Wasserbringer

(von Sturmfaenger)

Das zwanzigste Türchen tarnt sich als Kanalschott eines kleinen Wüstendorfes. Die uralten, sorgsam in Stand gehaltene Leitrinnen durchziehen das gesamte Gelände, führen jedoch kein Wasser. In einem leeren Auffangbecken in der Nähe eines großen Platzes, der von mehreren Feuertürmen gesäumt ist, haben zwei Brüder eine abenteuerlich wirkende Apparatur aufgebaut…

Das gebündelte Licht der Brennlupen erhitzte das wertvolle Metall der großen Kanne und brachte das Wasser schon nach kurzer Zeit zum Sieden.
Gebannt verfolgten Siyet und sein kleiner Bruder Tenet, wie mehr und mehr Dampf vom immer heftiger blubbernden Wasser aufstieg. Pfeifend und zischend schoss er durchs Ausgussloch in die aufgesteckten und mit Hornklebstoff fixierten Röhren und ließ Tenets selbstgebaute Konstruktion erzittern.
„Es klappt, es bewegt sich!“ Tenets Augen leuchteten, und er klatschte vor Begeisterung in die Hände. „Guck dir das doch an!“
„Ich seh’s.“ Siyet musste unwillkürlich grinsen. Tenet und seine verrückten Versuche.
Die Rädchen drehten sich wirklich, und die daran festgebundenen Stäbchen wackelten auf und ab, stupsten sich gegenseitig an und brachten weitere Rädchen in Bewegung. Siyet begriff zwar nicht was das Ganze sollte, aber Hauptsache Tenet war glücklich.
Seit sie bei Tante Nimwe in der Wüste lebten lachte er viel zu selten. Das war es wert gewesen, Kanne, Rohre, Lupen und vor allem das kostbare Wasser aus den Vorratshöhlen des Dorfes zu, äh, organisieren.
„Ich hatte recht, ha! Man braucht gar keine Magie für sowas!“ Tenet tanzte um seine jaulende Konstruktion herum, erstarrte dann aber mitten in der Bewegung. Siyet wandte den Kopf und schluckte. Echsenmist! Tante Nimwe nahte, ihr hageres Gesicht düster wie ein großer Sandsturm. „Ihr zwei Nichtsnutze! Seid ihr denn von Luftwasser und Erdfeuer verlassen, die Zeremonialkanne des Ortsvorstehers zu stehlen?! Und die Lupen! Wisst ihr nicht, wieviel die Händler für die verlangen?!“
„Wir haben sie nur ausgeborgt, Tante“, verteidigte sich Tenet.
Tante Nimwe stemmte die Arme in die Seiten. „Ohne zu fragen, wie immer. Und die Wochenration Wasser habt ihr wohl auch nur ausgeborgt, und die Dämpfe holt ihr nachher wieder aus der Luft in den Topf zurück, hm?“
Hinter ihr tauchten nun auch der Ortsvorsteher, der Wassermagus, der Feuermeister und der Rest des Dorfrats von Schluchtenbruch auf - und keiner von ihnen hielt sich mit seiner Meinung zurück, so dass ein lautstarkes Scheltegewitter auf die Jungen herunterprasselte. Die beiden wussten aus Erfahrung, dass es am schnellsten vorüber war, wenn sie alles stoisch über sich ergehen ließen und starrten zu Boden.
Da sie sich die Worte der Erwachsenen nicht allzu sehr zu Herzen nahmen, waren sie auch die ersten die hörten wie sich der Pfeifton hinter ihnen veränderte.
„Äh, Tenet...?!“
„Oh, Mist! In Deckung!“
Ein paar Brandblasen, Schrammen und Schnittwunden umherfliegender Glassplitter später war Tante Nimwe wirklich, wirklich, wirklich sauer.

