem steht zu lesen:

      Achtung - direkt vor dieser Tür befindet sich eine Zeitschleife. Bitte beim Eintreten einen großen Schritt machen. Fehltritte auf eigene Gefahr...





      Von nun bis immerdar


      Von einer längeren Reise heimzukehren, ist immer etwas seltsam, weil das Vertraute sich fremd und das Fremde einen allmählich vertraut wurde. Als ich in die Gasse zu meinem Haus einbog, stellten sich derartige Gefühle natürlich ein, aber vorerst sollten mich andere Dinge beschäftigen, und diesmal war es nicht einmal die Palme meines Nachbarn, die er jedesmal, wenn ich auf Reisen ging, ausgrub und einige Meter entfernt wieder eingrub, sondern ein weitaus ernsteres Übel.

      An der Tür hing ein Zettel, der mir mitteilte, wie hoch meine Schulden an den Vermieter waren. Darauf stand eine Zahl mit so vielen Nullen, dass sich die vorne stehende Zahl angesichts der erdrückenden Übermacht am liebsten versteckt hätte. Vorsichtig löste ich den Zettel, der über das Schlüsselloch geklebt war, und wollte gerade eintreten, als sich hinter mir jemand räusperte. Es war mein Vermieter, Cornelius Gliterstoon.

      „Gut, dass ich Sie sehe.“, sagte er freundlich, „Wie sie sehen, schulden Sie mir mittlerweile die Miete für fünf Milliarden Jahre. Die Zeitschleife, Sie wissen schon.“

      Ich hatte keine Ahnung, wie er es fertiggebracht hatte, den genauen Betrag zu ermitteln, ohne selbst die Zeitschleife zu betreten, die sich durch einen unglücklichen Zufall um mein Haus herum gebildet hatte. Aber eines empörte mich.

      „Da stimmt doch etwas nicht! So viele Nullen – Sie wollen mir doch nicht erzählen, dass die Miete von dieser ganzen Zeit genau eine runde Zahl ergibt.“

      „Natürlich nicht.“, sagte Gliterstoon, „Ich aktualisiere den Zettel bloß nur einmal in einer Milliarde Jahren. Ich weiß ja, dass Sie ohnehin nur sporadisch vorbeischauen. Inzwischen dürfte die Miete noch ein paar Billionen Girosches mehr ausmachen.“

      Ich seufzte und sperrte resigniert die Tür auf.

      „Nun, ich bin mir sicher, Sie werden sich dieses Problems annehmen.“, schloss Gliterstoon vergnügt und spazierte davon.

      Im Haus ließ seltsamerweise nichts darauf schließen, dass hier ein paar Milliarden Jahre vorbeigekommen wären. Ich schob es auf die Dauerhaftigkeit der Produkte von Gliterstoon, von dem die Einrichtung stammte. Mehr Zeit, mich zu wundern, blieb mir allerdings nicht.

      „Die Parole lautet: Von nun bis immerdar!“, verkündete eine heisere Stimme vor meiner Tür. Ich schlich mich langsam näher, doch der Satz wiederholte sich bereits in deutlich gesteigerter Lautstärke, wenngleich man dem Urheber anmerkte, dass ihm das schwerfiel, so wie seine Stimme klang.

      „Die Parole lautet: Von nun bis immerdar!“, schrie die Stimme jetzt; ich wollte ihr ein viertes Mal ersparen, um ihre Stimme zu schonen, und öffnete die Tür.

      Vor mir stand ein dicklicher alter Mann in einer Mönchskutte und starrte mich verblüfft an.

      „Ist das nicht das geheime Hauptquartier?“, fragte er.

      Ich überlegte. Fünf Milliarden Jahre sind eine lange Zeit, auch wenn es sich um sehr lokale Zeit handelt – die obendrein irgendwo anders im Ort abgängig sein musste. Es wäre also vorschnell von mir gewesen, mit 'Nein' zu antworten, zumal ich ja in der letzten Zeit nicht in der Gegend gewesen war.

      „Das entzieht sich meiner Kenntnis.“, verkündete ich stattdessen.

