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Die Mär vom Wintergrünen Baum

(von Thure)

Spielende Kinder auf dem schneebedeckten Dorfplatz halten ihre Stöcke und Äste für einen Moment zu einem Torbogen hoch, um lachend darunter hindurchzuschlüpfen. Sie merken nicht, dass sie damit auch das achtzehnte Türchen bilden…

Es war friedlich in Telgswand, einer kleinen Ortschaft am Waldesrand. Der Schnee legte sich wie eine weiße Decke über das Dorf und schien den Ort zu behüten. Trotz der Kälte spielten einige Kinder draußen auf dem Dorfplatz. Die Stöcke und Äste schlugen herum und trafen sich immer wieder. „Los Henrik! Du schaffst das!“ Das Lachen der Kinder übertönte die Stille dieses Ortes. Lächelnd sah eine junge Frau, vielleicht im Alter von zwanzig Lenzen und mit haselnussbraunen Haaren und Augen, den Kindern beim Spielen zu. Neben ihr stand ein Mann, wohl im selben Alter und mit dunkelblondem Haar und grünblauen Augen und hatte den Arm um ihre Mitte gelegt „Es hat was Kind zu sein, findest du nicht Gerhild?“ Gerhild erwiderte das Lächeln des jungen Mannes und sprach „Ach, Fredrik mein Freund. Diese Zeiten sind vorbei und bald wirst du Schultheiß sein. Du weißt welche Verantwortung dies mit sich bringt? Nutze sie zumindest um den Kindern eine sorglose Zeit zu gönnen, auch wen wir sie nicht zurückdrehen können.“ Fredrik lachte leise auf: „Du bist sehr klug Gerhild. Welch Glück mir doch beschieden war dein Gemahl zu sein!“ Schnell schüttelte die besagte Frau den Kopf: „Du magst von Glück reden, mein lieber Schatz? Soll es heißen, dass unsere Liebe nur auf Zufällen basiert? Bei solchem Irrtum muss ich widersprechen!“ Fredrik war an der Reihe mit dem Kopfschütteln, während er einen Korb hochhob, welcher neben ihm lag: „Ich mag dir recht geben, dass meine Worte schlecht gewählt waren. Doch glaube ich einfach, dass Glück doch eine Rolle spielt. Bezeichnet Glück den nicht auch die positiven Verläufe des Schicksals? Aber genug davon, vorerst. Meine Mutter sagte, das wir Beeren sammeln sollten und es wäre wohl gut, wen wir sie ihr noch vor dem abendlichen Mahl bringen würden, was meinst du?“ Auf dem jungen Gesicht Gerhilds erschien ein Schmunzeln als sie zur Antwort ansetzte: „Dann führen wir das Gespräch ein anderes Mal fort. Ich würde ungern beim Winterfest auf den Beerenkuchen deiner Mutter verzichten, das weißt du!“

Im Walde kuschelte sich Gerhild eng an ihren Mantel, welcher sie vor der eisigen Kälte schützen sollte. Und auch Fredrik hatte einige Probleme mit dieser Kälte und wünschte sich, er hätte etwas Wärmeres angezogen. Die beiden folgten dem Pfad bis tiefer in den Wald. Hier am Wegesrand fanden sie kaum noch Beeren. Und auch bei der Hütte des Försters waren schon fleißige Sammler zugegen gewesen. „Vielleicht“, setzte Gerhild an, „finden wir ja einige Beeren am Waldbach?“ „Oder in der Nähe der Mulde. Lass es uns versuchen“, fügte Fredrik hinzu.

