Antike Kulte und Heiligtümer

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    • [Tutorial] Antike Kulte und Heiligtümer

      Liebe Weltenbastler,

      wie ich schon mal irgendwo geschrieben habe, bin ich mittlerweile mit meinem Bachelor in Archäologie fertig und mache gerade meinen Master. Eine aktuelle Vorlesung zu antiken Kulten und Heiligtümern hat mich dazu inspiriert, diesen Thread zu eröffnen. Einige Dinge sind sicherlich auch für unser Hobby interessant. Ich weiß nicht, ob überhaupt Interesse besteht. Falls Ihr mehr hören wollt, werde ich auch mehr schreiben. Hier aber zunächst eine kleine Einführung in die wesentlichen Grundbegriffe, die Euch das ganze schmackhaft machen soll :).
      Vielleicht findet Ihr ja die eine oder andere Anregung für weitergehende Bastelideen.


      1. Begriffsverwirrung "Tempel"
      Der heutige Gebrauch des Wortes "Tempel" ist für die antiken Urpsrünge des Begriffs nicht hinreichend. Im allgemeinen Wortschatz versteht man ja darunter ein Gebäude im religiösen Sinne. Das lateinische Wort "templum" bezeichnet vielmehr das Heiligtum an sich, d.h. vor allem das Areal, welches zu dem Heiligtum gehört. Ein Heiligtum ist dabei prinzipiell ein Grundstück, welches der verehrten Gottheit direkt gehört. Wenn es so etwas wie ein Haus für die Gottheit gibt, spricht der alte Grieche von "naos", der Römer von einer "cella".


      2. Was zu einem Heiligtum gehört
      Zu einem antiken Heiligtum gehört in erster Linie ein Altar (lat. ara). Ohne Altar kann der Kult praktisch nicht abgehalten werden. Der Bereich, der zu dem Heiligtum gehört, wird als Temenos bezeichnet. Hier kann sich abgesehen von dem Altar bisweilen auch ein Kultmal befinden. Dies kann z.B. ein Felsbrocken sein, welcher der Legende nach von der Gottheit hierher gebracht wurde, ein Baum, welcher auf die Gottheit zurückgeht, etc.. Im ähnlichen Sinne gibt es auch Flussquellen, welche den Mittelpunkt des Kultes ausmachen.
      Ein Kultgebäude ist nicht unbedingt notwendig! Wenn ein antiker Text von einem "templum" handelt, handelt es sich dabei nicht um das Gebäude, sondern das Heiligtum an sich.


      3. Wohnhaus der Gottheit - Im wörtlichen Sinne!
      Der Grundriss eines typischen griechischen Tempelgebäudes sieht prinzipiell - teilweise mit leichten Variationen je nach Ort und Zeit - so aus (BILD). Die Säulen außen herum, wie man sie von berühmten Tempeln, wie dem Parthenon kennt, sind hier nicht abgebildet. Sie kamen erst im späteren Verlauf der Antike hinzu. Der Grundriss verfügt dabei über eine kleine offene Vorhalle (Pronaos), möglicherweise mit einer oder zwei Säulen (sog. Antentempel). Dahinter ist der Hauptraum (in der Forschung übl. als Cella bezeichnet). Diese Bauform entspricht dem normalen griechischen Wohnhau für Menschen, wie es lange vor der klassischen Zeit üblich war.
      Ein Tempelgebäude ist also auch im wörtlichen Sinne als Wohnhaus für die Gottheit zu verstehen. Wichtig ist, dass der Kult selbst NICHT in diesem Gebäude stattfindet. Hier können etwa das Kultbild der Gottheit, die den Tempel bewohnt, sowie Weihgeschenke, etc. aufbewahrt werden. Der Kult findet VOR dem Tempelgebäude, nämlich am Altar statt.



