WB-Adventskalender 2009

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    • Auf dem elften Türchen, das dicht von Efeu umrankt ist, sitzt ein kleiner Vogel und putzt sein Gefieder. Der Wanderer, der durch das Türchen tiefer in den nahen Wald hineingeht, sieht ihn nicht. Ja, er bemerkt nicht einmal, daß er gerade hindurchgegangen ist...




      Vom mutigen Soldaten


      Es war einmal vor langer Zeit auf den Ostinseln ein Soldat. Dem war es recht schlecht ergangen, denn es kam die Zeit, da konnte er seinem Handwerk nicht mehr nachgehen. Nachdem er nichts rechtes sonst gelernt hatte musste er nun betteln um nicht zu verhungern. Alles was ihm geblieben war waren ein paar feste Stiefel, die die Füße zwar warm hielten, die aber so hässlich waren dass sie keiner haben wollte.
      So kam es dass der Soldat sich eines Tages im Wald verlief. Er irrte einen Tag herum als er einen Jägermann auch im Walde sitzen sah. Da freute sich der Soldat und eilte zu dem Mann in edlen Gewändern und glänzenden Stiefeln. Da lief er zu ihm und sagte zu sich:
      „Ei, wie schön ein Jägermann, der mir den Weg hier sagen kann.“ Doch es stellte sich heraus dass der Jäger sich auch im Wald verirrt hatte und ebenso hungerte wie der Soldat. Da saßen also die beiden nebeneinander. Und der Soldat blickte auf die edlen Stiefel des Jägers und dann auf die seinen und er sagte: „Meine Stiefel mögen nicht so schön glänzen wie die Euren, aber sie haben den halben Kontinent gesehen und sie sind immer noch gut und treu. Selbst die schönen Gesänge der Shijit haben sie vernommen. Ein solch treuer Gefährte bin ich auch.“
      Da lachte der Soldat und meinte weiter. „Aber nun haben wir uns beide verirrt. Gleich und gleich gesellt sich gern, lass uns zusammen den Weg hier hinaus finden.“
      Da willigte der Jäger ein und sie machten sich auf.
      Sie irrten wieder Tage in dem Wald herum bis sie schließlich Licht im Dunklen der Nacht sahen.
      Also eilten sie dorthin wo das Licht herkam und fanden ein schönes Steinhaus mitten im Walde. Davor saß ein altes Weiblein. Da freute sich der Soldat und weil er sehr hungrig und guter Laune war sagte zu sich.
      „Ein wie schön ein freundliches Weiblein das lädt uns sicher zum Essen ein.“
      Doch die Alte erschrak furchtbar als sie den Soldat und den Jäger gewahr wurde und wollte sie verscheuchen. Es stellte sich heraus das sie beim Haus einer Räuberbande gelandet waren für die sie sorgen musste. Doch dann hatte die Frau mit der abgemagerten Gestalt des Soldaten Mitleid und sagte ihnen dass sie sich hinter den Ofen verstecken mussten. Sie würden dann die Reste vom Essen der Räuber bekommen.
      Kaum hatten sie sich hinter den Ofen geduckt stürmten auch schon die Räuber in das Zimmer und machten sich über das köstliche Essen her.
      Da wurde der Soldat so hungrig dass er zum Jäger meinte.
      „Wenn uns das Magenbrummen verrät ist es viel zu spät.“ Da sprang er auf und die Räuber griffen gleich zu ihren Waffen. Doch der Soldat meinte unbeeindruckt:
      „Bestimmt ist bald um mich geschehen, doch möcht vorher noch mein Magen etwas zu Essen und Trinken sehen.“ Die Räuber waren überrascht und beeindruckt von den Mut des Soldaten. Sehr wohl erkannten sie dass es sich einst um einen Kämpfer gehandelt haben musste. Also gewährten sie ihm seinen Wunsch. Und der Soldat tat sich auch sogleich gütlich an den Speisen. Schließlich war er fast satt. Da sagte er. „Bevor mir ein Lächeln in die Kehle geschnitten wird möchte ich doch noch gern mit euch allen ein Glas Wasser auf den Fürsten leeren. Ohne seine Schätze hättet ihr wohl nicht so viel zu Essen.“ Das gefiel den Räubern, denn nur wertloses Wasser auf jemanden zu trinken galt damals als großer Hohn und sollte den Betroffenen Unglück bringen. Also holten sie behände alle Wasser und stießen mit dem Soldaten auf den Fürsten an.
      Doch als sie alle tranken sang er fluchs. „Also steht ihr starr und fromm bis ich später wieder komm.“ Das war einer der Zaubergesänge die er bei den Shijit gehört und gelernt hatte.
      Da konnten die Räuber nicht anders als unbeweglich stehen zu bleiben. Und der Jäger traute sich endlich mit großen Augen aus seinem Versteck hinaus.
      Da gingen sie aus dem Räuberhaus hinaus, schwangen sich auf ihre Rennenten und fanden auch bald den Weg zu der Stadt. Denn die Rennenten waren den Weg gewohnt und wie von selbst gelaufen.
      In der Stadt wurden sie voller Freude empfangen und der Soldat wunderte sich. „Was machen sie so einen Aufstand um einen Soldaten und einen Jägermann?“ Da erwiderte sein Weggefährte: „Weil ich der Fürst hier bin." Da erschrak der Soldat weil er doch die Räuber ein Glas Wasser auf ihn trinken liess. Doch der Fürst lachte. "Wie sollte ich dir böse sein? Du hast mein Leben gerettet, auch wenn du dachtest ich sei ein einfacher Jäger. Darum sollst du belohnt werden. Du darfst lebenslang an meinem Hofe leben, nur einen Trinkspruch möchte ich nicht von dir hören.“ Da lachte auch der Soldat und freute sich. Der Fürst machte sein Versprechen wahr und liess seinen alten Weggefährten gut bei ihm leben.

      Was mit den Räubern geschah? Diese wurden von den Soldaten des Fürsten geholt und ihrer gerechten Strafe zugeführt.