      „Es ist geheim.“, erklärte mir der Mönch unbekannter Konfession berechtigterweise.

      Ich nickte verständnisvoll. Das habe ich bei den Samourtzawa-Stämmen gelernt, die haben das wirklich drauf. Also, den Kopf so zu bewegen, dass sich das Gegenüber effektiv verstanden fühlt. Die können das. Und diese erstaunliche Fähigkeit, die ich von einem der ehrwürdigen Väter der Samourtzawa in einem wochenlangen Kurs gelernt hatte, versuchte ich nun, so gut ich konnte, an diesem Fremden zu erproben.

      Ich weiß nicht, ob es funktioniert hatte. Im nächsten Moment war der Mönch an mir vorbei ins Haus eingetreten, und ein großes Rumoren brach hinter mir los. Ich drehte mich um, und sah gerade noch den letzten Mönch aus meiner Kücheneinrichtung herausklettern. Ich glaube, ich erinnere mich, dass mein Backofen so konzipiert worden ist, dass er in Kriegsfällen als sicherer Bunker genutzt werden kann; er ist innen etwas größer als außen, was für manche Speisenzubereitung eine sehr nützliche Eigenschaft darstellt.

      Nun war der Raum also von einem Moment auf den anderen erfüllt mit schwarzgekutteten Mönchen, von denen einige offenbar gewohnheitsmäßig in einen rituellen Singsang gefallen waren. Doch die meisten von ihnen blickten erwartungsvoll zu mir.

      Schließlich fand ich meine Stimme wieder, die sich in mehreren unnötigen Gedanken verfangen hatte, die sich vor allem um den Innenraum meines Backofens drehten, und hub an zu sprechen:

      „Geheime Gesellschaft. Es freut mich ungemein, euch alle in meinem Haus versammelt zu finden.“

      Ich überlegte einen Moment, ob das in dieser Situation adäquate Worte gewesen waren, doch eine weitere Botschaft lag mir sehr am Herzen.

      „Wäre es nicht wahrhaft fair und adäquat, wenn ihr mir die Miete für fünf Milliarden Jahre bezahlt, wenn ihr schon dieses Haus als Hauptquartier nutzt?“

      „Bitte! Das würde unseren Zirkel ruinieren!“, wandte sich einer der Mönche an mich, „Ihr müsst verstehen, wir dienen einer wichtigen, ja gerade zu essentiell notwendigen Sache.“

      „Die wäre?“

      „Wir sind die Montagsmönche. Wir werden alle Wochentage so lange reduzieren, bis nur noch der Montag überbleibt. Ewiger Montag. Es wird keine anderen Tage mehr geben außer dem Montag, denn der Montag ist uns heilig und überaus lieb, sowie unser Tag. Es ist der Montag. Der unsrige, der einzig wahrhaftige und heilige Tag der Woche. Die anderen Tage sind profan und alltäglich, wir werden sie bekämpfen, denn sie sind das Werk des... wie hieß der noch gleich... des entsetzlichen Diens, der jede Woche aufs Neue das Ende der heiligen Glückseligkeit ausruft!“

      Ich ließ die Litanei über mich ergehen, und dachte angestrengt nach. Worüber, weiß ich nicht. Es war mehr ein allgemeines weltverlorenes Sinnieren, in dem ich etwa eine Minute festhing, bis ich mich wieder der aktuellen Situation zuwenden konnte. Ich glaube, in meinem Kopf tanzte ein Nadelwald einen volkstümlichen Tanz, ich entsinne mich an Lärchen, die kokett ihre Nadeln abwarfen und Fichten, die sich im Takt wirbelten.

      Wie gesagt, nach einer Minute hatte mich die bittere Wirklichkeit wieder. Die Mönche starrten mich an. Offenbar hatte ich in meiner geistigen Umnachtung ein fröhliches Tanzlied gesummt. Nun, das kann schon mal vorkommen.

      „Wer ist euer Oberster?“, fragte ich in die Runde.

      Die Mönche stießen ein kollektives Wehklagen aus.