Nach knapp einer Stunde waren Gerhild und Fredrik fertig damit Beeren zu Sammeln und sahen zufrieden auf ihre Ausbeute hinab. Es war mehr als genug beisammen gekommen um einen leckeren Kuchen daraus zu machen. So machten sie sich auf den Rückweg und konnten es sich nicht nehmen lassen einige der Beeren aus dem Korb zu naschen, es waren ja mehr als genug da. Der Blick Gerhilds wanderte durch die Gegend und sie meinte misstrauisch: „Fredrik sag... waren wir wirklich solange fort? Als wir losgingen, sah ich keine Wolke am Himmel und nun ist es so dunkel...“ Fredrik stoppte seine Schritte und blickte sich ebenfalls um. Sie hatte Recht, irgendwas war an dieser Situation nicht geheuer. Scheinbar hatte sich ein dunkler Nebel über diesen Ort gelegt. Die beiden rückten etwas näher zusammen. Die Hände Gerhilds klammerten sich fester um den Griff des Korbes und ihr Atem wurde schneller. Fredrik ergriff die Hand Gerhilds und drückte diese etwas fester. Urplötzlich war ein Grunzen aus den nahen Gestrüpp zu hören und wie aus dem Nichts erschien eine schattenhafte Gestalt die der beiden jungen Menschen um weites übertraf und mit starkem Gebiss. Wild stürmte das Biest auf die zwei Menschen zu.

Sie rannten. Sie rannten so schnell es ihnen ihre Beine auch nur erlaubten. Fredrik zog Gerhild hinter sich her an den Bach und in diesen hinein. Das Biest sollte so die Witterung verlieren. Doch sie liefen und liefen und doch hörten sie das Tier immer noch hinter sich. Sie wurden es nicht los.
Der Atem der beiden wurde schneller. Sie schwitzten und ihre Seiten stachen vom rennen. Sie schwitzten. Plötzlich erklang das Klirren eines Schwertes hinter ihnen und das Ungeheuer schrie auf. Ein schneller Blick hinter ihre Schultern und sie sahen einen kräftigen Mann im roten Gewand und gerüstet im Kettenhemd, wie er gerade das Ungeheuer angriff. Seine Stimme erklang laut: „Lauft, verdammt! Rennt so schnell ihr könnt und entkommt diesem Ort! Lauft und blickt euch nicht um!“ Und was blieb ihnen anderes übrig als zu laufen? Sie wollten hier weg und damit blieb ihnen nichts als zu rennen. Immer schneller und schneller rannten sie, bis der Kampfeslärm hinter ihnen verstummte. Keuchend lehnte sich Fredrik gegen einen Baum, während Gerhild sich auf den Boden gegen diesen setze.

Vorsichtig blickten Fredrik und Gerhild den Weg zurück, den sie entlang kamen und lauschten. Vom Ungeheuer und dem seltsamen Krieger war weder etwas zu sehen noch zu hören. Erleichtert atmete Fredrik auf, ehe er unter zitternden Knien zusammensackte. „Wir hatten Glück...“ Schwer atmend saßen die beiden noch eine Weile gegen den Baum gelehnt, ehe sie sich wieder aufrafften. Sie waren scheinbar weit vom Weg abgekommen und in den tieferen Teil des Waldes geraten. Doch sie mussten zurück ins Dorf, ehe sich die Dorfbewohner Sorgen machten. Dicht aneinandergedrückt und sich gegenseitig die Hand haltend machten sich die beiden also auf den Weg zurück ins Dorf.

Dort angekommen erzählten sie ihre Geschichte. Immerhin bestand noch immer die Gefahr, dass das Tier, was immer es gewesen war, noch dort draußen lauerte. Sie mussten jegliche Gefahr ausschließen, bevor noch etwas wirklich Ernstes passierte. Jedoch dämmerte es langsam und die Dorfbewohner beschlossen am nächsten Tag unter Führung Fredriks und Gerhilds einen Suchtrupp aufzustellen um Hinweise zu suchen. Solange mussten sich alle gedulden.