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    • Durch das zwölfte Türchen dröhnt etwas... ... ... nennen wir es unbeschreiblich. Zwischen all dem ... äh, Klang ... kann man auch so etwas wie eine Stimme vernehmen...



      Klonk


      Hallo, liebstes Publikum! Vielleicht kennt ihr mich, vielleicht auch nicht. In jedem Fall bin ich sicher, dass meine Person euch brennend interessiert. Mein Hauptname ist Klonk und ich bin der mit dem zerstörten Ruf. Dabei wollte ich doch nur spielen, höhö! Ihr müsst wissen, dass ich leidenschaftlicher Musiker bin. Zeit meiner Existenz habe ich mit allem Musik gemacht, was mir zuflog. Meine berühmten Konzerte haben meine Namen bereits bis in alle hintersten Ecken des Universums getragen.

      Ich war dementsprechend enthusiastisch, als ich Äskjuweskepee entdeckte, eine Welt, in der man schlichtweg überall Material für Konzerte findet. Habe direkt wie besessen die ganzen Kreaturen gesammelt und mitgenommen. Erstens gab es ohnehin so viel davon und zweitens wächst ja auch alles wieder nach. Diese habe ich dann für meine Konzerte verwendet: Musikpflanzen manipuliert und Akustozoen gequetscht und durch die Gegend geschmissen, damit sie Geräusche machen. Hat super funktioniert und mir eine Menge Geld eingebracht. Leider hat das die Evolution und Kwaechzi etwas zu sehr auf mich aufmerksam gemacht. Die kamen dann relativ bald angerauscht und nahmen mich auseinander. Warfen mir Diebstahl und Zerstörung von materiellem und geistigem Eigentum vor. Sie nahmen mir meinen gesamten Besitz und drohten mir an, mich zu vaporisieren, wenn ich mich das nächste Mal auf ihrer Welt blicken ließe. Tja, dumm gelaufen.

      Ich hielt mich tatsächlich für eine ganze Weile lang von den beiden und ihrer Welt fern, aber deren Erfindungen erschienen mir einfach zu praktisch, als dass ich darauf noch hätte verzichten können. Abgesehen davon hatte das Pärchen meinen Ruf so ruiniert, dass ich dringend Unterstützung nötig hatte. Also schlich ich mich schließlich kleinlaut wieder an und versuchte, zu verhandeln. Zunächst war das sehr schwierig, weil die beiden mich nach wie vor pulverisieren wollten. Aber letztendlich konnte ich sie überzeugen, dass ich mich in Einhaltung ihrer Spielregeln und gegen gewisse Auftragsarbeiten wieder ihrer Weltengegenstände bedienen dürfe. Ich darf die Viecher und das Gemüse jetzt nur noch sehr passiv einsetzen und ich muss sie in der Welt lassen. Gegen Sondergenehmigung darf ich sie mitnehmen, muss sie aber wieder in ordnungsgemäßem Zustand zurückbringen. Klingt ziemlich spießig, das ganze, aber was soll's. So gebe ich inzwischen auch öfters Konzerte auf Äskjuweskepee. Ein Teil der Einnahmen geht dabei immer an die Evolution und an Kwaechzi. Das finde ich zwar auch nicht so umwerfend, aber die beiden haben mir im Gegenzug auch wieder zu einem besseren Ruf verholfen, so dass ich wieder verehrt werde. Zwischendurch erledige ich auch mal kleinere Aufträge. Zum Beispiel sollte ich neulich für die Evolution der Entropie kurzzeitig 'nen Defekt verpassen, den Grund dafür kenne ich allerdings nicht. Einerseits ein ziemlicher Drecksjob, andererseits hat's aber auch wieder was Cooles an sich.

      Tja, so lebe ich vor mich hin und genieße mein Dasein als Star und Privatbesitz von Kwaechzi und der Evolution. So kann's gehen. Danke für eure Aufmerksamkeit. Nun wisst ihr über mich und meine Karriere Bescheid. Zum Abschluss noch ein Foto von mir auf einem Konzert. Ich bin alle drei Musiker gleichzeitig. Das nennt man Polyvalenz.



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    • Zwölf find ich jetzt nicht ganz so gut, aber sie geht noch.
      " Durch die weiten, glühenden Ebenen ziehen sie dahin: gewaltige Herden, kaum weniger zahlreich als die Halme jener Gräser, die sie nähren. Zwei Dinge treiben sie voran: Trockenheit und mächtige Feinde, die nur darauf warten, ihren Hunger mit Fleisch zu tilgen. Keine Art außer einer hat hier ihre Heimat: die Morlochs, die Herrscher der Weite zwischen Erde und Himmel."
      Aus " Führer durch die Welt", von Lisari Biadaom, erschienen 1118 n.M.K.
    • Wanderer schrieb:
      Zwölf find ich jetzt nicht ganz so gut, aber sie geht noch.

      Sie geht noch?? Bitte behalte im Hinterkopf daß verschiedene Autoren sich die Arbeit und Mühe machen diese Türchen zu schreiben, verschiedene Bastler die Türchen lesen, und jeder Autor seinen eigenen Stil und jeder Leser seinen eigenen Geschmack hat. Es soll von und für jeden was dabei sein, und nicht jedes Türchen muss jedem gefallen. Die Abwechslung macht das Ganze erst interessant, wenn es lauter Märchen wären fände ich es irgendwo langweilig.
    • Hinter dem dreizehnten Türchen scheint ein Wald zu liegen, mehr ist im dichten Nebel fast nicht zu erkennen. Da kommen ein paar Frauen heraus. Sie sehen entschlossen aber auch ein wenig ratlos aus, und machen sich auf den langen Weg zu einer fernen Burg...





