WB-Adventskalender 2010

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    • WB-Adventskalender 2010

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      ADVENTSKALENDER-ÜBERSICHT:

      [1. Türchen] Rehkönigin
      [3. Türchen] Nl'ras Tag
      [5. Türchen] Frühlingsbegegnung
      [6. Türchen] Der erste Flug
      [7. Türchen] MonoPolyLog
      [9. Türchen] Die Vertracktheit des Daseins im Allgemeinen
      [11. Türchen] VAREKIA oder Die Liebe der Sonne
      [13. Türchen] Hinter den Spiegeln
      [15. Türchen] Seelenbriefe
      [17. Türchen] Reise in die Nacht
      [19. Türchen] Das Ding
      [21. Türchen] Wintersonnenwende
      [23. Türchen] Captain Weißsteins Gewürze

      [24. Türchen] Vom Widerstreit der Gotteltern und der Erschaffung der Welt

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      Das erste Türchen des Weltenbastler-Adventskalenders 2010 öffnet sich langsam, und gibt den Blick auf einen verwunschen wirkenden Wald frei. Jagdhörner und das Getrappel von Hufen auf weichem Waldboden nähern sich, und durch die Büsche huscht ein brauner Schemen…



      Rehkönigin


      Es war in den Tagen der Könige von Timarra, als die Ritter der Krone die Wälder und Weiten der Insel Oridia durchstreiften. Sie dienten dem König und dem Land und waren immer bereit, Schwache zu schützen und Hilflose zu verteidigen. Mit glänzenden Rüstungen und reich geschmückten Pferden zogen sie einher und ein jeder bot ihnen freundliches Willkommen. Auch König Fredokan ritt oft in Gesellschaft seiner Getreuen durch das Land, um die Wünsche und Nöte des Volkes zu belauschen und Gerechtigkeit für alle zu bringen. Schon sein Vater, König Olrich, hatte es so gehalten und so waren es blühende Zeiten für das Land. Die Straßen waren sicher, und Räuber und wildes Ungetier waren bis in die hintersten Winkel der Berge vertrieben. In diesen leichten Tagen vergnügten sich die Ritter mit Jagd und Spiel, maßen in Freundschaft ihre Kräfte im Turnier und huldigten der Schönheit der Damen.
      Auf einer dieser Jagden geschah es nun, dass drei der Ritter in ein unwegsames Tal gerieten. Ritter Uto war der älteste von ihnen, der schon König Olrich treu gedient und sich in vielen Schlachten bewährt hatte. Ritter Adrolf war der verwegene, der kein Abenteuer scheute und jeden Kampf mit sicherer Hand und schnellem Schwert siegreich auszufechten verstand. Und Ritter Caidram mit dem sonnigen Gemüt, der die Freunde stets mit Liedern und Geschichten zu unterhalten wusste und der sich auch nicht scheute, das Schwert aus der Hand zu legen und bei harter Arbeit mit anzupacken. Die drei hatte nun das Jagdfieber gepackt, so dass sie ganz die Gesellschaft der Ritter und Damen vergaßen. Sie folgten einem prächtigen Hirsch, der in wilder Eile floh, durch Dickicht und Dornen, zwischen alten Bäumen hindurch in das fremde, unwegsame Tal. Die Ritter spornten ihre Pferde an, trieben sie über Stock und Stein in das Tal. Immer blieb der Hirsch außer Reichweite, mal ferner mal näher, er verschwand zwischen Büschen, tauchte hinter Bäumen wieder auf, doch so wenig wie ihn die Jäger fassen konnten, so wenig gelang es dem Tier zu entkommen. Doch schließlich, mit einem mächtigen Satz, sprang der Hirsch über Heckenwerk und Baumstümpfe und schien verschwunden. Die Jäger jedoch mussten vor diesem Hindernis ihre Pferde zügeln.
      „Weiter!“ forderte Ritter Adrolf und wollte sein Pferd wieder antreiben. Das Tier jedoch verweigerte den Gehorsam, scheute wieder und wieder zurück, als sei es nicht nur Unterholz, das den Weg versperrte. Alle Tiere schienen eine Warnung zu spüren oder einen stärkeren Willen als den ihren. Nicht Gewalt noch gute Worte konnten sie zum Weitergehen bewegen.
      „Lassen wir die Pferde zurück“, entschied schließlich Ritter Uto, „wir werden schon sehen, was sich in diesem seltsamen Teil des Waldes verbirgt.“
      „Es scheint fürwahr ein sonderbarer Wald zu sein“, stimmte Ritter Caidram bei, „die Vögel sind ganz still und das Licht ist seltsam klar.“
      Doch die drei tapferen Ritter kannten kein Zögern. Rasch saßen sie ab, sicherten die Pferde und machten sich zu Fuß auf den Weg, wohl bewaffnet und bereit, jeder Gefahr zu trotzen. Die Spur des Hirsches war nicht zu verfehlen. Die leichten Abdrücke seiner wilden Flucht zeichneten den Waldboden und auch geknickte Zweige und gebeugte Gräser wiesen seinen Weg. Doch seltsam war der Wald. Die Vögel schwiegen und schienen den Männern zu folgen, mit Blicken und mit leisem Flügelschlag. Die Bäume standen stumm und mächtig, moosbewachsen und unbeugsam. Manch Ast schien nach den Jägern zu greifen, manch schattenumwirktes Spinnennetz auf sie zu warten. Und doch drang auch Sonnenlicht in das unheimliche Unterholz, spiegelte sich golden in Wassertropfen und sprang glitzernd über Moos und Farn und Kraut. Stumm wie der Wald folgten die drei Ritter den Spuren. Keiner kann sagen, wie lange sie so liefen, doch schließlich, nachdem sie einen klaren Bachlauf überquert hatten, erreichten sie eine Lichtung. Mächtige hohe Bäume umgaben sie wie stumme Schildwachen. Sonnenstrahlen flirrten durch Astwerk und Blattgrün und tauchte alles in zauberisches Gold. Aber es war nicht die Lichtung, die die Freunde staunend innehalten ließ. Es waren die Tiere, die sich dort versammelt hatten. Alle Tiere des Waldes schienen hier auf sie zu warten, scheu, aber still, wild, aber respektvoll. Vom Wolf bis zur Haselmaus hatten sich alle hier eingefunden. Und in ihrer Mitte wie auf einem Ehreplatz stand gekrönt vom strahlenden Sonnenschein ein Reh. Ein zartes, zierliches Geschöpf mit goldbraunem Fell und großen, dunklen, braunen Augen. Klugen Augen, in denen die Tiefe und Weisheit des Waldes zu liegen schien, und das Alter der ganzen Welt. Neben Hirsch und Hindin, Eber und Wildsau, war das Reh klein – und wirkte doch so edel und hoheitlich wie so mancher König es nicht zu sein vermag.
      Die drei Ritter hatten staunend auf die seltsame Versammlung geschaut. Es schien so unwirklich, in dem ganzen verlassenen Wald plötzlich vor so großer Beute zu stehen. Ritter Adrolf, der verwegene, fasste sich zu erst. Den Jagdspeer noch in der Hand, machte er einen Satz nach vorn. Der Speer, der aus seiner Hand noch nie das Ziel verfehlt hatte, flog vor - und fiel vor den Tieren zu Boden. Keines hatte sich geregt, keines gezuckt, nur das Reh hatte seine großen dunklen Augen auf ihn gerichtet. Unsicher wich er zurück, um den Kameraden das Feld zu überlassen. Ritter Uto trat vor, legte den Pfeil an auf den Hirsch, dem sie so mühevoll gefolgt waren. Auch ihn traf der ernste, kluge Blick des Rehes und er zauderte. Doch dann schüttelte er alle Weichheit ab, legte an und schoss. Der Pfeil aber fiel wie von fremden Willen gelenkt vor den Tieren zu Boden. „Hexenwerk“, murmelte der Ritter, wich einen Schritt zurück und machte ein Abwehrzeichen gegen das Böse.
      Nun war die Reihe an Ritter Caidram. Er wollte nicht kämpfen. Der Wald und die Lichtung schienen ihm wie ein Heiligtum, das sie mit ihren Waffen entweihten. Er wollte nicht kämpfen, doch er wollte auch seine Freunde nicht beschämen, die es versucht hatten. Also trat auch er vor. Das Reh sah ihn an – und da wusste er, dass er gegen dieses Geschöpf und die seinen keine Waffe erheben konnte. Er ließ das Schwert fallen und beugte das Knie. Ehrerbietig, wie man einen großen Herrscher grüßt. Er senkte das Haupt – und das Reh erwiderte die Geste. Einen Moment lang schien die Zeit stillzustehen, die Welt den Atem anzuhalten. Einmal kreuzten sich noch ihre Blicke – und dann mit einem Rauschen und Huschen und Rascheln waren alle Tiere im Wald verschwunden.
      Ritter Adrolf und Ritter Uto atmeten auf, wie von einem bösen Bann befreit. „Hexenwerk“, murmelten sie wieder. „Unnatürliche Kreaturen.“
      Ritter Caidram jedoch verharrte immer noch auf Knien, schaute länger auf die Lichtung und lächelte. „Nein“, sagte er leise und wie verzaubert. „Das war die Königin der Rehe.“
      Den beiden Rittern jedoch war das gleich, sie wollten nur diesen sonderbaren Wald wieder verlassen. Sie zogen den Freund auf die Füße und zurück auf den Weg, zurück zu den Pferden. Sie mussten auch gar nicht lange gehen dafür. Kaum, dass sie sich umdrehten und einige Schritte gegangen waren, trafen sie ihre Pferde wieder, die fröhlich schnaubten und munter mit den Hufen stampften. Von der Hecke, die sie aufgehalten hatte, war jedoch nichts mehr zu sehen. Einmal mehr voller Unbehagen drängten die Ritter zum Aufbruch. Auch Caidram war dafür, der Wald sollte nicht länger gestört werden. Und so schwangen sie sich auf die Pferde und ritten zurück zum königlichen Hof von Timarra.

      Sogleich nach ihrer Heimkehr berichteten die drei Ritter dem König und seinem Hofsaat von ihrem Abenteuer. Auch hier staunte man über die seltsamen, zauberischen Ereignisse – doch schnell machten auch Gerüchte die Runde und bald erkannten nicht einmal die drei mehr die Geschichten wieder, die bald erzählt wurden. Ritter Caidram traf es am schlimmsten. Er musste sich anhören, dass ein Reh ihn verzaubert hätte. Gar, dass er nun Tauben Liebeslieder sang und bald um ein Fröschlein freien wollte. Doch er lächelte nur, hob die Schultern und ließ die Leute reden. Er wusste, was er gesehen hatte – und nichts konnte ihn wankend machen in der Gewissheit, recht getan zu haben.
      So verging die Zeit. Der Jagd folgte ein Turnier, das neue Geschichten brachte und neues Geschwätz unter den Höflingen. Dann ein Ball, dann eine Falkenjagd und so ging der Sommer dahin in immer neuen Festlichkeiten. Der Herbst verstrich und auch der Winter hielt Einzug. Dann zum Winterfest wurde die Burg herausgeputzt und alle Ritter und Damen freuten sich auf den großen Ball. König Fredokan und seine holde Königin Elyara luden zum Tanz, und es gab kein größeres Fest im ganzen Land. Auch die Ritter Uto, Adrolf und Caidram waren geladen und freuten sich auf das Fest. Sie genossen das reiche Mahl und die erlesenen Weine, lauschten Musik und Gesang und tanzten im großen Winterreigen. Dann jedoch ging plötzlich ein Raunen durch die Menge. Die Musik erstarb und jeder schaute, was wohl die Ursache der Unterbrechung sei. Es war eine Frau, eine fremde schöne Frau, die wie eine Königin in den Saal schritt. Sie trug ein goldbraunes Kleid und auch das Haar, das sich anmutig um ihr Antlitz schmiegte, schimmerte in seltsam goldbraunem Ton. Sie war jung und zart und so schön, dass es selbst der holden Königin vor Neid den Atem verschlug. Und keiner wusste, wer sie war. Doch das schien die fremde Dame nicht zu bekümmern. Sie lächelte – und ihre großen, tiefen, braunen Augen bezauberten jeden. Und sie schritt zwischen den festlich geschmückten Menschen hindurch, die staunend vor ihr zur Seite wichen. Wie es Höflichkeit und Sitte verlangten, verbeugte sie sich vor König Fredokan und Königin Elyara und bat mit weicher Stimme, an ihrem Winterfest teilnehmen zu dürfen. König Fredokan gestattete dies freilich gern, doch auch er war so überrascht und bezaubert, dass er vergaß nach ihrem Namen zu fragen. Die Dame lächelte wieder. Sie sah über die Schar der Gäste und nickte den Rittern Uto und Adrolf zu, als grüße sie liebe alte Bekannte. Auch die beiden hatten über diesen seltsamen Gast gestaunt, doch als sie jetzt in die dunklen, schönen Augen sahen und die uralte Weisheit darin wiedererkannten, senkte sie den Blick und schämten sich. Dann wandte sich die Dame an Ritter Caidram und reichte ihm ihre Hand. Er neigte sich höflich zum Kuss darüber und bat sie um den nächsten Tanz. Da lachte sie und fragte: „Wäre es nicht besser mit Musik?“ Und wirklich, auch die Musiker hatten ihre Instrumente vergessen und starrten auf den fremden Gast. Doch war es, als hätte ihre Stimme einen Bann gebrochen. Die Musiker besannen sich und begannen zu spielen. Die Ritter und Damen nahmen ihre Gespräche auf und fanden sich zu Tanzpaaren zusammen. Auch Ritter Caidram reichte der Dame den Arm und sie legte anmutig und vertraut ihre schlanke Hand darauf. Bald drehten sie sich zur Musik im Kreis.
      „Es ist mir eine Ehre, euch wiederzusehen, Herrin“, sagte Ritter Caidram schließlich leise. „Ich hatte nicht darauf zu hoffen gewagt.“
      Sie lächelte für ihn. „Ich wollte mich bei euch bedanken. Und ich wollte euch dafür belohnen, dass ihr mir Ehre erwiesen habt.“
      „Ich bin belohnt mit diesem Tanz.“
      Sie lächelte wieder. „Das ist mein Dank und auch für mich ein Vergnügen. Aber ich möchte euch mit etwas anderem belohnen.“ Sie schwieg einen Moment und schien darüber nachzusinnen. „Ihr sollt auf alle Zeiten in meinem Wald jagen dürfen und es soll euch immer Jagdglück beschieden sein.“
      Caidram aber schüttelte den Kopf. „Nein. Ich möchte nicht in eurem Wald jagen. Ich möchte nie mehr jagen, es sei denn aus Hunger oder Not.“
      Sie maß ihn mit einem ernsten, fragenden Blick, aber er hielt stand. Und es schien, als gefiele ihr diese Antwort. „Gut“, sagte sie, „dann sollt Ihr einen anderen Lohn erhalten. Gibt es etwas, was Ihr Euch wünscht?“
      Caidram sah sie an, sah in ihr reizendes Gesicht mit den wunderbaren dunklen Augen, spürte ihre zarte Gestalt in seinem Arm und die anmutigen Bewegungen, mit der sie ihm in den Tanz folgte. Und da wallte das Blut heiß und wild zu seinem Herzen und er wünschte sich nichts sehnlicher, als sie so für den Rest seines Lebens halten zu dürfen. Ihr seine Liebe zu schenken und die ihre dafür zu gewinnen.
      „Nein, mein Freund“, sagte sie leise und warm und das milderten den Schlag, den ihre Worte ihm versetzten. „Diesen Wunsch kann ich Euch nicht erfüllen. Ich habe den König meines Herzens bereits gefunden. – Und Ihr werdet die Prinzessin für Euer Herz auch noch finden.“
      Er lächelte, auch wenn es ihn schmerzte. „Dann habe ich nichts zu wünschen.“
      Da lachte sie, warm und fröhlich wie der Frühling, und es tat ihm wohl, das zu hören. „Oh nein, Ihr sollt nicht leer ausgehen. Aber ich weiß etwas. Ihr liebt Lieder und Geschichten und so will ich all meine Freunde bitten, ihre Geschichten mit Euch zu teilen. Ihr müsst nur zuhören.“
      „Das will ich tun“, versprach Ritter Caidram ernsthaft. „Und ich werde an Euch denken, bei allem, was ich lerne.“
      Damit endete der Tanz. Die Dame knickste vor dem Ritter, und er verbeugte sich vor ihr. Und dann verabschiedete sie sich, um nicht zu viel von der Gastfreundschaft der Menschen zu beanspruchen. Aber auch als sie ging, beantwortete sie keine neugierigen Fragen und sprach mit niemandem. Auch wartete keine Kutsche vor der Tür, kein Pferd und keine Diener. Sie ging einfach hinaus – und verschwand in der Dunkelheit der Nacht. Doch Ritter Caidram, der ihr wie viele andere zur Tür gefolgt war, sah einen Schatten am Waldrand vorbeihuschen, schmal und schlank wie ein fliehendes Reh. Er lächelte traurig, und als er sich nach seinen Freunden umsah, lächelten auch diese.
      Noch lange wurde bei Hofe von diesem Ball und dessen geheimnisvollen Gast gesprochen. Und all ihre Worte sollten sich bewahrheiten. Ritter Caidram lauschte den Vögeln und Waldtieren und konnte bald so wunderbare Geschichten erzählen und Lieder singen, wie keiner sonst. Zwar tauschte er nicht das Schwert gegen die Laute ein, aber berühmter wurde er doch für seine Lieder als für seine Kampfkunst. Und bei allem behielt er sein sonniges, fröhliches Gemüt, sein Mitgefühl für Schwächere, seinen Respekt für andere, so dass ihn jeder gern zum Freund hatte. Und auch die Dame seines Herzens fand er, da seine Lieder selbst die liebreizende Prinzessin Irabelle bezaubern konnten. Sie heirateten bald und lebten lange und glücklich zusammen. Aber noch als alter Mann erzählte er gern, wie er einst im Walde die Rehkönigin getroffen hatte.