Diese Nacht war es still im Dorf und doch lag ein unsicheres Gefühl in der Luft. Die Eltern der Kinder hatten die Türen und Fenster fest verschlossen. Gerhild und Fredrik selbst konnten diese Nacht nicht schlafen. Sie liefen in ihren Zimmern hin und her und fragten sich, was die Suche am nächsten Tag wohl ergeben würde. So verbrachten sie die ganze Zeit, bis es dämmerte. Dann war es nämlich endlich so weit. Die kräftigsten und klügsten Männer des Dorfes hatten sich schon auf dem Dorfplatz versammelt, bewaffnet mit allem Möglichen, was der Haushalt hergab, Äxten, Messern, Schwertern und Mistgabeln. Auch Fackeln waren einige vertreten. Sie dienten erstens gegen die Kälte und oft war es so, dass Menschen Tiere mit dem Feuer verschrecken konnten.

„Seid ihr bereit zum Aufbruch?“, fragte Lambert, der Zimmermann des Dorfes. Fredrik, der Gerhild fest an der Hand hielt, nickte „Wir sind bereit. Folgt uns, wir zeigen euch die ungefähre Stelle.“ Sie gingen vor und suchten den Weg. Das Biest tauchte in der Nähe des Baches auf. Es musste also hier irgendwo sein. Schließlich ertönte die Stimme Lamberts: „Ich hab was gefunden! Kommt mal alle her!“ Der Blick Gerhilds und Fredriks streifte sich, ehe sie sich umsahen und der Stimme folgten. Als sie Lambert erreichten wurde der Druck der beiden Hände stärker. Dort auf dem Boden lag es. Das Wesen vom Vortag. Es erinnerte an einen Bären, doch war das Fell schwarz und die Augen rot. Die Gestalt erinnerte an eine alte Mär, welches man sich hier erzählte. Eine Mär von einer schrecklichen bärenähnlichen Kreatur, deren Blick selbst den Tapfersten auf unnatürliche Weise das Fürchten lehrte. Scheinbar hatte der Krieger sie vor eben jener Kreatur erlöst. Der Blick Fredriks ruhte immer noch auf dem Tier als Gerhild ihm sacht am Arm zog „Fredrik... schau!“ Ihre Stimme war still und klang verwundert. Und ebenso blickte nun auch Fredrik auf und folgte dem Fingerzeig Gerhilds. Dort, nicht weit vom Tier, stand ein Baum. Doch war dieser anders als die anderen. Sein Blattwerk, wenn die Bezeichnung denn zutraf, war trotz des Winters immer noch grün, wie im Sommer. Die Schritte der beiden, sowie der Dorfbewohner, führten sie näher zum Baum. „Diese Blätter... Fredrik, das sind doch keine Blätter?“ Vorsichtig strich sie über die grünen Nadeln. Weder sie noch das ganze Dorf hatte jemals etwas so seltsames gesehen. Und dann genau beim erschlagenen Tier? Schließlich schluckte Fredrik: „Der Krieger in rot... Meinst du es war... Tiu? Der Gott des Krieges? Ich meine... das Ungeheuer, aus den alten Sagen, der rote Krieger und nun ein grüner Baum inmitten des Winters? Wer sonst wäre zu all diesen Taten fähig als ein Gott?“ Auch Gerhild schluckte kurz. Hatte sie tatsächlich einen Gott gesehen? Die Dorfbewohner blickten fragend umher. Hatte Fredrik eben wirklich von Tiu gesprochen? Er hatte sie beschützt und nun diesen Baum als Zeichen zurückgelassen? Es ergab alles seinen Sinn. Und all dies kurz vorm Winterfest. So beschlossen die Dorfbewohner den Baum ins Dorf zu bringen. Die Männer gruben ihn mitsamt seinen Wurzeln aus. Da genug Männer da waren gelang es auch den Baum ins Dorf zu tragen, wo sie ihn fürs erste aufstellten. Die Dorfbewohner würde den Baum zum Winterfest schmücken. Er würde etwas ganz Besonderes sein. Fortan sollte das Winterfest dem Gott Tiu geweiht sein, der das Dorf vor einer garstigen Kreatur rettete. Die Familien hingen sich seitdem jedes Jahr einen Kranz aus Reisig an die Türen, auf dass er ihnen Glück bringen würde.

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