      Das Herz des Waldes


      Eines Tages scharte der Hexenmeister Tarein seine Hexen um sich, und sie erzählten ihm von den seltsamen Wesen, die in den großen Wäldern hoch in den Bäumen umherstreifen.
      „Meister“, sprachen sie. „Ganze Schwärme dieser Geister sieht man neuerdings glitzernd und schimmernd durch die Baumkronen huschen. Und die Bewohner der waldnahen Dörfer ängstigen sich, denn die Geister tragen Nebel und todesähnlichen Zauberschlaf mit sich. Ganze Dörfer sind schon eingeschlafen, und erst Tage später wieder aufgewacht. Doch keine von uns Hexen und kein Zauberer hat je solch einen Waldgeist aus der Nähe gesehen - fast so als spürten die Wesen es, wenn man sie beobachtet.“
      Da wurde der Hexenmeister nachdenklich und sagte: „Ihr habt gut daran getan, mir zu berichten, denn mir liegt das Wohl der Menschen am Herzen, und ich befürchtete Schlimmes. Ich werde mich der Sache annehmen.“
      Deshalb ließ er seinen treuen Diener Amehes zu sich rufen, und sandte ihn aus, mehr herauszufinden, und ihm, wenn möglich, ein lebendes Wesen dieser Art zu bringen. Und Amehes gehorchte und brach sogleich auf.
      Über Straßen, über Wege, und Pfade reiste er, durch Städte, durch Dörfer und Weiler reiste er, bis er mitten in der Wildnis war.
      „Jetzt bin ich hier“, sprach er, „und sehe, daß die Hexen recht hatten. Denn obwohl ich mich anstrenge, kann ich die Wesen doch nur von weitem, und aus den Augenwinkeln sehen. Nichts habe ich herausgefunden. Ich kann nicht mit so wenig zu meinem Herrn zurück, und muss mir etwas einfallen lassen.“
      Und er setzte sich unter einen Busch, und überlegte, wie er es anstellen konnte, den Waldgeistern besser zu folgen. Denn er war bei den Xhancal aufgewachsen, und ein Teil ihrer Täuschungskunst und ihrer List war ihm zu eigen geworden.
      Während er so da saß kam eines der Wesen herbei und tanzte anmutig in den nahen Bäumen, den reglosen Amehes unter den Blättern aber sah es nicht.
      Da sagte Amehes bei sich: „Ich will mir aus den Zweigen dieses Buschs einen großen Hut flechten.“
      So machte er es, und fortan verbargen sich die Wesen des Waldes nicht mehr vor seinen Blicken, denn sie sahen ihn nicht.
      Durch lichte Haine, durch duftende Waldwiesen, und gluckernde Bächlein folgte er ihnen, und leicht war sein Schritt und froh sein Herz und glücklich glaubte er, seinem Herrn bald Kunde bringen zu können.
      Und immer wenn sie über ihm waren blieb er reglos stehen und sah ihnen zu. Klein wie Kinder und angetan mit glitzernden Gewändern tanzten sie wie schwerelos zwischen den Zweigen der Bäume, und waren wundersam anzuschauen. Und er erkannte, daß es keine Geister waren.
      Doch einmal verließ ihn sein Glück, denn als die Wesen kamen, stand er in der Nähe eines Ameisenhaufens. Die Tierchen krabbelten ihm die Beine hoch und er hüpfte wild umher und verlor dabei seinen Hut. Schnell setzte er ihn wieder auf, doch die Wesen waren fort.
      Und in dieser Nacht als er schlafend an seinem Feuer lag, träumte er, eines der Wesen stiege zu ihm hernieder und spräche:
      „Wer trägt die grüne Kappe und späht uns heimlich aus? Wer bringt das Feuer in den Wald? Du bist hier nicht willkommen. Geh!“
      Als er am nächsten Morgen erwachte, war sein Feuer erloschen, und sein Blätterhut verdorrt, als sei der Herbst zu früh gekommen. Da wurde Amehes klar, daß es kein Traum gewesen war.
      „Jetzt weiß ich, daß die Wesen keine Geister sind. Doch ich weiß nicht woher sie kommen. Ich kann nicht mit so wenig zu meinem Herrn zurück, und muss mir etwas einfallen lassen.“
      Da dachte er daran, wie ihm aufgefallen war, daß die Wesen sich nicht an den Tieren des Waldes störten. Und er legte sich bei einer Tränke auf die Lauer. Als in der Dämmerung ein Kunworuibär zum Trinken kam, schoß er mit Pfeilen auf ihn, bis er tot zu Boden ging. Da sagte Amehes bei sich: „Ich will ihm das Fell abziehen, und es so bearbeiten, daß ich es mir überwerfen kann.“
      So machte er es, und fortan verbargen sich die Wesen des Waldes nicht mehr vor seinen Blicken, denn sie sahen ihn nicht.
      Durch dichtes Unterholz, durch dornige Brombeerhecken und reißende Flüsse folgte er ihnen, und schwer war das Fell, und es war heiß und stickig darunter, doch glaubte er, seinem Herrn bald Kunde bringen zu können.
      Immer tiefer drang er in den Wald vor, und immer wenn sie über ihm waren, brummte und scharrte er. Und er hörte die Wesen rufen und singen, auch wenn er die Sprache nicht verstand, und er erkannte, daß sie alle in eine Richtung unterwegs waren. Und hier und da glaubte er gar, eines der Wesen auf die Erde herabsteigen zu sehen.
      Doch wieder verließ ihn sein Glück, und er kreuzte den Weg einer trächtigen Bache, die ihn sogleich angriff, da sie sich von dem falschen Kunworui bedroht fühlte. Da warf Amehes den Pelz ab, zog sein Schwert und besiegte das Tier im Nu. Schnell schlüpfte er wieder in das Fell, und brummte und scharrte, doch die Wesen waren fort.