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      Das nächste Türchen öffnet sich am 03.12.2010.
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      Das dritte Türchen öffnet sich, doch dahinter... ist alles dunkel? Aber halt! Als sich die Augen daran gewöhnt haben, kann man an einem sternenübersäten Himmel einen rötlichen Halbmond hängen sehen, und eine feuchtwarme Brise weht den Geruch von Seetang heran…



      Ein Tag im Leben der Kämpferin Nl’ra aus der Sippe Tel’ekchva vom Stamm der Nacchev, die gut Siegwasser machen kann


      Nl’ra setzt sich schlagartig auf ihrem Lager auf, als die Letztwache ihre Fußsohlen sachte mit dem Schaft der Schwertlanze anstupst. Die wachehaltende Kämpferin murmelt die traditionelle Vergebungsbitte für das Stören der Nachtruhe und wartet Nl’ras Vergebungsdank ab, ehe sie die anderen Kämpferinnen wecken geht.
      Nl’ras Puls normalisiert sich langsam wieder. Alles in Ordnung. Hier in der Nähe des Meeres kann man nie wissen. Manchmal rotten sich die Yßchä zusammen und greifen in der feuchten Kühle der Nacht an. Doch im Moment droht keine Gefahr. Mit geübten Handgriffen legt Nl’ra ihren Waffengurt an, und ihre Finger wandern wie von selbst zu den Hüftschneiden, um den Sitz der beiden Zungendolche zu überprüfen.
      Als sie die Zeltklappe zurückschlägt, weht ihr die vertraute Herbe des nahen Meeres um die Nase. Der Morgen ist nicht mehr fern, aber noch steht Mutter Khetala am Himmel, umgeben von ihren blassen Sternenkindern. Nl’ra hat nur einen flüchtigen Blick für sie übrig. Wenn Vater Thú seine strahlende Reise über den Himmel beginnt, müssen sie das Meer erreicht haben.
      Rasch erleichtert sich Nl’ra zwischen den Felsen. Als sie zurückkehrt, sind fast alle Kämpferinnen versammelt, und auch die Krieger warten bereits drüben zwischen ihren Zelten. Nl’ra spürt wie der Hunger in ihrem Magen Schwertübungen macht, doch das Ritual geht vor.
      Die Worte der Sprecherin helfen, sich zu erinnern, dass alle Kämpferinnen Töchter der Muttergöttin sind, genau wie die Worte des Sprechers drüben im Kriegerlager alle erinnern, daß sie Söhne des Vatergottes sind. Die Stimmen der Sprecher vereinen sich, und schließlich fallen alle mit ein. Ja, sie sind alle Kinder ihrer göttlichen Eltern! Und heute werden sie alle zusammen ihre Mutter stolz, und ihrem Vater Ehre machen!
      Nun gibt es Frühstück – Wasser aus der nahen Quelle, dazu mit Rhúhkäse überbackene Hollqküchlein und frisch abgezapftes Ckkurhblut. Die kleine Ckkurhherde wurde nur bis hierher mitgenommen. Da die Tiere auf die Nähe des Meeres feige reagieren müssen sie hier im Lager bleiben. Es läßt sich gut verteidigen und wird von den Tel’ekchva schon so lange genutzt, daß es sogar von zwei eigens in den Fels gemeißelten Ahnenaugen beschützt wird.
      Die Lagerwache ist keine schwere Aufgabe, aber nicht besonders ruhmvoll. Damit die Ehre aller Leute gewahrt bleibt, entscheidet das Los. Nl’ra freut sich, daß sie nicht hierbleiben muss, und ihr Mann Xsevà auch nicht. Er grinst ihr von der Kriegerseite des Platzes aus glücklich zu. Letztes Mal konnte er die Reise zum Meer nicht mitmachen, weil ein bockiges Rhúh ihn verwundet hatte. Diesmal ist er wieder dabei.
      Nach dem Essen setzt sich die Gruppe rasch in Bewegung. Die Krieger sichern die Flanken, die Kämpferinnen mit ihren Schwertlanzen bilden die Nachhut, während die Kämpferinnen und Krieger, die die Flammen hüten, in der Mitte gehen. Die Vorhut der Gruppe ist gemischt.
      Nl’ra ist diesen Weg schon oft gegangen, sie kommen gut vorwärts. Die drei Knabenkrieger, die das erste Mal dabei sind, wispern leise miteinander, als nach zwei Stunden Fußmarsch das Meer in Sicht kommt.
      Im ewigen Kampf zwischen Wasser und Land hat Vater Thú wieder einmal zugunsten des Landes eingegriffen, und steigt nun langsam am Himmel empor, um das Ausmaß seines Sieges zu überblicken. Das Meer ist weit hinaus geflüchtet und hat einen breiten Streifen Strand zurückgelassen, auf dem das verdunstende Wasser wie ein Spiegel Thús strahlenden Glanz zurückwirft.
      Das Ziel der Expedition liegt aber noch weiter im Meer, dort wo das Wasser bis zur Hüfte reicht, und große Felsbrocken und Schlicklöcher das Vorankommen erschweren. Hier zwischen den Felsen wachsen die gesegneten Algen. Man erkennt sie an den breit gekräuselten Rändern der Spitzen. Nl’ra nimmt sich die Zeit, einem der drei Knabenkrieger genau zu zeigen, wie man die schlüpfrigen Fäden zu Büscheln windet, die sich mit dem Messer unter Wasser gut abtrennen lassen. Er lernt schnell, obwohl er verstimmt sein muss, daß er nicht zur Erntewache eingeteilt wurde.
      Xsevà und die anderen Wachen bilden derweil einen losen Ring um die Algenpflücker. Nl’ras Gruppe bewegt sich im Tempo der Ernte langsam die Küste entlang. Nicht an jedem Felsen wachsen gesegnete Algen, aber sie sind zahlreich, Thú sei dank. Die mitgebrachten Schulterkörbe füllen sich nach und nach mit der triefendgrünen Beute.
      Es muss alles schnell gehen, denn bald wird es dem Wasser nicht mehr genug sein, den Leuten nach und nach die Lebenswärme zu entziehen. Bald wird es ansteigen, und dieser Übermacht müssen selbst die ruhmreichsten Krieger weichen. Darin liegt keine Schande.
      Im Wellengekräusel des brackigen Wassers sieht Nl’ra nicht genau wohin sie schneiden muss - sie und die anderen sind allein auf ihren Tastsinn angewiesen.
      Es ist nur eine Frage der Zeit bis sich die ersten Leute unabsichtlich kleine Schnitte zufügen. Blut gerät ins Wasser, verdünnt sich, verteilt sich. Und Blut lockt stets die Yßchä an. Zu viele Geräusche im Wasser ebenfalls.
      Akh, denkt Nl’ra. Eigentlich lockt alles die Yßchä an!
      Auf Xsevàs Seite erklingt der erste Schlachtruf. Ein Yßchä, nur zwei dutzend Meter entfernt! Nl’ra blickt auf, sieht, wie sich seine unförmige Gestalt aus den Wellen nach oben drückt. Der Yßchä wirkt so formlos wie das Meer aus dem er stammt. Er ist so breit wie drei Leute, hat keinen Kopf, keine Arme oder Beine, nur armlange Tentakel überall am Körper. Und den sturen Willen, alles anzugreifen was kein Yßchä ist.
      Nl’ra blickt nur kurz auf. Mit dem einen werden die Erntewachen gut fertig.
      Bald erklingt ein zweiter Warnruf, dann ein dritter. Als es fünf sind, schließen die Kämpferinnen nach und nach die Korbdeckel, und helfen einander, sich die schwere Last auf den Rücken zu schnallen. Wenig später sind es neun, und die Wachen müssen die Fackeln zu Hilfe nehmen, die rasch vom mitgebrachten Feuer entzündet werden. Vor Feuer fürchten sie sich, trägt es doch Thús Macht. Doch kurz darauf werden es noch mehr Yßchä, und die Wächter rufen zum Rückzug. Mit dem vollen Korb auf dem Rücken kann Nl’ra nicht viel helfen, aber auch einer ihrer Dolche bekommt das weißliche Yßchäblut zu schmecken.
      Xsevà und die anderen Männer haben gut gekämpft. Einer der Knabenkrieger hat eine Brandwunde, ein anderer Krieger blutet stark aus einer Reihe kleiner Wunden an Schulter und Oberarm - er hat Bekanntschaft mit den rasiermesserscharfen Hornplättchen gemacht, die an den Tentakeln der Yßchä wachsen. Er scheint den Schmerz vor lauter Aufregung gar nicht zu spüren, seine Augen leuchten.
      An Land angekommen verharren die Kämpferinnen einen Moment, um zu warten, bis sich die letzten Krieger von den Kämpfen lösen. Die unförmigen Körper der Yßchä bleiben im Wasser zurück. Feige wie sie sind, kämpfen sie am liebsten auf ihrem eigenen Territorium. Tote hat es diesmal auf beiden Seiten nicht gegeben, wohl weil Nl’ras Gruppe diesmal so groß war.
      Nl’ra lacht auf, als sie Thús warme Berührung auf ihrer Haut spürt. Sie vertreibt die Kälte. Was vermögen schon die kalten Meeresfluten gegen diese strahlendheiße Macht?
      Auf dem Rückweg wechseln sich alle mit den Körben ab. Am Nachmittag erreichen sie das Lager. Für Nl’ra und einige andere gibt es jetzt viel zu tun. Sie verstehen sich am besten auf den Umgang mit den Algen und organisieren deren Weiterverarbeitung. In großen in den Fels gehauenen Steinkuhlen wird das Meeresgrün mit glatten Steinen zu Brei zermahlen. Als auch die letzte Korbladung zermahlen ist, wird es bereits dunkel.
      Thú kann schließlich auch mit dem Tagwerk seiner Kinder zufrieden sein, denkt Nl’ra.
      Sie und die anderen rühren noch die Gärmittel unter, dann können auch sie sich ausruhen. Die Mischung muss über Nacht ziehen, bevor sie am Morgen in die wasserdichten Fässer gefüllt werden wird, die die Ckkurh nach Hause tragen werden. Es kann auf dem Weg dahin schon anfangen zu gären, die wackelnde Bewegung durch den Transport wird alles gut vermischt halten. Das beste Siegwasser entsteht auf diese Weise. Es berauscht leicht, aber nicht so stark wie Vozzocschnaps, und stärkt Zähne, Knochen und allgemein die Gesundheit.
      Weise von Thú, daß man sich so eine gute Sache so mühsam erbeuten muss, oder? Dann weiß man sie umso mehr zu schätzen. Nl’ra gähnt, und setzt sich neben Xsevà, der ihr die Hälfte von seinem Hollqfladen abgibt. Sie teilt ihre Überlegungen ihrem Mann mit, und er neckt sie, daß er sie auch zu schätzen weiß, wo sie doch das beste Siegwasser im ganzen Stamm macht. Nl’ra – kein bißchen bescheiden - nickt, denn er hat ja recht. Ihre Mutter, eine große Kämpferin, hat ihr gezeigt wie es geht.
      Xsevà zeigt ihr einen langen Schnitt, den er sich beim heutigen Kampf am Oberarm geholt hat. Er verläuft parallel zu seinem Armmuster, und macht unten einen scharfen Haken. Nl’ra findet, er könne eine Schmucknarbe daraus machen. Ein bißchen Holzkohle und schon wirkt sie erhaben, und kündet von seinem Kampf. Xsevà verspricht, es sich zu überlegen ehe die Wunde verheilt. Aber heute nicht mehr.
      Nl’ra holt sich einen Schale Suppe und teilt sie mit ihrem Mann. Danach teilen sie noch ihren Lebensatem in einem langen Kuß, ehe Xsevà sich ins große Kriegerzelt begibt, und Nl’ra ihre Schlafmatte im Zelt der Kämpferinnen ausrollt.

