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Interview mit Jossander sot Maura
Geführt von: Jerron
Hinter seinem riesigen blankpolierten Schreibtisch aus
schwarzem Marmor, auf dem sich lediglich einige penibel
akurat drapierte Griffel, Federkiele und Tintenfässer nebst
einer silbernden Statuette des mabedianischen Schiffes
befinden, sitzt sehr aufrecht und sehr steif Jossander sot
Maura, der Reichskanzler Nebrinns auf einem schlichten
ungepolsterten schwarz lackierten Stuhl. Hinter sich Regale
mit unzähligen Akten mit davor drapierter nebrinner
Flagge.
Mit klaren eisblauen Augen blickt er den Besucher entgegen,
mit viel gutem Willen mag man in seinem Antlitz sogar den
Anflug eines unverbindlichen Lächelns sehen. Der
Reichskanzler hat extra einige seiner Termine verschoben, um
den fremden Besuchern Rede und Antwort zu stehen. (Anm: Ein
paar mehr Infos über den Herrn Reichkanzler gibt es übrigens
hier.
)
Ehana: Herr Reichskanzler - bitte
korrigieren Sie mich, wenn ich eine falsche Anrede
gebrauche - , was mich zunächst interessiert, ist Ihr
Tagesablauf. Wie genau sieht der aus, welchen Pflichten
müssen Sie jeden Tag nachgehen, und widmen Sie wirklich den
ganzen Tag ihrem Posten, jede freie Minute?
Jossander sot Maura: "Herr
Reichkanzler" reicht völlig aus. Wenn Sie unbedingt
wollen, können Sie auch "Exzellenz" sagen.
Nungut, zu meinem Tagesablauf... Die Geschichten denen
zufolge ich hier in meinem Arbeitszimmer wohnen soll,
sind natürlich reichlich übertrieben.
Tatsächlich bewohne ich hauptsächlich die
Reichskanzlergemächer, welche direkt an dieses
Arbeitszimmer grenzen. (deutet auf eine Tür schräg hinter
sich) Hauptsächlich nutze ich diese Gemächer, um zu
schlafen, das Morgenmahl zu mir zu nehmen und mich
umzukleiden. Es stimmt schon, dass ich die meiste Zeit -
durchschnittlich 16-18 Stunden am Tag - mit
Staatsgeschäften verbringe, jedoch nicht immer in diesem
Arbeitszimmer. Hier halte ich mich vor allem auf, um
frühmorgens die Staatspapiere durchzuarbeiten oder bis
spät in die Nacht hinein Briefe, Anweisungen oder
Redemanuskripte zu verfassen. Außerdem finden in diesem
Raum häufig vertrauliche Besprechungen mit meinen
Ministern, mit Botschaftern oder auch meinen Agenten
statt. Für die wirklich wichtigen Unterredungen greife
ich aber auf andere Örtlichkeiten zurück, die nicht so...
bekannt sind.
Was meine sonstigen Termine betrifft, so stehen
Kabinettssitzungen, Debatten im Reichsrat, private
Audienzen mit den verschiedenen Vertretern einzelner
Interessensgruppen oder auch geistliche Messen auf der
Tagesordnung, ebenso wie Empfänge, Bankette und
kulturelle Ereignisse wie Opern- oder Theaterpremieren,
bei denen der Herr Reichkanzler zugegen sein muss
(verzieht leicht angewidert das Gesicht), und mit
weiteren Details möchte ich Sie nicht langweilen.
Meine wenigen Augenblicke der Muße benutze ich
vorwiegend, um zu meditieren und Kräfte für die nächsten
anstehenden Herausforderungen zu schöpfen. Ich besitze
die Fähigkeit, meine Umgebung völlig aus dem Bewusstsein
ausblenden und mich schnell in einen kontemplativen
Zustand versetzen zu können. Auch wenn mir oft nur wenige
Minuten Zeit dafür bleiben, so kann ich doch immer wieder
Kraft aus diesen Übungen schöpfen.
Ansonsten ist mir der Begriff "Muße" reichlich suspekt.
Ich kann mir nicht vorstellen, einfach nur tatenlos
herumzusitzen.