      „Das dürfen wir nicht verraten!“

      „Wann wird er kommen?“

      Doch die Frage erübrigte sich. Mit einem gewaltigen Donnerkrachen brach die Tür auf, und ein weiterer Schwarzgewandeter trat ein. Eine Weile stand er uns stumm gegenüber, dann nahm er schwungvoll die Kapuze ab. Es war Cornelius Gliterstoon, Juwelier, Erfinder und unumschränkter Herrscher dieser Welt.

      Zumindest in diesem Moment war er das. Es hängt alles von einem eindrucksvollen Auftreten ab.

      „G!“, brachte ich hervor, und die Mönche missverstanden dies wohl als einen Ausdruck der Ehrerbietung, denn bald war der ganze Raum von gutturalen Lauten erfüllt.

      „Schweiget!“, sprach Gliterstoon. Die Mönche schwiegen sofort, und ich hörte auf, die Melodie des Nadelwaldtanzes zu summen, die mir nicht aus dem Kopf ging.

      Es entstand eine peinliche Stille. Ich nutzte die Gelegenheit, um einen sehr interessanten Zirkelschluss zu untersuchen: Das Haus hier gehörte Cornelius Gliterstoon, und ich schuldete ihm Miete. Die Mönche wiederum schuldeten mir Miete, und deren Chef war derselbe Gliterstoon.

      Als ich diesen Gedanken fertighatte, und es schließlich auch geschafft hatte, dem eisigen Blick des Juweliers zu trotzen, fing ich schließlich an zu lachen. Es war ganz und gar keine gute Reaktion, aber die Nervosität, gepaart mit spontaner Erkenntnis, hat das oftmals zu Folge, das ist eine häufig beobachtbare menschliche Verhaltensweise.

      „Diese ganze Zeitschleife hier hat nicht zufällig etwas mit geheimen Ritualen der Mönche zu tun?“, fragte ich schließlich.

      Gliterstoon schüttelte den Kopf und seufzte.

      „Da dieses Haus mir gehört, ist es ganz allein meine Sache, ob und welche Geheimorganisation hier am Werk ist.“, erklärte er mir, dann zuckte er mit den Schultern und sagte:

      „Na schön. Ich erlasse dir die Schulden also – wieder einmal – wenn du Werbung für meine Produkte in den Text einbaust.“

      Ich übte erneut mein Samourtzawa-Kopfnicken. An dieser Stelle muss ich erwähnen, dass der Backofen, der in diesem Text bereits Erwähnung fand, ein ausgesprochen praktisches Produkt ist. Ausgestattet mit zwölf internen Flaschengeistern, und einem Rezeptgedächtnis für zweiundneunzigtausend Gerichte, sowie einem Sprachmodul, das jeden Babelfisch mit Leichtigkeit in den Schatten stellt, ist es doch auch imstande, winzigste Differenzen in der Aussprache an das Kochprogramm weiterzuleiten, etwa eine Entschlüsselung des Begriffs 'ein bisschen' mit Hilfe von Fuzzy-Logic, und einem vollautomatischen Benachrichtigungsmodul, dass Ihnen überall, wo immer Sie gerade sein könnten, mitteilt, wenn das von Ihnen gewählte Gericht gerade zu 99% fertig gekocht wurde. Zudem ist er mit einer Sicherheitspanzerung ausgestattet, die nicht nur gegen radioaktive Strahlung, sondern auch gegen Telepathie und – das steht in der Bedienungsanleitung – gegen molyoplaktische Wellen schützt, was auch immer das sein mag. Und natürlich gegen jede Form der physischen Einwirkung. Sie können sich also sicher fühlen, wenn sie den unvergleichlichen Backofen 'Silverback' von Cornelius Gliterstoon im Hause haben, der natürlich noch von dem noch unvergleichlicheren Nachfolgemodell übertroffen werden wird, das sich zurzeit in Entwicklung befindet. Einige der Kochfehler, die selbstverständlich nur in absoluten Ausnahmefällen auftreten, werden in dieser Version behoben. Sollten Sie das wünschen, wird Ihnen natürlich die Möglichkeit gegeben, liebgewonnene Störungen mit dem entsprechenden Code wieder freizuschalten. Das alles zum überaus günstigen Preis von nur eintausendfünfhundert Girosches.