      Des Nachts machte er kein Feuer, denn das Fell wärmte ihn. Und es träumte ihm, ein Wesen stiege zu ihm herab und sagte: „Wer trägt ein Zottelfell und schleicht in unser Land? Wer tötet Bär und Bache? Geh fort, lass uns in Frieden!“
      Am nächsten Morgen erwachte Amehes, denn ihn fröstelte. Sein Fell war fort, und er fand es, wie von einem wilden Tier zerfetzt, in seiner Nähe. Da wurde Amehes klar, daß es kein Traum gewesen war.
      „Jetzt weiß ich, daß ich nah der Heimstatt bin, in der die Wesen wohnen. Doch weiß ich nicht, warum sie Zauberschlaf und Nebel in die Menschendörfer tragen. Und nicht, ob ich, kehrte ich jetzt heim, je wieder diesen Landstrich fände. Ich kann nicht mit so wenig zu meinem Herrn zurück, und muss mir etwas einfallen lassen.“
      Doch so sehr er sich auch plagte, es kam ihm keine Idee. Da sagte Amehes bei sich: „Ich weiß nicht was ich machen soll. Also werde ich warten, bis mir etwas einfällt, und mich bis dahin vom Gestank des Bärenfells befreien. Ich werde mir eine Wasserstelle suchen, wo ich mich waschen kann.“
      So machte er es, und ging auf gut Glück los. Die Wesen aber sah er nicht in den Baumkronen.
      Im leichten Morgennebel, der durch die Sonne sanft zu glühen schien, fand er alsbald einen kleinen See, umrandet von dichtem Schilfgewächs.
      Und er ging hinab zum Wasser, warf seine Kleider ab und stieg hinein. Und wie er so bis zur Nasenspitze im Wasser stand, sah er plötzlich die Wesen, kleinere und größere, zum Wasser kommen. Und sie sahen ihn nicht, denn durch Wasser und Schilf war er ihren Blicken verborgen. Wie verzaubert sah er ihnen zu, denn sie streiften ihre Gewänder ab, um ebenfalls zu baden.
      Doch als auch sie im Wasser waren, schüttelte er seine Verzückung ab.
      „Ich werde mir eines der Gewänder nehmen“, flüsterte Amehes bei sich. „Dann wird mich niemand hindern, endlich zu sehen, wo die Wesen wohnen, und mein Meister wird stolz auf mich sein.“
      Er schlich sich durch das Schilf zu ihnen hin, und stahl eines der größeren Gewänder, die so prächtig waren, wie keines Menschen Mantel je zu sein vermag.
      So folgte er rasch den Spuren, welche die größeren Wesen auf dem weichen Waldboden hinterlassen hatten. Und keines der Wesen hinderte ihn, und keines achtete auf ihn, denn sie hielten Amehes für einen der ihren.
      In silberhellen, spinnwebzarten Stoff gekleidet, das Haupt unter der Kapuze verborgen und mit dem Duft von Blüten eingerieben, langte Amehes schließlich an einer lichten Stelle auf einer Bergkuppe an, und erhaschte einen Blick auf ein Tal.
      „Wahrhaftig“, sprach er. „Das muss das Herz des Waldes sein, wo diese Wesen wohnen. Nie habe ich Ähnliches gesehen!“
      Riesenhafte Bäume wuchsen dort, turmhoch und majestätisch. Und über und über mit silbrig schimmernden Wesen schienen sie bedeckt zu sein, die an ihren Ästen und Stämmen entlangschwärmten wie lebendige Perlen auf einem unsichtbaren Schleier.
      Doch erneut verließ ihn sein Glück, und wie er so da stand, merkte Amehes, daß er sich auf einmal nicht mehr rühren konnte, als habe ihn ein Zauberbann gepackt!
      Und plötzlich raschelte es im Wald, und die Wesen umringten ihn. Aber keines sprach ein Wort. Da begann er ihnen ängstlich von seinem Herrn und dessen Auftrag zu erzählen, und wie er sie, das fremde Volk, so gern verstehen wollte. Denn tief in seinem Inneren spürte er, daß er zu weit gegangen war.
      Schließlich schwebte eines der Wesen zu ihm hin, kaum schienen seine Füße den Boden zu berühren. Es war vollkommen nackt, und Amehes war sprachlos vor soviel Schönheit.
      Es sang zu ihm:
      „Zweimal sahen dich die Aiphnal, zweimal hießen wir dich: Geh! Zweimal wähltest du zu bleiben. Ja, sogar noch weiter vorzudringen. Jetzt hast du ein drittes Mal gefehlt, denn dein Wunsch uns nah zu sein war stärker als Respekt und Achtung. Du willst uns nicht in Frieden lassen, willst unser Freund sein, und uns verstehen willst du. Doch trägst du Feuer in den Wald, du schlägst die Äste von den Bäumen, tötest ohne dich zu nähren, ohne Not verschwendest du was es gibt und schleichst und stiehlst wie ein Dieb in der Nacht, bis wir nackt vor dir stehen.“
      Da begriff Amehes, daß er das Gewand des Wesens trug, und hätte er sich bewegen können, er hätte es zurückgegeben.
      „Du bist wie die anderen, deren Felder sich in unsere Wälder fressen. Dein Atem ist Feuer, Mensch, dein Blick ist Stein, dein Verstand kalt wie Eisen. So einen wie dich wollen wir hier nicht!“ Das Wesen schwebte hinter ihn und nahm sich sein Gewand zurück. Kalte Hände gruben sich in seine bloßen Schultern, und über dem wütenden Summen der anderen Wesen raunte das Wesen nur ein Wort: „Geh!“
      Da stolperte Amehes nach vorn, spürte die kalte, brennende Berührung der Hände immer noch auf seinem Rücken, und er floh durch die Gasse, welche die Aiphnal für ihn bildeten.
      Er stürzte los, nackt wie die Götter ihn geschaffen hatten. Amehes wollte nur noch weg, weg von der Lichtung, weg von den seltsamen Wesen, heim in die sichere Welt der Menschen.