Felicitas: Herr Reichskanzler -
Ich habe mir ein wenig zu Ihrer Person durchgelesen... und
verzeihen sie mir diese etwas intime Frage... aber Sie
scheinen ein sehr einsamer Mann zu sein. So ganz ohne
Freunde, ohne jemanden dem Sie vertrauen können. Wie gehen
Sie damit um? Ist es nicht manchmal zu viel für Sie, all
dies Wissen, die ganzen Informationen und Geschäfte alleine
im Kopf haben zu müssen und überblicken zu müssen? Wie
entspannen Sie sich, um jeden Tag Ihre Arbeit so akkurat
und perfekt zu verrichten und um alles so genau zu planen
und zu überblicken?
Jossander sot Maura: Ich denke,
zum Teil habe ich damit auch schon die zweite Frage
beantwortet. Über meine Methoden zur Entspannung wissen
Sie ja nun Bescheid.
Was das Thema der Einsamkeit und des übermächtigen Drucks
angeht, so ist dies der Preis, den ich gezahlt habe mit
dem Antritt des Reichskanzleramtes. Der Privatmensch
Jossander sot Maura hat spätestens vor 9 Jahren aufgehört
zu existieren und wurde völlig durch den Reichskanzler
Jossander sot Maura ersetzt. Einige meiner Vorgänger
haben sich in ihren Entscheidungen allzu sehr von
persönlichen Beweggründen leiten lassen, und ich habe mir
geschworen, diesen Fehler nicht ebenfalls zu begehen.
Und selbstverständlich gibt es Leute um mich herum, denen
ich vertrauen kann. Es ist ja auch völlig unmöglich, das
Land Nebrinn im Alleingang zu regieren, mit all seinen
untereinander ständig intrigierenden Fürstenhäusern und
deren schier unüberschaubaren Beziehungsgeflecht. Ich
habe einen ganzen Haufen vertrauenswürdiger Mitarbeiter
um mich versammelt, von denen jeder eine klar umrissene
Aufgabe hat und innerhalb eines ausgeklügelten
Zusammenspiels erfüllt.
Man kann allerdings schon sagen, dass letztendlich alle
Fäden bei mir zusammenlaufen und mir somit ermöglicht
wird, so gut es eben geht, den Überblick über die
Zusammenhänge zu erhalten. Außerdem bin ich beileibe kein
allmächtiger Alleinherrscher, dessen Befehl ein jeder zu
gehorchen hat. Nein, es ist stets eine enorme
Überzeugungs- und Kompromissfindungsarbeit vonnöten, um
in diesem Land etwas voranzubringen, und dazu kann ich
nun mal nicht ganz alleine beitragen und dazu habe ich
mein Netzwerk der Vertrauten.
Aber Sie vermuten schon richtig, das Vertrauen erstreckt
sich rein auf staatsgeschäftliche Belange. Persönliche
Anliegen, Ängste und Sorgen mache ich allein mit mir
selbst aus, und mit dem Herrn Mabed. [* lächelt kurz und schlägst das Zeichen des
Schiffes über der Brust *]
Felicitas: Wo sie gerade Ihren
Glauben so ansprechen... Herr Reichskanzler. Ich würde
gerne mehr darüber erfahren. Es interessiert mich fremde
Religionen kennen zu lernen. Wie sehen sie Mabed... oder
sollte ich auch Herr Mabed sagen? Ist er eine Vaterfigur,
mit der man alles bereden kann? Oder wird er eher als der
distanzierte Gott angesehen, dem man sich nur in strengen
Ritualen und Lithurgien nähern darf? Ist er ein richtiger
Gott? Oder eher nur ein geistlicher Führer, wie bei uns der
Dalai Lama oder Buddha? Gibt es eine Art Gottediens bei
Ihnen?
Jossander sot Maura: Ich weiß
zwar nicht, wer dieser Dalai Lama oder dieser Buddha
sind, aber ich kann Ihnen versichern, dass es sich bei
Mabed um keinen geistlichen Führer handelt. Ob er ein
richtiger Gott ist... (schmunzelt) Was stellen Sie sich
unter einem "richtigen Gott" vor? Mabed ist die
Schöpfung, durch ihn wurde in der ewigen Veränderlichkeit
etwas geschaffen, das bleibt, eben die Schöpfung. Er ist
immer und überall in allem um uns herum gegenwärtig. Das
was wir als unsere von Naturgesetzen gesteuerte Welt, als
unsere Realität, unsere Realität kennen, das ist Mabed.