      4. Der Altar
      Um den Altar versammelt sich die Kultgemeinde. Hier werden die Opfehandlungen vollführt. Ein Altar muss nicht unbedingt ein Klotz aus Stein sein. Der Zeus-Tempel von Olympia hatte etwa einfach einen Aschealtar. Dies bedeutet, dass hier über Jahrhunderte hinweg Opfer verbrannt wurden, wodurch ein großer Aschehaufen entstand. Ein solcher Haufen reicht so zum Beispiel vollkommen als Altar aus. Ein prinzipielles Merkmal von antiken Kulten ist, dass sie sehr konservativ sind. Ein Altar kann nicht einfach von seinem Platz an einen anderen Ort verlagert werden.
      Er ist oft heiliges Zentrum des Kultareals. Alte Heligtümer wurden natürlich in späteren Jahrhunderten der Antike immer wieder von reichen Leuten, römischen Kaisern, etc. erweitert. Man riss alte Tempelgebäude ab, baute Schatzhäuser (hier werden etwa Weihgeschenke aufbewahrt) hinzu und konzipierte die Ausrichtung der Bauten neu. Den Altar jedoch musste man dort stehen lassen, wo er ist. Teilweise gibt es recht ulkige Beispiele von antiken Heiligtümern, deren Gebäude peinlich genaue Achsenbezüge zu dem Altar haben und aus Platzmangel seltsam ausgerichtet sind.

      Altäre haben auch eine schützende Funktion für Asyl-Suchende. Wer sich auf einen Altar setzt, ist unantastbar - auch vor staatlicher Gewalt. Amüsante Beipsiele zeigen hierfür etwa antike Komödien, in denen die Hauptperson nicht für ihre zweifelhaften Taten bestraft werden kann, weil sie sich "versehentlich" auf einem Altar gesetzt hat.


      5. Das Opfer
      Das Opfer ist grundsätzlicher Bestandteil antiker Kulte. Jeder Kult hat eigene Gesetze, wenn es darum geht, was geopfert wird und was nicht. Selbst wenn die gleiche Gottheit in zwei verschiedenen Städten verehrt wird, können die Regeln des Kultes doch vollkommen unterschiedlich sein. Es gibt aber einige Richtlinien, die häufig - wenn auch nicht unbedingt immer - anzutreffen sind.
      Dabei unterscheidet man etwa in olympische und chthonische Götter. Athena, Apoll, Zeus, usw. sind etwa olympische Götter. Das heißt, man vermutet sie gewissermaßen in luftigen Höhne (Olymp = Berg = oben). Opfer für olympische Götter (klassischerweise Rinder, aber auch kleinere Tiere; je nach Kult gibt es besonders erwünschte, oder gar verbotene Tiere) werden auf dem Altar verbrannt. Hierdurch steigt der Rauch in die Luft auf und gelangt so zu der Gottheit, für welche gerade geopfert wird. Chthonische Gottheiten (griech. chthon = Erde) hingegen sind unter der Erde beheimatet. Hierzu zählen etwa Unterweltgötter (Hades, Persephone), aber auch einige Gottheiten, die Landwirtschaft, Pflanzenwachstum, etc. in Verbindung gebracht werden. Wenn man einer solchen chthonischen Gottheit opfert, muss man das Opfertier etwa vergraben, damit der Empfänger an das Opfer herankommt. Wenn man z.B. Wein oder Öl opfert, vergießt man es, so dass es in den Boden eindringt und die "Erd"-Gottheit erreicht.

      Nicht das ganze Tier wird geopfert, sondern nur Knochen, Haut, Fett, etc. Innereien und Fleisch werden vor Ort zubereitet und von der Opfergemeinde verspeist. Hierzu kann es auch spezielle Räumlichkeiten geben, in denen sich die Reichen und Schönen zum Speisen niederlassen können. Hierzu mehr zu einem späteren Zeitpunkt - falls Interesse besteht.


      6. Lose Gegenstände im Heiligtum
      Wenn man antike Tempel ausgräbt, findet man neben Weihgeschenken oft auch unzählige Bratspieße, Geschirr, Töpfe und andere banale Gegenstände. Dies ist dem Umstand zu verdanken, dass ein Gegenstand, der in das heilige Areal gebracht wird, selbst zu einem heiligen Gegenstand wird. Hierdurch wird es unmöglich, den Gegenstand wieder - etwa nach einem Opfer - mit nach Hause zu nehmen. Er gehört damit gewissermaßen der Gottheit. Mitnehmen würde hier Diebstahl heißen!