***


Cresstezweige besorgen!
Was für eine Strafe war das denn? Lieber drei Zyklen lang Trockenmist schaufeln, oder die Sandfilter der Wohnhäuser auskratzen. Aber das? Bah!
Siyet schnaubte und rückte Gesichtsschleier und Schutzbrille zurecht, die vor dem ewig juckenden Grünstaub schützen sollten, der jetzt in der Nachsaison der großen Stürme über die Ebenen wehte. Er schnalzte mit der Zunge, um die beiden großen Zugechsen anzutreiben, die gemächlich vor dem Wagen hertrotteten.
Sie waren noch in der Dunkelheit aufgebrochen, um den Morgen nutzen zu können ehe die Mittagshitze sie zu einer Pause zwang. Tenet schlief hinten auf dem zusammengefalteten Schattensegel der Ladefläche, das gleichzeitig Sonnenschutz und Abdeckplane war. Wie er das trotz lautem Rumpeln und holprigem Untergrund schaffte war Siyet ein Rätsel.
Bald würden sie am Dornbuckel sein, in dessen steilen Felshängen die verflixten Stinkebüsche wuchsen. Tenet und er waren dazu verdonnert worden die Arbeit ganz alleine zu tun, und dies war nun schon ihre vierte Fuhre in ebensovielen Tagen.
Normalerweise fuhr ganz Schluchtenbruch an einem Tag hinaus, schnitt so viele Zweige wie auf die Wagen passten und brachte sie ins Dorf zu den Feuertürmen. Die alten Zweige vom letzten Großzyklus wurden als Tribut an die Luftgeister verbrannt, und die Asche als Dünger wieder zwischen den Cresstebüschen zerstreut.
Und warum das alles? Um die Luftgeister um Luftwasser anzubetteln, das der Wassermagus auch alleine vom Himmel holen konnte. In Maßen natürlich. Aber sehr viel verlässlicher als der zweifelhafte Segen eines Luftgeistes. In seinem ganzen Leben hatte Siyet noch kein einziges dieser Dinger gesehen, aber jedes Jahr das Rauchfest mitfeiern müssen. Danach stank es im Dorf noch wochenlang nach Cresste. Bah.
Mit dem Griff seiner Sichel klopfte er an die Rückenlehne, um Tenet wachzukriegen.
„He, Langschläfer! Wach auf, wir sind gleich da.“
Tenet gähnte und rieb sich den Grünstaub von der Schutzbrille. Er blinzelte gegen das staubverschleierte Morgenlicht. Der Wagen rumpelte gemächlich an den ersten graugrünen Cresstebüschen vorbei, kurz darauf hielten sie an. Siyet sprang ab und holte den Futtersack von hinten, um den beiden Zugechsen ihr wohlverdientes Frühstück aus fleischigen Sutakkblättern zu geben. Während sie fraßen steckten die beiden Brüder das Schattensegel an mitgebrachten Stangen fest, damit die bereits aufgewärmten Tiere nicht zu viel Sonne abbekamen.
„Ihr habt’s gut“, brummte Tenet, und kratzte die beiden über den Augenwülsten. Sie züngelten träge. Während sich die beiden Jungen an die Arbeit machten ließen sich die Echsen samt Geschirr zu Boden sinken um den Tag zu verschlafen.

***


„Ich wette vom Buckel aus könnten wir die Feuertürme von Roststein sehen. Vielleicht sogar die von Adhisruh.“ Tenet kaute nachdenklich auf seiner Schrumpelrübe herum.
„Nai, Bruder. Zuviel Grünstaub in der Luft. Heut sehn wir ja nichtmal die von Schluchtenbruch.“ Siyet, der gemütlich mit dem Rücken an einem Wagenrad lehnte, nahm einen Schluck aus seinem Wasserschlauch. „Wenn sich der Staub nächsten oder übernächsten Kleinzyklus legt können wir mal hoch wenn du willst. Ist aber ein ganz schön steiler Aufstieg.“
Tenet hörte gar nicht richtig zu. „Oder vielleicht sollte ich mal auf unseren Feuerturm klettern...“
Siyet kannte diesen Blick. Da braute sich wieder eine neue verrückte Idee hinter der Stirn seines Bruders zusammen. „Immer langsam. Lass uns doch erstmal die Strafe für diesen Versuch hinter uns bringen.“
„Nur zum Gucken, kein Versuch diesmal. Obwohl...“ Tenet grinste. „Man wird ja wohl noch planen dürfen. Ich denke, ich bastle fürs nächste Mal bewegliche Lupen in Gestellen, vielleicht mit Zugbändern zum Regulieren der Hitzezufuhr. Bin schon wieder am Sammeln, siehst du?“ Er griff in seine Tasche und holte eine Brennlupe heraus.
Siyet prustete. „Das muss die letzte intakte Brennlupe im ganzen Dorf sein.“
„Nai, nicht ganz. Aber ich musste schon suchen.“
„Wo hast du die denn her?“
Tenet ließ das geschliffene Kleinod zufrieden in seine Tasche gleiten. „Wenn ich’s dir nicht sage, musst du Tante Nimwe nicht anlügen wenn sie fragt.“
„Stimmt.“ Siyet stöpselte den Wasserschlauch zu und wischte sich ein paar Tropfen vom Kinn. „Auf geht’s. Wir haben Zweige zu hacken und Bündel zu schnüren - und Bündel zu schnüren und Zweige zu hacken, bis...“
„...der Wagen voll ist.“ Tenets Grinsen verschwand hinter seinem Gesichtsschleier, den er feststeckte ehe er die harzverklebten Handschuhe überzog und sich zum nächsten Strauch hinunterbückte.
Sie arbeiteten einträchtig nebeneinander, aber Siyet wurde den Verdacht nicht los, dass Tenets neu erwachter Eifer in erster Linie damit zusammenhing, vor Einbruch der Dunkelheit noch ins Dorf zu kommen um Versuch ‚Feuerturm’ zu starten.