      Wie Amehes bald begriff, daß seine Strafe noch nicht ganz vorbei war, wie er seine Lektion lernte, schließlich doch noch das Vertrauen der Aiphnal gewann und sicher wieder heimkehrte, das ist eine andere Geschichte, und soll an einem anderen Tag erzählt werden.

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    • Das vierzehnte Türchen besteht aus klarem Eis. Es öffnet sich hinaus auf eine frostig karge Berglandschaft. Weit und breit ist kein lebendes Wesen zu sehen. Doch was ist das? Der Wind trägt von ferne eine leise Stimme heran...




      Die Eiskönigin


      Wer kennt die Burg in Wolkenhöh'n,
      wo sie regiert mit eis'ger Macht?
      Ihr Antlitz grausam kalt und schön
      wacht in frostig klarer Nacht.

      Von Herrin Fordha klingen Lieder
      von Augen deren Blick so hart,
      von kalten Fingern, schlanken Gliedern –
      wen sie anblickt, dessen Geist erstarrt.

      Ihre Kälte betäubt Schmerzen,
      formt das Antlitz ihrer Welt,
      kriecht durch die Wände unsrer Herzen,
      ist, was uns benommen hält.

      Sich der Königin, der kalten,
      zu erwehren, niemand wagt.
      Wo ihrer Herrschaft Mächte walten,
      jeder Mut im Geist verzagt.

      Mein Herz ist ihrem ach so gleich,
      seit ich verlor, die ich besessen.
      Ich versteh ihr kaltes Reich,
      wo Schmerz und Trauer sind vergessen.

      So verfall ich ihrer Kälte,
      versink im einsamen Wintertraum,
      erlieg der Lockung ihrer Welten,
      schwelg im Vergessen, leerer Raum.

      Und so werde ich ihr Scherge
      folg verzaubert ihrem Ruf.
      Gleich ist mir, ob ich nun sterbe
      für jene, die die Kälte schuf.



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    • Durch das fünfzehnte Türchen gelangt man direkt in eine etwas stickige, aber gemütlich eingerichtete Hütte. Eine Großfamilie hat sich hier versammelt, um einen gern gesehenen Gast zu begrüßen...



      Die Geschichte von Ankhoel dem Krieger



      Im Land Kherol, in einer Siedlung des Silberwasserclans...


      Das Feuer knistert laut und lässt die Holzscheite knacken. Schmieriger, grauer Rauch kräuselt sich empor und verschwindet durch die Luke im Holzdach. Die Kinder liegen auf dem Bärenfell am Feuer und schauen mit großen Augen zu dem Besucher empor, der an der Feuerstelle sitzt und seine Beine ausstreckt. Der Familienvater bittet den Besucher, einen alten Mann, mit schlohweißem Haar und mehr Falten im Gesicht, als ein Baum Äste hat, eine Geschichte zu erzählen, als Gegenleistung für die Gastfreundschaft. Der Alte nickt und nimmt dankbar lächelnd den Metkrug an, den ihm die Mutter der Kinder anbietet. Nach einem großen Schluck greift er nach seiner Cister und stimmt eine leise Melodie an.
      Die Familie, die sich nun vollständig ums Feuer versammelt hat, verstummt und lauscht der tiefen, melodiösen Stimme des Barden:

      Die Geschichte von Ankhoel dem Krieger

      Ankhoel der Krieger war in seinem Volk über alle Maßen beliebt, denn er war ein freundlicher, höflicher Mann, von großer und mächtiger Statur. Sein Herz war groß und offen, sein Gemüt sanft und ruhig. Er war ein guter Krieger, der nur kämpfte, wenn es sein musste, doch dann mit umso mehr Wut und Kraft. Ein erfolgreicher Jäger war er auch.
      Wie schon viele Jahre zuvor, streifte Ankhoel an einem kalten Frühlingstag durch die großen Wälder des Nordens, in dem sein Volk lebte. Doch auch die Feinde seines Stammes lebten in den großen Wäldern, hoch im Norden. So traf Ankhoel in der Abenddämmerung auf einige Priester des Feindes, die an einer alten Kultstätte eine Opferungszeremonie vollzogen. Zu Ehren ihres Sonnengottes opferten sie kleine Mondwolfswelpen, noch keine Woche alt. Die Mondwölfe waren die heiligen Tiere des Mondgottes und ihr Fell glänzte wie Mondschein auf einem See. Voller Entsetzen beobachtete Ankhoel, wie die Priester die kleinen Tiere nacheinander töteten. Da entdeckte ihn einer der Wächter. Statt zu fliehen, wie es ein normaler Mann getan hätte, der sich einem Dutzend Feinde gegenübersah, trat Ankhoel aus seinem Versteck und stellte sich zum Kampf. Wie ein Wintersturm wütete er unter den Wächtern. Als fünf von ihnen zerschmettert am Boden lagen, floh der Rest. Ankhoel trat zur Opferstelle und es tat in seinem tiefsten Innern weh, wie er die toten Welpen sah. Doch die Priester hatten ihr blutiges Ritual nicht beenden können: Vier Welpen waren noch am Leben. Ankhoel nahm sie in seine breiten Hände und ging mit ihnen zu seinem Nachtlager, das er an einem kleinen Bach aufgeschlagen hatte. Dort kümmerte er sich liebevoll um die Welpen, gab ihnen Milch, die er bei sich hatte und nach und nach auch Fleisch und Wasser. So zog er sie groß, bis sie junge Wölfe waren. Als es Vollmond wurde, verließen sie ihn, um ihrer eigenen Wege zu gehen. Der Mondgott bedankte sich bei Ankhoel für seine selbstlose Fürsorge, denn Geben und Nehmen ist das oberste Gebot zwischen Mensch und Gott. So gab der Mond Ankhoel einen der jungen Wölfe, ein Weibchen, als Gefährten. Und er gab dieser die Macht, sich in jeder Vollmondnacht in eine Frau zu verwandeln, deren Haut so sanft ist wie Wolfsfell, und die so schön ist, dass der Mondschein von ihr geblendet war.
      Ankhoel, der lange vergeblich nach einer Frau in seinem Stamm gesucht hatte, nahm dieses Geschenk des Mondes dankbar an und machte die Wolfsfrau zu seiner Gefährtin.
      Aber in seinem Volk stieß er damit auf Widerstand, denn die Stammesältesten fürchteten die Macht, die die Wolfsfrau hatte und die unverheirateten Frauen waren eifersüchtig auf sie, denn sie wollten Ankhoel für sich. So wurde Ankhoel aus seinem Volk verstoßen.
      Als Einzelgänger streifte er mit seiner Gefährtin durch die großen Wälder. Jedoch hatte er auch hier keinen Frieden, denn die überlebenden Priester hatten ihren Stamm dazu gebracht, Ankhoel zu jagen, um sich an ihm zu rächen für den Mord, den er an ihren Kameraden begangen hatte. So floh Ankhoel vor seinen Häschern in immer wildere Teile des Waldes. Als er mit seiner Gefährtin wieder von seinen Verfolgern aufgespürt und verfolgt wurde, traf sie ein Pfeil an der Schulter und sie stürzte. Ankhoel nahm sie auf seine Arme und floh mit ihr. In der Nacht flehte er zum Mond, denn er konnte ihre Wunde nicht heilen und sie würde daran sterben. So bat er den Mond, sie zu heilen. Der Mond gab ihm, worum er bat, doch gleichzeitig nahm er Ankhoels Gefährtin die Macht, sich in eine Frau zu verwandeln.
      Ankhoel, der Angst hatte, sie für immer zu verlieren, akzeptierte diesen Handel und pflegte seine Gefährtin. Als aber die nächste Vollmondnacht kam, vermisste er ihre menschliche Gestalt. Seine Trauer drang so tief, dass kein Versuch, ihn davon abzubringen, von Erfolg gekrönt war. Ankhoel saß in einer großen Senke, sah den Mond klagend an und begann zu weinen. Zwischen den Tränen des Schmerzes mischten sich auch Tränen der Wut. Eine tiefe Wut über seine Feinde, die ihm dieses Schicksal angetan hatten. Und so weinte Ankhoel. Der nächste Tag brach an, doch seine Tränen versiegten nicht. Tag um Tag, Nacht um Nacht weinte Ankhoel und seine Tränen sammelten sich zu seinen Füßen und wurden mehr und mehr. Seine Gefährtin harrte verzweifelt neben ihm aus, nicht wissend, was sie tun konnte, um Ankhoel glücklich zu machen. Auch sie vermisste die Nächte in Menschengestalt und konnte Ankhoel nicht trösten.
      Als der nächste Vollmond anbrach, waren Ankhoels Tränen bereits zu einem See angeschwollen, der stetig größer wurde. Da Ankhoel sich nicht von Ort und Stelle rührte, drohte er, in seinen Tränen zu ertrinken.
      Da begann seine Gefährtin zu jaulen und zu heulen. So flehte sie den Mond an und bat ihn, ihr zu helfen, damit Ankhoel nicht in seinem Leid ertrank. Der Mond aber wollte ihr nicht helfen.
      Da sie sah, dass Ankhoel bis zum Hals im Wasser war, rief sie verzweifelt:“Wenn er nicht leben und lieben kann, so will auch ich nicht mehr leben.“
      Der Mond war entsetzt, das zu hören, denn er wollte keinen einzigen seiner Mondwölfe verlieren. Um sie zu retten, gab er ihr wieder die Macht, jede Vollmondnacht eine Frau zu werden. Doch da der Mond auch nehmen muss, wenn er gibt, nahm er Ankhoel seine Freiheit, sodass dieser fortan für immer an der Stelle verweilen musste, an der er saß. Die Wölfin dankte dem Mond für seine Hilfe und verwandelte sich in eine Frau. So eilte sie zu Ankhoel, doch der See hatte ihn inzwischen schon vollständig verschluckt.
      Sie tauchte zu ihm hinab auf den Grund des Sees und gab ihm ihren Atem. Da hörte Ankhoel auf zu weinen und nahm seine Geliebte in den Arm. Doch konnte er sich nicht erheben und musste am Grunde des Sees bleiben. Seine Geliebte jedoch versorgte ihn mit ihrem Atem, sodass er nicht ertrank. Da ihr aber nur eine Nacht gegeben war, musste sie sich beeilen und ihm wieder und wieder von ihrem Atem einhauchen, damit er bis zum nächsten Vollmond überlebte. So waren die beiden in Liebe aneinander gebunden, unfähig, dem Schicksal zu entkommen.
      Seit jener Nacht taucht seine Geliebte auf den Grund des Sees, wenn der Vollmond die Wasseroberfläche erhellt und teilt ihren Atem mit ihm.
      In den 7 Jahren seit jener Nacht gebar sie, immer zu Vollmond, 7 Söhne, in deren Adern Wolfsblut und Menschenblut gemischt sind. Als sie groß geworden waren, zogen ihre Söhne aus und gründeten je einen Clan, die zusammen ein Volk der Wolfsmenschen waren. Jeder Sohn war ein Clansherr, die zu Vollmond am großen Kriegersee zusammenkamen um ihre Mutter zu besuchen und an ihren Vater zu denken, der so ein großes Opfer auf sich genommen hatte.


      Der Barde endet mit seiner Geschichte und lächelt, als er sieht, wie den Kindern fast die Augen aus dem Kopf fallen. Er nimmt noch einen Schluck vom Met und lehnt sich zurück.
      "Das, meine Kinder", spricht er, "ist der Ursprung unseres Volkes. Wir sind das Wolfsvolk."


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    • @12: Hihi, Ghiks, das ist mal wieder so ein richtig schön schräger Text, und das Bild ist sowieso grandios! :D

      @14: Das Gedicht passt wunderbar in die jetzige Jahreszeit und ist auch sehr anschaulich - mir ist jetzt richtig kalt geworden. *bibber* Es ist auch eine sehr passende Wortwahl und insgesamt ein wirklich gelungenes Gedicht. Ich selbst bin ja unfähig, Gedichte zu schreiben, daher finde ich das sehr bewundernswert. Nur der Rhythmus hinkt teilweise ein wenig - nun ja, Germanistenblick, tut mir Leid, ich kann das nicht abstellen. ;)

      Jetzt werd ich mal den 15. Text lesen. *freu*
    • Seevögel kreischen, und Wellen schwappen durch das sechzehnte Türchen. Es führt direkt hinaus auf einen steinigen Strand. Nur ein paar Schritte vom Türchen entfernt liegt ein Boot. Ein Mädchen müht sich gerade ab, es ins Wasser zu schieben...




