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Xentses und Srandilas lange Reise

(von dat Ly)

Der Türrahmen des vierzehnten Türchens besteht aus zwei dicken, verholzten Ranken. Jede entspringt auf einer Seite des Durchgangs, und je höher man blickt, desto stärker sind beide Ranken ineinander verschlungen. Nur zusammen sind sie stark und stabil genug, den Torbogen zu bilden.
Zwei Reisegefährten, die sich gerade erst neu gefunden haben, sind soeben durch dieses Tor geschritten, und sie haben noch einen weiten Weg vor sich. Manch ein Weltenbastler wird sich an die erste Begegnung der beiden noch erinnern.

Mehrere Tage waren vergangen, seitdem Srandila und Xentse, der kleine Seelendrache, sich bei den Wasserbetten ihres Volkes kennengelernt hatten – eine Begegnung, die ihr beider Leben von Grund auf verändert hatte.
Während Srandila mit jedem Tag mehr begriff, wie schwer sie es sich in den letzten Jahren gemacht hatte, weil sie nicht hatte akzeptieren können, dass ihre Vorfahren die Meere für ein Leben an Land verlassen hatten, war Xentse endlich nicht mehr allein. Zwar war Srandila nicht sein zweites Seelenstück, aber wenigstens konnte man mit ihr reden … die Bäume von Ethorn waren in den letzten Jahren wenig gesprächig gewesen.

Zu Beginn ihrer gemeinsamen Reise waren sie meistens schweigend gereist, weil Xentse dem plötzlichen Sinneswandel von Srandila nicht so recht getraut hatte, doch mit der Zeit waren sie beide gesprächiger geworden; so auch jetzt.


Sie saßen am Fuße eines alten Baumes, während die Sonne irgendwo hinter den Tausenden von Bäumen unterging und das Licht um sie herum immer dunkler wurde. Srandila schaute gedankenverloren in das dichte Blätterwerk über ihr, bevor sie unvermittelt fragte: „Warum haben die Götter euch das angetan? Warum teilen sie eure Seelen und stecken die eine Hälfte in einen Lyn'ebienne und die andere in einen Drachen? Was ist das für ein grausamer Scherz? Ich meine: jeder von uns erhält seine Seele bei seiner Geburt. Sie fällt von den Bäumen, dringt in uns ein und macht uns zu dem wer wir sind. Wie kann sich eine Seele also spalten und in zwei so weit voneinander liegenden und unterschiedlichen Körpern fahren?“

Zuerst war Xentse verblüfft über Srandilas Fragen. Er brauchte einige Zeit, bis er begriffen hatte, dass Srandila so gut wie gar nichts über die Seelenteilung der Lyn'ebienne und der Seelendrachen wusste.
„Die Götter haben damit nichts zu tun. Es war auch nicht immer so. Vor lange Zeit waren wir Befnaar nicht mehr als Tiere.“ begann Xentse schließlich vorsichtig zu erklären, doch wurde er gleich von Srandila unterbrochen: „Befnaar? Nennt ihr euch selbst so?“
„Ja! So wie dein Volk die Sedschu sind, so ist mein Volk die Befnaar. … Wie gesagt: wir waren früher nur einfache Tiere. Wir konnten nicht richtig denken und sprechen konnten wir auch nicht. Der Legende nach war es ein Traummagier, der uns das Bewusstsein einhauchte. Wie so oft war er noch ein Kind, als er jenes Wesen erschuf, das uns zwar intelligenter machte, aber letzten Endes sein eigenes Volk damit verstümmelte.“
„Ich versteh nicht was du meinst. Was für ein Wesen und wie soll es euch intelligenter machen?“
„Der Seelenschneider!“
Srandila lachte unsicher.
„Der Seelenschneider? Du scherzt … er ist eine Legende. Ein Ammenmärchen mit dem man Kinder erschreckt, wenn sie nicht einschlafen wollen. … Schlaf jetzt Kind oder der Seelenschneider kommt und schneidet ein Teil deiner Seele ab und versteckt sie im Wald.“
„Richtig! Einst war es nur ein Ammenmärchen. Aber du weißt, was aus Ammenmärchen werden, wenn sie einem Traummagier erzählt werden.“
„Traummagier?! Pah … ein weiterer Mythos. Menschen, die allein durch ihre Träume Dinge real werden lassen können... Wie soll das funktionieren?“
Xentse zuckte mit seinen winzigen Schultern. „Da musst du nun wirklich die Götter fragen. Aber es gibt sie; nicht viele – das ist klar. Aber sie haben die Macht, Wesen wie den Seelenschneider in unsere Realität zu holen!“
„Meinetwegen. Angenommen es gibt ihn – diesen Seelenschneider. Heißt das, er schneidet die Seelen, die für die Lyn'ebienne bestimmt sind, in zwei Teile und nimmt den einen Teil mit und vereint ihn mit einem Befnaar?“
„Ja so ist es. Und nur jene Befnaar, die eine Seelenhälfte in sich tragen, können denken und sprechen. … Meine Eltern können es zum Beispiel nicht.“