Insofern ist er also kein distanzierter Gott, man muss
sich ihm nicht "nähern". Man muss ihn nur erkennen und
verstehen, dass er in Allem ist.
Eine Vaterfigur... nun, man kann sicherlich zu ihm
sprechen, doch er wird niemals antworten, oder sich
helfend einmischen. Warum sollte er sich lenkend in den
Lauf der Welt einmischen oder gar Wunder wirken, die den
Gesetzen der Schöpfung zuwiderhandeln würden?
Das was Sie als "Gottesdienst" bezeichnen, ist in unserer
Religion eine durch Ritauale und Liturgien gestützte
Reise in Selbst, die den Einzelnen stärkt und das
Vertrauen gibt, an sich selbst zu glauben und sein
eigenes Schicksal in die Hand zu nehmen.
Heinrich: Es heißt, Sie würden
über sehr viel Wissen verfügen. Wo haben sie dieses Wissen
gesammelt? Hatten sie einen Privatlehrer, sind Sie in eine
Schule gegangen oder haben Sie sich das Wissen
selbstständig angeeignet? Und wo ich schon einmal dabei
bin. Wie sieht es beim gemeinen Volk aus? Gibt es eine
Schulpflicht? Lernen die Kinder von ihren Eltern? Gibt es
Klosterschulen oder staatliche Schulen? Wie eng ist Wissen
und Glaube überhaupt miteinander verknüpft?
Jossander sot Maura:
[* lacht *] Bitte
entschuldigen Sie meinen Heiterkeitsausbruch, aber die
wichtigste Maxime der mabedianischen Religion ist die
Ansammlung von Wissen, mit dem Ziel, das Wesen der Welt
und damit der Schöpfung, zu verstehen. Wissensbildung hat
in unserer Kultur also einen sehr hohen Stellenwert und
findet hauptsächlich im Auftrag der Kirche statt.
Die allgemeine Schulpflicht in Nebrinn ist mir persönlich
schon seit geraumer Zeit ein Herzensanliegen und in den
meisten größeren Städten Nebrinns auch bereits
verwirklicht. Auch wenn wohl in den ärmsten
Bevölkerungsschichten diese Pflicht nicht so genau
genommen wird. Und gerade für diese Leute ist es doch
besonders wichtig, sich Wissen und Bildung zu
verschaffen, um sich selbst aus ihrer Armut befreien zu
können. Am besten gelungen ist die Umsetung der
allgemeinen Schulpflicht in den wenigen Gebieten, die
unter kirschlicher Verwaltung stehen. Jedoch gibt es auch
den einen oder anderen sturen Landesfürsten, der seine
Bevölkerung lieber dumm halten will, um sie besser
beherrschen zu können und der Bildung nur ausgewählten
Bevölkerungsschichten zuteil werden lässt. Da der Staat
sich nicht in die internen Angelegenheiten der einzelnen
Fürstentümer einmischen darf, sind mir und auch der
Kirche dort weitgehend die Hände gebunden.
Ich persönlich wurde von Privatlehrern unterrichtet,
Brüder und Schwestern des Maronthinerordens. In die
"Lehre" gegangen bin ich bei meinem Vater, dem Grafen von
Dûn, und nach seinem Tod habe ich meiner Schwester, der
Gräfin, dann als Mevetron (Anm: eine Art
Haushofmeister oder Verwalter ) gedient und dort
gelernt, wie man für Zucht und Ordnung in einer
Grafschaft sorgt.
Vinni: Herr Reichskanzler, Ihren
Worten entnehme ich, daß Sie keine Familie haben oder
zumindest keine näheren familiären Bindungen? Wie kommt
das? Hatten Sie einfach nie Zeit oder das Bedürfnis, eine
Familie zu gründen? Ist die Politik schlicht wichtiger?
Oder gäbe es vielleicht sogar die Möglichkeit einer
taktisch klugen Heirat?
Jossander sot Maura: Familiäre
Bindungen bestehen über meine Schwester, die Gräfin von
Dûn.
Aber zur Gründung einer eigenen Familie eigne ich mich
nicht. Sie werden sich jetzt sicherlich fragen, wie
jemand, der die Verantwortung für ein gesamtes Land
trägt, sich davor scheut, die Verantwortung für eine
Familie zu übernehmen. Wie ich bereits ausgeführt habe,
habe ich jegliche private Ambitionen mit dem Antritt
meines Reichskanzleramtes ausgeblendet. Eine Familie
würde hinter den Belangen des Staates zurücktreten müssen
und zwangsläufig vernachlässigt werden. Und dies würde
ich meiner Familie nicht zumuten wollen.