      Das, mein verehrter Leser, wollte ich gesagt haben.


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    • Warum gerade Montag? Aber gut, dass sind religiöse Dogmen. ;)
      " Durch die weiten, glühenden Ebenen ziehen sie dahin: gewaltige Herden, kaum weniger zahlreich als die Halme jener Gräser, die sie nähren. Zwei Dinge treiben sie voran: Trockenheit und mächtige Feinde, die nur darauf warten, ihren Hunger mit Fleisch zu tilgen. Keine Art außer einer hat hier ihre Heimat: die Morlochs, die Herrscher der Weite zwischen Erde und Himmel."
      Aus " Führer durch die Welt", von Lisari Biadaom, erschienen 1118 n.M.K.
    • Das neunte Türchen hängt schief in den Angeln, und der gemauerte Türrahmen wirkt, als wollten seine Steine in jedem Augenblick in sich zusammenfallen. Während es sich quietschend öffnet, saust draußen eine kleine, sandfarbene Gestalt vorbei, dicht gefolgt von einer zweiten.




      Unheilvolle Entdeckung


      Der Alte vorzog das Gesicht als er seine Enkel durch die verlassenen Gassen toben sah.
      Sie wussten nicht worin sie sich befanden, wie sollten sie auch? Selbst sein Großvater war noch nicht auf der Welt, als die jahrhundertelange Belagerung des dunklen Turms begann. Viele Krieger der Menschen hatten damals ihre Familie mit zum Belagerungsring genommen, das waren ihre Vorväter.
      „Ho, Desios! Sei vorsichtig, du weißt, dass viele der Ruinen einstürzen können!“
      Lachend kam der Kleine auf ihn zu gerannt. „Opa ist da! Opa ist da!“
      Voller Freude kam die kleine Yatira um die Ecke gestürzt und viel ihm von hinten um den Hals.
      „Ho, nicht zu schnell! Du weißt dass der alte Alberich nicht mehr der stabilste ist!“
      Er musterte die beiden Geschwister, die beide noch keine zehn Winter gesehen hatten. Sie sahen ihren Großvater nicht oft, da er die meiste Zeit damit verbrachte, die alten Grauelfenschriften im Tempel beim heiligen Hain zu entziffern, und der lag mehrere Meilen vom Wohngebiet der Menschen entfernt.
      Ihr Volk hatte einen Wall um ein ehemaliges Wohnviertel der Grauelfen angelegt, denn im Gegensatz zu den anderen Belagerern befanden sich die Menschen im Krieg mit dem Zauberer der die Bestien anführte. Auch wenn die Angriffe nach mehreren Jahren langsam weniger wurden und schließlich aufhörten, besserten die Krieger den Wall ständig aus, denn wenn die benachbarten Oger und Trolle Hunger verspürten machten sie vor nichts halt.
      Stirnrunzelnd betrachtete er die Kleidung seiner Enkel. Der Junge trug eine sandfarbene Tunika mit grünen Schmuckrändern, an seiner Seite baumelte ein bronzener Dolch, das Mädchen hatte ein ebenfalls sandfarbenes Kleid und hatte eine goldene Brosche im Haar. „Wo habt ihr das her?“ fragte Alberich die Kinder, den beide Kleidungsstücke sahen sehr nach der Kleidung einfacher Grauelfen aus. Im Lager war es verboten die Sachen des alten Volkes zu tragen. Er wollte gerade zu einer Strafpredigt ansetzten als Turgur, der Vater der Kinder und sein Sohn, grinsend um die Ecke gelaufen kam. Auf seiner Schulter trug er eine große Truhe, die bis oben hin mit Schriftrollen gefüllt war.
      „Na alter Mann? Was gibt es neues aus dem Tempel?“
      Der Alte senkte die Stimme und richtete seinen Blick auf die strahlenden Kinder. „Ich habe eine Schriftrolle mit beunruhigendem Inhalt entdeckt. Bevor ich damit zum General gehe wollte ich deine Meinung dazu hören.“
      Die freundliche Miene seines Sohnes verfinsterte sich. „Es geht wieder um den Turm oder?“
      Der Turm war die Geißel vieler Menschengenerationen, er hatte eine magische dunkle Faszination. Sie wussten nicht mal mehr den Grund dafür, dass sie ihn schon so lange belagerten.
      Die Kinder sahen fragend zwischen ihrem Vater und ihrem Großvater hin und her, sie spürten die Sorge der beiden. Ihr Vater lächelte die Kinder an und schickte sie fort, um in aller Ruhe mit Alberich zu sprechen.
      „Worum ging es?“ fragte Turgur.
      „Um eine alte Legende, lass sie mich dir erzählen, damit du verstehst. Der Turm war nicht immer dunkel, im Gegenteil: Einst war er als der ‚goldene Turm’ weit und breit bekannt. Wir stehen im ehemaligen Reich Dêra'kai! Doch...“