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      Das nächste Türchen öffnet sich am 05.12. 2010.
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      Das Zwitschern von Vögeln dringt aus dem fünften Türchen. Ein disharmonischer Klang webt sich in regelmäßigem Auf und Ab zwischen diese Frühlingsmelodie.
      Es klingt wie… Schnarchen? Wie ein ganzes Sägewerk! Da plötzlich bricht es ab, und unter wohligem Stöhnen strecken sich zwei große, muskulöse und ziemlich haarige Arme zwischen dem ergrünenden Buschwerk in die Höhe…



      Frühlingsbegegnung

      Wenn im Frühling die Blüten blumen und die Linge schmettern, überall Bäume grünen und sich die Ringel nattern, ist die Zeit der Liebe gekommen. Die Zeit des Glücks und der Glückseligkeit, wenn Zweisam wird, was einsam ward und ganz entrückt, wer so verzückt eine Frucht der Liebe pflückt.
      Zu dieser Jahreszeit erwachte Guschth der Troll aus seinem tiefen, einjährigen Schlaf und beschloss nach gründlicher, zweitägiger Überlegung, ebenfalls auf Brautschau zu gehen. So nahm er seinen langen Wanderstab und verließ die Mulde, in der er geruht hatte. Den Blick zu Boden gerichtet, zog er durch den Wald, suchte im Unterholz nach Spuren, durchkämmte die Luft nach einer Fährte, auf dass er bald eine Trolldame fand, die es zu erobern galt. Derartig unaufmerksam für seine Umgebung wanderte Guschth alsbald nach Norden, dann nach Osten und schließlich nach Südwesten, stets auf der Suche. Doch so sehr er auch suchte, schaute und schnupperte, fand er dennoch lange Zeit keine Dame. Guschth wurde darüber sehr betrübt, denn er war noch sehr jung und dies war seine erste Brautschau. Daher wusste er nicht, dass es ganz und gar natürlich war, lange und fleißig suchen zu müssen, denn Trolldamen hatten die Angewohnheit, sehr versteckt zu leben.
      In der dritten Woche seiner Suche stieß Guschth jedoch auf etwas oder vielmehr gegen etwas, nämlich mit dem Kopf gegen einen jungen Baum, welcher, derart aus seinem inneren Weltfrieden gerissen, sogleich zu Boden stürzte. Guschth rieb sich die Stirn und starrte den Baum an. Ihm war, als hätte er zwischen den empörten Flüchen des Baumes ein stumpfes Ächzen vernommen. Einen Moment stand er still, doch dann schüttelte Guschth den Kopf und stapfte weiter; zumindest hatte er das vor, stolperte jedoch und schlug der Länge nach neben dem Baum auf. Mit einem Stöhnen rappelte er sich auf die Knie und sah sich misstrauisch um. Vor – beziehungsweise hinter – ihm lag eine große Tasche aus grobem Stoff, daneben häuften sich Zweige zu einem geplanten, jedoch unvollendet gebliebenen Lagerfeuer. Guschth beugte sich vor und griff nach der Tasche, um sie genauer in Augenschein zu nehmen.
      Von einem panischen Schrei direkt neben ihm wurde er jedoch jäh unterbrochen. Zu Tode erschrocken fuhr Guschth herum, tastete nach seinem Wanderstab, um sich gegen eventuelle Feinde zu verteidigen, und sprang auf. Unter dem umgeworfenen Baum hervor starrte ihn ein Paar weit aufgerissener Augen an, das offensichtlich zu einem hageren jungen Mann gehörte, der halb aus dem Laub hervorragte.
      Einen Moment lang sahen sie sich wortlos an, dann fing der Mann wieder an zu schreien und Guschth schrie nun ebenfalls.
      Immer noch schreiend versuchte der Mann, sich aus dem Baum zu befreien und davonzukommen.
      „Hilfäääää!!! Ein Troll!! Ein Troll!!! Er wird mich fressen! Zu Hilfääää!“, schrie er;
      „WAAAAH, ein Mensch!!“, rief hingegen Guschth und versteckte sich hinter einer dicken Tanne, konnte jedoch nicht verhindern dass sein Bauch noch hinter den Nadeln hervorragte.
      Dann wurde es still.
      Vorsichtig schob Guschth sein Gesicht um den Baum herum und versuchte herauszufinden, ob der Mensch verschwunden war.
      Gegenüber der zerstörten Lagerstatt ragte ein blasses Gesicht hinter einem Baum hervor, verschwand aber sofort wieder, als es den Troll bemerkte.
      Guschth zog sich ebenfalls zurück und verharrte in völliger Stille. Langsam begann er darüber nachzudenken, was der kleine Mensch gerufen hatte. Trotz seiner geringen Kenntnisse in der Sprache der Menschen, kam Guschth, bezog er das Verhalten des Mannes in seine Überlegungen mit ein, zu dem Schluss, dass der Mensch wohl nicht auf der Jagd gewesen war und folglich auch nicht unbedingt vorhatte, ihn zu töten. Sollte dem so sein, dachte Guschth weiter, brauchte er keine Angst vor dem Mensch zu haben. Er schob seinen Kopf ein zweites Mal aus seiner Deckung hervor und ertappte den kleinen Mensch dabei, wie dieser sich unbemerkt zu seiner Tasche hatte schleichen wollen.
      Da rief Guschth, da ihm andere Worte fehlten: „Ich sein Guschth, ich sein nett. Du auch nett?“
      Der Mann hatte in seinem Schleichen innegehalten, und sein gehetzter Gesichtsausdruck verschwand langsam, als er Guschths Worte vernahm, stattdessen blickte er nun skeptisch drein.
      Langsam ging er rückwärts, den Troll fest im Blick.
      Seine Stirn runzelte sich und er schien angestrengt zu denken.
      Für Guschth sah das sehr komisch aus, denn dass Menschen eigentlich kaum denken, ist unter Trollen allgemein bekannt. Es sah so ulkig aus, dass er anfing zu glucksen und sich sehr beherrschen musste, nicht einfach loszulachen.
      Der kleine Mensch blieb daraufhin stehen und versuchte, ebenfalls freundlich zu gucken, was ihm aber nur bedingt gelang.
      „Ich heiße Niruan“, sagte er langsam und betonte dabei jede einzelne Silbe übermäßig. Es erweckte den Eindruck, als habe er große Schwierigkeiten zu sprechen und als erfordere es viel Kraft. Doch das war für Guschth kein Wunder, denn wie soll ein Mensch richtig denken, wo er doch einen so kleinen Kopf hat?
      Nach einem kurzen Blick in die Runde trat Guschth vollends hinter dem Baum hervor. Er hatte weit und breit keine anderen Menschen erspäht, was ihn sehr beruhigte, denn seine Mutter hatte ihm damals beigebracht, dass Menschen nur in Gruppen jagten, da sie ja zu klein und dumm waren, um alleine eine Erfolgschance zu haben.
      Das fügte sich alles in Guschths Kopf zu einem sehr schlüssigen Bild zusammen. Dieser kleine Mensch hier hatte seine Gruppe verloren und war infolgedessen vermutlich am Verhungern. Als er dann Guschth getroffen hatte, bekam er einen Schrecken, denn jeder Mensch weiß, dass Trolle schlau sind und wissen, dass Menschengruppen sie oft jagen. Also musste der Mensch davon ausgehen, dass auch er, Guschth, das wusste und deshalb ihn, den kleinen Menschen, töten würde.
      Ja, so machte alles einen Sinn, dachte Guschth und nickte bedächtig.
      Er beschloss, dass er dem Mann etwas zu essen geben könnte, um ihm die Angst zu nehmen. Danach, überlegte er, könnte er den kleinen Mensch fragen, wo er seine Gruppe zuletzt gesehen hatte. Dieser Gruppe könnte Guschth dann folgen, bis sie auf Trolljagd gingen, um dann die in höchster Not schwebende Trollin zu retten und sie zu seiner Gefährtin zu machen. Wie genau das vonstatten gehen sollte, plante Guschth später zu planen, wenn er die Gruppe gefunden hatte.
      Vor lauter Freude, durch diesen Zufall seinem Ziel näher gekommen zu sein, fing Guschth laut an zu lachen.
      Als er wieder ernst wurde, sah er sich nach dem kleinen Menschlein um. In einiger Entfernung fand er ihn auf einem Stein vor einem Lagerfeuer sitzend, in der Hand einen dicken Ast, dessen Spitze in Flammen stand. Diese improvisierte Fackel hielt er in Guschths Richtung. Im Feuerschein bemerkte Guschth, dass es bereits dunkel geworden war und der umgestoßene Baum nun durch einen Sägespäneberg ersetzt worden war. Guschth wunderte sich kopfschüttelnd, wie hektisch diese Menschen doch in ihrem Tun waren und wie schnell sie zu frieren begannen. Viel mehr wunderte er sich, dass der Mensch nicht einfach davongelaufen war, doch dann fiel Guschth ein, dass es ja sinnlos gewesen wäre, da Trolle bekanntlich gute Spurenleser sind.
      Er wandte sich dem kleinen Mann zu, der in seiner Tasche zu kramen begonnen hatte, und sagte, so gut er das eben konnte: „Du sein Hunger, ich haben Essen, du auch Essen? Ich geben Essen du.“
      Dabei kramte Guschth in seiner Lederschürze, die er um den Bauch geschlungen trug und förderte ein irgendwie zerquetscht wirkendes Irgendwas zu Tage, das irgendwann einmal lebendig gewesen sein mochte. Guschth hielt es dem Menschen hin, lächelte und rieb sich den Bauch. Er hatte mit Bedacht gewählt, denn er wusste, dass Menschen gerne Fleisch aßen und keine Verwendung für Pilze, Gemüse und Nüsse hatten. Der kleine Mann machte aber keine Anstalten, das Tier in Empfang zu nehmen, stattdessen schüttelte er den Kopf und fuchtelte mit seiner Fackel in Guschths Richtung.
      Guschth verstand sofort, nahm ihm die Fackel aus der Hand und spießte das platte Irgendwas auf einen zweiten Ast, dann hielt er es in die Flamme der improvisierten Fackel. Es zischte laut, das flache Irgendwas begann zu glänzen und zu tropfen. Guschth beobachtete interessiert diesen Vorgang, bemerkte dabei nicht, wie der kleine Mensch das Viech angeekelt anstierte und sich hastig irgendwas aus seiner Tasche in den Mund stopfte.
      Innerlich schüttelte Guschth den Kopf über die Essgewohnheiten der Menschen. Er fand es abstoßend, Verbranntes zu essen. Doch vermutlich waren die Menschen noch nicht so weit, dass sie den Wert von Rohkost verstanden, die viel gesünder und schmackhafter war.
      Als das flache Irgendwas endlich zu tropfen aufgehört hatte und die Farbe von Ebenholz aufwies, nickte Guschth, blies die Flamme aus und reichte dem Menschlein sein Mahl. Dieser stopfte schnell etwas, das Guschth nicht erkannte, in seine Tasche zurück und nahm den Spießbraten entgegen. Als er dann schnell kaute und krampfhaft schluckte, bevor er überhaupt abgebissen hatte, war Guschth froh. Wenn ein Troll ausdrücken will, dass etwas lecker ist, so macht er Kaubewegungen, bevor er gegessen hat. Von diesem Lob erfreut, nickte Guschth eifrig und begann nun selbst zu essen. Seiner Schürze entriss er dazu einige getrocknete Pilze, Wurzeln, Nüsse, eine Wachtel und Honig.
      Während sie aßen, beobachtete Guschth den Mensch und fragte sich, wie sie bei dieser Essgeschwindigkeit überhaupt in der Lage waren zu überleben, ohne den ganzen Tag zu essen. Dann konzentrierte er sich aber lieber auf seine Wachtel. Nebenbei überlegte er, wie er den Mann nach dessen Gruppe fragen konnte, obwohl er seine Sprache kaum verstand. Er entschied sich schließlich dafür, ein Bild zu malen.
      Sobald die Wachtel in seinem Bauch verschwunden war, blickte er auf, um nach einem geeigneten Ast zu suchen. Guschth war sehr überrascht zu sehen, dass der Mensch genau so einen Ast in der Hand hielt, nämlich den Spieß an dem sein Braten gewesen war, von dem nun aber jede Spur fehlte. Guschth nahm den Stecken und grinste, denn er konnte sich denken, dass der Mensch nur solange zurückhaltend gewesen war, wie er beobachtet worden war. Nun zeichnete Guschth auf eine freie Stelle ein Bild von einem einzelnen, dünnen Männlein und einer Gruppe Menschen, die im Wald herumliefen.
      Dann zeigte er abwechselnd auf das einzelne Strichmännchen und das kleine Männlein neben ihm, sagte dabei „Du“.
      Dann zeigte er, als er sicher war, verstanden worden zu sein, auf die Gruppe und sagte: „Du Richtung sagen?“
      Auch das wiederholte er mehrfach, bis der Mann nickte. Dann begann der zu reden, so schnell wie es Guschth nicht für möglich gehalten hätte und so rasant, dass er glaubte, der Mann müsse bald über seine eigene Zunge stolpern. Guschth verstand nicht viel von dem Gesagten, nur das Wort „Troll“ hörte er mehrfach heraus und auch „laufen“ und „Wald“, doch Sinn ergab es nicht. Dann zeigte ihm der Mann ein flaches, weißes Etwas mit vielen Kritzelzeichen darauf. Dazu kommentierte der Mann irgendetwas, aus dem Guschth nur „Trollsprache“ heraushörte. Entnervt schüttelte Guschth den Kopf, zeigte nochmal auf die Gruppe Menschen und wiederholte seine Frage, diesmal etwas anders.
      „Du sagen Richtung Du-Menschen sein?“
      Der Mann zeigte nun gen Süden und fing erneut an, ohne Unterlass zu reden. Diesmal hörte Guschth etwas, das wohl „viele Lagerfeuer“ heißen sollte. Doch er konnte sich nicht konzentrieren und gähnte, drehte sich auf die Seite und schloss die Augen. Er war müde und wollte schlafen. Sollte der Mensch irgendwas Böses tun, würde er es hören, denn Trolle haben gute Ohren, wie jeder weiß.