Die Möglichkeit einer "taktisch klugen Hochzeit", um
seine eigene Stellung zu verbesser, anstatt dies durch
eigene Leistung zu tun, verabscheue ich zu tiefst. Und
außerdem... [* lacht *] ich
bin der Reichskanzler! Welche Ambitionen sollte ich wohl
noch haben?
Übrigens: In der Zeit vor meiner Ernennung zum
Reichskanzler hatte ich nie das Bedürfnis verspürt, mich
an eine Person zu binden oder eine eigene Familie zu
gründen. Aus Gründen, zu denen ich mich hier nicht weiter
äußern werde.
Vinni: Wie lange wollen Sie
diesen Posten ausfüllen, Herr Reichskanzler? Gibt es dafür
Regelungen oder ist es ein Posten auf Lebenszeit? Oder
wurden Sie als Reichskanzler gar gewählt? Sie müssen
entschuldigen, daß ich mit den Gepflogenheiten Ihres Landes
diesbezüglich nicht vertraut bin. Und was haben Sie vor,
falls Sie sich von dem Posten irgendwann zurückziehen? Sie
sind, gestatten Sie den Ausdruck, ein Mann in den besten
Jahren und haben sich vielleicht doch schon über Ihre
weitere Zukunft Gedanken gemacht?
Jossander sot Maura: Der
Reichskanzler wird für eine Amtszeit von fünf Jahren
ernannt und kann im Prinzip unbegrenzt oft in seinem
Posten bestätigt werden. Nur sehr wenige meiner Vorgänger
haben es dabei allerdings auf mehr als zwei Amtszeiten
gebracht. Der 26. Reichskanzler Gend Margoth hatte das
Amt 17 Jahre lang inne und der 46. Reichskanzler Jowan
Vikevo sogar 20 Jahre lang.
Ich selbst befinde ich nun im 9. Jahr meiner
Kanzlerschaft, und rein statistisch gesehen müsste ich
mich tatsächlich auf ein Leben nach dem Amt einstellen.
Jedoch bin ich mir absolut sicher, alles in die Wege
geleitet zu haben, auch im nächsten Jahr wieder in meinem
amt bestätigt zu werden.
Sie müssen wissen, dass der Reichskanzler von den
Abgeordneten des Reichsrates gewählt wird, in dem
Vertreter der einzelnen Fürstentümer sitzen -
entsprechend der Bevölkerungszahl ihres
Herrschaftsbereiches und dem Rang des Fürsten (Anm:
Ein Großherzog hat mehr Sitze im Reichsrat als ein
einfacher Baron ). Gegenwärtig setzt sich der
Reichsrat aus den Fraktionen der vier großen
Fürstenhäuser, der Kirche sowie einiger unbedeutender
unabhängiger Gruppierungen zusammen. Keine dieser
Fraktionen ist mächtig genug, alleine die Geschicke des
Reiches zu bestimmen.
Die Unterstützung der Kirche habe ich auf jeden Fall, und
was die anderen Fraktionen angeht... nun ja, wie gesagt,
ich bin zuversichtlich, dass ich im nächsten Jahr in
meinem Amt bestätigt werde
KeyKeeper: Lord Vetinari, was
haltet Ihr eigentlich von Pantomimen?
Aeh... ja... Also, Exzellenz, was esst ihr denn am
liebsten?
Jossander sot Maura: Ich habe
nun wirklich keine Zeit, mich mit solch banalen Themen zu
beschäftigen. Nächste Frage bitte.
KeyKeeper: Ihr esst NICHTS?
Findet Ihr das nicht eine etwas uebertriebene Hingabe zum
Beruf? Ich meine, man sollte sich schon Zeit nehmen, etwas
zu essen. Ausser natuerlich, man ist untot - was Euer Volk
aber vermutlich auch nicht weiter verwundern duerfte, bei
dem Stil, den Ihr pflegt, mit Verlaub...
Jossander sot Maura: Natürlich
esse ich etwas.
Aber ich verschwende keine Zeit damit, mir über solch
banale Themen wie den Geschmack des Essens Gedanken zu
machen.
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