      Turgur sog scharf die Luft ein, „Du weißt dass es in den Ruinen verboten ist von den Alten zu sprechen!“
      Der Alte senkte die Stimme „Ich weiß, und deshalb möchte ich erst mit dir darüber sprechen! Also lass mich fortfahren!“ fuhr Alberich seinen Sohn an. „Du weißt doch sicher von den Grauelfen? Alle Vermutungen über ihre Stadtstaaten sind falsch! Einst gab es ein geeintes Imperium, ein Großreich von gigantischen Ausmaßen! Es wurde jedoch unterworfen, und aus der Region um die ehemalige Hauptstadt entstand das kleinere Dêra'kai.
      Zu jenen Zeiten war der Turm golden und schön, er war ein Symbol für die Reinheit und für das Gute. Eine alte Legende sagte, der Turm würde sich dunkel verfärben und sich in sein Gegenteil kehren, würden jemals alle Grauelfen den Turm verlassen.
      Alle, außer dem Erzmagier Fanaríl und der damaligen Kaiserin Rejalín, hielten diese alte Geschichte für die Hirngespinste des alten Reiches, den sie hielten sich für unbesiegbar, sie erkannten die Fehler des alten Reiches, ihr Gebiet soweit auszubreiten das sie es nicht mehr verteidigen können. Sie glaubten nicht daran das sie militärisch unterworfen werden könnten, und zum Schluss bereitete ihnen eine Seuche das Ende, nach und nach verloren sie ihre Städte.
      Als sich die Seuche im Reich verbreitete und ihr Volk schwächte, bereiteten sich die Monstren auf einen Feldzug gegen Dêra'kai vor. Die geschwächten Grauelfen hatten dem nichts entgegen zu setzen und errichteten, nach wenigen gewaltsamen Übergriffen, eine magische Barriere. Jedoch rechneten sie nicht damit das sich die Seuche auch innerhalb des Walls bemerkbar machte. Sie raffte einen Elf nach dem anderen dahin, bis sich das Herrscherpaar, was mittlerweile nur noch über wenige Hundert regierte, zu einer Verzweiflungstat entschloss.
      Sie zeugten einen Sohn, und brachten das Baby in ein unterirdisches Gewölbe. Sie belegten es mit ihren letzten magischen Kräften mit einem Zauber der ihn schneller wachsen ließ. Außerdem gaben sie ihrem Sohn die Waffen und die Rüstung des göttlichen Kaisers, des ersten Herrschers.
      Nachdem die Kaiser ihre letzten magischen Reserven aufgebraucht hatten fiel die Barriere in sich zusammen. Die Monstren überrannten den letzten Teil der Festung. Als letzte Überlebende verbarrikadierten sich die Kaiserin und der Erzmagier in einem Zimmer auf der höchsten Stelle des Turmes. Dort hielten sie sich einige Wochen, doch den Monstren kam unerwartet Hilfe. Die letzten Alben, die Todfeinde der Grauelfen, schlichen sich in den Turm ein und töten den geschwächten Erzmagier. Sie enthaupteten die Kaiserin und bestiegen den Thron. Die Monstren freuten sich über die Hilfe, doch ihnen wurde bald bewusst dass es den Alben um die alleinige Herrschaft ging. Als der Kaiser der Alben den Turm betrat verbreitete sich unaufhaltsam der Schatten des Fluches im Turm, und er ward schwarz.“
      Schockiert starrte Turgur seinen Vater an, „Unterirdisches System? Ein lebender Grauelf?“
      „Ja mein Sohn, es gibt sie noch, und wenn ich den Zeilen glauben schenken darf, sinnen sie auf Rache.“
      Noch lange nicht vom seinem Schock erholt stammelte Turgur „Aber kann es denn sein daß er noch lebt? Er müsste mehr als zweihundert Jahre alt sein!“
      Alberich antwortete: „Grauelfen leben sehr viel länger als Menschen, sie sind praktisch sogar unsterblich wenn sie nicht von einer schweren Krankheit oder einer Verletzung dahin gerafft werden. Jedoch selbst den Tod durch eine Verletzung war für einen Grauelfen unwahrscheinlich, die Heilkundigen zu jener Zeit hatten ein weitreichendes Wissen, sie konnten laut den Aufzeichnungen Organe austauschen!“
      Turgur antwortete, nachdenklich geworden: „Wenn das so ist solltest du sofort aufbrechen und den General informieren. Grauelfen waren nicht bekannt dafür, Unterschiede zwischen Menschen und Bestien zu machen. Wenn wir ihn jedoch dazu bewegen könnten ihn auf unsere Seite zu ziehen, wäre er sicherlich ein Verbündeter von unschätzbarem Wert.“ Nachdenklich beobachtete er die spielenden Kinder, „Er könnte die Zukunft aller verändern, zum Guten, wie auch zum Schlechten.“