Srandila war bestürzt über diese Erkenntnis. Ihr ganzes bisheriges Leben hatte sie geglaubt, dass alle Seelendrachen sprechen konnten und das die Götter ein grausames Schicksal mit ihnen trieben. … Ein ähnlich grausames Schicksal, wie sie es mit ihr spielten, indem sie ihre Seele in den falschen Körper gesteckt hatten.
Und jetzt stellte sich heraus, dass ein naseweiser Bengel eine Kreatur erschaffen haben sollte, die – aus welchen Gründen auch immer – die Seelen der Lyn'ebienne teilte, um die eine Hälfte in einen Seelendrachen zu pflanzen.
Das waren wenigstens zwei Dinge, an die sie noch nie in ihrem Leben geglaubt hatte. Es fiel ihr schwer an Traummagie zu glauben, und noch weniger konnte sie sich mit dem Gedanken anfreunden, dass ein Wesen einen Traum über Generationen hinweg überleben konnte.
„Angenommen, es ist wirklich alles so wie du sagst. Hast du diesen Seelenschneider gesehen?“
Xentse verzog sein kleines Gesicht zu einer schmerzlichen Grimasse: „Ja das habe ich. Ich habe ihn gesehen, als er die Seelenhälfte in mir verankerte, und ich habe ihn später auch noch bei anderen Befnaar gesehen. … Er ist kein böses Wesen. Deshalb ist es umso schlimmer. Er will uns eigentlich nur helfen, indem er uns ein bisschen von der Intelligenz der Großen – wie er die Lyn'ebienne nennt – abgibt.“
„Das wird ja immer verrückter.“ murmelte Srandila. „Ich glaube, ich muss das Ganze erst einmal verarbeiten.“
„Na ja! So schlimm ist es eigentlich nicht … bis auf die Tatsache, dass man sich … unvollständig fühlt. Ruhelos … allein!“

Xentses Worte waren immer leiser geworden … nicht nur weil er sie ungern aussprach, sondern auch weil Srandila sich am Fuße des Baums zusammengerollt hatte und den Eindruck erweckte, sie würde schlafen.
Doch als Xentse sich schließlich auch zum Schlafen zusammenrollen wollte, hörte er Srandilas leise, schlaftrunkene Stimme noch einmal in der Dunkelheit: „Du bist nicht mehr allein. Ich bleibe bei dir, bis wir deinen Lyn'ebienne gefunden haben.“
Xentse wusste darauf nichts zu erwidern.
Und auch das Gefühl, das sich wie warmer Honig in ihm ausbreitete, konnte er zunächst nicht benennen, bis es ihm dämmerte, dass es so etwas wie Glück sein musste.
„So fühlt es sich also an ...“, dachte der kleine Seelendrache noch, bevor auch ihn der Schlaf übermannte.

Während ihrer weiteren Reise dachte Srandila oft darüber nach, was Xentse ihr in jener Nacht erzählt hatte. Sie war sich immer noch nicht sicher, ob das mit dem Seelenschneider real war oder ob es sich nur um eine Legende der kleinen Drachen handelte. Dagegen sprach allerdings, dass Xentse den Seelenschneider selbst gesehen hatte, auch wenn er nicht in der Lage war, ihn wirklich zu beschreiben. Er schien mehr ein Geist, denn ein reales Wesen zu sein. Was bei näherer Betrachtung aber nicht so abwegig war, schließlich konnte feste Materie eine Seele nicht aufhalten. Seelen flogen durch die dicksten Baumstämme, wenn sie zwischen ihnen und ihrem Träger standen.

Schließlich fanden sie den Teil von Ethorn, den Xentse gesucht hatte. Ein Ort, den die Befnaar und auch die Lyn'ebienne aufsuchten, wenn sie ihr zweites Seelenstück suchten. Hier standen die Bäume lichter und auch das Unterholz war nicht so dicht, dass es den Blick auf einige wenige Meter beschränkte. Hier sah man andere Suchende schon von weitem.
Abgesehen davon unterschied sich der Wald hier nicht vom Rest von Ethorn. Zahlreiche Vögel sangen ihre Melodien, überall huschten Tiere durch das Blätterwerk, und stetig tropfte irgendwo Wasser von den Bäumen. Und dennoch lag eine seltsame Spannung in der Luft, als würden sowohl Tiere, als auch Bäume auf etwas Besonderes warten.

