Jagd im Eis

(von Rabenschwinge)

Das sechzehnte Türchen fügt sich wie eine natürliche Formation aus eisverkrustetem Fels in die kalte Landschaft ein. Dunkle Wellen schwappen gegen seine Pfeiler, doch der junge Jäger, der mit seinem Kajak vorbeipaddelt, scheint es nicht zu bemerken. Er hält auf das Ufer zu. Die Beute ist nah…

Kuitaza zog geschickt mit seinen Zähnen einen Pfeil aus dem Brustköcher, während er mit seinen Händen das Seil festhielt, an dem sein Kajak hing, damit es nicht von der Strömung fortgezogen wurde. Er kauerte am Ufer, an just der Stelle, von der aus er vor wenigen Atemzügen seine Beute erspäht hatte.
Der Umumani hatte ihn noch nicht gewittert. Die große, weißpelzige Robbe schnüffelte am Eis herum - die letzten Reste seiner Mahlzeit, eines großen Fisches, hatte das Tier schon heruntergewürgt.
Der junge Alb vom Volk der Gunztiar wusste, dass Umumani nicht gut sehen konnten, aber ihr Geruchssinn ausgezeichnet war. Wenn nur der Wind nicht drehte...
Langsam legte Kuitaza mit tausendfach geübten Bewegungen mit seinem Mund den Pfeil auf die Sehne des Jagdbogens.
Die linke Hand ließ langsam das Seil los und bewegte sich in Zeitlupentempo zum Bogen.
Die Robbe erstarrte.
Kuitaza verfluchte innerlich seine Ungeduld - nun hatte sie ihn doch gesehen, und alles war... doch Moment, der Umumani senkte wieder den Kopf, schnüffelte weiter an der Eisscholle auf der er lag.
Gut... noch ein wenig...
Er fasste den Bogen mit seiner linken Hand, und nahm Pfeilende und Sehne zwischen die Zähne, zog langsam daran.
Mit einem der großen Bögen der Völker aus dem Süden wäre das nicht möglich gewesen, aber die Jagdbögen der Gunztiar waren klein und leicht zu spannen.
Natürlich bedeutete das auch eine kleinere Reichweite, aber für den Umumani sollte es reichen.

Kuitaza zog langsam an der Sehne, immer Bedacht, weder Lippen noch Zunge einzuklemmen. Er erinnerte sich nur zu gut an eine Jagd mit seinem Vater und einer Gruppe von Dorfmitgliedern, bei der sich der ungeduldige Laluze seine Oberlippe gespalten hatte... es hatte Monate gedauert, bis die Wunde ordentlich verheilt war.

Noch ein Stück... ein kleines Stück....
Nun drehte sich der Umumani halb zur Seite. Er schien etwas erspäht zu haben, ein gutes Stück weiter westlich, auf dem offenen Ozean... sein Kopf und Hals waren nun perfekt positioniert...

Twängg! Der Pfeil schnellte von der Sehne und traf Sekundenbruchteile später die große, weiße Robbe hinter dem Ohr.
„Hanu!“ fluchte Kuitaza. Der Treffer war wertlos - dort lag ein dicker Knochen, der Pfeil war bestimmt nicht weiter als zwei Finger breit in das Fleisch eingedrungen. Der Umumani zuckte zusammen, warf sich mit einer Geschwindigkeit, die man ihm als Unkundiger niemals zugetraut hätte, nach vorn und verschwand im tiefen Wasser.

Kuitaza trat wütend gegen sein Kajak. So ein Mist! Eine Gelegenheit wie diese, und er hatte sie vergeudet...

Das Kajak über der Schulter, trat der junge Alb den Heimweg ins Dorf an.
Die Gunztiar bauten ihre Dörfer nahe dem Wasser, aber niemals genau am Ufer - zu unberechenbar waren Eis, Schnee und Witterung an diesen polaren Gestaden.

Von weitem schon sah Kuitaza die roten Wimpel, die auf den geduckten Häusern aus Stein und Walbein wehten. Er seufzte. Nun musste er sich eine gute Erklärung für seinen Vater einfallen lassen ...

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