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    • Das zehnte Türchen besteht aus unzähligen Mosaiksteinchen. Nicht nur der Rahmen, sogar die Tür selbst hat Einlegearbeiten aus winzigen Glasstückchen. Sonnenlicht fällt hindurch und bildet bunte Flecken auf dem Boden, die zu tanzen beginnen, als sich das Türchen langsam öffnet...




      Ein Tag im Leben von Fychat Sontreca,
      Schülerin eines Mosaikmeisters aus Cumea


      Sontreca steht wie jeden Tag im Sommer in der Morgendämmerung auf. Da sie in ihrer Familie stets als Erste wach ist, geht sie hinaus in den Innenhof, zu dem alle zwölf Familien des Wohnhauses Zugang haben, um dort vom Brunnen Wasser zu holen. Sie bringt das Wasser in die Küche und geht dann in den kleinen privaten Innenhof ihrer Familie, wo in einem Fass Regenwasser aufgefangen wird. Da es in den letzten Wochen sehr trocken war, ist kaum noch Wasser darin und Sontreca ist sparsam, als sie sich damit wäscht.
      Danach zieht sie sich ihre Arbeitskleidung an und mischt in der Küche einen Teil des Brunnenwassers mit dem Regenbeerensaft, den ihre Schwester gestern hergestellt hat. Dieses erfrischende Getränk bildet zusammen mit Feigen und Tekranüssen ihr rasches Frühstück.

      Ihr nächster Weg führt sie über den großen Innenhof zu der Wohneinheit der Familie Enul. Sie bringt Regenbeerensaft mit und bekommt dafür von Suat, dem ältesten Sohn, Brot, denn die Enul haben eine Bäckerei. Einen Teil des Brotes steckt Sontreca in ihren Stoffbeutel, den Rest legt sie in die Küche. Inzwischen sind auch ihre Familienmitglieder, die alle in der eigenen Weberei arbeiten, aufgestanden. Sontreca verabschiedet sich von ihnen und geht durch die noch recht leeren Straßen zum kleinen Heiligtum der Ziarra, die einst den Cumeanern die Kunst des Mosaiklegens beibrachte. Sontreca bringt ein kleines Opfer dar und bittet um einen guten Tag, dann beeilt sie sich, um rechtzeitig zum Haus des Utin Emina zu kommen. Hier legen sie und zwei weitere Mitarbeiter von Meister Ifniul einen Mosaikboden.
      Die beiden haben bereits mit der Arbeit begonnen. Den Vormittag über arbeitet Sontreca mit ihnen an einem einfachen Muster, das die Umrandung eines Einlegebildes darstellt. Das schlichte Schwarz-Weiß-Muster ist bereits auf dem Boden vorgemalt, und so muss Sontreca lediglich die Formen sorgfältig ausfüllen. Als die Sonne hoch am Himmel steht, machen sie eine kurze Pause. In einer Garküche in der Nähe kaufen sie Fleischeintopf, zu dem sie Sontrecas Brot essen. Als sie fertig sind, machen sie mit der Arbeit weiter, doch bald haben sie nicht mehr genug schwarze Steine. Der Steinschneider hätte sie längst liefern sollen, aber er ist nicht erschienen. Da Sontreca die jüngste Schülerin ist, muss sie sich in der Hitze auf den Weg machen.

