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Wohngemeinschaft Wider Willen

(von Veria)

Sehr selbstbewußt stolziert ein Bergpalwes vor dem neunzehnten Türchen auf und ab, die prächtigen Federn zur Revierverteidigung gespreizt und stolzer als jede Palastwache. Dann ruckt der Kopf des Tieres herum, und Sekunden später jagt es seinem Rudel hinterher. Es dauert nicht lange bis sie hinter den wenigen Bäumen verschwunden sind. Folgt man ihren Spuren, so wird man früher oder später auf eine einsam gelegene Hütte stoßen, die sich unauffällig in eine Bergflanke schmiegt...

Eilig zog die Sonne über dem Meer in die Höhe und ließ der Morgenröte kaum Zeit, das Land anzumalen. Der Himmel strahlte blau, kein Wölkchen war zu sehen, noch nicht. Zu Mittag würden sie schon kommen, nachmittags der Regenschirmindustrie ihre Existenzberechtigung geben und abends als unscheinbare Reste davonziehen und für eine sternklare Nacht Platz machen. Wie ein Uhrwerk, jeden Tag dasselbe.
Fast dasselbe. Aber das machte keinen Unterschied. Das machte die Einöde hier nicht erträglicher. Sie waren auf einem Berg! In einer Hütte! Wenn sie Strom haben wollten, mussten sie erst 28 Leitersprossen in den Keller steigen und einen altersschwachen Generator anwerfen, der nur so lange lief, wie der Überlauf des Teiches Wasser hatte. Öllieferungen waren viel zu riskant, niemand durfte wissen, dass sie hier waren.
Tita musste kochen, sie war die Frau. So viel zur schönen Gleichberechtigung. Nein, eigentlich wunderte sie sich, dass Irunim sie kochen ließ - sie an seiner Stelle hätte Gift befürchtet. Aber er schlief ja auch nicht mehr mit seiner Waffe unter dem Kopfkissen. Vielleicht fürchtete er Tita nicht gar so sehr wie sie glaubte.