      Falls Fragen bestehen, könnt Ihr die gerne hier reinwerfen. Ich werde versuchen, sie zu beantworten. Falls das mal nicht klappt, verweise ich darauf, dass ich immer noch Archäologe "in Ausbildung" bin :-).
    • Noru, was will uns dieser Beitrag sagen? :hmm:

      Cato Maior schrieb:


      Der Zeus-Tempel von Olympia hatte etwa einfach einen Aschealtar. Dies bedeutet, dass hier über Jahrhunderte hinweg Opfer verbrannt wurden, wodurch ein großer Aschehaufen entstand. Ein solcher Haufen reicht so zum Beispiel vollkommen als Altar aus.

      Und dieser Aschehaufen hat sich über Jahrhunderte angesammelt, im Tempel wurde niemals durchgefegt?

      Wenn man antike Tempel ausgräbt, findet man neben Weihgeschenken oft auch unzählige Bratspieße, Geschirr, Töpfe und andere banale Gegenstände. Dies ist dem Umstand zu verdanken, dass ein Gegenstand, der in das heilige Areal gebracht wird, selbst zu einem heiligen Gegenstand wird. Hierdurch wird es unmöglich, den Gegenstand wieder - etwa nach einem Opfer - mit nach Hause zu nehmen. Er gehört damit gewissermaßen der Gottheit. Mitnehmen würde hier Diebstahl heißen!

      Und auch hier: Da dürfte sich ja recht schnell ein riesiger Haufen Krempel angesammelt haben. Was hat man damit gemacht, wenn man den Kram wegen akuter Heiligkeit nicht aus dem Tempel entfernen durfte?
    • Ich will mehr !!!

      Das ganze Thema ist wahnsinnig interessant. Das mit dem Asyl aufm Altar ist ja genial. Vielleicht bastel ich mir da was zusammen. Schließlich habe ich einige Länder die den Griechen ähneln :)
      Aber ich will auf jeden Fall mehr wissen. Angesicht der Tatsache, das hier ein Mann vom Fach ist, müssen wir das ja nutzen, oder? ;)
      Dieses Zitat braucht in meine Welt noch einen Platz: Spuck mir in die Suppe und ich schlage dir den Kopf ab

      In Ermangelung an geschlechtlichen Optionen, zogen meine Eltern mich als Jungen auf :lol:
    • Mir schwirren schon total viele Ideen im Kopf herum.
      Da sind viele Sachen dabei, die ich überhaupt nicht wusste und vieles, das ich in der Art noch nicht wusste. Und viele interessannte Details, wie das mit dem Asylrecht auf dem Altar eines Gottes (komsich eigentlich, dass das nicht als respektlos angesehen wird, wenn man auf dem Altar eines Gottes herumsitzt c0 )
      Ich würde mich über mehr freuen :)
      "Wenn man im Supermarkt 'ne Melone zurückgeben will, ist der ganze Tag vorbei. "
      -Marge Simpson
    • Knochen schrieb:

      wie das mit dem Asylrecht auf dem Altar eines Gottes (komsich eigentlich, dass das nicht als respektlos angesehen wird, wenn man auf dem Altar eines Gottes herumsitzt c0 )


      Soweit es mir bekannt ist genügte es damals den Altar oder in manchen Fällen auch eine Heilige Stehle mit der Hand zu berühren. Im Mittelalter gab wenn ich mich recht erinnere etwas ähnliches. Eine Art Kirchen-Asyl wobei es große Stahlringe an der Wand der Kirche gab die man mit der Hand anfasste und Diebe und ähnliche von Wachen verfolgte eine Art "Hola" genossen.
      Müsste man allerdings jetzt erstmal genau recherchieren.
    • Noru schrieb:

      Um die 30 Götter aus denen die Menschen entstanden entwickelte sich ein großer Kult, der jedoch schon ausgestorben ist. Aus dieser Zeit gibt es noch Tempelruinen und Statuetten, die inzwischen hohe Preise erzielen.
      Muss man das verstehen, Noru?^^

      Jerron schrieb:

      Und dieser Aschehaufen hat sich über Jahrhunderte angesammelt, im Tempel wurde niemals durchgefegt?
      Naja, der Altar befindet sich ja vor dem Gebäude. Den Altar selbst zu reinigen, wäre ja unsinnig, weil das, was dort liegt, zum Altar gehören soll. (Das hört sich jetzt konfus an, is' aber so ^^)