      Der Steinschneider hat keine guten Nachrichten. Da ihm die Glasstangen zu spät geliefert wurden, wird es noch ein wenig dauern, ehe er die Mosaiksteine geschnitten hat. Daher können sie nun an dem Mosaik nicht weiterarbeiten. Meister Ifniul schickt die anderen Mitarbeiter nach Hause, aber Sontreca soll mit ihm gemeinsam an dem Einlegebild arbeiten.
      An einem so detaillierten Bild durfte sie bisher noch nie arbeiten. Anders als das Schwarz-Weiß-Muster legen sie es nicht direkt auf den Boden, sondern auf eine dünne Platte, die später in die freie Stelle im Mosaikboden kommen soll.
      Das Bild zeigt ein mythologisches Bild: Nymela vor dem Sternentor, die Riwon als ersten Sterblichen hindurch treten lässt. Noch nie hatte Sontreca so kleine, feine Steinchen in der Hand. Meister Ifniul lässt sie daher kaum aus den Augen.
      Anfangs hat Sontreca Angst, etwas falsch zu machen, aber bald findet sie Gefallen an der Arbeit. Beinahe hofft sie, dass der Steinschneider auch morgen noch nicht mit den Mosaiksteinen fertig ist.

      Als Sontreca an diesem Abend nach Hause geht, fühlt sie sich viel frischer als sonst. Da sie nicht den ganzen Nachmittag auf dem Boden knien und sich über das Mosaik beugen musste, leidet sie heute kaum unter Rückenschmerzen.
      Erneut hält sie beim Heiligtum der Ziarra und bedankt sich für den heutigen Tag. Als sie nach Hause kommt, schließen ihre Eltern gerade den kleinen Laden. Da Sontrecas Familie nicht arm ist, haben sie in ihrer Wohnung eine eigene Küche und müssen das Essen nicht von einer der Garküchen holen wie die meisten Familien, die in den oberen Stockwerken des Gemeinschaftshauses leben. Sklaven besitzt Sontrecas Familie aber nicht, daher müssen sie das Abendessen selbst kochen. Das ist heute eine aufwändige Angelegenheit, da Bekannte eingeladen sind und ihnen natürlich ein entsprechendes Mahl serviert werden soll.
      Mit den Gästen wird es heute spät. Die Sonne ist schon untergegangen, als Sontreca sich schließlich erneut im Innenhof wäscht, aus ihrer Kleidung schlüpft und ins Bett geht.


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    • Mal ein paar Berichte. Gut, geht auch zur Abwechslung. Vielleicht sollte Sontreca im Liegen arbeiten?
      " Durch die weiten, glühenden Ebenen ziehen sie dahin: gewaltige Herden, kaum weniger zahlreich als die Halme jener Gräser, die sie nähren. Zwei Dinge treiben sie voran: Trockenheit und mächtige Feinde, die nur darauf warten, ihren Hunger mit Fleisch zu tilgen. Keine Art außer einer hat hier ihre Heimat: die Morlochs, die Herrscher der Weite zwischen Erde und Himmel."
      Aus " Führer durch die Welt", von Lisari Biadaom, erschienen 1118 n.M.K.