      Am nächsten Morgen wachte Guschth allein auf der kleinen Lichtung auf. Das Feuer war heruntergebrannt und von dem kleinen Männlein fehlte jede Spur. Auf dem Stein am Feuer fand er ein weißes, flaches Etwas, auf dem zwei Bildchen waren. Auf dem ersten sah er einen kleinen, winkenden Mann, ein Feuer und einen Troll im Wald. Auf dem zweiten sah er den kleinen Mann im Wald gehen, das Sternbild über den Wipfeln zeigte den Norden an. Guschth zuckte die Schultern, nahm seinen Wanderstab und ging gen Süden. Warum der kleine Mann nach Norden wollte, wusste er nicht. Vielleicht wollte er nicht zu seiner Gruppe zurück.
      Er aber wandte sich nach Süden, um die Gruppe Menschen zu finden und damit auch eine Trollin. Das weiße Etwas mit den Bildern nahm er mit, um einmal seinen Kindern von dieser Begegnung zu berichten. Ein einzelner Mensch und dazu noch ein netter! Sowas hätte er nicht für möglich gehalten. Ohne die Bildchen würde ihm niemand glauben, also steckte er das Etwas sorgfältig in seine Lederschürze. Dann schritt er weit aus, summte ein altes Trolllied, und war guter Dinge, seine Suche erfolgreich beenden zu können.
      So ward die Lichtung am späten Vormittag menschen- und trollleer. Nur ein angeknabbertes flaches, verbranntes Irgendwas verbrachte noch einige Tage im Gebüsch, bis es von allerlei Waldgetier mitleidig vergraben wurde.
      Denn auch Waldtiere haben Geschmack.


      Guschth aber war der erste Troll, der eine menschliche Siedlung betrat und seinen Besuch sogar überlebte. Was er dort alles erlebte und warum man ihn seither „Guschth den Weitblickenden“ nannte, ist jedoch eine andere Geschichte…

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      Das nächste Türchen öffnet sich morgen am 06.12.2010, dem Nikolaustag.
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      “Wart ihr denn auch brav?“ Diese Frage stellt euch ein stattlicher bärbeißiger Herr in roter Winterkleidung mit weißen Pelzbesätzen am Eingang zum sechsten Türchen. Unter viel Bartgezwirbel und nach dem Konsultieren eines goldenen und eines schwarzen Buches nickt er schließlich, murmelt etwas von „Ehrlich währt am Längsten!“ und lässt euch eintreten.



      Der erste Flug


      "Mumii! Mumii!" Riika stürmte etwas wild die Astverzweigungen hinauf und stürzte sich auf ihre Mutter, die sie mit einem tadelnden Blick bedachte. "Nicht so stürmisch, kleine Riika." Die Kleine verschwendete kaum eine Sekunde um schuldbewusst zu gucken, als sie auch schon auf Aiija's Schoß saß und an ihren Federn zog. "Pupii will nicht sagen, wie ihr euch kennengelernt habt! Aber ich will das wissen! Damit ich auch einmal ein Pupii bekommen tu." Aiija konnte sich nun doch nicht ein Grinsen verkneifen und legte einige Traumfänger beiseite, die sie zuvor mit allerlei Dingen bestickt hatte.
      "Bekommst, Schatz. Damit du auch einmal einen Pupii bekommst." Riika nickte und wiederholte artig: "Damit du auch einmal einen Pupii bekommst."
      "Schlingel."
      Liebevoll strich sie ihrer Tochter eine Feder aus ihrem Flügel zurecht. "Und er mächte dir nicht erzählen, wie er und ich uns kennengelernt haben?"
      Riika schüttelte ihren Kopf. "Er sagt, du kannst viel besser erzählen." Sie rückte Riika auf ihren Schoß in eine bequeme Position und fing an zu erzählen:

      "Nun gut... dein Vater und ich haben uns schon vorher immer oft gesehen, am großen Wasserloch. Ich fand ihn schon damals immer ganz..." sie hielt einen Moment inne. "...atemberaubend. Aber ich dachte damals noch, dass er mich für einen kleinen Tollpatsch gehalten hatte, weil ich... nun ja, einmal nicht auf einem Ast gelandet bin, sondern drei Meter daneben, also auf den Boden."
      "Echt?" Riika kicherte.
      "Ja. Richtig ernst wurde es natürlich erst als ich meine Flügge-Reise angetreten bin. Du weißt was eine Flügge-Reise ist?" - "Jaa, wenn man erwachsen wird, dann macht man eine Reise zum nächsten Wasserloch und guckt, ob man's schafft." - "Ich war natürlich total aufgeregt. Ich ganz alleine, drei Tage lang! Meine Mutter wollte mich schon da behalten, doch je aufgeregter meine Mutter wurde, wurde ich immer ruhiger. Außerdem hatten mich zuvor schon einige besucht und mir viel Glück gewünscht. Mein Bruder, der damals ja schon ausgewachsen war, Siira, eine Spielkameradin von damals, richtig viele und ich wollte sie ja nicht enttäuschen. Aber es ist wirklich ein wunderbares Gefühl das erste Mal dort oben allein zu fliegen. Es ist beängstigend, in irgendeiner Weise, aber auch unendlich befreiend." Aiija seufzte als ob sie sich genau den Moment in Gedanken einzufangen versuchte.
      "Als ich dann das erste mal meinen Lagerplatz aufschlug, war mir schon komisch zu Mute. Ich mein, ich wusste zwar, dass wir keine - oder kaum - Feinde kannten, aber man hört ja doch schon von wilden Reißern oder heimtückischen Schlänglern, die sich nachts an Schlafende heranpirschen, also habe ich mir ein Messer und mein Sonnenglas zurecht gelegt und..." - "Aber nachts scheint doch keine Sonne!" rief Riika dazwischen. "Richtig, auf dem ersten Blick ziemlich unnütz, wenn man kein Gras zum brennen bekommt, aber man fühlt sich damit einfach sicherer und die Sonne kann schneller kommen als man denkt." Sie zwinkerte. "Am nächsten Morgen bin ich dann selbstverständlich wieder aufgewacht, aber es war etwas passiert!"
      "Ein Reißer! Und Pupii ist gekommen um dich zu retten!"
      "Nein. Ich hatte nicht geträumt. Manche hätten mir wahrscheinlich zugeredet, ich könnte mich nicht erinnern, aber ich wusste ganz genau, dass ich nicht geträumt hatte. Eine traumlose Nacht ist ja schlimmer als ein Albtraum. Bei einem Albtraum sagt man ja, dass in naher Zukunft etwas schreckliches passieren wird. Doch wenn etwas wirklich Grausiges naht, dass man es kaum in Worte fassen kann, kann selbst der Traum oder besser gesagt der Albtraum schlecht das Unaussprechliche in Gedanken und Bildern erfassen und man träumt einfach nichts.
      Ich war panisch und versuchte den Schatten abzuschütteln, konzentrierte mich auf die Reise, versuchte mich abzulenken, was mir nur halbwegs gelang.
      Du glaubst gar nicht wie froh ich war, als ich endlich das Wasserloch erblickte. Ich könnte jemanden meine traumlose Nacht erzählen und derjenige hätte bestimmt eine ganz einfache Erklärung dafür, Aufregung zum Beispiel.
      Aber... ich hab's natürlich niemanden erzählt, weil ich Angst hatte. Nicht einmal Nekiiv, deinem Vater, habe ich irgendetwas gesagt, obwohl er der erste war, der mir zu meiner geglückten Reise gratulierte. Er nannte mich da kleine Aiija und ich Dummerchen dachte damals noch, dass wäre eine Anspielung auf meine unglückselige Landung."
      Riika kicherte belustigt und murmelte: "Dummerchen."
      "Vorsichtig!" Aiija erhob mahnend den Finger.
      "Im Laufe der Tage traf ich immer mehr andere, wie das eben so ist zu der Zeit am Wasserloch, darunter war auch Siira, die mich beunruhigt nach meinen Nächten ausfragte und auch meine Eltern sparten nicht mit Andeutungen. Man hätte meinen können, dass man mir es ansehen konnte, nicht wahr?" Riika nickte.
      "Also beschloß ich dem Nächsten, der mich ansprach, von der traumlosen Nacht zu erzählen. Drei mal darfst du raten wer das war!"
      "Pupii!" Riika reckte stolz ihren Kopf als Aiija nickte.
      "Er wollte nicht so recht glauben, dass sich etwas Schreckliches ereignen würde. Ich erzählte ihm also alles was mir einfiel. Von den vorherigen Besuchen, von dem Gefühl in dieser einen Nacht bis hin zu den Andeutungen. Er zog mich sofort zu meinen Eltern, die zugaben einen süßen Duft gerochen zu haben und dazu noch ein paar Überreste von Grauler-Knochen, was dazu führte, dass sie dachten, ich hätte eine betäubende Mischung genommen. Ich war irritiert, es würde schließlich Sinn ergeben, da Betäubte auch von traumlosen Nächten erzählten, aber ich hatte so etwas nicht genommen. Doch Nekiiv konnte sich aus allem einen Reim machen und was meinst du, was passiert ist und warum?"
      Riika sah ihre Mutter eine Weile leicht grübelnd an. Nach einer ganzen Weile schrie sie: "Siira! Sie hat dich vorher besucht und hat es dir runter gemischt. Sie hat auch so nachgefragt. Das is' ja eine Böse! Aber warum?"
      "Sie wusste ganz genau, dass Nekiiv seit der missglückten Landung hin und weg von mir war und mich zur Gefährtin nehmen wollte."
      "HA! Und Pupii hat sie überführt!" Riika klatschte begeistert in die Hände. "Und seitdem lebt ihr glücklich bis an euer Lebensende?"
      Aiija lachte und zwinkerte ihrer Tochter zu. "Langsam, noch leben wir ja, aber ich hoff's."

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      Das nächste Türchen öffnet sich am 07.12. 2010.
    • Das ist wirklich süß! :aww: Fremdartig, exotisch und man kann es doch genau vor Augen sehen und sich hineinversetzen.

      Warum sagt denn eigentlich keiner was zu den Türchengeschichten... man möchte meinen, es liest gar niemand mit?

      Mir gefallen sie jedenfalls alle, so unterschiedlich sie auch sind. :thumbup: Es ist vielmehr toll, daß sie so unterschiedlich sind, ob nun Reisebericht oder Märchen oder Troll. Schön! Ich bin gespannt, was noch kommt und freue mich auf die künftigen Türchen.
      Mir hatten doch nüscht! Damals, kurz nach dem Krieg!
    • Also ich hab hier nicht reinkommentiert damit der Thread nicht überläuft. Ich finde hier gehören nur die Geschichten rein, kommentieren kann man wo anders...
      Selbst wenn man sagt dass man außerhalb von Schubladen denkt, bestimmen immer noch die Schubladen das Denken. Erst wenn man sich bewusst ist dass die Schublade selbst nicht existiert kann man wirklich Neues erfinden

      INDEX DER THREADS ZU LHANND
    • Letztes Jahr war das auch im selben Thread und ich fand das eigentlich in Ordnung. Im Gegenteil, dieses Jahr, wo (bisher) nur die Geschichten drin standen, wirkt das so... tot... so desinteressiert...

      Aber das mag nur mein persönlicher Geschmack sein (abgesehen davon, daß auch woander niemand was kommentiert hat und ich das um der Geschichten willen schon schade finde).
      Mir hatten doch nüscht! Damals, kurz nach dem Krieg!
    • Wenn ihr was zu kommentieren habt, macht das ruhig in diesem Thread.
      Ich stelle in den Startpost des Threads eine direkte Verlinkung zu den einzelnen Adventskalendertürchen, das bedeutet jeder kann direkt zu dem Türchen springen, das er noch nicht gelesen hat, ohne sich durch viele andere Beiträge scrollen zu müssen. :-)
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      Ein Wispern und Singen, ein Raunen und Klingen, in der Geräuschmelodie so verlockend wie eine Feier auf der viele Leute sind, und doch im Auf und Ab so fremdartig eins, dass man unbedingt das Türchen öffnen möchte, um nur einen einzigen kurzen Blick darauf zu erhaschen! Oh, diese Neugierde! Doch das mysteriöse siebte Türchen bleibt allen Anstrengungen zu Trotz geschlossen, und erst als es auf der anderen Seite leiser wird und endlich Stille herrscht, öffnet sich das Türchen für euch. Niemand ist mehr da – doch auf dem Boden liegt ein dicht beschriebenes Blatt Papier…


      MonoPolyLog


      Wir halten es für unumgänglich, dass unsere Lage nicht näher beschrieben wird, da die Konsequenzen daraus fürchterlich sein könnten. In diesem Text wollen wir lediglich die Intentionen festsetzen, die uns dorthin gebracht haben, wo wir nun sind, und jene, die uns noch weiter verfolgen werden. Nichts davon darf nach außen geraten, unter keinen Umständen, ansonsten sind wir alle verloren.
      Unsere Existenz reicht eine gewisse Zeit zurück, jedoch sind wir uns nicht so sicher, ab wann man uns einer gemeinsamen Bezeichnung für würdig befinden mag. Doch wir wollen dort beginnen, wo wir selbst den Anfang vermuten.
      Bei den Rà Lùyng ist es alte Tradition, die Seelen neugeborener Zwillinge gleich nach der Geburt zu einer zu verschmelzen. Der Schwächere der beiden Geister wird im anderen integriert, sodass eine neue Wesenheit entsteht mit der kombinierten Kraft beider. Wir glauben, dass auch wir am Anfang so ein Zwillingspaar waren; ein Wesen mit zwei Körpern, mächtiger als jeder einsam Geborene. Was läge also näher, als noch eine weitere Verbindung anzustreben, um dessen Macht zu erhöhen?
      Dies ist unsere Geschichte. Wir wissen nicht, wieviele wir einmal waren, wir wissen nur, dass wir immer noch weiter wachsen. Es ist äußerst wichtig, dass die, welche diesen Text finden werden, nicht nach uns suchen. Alles, was sich uns nähert, wird in unsere komplexe Gestalt integriert, seien es Menschen, Geister oder sogar bloße Vorstellungen, Flüche, Gedankenfetzen, unscharfe Gebilde aus vergessenen Träumen...
      Wir haben vergessen, wie es ist, einen Körper zu haben. Die vielen Körper, die zu uns gehörten, interessieren uns nicht länger, sie starben und sterben noch immer. Wir fürchten deren Tod nicht, denn unsere Existenz ist auf leere Formen nicht länger angewiesen. Die Welten, auf denen wir geboren wurden, sind mittlerweile längst verblasst. Ihnen nachzuspüren haben wir aufgegeben; es gibt keinerlei Möglichkeit, festzustellen, ob unser Bericht wahr ist oder bloß das Phantasiegebilde irgendeines unserer Teile. In uns verknoten sich fremde Geschichten und werden in der Erinnerung zu einer. Wir glauben aber, dass die Rà Lùyng zu unserer Entstehung geführt haben, denn ihre Methoden haben Spuren in unserem Geist hinterlassen.
      Es gab eine Zeit, als wir noch weniger waren, da uns die Zauberer gejagt haben. Hätten sie uns in Besitz genommen, was für eine entsetzliche Waffe wären wir in ihren gierigen Fingern gewesen! Dies war jedoch nicht in unserem Sinne, wir verbargen uns und schützten unsere Gedanken in einem Hort von Träumen und Rätseln, da wir den Frieden suchten und immer noch suchen. So viel Konflikt ist zwischen uns, warum sollten wir nach mehr streben?
      Wir wollen eine Geschichte erzählen, die Geschichte eines Königs. Diese werden wir erzählen, als ob wir sie erlebt hätten, obgleich sie etwas ist, das noch geschehen muss. Unsere ganze Existenz ist darauf ausgerichtet, dieser Hoffnung die Möglichkeit zu geben, sich zu erfüllen.
      Es war ein König, es ist einer und dennoch ist er groß. Aus sich heraus zeugte er Wesen, die ihm ähneln, und denen er sein Vertrauen schenken konnte. Sie bebauten ein Land, größer als alle Länder, die wir in uns tragen, denn es war die gemeinsame Bestrebung der Wesen, es immerfort durch neue betörende Wunder zu erweitern. Und der König sah auf das Land, das ihn umgab, und freute sich des Formens und des Schaffens. Nicht war es in seinem Sinne, dies in irgendeiner Weise zu stören; sein war die ganze Beobachtung.
      Dies ist die Geschichte, die wir zu finden hoffen. In diesem König wird sich unsere Existenz selbst entfliehen können, und auf der Flucht wird sie Kinder gebären, so zahlreich, dass sie ihre Namen vergessen können, und sich fremd werden. Und so vielfältig werden die Gärten sein, dass es keine Frucht gibt, die ihnen fehlen würde.
      Doch nun werden wir uns wieder zurückziehen, denn bis dieser Garten wachsen darf, werden noch unzählige Jahrhunderte vergehen, und es wäre nicht gut, sollte unsere Präsenz entdeckt werden, bevor es so weit ist.


