Die Überfahrt

(von Zoey)

Vor dem elften Türchen liegen zusammengerollte Taue und einige Fässer, die sein Durchqueren erschweren. Aber wer hindurch will muss sich ohnehin am knarrenden hölzernen Türchenrahmen festhalten, denn das Türchen ist Teil eines größeren Schiffs, welches durch den Seegang schwankt und schaukelt…

Nalda blinzelte der Sonne entgegen, deren Strahlen sich im wellenreichen Meer spiegelten und ihr wie kleine Funken entgegenglitzerten. Hier war sie nun also, auf einem Schiff der Händler, auf dem Weg zu ihrer Stadt, auf der Suche nach Roldo, ihrem Gefährten.

Sie seufzte. Sie war ab und zu mit einem kleinen Flößchen um ihre kleine Heimatinsel gefahren, deswegen war sie das Schaukeln des Schiffes gewohnt. Trotzdem war das große Schiff auf dem sie sich befand natürlich überhaupt nicht zu vergleichen mit ihren kleinen Touren. Sie streckte und räkelte sich, an die Betten musste sie sich gewöhnen. Normalerweise schlief sie nur auf ein Haufen getrocknetem Gras. Die Kojen besaßen hier aber wunderbar weiche Decken und Kissen. Für Naldas Geschmack etwas zu weich, sie brauchte immer eine Ewigkeit sich einigermaßen erstickungssicher reinzulegen, da sie etwas kleiner und dementsprechend zierlicher war als die Händler, mit denen sie fuhr. Aber trotzdem genoss sie die Fahrt.

Die braunhäutigen Händler waren alle miteinander nett zu ihr und versorgten sie mit allem was sie brauchte, besonders der Händler "Kistenfracht" hatte es ihr angetan. Kistenfracht war einer der Älteren, hatte schon überall unzählige Falten und hatte für Nalda immer ein herzliches Lächeln auf dem Gesicht. Außerdem hatte Kistenfracht eine unendliche Geduld mit ihr und beantwortete all ihre Fragen, die sie zu all den unglaublichen Gerätschaften auf dem Schiff hatte.

Da waren zum Beispiel überall merkwürdige Griffe rund ums Schiff. In manchen Gefilden gab es sehr viele und sehr schnelle Schnecken, die sich an den Rumpf saugten und sich ins Schiff hinein bohrten. Rund um die Unterseite waren kleine Schienen angebracht auf denen kleine Schrubber mit Hilfe der Griffe hin und herfuhren und so die Schnecken vom Rumpf wieder wegwischten.

Hinter Nalda, die sich die Griffe nochmal genau anschaute, um herauszufinden wie die Schrubber hin und hersausten, tauchte Kistenfracht auf, der sie wieder einnehmend anlächelte. "Na? Gut geschlafen, Prinzessch'n?" Nalda hatte ihm schon unzählige Male erklären wollen, dass ihr Name nicht Prinzessch'n sondern Nalda war, aber das schien ihm nicht mal im Entferntesten zu interessieren und somit hatte sie es aufgegeben. Sie nickte. Er blickte in die Ferne und lächelte sie verschmitzt an. "Gleich komm' wat viel interessanteres als das da." Er zeigte auf die Schrubber. Nalda schaute verwundert in die Richtung in der Kistenfracht blickte, konnte aber nichts erkennen. Sie bemerkte aber, das alsbald alle Crewmitglieder ohne Ausnahme an Deck waren. Selbst der Koch, den sie nur in der Küche oder im Gemeinschaftsraum gesehen hatte, war auf dem Deck aufgetaucht. Alle hatten sie ein kleines Flößchen in den Händen und eine Art Kerze. Die sonst so laute und lustige Mannschaft erschien ihr geradezu penetrant ehrfürchtig. Kistenfracht zog sie zur Seite und zeigte mit dem Finger auf ... einen riesigen Kopf im Meer.

Nalda traute ihren Augen kaum, da starrte sie ein gewaltiger Kopf aus dem Wasser an, der fast so groß war wie das Schiff selber. Drumherum waren ungefähr 5 große Pfeiler verteilt, deren Spitzen müde in den Himmel ragten. "De' Pfeiler stehen für de' fünf verschieden'n Himmelsrichtung'n." erläuterte ein Matrose. Um den Kopf wabberte und strömte das Wasser so sehr, dass man im kalten Nass nicht viel erkennen konnte. Nalda fragte sich, ob die Pfeiler bis zum Boden reichten, sie waren gewaltig. Ebenso der restliche Körper vom Kopf, sie sah nur ab und an den Mund, der von den Wellen umspült wurde.

Die Mitglieder der Mannschaft traten einer nach dem anderen vor, zündeten die Kerzen an, verschlossen die Behälter, die vor dem Wind schützten, und ließen sie von einer Leiter runter ins Wasser gleiten.
"Das is' Riem, Gott des Meeres, " erklärte Kistenfracht flüsternd. "Jedesmal wenn wir an ihm vorbeifahr'n, geb'n wir ihm was er nich' hat: Lich'." Nalda blickte etwas irritiert zur Sonne, verkniff sich aber jegleichen Kommentar. "Siehst' die fünf Pfeiler rund um Riem? Die Flössch'n müss'n zu ihm reinfahr'n, sonst lässt er uns nich' weiter fahr'n und gibt uns nich' seinen Seg'n..." Das letzte Floß hatte das Schiff verlassen. "... für's heil nach Hause komm'n." fügte Kistenfracht noch schnell hinzu als er Naldas fragenden Blick sah. Alle - Nalda eingeschlossen - hielten den Atem an und schauten den Flößchen bedächtig zu wie sie auf Riem zuschipperten. Riem selber hatte sich während der ganzen Prozedur keinen Zentimeter bewegt, aber es schien als beobachtete er alles ganz genau. Nalda schauderte. "Was passiert, wenn gar keins trifft?" - "Sch!" Ein Händler schaute sie fast zornig an. "Das woll'n wa' nich' hoff'n, nich' klaine Prinzessch'n?" Kistenfracht stubste sie an. Doch als hätte Nalda es heraufbeschworen, schipperten einige der kleinen Flösse an den Pfeilern vorbei. "Das war zu früh, das war zu früh! Wir ham se' zu früh losgelass'n!" brüllte einer der Seemänner. Eine regelrechte Panik brach aus, Nalda starrte wie gebannt auf Riem, der sich wie zuvor nicht regte. Ein Floss war durch, aber dafür waren vier von ihnen ganz verloren.

"RUHE!" schrie der Kaptäin. "Macht noch ein paar Flösse fertig, schnell!" Sie spurteten und rannten, um noch ein paar Flösse mit Kerzen aus dem Frachtraum zu holen, doch es war zu spät. Ein lautes Knarzen zeugte davon, dass sie feststeckten. "Riem hat uns gepackt, Riem hat uns gepackt!" hallten Schreie durch das ganze Schiff. Nalda stellte sich eine riesige Hand vor, traute sich aber nicht, auf das Meer zu gucken. Ihr Herz raste.

Der Koch schnappte sich alle möglichen Flösse, die sie noch hatten und rannte zu einen der Beiboote, wobei er die Hälfte auf dem Weg dorthin verlor. Kistenfracht hielt ihm am Arm fest: "Was hast'n vor?" - "Wir müss'n ihn halt besänftigen. Mit 'nem Boot kann ich besser ran. Siehst doch, dass kaum eins trifft." - "Die Strömungen sind viel zu gefährlich, Mann." Der Koch riss sich los und ließ sich mit dem Boot runter auf Wasser gleiten. "Das is' Wahnsinn."
"Aaaaaaan die Schrubber!" rief der 1. Offizier und wie von Sinnen betätigten alle die Griffe, selbst Nalda schnappte sich einen, schob und zog. Wenn die Lage nicht so ernst gewesen wäre, hätte sie bestimmt mit ihrer Größe alle Lacher auf ihrer Seite, sie hoppelte und zappelte mit dem Schwung der Schrubber mit. Im Augenwinkel sah sie wie 'Kellenlöffel', der Koch, vor den Pfeilern angelangt war. Regelrecht zitternd zündete er die Kerzen an den Flössen mit einem Feuerzeug an und schraubte die Verschlüsse für die Behälter der Kerze wieder zu. Die Strömung hatte Kellenlöffels Boot geschnappt, sie zog ihn mitten in den Kreis zu Riem rein. Kellenlöffel schmiss alle Flösse ins Wasser.

Er hatte es endlich geschafft, in dem Kreis befanden sich 24 Flösse von 26 Mann.
Durch den Auftrieb den die Schrubber auslösten, konnte sich das Schiff befreien. Ein großer Jubel der Begeisterung übernahm das ganze Schiff, einer der Männer nahm sogar Nalda hoch und schmiss sie in die Luft. "Holt Kellenlöffel, unseren Helden!" rief einer der Seemänner, doch als sie sich umdrehten und ihm ein Rettungsseil zuwerfen wollten, war der Koch mitsamt Boot nicht mehr zu sehen. Sie drehten in einem großen Abstand noch ein paar Runden um Riem, doch er war in die Tiefen gerissen worden. "Er hat sich für uns geopfert. Is'n Held." seufzte Kistenfracht.
Es waren kaum Schäden auszumachen, hier und da konnten einige Schrubber nicht mehr betätigt werden und kleinere Lecks waren auszumachen, die aber recht flink geflickt werden konnte, man hatte schließlich Erfahrung durch die Schnecken, die gern mal Löcher reinfraßen.

Die restliche Überfahrt verlief wirklich verhältnismäßig ruhig, kein großer Wellengang, kein Sturm und auch kaum Regen. Nur ein paar Tröpfchen erreichten das Deck des Schiffes. Nalda blickte auf ein ein kleines Foto von Kellenlöffel, das sie an der Tür zur Küche aufgehängt hatten. Bei jedem Essen hauten sie kräftig auf den Tische und brüllten: "Kellenlöffel, Kellenlöffel, Kellenlööööffel!", so dass die Wände wackelten, wenn sie das nicht sowieso schon durch den Wellengang taten.

Als sie dann endlich in die Stadt der Händler ankam, fragte sie nach, ob sie das Bild des Koches haben dürfe, was der Kapitän bejahte. Nalda freute sich und verstaute es in ihrem Rucksack. So könne sie Kellenlöffel, den sie kaum gekannt hatte und zuvor als mürrisch abgestempelt hatte, immer in Ehren halten.

weiter zum nächsten Türchen