Namen und Sprachen bauen

Ideen und Tips von Dorte
Zuletzt überarbeitet im Januar 2007

Früher oder später wird fast jeder Weltenbastler mit einem sprachlichen Problem konfrontiert. Dies kann in vielerlei Formen passieren - vielleicht will er passende Namen für seine Figuren oder Schauplätze haben, vielleicht schreibt er Geschichten und will dort Fragmente einer fremden Kultur in Form von Sprache unterbringen. Die Gründe können also sehr unterschiedlich sein, aber die grundsätzlichen Fragestellungen und Probleme sind, denke ich, die gleichen. Ich möchte deswegen versuchen, ein paar Ideen und Tips weiterzugeben, die ich als langjährige Sprachenbastlerin erarbeitet habe.

1. Namen und sinnlose Texte

Man kann Namen auf vielerlei Weisen erfinden. So kann man sich z.B. in sein Zimmer setzen und laut Silben vor sich hinsagen, bis man Kombinationen findet, die einem zusagen. Diese versucht man dann, mit dem Alphabet wiederzugeben.
Ähnlich einfach ist auch die Methode, bekannte Silben einer Sprache einfach neu zusammenzusetzen. So kann man die deutschen Silben er, ver, en, in, spra, ben etwa als "fremde Wörter" benerin, verener, spraver oder ähnliches benutzen. Ein Programm, das so funktioniert, wurde vor geradezu ewig langer Zeit von meinem Bruder geschrieben. Es kommt komplett mit vielen Silben aus Tolkiens Elfensprachen Quenya und Sindarin sowie mit seinem Orkisch und einer Kombination aus deutschen Silben. Auch eigene "Sprachen" können erstellt werden. Das Programm erstellt fertige Texte, die man übernehmen kann oder aus denen man Wörter herauspicken kann. Das Programm gibt es kostenlos zum Herunterladen als ZIP-Datei.
Eine weitere einfache Methode bietet der Fantasy Name Generator" an. Allerdings ist er hiermit schwerer, eine in sich schlüssig klingende Sprache zu basteln, weil die Wörter eben völlig zufällig generiert werden und nicht auf irgendwelchen sprachlichen Regeln basieren.
Zu guter Letzt kann man auch bekannte Wörter etwas verfremden. Der simple Name Elisabeth kann so leicht zu Yelshaveth werden. Sieht ungewöhnlich aus, ist mit etwas Kreativität aber sehr leicht zu erschaffen.

All diesen Methoden haben eins gemeinsam: Sie erstellen fantastische Buchstabenkombinationen - aber leider ohne jegliche Bedeutung. Damit ist jeder bedient, der einfach "cool" aussehende Namen und Texte haben will, aber nicht diejenigen, die diese Texte dann auch übersetzen wollen. Zum ersten Rumspielen mit Sprache taugen sie aber alle gut.

2. Die "Wörter ersetzen"-Methode

Bei dieser Methode werden die Wörter einer bekannten Sprache einfach durch erfundene Wörter ersetzt (diese kann man gut nach den Prinzipien aus dem ersten Punkt erfinden). Das funktioniert z.B. so:
Man nehme eine Sprache, die man gut kennt, in unserem Fall also wahrscheinlich Deutsch oder Englisch. Dort ersetze man jedes Wort durch ein erfundenes Wort.

Beispiel:
I saw my friend yesterday.
Shi aha til yianu iwar.

oder:
Ich ging in den Wald.
Shi turak na il sokar.

Die Wortstellung bleibt also gleich. Am einfachsten ist es, wenn man auf Schwierigkeiten wie verschiedene Zeiten, Konjugation von Verben ("ich gehe, du gehst, er geht" etc.), Deklination von Nomen und Artikeln ("der Hund, des Hundes, den Hund" etc.) und grammatische "Abartigkeiten" einfach ignoriert. Kaum jemand wird schließlich je eine erfundene Sprache auf Sinn überprüfen.
Wem das aber nicht reicht, der muss sich wohl daran machen, eine Kunstsprache zu erschaffen.

3. Kunstsprachen

Die international wohl bekanntesten Kunstsprache in unserer Welt ist Esperanto. Das heißt, man kennt sie dem Namen nach, aber kaum jemand spricht sie. Im Fantasy-Sektor sind Tolkiens Elbensprachen recht gut verbreitet. Im Science-Fiction-Sektor sticht natürlich das Klingonische hervor. Sowohl die Elbensprachen als auch das Klingonische verfügen nicht nur über liebevoll zusammengeschusterte Sprachstruktur, sondern kommen komplett mit der Historie des Volkes, das die Sprachen spricht, daher. Diese Sprachen stellen für mich die Endstufe des Sprachenbastelns dar, aber bis dahin ist es ein langer Weg. Lasst uns erst einmal langsam anfangen.

Eine Kunstsprache zu erschaffen ist äußerst aufwändig - ich möchte sogar sagen, eine Lebensaufgabe. Wenn du keine Ahnung von Grammatik hast, wirst du es beim freien Erfinden einer Sprache äußerst schwer haben. Entweder bleibst du dann bei der "Wörter ersetzen"-Methode, oder aber du eignest dir Grundkenntnisse der Sprachwissenschaft an, indem zu z.B. die Grammatik mehrerer Sprachen etwas genauer studierst oder dir Einführungsbücher zum Thema Linguistik/Sprachwissenschaft besorgst. Mit Grundkenntnissen sowohl der Sprachen als auch der grammatischen Begriffe fällt es einem nach meiner Erfahrung deutlich leichter, eigene Sprachen zu entwickeln.

3.1 Erweitertes "Wörter ersetzen"

Diese Methode ist ähnlich wie die unter Punkt 2, allerdings wird hier zusätzlich die Grammatik erarbeitet. Diese Methode ist allerdings nur geeignet, wenn man über ein gewisses Grundwissen verfügt und weiß, was z.B. Adjektive oder Pronomen eigentlich ungefähr sind.

Was tut man nun also? Am besten schaut man sich eine Grammatik zur Sprache an, die man als Grundlage nimmt - nehmen wir mal Deutsch. Jetzt fängt man an, die Konjugation der Verben und die Deklination der Nomen auf die eigene Sprache hin abzuändern.
Hat man also im Deutschen das Paradigma "der Wald, des Waldes, dem Wald(e), den Wald", so macht man daraus "su sok, sen soki, il sok(i), la sok" oder sonstiges. Aus "ich gehe, du gehst, er geht, wir gehen, sie gehen, ihr geht" macht man z.B. "shi turak, he turalk, ne turas, kui turav, sui turav, hon turas". Zwecks Übersichtlichkeit schreibt man sich jetzt die Endungen der Wörter gesondert auf und hat so eine wunderschöne Vorlage für die Flexion unbegrenzter Wörter.

Es empfiehlt sich generell, die teils seltsamen Ausnahmeregelungen der Ausgangssprache zu ignorieren und die logischste und einfachste Variante vorzuziehen. Im Deutschen haben wir ja z.B. starke und schwache Verben, was man an der Vergangenheitsform schön sehen kann: "ich gehe - ich ging", aber "ich humpele - ich humpelte". Wenn ich jetzt die Vergangenheitsform unserer Sprache bastele, wähle ich die zweite Variante, weil ich sie besser in einer Tabelle darstellen kann als die erste, die durch die Umlautung sehr komplex ist.

Man muss sich auch nicht sklavisch daran halten, welcher Teil der Wortendung wohin gehört. Wenn man "du - humpel+te+st" aufdröselt, erhält man ja "Pronomen zweite Person singular - humpeln + Vergangenheit + zweite Person singular". Es hält uns aber nichts davon ab, die Stellung von Vergangenheit und Personenendung am Verb zu vertauschen. Machen wir's doch einfach, dann sieht es gleich weniger platt geklaut aus. Nehmen wir mal ein "a" als Vergangenheitsmarkierung. Also heißt unser "gehen"-Paradigma in der Vergangenheit so: "shi turaka, he turalka, ne turasa, kui turava, sui turava, hon turasa". Das sieht doch nett aus.

Nun erstellen wir auf Teufel-komm-raus Tabellen und Übersichten über alles, was in unserer Sprache flektieren soll. Im Deutschen sind das z.B. Pronomen, Artikel, Substantive, Adjektive und Verben. Nachdem man sämtliche Schemata für die Flexion (Beugung) der verschiedenen Wortklassen erstellt hat, geht man wieder zum Wörter ersetzen über, nur diesmal sollte man peinlich darauf achten, auch die richtigen Formen zu verwenden. Denkt dran: Ausnahmen vermeiden! Die machen das Sprachenbasteln zu diesem Zeitpunkt nervenaufreibend und frustrierend.

Beispiel:

Ich gehe in den Wald.
Shi turak na la sok.

Ich ging in den Wald.
Shi turaka na la sok.

Ich gehe zu dem (zum) Wald.
Shi turak he il (hel) sok.

Auf diese Weise erreicht man ein schon recht hohes Maß an Authentizität. Oder sehen die Sätze für euch typisch Deutsch aus?
In der weiteren Entwicklung der Sprache kann man dann auch Ausnahmen und Sonderfälle erfinden und einbauen. Dabei sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt.

3.2 Vermischen von Sprachen

Diese noch weiterführende Variante der "Wörterersetzen"-Methode verlangt recht gute Kenntnisse mehrerer Sprachen sowie Grundzüge der Sprachwissenschaft. In dieser Variante erstellt man nämlich eine eigene Grammatik mit eigenen Satzbauregeln, indem man zwei oder mehrere Sprachen mit ihren Eigenarten vermischt. Für die meisten Deutschen bieten sich Deutsch und Englisch an, die glücklicherweise schon relativ unterschiedlich sind, was Wort- und Satzbau angeht.
Ein weitaus höheres Maß an Kuriosität und Einzigartigkeit der Sprache lässt sich jedoch erreichen, wenn man Sprachen hinzunimmt, die im großen "Stammbaum" der Sprachen nicht so eng miteinander verwandt sind, etwa Finnisch, Arabisch, Japanisch, Chinesisch und andere "exotische" Sprachen. Hierzu muss man die Sprachen nicht wirklich sprechen können. Es reicht, wenn man sich z.B. Sprachführer mit Grammatik-Tabellen besorgt oder aus linguistischen Lehrbüchern Sprachbeispiele heraussucht und die dort verwendeten grammatischen Strukturen benutzt.

Doch auch mit Deutsch und Englisch kann man schon eine Menge anfangen. Man kann zum Beispiel den deutschen Flexionsreichtum der Verben und Nomen mit englischer Satzstruktur verbinden: "ich gehe jetzt in den Wald" plus "I'm going into the forest now". Oder man nimmt für einige Phänomene deutsche und für andere englische Vorlagen, etwas deutsche Substantivbeugung plus englische Verbformen: "Ich am going in den Wald", "Er has been hitting mich mein Leben lang"... Jeweils Formen erfinden, in die eigene Sprache übersetzen, fertig. Alles ist möglich.

3.3 Absolute Kreativität

Wenn man Stufe 3.2 gemeistert hat, steht einem praktisch der Weg offen für alles andere. Man kann den Satzbau willkürlich verändern - Verben z.B. an den Anfang stellen, Artikel an Nomen anhängen etc.Spätestens hier sollte man sich die für uns fremden Sprachen der Welt anschauen, also alle, die nicht indoeuropäisch sind. Die "Kauderwelsch"-Buchreihe bietet ein außerordentlich breites Programm von kleinen Büchlein an, in denen die jeweiligen Sprachen knapp und übersichtlich vorgestellt werden - es kann nicht schaden, sich einige davon zuzulegen. Mit etwas Sprachgefühl kann sich die Fantasie dann frei entfalten. Ich habe z.B. in meiner Sprache Yadorsh beschlossen, dass die Nomen kein Geschlecht mehr haben. Es gibt die Standard-Deklination (die man am besten mit "Neutrum" bezeichnen könnte) sowie eine maskuline und eine feminine. Welche verwendet wird, hängt davon ab, ob das Wort näher definiert wurde. Wenn nicht, bleibt es einfach in der Standard-Deklination, was ungefähr folgend aussieht:
"das Hund" - irgendein Hund unbekannten Geschlechts
"die Hund" - eine Hündin
"der Hund" - ein Rüde

Solche Phänomene sind im Deutschen natürlich nur schwer wiederzugeben. Sie aber machen den wirklichen und einzigartigen Charakter einer Sprache aus.

4. Noch mehr Kreativität: Laute und Schriften

Schließlich kann man natürlich auch das Lautinventar einer Sprache festlegen. Man muss ja nicht nur deutsche Laute verwenden. Warum streicht man z.B. nicht einfach deutsche Laute wie O, Ö, T und W und nimmt dafür aus dem Englischen das "th", das "w" und ein französisch nasaliertes "e"? Auch hierfür ist es, so sieht man, nützlich, wenn man Fremdsprachen kennt. Aus mehreren Sprachen kann man sich so ein einzigartiges Lautinventar zusammenborgen.
Wichtig ist es hier, dass man die Laute sinnig in Alphabetform wiedergibt, weil man sonst nur schwer den Überblick über seine ganzen Aufzeichnungen behält. Daneben kann es aber auch nett sein, ein eigenes Schriftsystem für die Sprache zu entwerfen, denn das deutsche Alphabet engt doch sehr ein.

5. Literatur

Ich selbst studiere Allgemeine Sprachwissenschaft, Englisch und Nordische Sprachen. Deswegen habe ich mittlerweile einen recht großen Wissensfundus im sprachlichen Bereich angesammelt. Meine Sprachenbastelei habe ich jedoch begonnen, als ich in der 10. Klasse war. Schon dort bin ich bis zum Punkt 3.1 gekommen, allein mit meinem Schulwissen.
Um die weiteren Schritte vollziehen zu können, war allerdings für mich weiterführendes Wissen notwendig, das ich in der Uni aus Fachbüchern bezogen habe. Wer also wirklich tief in sprachwissenschaftliche Dimensionen einsteigen will, sollte sich Fachbücher über Grammatik und Lautlehre zulegen. Bei einem Gang durch eine Uni-Buchhandlung oder einem Streifzug durch einen Online-Buchladen sollte man auf Begriffe achten wie Syntax (Satzbau), Grammatik, Morphologie (Bildung von Wörtern), Phonetik (Lautlehre), Phonologie (Laute und Lautgesetze in Sprachen) und natürlich, wie schon mehrmals erwähnt, auf Einführungen in Fremdsprachen.

Einige Bücher, die ich als Student gerne öfter in die Hand nehme, liste ich jetzt auf; inwieweit sie allerdings zum alleinigen Selbststudium ohne Vorlesungen oder Seminare geeignet sind, kann ich leider nicht beurteilen:

  • Angelike Linke, Markus Nussbaumer, Paul R. Portmann: Studienbuch Linguistik. 19,90 Euro
    Dies ist ein sehr umfangreicher Wälzer, dessen Name wirklich Programm ist: leicht verständlich und sinnvoll aufbauend werden hier alle Aspekte der modernen Sprachwissenschaft sehr ausführlich erklärt. Im Bereich der Lautlehre wird z.B. der menschliche Sprechapparat erklärt, bevor auf Akustik eingegangen wird. Der Grammatik-Teil ist recht umfassend und wie auch der Rest gut erklärt. Da es jedoch ein einführendes Fachbuch in die Allgemeine Sprachwissenschaft ist, werden auch hier Themen behandelt, die für einfache Sprachenbastler nicht relevant sind.
  • Hadumod Bussmann: Lexikon der Sprachwissenschaft. 29,80 Euro.
    Wenn dich das Sprachfieber wirklich gepackt hat und du dich aus Hobby intensiv mit Sprachen beschäftigst, kann ich dir dieses Nachschlagewerk empfehlen. Wie der Titel schon sagt, ist es wirklich ein Fachbuch. Exemplare älterer Ausgaben sind bestimmt günstiger zu haben und sollten völlig ausreichen..
  • David Crystal: Die Cambridge Enzyklopädie der Sprache. leider vergriffen.
    Mein Lieblingsbuch - vielleicht ist es ja irgendwo gebraucht zu bekommen. Dieses sehr umfangreiche Werk erläutert nahezu alle Aspekte der modernen Sprachwissenschaft und enthält auch für Sprachenbastler interessante Themen wie Graphologie (Schriften) und Sprachwandel. Allerdings werden alle Themen nur sehr knapp, dafür aber unterhaltsam und gut verständlich, dargestellt. Es enthält jedoch auch viele Artikel, die für den normalen Sprachenbastler zunächst nicht so interessant sind (etwa Soziolinguistik, also der Zusammenhang von Gesellschaft und Sprache).
  • Sprachführer.
    Schaut einfach mal in einer großen Buchhandlung nach exotischen Sprachen. Langenscheidt und die Kauderwelch-Reihe bieten eine äußerst große Auswahl, von Latein bis Isländisch, von Walisisch bis Khmer. Für Sprachenbastler, die sich für eine bestimmte Sprache als Element ihrer eigenen Sprache interessieren, lohnt sich ein Gang zum Regal über Fremdsprachen in der örtlichen Buchhandlung also durchaus. Achtung: Schaut vorher hinein, ob wirklich Grammatik UND Aussprache erklärt werden, sonst lohnt sich die Anschaffung kaum. Auch sollte zu Beginn die Lautschrift wenigstens in groben Zügen erklärt werden, da ihr sonst beim Lesen des Buches nicht wirklich alle Infos ausschöpfen könnt.
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