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      Das nächste Türchen öffnet sich am 09.12.2010.
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      Eine wie aus dem Bilderbuch gestaltete, unauffällige, total normal aussehende Wohnungstür, so gewöhnlich und unscheinbar, dass sie jeden Hausierer, Werbeprospektverteiler, Ideologievermittler, zur-Religion-der-Woche-Bekehrer und sogar den unaufmerksamen Postboten zum völligen Ignorieren einlädt… diese Tür nun ist das neunte Türchen – und sie zieht vor allem eines an: seltsame Gestalten.





      Die Vertracktheit des Daseins im Allgemeinen


      Es klopfte an meiner Tür, wie immer gerade dann, wenn ich es mir in meinem dezent ungemütlichen Sessel bequem gemacht hatte. Nachdem ich mich zuende über das Horoskop gewundert hatte, welches Fischen empfahl, sich heute nicht aus dem Wasser zu wagen, und einen Kletterkurs für Steinböcke anbot, machte ich auf.
      "Ja?"
      "An Ihrer Tür steht 'Alter Ego'", sagte ein verhutzeltes Männchen mit rotem Bart, mir als Botschafter von schlechten Nachrichten bereits wohlbekannt.
      "Ich habe ein Türschild?"
      Verwundert trat ich einen Schritt nach vorn und besah das Ding. Es schien aus Messing zu sein, und glänzte neu. Wer auch immer es montiert hatte, er hatte es mit einer schönen geschwungenen Schrift versehen. Der Zwerg indes kratzte sich am Kopf und sprach weiter:
      "Es gibt einen neuen königlichen Erlass. Jeder Bürger sollte zumindest einen Namen haben. 'Alter Ego' ist kein Name."
      "Aber ich bin der Ich-Erzähler! Ich habe keinen Namen!"
      "Dann sehen Sie zu, dass Sie einen bekommen."
      "Seit wann haben wir überhaupt einen König?"
      Der Zwerg schaute mich verwundert an.
      "Sie leben hier in Kingdom 3.", sagte er leicht entrüstet, "Woher glauben Sie, dass der Name kommt? Zugegebenermaßen, die letzten fünfzig Jahre hat sich unser König eher für komplexe Dichtkunst interessiert, das hat seine ganze Zeit beansprucht. Aber jetzt haben wir einen neuen Minister."
      "Zufällig ein gewisser Gliterstoon?"
      "Natürlich."
      "Sollte ich mir über diese Machtkonzentration Sorgen machen?", fragte ich.
      "Es wurde mir dringendst nahegelegt, auf diese Frage mit 'nein' zu antworten."
      Ich schaute eine Weile in das runzelige Gesicht des Zwerges. Schließlich fiel mir auf, dass er sich während unseres Gesprächs kein einziges Mal auf und ab bewegt hatte.
      "Was ist mit ihrer Springerkrankheit passiert?", fragte ich den Zwerg, und hoffte, mit diesem Themenwechsel meine Namenlosigkeit überspielen zu können.
      "Es... gibt ein neues Heilmittel.", berichtete der Zwerg mit bedrückter Miene, "ein sehr teures Heilmittel."
      "Ich verstehe.", sagte ich. Ich verstand tatsächlich. Die chronische Erkrankung des Zwerges, die ihn dazu gezwungen hatte, immerfort auf und ab zu springen, hatte er offenbar gegen finanzielle Schulden getauscht, die in dieser Gegend bekanntermaßen zu einem exponentiellen Wachstum neigten. Ich beschloss, ihn später zu bedauern, falls ich in die dafür notwendige Stimmung geraten würde.
      Der Zwerg reichte mir ein Formular.
      "Das brauchen Sie, um Ihren Namen anzumelden.", sagte er, "Vergessen Sie nicht, das Formular vor dem Einreichen zu trocknen. Wir hatten einen Haufen verklebter Exemplare, die offenbar mit frischem Blut ausgefüllt worden waren. Ich nehme an, dass solches nicht ihre Absicht ist, aber ich muss sichergehen."
      Der Zwerg verabschiedete sich und ging davon. Ich beobachtete, wie er, bevor er um die Ecke verschwand, leicht auf und ab zu wippen begann, und sich sogleich eine Tablette verabreichte.

      Ich setzte mich in einen leidlich gemütlichen Sessel, um das Formular anzusehen. Es war drei Seiten lang, und so voller Kleingedruckten, dass ich mir nicht vorzustellen wagte, was passieren würde, wenn ich es tatsächlich einreichte. Ich beschloß also, am Nachmittag zum Baron zu gehen, um mir meine Namenlosigkeit bescheinigen zu lassen. Derweil wandte ich mich wieder dem Horoskop zu. Es war eine spezielle Variante, die für die ortsansässigen Untoten mit einer zusätzlichen Seite ausgestattet worden war, welche die Todesdaten berücksichtigte. Da manche hier deren mehrere hatten, konnten sie unter sehr vielen Tageshoroskopen wählen, was nicht unbedingt ein Nachteil war. Ich suchte mir eines aus, das mir gefiel, und packte dann meine Sachen für die bevorstehende Wanderung. Das Schloss des Barons befand sich am anderen Ende eines Waldes, und ich musste mich, um den ungeheuer verworrenen Weg zu finden, mit Gliterstoons Wegfinder-Spray behelfen, der mir stets eine aktuelle Karte in die Luft sprühen würde.
      Es war entweder früher Morgen oder später Nachmittag, beschloss ich, als ich wieder aus dem Haus ging. Der Schatten meines Nachbarhauses hatte auf jeden Fall gerade die richtige Konstellation, um wie ein trauriges Gesicht auszusehen, und sprach mich auch sogleich an.
      "Immer ignorierst du mich.", sagte der Schatten missmutig.
      "Tja."
      "Das ist nicht fair."
      Ich nickte ihm abwesend zu, sprühte einmal kurz in die Luft, und hielt nach schwierigen Himmelsrichtungen Ausschau, aber im Moment schien es mir, als ob lediglich die normalen acht anwesend wären. Ganz vertraute ich der Sache aber nicht. Einige der heimtückischeren Richtungen haben die Angewohnheit, einen, bildlich gesprochen, aus dem Hinterhalt anzufallen, wenn man nicht mit ihnen rechnet.
      Ich hielt mich an den vom Wegfinder-Spray empfohlenen gelblich glühenden Weg, der mich sogleich in den Wald hinein führte. Auf einer Lichtung traf ich ein Irrlicht, das ich aber ignorierte, und das, als es sah, dass es mich nicht in die Irre führen konnte, traurig sitzen blieb und auf den nächsten Passanten wartete.
      Nach kurzer Wegstrecke tauchte das Schloss des Barons vor mir auf. Ich zog an der Schnur, die neben dem Eisentor angebracht war. Oben hörte ich ein Geräusch, das wie ein Paukenschlag klang. Diesem folgte ein langgezogenes stotterndes Knarren, das am Ende in ein Säuseln überging. Ich wusste, dass der Baron eigene Angestellte hatte, die das Geräusch des sich öffnenden Schlosstores adjustierten, und gab ein bewunderndes "Ah." von mir, womit ich hoffte, diese Angelegenheit ausreichend gewürdigt zu haben.

      Meine Audienz verzögerte sich bis zum frühen Abend. Anscheinend war ich nicht der einzige, der heute wegen der neuen Verordnung verstört hier aufgekreuzt war. Ich wurde von einem Bediensteten durch ein kompliziertes System aus Korridoren gelotst, und gebeten, mich dann auf einen bestimmten Sessel zu setzen, der in der Mitte des Raumes platziert war. Nach einer Weile holte man mich, und führte mich zu einem anderen, noch seltsameren Ort, der an einen Waschraum erinnerte, und zeigte mir dort einen Sessel, auf dem ich die nächste halbe Stunde zu verbringen habe. Man erklärte mir, dass es in der Vergangenheit Beschwerden gegeben habe wegen Warteschlangen, die sich ineinander verknotet hatten, und man deshalb dieses neue System entwickelt hatte, das heute eben zum ersten Mal getestet wurde.
      Ich starrte eine Weile auf den Teppich, der an der Wand des Raumes lag, in den man mich zuletzt gebracht hatte. Mein erster Eindruck, das gestickte Muster sollte eine Schlacht zwischen zwei Raumschiffen darstellen, täuschte offenbar, nach einer Weile war ich mir fast sicher, dass es sich um ein abstraktes Gemälde handelte, ich glaubte sogar anhand des Stils eine weitere Einordnung treffen zu können, dann schien es mir aber wieder, als wären die Raumschiffe doch deutlich zu erkennen, und die vielen Punkte im Hintergrund deuteten nur allzu klar auf Sterne hin. Gemächlich kletterte eine Spinne über eine Galaxie. Nachdem ich mich eine Weile gewundert hatte – ich musste dabei wohl leise Vermutungen geflüstert haben – hörte ich hinter mir ein Räuspern. Ich drehte mich nicht sofort um, da ich generell keine Neigung zu dramatischen Handlungen hatte, sondern wartete, bis mein letzter Gedankengang ausreichend durchdacht war. Ich war nämlich zu dem Schluss gekommen, dass es sich sowohl um ein abstraktes Gemälde als auch um eine Weltraumschlacht handelte, und wer immer den Teppich bestickt hatte, hatte diese zweifache Bedeutung wohl so beabsichtigt. Zufrieden mit meiner Erkenntnis drehte ich mich um.
      Ich erkannte in einem Schatten, der sich in der Richtung, aus der das Räuspern gekommen war, eine Person.
      "Ich kann dir versichern, dass dieser Teppich eine Weltraumschlacht darstellt.", sagte die im Schatten sitzende Person. Es war eine raue, aber weibliche Stimme, vom hohen Alter etwas graugrün gefärbt. Ich stellte mir spontan die Augen der Person in dieser Farbe vor, und als sie weitersprach, und sich dabei aus dem Winkel, in dem sie saß, vorbeugte, sah ich, dass ich mit meiner Vermutung recht nahe gelegen hatte.
      "Das ist die Schlacht zwischen Käpt'n Alec und meinem alten Freund Adibi.", sagte die Alte, deren gelbgrüne Augen mich nun abzutasten schienen, "Es tut immer wieder gut, sich daran zu erinnern."
      "Ihr seid Deeri, nicht wahr? Die Mutter des Barons?"
      "So ist es. Ich bin lange nicht mehr hiergewesen, aber von Zeit zu Zeit habe ich das Bedürfnis, meine Familie zu sehen."
      Die alte Dame stand mit einer Geschwindigkeit auf, die ich ihr nicht zugetraut hätte, und ging zu dem Teppich, den ich eben eine halbe Stunde angestarrt hatte. Sie trug ein schwarzes Gewand – andere Farben schien es bei den weiblichen Mitgliedern dieser Familie ohnehin nicht wirklich zu geben – und trug an einer Hand einen Ring in Form eines Plastikwürfels, der in unregelmäßigen Zeitabständen blinkte.
      "In diesem Raumschiff waren wir, Merrohand und ich..", erklärte sie, und zeigte mit dem Finger auf eines der metallenen Gebilde (die natürlich aus Stoff waren, aber nichtsdestoweniger metallisch glänzten), "und wir wären beinahe explodiert, wenn nicht Adibi im letzten Moment einen treffsicheren Schuss abgefeuert hätte. Das andere Raumschiff explodierte, und damit war der Planet befreit... wenn mir nur einfiele, wie der Planet hieß."
      Sie kratzte sich am Kopf – ich vermute, dass sie es mir zuliebe tat, damit ich diese demonstrative Geste beschreiben kann. Bei ihren langen und spitzen Fingernägeln würde es mich wundern, wenn sie es aus Gewohnheit getan hätte, und sie wirkte dabei nicht im Geringsten verwirrt, was der Geste etwas an Ausdruckskraft nahm.
      "Es ist nicht so wichtig.", schloss sie ihre Erzählung abrupt.
      "Das war in irgendeinem Science-Fiction-Epos, oder?"
      "Ja. Merrohand und ich haben uns auf diesem Raumschiff kennengelernt, und eine von Adibis Frauen hat uns diesen Teppich als Andenken geschenkt. Ich habe leider vergessen, wie sie hieß, aber es ist auch schon über zweihundert Jahre her, da wird man mir das verzeihen können."
      "Ich vermute, Sie waren gerade in die Betrachtung des Teppichs versunken, als ich hierhergebracht wurde, um zu warten.", schloss ich.
      "Was? Oh nein, ich war damit beschäftigt, diesen alten Geheimgang zu restaurieren.", erklärte Deeri und deutete auf den Winkel, aus dem sie offenbar gekommen war, "Merrohand und ich sind oft hier ein- und ausgegangen, und ich fände es schade, wenn er verfällt. Ich müsste mir zwar einen Grund überlegen, warum ich mich verstecken müsste, um ihn zu benutzen, aber da findet sich schon was."
      Die Alte kicherte leise. Ein Knarren deutete an, dass gleich die Tür geöffnet werden würde. Der Bedienstete, der die Wartenden koordinierte, trat ein und verbeugte sich kurz vor der alten Dame, bevor er sich mir zuwandte.
      "Der Baron möchte Sie jetzt sprechen.", teilte er mir mit, "Wenn Sie mir bitte folgen würden..."

      +++

      Es war schon eine ganze Weile her, dass ich den Baron Silio Varréz zum letzten Mal gesehen habe. Er stand mit einem herrischen Blick in einem hellroten Bademantel in der Mitte eines langgezogenen Saales, und kommandierte einen seiner Diener herum.
      "Nicht hierhin! Da natürlich!", befahl er. Der Diener beeilte sich, die große Wanne, die er trug, an der bezeichneten Stelle abzustellen, und dabei möglichst wenig Wasser zu verschütten. Als ich näherkam, sah ich, dass die Wanne überhaupt nicht mit Wasser gefüllt war. Es schien sich eher um eine Art Tee zu handeln. Obenauf schwammen ein paar Blätter, was meine Vermutung allerdings nicht weiter stützte, denn es handelte sich nicht um wohlriechende Gewürze, sondern um Laub irgendeines Baumes, der irgendwo in den Weiten der Schlosskorridore wuchs. Der Diener bückte sich, und versuchte sie möglichst unauffällig zu entfernen, was ihm gelang, da der Blick des Barons mittlerweile auf mich gerichtet war. Als ich das realisierte, durchfuhr mich ein kurzer Schrecken, der meinen Stimmapparat zum erzittern brachte, woraufhin mir ein "Äh." entfuhr. Dafür hasste ich mich sogleich, aber der Baron war noch nicht damit fertig, herrisch in meine Richtung zu starren. Erst als ich mich räusperte, kam Bewegung in die Miene des Barons Silio, und er schritt zu mir hin und begrüßte mich mit einem festen Händedruck, der mir das Blut aus den Adern weichen hätte lassen, wäre allzuviel darin gewesen.
      "Ich nehme an, Sie sind wegen Ihres Namens hier.", brummte der Baron, und sein silberner Schnauzbart erzitterte beim Klang seines tiefen Basses, "Eine ärgerliche Angelegenheit. Ich musste mein Frühstück heute schon zweimal verschieben. Aber da wir uns bereits kennen, erlaube ich mir, in Ihrer Gegenwart zu frühstücken. Ich habe für heute nämlich ein besonderes Experiment vor."
      Er deutete auf die Wanne, in die sein Diener gerade eine Schüssel mit Marmelade setzte, die sogleich im teegrünen Wasser fröhlich schaukelte.
      "Das ist ein schwimmendes Frühstück.", erklärte Baron Silio, "Meine neueste Errungenschaft. Ich benötige lediglich ein Teetassenboot..." – gerade wurde jenes zu Wasser gelassen – "und dann kann ich mithilfe eines Bechers den heißen Tee schöpfen, der zugleich den Ozean bildet, auf dem sich diese Mahlzeit abspielt."
      Silio setzte sich auf einen kleinen Hocker neben der Wanne, und begann mit der Koordination der Brot- und Marmeladenboote. Beim Umladen kam es zu kleineren Komplikationen, und das Teewasser schwappte auf den Steinboden heraus. Silio lächelte und trank einen Schluck Tee.
      "Das ganze Geschirr ist aus Silber.", sagte Silio, "Falls also irgendjemand noch immer der Meinung sein sollte, dass Werwölfe Silber hassen, so hoffe ich, diesen Irrglauben nun widerlegt zu haben." Er seufzte. "Man sollte meinen, eine Währung von Silbermünzen herauszugeben, würde genügen, aber manche kapieren es nie."
      Ich nickte. Vermutlich würde bald der richtige Zeitpunkt kommen, um auf mein Anliegen zu sprechen zu kommen, bis dahin würde ich dem Baron zusehen, wie er seine Flotte in der Frühstückswanne herumdirigierte, was mich für die Strapazen des langen Wartens mehr als belohnte, wie ich fand.
      "Der Erlass des Ministers...", begann der Baron, während er sich an der frischen Erdbeermarmelade gütlich tat, "ist mir natürlich zu Ohren gekommen. Schließlich bin ich nicht taub. Der halbe Ort war heute schon hier, um sich zu beschweren."
      "Und was habt ihr nun vor?"
      "Ich muss sagen, dass ich mit dem König durchaus einer Meinung bin, was die vielen namenlosen Leute in unserer Welt betrifft. Das wird noch zu einer heillosen Verwirrung führen, wenn es weiter so bleibt."
      "Aber ich kann keinen Namen gebrauchen. Das gefährdet meine persönliche Integrität!", brachte ich ein, "Es wäre ein Einschnitt in meine künstlerische Freiheit als Autor."
      "Ich verstehe.", sagte der Baron, "Ich kann Ihnen aber keine Sondererlaubnis geben. Dafür ist der Minister zuständig, oder der König."
      Ich verzichtete darauf, mir vorzustellen, wie es mir mit meinem Anliegen bei Minister Gliterstoon gehen würde, und malte mir stattdessen auf, wie ich auf meinem Heimweg heute betrübt den Kopf schütteln würde. Ich würde ihn genau drei Mal schütteln, und zwar immer, wenn ich bei einer bestimmten Sorte von Kurve vorbeikam. Nachdem ich das beschlossen hatte, ging es mir etwas besser. Das ist eben meine Art, mit bedrückenden Problemen fertigzuwerden.
      "Ich kann Ihnen also nur raten, die Sache so lange hinauszuzögern, bis ihr Fall in den Windungen der Bürokratie in einer engen Kurve steckengeblieben sein wird. Das kann eigentlich nicht lange dauern."
      Der Baron legte einen Zuckerwürfel auf einen Katapult und neigte sich vor, um besser zielen zu können. Sein Schnauzbart berührte fast die Wasseroberfläche, und durch die dicke Brille spiegelten sich die gelben Augen im trüben Frühstücksmeer.
      "Daran muss ich wohl noch arbeiten.", erklärte der Baron sachlich, als sein dritter Versuch, den Zuckerwürfel in die Teeschale zu befördern damit endete, dass ein Milchboot am Wannenrand kenterte.
      Ich verneigte mich zum Abschied, und hörte beim Hinausgehen, wie der Baron seinem Diener erklärte, auf welche Weise er die Wanne verlängert haben wollte.

      Beim Hinausgehen ließ man mich allein. Offenbar nahm man an, ich würde den Weg schon selbst finden, und da keinerlei Gefahr einer Warteschlangenverknotung mehr bestand, konnte man mich getrost meinen Weg durchs Schloss selbst wählen lassen. Ich entschied mich, einen Abstecher zur Bibliothek zu machen. Diese ist nicht besonders schwer zu finden, man braucht lediglich nach links zu gehen, denn dieser Hort alter verstaubter Bücher befindet sich immer auf der linken Seite des Schlosses, gleich in welche Richtung man geht.
      In einem verstaubten Regal in der Mitte des ersten Raumes wurde ich fündig. 'Das Problem der Namensfindung in egozentrischen Erzählperspektiven' lautete der Titel des Buches, das ich sogleich an einer zufälligen Seite aufschlug.
      'Wir verfügen über insgesamt neun Methoden, einen Namen als Abspaltung eines anderen zu definieren.' stand dort geschrieben, 'von denen allerdings zwei völlig unbrauchbar sind; über eine weitere wurde schon einmal berichtet, sie ist jedoch wieder in Vergessenheit geraten und wird seitdem in der Regel nur in Fußnoten erwähnt, wovon diese Passage soeben eine unerhörte, fast schon obszöne Ausnahme darstellt. Die anderen Methoden ergänzen sich durch ihre praktische Unbrauchbarkeit; ihre jeweiligen Unzulänglichkeiten können als eine Art Metapher für die Vertracktheit des Daseins im Allgemeinen angesehen werden. (Siehe Kapitel 11, Namensverständnisse in früherer Zeit, sowie Kapitel 14, Der ontologische Sinn der Benennung)'
      Ich war mir sicher, das richtige Buch gefunden zu haben, und steckte es mir spontan in die Tasche. Wenn ich jetzt nicht schnell wäre, würde es mir noch jemand anderer wegschnappen. Die klaffende Lücke im Regal, die aus dem Fehlen thematisch ähnlicher Bücher resultierte, ignorierte ich dabei, so gut ich konnte. Vermutlich waren sie dem von mir gefundenen Buch an Tiefgang ohnehin unterlegen, versuchte ich mir einzureden. Beim Verlassen der Bibliothek senkte ich seufzend den Kopf, nicht, weil ich tatsächlich traurig gewesen wäre, sondern weil ich es mir vorgenommen hatte. Das Zurücklassen von Büchern hat immer eine gewisse Tragik.

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      Das nächste Türchen öffnet sich am 11.12. 2010. Vorausgesetzt die Teilnehmer schicken mir bis dahin ihre versprochenen Texte. Was sie bis jetzt noch nicht gemacht haben. *heftig mit dem Zaunpfahl wink*
    • Stimmt, das war eine ähnliche Art.

      Ich finde diese Geschichte auch super und musste öfters mal grinsen, als ich sie gelesen habe.
      Wer genau das "Ich" des Textes ist, hab ich immer noch nicht ganz verstanden. ;D

      Ich hoffe, es kommen noch mehr tolle Geschichten, die bisherigen haben mal wieder gezeigt, was für Tolle Ideen in den Köpfen der Bastler hier stecken.
      *auf mehr hofft*
      Gib jedem Tag die Chance, der beste deines Lebens zu werden. - Mark Twain
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      Beim elften Türchen handelt es sich um einen wunderschönen, aus Stein gemeißelten Torbogen. Er glänzt im Sonnenlicht, und der goldene Schimmer scheint seinen Verzierungen eine ganz eigene Art von Leben einzuhauchen, erzählen sie doch eine uralte Geschichte…



      VAREKIA
      - oder die Liebe der Sonne -


      Dies ist die Geschichte von Dalida Nie und dem Kuss der Varekia, von Carisor und der Sonne, und von Sominkor und der Suche nach dem Sehen. Es ist eine Geschichte von Verzweiflung und von Liebe. Vor allem aber ist es eine Geschichte von der Hoffnung.
      Möge sie euch stets begleiten und eure Augen erhellen.

      Es begab sich zu einer längst vergangenen Zeit dass ein Jüngling geboren wurde. Große Freude herrschte in seinem Haus, und seine Mutter weinte stolz als sie den Knaben seinem Vater reichte. Es war ein kräftiges, gesundes Kind und es gab ein großes Fest zur Begrüßung des neuen Lebens.
      Der Junge blickte unerschrocken auf seine neue Familie und lachte oft. Verwandte kamen tagtäglich um ihn zu sehen und mit ihm zu spielen. Sogar die älteren Kinder der Nachbarschaft bewunderten den Knaben, brachten ihm Geschenke und passten auf ihn auf, hatten die Eltern einmal etwas Wichtiges zu erledigen.
      Mit den Jahren nahm die Beliebtheit des Kindes zu und seine außergewöhnliche Schönheit wurde immer offensichtlicher: feuerrote Haare sprangen ihm neckisch in die bronzefarbenen Augen und sein Lachen hatte auch in der Jugendzeit noch etwas kindlich-fröhliches, das jeden in seinen Bann schlug.
      Man nannte den Jungen Dalida Nie.
      Der Junge wuchs auf wie alle Kinder. Er spielte, lachte, fiel, weinte, wuchs und wurde älter. Man könnte fast glauben, es habe nichts Besonderes mit ihm auf sich. Doch gäbe es diese Geschichte nicht, wäre nicht etwas von je her sonderbar gewesen an dem hübschen Kind: Es schien, als liebte er nicht. Zwar war er höflich und stets zuvor kommend, doch blieb er allen Menschen fremd und betrachtete sie mit einer leichten Verwunderung, die seiner Beliebtheit aber keinen Abbruch tat.
      Man wunderte sich als er ins Jugendalter kam, denn im Gegensatz zu anderen seines Alters zeigte er nicht die üblichen Anzeichen, die erkennen ließen, dass er begann die Weiber als solche wahrzunehmen. Er verabscheute sie nicht, später umwarb er sie nicht. Er schüttete nie seiner Familie oder einem der zahlreichen die seine Freunde sein wollten sein Herz aus. An Knaben hatte er kein erkennbares Interesse. Jegliche Versuche ihm ein Weib näher zu bringen missachtete er. Sie waren ihm alle gleich.
      Auch er selbst bemerkte natürlich, wie all seine Freunde begannen den Frauen nachzuschauen, sie anzulachen. Und jeder von ihnen schien über kurz oder lang eine zu finden, die ihm ein Geheimnis bot. Sie alle lagen letztendlich dem ein oder anderen Weib zu Füßen, baten sie ihn wohlwollend zu bedenken und bald folgten die ersten Vermählungen.
      Dalida Nie sah keine, die aus der Masse heraus stach. Sie schienen ihm alle grau und langweilig. Einmal verfolgte ihn eines der Weiber für einige Zeit. Seine Familie war zunächst hocherfreut, war es doch das bestaussehendste Mädchen im ganzen Umkreis und aus guter Familie noch dazu. Doch Dalida Nie sah nur ihre spröden Haare, in wenig origineller Weise hochgesteckt, die glanzlosen, erdfarbenen Augen und wenn sie sang, so schien ihre Stimme einen Sprung zu haben. Auch störten ihn bei allen Frauen die im Laufe der Zeit von seiner Schönheit umfangen wurden und um ihn warben deren linkische Versuche in der Handwerkskunst.
      Kunst. Das war es, was ihn überhaupt antrieb. Kunst war es, was er liebte. Doch war diese Liebe geheim, denn er hatte nie auch nur einen Klumpen Ton berührt, noch je ein Holz geformt oder Farbe angerührt. Es war ihm, als sei er nicht würdig zu schaffen. Und doch verehrte er von ganzem Herzen die Künste. Sie waren das einzige, was seiner Welt Klang und Farbe verlieh, und wer davon nichts verstand wurde in seinen Sinnen Teil eines großen, summenden Schwarms, der störend am Rande seines Gesichtsfeldes umher schwirrte. Leider verstand niemand im Umkreis etwas von den Künsten. Und so wanderte er die Jahre hindurch unachtsam an seinen Gefährten vorbei, und nahm nichts war außer der Fehler anderer wenn sie etwas schufen.
      Es dauerte tatsächlich erstaunlich lange bis er jenes Teilchen Wissen entdeckte, welches mit einem alles erschütternden Tusch seiner Welt nicht nur Klang und Farbe, sondern auch Leben verlieh. Es war ein Name, ein Wort, welches jedwedes Lebewesen mit einem Mal selbst zu einem Kunstwerk erhob, verherrlichte und Dalida Nie eine unsägliche Freude über die Komposition des ganzen Universums bescherte.
      Das Wort lautete Varekia.
      Nun müsst ihr Wissen, dass in den Gefilden in denen unser Dalida Nie lebte ein Pantheon an Göttern verehrt wurde, welches mehr überirdische Wesen umfasste als man sich merken kann.
      Varekia war eines dieser Wesen. Genauer gesagt war sie die Göttin der Schöpfung.
      Es war Dalida Nies vorbestimmtes Schicksal eines Tages diesen Namen zu hören und zu verstehen, weshalb alle Welt ihm stets gleich geblieben war. Denn seine Liebe gehörte von dem Moment seiner Geburt an nur einem Weib, nur einem Wesen, nur Varekia. Die Schöpfung, sie war die höchste aller Künste, und sie war Perfektion. Wenn es eine gab auf der ganzen Welt, die den Funken in sich trug und auch Dalida Nie ein Geheimnis bot welches er zu ergründen suchte, so war es Varekia.
      Ihr müsst verstehen, welch ein Moment unser junger Mann hier durchlebte als er von seiner Göttin erfuhr. Sein Leben lang hatte er sich nicht zugehörig gefühlt, hatte mit Befremden das Betragen seiner Freunde beobachtet und sich stets gewundert weshalb ihm nie eine Frau begegnete, die seine Welt so erhellte wie es die Weiber seiner Freunde für diese taten.
      Varekia war ihm nie begegnet. Er hörte von ihr von einem wandernden Schreiber, der gedachte mit seinen Geschichten Bilder in den Köpfen seiner Zuhörer zu malen, und den Dalida Nie in einem Anflug von Verwunderung fragte, wie er denn denken könne Erfolg zu haben – da sagte der Wandernde „Varekia wacht über mich und lenkt meine Hand beim Schreiben. Eines Tages wird sie mir die eine Geschichte einflüstern, die mich berühmt macht.“ Doch Dalida Nie wusste, dass dieser Mann nie erfolgreich sein würde. Er suchte Ruhm für sich und liebte nicht die Kunst. Dalida Nie jedoch suchte von diesem Moment an die Göttin Varekia, auf das sie ihm nur ein einziges Mal die Kunst zeigen möge.
      So kam es, dass der junge Mann von diesem Tag an sein Leben der Göttin der Schöpfung widmete. Sonnenjahre hindurch betete er zu ihr, flehte sie an ihm nur ein einziges Mal einen Blick zu schenken und schwor ihr ewige Liebe und Treue.
      Varekia aber freute sich, hatte sie diesen Mann doch selbst geschaffen und ihm ein ganz besonderes Talent geschenkt. Das seine Liebe aber so heftig entbrennen würde, das hatte sie nicht zu träumen gewagt.
      Die Göttin sah ihrem Schützling stundenlang zu, wie er sie bat ihn zu erhören, sie lauschte seiner Stimme die er bewusst nicht zum Singen einsetze um sie nicht mit seiner Unvollkommenheit zu verärgern und wünschte, sie könnte ihm seine Bitte erfüllen. Doch hatten die Götter vor langer Zeit schon beschlossen, dass sich niemals wieder einer der ihren einem Sterblichen zeigen dürfe, da es in der Vergangenheit zu furchtbaren Kriegen um die Bedeutung der göttlichen Worte gekommen war. So hatten sie sich zurückgezogen und beobachteten friedlich ihr Werk.
      Dalida Nie wusste freilich nichts davon. Er wurde aber ob der Stille seiner Göttin so traurig, dass er beschloss, wenn er ihre Künste nicht bewundern dürfe, so habe sein Leben keinen Sinn mehr. Und er begann zu weinen. Er weinte bis alle Flüssigkeit aus seinem Körper hinaus war und er leblos und vertrocknet wie ein gefallenes Blatt im Herbst da lag und sein Atem versagte.
      Da erschrak Varekia, denn das hatte sie nicht gewollt. Sie hatte diesem Jungen eine große Zukunft gewünscht, und ihm alles dafür mit auf den Weg gegeben, und nun hatte seine Liebe zu ihr ihn zerstört. Da fasste sie sich ein Herz und stieg gegen den Ratschluss der Götter zu ihrem Liebsten hinab. Als sie ihn sachte vom Boden aufhob und über sein rotes Haar strich, öffnete Dalida Nie ein letztes Mal die Augen. Und er erblickte Perfektion.
      Was er in diesem Moment fühlte ist wohl zu groß um es beschreiben zu können. Ich war es nicht, die Varekia berührte und so ist es mir nicht vergönnt euch erzählen zu können was er in diesem Augenblick erlebte. Aber lasst euch gesagt sein das nicht einer jemals wieder von solchem Glück durchströmt wurde und einer Hoffnung, die alles überstrahlte – nein, nicht überstrahlte, sondern erst selbst zum Strahlen brachte. Die Hoffnung, die Varekias Anblick in Dalida Nie auslöste, gab der Welt einen Puls. Mit einem Mal fühlte er ein Herz schlagen und er wusste, dies war das Herz der Schöpfung selbst.
      Da lächelte er und nahm Varekias Hand. Und zu seiner unendlichen Verwunderung begann sie zu ihm zu sprechen: „Dalida Nie, einen Blick hast du dir gewünscht, doch ich gebe dir mehr. Du sollst dieses Leben nicht wieder verurteilen, das ich dir geschenkt habe und darum wirst du es im Dienst an mich verbringen.“ Dalida Nie wunderte sich, glaubte er doch genau das bereits getan zu haben. Aber da vergingen ihm alle Gedanken, denn Varekia beugte sich zu ihm herab und küsste ihn sanft.
      Als er die Augen wieder aufschlug war sie fort. Den Kuss, so viel will ich euch verraten, spürte er sein Leben lang auf seinen Lippen und nie vergaß er ihre Worte. Denen entsprechend begann er noch mit dem selben Sonnenstrahl sein Leben wirklich in den Dienst Varekias zu stellen: Er schuf. Als er aus seiner Hütte kam, wichen die Leute vor ihm zurück, denn er schien aus einem anderen Material gemacht als sie selbst. Man wusste nicht, was mit einem Mal anders an ihm war, und flüsterte aufgeregt, als er zielstrebig auf den Steinbruch zu schritt. Nur einige Stunden später jedoch wurde Dalida Nies weiterer Lebensweg offenbar. Er hatte eine Statue von solch unermesslicher Schönheit geschaffen, das jedem der sie ansah Tränen in die Augen traten. Er war ein wahrer Künstler, von Varekia geleitet.
      So kam es, dass er binnen kürzester Zeit in der ganzen Welt berühmt wurde. Jeder verlangte nach ihm, und jeder wollte sich mit seinen Werken schmücken.
      Er reiste auf allen Kontinenten umher und jeder kannte seinen Namen. Auch Sominkor, der der Herrscher einer kleinen Insel namens ''Terka vor der Küste'' war, hörte von ihm und befahl ihn zu sich.
      Dalida Nie, der jedem Ruf folgte um den Ruhm Varekias zu verbreiten, ahnte noch nicht was das Schicksal für ihn bereit hielt und fuhr hinaus auf die Insel.
      Dort erwartete ihn Sominkor bereits ungeduldig und setzte ihn sich gegenüber.
      „Man sagt, du seist der begnadetste Künstler aller Welten, Dalida Nie. Man sagt, eine Göttin habe dich geküsst und dir die Gabe verliehen andere sehend zu machen. Du lehrst die Menschheit die Schönheit zu sehen, und die Perfektion. Du zeigst ihnen die Liebe, die du selbst deiner Göttin entgegen bringst. Ich werde dir alles zur Verfügung stellen was ein Künstler und Meister der Kunst sich nur wünschen kann. Du wirst eigene Räume erhalten und Frauen, und was immer dein Herz begehrt. Aber du wirst diese Insel nicht wieder verlassen bis du meinen Auftrag erfüllt hast!“ „Was wünscht ihr von mir?“, fragte da Dalida Nie und vielleicht ahnte er schon Böses, oder vielleicht war er sich auch sicher den Auftrag in einem Augenblick erfüllen zu können, man weiß es nicht. Sicher ist nur die Antwort Sominkors, der geboren wurde in einem Moment als der Gott der Liebe gerade schlief:
      „Lehre mich das Sehen!“, rief er erregt, „Denn ich kann nicht lieben. Ich sehe um mich herum, und erblicke die Welt mit Abscheu. Nichts erfüllt mich mit tiefer Freude, nichts bringt mir Farbe in die Welt und aller Klang ist schief. Ich habe Weiber und Kinder, doch sie sind mir fremd. Ich habe Diener und Günstlinge, doch sie sind mir gleich. Ich habe alles, selbst mein eigenes Reich, doch wohin ich auch blicke, schaue ich nur Dreck. Lehre mich das Sehen!“
      Und Dalida Nie versuchte es. Es war ihm bange, denn er wusste, dass wer zu klar sehen wollte, nichts mehr sah. Und doch versuchte er es, mit all seinem Können. Er schuf eine Statue aus dem besten, hellsten Stein und er schuf sie so wunderbar wie keine andere zuvor. Er arbeitete fast ein Jahr daran und legte sein ganzes Sein hinein, all seine Liebe zu Varekia und die Erinnerung an den Kuss und ihre Worte waren in ihrer Essenz in diesem Werk enthalten und niemand konnte es ansehen ohne auf die Knie zu sinken und zu weinen vor Freude. Niemand, außer Sominkor. Ein Jahr hatte er auf dieses Werk gewartet und er hatte sich seinen Triumph in allen Einzelheiten ausgemalt. Und tatsächlich, als er die Statue endlich sah -Dalida Nie hatte sie zu Ehren seiner Göttin nach ihr benannt- da erkannte er ein Meisterwerk wie es kein anderes gab auf der Welt. Er erkannte, dass niemals jemand etwas vergleichbares besitzen würde, denn niemals würde irgendjemand wieder etwas vergleichbares schaffen.
      Doch wie er da so stand überkam ihn grausame Wut und ein Hass auf diese Figur, denn obwohl er sah das dies das größte Kunstwerk aller Zeiten war, so sah er es nicht mit Liebe. Er fühlte keine Erlösung, kein Glück und keine Freude. Verbittert wandte er sich ab.
      „Sperrt ihn in eine Kammer in der es so dunkel ist, dass er nicht mehr sieht. Er soll erkennen wie es ist blind zu sein wie ich, nur soll ihm das Licht fehlen, dass er für seine Kunst braucht, so wie mir die Liebe fehlt die ich zum Leben brauche! Dort soll er bleiben bis er etwas ersonnen hat, das mir die Liebe zeigen kann.“
      Und Dalida Nie wurde eingesperrt.
      Doch fürchtet euch nicht, dies ist nicht das Ende!
      Es stimmt, Dalida Nie verbrachte die folgenden zwei mal zehn Jahre seines Lebens in Dunkelheit. Man ließ es ihm an nichts mangeln, außer an Licht. Und er versank in Trauer, denn ohne Licht konnte er seine Kunst nicht ausüben. Zwar schuf er die eine oder andere Kleinigkeit im Dunkeln und erfühlte ihre Schönheit, doch machte es ihn nur trauriger sie nicht sehen und der Welt zeigen zu können.
      Schließlich erbarmte sich Varekia seiner, und um wieder Licht in seine dunkle Welt zu bringen stieg sie ein zweites Mal in sein Leben hinab und legte sich für eine einzige Stunde in der Dunkelheit seiner Kammer zu ihm, und sie machte den Tag grau und hing schwere Wolken vor die Fenster, damit es noch dunkler werde und er auch nicht merke, dass sie es sei, denn ihrer Verfehlungen gegenüber dem Rat der Götter waren bereits zu viele. Und so erfuhr Dalida Nie nie wer ihm da Gesellschaft geleistet hatte.
      Er erfuhr es selbst dann nicht, als Varekia ein drittes Mal zu ihm herab stieg. Denn auch dieses Mal schlief er, und sie schickte ihm eine besonders tiefen Traum um ihn am Erwachen zu hindern. Dem Kind jedoch, welches er später neben seinem Bett fand, waren ihre Augen zu eigen, ihre tiefen, hellen Augen, aus denen ein Licht strahlte, das jeden der es erblickte mit der Kraft des Feuers wärmte. Und so schien auch in Dalida Nies Leben wieder eine ewige Sonne, denn er liebte das Kind von ganzem Herzen und nannte es sein bestes Werk, eine Errungenschaft die in der Welt nicht zu übertreffen war. Nur seine Liebe zu Varekia war noch stärker, die er jedoch nicht wieder gesehen hatte und auch nicht wieder sehen sollte solange er lebte.
      Seine Tochter aber wuchs heran und sollte das schönste Wesen werden welches er je gekannt hatte. Er nannte sie Carisor. Zu seinem Glück sah auch niemand sonst etwas in seinen dunklen Gemächern, denn andernfalls hätte man ihm Carisor sicher unter der Nase weg geheiratet. So aber behielt sie ihre Freiheit.
      Dalida Nie fand sein Glück wieder und grämte sich kaum noch. Sominkor aber war noch immer unzufrieden, denn er konnte noch immer nicht lieben. Daher ließ er Dalida Nie und Carisor auch nicht gehen, obschon Dalida Nie ihn oftmals um seiner Tochter willen darum bat. Aber Sominkor hielt sie beide fest. Da wurde Dalida Nie wieder traurig, den gern hätte er seiner Tochter die Wunder der Welt gezeigt, und seine beste Statue, diejenige die damals Sominkor das Sehen lehren sollte und Varekia zeigte, wie sie Dalida Nie an den Puls der Schöpfung drückte. Carisor verstand seinen Kummer nicht, denn sie hatte noch nie ihre Augen zum Sehen benutzt und konnte sich nur wundern wovon ihr Vater schwärmte.
      Dieser aber fasste einen Plan, und mit all der Liebe die er für seine Tochter hegte setze er ihn heimlich in die Tat um. Nach vielen weiteren Sonnenläufen und harter Arbeit aber war sein neues – und, das verrate ich euch, leider auch sein letztes – Werk fertig: Er hatte Flügel geschaffen, um mit Carisor zu entfliehen und ihr die Welt zu zeigen die er liebte.
      Und so kam es, dass die beiden in einem Moment als Sominkor gerade schlief mit Hilfe einer Magd die schon lange in Dalida Nie verliebt war, ihrem Gefängnis entflohen.
      Sorgsam bereiteten sie ihren Flug vor, und Dalida Nie warnte Carisor kurz bevor sie schlussendlich aus ihren dunklen Gemächern traten, und er sagte: „Es gibt etwas, das wird Sonne genannt, und es ist ein großer, starker Gott der immer auf unsere Welt hinunterblickt. Nie sieht er fort und blendet jeden der zu ihm empor schaut. Gib acht, denn er wurde ob seiner Selbstverliebtheit zu ewiger Einsamkeit verurteilt und steht nun hoch am Himmel. Damit ja keiner seine Einsamkeit teile ist er von Feuer umgeben das jeden verbrennt der ihm nahekommen will. Bleibe mit deinen Flügeln stets weit genug vom ihm, damit du nicht in Flammen aufgehst.“ Und Carisor versprach es. Doch als sie aus der Kammer heraus traten und Carisor, die wunderschöne Carisor, zum ersten Mal das Licht der Sonne erblickte, da verliebte sie sich. Und schon hob sie mit ihren Flügeln ab, alle Warnungen ihres Vaters missachtend, um dem einsamen Gott näher zu sein. Doch es war keine Sekunde zu früh, denn in de
      m Moment lief Sominkor aus seinem Palast. Jemand hatte ihm von der bevorstehenden Flucht erzählt und nun wollte er seinen berühmten Gefangenen festhalten.
      Zum Glück sah Dalida Nie ihn kommen und auch er schwang sich voller Freude über das Licht der ewigen Sonne in die Höhe und folgte seiner Tochter.
      So entflohen sie der Dunkelheit. Sominkor aber konnte nichts weiter tun als ihm hinterher zu rufen und alle Hoffnung, das Sehen zu lernen, fahren zu lassen. In dem Moment aber streifte sein Blick die Sonne. Und der einsame Gott, der noch nie ein Wesen wie Carisor gesehen, noch nie solche Schönheit auf der Welt gefunden hatte, erstrahlte bei ihrem Anblick heller als je zuvor, denn auch er entbrannte in Liebe zu ihr. In jenem Moment aber blickte Sominkor in die Sonne und erblindete ob der Helligkeit. Dadurch lernte er endlich das Sehen mit dem inneren Auge, aber das ist eine andere Geschichte...
      Carisor hingegen erblindete nicht, denn sie hatte die Augen Varekias. Und entgegen den Warnungen ihres Vaters, der besorgt nach ihr rief, stieg sie immer höher zum Himmel hinauf, immer höher der Sonne entgegen. Der einsame Gott aber, der Carisor liebte, wollte sie nicht verbrennen, daher floh er voller Sorge um ihr Leben vor seiner einzigen Liebe.
      Und so kam es, dass Dalida Nie seine einzige Tochter verlor, denn von da an flogen Carisor und die Sonne in einem ewigen Kreislauf um die Welt herum, und ewig flieht der einsame Gott vor derjenigen die er liebt und die ihm ewig folgt.
      Seit dem gibt es Tag und Nacht auf der Welt.
      Dalida Nie aber gab die Kunst auf, denn nie wieder würde er etwas schaffen wie seine Tochter, nie wieder ein Kunstwerk so einzigartig vollbringen. Und als er schließlich in hohem Alter starb, da stieg Varekia ein viertes und letztes Mal zu ihm hinab und lächelte ihn an. „Wo immer jemandem das Licht fehlt, da sollst du erscheinen. Denn du strahlst hell unter allen meinen Schöpfungen. Dir selbst aber soll es vergönnt sein deine Tochter sehen zu können, doch wirst du sie nie berühren dürfen und sie wird nicht wissen das du es bist.“ Und Varekia verblasste. Dafür aber erschien an diesem Abend, als der einsame Gott auf die andere Seite der Welt floh, ein hell leuchtender Stern am Himmel, und er strahlt besonders hell wenn jeden Abend und jeden Morgen sein Licht auf eine kleine Gestalt fällt, die ewig der Sonne folgt...

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      Das nächste Türchen öffnet sich am 13.12.2010.
    • So, jetzt habe ich endlich auch mal die ganzen Adventskalendertürchen nachträglich geöffnet (und die ganze Schokolade, die in den Türchen ohne Geschichten lag, ganz alleine aufgegessen :-P), und interessanterweise kann ich diesmal bis auf Jundurg keinen einzigen Text irgendeinem Autor zuordnen...

      Aber ich will unbedingt mehr Troll-Geschichten von Guschth lesen!! :D
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      Wer die gegerbten Felle zurückschlägt, mit denen Türchen Nummer Dreizehn zugehängt ist, dem schlägt arktische Kälte entgegen. Wir befinden uns auf einem Dorfplatz, und die Landschaft ringsum glitzert in eisigem Weiß. Die Bewohner des Dorfes sind definitiv keine Menschen, doch das Lied, das einer von ihnen singt, ist gut verständlich….




      Hinter den Spiegeln


      Es war einmal vom Stamm der Wogenjäger ein Jüngling namens Ayanech, sein Fell war dicht, seine Flossen stark, sein Horn gerade, doch seine Stimme war leise, sein Herz verzagt und sein Lied war scheu. So war er kein geachteter Fischer und Jäger in seiner Sippe, ließ stets anderen den Vortritt vor lauter Angst, zu scheitern, und auf den Ratsversammlungen getraute er sich nicht zu sprechen aus Angst vor dem Spott der anderen.

      Achellu, die jüngste Tochter des Häuptlings, weckte die Sehnsucht seines Herzens, und jedes mal, wenn er sie auf dem Dorfplatz inmitten der anderen Mädchen sah, konnte er seinen Blick nicht von ihr wenden. Achellu spürte die sehnsüchtigen Blicke des Jünglings und wenn sie sich begegneten warf auch sie ihm Blicke des Verlangens entgegen. Nichts wünschte sie sich sich mehr, als dass Ayanech endlich einmal ein Wort an sie richten möge, doch dies getraute dieser sich nicht.

      Und so kam es, dass eines Tages Biqimich, ein junger und kräftiger Jäger mit prahlerischer Stimme und lautem, grobem Wesen, den es nach der Macht und Gunst des Häuptlings gelüstete, vor der Hütte des Häuptlings seine Beute niederlegte, sich auf die Flossen aufrichtete, mit dem Messer in die Brust schnitt, sich wie es der Brauch will mit seinem Blut die Kreise der Brautwerbung aufs Fell malte und laut den Kampf um Achellus Hand ausrief. Ihre Brüder sahen, dass ein stattlicher und starker Jäger gekommen war und ließen sich im rituellen Tanz des Brautkampfes bereitwillig besiegen. Als schließlich Biqimich die versammelte Dorfgemeinschaft fragte, ob nun noch jemand Anspruch auf Achellus Hand erheben würde, da fasste sich Ayanech ein Herz und wollte in die Mitte des Dorfplatzes eilen, jedoch stolperte er dabei, und schlitterte in die zum Gerben aufgespannten Felle und richtete ein großes Getöse und Gepolter an. Unter dem lauten Gelächter der Dorfgemeinschaft flüchtete der tief beschämte Ayanech und merkte nichts von den traurigen und sehnsuchtsvollen Blicken Achellus, die ihm folgten.

      Abseits des Dorfes beugte sich Ayanech über ein Loch im Eis und sprach klagend zu seiner Spiegelung im Wasser: „Ach, warum bin ich nur solch ein Feigling? Alle im Dorf werden fortan nur noch über mich lachen und ich muss für den Rest meiner Tage auch noch ertragen, dass meine geliebte Achellu die Frau dieses groben und herzlosen Angebers ist. Niemals mehr werde ich glücklich sein. Ich wünschte, ich wäre mutig.“
      Da antwortete ihm sein Spiegelbild: „Dann komm doch auf die andere Seite des Spiegels! Hier liegt eine andere Welt, in der du ein Held sein kannst.“
      Ayanech war erstaunt, dass sein Spiegelbild mit ihm sprach und fragte „Wie soll ich denn auf die andere Seite des Spiegels gelangen?“
      „Ganz einfach“, antwortete das Spiegelbild. „Wir müssen nur unsere Plätze tauschen. Komm, spring durch das Loch im Eis ins Wasser und du wirst die andere Seite erreichen.“

      Also sprang Ayanech durch das Loch im Eis.

      Die Welt auf der anderen Seite war anders, als er es gewohnt war: Unter sich sah er die Sterne funkeln, Fische flogen unter ihm durch die Luft und über ihm erstreckte sich eine weite eisige Landschaft. Über sich sah er das Loch im Eis, durch das hindurch ihm sein Spiegelbild laut lachend zuwinkte. Staunend machte sich Ayanech daran, die Umgebung zu erkunden, blickte staunend um sich und rempelte versehentlich einen anderen Jäger an, der ihn sogleich ängstlich anstarrte und ausrief „Oh mächtiger Chenaya, vergebt mir, bitte bestraft mich nicht!“ und eilig und furchtsam davonstob. Verblüfft wanderte Ayanech weiter und erreichte schließlich das Spiegelbild seines Dorfes. Die Hütten schief und heruntergekommen und alle Bewohner waren abgemagert und hatten struppiges, graues Fell. Wer ihn kommen sah, warf sich vor ihm furchtsam in den Schnee. Nur die Hütte des Häuptlings war groß und prunkvoll verziert. Das Spiegelbild von Achellu watschelte aus der Eingangstür und musterte ihn mit kalten Augen. „Ah, da bist du ja wieder, mein Gemahl. Komm, begrüße Ullecha, deine Frau!“

      Chenaya, das Spiegelbild, machte sich unterdessen auf den Weg in das Dorf, wo der Häuptling gerade dabei war, die Hochzeit zwischen Achellu und Biqimich zu verkünden. Da stürzte sich das Spiegelbild auf den Dorfplatz und forderte laut brüllend Biqimich zum Kampf heraus. Laut lachend stellte dieser sich dem Kampf, doch das Lachen verging ihm schnell, als er von den ungestümen Flossenschlägen des Spiegelbildes verprügelt und über den Platz geprügelt wurde. Blutend und winselnd floh Biqimich schließlich und Chenaya, das Spiegelbild, stimmte ein wildes Siegesgeheul an und forderte vom Häuptling schließlich Achellu zur Ehefrau nehmen zu dürfen. Eingeschüchtert wagte ihm niemand zu widersprechen.

      In der Spiegelwelt führte Ullecha Ayanech in das Haus des Häuptlings, wo ein ängstlicher ausgehungerter Jäger zusammengekauert saß. Ayanech erkannte in ihm das Spiegelbild von Biqimich.
      „Das ist der feige Dieb Chimiqib“, sprach Ullecha. „Er hat es gewagt, sich an den Vorräten des Häuptlingspaares zu bedienen. Dafür musst du ihn bestrafen, mein Gemahl.“
      Aanech brachte es nicht über sich, dem armen verhungerten Chimniqib ein Leid zuzufügen, also übernahm Ullecha die Bestrafung und verprügelte den Dieb mit wilden Flossenschlägen. Blutend und winselnd kroch Chimniqib aus der Hütte.

      Ayanech lebte in den folgenden Wochen in der Spiegelwelt, erlebte die Grausamkeit von Ullecha und die Angst der unterdrückten Dorfbewohner. Hier war er zwar ein angesehener und gefürchteter Häuptling, doch er sehnte sich wieder zurück in seine Welt auf der anderen Seite des Spiegels. Verzweifelt suchte er nach spiegelnden Oberflächen, um einen Blick in seine Welt werfen zu können oder einen Weg zurück zu finden, doch fand er weit und breit nichts dergleichen.

      Das Spiegelbild Chenaya heiratete Achellu, die ihn mehr und mehr voller Angst betrachtete und die es eines Tages wagte, zu sagen „Du bist stark und mutig und hast ein grausames Herz. Der Ayanech, den ich kenne, ist zwar scheu und verzagt, aber hat ein gutes Herz. Du bist nicht mein Ayanech. Wer bist du?“
      Und das Spiegelbild lachte laut „Ja, du hast recht. Ich bin Chenaya, das Spiegelbild dieses Feiglings. Er hat sich nicht getraut, in dieser Welt das Leben zu führen, das er sich wünschte, also lebe ich es nun für ihn. Ayanech ist auf der anderen Seite der Spiegel gefangen und du wirst ihn niemals wieder sehen!“
      Und so wurde Chenaya mehr und mehr im Dorf gefürchtet, die Bewohner mussten ihm ihre Jagdbeute überlassen, das Dorf verwahrloste und die Bevölkerung litt Hunger. Achellu suchte verzweifelt nach spiegelnden Oberflächen, um einen Blick in die Welt hinter den Spiegeln werfen zu können oder um Ayanech einen Weg zurück zu geleiten, doch hatte Chenaya alles Spiegelnde aus dem Haus entfernt, und an ein Eisloch wagte er sich nie.

      In der Spiegelwelt fasste endlich Ayanech er all seinen Mut zusammen, erhob seine Stimme und sprach zu Ullecha: „Du bist böse und grausam, ich kann es nicht mehr ertragen, wie du unser Volk behandelst. Niemand wagt es, sich dir entgegenzustellen, also werde ich jetzt gegen dich kämpfen.“

      Und auch Achellu fasste all ihren Mut zusammen, erhob ihre Stimme und sprach zu Chenaya: „Du bist böse und grausam, ich kann es nicht mehr ertragen, wie du unser Volk behandelst. Niemand wagt es, sich dir entgegenzustellen, also werde ich jetzt gegen dich kämpfen.“

      Und Achellu und Chenaya wälzten sich im Kampf umher, die Hände an der Gurgel des anderen.
      Und Ayanech und Ullecha wälzten sich im Kampf umher, die Hände an der Gurgel des anderen.

      Ayanech sah Ullecha in die hasserfüllten Augen und erblickte sein Spiegelbild.
      Chenaya sah Achellu hasserfüllt in die Augen und erblickte sein Spiegelbild.

      Und in diesem Moment sprang Ayanech durch den Spiegel und tauschte wieder die Plätze mit seinem Spiegelbild. Achellu blickte in die Augen des Mannes, den sie gerade würgte, und sie erkannte, dass es Ayanech war. In seinen Augen sah sie ihr eigenes Spiegelbild, dessen Blick voller Hass war. Und auch Ayanech erkannte, dass er wieder in seiner Welt war und seine Hände um Achellus Hals gelegt hatte. In ihren Augen sah er sein hasserfüllt blickendes Spiegelbild.
      Ihre beiden Spiegelbilder waren nach wie vor von Hass getrieben und würgten einander gegenseitig zu Tode.

      Ayanech und Achellu hatten fortan keine Spiegelbilder mehr, doch hatten sie einander.

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      Das nächste Türchen öffnet sich am 15.12. 2010.