      Der goldene Quolo


      Es war vor langer Zeit einmal ein Mädchen. Das war recht arm und lebte in einem Fischerdorf. Der Vater war im Meer ertrunken - fortan musste die Mutter alleine für das Mädchen und seine Geschwister sorgen. Eines Tages wurde seine Mutter krank und konnte ihnen nichts rechtes mehr zu Essen besorgen. Doch das Mädchen war nicht dumm, also nahm es sich Netz und Boot und beschloss selbst fischen zu gehen.
      Da ruderte das Mädchen mit all seinen Kräften auf das Meer hinaus. Dort angekommen warf es sein Netz aus und fing die prächtigsten Fische. So hatte seine kranke Mutter und die Geschwisterchen etwas zu essen.
      Doch als das Mädchen am fünften Tage hinausruderte ging ihr ein goldener Quolo ins Netz. Er starrte sie mit seinen großen Augen an und seine Tentakel wandten sich wild hin und her. Das Mädchen freute sich denn Quolo waren in ihrer Heimat eine Delikatesse und jeder Reiche würde viel Geld für ein solches Exemplar zahlen da sie sehr schwer zu fangen waren.
      Doch als das Mädchen noch überlegte begann der Quolo zu sprechen.
      „Lass mich frei und ich will dir einen Wunsch erfüllen.“ Da staunte das Mädchen, und weil es dem Quolo glaubte zerschnitt sie das Netz und ließ ihn und den ganzen guten Fang frei.
      Da sprach der goldene Quolo zu dem Mädchen: „Komm morgen wieder und sag mir deinen Wunsch, dann soll er dir gewährt werden.“
      Da ruderte das Mädchen wieder nach Hause und erzählte ihrer Mutter von alledem.
      Da funkelte Gier in den Augen der Mutter: „Sag ihm dass du einen reichen Schatz haben möchtest.“
      Da nickte das Mädchen und legte sich schlafen. Doch kaum hatte sie sich hingelegt weckte sie ihre Mutter und sagte: „Was wollen wir mit einem Schatz wenn wir alle Schätze dieses Meeres haben können. Bitte ihm darum.“
      Da nickte das Mädchen und schlief ein. Als die Sonne gerade aufgegangen war wurde das Mädchen erneut von der Mutter geweckt. „Ich glaube nicht das du dem Quolo die richtige Antwort geben wirst. Ich möchte mitkommen.“
      Da nickte das Mädchen und nahm ihre Mutter mit auf ihr Boot.
      Als sie dann am Meer waren tauchte plötzlich der goldene Quolo auf. „Welchen Wunsch soll ich dir erfüllen Mädchen?“, fragte er.
      Da seufzte das Mädchen und sagte: „Ich wünschte du würdest meiner Mutter einen Wunsch erfüllen.“
      Da stürzte die Mutter vor und sagte: „Ich wünschte ich hätte alle Schätze der Welt auf meinem Boot.“
      Also tauchte der goldene Quolo ab und begann damit Kostbarkeiten aus dem Meer auf das Boot zu bringen. Und als das Boot voll war begann das Mädchen mit seiner Mutter nach Hause zu rudern.
      Doch, wie ihr euch sicher denken könnt, waren das noch lange nicht alle Schätze und der Quolo brachte immer mehr und mehr. Schließlich war das Boot so voll dass es unterging und Mädchen wie auch Mutter in den dunklen Fluten des Ozeans verschlang.


      ************************
    • Eine tolle Geschichte ist das. Find ich zwar etwas düster, so mit dem Untergang - das arme Mädchen! - aber gut. Eine schöne kleine Moral mit einem Inworldtier verknüpft. Ein etwas freundlicherer Bastler hätte wohl das Mädchen überleben lassen. ;)
      Aber man muss ja nicht immer nett sein... ;D
      Gib jedem Tag die Chance, der beste deines Lebens zu werden. - Mark Twain
    • Mhm ... die Quolo haben sogar schon seit einer ganzen Weile tatsächlich eine kurze Völkerbeschreibung. Eine großteils normadische Rasse auf etwa Steinzeitniveau das sich die ein fast perfektes Gedächniss hat und der Gier recht fremd ist.
      Alles hat seine Zeit
      Das Nahe wird weit
      Das Warme wird kalt
      Das Junge wird alt
      Das Kalte wird warm
      Der Reiche wird arm
      Der Narre gescheit
      Alles zu seiner Zeit.

      [SIZE=7](Johann Wolfgang von Goethe)[/SIZE]
    • Eine wirklich tolle Geschichte! (wie eigentlich alle hier)

      Aber ich finde die Moral ein wenig... schief.

      die Moral soll wohl sein dass Gier schlecht ist, aber es kann genauso gut "hör nicht auf deine Eltern" oder "Erwachsene sind verdorben" draus gelesen werden... *find*
      Selbst wenn man sagt dass man außerhalb von Schubladen denkt, bestimmen immer noch die Schubladen das Denken. Erst wenn man sich bewusst ist dass die Schublade selbst nicht existiert kann man wirklich Neues erfinden

      INDEX DER THREADS ZU LHANND
    • Das siebzehnte Türchen führt hinaus in ein üppiges Dickicht aus wucherndem Grün. Die Sonne steht schon tief am Himmel, als sich über einen schmalen Dschungelpfad eine grimmig dreinschauende Sedschu nähert...




      Srandilas Entscheidung


      „Ich hasse dieses Grünzeug!“
      Wie so oft stapfte Srandila wütend durch den Dschungel von Ethorn. Manchmal hatte sie den Eindruck, dass die Pflanzen, die sie täglich köpfte, sich über Nacht nicht nur erholten, sondern gleich doppelt so groß wurden.
      So musste sie sich jeden Tag erneut einen Weg durch das dichte Grün bahnen, um auf die Jagd zu gehen.
      Aber Srandila hasste nicht nur die Pflanzen und den Dschungel, sondern ihr ganzes Leben an Land. Sie verfluchte ihre Vorfahren jeden Morgen, dass sie sich für ein Leben an Land entschieden hatten.

      Erst als sie die Ruhebecken ihres Volkes erreichte, die im Licht der untergehenden Sonne geheimnisvoll funkelten, wurde sie langsam ruhiger.
      Die mannsgroßen Becken aus weißem Kalkstein, die sich kaskadenartig an die kleinen Hügel schmiegten, war die letzte Verbindung zum Meer.
      Denn obwohl die Neugier ihre Vorfahren an Land getrieben hatte, wollten und konnten sie nicht gänzlich auf das Wasser verzichten. Und so hatte Belirah ihnen nicht nur Beine geschenkt, sondern auch diese ungewöhnlichen „Betten“ am Rande des Dschungels.