      Jerron schrieb:

      Und auch hier: Da dürfte sich ja recht schnell ein riesiger Haufen Krempel angesammelt haben. Was hat man damit gemacht, wenn man den Kram wegen akuter Heiligkeit nicht aus dem Tempel entfernen durfte?
      Richtige Weihgeschenke werden etwa in dafür vorgesehen Bauten untergebracht. Was die Alltagsgegenstände, wie Bratspieße, angeht, ist das in der Tat nicht so einfach zu sagen. Sie wurden wahrscheinlich zu ordentlichen Haufen aufgestapelt.

      @Auf-Altar-Sitzen
      Das mit dem Sitzen ist ein krasses Beispiel, das wir durch die Lektüre von antiken Theaterstücken wissen (z.B. Mostellaria des Plautus). Oftmals hat auch das ganze Heilitum eine ähnliche Wirkung. Es ist überliefert, dass sich eine Gruppe von Staatsfeinden irgendwo in Griechenland (hab Ort und Namen der Beteiligten nicht mehr im Kopf - muss ich mal nachfragen) in einem Tempel verkroch. Als die Armee anrückte, um die Kerle zu stellen, konnten sie nicht rein und die Typen rauszerren. Ein findiger Hauptmann hat sie dann einzeln unter der falschen Verpsrechung rausgelockt, dass sie am Leben bleiben, wenn sie sich ergeben. Der Reihe nach wurde jeder einzelne dann erschlagen, als er rauskam.
    • TEIL II. - Ungewöhnlichere Arten von Heiligtümern (Auswahl) Neben den klassischen Kulten für Götter wie Athena oder Apollon gibt es auch einige andere Arten des Heiligtums. Ich kann hier nicht im Detail auf alle davon eingehen, möchte aber exemplarisch ein paar Möglichkeiten nennen:

      Theater als Heiligtum
      Dionysos ist nicht nur Gott des Weines, sondern auch für das Theaterwesen zuständig. Aus diesem Grunde steht im Bereich der Bühne eines griechischen Theaters auch ein Altar. Dieser kann sozusagen als Requisite für ein Stück genutzt werden, hat aber auch die Funktion eines ernsthaften Kultortes inne. Hier finden im Rahmen gewisse Feste auch Opfer für Dionysos statt.
      Interessant: Wir kennen viele Theaterstücke aus der Antike. Manchmal kommt innerhalb der Handlung vor, dass eine der Rollen etwas bei dem Altar schwört. Wenn es sich um eine Lüge handelt, wird die sprechende Person jedoch normalerweise daran gehindert, den Schwurspruch zu beenden; selbst ein Schauspieler, der nur eine Rolle spielt, darf keinen falschen Schwur vor einem Altar zu Ende bringen – so ernst wird das genommen.

      Quellheiligtümer
      Hier gibt es verschiedene Möglichkeiten der Erscheinungsformen, etwa römische Springbrunnenanlagen mit reichem Statuenschmuck. Solche Nymphäen tragen ihren Namen auf Grund der Quellnymphen, die man hier verehren kann.
      Es ist aber auch möglich, an einer Quelle irgendwo in der Wildnis auf ein Heiligtum zu treffen. Gerne werden solche Orte auch hübsch mit verzierten Säulen und Überdachungen ausgeschmückt.

      „Gesundheits“-Heiligtümer
      Verschiedene Gottheiten, darunter Hygieia und Asklepios (Vatergott der Heiler und Ärzte) werden in eigenen Heiligtümern verehrt. Ähnlich wie im Christentum können Kranke zu diesen Orten pilgern und um Heilung bitten. Zu diesem Zwecke kann man auch dort auch eine Nacht verbringen. Eventuell erscheint der Gott dann im Traum und gibt Ratschläge für die richtige Behandlung. Die Gottheit erwartet natürlich eine Gegenleistung: Hier kommen Weihgeschenke ins Spiel. Wir kennen Funde von tönernen nachgeformten Körperteilen – Beine, Füße, Arme, usw. Man schenkt dem Gott also eine – eventuell teure - Nachbildung des entsprechenden kranken Körperteils und erhält dafür die Möglichkeit der Heilung. Uns ist auch belegt, dass Kranke sich bisweilen eigene Fingerglieder abschnitten und opferten, um damit eine Gegenleistung zu erbringen. Wir kennen auch ganze Haufen von Funden kleiner Babystatuen. Auf diese Weise baten die Eltern um die Gesundheit des Neugeborenen.

      Mysterienkulte
      Es gab in der Antike eine Vielzahl von Mysterienkulten. Um an den Kulthandlungen eines solchen Mysteriums teilzunehmen, muss man in den Kult eingeführt werden. Durch einen Schwur – dessen Bruch unter Todesstrafe stehen kann – verspricht man, nicht die Geheimnisse des Kultes zu weiterzuerzählen. Diesem Grund ist auch der Umstand geschuldet, dass wir heute von verschiedenen Mysterienkulten wissen, aber keine wirkliche Ahnung haben, was dort überhaupt geschehen ist. Es hat ja niemals jemand darüber berichtet… Es gibt Mysterienkulte, die nur Frauen aufnehmen, andere nehmen nur Vollbürger auf, bei anderen wiederum können nur Leute mit besonderen Eigenschaften teilnehmen. Ein berühmtes Mysterienheiligtum ist etwa das von Demeter und Kore in Eleusis (in der Nähe Athens). Hier konnte jeder, Männer und Frauen (auch Sklaven) Mitglied werden, sofern er/sie keine Blutschuld auf sich geladen hatte.


      Geschlechtsspezifische Kulte
      Wir wissen auch von Kulten, die beispielsweise nur von Frauen ausgeübt werden durften. Bekannt ist etwa der Bona Dea-Kult in Rom. Bei den jährlichen Kultveranstaltungen waren nur Frauen zugelassen, Männer wussten nicht, was innerhalb des Kultes vor sich ging. Nicht einmal der Name der Göttin, die dabei verehrt wurde, durfte von den Priesterinnen verraten werden. Daher kennen wir sie heute nur unter dem „Nickname“ Bona Dea (gute Göttin). Eine interessante Anekdote ist uns aus dem Jahr 62 v. Chr. bekannt: Der Römer Publius Clodius Pulcher schlich sich als Frau verkleidet in Julius Caesar Haus ein, wo der Bona Dea-Kult in diesem Jahr abgehalten wurde. Die Sache flog auf und er kam vor Gericht.


      Heroenheiligtum
      Neben Göttern können auch verstorbene Helden kultisch verehrt werden. Man darf nicht vergessen, dass für die frühe griechische Gesellschaft all die Mythen um Theseus, Herakles, usw. keine Sagen, sondern gelebte Geschichte waren. Wir kennen sogar teilweise die Jahreszahlen, mit denen antike Geschichtsschreiber diese Legenden in Verbindung brachten. Ein sagenhafter Gründer einer Stadt, der Töter einer schlimmen Bestie, oder ein berühmter Wohltäter aus grauer Vorzeit - all dies konnten Personen sein, für die dankbare Mitbürger später einen Kult mit Tempel und Priestern errichteten.
    • Sehr spannend. Mehr davon! :thumbup:

      Diese Bauform entspricht dem normalen griechischen Wohnhau für Menschen, wie es noch lange vor der klassischen Zeit üblich war.

      Irgendetwas an diesem Satz ist komisch. Sollte es nicht heißen "wie es noch lange NACH der klassischen Zeit üblich war"?

      @Asyl
      Ein Asylrecht am Altar kennt auch das alte Testament. Das war wohl im Mittelmeerraum weit verbreitet. Laut Wikipedia (-->Kirchenasyl) stammt das mittelalterliche Kirchenasyl aber eher von den heidnisch-antiken Wurzeln her. Welchen Ort man da erreichen mußte, ob man den Altar berühren mußte oder die Pforte, oder sich sogar in einem bestimmten Umkries frei bewegen konnte, variierte und hing vor allem von der aktuellen Macht der Kirche ab - genauso wie die Frage, ob sich die Mächtigen daran gehalten haben. Daß sich jemand auf den Altar setzt, ist mir aber aus christlicher Zeit nicht bekannt. Ich glaube fast, das wäre als Sakrileg aufgefasst worden.
      Wenn Gott allwissend ist, weiß er dann auch wie Papiertaschentücher schmecken?
    • @Shay
      Irgendwie dachte ich mir, dass die Frage kommt. :-P
      Die griechische Antike ist in verschiedene Epochen eingeteilt. Die Zeit der Klassik beginnt etwa 480 v. Chr und läuft bis etwa 434 v. Chr (als Alexander der Große seinen Feldzug beginnt). Vor der Klassik liegt die archaische Zeit (ca. 700 - 480 v. Chr.). Noch weiter zurück liegt die geometrische Epoche (ca. 900-700 v. Chr.). In dieser Epoche formieren sich die Grundzüge des Tempelbaus, wie man ihn später kennt. Gleichzeitig ist es in dieser Zeit üblich, Häuser in dem Stile zu errichten, wie ich es gezeigt habe. In späteren Jahrhunderten, also in der Klassik, im Hellenismus usw. werden natürlich immer noch Tempel in diesem alten Stil erbaut. Die Wohnhausformen haben sich allerdings bereits drastisch geändert.

      Nochmal zur Vergegenwärtigung (die einzelnen Abschnitte werden je nach Forschungsmeinung um ein paar Jahre nach hinten und vorne verrückt):

      Geometrische Zeit, ca. 900-700 v. Chr.
      Archaische Zeit, ca. 700-480 v. Chr.
      Klassische Zeit, ca. 480-434 v. Chr.
      Hellenismus, ca. 434-31 v. Chr.

      danach beginnt die römische Kaiserzeit (Principat)
    • Sehr spannend, vielen Dank für die ganzen Infos! :D

      Was mir dazu einfällt: Sind diese Kultmale mit den mittelalterlichen Reliquien zu vergleichen, also wurden diese auch zu "Werbezwecken" verwendet und tauchten teils mehrfach auf? (Speziell muss ich da natürlich an die Vorhaut Jesus denken, da gab es ja so einige)

      Waren diese Gesundheitsheiligtümer immer nach diesem Prinzip, also zuerst spenden und danach auf Heilung hoffen aufgebaut oder gab es da auch kostenlose, bei denen man ggf. nach der Heilung gespendet hat?
      Falken haben doofe Ohren
    • @Alcarinque
      Diese Kultmale sind feste geografische Dinge. Ein großer Felsbrocken, oder ein uralter Baum zum Beispiel (die Athener sahen einen Olivenbaum auf der Akropolis als den "ersten" Olivenbaum der Welt an, welcher von Athena dort gepflanzt worden sei). Diese Male gibt es also auch nur einmal. Man kann sie auch nicht durch die Gegend tragen oder verkaufen.

      Ob die Bezahlung für die gewünschte Heilung vorher oder nachher erfolgte, kommt ganz auf den "Deal" an, den man mit der Gottheit abgeschlossen hat.
    • TEIL III

      Das Kultbild – Eine Puppe zum Einkleiden
      Normalerweise zentral innerhalb der Tempelcella aufgestellt, ist das Kultbild die visualisierte Form der Gottheit. Die Größe kann von der einer kleiner Statuette bishin zu einer gewaltigen Kolossalstatue reichen (z.B. die Zeusstatue des Phidias).

      Für den religiösen Wert eines antiken Kultbildes ist aber nicht unbedingt seine Größe, sondern vielmehr das Alter entscheidend. Eine kleine hölzerne Athenastatue aus dem 7. Jhd. v. Chr. war bisweilen etwas Heiligeres, als ein vier Meter hoher Apoll, der vierhundert Jahre jünger ist.

      Kleinere Kultbilder konnte man auf großen Festprozessionen mit sich herum tragen. Viele Kultbilder wurden von Priestern gefüttert (ungefähr so, wie ein kleines Mädchen es mit seiner Puppe tut). Sie wurden rituell gewaschen und bekamen sogar Kleidung aus Stoff. Die Athena Polias auf der Akropolis hatte etwa einmal im Jahr ein Kultfest, an dem die Bürger von Athen ihr den alten Peplos (eine Art Mantel für Frauen) auszogen und ihr dann einen neuen, reichen, von den Frauen der Stadt gewebten Mantel umhingen. Das Kultbild kann also wie eine lebende Person behandelt werden.

      Die meistgeschätzten Kultbilder waren uralte, von den Göttern direkt gegebene Dinge. Es gibt etwa den Bericht von einem kleinen Holzstück, das irgendwo in Griechenland am Strand angeschwemmt worden ist. Aufgrund seiner menschenähnlichen Form wollte man das Bild einer Göttin darin erkennen. Es wurde ein Tempel eingerichtet und das Holzstück wurde das zugehörige Kultbild. Man kleidete es an, legte ihm Schmuck um und verehrte es für viele hundert Jahre. Pausanias berichtet beispielsweise von einem weiteren Kultbild, das „vom Himmel gefallen“ sei (Paus. I, 26,7; 9,12,4)

      Es gab je nach Kult bestimmte Vorschriften, auf welche Weise Priester und Besucher mit dem Kultbild kommunizieren durften. Das Herakleskultbild von Agrigent durfte etwa geküsst und angefasst werden, eine Berührung der Artemisstatue von Segesta war hingegen ausdrücklich verboten. Teilweise gab es auch Kultbilder, die nur von einem bestimmten Personenkreis gesehen werden durften.

      Wie schon gesagt, sind antike Kulte immer recht konservativ. In der archaischen Zeit (ca. 700-480 v. Chr.) wurden Statuen ganz anders gefertigt, als in späteren Jahrhunderten. Sie wirken viel starrer, holziger und unechter, als Werke, die erst etwa in der späten Klassik entstanden sind. Dennoch trifft man immer wieder Kultbilder aus späten Jahrhunderten der Antike an, die nicht dem Geist der Zeit entsprechend, sondern auf eine viel archaischere Weise hergestellt sind. Auch das, was diese Götter an Kleidung tragen, ist viel altertümlicher, als man es in der Zeit der Herstellung erwarten würde. Ähnliches kennen wir ja auch aus dem Christentum: Niemand würde bei der Errichtung einer neuen Kirche auf die Idee kommen, Jesus mit Jeans und T-Shirt darzustellen...
    • Cato Maior schrieb:

      @Alcarinque
      Diese Kultmale sind feste geografische Dinge. Ein großer Felsbrocken, oder ein uralter Baum zum Beispiel (die Athener sahen einen Olivenbaum auf der Akropolis als den "ersten" Olivenbaum der Welt an, welcher von Athena dort gepflanzt worden sei). Diese Male gibt es also auch nur einmal. Man kann sie auch nicht durch die Gegend tragen oder verkaufen.


      Götter-, bzw. Kultbilder sowie Kultgegenstände sind schon beweglich. Sie wurden auch für Propagandazwecke mißbraucht. Einem unterlegenen Gegner wurden sie geraubt und dann im eigenen Tempel ausgestellt. So kamen die Kultgeräte des Jerusalemer Tempels nach Babylon, und nach der Eroberung Babylons zu den Persern. Unterlegene oder abhängige Reiche mußten Bildnisse fremder Gottheiten in ihren Tempeln aufstellen. Manchmal auch nur um der guten Beziehungen willen, die man festigen wollte. Im alten Testament beschweren sich Propheten mehrfach über die fremden 'Götzenbilder' im Jerusalemer Tempel. Und um die Juden für sich zu gewinnen gab Kyros den Juden die erwähnten Kultgeräte des Tempels zurück. Die sibyllinischen Bücher in Rom sind ein Beispiel dafür, daß als heilig geltende Gegenstände auch für viel Geld den Besitzer wechselten, selbst dann, wenn man die Geschichte komplett als Legende betrachtet, zeigt sie, daß solches als möglich galt.

      Auch etwas dem Reliquienhandel gleichendes gab es schon. Z.B. wurden in Ephesos kleine Artemis-Statuen verkauft, die vorher im Tempel geheiligt worden waren. Als die christlichen Missionare kamen, ich meine es sei Paulus gewesen, bekamen sie dementsprechend Probleme mit den Silberschmieden der Stadt. Noch während des 1. Weltkriegs wurden so ähnlich Reliquien produziert. Man legte Tücher auf die Gräber, Schreine oder Altäre und nach einer Nacht und den entsprechenden Gebeten galten diese selbst als Reliquien und der Soldat konnte sich sicherer fühlen.

      Die schon erwähnten Kultgeräte des Jerusalemer Tempels machten später übrigens noch eine regelrechte Odyssee mit: Nach der Eroberung Jerusalems führte Titus sie im Triumphzug mit. Dann wurden sie in Rom in einem Tempel aufbewahrt. Bei der Eroberung Roms durch die Westgoten (410) wurde ein Teil derselben geraubt. Bis zur Eroberung der iberischen Halbinsel durch die Mauren 300 Jahre später gehörten sie zum westgotischen Königsschatz. Der goldene Schaubrottisch wurde dem Kalifen gesandt, der ihn einschmelzen lies und das Geld zur Verschönerung der Kaaba in Mekka spendete. Ein anderer Teil der Geräte wurde von den Vandalen geraubt. Bei diesen Gegenständen soll sich die Minora befunden haben. Nach der Zerstörung des Vandalenreichs wurde sie als wichtigstes Beutestück Kaiser Justinian in Konstantinopel übergeben. Dieser lehnte die Beute ab: Jerusalem, Rom und Karthago seien erobert worden, solches Unglück solle die Minora Byzanz nicht bringen. Daher sandte er sie auf einem Schiff nach Jerusalem. Danach taucht sie in keiner Quelle mehr auf. Vielleicht ist das Schiff untergegangen, oder die Minora wurde eingeschmolzen, oder, oder, oder.... Dennoch haben sowohl jüdische Rabbiner, als auch okkultistisch veranlagte Nazis in Nordafrika nach ihr gesucht.

      Wie die Königreiche Israel und Juda gegeneinander Propaganda mitHilfe feststehende Heiligtümer gemacht wurde kann man auch in der Bibel nachlesen. Um Cato Maior nichts wegzunehmen hab' ich mir die Beispiele aus der jüdischen Religion und nicht dem griechisch-römischen Bereich gesucht. Falls es interresiert kann ich noch Weiteres zu den jüdischen Kultstätten sagen. Es gab nicht nur den Jerusalemer Tempel.
    • Ist schon interessant zu sehen, wie sowas bei den "Klassischen Archäologen" ist. Ich habe Vorderasiatische Altertumskunde studiert und dort gab es durchaus größere Tempel und Kultbereiche als den einfachen Tempel, den du als Standard vorstellst. Aber der Bauplan kommt auch in Vorderasien vor, aber eher für kleinere Tempel.
      Aber sehr schön zu lesen und nachzuvollziehen, danke für die Mühe
    • @Riothamus
      Danke für diesen interessanten Einschub über die jüdischen Beispiele. :-) Was ich aber in meiner Anwort auf Alcarinques Frage meinte, sind Kultmale, keine Kultgeräte oder -gegenstände. Die haben mit der angesprochenen Sache nichts zu tun.

      @Aesor
      Wenn Du ein Thema weißt, welches sonst behandelt werden soll, nur her damit! :-) Das mit den Personenkreisen ist je nach Kult unterschiedlich. Es kann dabei zum Beispiel um Mysterienkulte gehen, deren Anhänger erst eingeweiht werden mussten, bevor sie das Kultbild zu sehen bekamen.

      @Jalandira
      In der Tat gibt es natürlich auch "bei uns" ein paar größere Tempel, zu denen komme ich noch. Aber Du hast Recht - was ihr "Vorderasiaten" teilweise für riesige Kultkomplexe (im baulichen, nicht im psychologischen Sinne :-P) ist schon erstaunlich.
    • Bisher ging ich davon aus, daß 'Kultmal' als Übersetzung des lat. 'fanum', also im Prinzip in der Bedeutung von Tempel, wie Du ihn beschrieben hast, zu betrachten ist, wozu dann im Sinne von fanum z.B. auch die Kultbilder (lat. imago, großinquisitorisch Götzenbild) gehören, was natürlich für die Archäologie keine sehr praktische Definition wäre. :schild:

      Dementsprechend: :-[ und Sorry.
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