Auch Xentse wurde mit jedem Schritt, den Srandila tat, aufgeregter und flatteriger. Immer öfter flog er ein ganzes Stück voraus und schaute hinter jedem Baum nach, ob dort nicht gerade ein Lyn'ebienne ein Nickerchen hielt.
Da er nicht genau wusste wie er seine zweite Seelenhälfte erkennen sollte – immer hieß es nur „du wirst es wissen“ – wollte er nicht riskieren, auch nur einen Lyn'ebienne zu übersehen.
Srandila musste sich immer wieder selbst ermahnen, Xentse nicht wegen seiner Unruhe zur Ordnung zu rufen. Sie konnte sich nicht wirklich vorstellen wie es war, nur „halb“ zu sein, aber sie konnte sich ausmalen, was für ein Gefühl es sein musste, endlich am Ziel seiner Träume zu sein. Und so lief sie Xentse hinterher und half ihm beim Suchen.

Viele Tage vergingen, währenddessen sie immer weiter in den Wald der Suchenden vordrangen. Zu Beginn waren sie nur einigen anderen Befnaar begegnet, die entweder traurig den Wald verließen und sich auf den Weg in die Hauptstadt der Lyn'ebienne machten, um dort ihr Glück zu versuchen, oder die genau so aufgeregt waren wie Xentse. Erst im Herzen des Waldes trafen sie auf die ersten Lyn'ebienne, die ebenso verzweifelt nach ihren zweiten Seelenhälften suchten.
Doch scheinbar wollte kein Paar passen.
So oft sah Srandila einen Lyn'ebienne in die Augen eines Seelendrachen schauen, aber nie schien ein Funke überzuspringen.
Nach Tagen der wachsenden Verzweiflung befürchtete Srandila schon, dass es sich doch nur um eine Legende handelte und all diese Wesen umsonst litten, als sie mit eigenen Augen sah, wie sich zwei Seelenhälften fanden.

Ein kleiner Seelendrache, der sie seit einigen Tagen begleitet hatte, brach auf einmal mitten im Satz abrupt ab und bog von ihrer Laufrichtung ab. Ohne ein Wort verschwand er zwischen zwei Bäumen, und Srandila und Xentse brauchten einen Moment, um zu begreifen, dass er verschwunden war.
Doch dann liefen und flogen sie ihm eilig hinterher, und da sahen sie es:
ein Lyn'ebienne kniete vor ihnen im Gras, der kleine Drache hatte sich um seinen Hals geschmiegt und drückte seine kleine Wange an die des anderen. Tränen glitzerten auf ihren Wangen und mühsam lernten sie sich unter Schluchzen, Lachen und Seufzen kennen.
Viel später, als sich die beiden einigermaßen beruhigt hatten, konnten sie auf Xentses Frage danach, wie es sich anfühlte, wiederum nur antworten: „Du wirst es wissen!“.
Srandila hätte die beiden am liebsten erwürgt, denn Xentse fiel buchstäblich in sich zusammen und brach in bittere Tränen aus. Die beiden Vereinten, glücklich wie noch nie zuvor in ihrem Leben, ließen Xentse und Srandila daraufhin schnell allein.

Viele weitere Tage vergingen, bevor Xentse und Srandila den Wald der Suchenden ohne Ergebnis verließen. Wie schon viele Befnaar vor ihm, schlug Xentse nun den Weg zur Hauptstadt der Lyn'ebienne ein, und wie es Srandila versprochen hatte, begleitete sie ihn.

Jahre vergingen!
Jahre, in denen Srandila wundersame Dinge zu Gesicht bekam, die sie im Laufe der Zeit vergessen ließen, dass sie es einmal bereut hatte, Beine zum Laufen zu haben, anstatt einen langen Schlangenschwanz, mit dem sie sich im Wasser hätte fortbewegen können, wie ihre Vorfahren.
Jahre, in denen Srandila und Xentse immer mehr eins wurden und an manchen Tagen fast glaubten, sie wären die zwei Hälften einer Seele.
Schließlich hatten sie die Suche aufgegeben und hatten sich in einem kleinen Dorf an der Küste niedergelassen. Xentse war die langen Reisen müde geworden und glaubte nicht mehr daran, dass er seine zweite Seelenhälfte noch finden würde.

Eines Tages wollten Xentse und Srandila gerade zum Markt gehen, als Xentse mitten im Satz abbrach und ohne ein weiteres Wort durch das Fenster das Haus verließ.
Srandila stürzte hinter ihm durch die Tür und sah ihren Freund, wie er sich um den Hals eines Lyn'ebienne wand und stumme Tränen des Glücks vergoss.
Xentse und Lonar hatten sich endlich gefunden – die zwei Hälften einer Seele waren endlich vereint.

Srandila hatte sich bis zu diesem Zeitpunkt nicht ausmalen können, wie sehr sie sich für ihren Freund freuen würde. Pures Glück durchströmte auch ihren Körper bei dem Anblick dieses so ungleichen Paares.
Wenn auch die Angst bald danach ihr Herz umklammerte, dass Xentse sie nun nicht mehr brauchen würde. Doch ihre Angst sollte sich schon bald als unbegründet herausstellen, denn die tiefe Zuneigung zu Xentse, teilte Srandila schon bald darauf auch mit Lonar und so wurden sie ein Paar.
Zu dritt, lebten sie so noch viele glückliche Jahre zusammen.

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