      Erleichtert ließ Srandila ihren Bogen und ihre Pfeile neben ihrem Wasserbett ins Gras fallen, entkleidete sich und ließ sich seufzend ins Wasser gleiten.
      „Warum kann es nicht immer so sein?“ fragte sie leise in den Wind und schloss seufzend die Augen.
      Die leichte Strömung, die dadurch entstand, dass das Wasser von der Spitze der Hügel durch die einzelnen Becken nach unten floss, umspielte ihren Körper und entspannte ihre Muskeln. Sie war fast eingeschlafen, als ein leises Tropfen sie aus ihrem Dämmerzustand riss.
      „Wieso regnet es jetzt?“ fragte sie schlaftrunken und blinzelte hoch zum Himmel. Doch da war keine einzige Wolke zu sehen.
      Verwirrt richtete sie sich auf und versuchte den Ursprung der Tropfen festzustellen, die nach wie vor auf das Wasser in ihrem Becken tropften. Schließlich entdeckte sie über sich, in der Krone eines Baumes, den Schatten eines Seelendrachen. Seine winzigen Schultern zuckten im verlöschenden Sonnenlicht und wenn Srandila genau hinhörte, konnte sie auch ein leises Schluchzen hören.
      „Hej du da oben! Kannst du dir vielleicht woanders die Seele aus dem Leib heulen? Ich würde gerne schlafen.“ rief sie ungehalten zu dem kleinen Wesen hinauf und verlieh ihrem Ärger mit einem Schub Wasser nachdruck.
      Erschrocken flatterte der kleine Drache in die Höhe, bevor er sich umdrehte und Srandila direkt in die Augen sah.
      Seine Augen glühten grün in der Dämmerung auf und innerhalb von wenigen Wimpernschlägen fühlte Srandila sich bis in ihr tiefstes Innere durchleuchtet.
      Bevor sie dem Seelendrachen weitere Gemeinheiten an den Kopf werfen konnte, verblasste das Leuchten in dessen Augen und er kam kurz vor ihrem Gesicht in der Luft zum stehen.

      „Was weißt du schon? Du weinst stumm um ein Leben, das du nie führen können wirst. Du bist was du bist! Du bist eine Sedschu und keine Seeschlange. Du ruinierst dein Leben aus freien Stücken, indem du dir etwas wünschst, was nie sein kann. Ich dagegen bin unfreiwillig geteilt. Du weißt, dass wir nur eine Hälfte einer Seele sind und das die andere Hälfte in einem Sol'etienne gefangen ist. Was meinst du wie DAS ist? Wenn man, im wahrsten Sinne des Wortes, zerrissen ist?“
      „Dann such sie doch und sitz hier nicht heulend rum!“ entgegnete Srandila schwach, während sie versuchte einen größeren Abstand zwischen ihrem Gesicht und dem kleinen Drachen zu bringen.
      „Dumme Sedschu. Ich bin 15 Sommer auf dieser Welt und tue mein ganzes Leben schon nichts anderes. Und ich kann mir noch nicht einmal sicher sein, dass die andere Hälfte meiner Seele derzeit lebt. Habe ich da kein Recht auf Tränen?“
      „Doch!“ lenkte Srandila ein, „Aber kannst du es nicht woanders tun?“
      Im selben Moment indem sie es sagte, wusste sie schon, dass es ein Fehler gewesen war. Der kleine Drache explodierte aufgebracht und flog hinauf in die Baumkronen.
      „Stirb an deiner sinnlosen Traurigkeit!“ rief er Srandila noch zu, bevor er verschwand.

      „Endlich Ruhe!“
      Srandila ließ sich wieder zurück in ihr Wasserbett gleiten und schloss die Augen.
      Zuerst genoss sie nur die Ruhe, doch dann holte sie das eben Gesagte ein.

      Er hat Unrecht. Ich darf traurig sein.
      ...
      Darfst du schon, aber bringt es dir etwas?
      ...
      Du machst dich doch nur selbst verrückt. ... Er hat Recht!
      Es gibt wichtigeres ...zum Beispiel...


      „Die zweite Hälfte einer Seele. ... Warte! Ich werde dir bei deiner Suche helfen.“ rief Srandila hinauf in die Dunkelheit.
      Überrascht über sich selbst, beobachtete Srandila sich dabei, wie sie aus ihrem Wasserbett stieg, sich anzog und wiederholt hinauf in den Nachthimmel starrte.
      Es gab wichtigere Dinge im Leben, als das Bedauern einer Tatsache, die sie nicht ändern konnte.


      ************************
    • Irgendwie komme ich zwar mit dem Lesen, aber nicht mit dem Antworten weiter.

      Also Türchen Nummer 8: Eine extrem lustige Geschichte mit einigen Überraschungen und originellen Einfällen. ;D

      Türchen Nummer 9 erinnert ein wenig an ein Anfang/erstes Kapitel/Prolog für eine deutlich längere Geschichte. Man will auf alle Fälle erfahren, wie es weiter geht, vor allem, weil so viele nur angedeutet wird. :D

      Türchen Nummer 10 gibt interessante Einblicke in das Leben eines Mosaiklegerin in Ausbildung. Hat mir auch sehr gut gefallen. :)
    • @ 11: Ein nettes Märchen, aus bekannten Märchenmotiven zu etwas schönem Neuen zusammengesetzt. :D

      @ 12: Ist ja mal etwas ganz anderes. Einfach genial (auch das Bild)! ;D

      @ 13: Ich hatte zwar mit einem etwas anderen Ende gerechnet, aber auch diese gefällt mir sehr gut, genauso wie die gesamte Geschichte. :)

      @ 14: Das erste Gedicht! Wunderschön! Passt perfekt zur Jahreszeit und zum Schnee draußen. :D

      @ 15: Wunderschöne, wenn auch tragische Legende. :'(

      @ 16: Ich glaube, die Quolos kommen mir auch bekannt vor. Nettes Ende! :diablo: