WB-Adventskalender 2010

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    • Was für eine tolle Geschichte mit dieser Spiegelei und sehr gut umgesetzt auch die Spiegelung an sich, sowohl die Charakterzüge, als auch die Namen und die Lebenssituation des Dorfes. Sehr gut gemacht. *lob* :thumbup:

      Mir gehts aber ganz genau wie Jerron, ich kann die meisten Texte gar nicht zuordnen, was aber auch daran liegen mag, das ich nicht so viele Welten geistig parat hab und dann Völker oder so wiedererkenne. :-/

      Mögen die letzten Türchen sich genauso toll füllen wie die ersten!
      Gib jedem Tag die Chance, der beste deines Lebens zu werden. - Mark Twain
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      Das fünfzehnte Türchen führt uns in die Abenddämmerung eines kleinen Städtchens, in dem sich die Leute langsam aber sicher für die Nacht zurecht machen. Die stillen Straßen laden zu einem Spaziergang ein, und aus einem alten, aber sichtlich liebevoll instand gesetzten Häuschen am Stadtrand dringt eine leise Männerstimme, dann ein Lachen, ehe die Stimme weiterredet, kurz innehält und dann zu einer ruhigen Erklärung ansetzt. Es klingt fast wie eine Unterhaltung, doch obwohl man die Stimme des Mannes deutlich hören kann, scheint er in dem Haus allein zu sein…



      Seelenbriefe
      Aus den Briefen des Kahin Antiris an seine verstorbene Frau Ilenil


      3. Nnerri des Jahres 613 nach Reichsgründung, Lihetre


      Liebste Ilenil,

      fast einen ganzen Winter ist es nun her, dass ich deinen Körper in Flammen aufgehen sah, einen letzten Blick in dein Gesicht werfen konnte, das ich kaum wiedererkannte, so schmerzlich leer und leblos …
      Das neue Jahr hat angefangen, wir haben Nnerri, den Neubeginn … Ich sollte den Namen des Monats als Zeichen begreifen, langsam mein Leben weiterzuführen, aber ich sehe mich weiter davon entfernt denn je.

      Ich stehe viel zu spät auf, und anstatt den Laden zu öffnen, gehe ich durch die Straßen von Lihetre, meist ohne Ziel. Aber wenn ich von einem neugeborenen Kind in der Stadt erfahre, gehe ich hin und bitte die Leute, einen Blick auf es werfen zu dürfen, in der Hoffnung, in seinem kleinen Gesicht deine Züge wiederzufinden. Seit ich an deinem Leichnam Wache gehalten habe, seit sie ihn schließlich verbrannt haben, sind es Dutzende dieser Besuche gewesen. Immer häufiger wird mir mein Wunsch verweigert, denn man erzählt sich schon die unheimlichsten Dinge über mich. Aber das ist mir gleich. Alles ist mir gleich geworden, seit du nicht mehr da bist ... Wenn Vedras nicht für mich eingesprungen wäre, hätte ich den Laden sicher längst schließen müssen.

      Aber was rede ich, du erinnerst dich wohl an nichts aus deinem letzten Leben, genauso wenig wie ich etwas davon weiß, welchen Körper meine Seele vor diesem hier bewohnt hat. Aber eines weiß ich – und erst vor wenigen Tagen ist mir das wieder in den Sinn gekommen: Feuer stellt die Pforte zur Seelenebene dar. Genauso wie die Toten verbrannt werden, damit sich ihre Seele vom Körper lösen kann, so schreiben wir am Jahresendfest gute Wünsche auf und werfen sie ins Feuer, damit die Seelen unserer Ahnen sie als Mittler zu den Göttern tragen. Und da sich so mancher dieser Wünsche erfüllt, kann das, was im Tempel über die Macht der Flammen verkündet wird, nur stimmen!

      Wenn ich also diesen Brief beendet habe, werde ich mir zunächst eine Abschrift machen, damit ich nichts von dem vergesse, was ich dir bereits geschrieben habe. Und dann werfe ich ihn ins Feuer– im festen Glauben daran, dass er dich erreicht und du ihn als an dich gerichtet erkennst.
      Dein dich liebender
      Kahin


      […]

      6. Nnerri 613, Lihetre


      Jetzt weiß ich, was ich zu tun habe, um meinen Frieden wiederzufinden. Wenn ich dich schon in der Stadt nicht gefunden habe, werde ich sie eben verlassen müssen, um dich zu suchen. Ich muss einfach wissen, wo du jetzt bist, wer du jetzt bist, damit ich in dem Wissen weiterleben kann, dass es dir gut geht und du wieder einen Platz in dieser Welt gefunden hast. Und ich werde dich finden! Wie oft haben die Priester im Tempel erzählt, dass einem so mancher Ort bekannt vorkommt, als wäre man schon einmal dort gewesen … oder es einen aus unerklärlichen Gründen an einen bestimmten Ort hinzieht … weil die Seele in einem früheren Leben bereits einmal dort war.

      Ich werde all die Plätze besuchen, die in unserem gemeinsamen Leben wichtig waren, um dich dort zu finden!

      Alle halten mich für verrückt, und auch Vedras meinte, jetzt würde ich endgültig den Verstand verlieren – aber schließlich willigte er ein, sich bis zu meiner Rückkehr um den Laden zu kümmern. Ihm fiele nichts mehr ein, was mir sonst noch helfen könne, meinte er.
      Gleich morgen mache ich mich auf den Weg!

      7. Nnerri 613, Lihetre


      Erst vor wenigen Augenblicken ist Lihetre hinter mir am Horizont verschwunden, und schon fühle ich mich, als würde mit jedem Schritt die Last, die ich auf den Schultern trage, leichter werden. Schließlich weiß ich: Jeder Schritt führt mich näher zu dir.

      Diese Zeilen schreibe ich dir von dem kleinen See hinter den Hügeln südwestlich unserer kleinen Stadt. Wie oft wir uns hierher zurückgezogen haben, um ein wenig Zeit für uns allein zu haben! Ich hatte sehr gehofft, dich an diesem Ort zu finden. Aber es ist ein kalter Wintermorgen, und außer mir ist hier niemand. Nicht einmal die Wasserspringer, die wir immer beobachtet haben, wie sie auf ihren dünnen Beinchen über die Uferpflanzen huschen. Ich höre auch keinen einzigen Vogel. Die Stille und Kälte machen es unerträglich hier. Ich werde noch ein kleines Feuer entzünden, um diesen Brief zu verbrennen, dann mache ich mich wieder auf den Weg.

      […]

      15. Nnerri 613, Eshtre


      Ich hätte keinen passenderen Tag treffen können, um in Eshtre anzukommen, denn es ist arnije – Markttag. Sofort fühle ich mich fünfzehn Jahre jünger und an den Tag zurückversetzt, als wir uns hier kennengelernt haben. Du standest mit deinem Vater und deinen Brüdern hinter eurem Stand, der schräg gegenüber von dem meiner Familie war. Ihr habt Hresa-Tinte, feines Tuch und Zierkordeln aus Lijekis verkauft. Den ganzen Tag habe ich dich beobachtet und mir das Hirn zermartert, wie ich bloß deine Aufmerksamkeit erregen könnte. Am späten Nachmittag schließlich, als mein Vater schon damit begonnen hatte, die ersten Kisten zu packen, saß ich niedergeschlagen hinter unserem Stand und kaute an einem Stück Lihetrer Rotkäse – und auf einmal standest du vor mir und hast mich gefragt, ob du ein Stück davon probieren könntest, du hättest noch nie so roten Käse gesehen. Natürlich hattest du meine Blicke die ganze Zeit über bemerkt, und bei den Göttern, was habe ich dahergestammelt an jenem Tag.

      Ich hätte nie gedacht, dass du das Versprechen, das wir uns zum Abschied gegeben hatten – uns drei Monate später auf dem Markt in Eshtre wiederzusehen – einhalten würdest, aber du hast es getan!
      Ich streife durch die Reihen von Ständen, durch das geschäftige Treiben. Das ein oder andere Gesicht erkenne ich wieder, deutlich älter als damals, und doch hat sich kaum etwas verändert, seit ich dich hier das erste Mal gesehen habe. Nun fehlt nur noch, dass mich irgendwo auch ein warmes, bekanntes Gefühl überkommt, ich deine Gegenwart spüre – doch so vertraut mir all das hier auch ist, dich vermag ich hier nirgends zu spüren.

      Aber Eshtre ist deutlich größer als mein kleines Städtchen, und morgen ist ein neuer Tag!

      […]

      40. Nnerri 613, Kalitri


      Vor drei Tagen bin ich in Kalitri angekommen. Abgesehen von ein wenig Schlaf im Haus deines Bruders bin ich seither nicht zur Ruhe gekommen. Wir waren nicht oft hier in deiner Heimatstadt – aber jeder unserer wenigen Besuche hatte mich unzähligen neuen Eindrücken und großer Freude erfüllt.
      Wenn ich mich nur an meinen ersten erinnere … Wie glücklich war ich, als du mir mit strahlenden Augen verkündet hast, mit mir nach Lihetre zu kommen und dein Leben weiter mit mir zu teilen – war mir doch schmerzhaft bewusst, wie klein und verschlafen mein Städtchen auf dich, die du das bunte Leben in der großen Hafenstadt gewöhnt warst, wirken musste.

      Aber ohne dich vermag mich hier nichts zu begeistern, sind die Farben der Marktstände zu viel für meine Augen, die Instrumente der Straßenmusiker schrill und verstimmt und die Unterhaltungen der Leute um mich herum nur ein Rauschen, das an meinen Ohren vorbeizieht. Nichts von alldem will ich sehen und hören.

      Und doch mache ich mich immer wieder von neuem auf den Weg, suche die Plätze ab, an denen wir zusammen gewesen sind. Aber auch hier am Hafen, dem Ende eines erneuten langen Streifzugs durch die Stadt, finde ich nirgends ein Zeichen von dir, bleibt der Himmel blass und die Luft kalt.

      Ich sitze am Pier und starre auf das Wasser. Es ist von einem fahlen, stumpfen Grau … völlig anders als in meiner Erinnerung …

      Dort ist es blau und funkelt im Licht der Sonne. Ich sitze neben dir, wir haben die Arme umeinander gelegt und beobachten die Schiffe, wie sie in den Hafen einlaufen oder ihn wieder verlassen. Einmal weht dir eine vom Meer herkommende Bö die Haare ins Gesicht, und als ich sie dir zur Seite streichen will, musst du lachen, weichst mir spielerisch aus und fällst dabei beinahe ins Hafenbecken. Ich bekomme dich noch rechtzeitig an den Schultern zu fassen und ziehe dich zurück, aus dem sicheren Griff wird eine warme Umarmung, und du drehst dich zu mir um und küsst mich …

      Tropfen landen auf meinem Papier, und sie stammen nicht von der sprühenden Gischt.

      Es ist wohl an der Zeit, diesen Ort zu verlassen. Ich werde zurück zu deinem Elternhaus gehen, den Brief an meine Kerzenflamme halten und deiner Familie ein letztes Mal Lebewohl sagen. Wohin ich dann aufbreche, wissen im Moment nur die Götter.

      […]

      65. Nnerri 613, Ravile


      Diesen Brief schreibe ich dir aus Ravile, einer kleinen Ansammlung von Häusern an der Handelsstraße, die von Kalitri gen Norden führt. Längst hatte ich vergessen, dass es diesen Ort überhaupt gibt. Erst als ich hier ankam, erinnerte ich mich daran, hier schon einmal gewesen zu sein - und das mit dir.

      Es war in jenem Herbst, als wir von der Hochzeit deiner Schwester zurückkamen. Wir hatten hier Rast eingelegt, und du hattest dir ausgemalt, wie weit man wohl von dem hohen Turm der Kurierstation über das Land sehen könnte. Es hat mich einiges an Überredungskunst gekostet, den wachhabenden Neunführer davon zu überzeugen, dass uns einer seiner Vorgänger vor vielen Jahren für ein paar Velin dort hat hinaufsteigen lassen, und als ich ihm dann erzählte, weshalb ich da noch einmal hinaufmüsse, sah er mich an, als hätte ich einen über den Durst getrunken. Achtzehn Velin musste ich ihm schließlich geben, aber was ist das schon im Vergleich zu dem, was ich gewinnen konnte.

      Der Blick über das Tal war atemberaubend wie eh und je. Einen kurzen Augenblick lang – als ich die letzten Stufen zur Plattform hinaufstieg – kam es mir sogar vor, als spürte ich eine plötzliche Wärme um mein Herz, doch schneller als die unbändige Freude darüber, dich gefunden zu haben, suchte mich die traurige Erkenntnis heim, dass ich mich wohl getäuscht hatte.

      Zurzeit bin ich wohl kein Günstling der Götter, und mit jedem besuchten Ort werden meine Ängste größer, dich niemals zu finden. Mir fällt auch bald keiner mehr ein, wo ich dich noch suchen könnte. Doch ich gebe nicht auf. So niedergeschlagen ich auch sein mag, ich brauche bloß an dich zu denken, und schon fasse ich neuen Mut - so wie es auch an manch schlimmen Tagen gewesen ist, als du noch bei mir warst.

      […]

      54. Kelan 613, auf der Straße von Eshtre nach Avenil


      Nach meinem letzten Brief aus Kantris war ich noch einmal in Eshtre. Von dort nimmt mich nun ein Händler ein Stück auf seinem Wagen mit. Ich bin ihm sehr dankbar dafür – so kann ich mich nach hinten auf einen Haufen Säcke sinken lassen, die Augen schließen und versuchen, alles zu vergessen. War ich zu Beginn meiner Reise noch voll frohen Mutes, dich zu finden, schwindet nun mit jedem Schritt und mit jedem Ort, den ich besuche, meine Zuversicht. Ich weiß einfach nicht mehr weiter. In Eshtre war ich noch im Tempel, habe zu den Göttern gebetet, dass sie mich dich finden lassen, der Priesterin dort alles erzählt. Doch selbst ihre Worte vermochten mir keinen Trost zu spenden, sie nahmen mir nur noch den letzten Weg, den ich für mich sah. So manches Mal in der letzten Zeit hatte ich mit dem Gedanken gespielt, dir in den Tod zu folgen … aber wer dergleichen tut, greift in das Wirken der Götter ein und gelangt nicht zur Seelenebene.
      Ich bin zu aufgewühlt und erschöpft, um mehr zu schreiben. Ich bete besser. Auf dass sich die Götter bald meiner erbarmen und mich auf die Seelenebene holen.

      […]

      7. Jolun 613, Lihetre


      Geliebte Ilenil,

      ich weiß nicht, wie ich diesen Brief beginnen soll. Wie soll ich dir erklären, dass ich wieder zu Hause bin? Es muss für dich aussehen, als hätte ich die Suche nach dir aufgegeben, hätte ich dich aufgegeben! Und so fühle ich mich auch, schrecklich, wie ein Verräter! Mit dir habe ich auch mich selbst aufgegeben, denn ohne dich bin ich nichts.

      Ach, ich kann gar nicht in Worte fassen, wie ich mich fühle. Am liebsten würde ich nie mehr der Welt mein Gesicht zeigen. Seit ich wieder hier bin, war ich nur zwei Mal draußen, Waren herankarren.

      Vedras kommt jeden Tag mehrere Male herauf, um nach mir zu sehen. Da ich seit dem Haranisfest vor einer knappen Woche nichts mehr gegessen habe, hat er mich gezwungen, einen in Milch getränkten Brotfladen hinunterzuwürgen. Ich müsste ihm so dankbar für alles sein, was er seit dem Winter für mich getan hat, aber es berührt mich nicht, und ich hasse mich dafür. Aber alles hier ist mir so gleichgültig wie zuvor, vor meiner Reise.

      Vielleicht quäle ich mich morgen nach draußen, um mir die vor ein paar Tagen geborene Tochter von Vilis, der Sattlerin, anzusehen, sie hat bestimmt nichts dagegen. Über sie wird ja auch genug geredet, seit ihr Großvater Anfang Kelan zur Seelenebene aufgestiegen ist. Er hat dieses kleine, baufällige Haus am nördlichen Stadtrand bewohnt, nicht weit von hier, und die Leute sagen, dass seit seinem Tod ein eigenartiges Scharren und Klopfen darin zu hören ist … sie vermuten, seine Seele habe sich an das Haus statt an einen neuen Körper gebunden.

      Wieso gibt es auf manche Fragen so einfache Antworten, und warum muss ich durch die halbe Welt reisen und bekomme nicht das kleinste Zeichen, woran du dich gebunden hast?


      Dies ist der letzte der Briefe in Kahins Aufzeichnungen, und seine zweite Hälfte ist so gut wie unleserlich – das Papier ist wellig und die Tinte verwischt.

      Doch wie seine Geschichte ausging, erzählt man sich in und um Lihetre noch heute, mehr als hundert Jahre nach seinem Tod. Es ist die Geschichte des Mannes, der auszog, um die Seele seiner verstorbenen Frau zu finden, nach vergeblicher Suche nach Hause zurückkehrte – und schließlich erkannte, dass das, was er gesucht hatte, die ganze Zeit nur wenige Mauern von ihm getrennt gewesen war. Denn es war eine andere Seele, nicht die des alten Mannes, die sich an das Haus gebunden hatte, um immer in Kahins Nähe zu sein … Und auch wenn dieser seit der Rückkehr von seiner Reise sehr in sich gekehrt und still war – stellte man sich abends vor das alte Haus am Stadtrand, so konnte man von draußen hören, wie er zu der Seele seiner geliebten Ilenil sprach.

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      Das nächste Türchen öffnet sich am 17.12.2010.
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      Türchen Nummer Siebzehn ist tief im Schilf verborgen. Durch den leichten Morgennebel kann man zwei auf dem Bauch liegende Gestalten sehen, die eine dritte Person beobachten, welche sich vorsichtig auf das offene Wasser zubewegt.



      Reise in die Nacht


      Endlich, der Fluss! Im Schutz der Dämmerung hastete ich aus dem Unterholz neben der alten Reichsstrasse ins Freie und duckte mich sofort wieder tief ins Uferschilf.
      Drüben an der Anlegestelle waren die Arbeiter gerade damit beschäftigt, die letzten Kisten auf das Niedenschiff zu laden. Ich musste auf dieses Schiff kommen!
      Seit drei Tagen hatte ich keine Soldaten mehr gesehen. Vielleicht hatten sie die Suche nach mir aufgegeben – oder glaubten ich sei ertrunken oder flussabwärts geflohen. Ich hatte mir gewiss genug Mühe gegeben, sie genau das glauben zu lassen! Und die örtliche Bevölkerung hatte geholfen mich zu verstecken – besonders, nachdem mir die Idee gekommen war, mich als Gefolgsmann des berühmt-berüchtigten Banditen Silberschneid auszugeben, der hier in der Gegend bei den einfachen Leuten eine Art Heldenstatus innehatte, weshalb auch immer.
      Aber wenn ich noch länger auf dieser Seite der Berge blieb, würden mich meine ehemaligen Kameraden früher oder später erwischen. Es wäre Selbstmord, die Überquerung zu dieser Jahreszeit alleine zu wagen, aber ich musste hier weg, und zwar schnell. Die Niedenschiffe waren die Lösung. Sie umfuhren das Gebirge nicht. Sie durchquerten es, und zwar in einem Bruchteil der Zeit.
      Entschlossen ließ ich mich in das kalte Flusswasser gleiten. Ich zwang mich zu langen, gleichmäßigen Schwimmzügen, um möglichst lautlos voranzukommen. Bald hatte ich das Schiff erreicht. Sie hatten keine Wachen zum Wasser hin aufgestellt. In meiner Kompanie wäre eine solche Nachlässigkeit nicht passiert, nicht unter meinem Kommando. Ich verdrängte den Gedanken und konzentrierte mich auf das Entern des Schiffes.
      Die geschnitzten Verzierungen sollten böse Geister abhalten, mir hingegen waren sie willkommene Kletterhilfen. Mit kälteklammen Fingern zog ich mich die Bordwände hoch. Eine hölzerne Welle bot meinen Zehen Halt. Ich krallte mich an einem geschnitzten Auge fest und betete dass ich nicht abrutschen möge. Einer der Treidelringe an denen die Zugtaue festgemacht wurden hing nur knapp außer Greifweite. Nur ein bisschen höher noch! Vor Anstrengung keuchend streckte ich meinen Körper nach oben und schloss meine Hand in dem Moment um den Ring als meine Zehen den Halt verloren. Einhändig baumelte ich an dem quietschenden Ring, klatschte mit dem Oberkörper gegen die Schiffsflanke, und versuchte mit zappelnden Beinen wieder Halt auf den Verzierungen zu finden. Das hölzerne Auge starrte mich mitleidlos an. Meine Armmuskeln protestierten unter der Belastung, und mein Puls pochte so laut in meinen Ohren dass ich sekundenlang nichts anderes hörte. Aushalten, nur keinen Laut!
      Planken knarrten unter den Schritten der Kistenträger, es krachte als einer seine Last zu schwungvoll auf Deck absetzte. Die Rüge des Vorarbeiters, die geknurrte Antwort des Trägers, das gutmütige Lachen der anderen ließen mich aufatmen. Man hatte mich nicht gehört.
      Ich nutzte den Lärm um mich weiter hochzuziehen, griff nach oben und hievte mich mit letzter Kraft über die Reling. Sekundenlang lag ich nur da und versuchte möglichst lautlos nach Luft zu schnappen. Mir war so kalt dass ich die Kiefer fest zusammenpressen musste, um mich nicht durch Zähneklappern zu verraten.
      Ich brauchte ein Versteck. Meine Augen huschten über die mit Seilen gesicherten Kisten, Fässer und Säcke. Obwohl ich im Steinbruch an Gewicht verloren hatte, erwiesen sich zwei vielversprechende Zwischenräume als zu eng um mich ganz verbergen zu können.
      Schließlich kroch ich mit den Füßen voran in den schmalen Spalt zwischen einer Ladung Stoffballen und einigen Fässern. Dabei schürfte ich mir die linke Hüfte an einer Kiste auf, doch einen besseren Platz würde ich nicht finden. Wenn ich beide Arme nach vorne streckte konnte ich die große Abdeckplane einen Spalt öffnen um einen Blick nach draußen zu riskieren. Ich robbte ein Stück zurück. Jetzt blieb nur noch das Warten.
      Füße trappelten über das Deck, Kommandos erklangen. Wir legten ab!
      Sie stakten das Schiff in die richtige Position, würden vermutlich die ganze Reise über immer wieder auf der einen oder anderen Seite mit den Stangen nachhelfen, um gefährliche Stellen zu meistern. Ich würde die ganze Zeit hier ausharren müssen.
      Die rauen Stimmen der Treidler hoben sich zu einem monotonen Reiselied.
      Durch die Ritzen sickerte immer noch Tageslicht, als auf einmal ein Hornsignal erklang.
      Meine Eingeweide verkrampften sich. Ich bemühte mich gleichmäßig weiterzuatmen. Das musste nichts bedeuten. Vielleicht war es nur das Einfahrtszeichen in den Höhlenschlund? Wenn ich nur etwas hätte sehen können! Aber ein Blick nach draußen würde mich eher verraten als irgendetwas zu offenbaren. Ich konnte nur abwarten. Die Wände meiner Zuflucht fühlten sich auf einmal wie ein Gefängnis an.
      Obwohl ich meine Ohren anstrengte hörte ich nicht was gesprochen wurde. Aber ich konnte die Vibrationen des Decks spüren, als eine Planke ausgelegt wurde. Wer auch immer das Niedenschiff angerufen hatte kam nun an Bord. Mehrere Leute, aber nicht im Armeetrott. Es wurden auch keine Befehle gebellt, und unter den Matrosen entstand keine Hektik. Ein gutes Zeichen.
      Erst jetzt wurde mir bewusst dass ich die Luft angehalten hatte. Ein Suchtrupp hätte sich anders verhalten. Ein Bote für die Garnison auf der anderen Seite der Nieden vielleicht, oder Händler in Eile? Dann schabte Holz auf Holz, die Planke wurde eingezogen, das Reiselied wieder angestimmt. Die Fahrt ging weiter. Ich wagte es mich etwas zu entspannen. Kurz darauf wurde es dunkel, dann stockfinster. Wir waren drinnen.
      Die einzigen Lichter in dem Höhlenlabyrinth, das der Fluss Rhenn in den Berg gegraben hatte, waren diejenigen die man mit hinein nahm. Der Geruch von Fackeln und feuchtem Stein kroch durch die Ritzen zwischen den Kisten bis zu mir. Die Treidler auf ihren Pfaden hatten vielleicht sogar einige lizensierte Leuchtsteine. Ich hatte gehört, dass es sehr beeindruckend aussah, wie schimmernde Schlangen aus Menschenleibern, die das Schiff durch die lichtlose Schwärze zogen. Kein Anblick für ängstliche Leute.
      Kein Anblick für blinde Passagiere, die ihr Versteck nicht verlassen durften. Vorsichtig bewegte ich Arme und Beine, um den Blutfluss in Gang zu halten. Es würde eine lange, ungemütliche Fahrt werden. Ich blinzelte vor Müdigkeit. Vor meinen Augen tanzten silberne Schemen. Verdammt. Ich hatte sie doch erst vor ein paar Stunden weggesperrt! Verdammte Magie!
      Gleichmäßig atmen, hatte mein Mitgefangener im Steinbruch gesagt. Ich versuchte es, doch mir fehlte die Übung. Beinahe drei Wochen Flucht hatten meine Kontrolle nicht gerade verbessert. Innerlich seufzend konzentrierte ich mich auf die Eindämmung des Silberscheins in meinem Kopf.
      Mit einem Ruck wurde die Plane beiseite gerissen! Mir blieb keine Zeit zu reagieren als ich auf einmal an den Haaren gepackt und aus meinem Versteck gezerrt wurde.
      „Sieh mal einer an, da haben wir ja unseren Flüchtling.“
      Verdammt. Verdammt noch mal! Ich blinzelte gegen das helle Licht ihrer Fackeln an. Es waren zwei. Und meine Arme und Beine kribbelten wie tausend Ameisen – zu lange nicht bewegt. An Flucht war nicht zu denken.
      Der gesprochen hatte war ein richtiger Hüne. Der andere war braunhaarig, mehr konnte ich nicht sehen weil der Große mich bäuchlings zu Boden drückte. „Ich glaube, du schuldest mir zwanzig Cirrons, Melos.“
      „Von wegen, Cillo! Du hast gewettet, dass er sich zu Fuß durch die Nieden schlagen würde. Aber so blöd war er nicht. Wenn einer die Cirrons verdient hat, dann der L- …Herr. Schließlich war es seine Idee, Eingänge und Niedenschiffe ausspähen zu lassen.“
      Der Große – Cillo – fesselte mir die Hände auf den Rücken. „Hoch mit dir, Gefangener! Der Kapitän hat uns freundlicherweise seine Kabine zur Verfügung gestellt. Da gehen wir jetzt hin. Der Herr wartet schon.“
      Mir blieb keine Wahl. Sie zerrten mich unsanft auf die Beine und übers Deck. Ich spürte die feindseligen Blicke der Niedentreidler in meinem Rücken. Scheinbar mochten sie keine blinden Passagiere. Ich konnte es ihnen nicht verdenken – außerdem zählte ich mindestens zehn weitere unauffällig gekleidete Leute wie meine beiden neuen Freunde hier an Bord. Die Götter wussten an wen ich da geraten war. Kopfgeldjäger vermutlich. Wer wollte mich so dringend gefangen sehen? Vielleicht erhielt ich jetzt wenigstens ein paar Antworten.
      „Du hältst hier Wache, Cillo,“ wies Melos den anderen an. „Lass niemanden rein oder in die Nähe der Tür.“
      „Zu Befehl, Herr.“
      Melos drückte mir den Kopf nach unten und stieß mich durch den Türrahmen.
      Drinnen saß lesend ein… ein junger Mann? Ich blinzelte verblüfft.
      Er konnte kaum älter als fünfzehn sein, er hatte noch nicht einmal einen Bart! Als Melos die Tür schloß ließ er die Pergamentrolle sinken, und erhob sich in einer einzigen fließenden Bewegung.
      Nein, erkannte ich plötzlich. Er würde nie einen Bart haben, so wenig wie er je Haare haben würde. Diese Geschmeidigkeit der Bewegungen sah man ebenfalls selten bei einem Menschen. Mein Gegenüber war keiner.
      Ein Hornande. Jung genug, um noch fast menschlich zu wirken. Und es war nicht irgendeiner der Chré, der Knabenkrieger, der da vor mir stand.
      Nur zwei Hornanden im Land trugen Kleidung aus dunklem Drachenleder, wie sie unter seinem naturwollenen Umhang hervorblitzte. Und diese beiden waren Vater und Sohn.
      „Lordprinz Vath’Rakath.“ Meine Stimme klang rau in meinen eigenen Ohren.
      Ich machte keine Anstalten mich nach Soldatenart zu verbeugen. Sie hatten mich aus der Armee geworfen. Sollte er sich seinen Respekt doch sonstwohhin stecken.
      „Lucram Terwes.“ Vath’Rakath legte die Pergamente zur Seite, die er studiert hatte. „So schnell von Begriff wie ich es deiner Akte nach erwartet hatte. Du hast es uns nicht leicht gemacht dich zu finden. Mach ihn los, Melos. Die Fesseln waren für fremde Augen gedacht. Setz dich wenn du willst. Wir haben viel zu bereden.“
      Bereden! Ich blieb stehen wo ich war. „Was wollt ihr von mir?“
      Augen, die aufgrund seiner Jugend noch menschlich blau schimmerten, fixierten mich.
      „Etwas, was in den vergangenen Wochen bespuckt und mit Füßen getreten wurde – deine Loyalität.“ Der Lordprinz trat langsam auf mich zu. Ich fand es plötzlich schwer diesem Blick standzuhalten. „Du warst schon immer ein guter Offizier, Lucram. Du warst gut genug um in die nähere Auswahl für die Leibwache meines Vaters zu kommen. Und du hättest es auch geschafft genommen zu werden – aber die Magiekrankheit kam dir dazwischen.“
      „Ich habe nicht darum gebeten!“ schnappte ich.
      „Nein. An deiner Treue zu uns hatte sich nichts geändert. Und hier haben wir dich im Stich gelassen, haben dich unehrenhaft entlassen und wie einen Schwerverbrecher in den nächsten Steinbruch gesteckt, nur weil du jetzt ein neues Talent hast.“ Vath’Rakath schnaubte angewidert. „Mein Vater hat das angeordnet, weil dessen Vater und dessen Vaters Vater es auch so gemacht haben. Sie verschließen die Augen vor der Wahrheit, und befolgen Traditionen nur um der Tradition willen. Sie vergraulen loyale Männer wie dich, treiben euch in die Arme der Uranach, und züchten sich so ihre eigenen Rebellen heran, nur damit sie Gegner zum Bekämpfen haben! Ich bin nicht so blind wie sie, und nicht mehr willens solches Unrecht, solche Verschwendung von Zeit und Leben noch länger zu dulden. Du hattest recht zu fliehen.“
      Vath’Rakath war vor mir stehengeblieben. „Ich kann das Unrecht das dir angetan wurde nicht rückgängig machen. Aber ich kann dir Wiedergutmachung anbieten, und die Wiederaufnahme in die Armee. Vorerst muß die Einheit geheim bleiben, denn noch bin ich nicht Lordfürst. Aber sie wird ständig wachsen. Ich will Leute wie dich haben, willig und fähig, aber mit kleinen Schönheitsfehlern wie magischen Fähigkeiten. Wir werden zusammen beweisen, dass eine solche Integration klappen kann, damit zukünftig Offizieren wie dir dieses Schicksal erspart bleibt. Das ist es also, was ich von dir will. Du hast das Recht, dich frei zu entscheiden. Was sagst du? Ja oder nein?“
      Ich presste die Lippen zusammen. Nein sagen. Zum ersten Mal seit Wochen sah ich wieder eine Zukunft für mich. Sie war nicht perfekt, aber sie war den Träumen so ähnlich, die ich für mein Leben immer gehabt hatte. Die Armee war mein Leben, war es immer gewesen. Wie könnte ich da nein sagen!
      „Ich bin dabei, mein Lordprinz.“
      Der Lordprinz nickte. „Dann schwöre mir jetzt aufs neue deinen Treueeid, Lucram Terwes.“
      Ich sank auf die Knie und tat es, und meine Stimme zitterte nur ganz leicht. Ich fühlte mich, als wäre soeben eine offene Wunde in meinem Inneren verbunden worden, die so lange dort geschmerzt hatte. Als ich geendet hatte, packte Vath’Rakath meinen Unterarm im Kriegergruß.
      „Willkommen bei den Frettchen.“ Plötzlich grinste er. „Ich war nicht die ganze Zeit dabei, aber wir hatten bei deiner Verfolgung wirklich unseren Spaß. Du hast dich – wie oft? – als Gefolgsmann von Silberschneid ausgegeben? Drei Mal? Nun, ich darf ich dir offiziell deinen neuen Vorgesetzten vorstellen. Nemprai Meltos – Deckname Silberschneid.“
      „Nein.“ Ich starrte Vath’Rakath entgeistert an.
      „Ich fürchte doch, Soldat.“ Meltos, der an die Kabinenwand gelehnt gewartet hatte, grinste mir von der Seite her zu, in seinen Augen blitzte einen Moment lang silberne Magie auf. „Dir ist schon klar, dass du auch einen Decknamen brauchen wirst? Cillo ist da sehr kreativ, aber lass mich mal überlegen. Wir könnten dich Mondgeist nennen. Oder Mondlord. Wie findest du das?“
      Er lachte. Ich stöhnte. Worauf hatte ich mich da bloß eingelassen.

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      Das nächste Türchen öffnet sich am 19.12. 2010.
    • Mir gefällt die Geschichte, gut erzählt. "Das hölzerne Auge starrte mich mitleidlos an." solche Sätze sind genial. ;D

      Wie gehts weiter? Entmachtet der Lordprinz seinen Herrn Lordfürst Vater mit seiner Gruppe oder ähnliches?

      Fortsetzung! Fortsetzung! Fortsetzung! :dafuer:
      Gib jedem Tag die Chance, der beste deines Lebens zu werden. - Mark Twain
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      Die Tür des 19. Türchens steht weit offen.

      Dahinter?

      Stille.
      Leere.
      Dunkelheit.

      Alle Aufrufe sind in der endlosen Weite verhallt. Aus weiter Ferne erklingt das hoffnungslose Seufzen einer sich so langsam im Stich gelassen fühlenden Adventskalender-Organisatorin.
      Da kommt auf einmal eine Kurznachricht durch das Vakuum gezischt:
      Bevor es morgen leere Türchen gibt…

      Ein anderer Weltenbastler ist spontan mit einem Text eingesprungen.
      Vielen Dank dafür.




      Das Ding



      Irgendwo inmitten der Wälder steht das Ding.

      Es handelt sich um einen Stein, vielleicht auch um eine steinerne
      Skulptur, wenn nicht Zufall und Erosion dem Ding seine sonderbare
      Form gegeben haben. Vielleicht ist die fast mannshohe und völlig
      regelmässige, zwei Spannen durchmessende Säule von Menschenhand
      erschaffen, vielleicht ist sie aber auch von Sternenfahrern oder den
      Göttern hergestellt und an diesem Platz verankert worden.

      Abgesehen von dem Ding ist an diesem Ort nichts Ungewöhnliches zu
      finden: Alte Buchen und Eichen lassen eine kleine Lichtung offen, die
      nur spärlich mit Gräsern und Kräutern bewachsen ist, die
      umliegenden Hügel schützen den Platz vor allzu viel Wind. Wäre da
      nicht dieses steinerne Zeugnis des Unbekannten, die Lichtung lüde
      ein zum Verweilen, als Rastplatz für Wanderer oder gar als Ort für
      eine Ansiedlung.

      In Jahrhunderten haben immer wieder Menschen Interesse an dem Ding
      gezeigt: Manche wollten es zerstören, denn es erschien ihnen als
      Artefakt des Bösen - doch die Versuche blieben ohne Erfolg.

      Weder Stahl noch Stein, weder Feuer noch die Kraft der Ochsengespanne
      konnten der Säule etwas angaben.

      Andere zeigten dem Stein Verehrung und erklärten ihn zum
      unvergänglichen Mal eines Gottes - allein, das Ausbleiben jeglichen
      Wunders, jeder unerklärlichen Heilung und aller Visionen unter den
      Gläubigen ließen diesen Versuch ebenfalls scheitern.

      Gelehrte und Wissenschaftler, Alchemisten und Architekten aus den
      großen Städten untersuchten das Ding und stellten die
      absonderlichsten Theorien über seine Herkunft und Beschaffenheit
      auf, auch über die Art, wie es an seinem Standort befestigt war,
      aber nie waren zwei Meinungen gleich, noch gelang es jemals, eine
      dieser Theorien zu beweisen.

      Einig war man sich allein über das hohe Alter der Steinsäule, und
      darüber, dass es ausgeschlossen wäre, eine zweite zu konstruieren -
      kein bekanntes Werkzeug konnte das Material formen, geschweige denn,
      dass man überhaupt ein solches herzustellen vermochte.

      Ideen kursierten, dass in ferner Vergangenheit die Kenntnisse der
      Wissenschaft weiter entwickelt gewesen seien als allgemein vermutet
      wurde. Auch den Ursprung aus anderen Welten oder Sphären zog man in
      Betracht, man spekulierte über die Möglichkeit der Transmutation
      von Elementen und der Nutzung von Blitz- und Donnerkräften bei der
      Herstellung des Dings, doch ohne konkretes Ergebniss.

      Viel weniger noch gelangte man zu einer Erkenntnis, zu welchem Zweck
      das Ding an dieser Stelle stand, wenn auch hier der Spekulationen
      genug waren: Landvermesser suchten den Standort mit bekannten
      Koordinaten in Bezug zu setzten, Astronomen mit Himmelsbildern - auch
      zukünftige und längst vergangene Konstellationen wurden zu diesem
      Zweck berechnet.

      Aus Höhe und Umfang der Säule errechnete man allerlei Zahlenwerte,
      die vielleicht zum Zwecke der Prophezeiung oder zum Verständnis des
      Universums nützen mochten, doch niemand fand den Schlüssel, wie sie
      richtig anzuwenden seien.

      An den Sonnentagen, zur Sommer- und Wintersonnenwende sowie an den
      Tag- und Nachtgleichen wurde der Schattenwurf des Dings aufs
      Genaueste vermessen, sowohl bei Sonnenauf- wie Untergang, am Mittag
      und zur jeder vollen Stunde, und mit den ermittelten Werten rechneten
      erneut Scharen von Gelehrten und Laien, Mystiker und Skeptiker.

      Schließlich schrieb man Bücher über das Ding, aber keines
      vermochte eine größere Schar Leser zu überzeugen, und endlich
      zeigte man Bilder - sehr schöne Schnitte und Lithographien, zum Teil
      in aufwändigster Manier koloriert - doch da auch die besten davon
      lediglich eine Säule zeigten, die mannshoch und von
      doppelt-spannlangem Durchmesser auf einer Waldlichtung stand,
      erlahmte auch hier das Interesse rasch.

      Heutzutage kennt jedes Kind das Ding, aus den Büchern oder von
      Erzählungen der Großmutter, aber nie unternimmt jemand eine Reise,
      um es zu betrachten. Und obgleich immer wieder einmal kleine Gruppen
      über den unerklärlichen Stein spekulieren, so doch meist um der
      Spekulation willen, nicht, weil Erkenntnisse zu erhoffen wären. Und
      das ist bedauerlich.





      An einem warmen Frühlingstag führt ein junger Mann eine Rotte von
      fünfzig Schweinen in den Wald und erreicht die Lichtung zur
      Mittagszeit. Er nimmt seinen Brotbeutel zwischen die Zähne, und mit
      einer kurzen Anstrengung gelingt es ihm, die steinerne Säule zu
      besteigen.


      Der Stein ist angenehm von der Sonne gewärmt, und er sitzt zufrieden
      oben, während er seine Brote verzehrt. Die Rotte sucht nach Eicheln
      und Wurzeln, bewacht von den beiden Hütehunden, im Licht der Sonne
      tanzen Mücken und Schmetterlinge, und die Pause tut dem Hirten wohl.


      Blickte er nach Osten könnte er zwischen zwei Hügeln das Meer
      sehen.

      ************************


      Das nächste Türchen öffnet sich am 21.12.2010.
    • ************************

      Seid um euretwillen leise, wenn ihr durch Türchen Nummer Einundzwanzig geht! Wieso, fragt ihr? Ihr könnt es nicht sehen mit euren Menschenaugen – jedenfalls nicht auf den ersten Blick. Aber was dort hinter dem Türchen liegt ist nur einen menschenleere Wildnis. Es ist das Land der Geister - und da sie um diese Jahreszeit nicht mit euresgleichen rechnen, wäre es unklug, sich zu verraten.
      Denn wenn Geistern langweilig ist, weiß man nie was geschehen wird…



      Wintersonnenwende

      In diesem Winter war
      nicht ein einziger Mensch unterwegs im Geisterland. Kein Jäger oder
      Pionier suchte sein Auskommen zu finden, kein Elfenzug hielt sich in
      den frostigen Regionen auf und kein verirrter Wanderer gelangte ins
      Land der Geister.

      Solcherart zur
      Untätigkeit gezwungen waren die Geister träge und beschäftigten
      sich nach ihren Vorlieben: Habgier webte Träume von Reichtum,
      Selbstsucht von Macht, Arroganz imaginierte ein überlebensgroßes
      Standbild seiner selbst und Dummheit sah mit großen Augen und
      offenem Munde zu.

      Allein Bürgersinn war
      ein wenig rastlos, denn die Beschäftigung mit sich selbst
      widersprach seinem Wesen, und also versuchte er gelegentlich, mit den
      anderen Geistern zu sprechen.

      Ein sinnloses
      Unterfangen! Völlig beschäftigt mit den Spiegelungen ihrer selbst
      ignorierten die Geister der Dunkelheit jeden Versuch, mit ihnen in
      Kontakt zu treten – mit Ausnahme von Dummheit.

      Tatsächlich: in seiner
      endlosen Langeweile und seinem Desinteresse gefangen, fand Dummheit
      einige Abwechslung darin, Bürgersinn zuzuhören, und dieser wiederum
      hoffte, wenigstens ein kleines Licht des Verstehens in seinem
      Gegenüber entzünden zu können.

      Also erzählt er
      Dummheit, was ihm vom Menschenvolk bekannt war, von Ihrer Art und
      ihren Sitten, von Hoffnung und Angst, die sie hegten aufgrund ihres
      sterblichen Wesens, und von ihren Festen.

      Der Winter schritt fort
      und die Sonne verschwand vom Himmel, und eines Tages, als Bürgersinn
      den üblichen Konferenzplatz der Geister aufsuchte, fand er dort
      überraschenderweise alle versammelt.

      Irritiert sah er sich um:
      Die Dunklen Geister waren mit Hingabe beschäftigt, den Platz zu
      reinigen und zu schmücken – anders konnte Bürgersinn es nicht
      nennen.

      Arroganz malte mit
      goldenen Farben Ornamente in den Himmel, Stolz zeigte voller Stolz
      seine Schneemuster, Habgier versilberte einige Wolken, Selbstsucht
      ordnete den Feuerplatz neu und Dummheit – nun, Dummheit sah zu, wie
      üblich.

      Aber, im Gegensatz zu
      seiner normalen gleichgültigen Miene hatte der Dunkle Geist etwas
      strahlendes, freudiges in seinem Ausdruck, und Bürgersinn fragte
      sich , woran das wohl läge.

      Wie um auf die
      unausgesprochene Frage zu antworten sagte Dummheit:

      Wir werden die
      wintersonnenwende feiern! Sieh nur, wie schön der platz ist, sieh
      nur wie alle mittun! Das feuer wird heller strahlen als je in dieser
      nacht!


      Ihr wollt – feiern?
      Das menschenfest feiern, das fest der hoffnung? Ihr?


      Bürgersinn war verwirrt.
      Sollten denn die Dunklen Geister endlich davon ablassen wollen, die
      Menschen zu bedrängen? Doch schnell wurde er eines Besseren belehrt:

      Jawohl! rief
      Habgier, Natürlich – in dieser nacht sitzen auf der ganzen welt
      die menschen und berechnen ihren gewinn von den geschenken!


      Und rechten mit den
      ihren, wenn sie mehr gaben als bekamen


      fügte Selbstsucht hinzu,
      und Stolz ergänzte und sie sind beleidigt, und streiten!

      Und sie essen zu viel
      sprach Völlerei, Und sie saufen ergänzte Trunksucht, Und
      sie lügen,streiten und am ende prügeln sie sich!
      vollendete der
      Chor der Dunklen Geister ihr Freudenlied.

      In dieser nacht sind
      sie dumm, die menschenwürmer, dumm dumm dumm
      stimmte Dummheit
      an, und seine misstönende Stimme dämpfte das Hochgefühl der
      dunklen Geister sichtlich.

      Bürgersinns Laune
      bedurfte keiner Dämpfung, denn einerseits musste er sich wohl selbst
      die Schuld geben an der übermässigen Freude der Dunklen Geister –
      Hätte ich bloß nie mit dummheit geredet! – und
      andererseits musste er eingestehen dass diese auch noch Recht hatten.

      Wenigstens ein bisschen:
      Selbstsucht und Eitelkeit bedrängen die Menschen an jedem Tag des
      Jahres, doch in der Nacht der Wintersonnenwende trat dies häufiger
      ans Licht als bei allen anderen Gelegenheiten. Vielleicht, weil so
      viele lichter entzündet werden
      , überlegte Bürgersinn, oder
      so viel hoffnung auf den inhalt der päckchen gelegt wird.


      Im Ganzen Land und in
      allen Ländern bereiteten die Menschen das Fest der Wintersonnenwende
      vor, reinigten und schmückten ihre Häuser und Stuben, hängten
      bunte Laternen an die Wege und Plätze und machten große Geheimnisse
      aus dem, was sie in buntes Papier zu verpacken hatten.
      So war es Brauch, und es
      war ein schöner Brauch, in der dunkelsten Nacht ein Fest zu feiern,
      das der Hoffnung gewidmet war – vorzeiten nur der Hoffnung, das der
      Winter enden sollte, bevor die Vorräte schwanden.

      Nun, es ist lange her,
      das die Menschen auf das „genug“ nur hoffen konnten – so hoffen
      sie heute auf das „mehr“. Und in jedem Jahr hängen sie mehr
      Laternen an die Wege und Plätze, um ihrer Hoffnung und Vorfreude
      Ausdruck zu verleihen.

      In diesem Jahr glänzten
      die Städte und Höfe wie nie zuvor, und voller Erwartungen begannen
      die Menschen an diesem Abend ihr Fest zu feiern.

      Natürlich wurde
      gegessen, und natürlich getrunken und oft ging beides über das Maß.
      Und hier und dort entsprang auch ein Streit, regte sich Missmut und
      Endtäuschung, und es schien, als sollten die Geister der Dunkelheit
      recht behalten.

      Doch eben, als die
      tiefste Dunkelheit über der Welt lag, da erklangen laute Stimmen in
      jedem Ort und riefen die Menschen vor die Türen.

      Und alle kamen heraus und
      staunten: Hoch im Norden erschien ein Licht, ein Polarlicht, so weit
      und so hell und so farbenprächtig, wie sie es noch niemals gesehen
      hatten. Und je länger sie sahen und staunten, desto mehr vergaßen
      die Menschen ihre Enttäuschungen und ihren Streit, und schließlich
      waren alle überzeugt, wenn nicht ein Wunder, so doch ein besonders
      Gutes Zeichen gesehen zu haben.

      Und sie waren voller
      Hoffnung.

      Es ist egal, wer das
      licht entzündet, und warum: Es ist das licht
      , erklärte Hoffnung
      dem verwirrten Bürgersinn später, und du solltest wenigstens
      einmal im jahr daran glauben!


      Aber ein freudenfeuer,
      von selbstsucht in gang gesetzt ...
      versuchte er einzuwenden,
      doch Hoffnung unterbrach: Und du solltest endlich begreifen, das
      skepsis nur der gebildete bruder von dummheit ist.


      ************************
      Das nächste Türchen öffnet sich am 23.12. 2010.
    • Eben erst die bisher ungelesenen Türchen geöffnet und ich muss sagen, es war eine gute Idee, dies zu tun.
      Mir haben alle die Geschichten gefallen, die ich jetzt noch gefunden habe, obs nun die Briefe an die Frau waren, das Algensammeln am Meer, die Geister und das Fest der Menschen oder das seltsame Ding.
      Schöne Geschichten.

      Spoiler anzeigen
      Die Pointe von "Das Ding" finde ich aber wirklich gut. Das Geunke um das Ding und dann ists doch nur *an dieser Stelle wird die Schrift leider total unleserlich*. :lol:
      Gib jedem Tag die Chance, der beste deines Lebens zu werden. - Mark Twain
    • ************************

      Mit dem leicht wiegenden Gang von jemandem, der einen Großteil seines Lebens an Bord eines Schiffes verbracht hat, schlängelt sich ein Mann durch das emsige Gewusel am Hafen, der kundige Blick auf seine Kleidung verrät seinen Kapitänsrang. Er wirft einen letzten Blick auf sein geliebtes Schiff, und schreitet dann entschlossen durch das Türchen mit der Nummer Dreiundzwanzig…



      Captain Weißsteins Gewürze


      Captain Nathaniel Weißstein war auf dem Weg zu Meister Dorian – einer seiner größten Abnehmer.
      Normalerweise kam Meister Dorian oder einer seiner engsten Vertrauten immer zu ihm in den Hafen, um die Ware zu begutachten und anschließend sorgfältig auszuwählen, denn Nathaniel betrat nur ungern festen Boden.
      Doch im Laufe der letzten Jahre hatte ihn der Konditormeister seiner Majestät nun schon so oft eingeladen, ihn zu besuchen und von seinen Köstlichkeiten zu probieren, dass er ein weiteres Mal nicht mehr absagen konnte, ohne ihn zu verlieren – das hatte er deutlich in Meister Dorians Augen gesehen, als er vor ein paar Tagen auf seinem Schiff gewesen war, um Gewürze und Nüsse von ihm zu kaufen.
      Seine Augen leuchteten jedes Mal wie die eines Kindes, wenn er die vollbeladenen Laderäume der kleinen Windpfeil betrat, in denen es verführerisch nach allen möglichen Gewürzen, exotischen Früchten und erlesenen Alkoholika roch.
      Immer wieder fragte sich Nathaniel, wie dieser kindliche Mann es geschafft hatte, der Konditormeister König Tirams zu werden.
      Sicher – Meister Dorian war ein harter Verhandlungspartner, wenn es um die Preise seiner Waren ging, aber ansonsten fiel es Nathaniel schwer, dem kleinen, rundlichen Mann echten Respekt entgegen zu bringen.

      Die Sonnenuhren der Stadt zeigten die gelbe Spanne an, als er den Regenbogenpalast endlich erreicht hatte – zur roten Spanne war er aufgebrochen.
      Es war eine mühsame Plackerei, sich vom Hafen die Klippen hinauf zu kämpfen und anschließend drei der insgesamt fünf schwebenden Inseln zu überqueren, bevor man den Palast erreichte.
      Nicht zum ersten Mal fragte sich Nathaniel, wie es Edador geschafft hatte, zum Mittelpunkt der Welt zu werden, wenn man bedachte, wie lang und schwierig die Wege waren. Eine Antwort darauf hatte er noch nicht gefunden.

      Er hatte schon viel vom legendären Regenbogenpalast gehört, aber als er ihn zum ersten Mal mit eigenen Augen sah, traute er ihnen kaum. Der Palast bestand aus sechs gewaltigen Türmen, die mindestens zweimal so hoch wie der Hauptmast seiner Windpfeil waren.
      Sie markierten die Eckpunkte eines riesigen Hexagons, in dessen Mitte, scheinbar frei in der Luft schwebend, sich ein weiterer – weitaus kleinerer – Turm befand.
      Erst wenn man genau hinsah, erkannte man die nahezu durchsichtigen Querstreben, mit denen der innere Turm mit den äußeren Türmen verbunden war.

      Da Nathaniel nicht genau wusste, wo sich Meister Dorian im Palast aufhielt, fragte er die Wachen am ersten Palastturm, den er erreichte. Diese schickten ihn zwei Türme weiter, und so lief er ihm Schatten des inneren Turms zum Turm des Zuckermeisters.
      Zunächst wollten ihn die dortigen Wachen nicht passieren lassen, weil sie ihn nicht kannten und sein Kommen auch nicht angekündigt gewesen war, doch wie es der Zufall wollte, kam Meister Dorians rechte Hand Pakleil gerade aus der Stadt zurück und nahm ihn mit ins Innere des gewaltigen Turmes.
      Nathaniel war zunächst verwirrt, dass Pakleil nicht die Treppe ansteuerte, die offensichtlich in die oberen Stockwerke führte, sondern stattdessen auf eine der Wände zuging.

      „Meister Dorian hat zwar viel zu tun, aber ich denke, er wird sich sehr über euren Besuch freuen. Kommt ihr?“ fragte ihn der junge Mann, nachdem er keine Anstalten machte, ihm zu folgen. Mit einem Schulterzucken beeilte sich Nathaniel, den jungen Mann einzuholen, und erst da entdeckte er hinter einem Vorsprung den Absatz einer weiteren Treppe.
      „Die Gute-Geister-Treppe!“ zwinkerte Pakleil ihm amüsiert zu und verschwand in den Windungen der Treppe, die sich spiralförmig an der Außenwand nach oben schraubte.
      Missmutig folgte Nathaniel ihm – hörte die Plackerei an Land denn überhaupt nicht mehr auf?
      Er wünschte sich, er hätte sein Schiff nie verlassen.
      In dumpfe Gedanken vertieft, rannte er schließlich in Pakleil hinein, der stehen geblieben war, um auf Meister Dorians Gast zu warten.
      „Hier entlang!“ meinte er höflich, nachdem er Captain Weißstein aufgefangen und ihn davor bewahrt hatte die Treppe hinunter zu stürzen.
      Pakleil deutete auf einen breiten Durchgang, der einen Schritt in die Wand führte und dann vor einer milchigen, durchscheinenden Wand endete, hinter der vage Schatten tanzten.
      „Ihr scherzt! Ich kann doch durch keine Wände gehen.“
      Pakleil lächelte ohne jeglichen Spott, als er an Nathaniel vorbei ging und ruhig sagte: „Verzeiht! Ihr wart ja noch nie hier. Das ist keine Wand, sondern eine Schwingtür. Kommt mit.“
      Damit berührte er die milchige Wand auf einer Seite und drückte sie nach innen. Sofort schwang die Tür an einem unsichtbaren Angelpunkt nach innen und gab den Blick auf ein wahres Küchenchaos frei.
      Die vorherige Stille machte einem summenden Stimmenwirrwarr Platz, und wo zuvor nur die klare Luft des Treppenhauses gewesen war, tanzten nun die betörensten Düfte.
      Nathaniel fühlte sich an seine Windpfeil erinnert und fühlte sich gleich etwas wohler.
      Überwältigt von den vielen Eindrücken, stolperte er schließlich hinter Pakleil in die Zuckerstube.
      Sein Ärger über den langen Weg verflog schlagartig, als er versuchte, das vorherrschende vermeintliche Chaos mit den Augen zu entwirren. Junge Frauen und Männer eilten zwischen ihren Tischen in der Mitte zu den großen Feuern an der Außenwand und geheimnisvollen Schränken, die scheinbar planlos im Raum standen, hin und her.
      Überall sah man Cremes und Saucen in allen möglichen Farben und Konsistenzen von Löffeln tropfen, und der verführerische Duft heißer Gewürzkuchen drang Nathaniel in die Nase.
      Sein Magen knurrte, und Nathaniel kam wieder zu sich.
      In diesem Moment stand mit einem Mal Meister Dorian vor ihm, ergriff mit beiden Händen freudestrahlend die seinen und begrüßte ihn herzlich.
      „Captain Weißstein! Es freut mich außerordentlich, dass ihr endlich einmal den Weg hier herauf zu uns geschafft habt. Ich weiß ja, wie ungern ihr euer Schiff verlasst, aber ihr müsst zugeben: dafür hat es sich gelohnt, oder?“
      Mit einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen machte er eine große Geste und schloß sein ganzes Reich damit ein.
      „Kommt mit! Ich möchte euch meine neuste Kreation zeigen, die ich dank eurer letzten Lieferung noch rechtzeitig zum diesjährigen Geburtstag unseres Prinzen herstellen konnte.“
      Mit einem Wink bedeutete er Nathaniel, ihm zu folgen. Dieser folgte ihm ohne ein Wort, denn noch immer konnte er seine Augen nicht von dem geschäftigen Treiben lassen, das ihn auf seltsame Weise an das scheinbar ebenso unkoordinierte Durcheinander auf seinem Schiff erinnerte.
      Erst als Meister Dorian ihm einen kleinen Teller mit verführerisch duftenden Plätzchen unter die Nase hielt, versuchte er das geschäftige Treiben um sich herum zu ignorieren und sich auf den Meister zu konzentrieren.
      „Probiert!“ forderte dieser ihn auf, und Nathaniel nahm sich einen von den dargebotenen Plätzchen.
      Als er daraufbiss, knackten die verarbeiteten Nüsse zwischen seinen Zähnen, und deren mehlig-süßer Geschmack vereinte sich mit dem weißer Schokolade und der Würze pikanten Currys.
      Nathaniel war begeistert und lächelte Meister Dorian anerkennend zu.
      „Genial! Ich sehe schon: ihr wisst meine Ware noch weiter zu veredeln.“
      „Oh ja. Dank eurer Macadamias und eurer Erdnüsse, sowie eurem Curry konnte ich diese kleinen Naschereien erst herstellen. Kombiniert mit Honig und weißer Schokolade werden sie morgen die kleine Besonderheit sein, die auf der Geburtstagsfeier des Prinzen in aller Munde sein wird.“
      Meister Dorians Augen funkelten, als er das Rezept für diese kleine Leckerei freizügig offenbarte, und während Nathaniel ihm zuhörte, beschloss er Meister Dorian nun jedes Mal zu besuchen, wenn er in Edador vor Anker ging.


      Und so lautet das Rezept für die „Florentiner“:
      - 125g geröstete Macadmia
      - 125g geröstete Erdnüsse (ungesalzen)
      - 2 EL Honig
      - 50g Butter
      - 50g Schlagsahne
      - 50g Puderzucker
      - ca. 2 TL Currypulver
      - 2 EL Mehl
      - 100g weiße Kuvertüre
      - 10g Kokosfett (z.B. Palmin)

      - Nüsse klein hacken und mischen.
      - Honig, Butter, Sahne und Puderzucker in einen Topf geben und unter ständigem rühren auf mittlerer Hitze einkochen, bis die Mischung hellbraun und dickflüssig geworden ist (ca.8-10 Minuten).
      - Nüsse, 1 TL Curry und Mehl unter die Mischung rühren.
      - Die noch heiße Masse auf ein mit Backpapier ausgelegtes Blech dünn verteilen.
      - Das Ganze im vorgeheizten Backofen bei 180° ca. 15 Minuten goldbraun backen.
      - Inzwischen Kuvertüre klein hacken und mit Kokosfett über einen Wasserbad schmelzen.
      (mit dem Kokosfett vorsichtig umgehen! Lieber nach und nach dazugeben, damit die Kuvertüre nicht zu flüssig wird.)

      - Blech aus dem Ofen nehmen – Nussmasse mitsamt dem Backpapier vom Blech ziehen und abkühlen lassen.
      - Auf die Nussmasse ein zweites Backpapier legen und mit dem Nudelholz gleichmäßig ausrollen.
      - Oberes Backpapier entfernen und die noch handwarme Nussmasse in Quadrate (3x3cm) schneiden.
      - Quadrate zur Hälfte schräg in die flüssige Kuvertüre tauchen, abtropfen lassen und auf ein mit Backpapier ausgelegtes Blech setzen. Kuvertürenseite mit einer kleinen Prise Curry bestreuen.

      ************************

      Das nächste Türchen öffnet sich am 24.12.2010.