"Kamis?" Er schloss die Türe hinter sich und stellte einen dampfenden Becher auf den groben Holztisch.
"Danke." Tita sog den Duft ein, nahm den Becher und schlürfte. "Guten Morgen."
"Hm."
Nicht weit weg, wo die ersten Bäume standen, schrie ein Palwes und spreizte wütend seine grünweißen Federn. Das Palwes-Rudel hatte ganz offensichtlich nichts für die Hüttenbewohner übrig, aber seit Irunim einen kräftigen Zähnter geschossen hatte, schrien die Tiere sie nur mehr aus sicherer Distanz an.
"Warum bist du hier?", fragte er.
Dieses Ritual also wieder.
"Ich verstecke mich, genau wie du", sagte Tita, "Es war nicht meine Entscheidung, Kiodan zu werden, und ich wollte es auch wirklich nicht."
"Hm." Irunim stand auf und ging um die Ecke. Nach einigen Momenten konnte Tita ihn Holz hacken hören. "Wie hast du mich gefunden?", rief er.
"Ich habe deine Mutter gefragt!", rief sie.
"Jeder kann meine Mutter fragen! Sie sagt es nicht!"
"Sie sagte, du wärst im Tezar. Ich habe aber zufällig eine Postkarte gesehen, du warst als Kind einmal hier."
Die Hack-Geräusche stoppten. "Und du auch ..."
"Deshalb erkannte ich diese Einöde ja."
Er schwieg. Mit einem "Tock" landete die Axt im Klotz, dann kam Irunim wieder um die Ecke, setzte sich und seufzte ausgiebig. Ein Palwes schrie am Waldrand, Tita schlürfte an ihrem Kamis-Tee.
"Warum bist du hier?", wiederholte Irunim seine Frage langsamer.
Tita hob den Blick, überrascht stellte sie ihren Becher ab. "Ich verstecke ..."
"Nein, nein", schüttelte Irunim den Kopf, "Mich zu finden, das ist alles, was du tun musst. Du zerrst mich zurück in die rote Galerie und du bist frei, du bist nur mein Ersatz als Kiodan."
"Ich zerre dich nicht zurück."
"So ist es, und deshalb werde ich aus dir nicht schlau. Du kannst mich umbringen, dann müssen sie einen ganz neuen Kiodan ernennen, aber du tust es nicht. Du kannst mich auch aus meinem Versteck zerren, dann bist du automatisch nicht mehr im Amt, aber du tust es nicht. Warum? Es gibt keinen dritten Weg, Tita."
Natürlich gab es einen dritten Weg!
Tita lebte ihr Leben lieber in der Einöde als in der roten Galerie oder mit Blut an ihren Händen. "Hier, das ist der dritte Weg", wies sie auf die Hütte, den Wald und die drei hohen Gipfel im Süden.
Irunim blieb skeptisch. "Was mein Schicksal war, ist also jetzt unseres?", fragte er.
Sie nickte. "Sieht so aus."
"Hm." Er stand auf und ging in die Hütte, die Türe krachte ungebremst ins Schloss.
Tita griff wieder nach ihrem Becher und blickte hinaus aufs Meer, wo sich weit draußen schon die ersten kleinen Wölkchen bildeten. Jeden Tag dasselbe, aber besser als ein Leben in der roten Galerie. Und auf jeden Fall besser als ein Leben mit Blut an den Händen.
Und doch dachte sie vor allem an sich selbst. Jemand anderes war in der roten Galerie und trug die Bürde des Kiodan, weil Tita entschieden hatte, sich zu verstecken. Sie wusste, wie derjenige sich fühlte. Er war wütend auf sie, womöglich war er auf der Suche nach ihr, vielleicht würde er sie auch finden und sie, oder eher Irunim, in die rote Galerie zerren ...
Vielleicht auch nicht. Vielleicht verstand er sie, wie sie Irunim verstand. Sie war nie wütend auf Irunim gewesen. Nur immer auf die Achavoi, die ihre Marionetten ernannten, erpressten, bedrohten und schlussendlich umbrachten. Der Kiodan, offiziell die mächtigste Person auf der Welt, inoffiziell hingegen ... nein, Tita wollte, wie ihre Vorgänger, wie Irunim, ihr Leben nicht als Marionette führen und schon gar nicht von unzufriedenen Puppenspielern umgebracht werden.
Sie schlürfte an ihrem Becher und schüttete dann den Teesatz ins Gras, bevor sie in die Hütte ging.

"Du solltest ein richtiges Bett haben", sagte Irunim vom Ofen, "Du kannst nicht dein ganzes Leben lang im Schlafsack schlafen."
"Es eilt nicht."
"Hm." Er legte ein Scheit ins Feuer und schloss die Ofentür. "Ich habe auch nicht die nötigen Dinge ... keine Daunen, keine Leta-Fasern, keine ..."
Tita legte ihm eine Hand auf die Schulter "Schon gut. Es eilt wirklich nicht." Ihr Blick fiel auf den Wasserbottich oben auf dem Ofen, ein Hosenbein hing über den Rand. "Andererseits habe ich heute offensichtlich zu arbeiten, dann kannst du es ebenso tun", beschloss sie, "auch wenn es nur das Gestell sein wird."

Sie war die Frau, sie musste waschen. Trotz ihrer Erklärung, im Leben noch nie von Hand gewaschen zu haben, war ihm ganz klar gewesen, dass sie besser waschen konnte als er. Dabei versteckte er sich schon einige Jahre hier und sie hatte einen sauberen, gepflegten Mann angetroffen, als sie vor drei Wochen angekommen war.
Aber die traditionellen Rollen würden sich ändern. Hier gedachte Tita nicht, die Arbeitsteilung ihr Leben lang unangefochten zu lassen, und dort draußen war sie selbst ein Meilenstein gewesen. Die erste Frau als Kiodan, die erste Frau an der Spitze des Staates, vor ihr waren nur Männer in der roten Galerie gewesen.
Irunim ging wortlos hinaus, bald hörte sie ihn hacken, sägen und hämmern. Tita stieg die schmale Treppe um den Ofen hinauf und krempelte die Ärmel hoch. Das Wasser war schon gut warm, sie griff nach der Seife und dem Waschbrett und machte sich an die Arbeit.
Modernes Wohlstandskind Tita, vor hundert Jahren hatte es noch keine elektrischen Waschmühlen gegeben, damals hatte man selbst gewaschen oder eine Wäscherin beschäftigt. Tatsächlich war das Leben in dieser Hütte so dampfzeitlich, dass sie es als historischen Bildungsurlaub betrachten könnte.
Wenn sie denn wollte.
Auch wenn sie verstand, dass der Generator einfach nur lief, solange Wasser die Turbine antrieb, sie konnte sich Strom auf Dauer durchaus wünschen. Für elektrisches Licht zum Beispiel, denn die ganzen Tranlampen dufteten nicht gerade und gefährlich waren sie in einer Holzhütte noch dazu.
Tita wrang die Wäsche aus und warf ein Stück nach dem anderen hinunter in den breiten, flachen Holzkorb, schließlich sprang sie selbst hinunter, griff nach dem Korb und trug ihn ins Freie.
Irunim hatte den Bettrahmen fertig und nagelte inzwischen die Lederbänder ein.
"Hm", machte er nur und hob zwei Finger zum Gruß.
Tita winkte ihm knapp zu und begab sich an den Bach, wo sie den Korb als Ganzes am dafür vorgesehenen Seil in die Strömung hängte. Es war nur wenig Seife darin, aber es war durchaus zu sehen, wie vereinzelt eine weiße Schicht aus winzigen Blasen bachabwärts zog. Tita pflückte eine blaue Mava und steckte sie sich ins Haar, dann flocht sie ein schmales Band aus Grashalmen und band es sich ums Handgelenk, nur einfach so. Schließlich zog sie den Korb aus dem Bach und trug ihn, gebeugt, um nicht ihre Hose nasszumachen, zurück zur Hütte.

"Hm", grüßte Irunim und nagelte ein widerspenstiges Lederband energisch fest.
Tita musterte ihn und stellte den Wäschekorb ab. "Warum bist du hier?", fragte sie.
"Au!" Irunim warf den Hammer auf den Boden und steckte den Finger in den Mund.
"Tut mir leid", seufzte Tita, "Aber dir musste klar sein, dass immer jemand Kiodan ist. Ich nehme dir das nicht übel, keinesfalls, aber ich ... frage mich, ob es jemand mir übel nimmt ..." Er betrachtete seinen Finger ausgiebig und schweigend. "Weißt du, wer es jetzt ist?", fragte sie.
"Nein."
"Gar nichts? Du klaust nicht einmal eine alte Zeitung?"
"Tita, ich war seit Jahren nicht unten", schüttelte er den Kopf, "Ich habe seit Jahren niemanden gesehen, und dann kommst du!" Er stand auf und hob seine Hand, er zog die blaue Mava aus Titas Haaren. "Ich war allein", sagte er, "und zwar wirklich allein. Und dann ... kommst du."
Sie runzelte die Stirn.
"Tita, ich bin froh, dass du hier bist. Ich hoffe, wir kommen auf Dauer miteinander klar."
"Ja ..." Sie stieg vom einen Fuß auf den anderen. "Bei der Alternative ... ich bin lieber allein als in der roten Galerie", sagte sie, "aber sehr viel lieber zu zweit als allein. Für das Klarkommen ..." Sie griff nach dem Hammer und schlug den einen halb herausstehenden Nagel ganz in den Bettrahmen. "Etwas modernere Arbeitsteilung wäre mir sehr recht."
Er starrte den Nagel an und sagte: "Hm", dann sah er auf die blaue Mava in seiner Hand und steckte sie wieder in Titas Haar. "Wir werden klarkommen", sagte er und lächelte, das erste Mal, dass sie das bei ihm sah.

weiter zum nächsten Türchen