***


Am Nachmittag hatten sie drei Viertel des Wagens mit Cresstebündeln beladen. Siyet schwitzte unter seinem Grünstaubschutz, und auch Tenet griff öfter zum Wasserschlauch als am Morgen.
Als sein Bruder neben ihm für einen Moment in der Arbeit innehielt, dachte sich Siyet zunächst nichts dabei. „Siyet...“
„Ich hab selbst nicht mehr viel Wasser“, brummte er ohne aufzusehen. „Unterm Sitzbrett im Wagen sind aber noch Staubmelonen. Bring mir eine mit.“
„Siyet...!”
„Nein. Kannst du nicht ein Mal selber gehn?“
Statt einer Antwort packte Tenet seinen Arm und zerrte ihn hoch.
„He, was soll...“
Über dem Dornbuckel schwebte ein Luftgeist.
„Beim Horizont“, hauchte Siyet.
Kein Wunder dass die Erwachsenen nur mit Ehrfurcht von diesen Wesen sprachen!
Obwohl es viele hundert Längen über dem Boden hing war es mindestens so groß wie der gesamte Dornbuckel. Die Sonne erhellte Teile von ihm, die wie durchscheinende zerfaserte Wolkenbänke wirkten, sich aber langsam und tentakelgleich bewegten. Wie bei Tante Nimwes teurer Vase aus Tiefenkristall brach sich hier und da funkelnd und schimmernd das Licht. Das lautlos pulsierende Zentrum seines nebelhaften Leibes ähnelte einem unendlich langsam wirbelnden Grünstaubsturm. Es wirkte beinahe hypnotisch.
Nur verschwommen war sich Siyet bewußt, dass Tenet immer noch seinen Arm gepackt hielt, und ihm etwas zuflüsterte. „Spürst du das? Es frisst...“
Ein kalter Schauer fuhr Siyet über den Rücken, aber dann wurde ihm klar dass Tenet recht hatte – das war nur ein Luftzug. Und das Wesen erzeugte ihn. Es sog die grünstaubgeschwängerte Luft zu sich hinauf!
Tenets Griff an seinem Arm fehlte plötzlich. Siyet riss sich von dem Anblick los.
Sein Bruder kniete am Boden vor einem Cresstebündel und fummelte gerade die Brennlupe aus seiner Gewandtasche.

„Was machst du denn da?“
„Na was wohl, großer Bruder. Zeit für einen neuen Versuch! Ich biete ihm was zu essen an! Wenn das klappt haben wir’s eilig - weck’ schon mal die Echsen auf!“
Siyets Herz raste, als er zu den Zugechsen rannte, und sie – trotz aller Eile vorsichtig, damit sie nicht nach ihm schnappten – mit dem Fuß anstupste. „Auf mit euch, hoo-ha! Auf, auf!“ Er zog die Schattenplane über ihnen zurück, schlug sie hastig über die Sitzpritsche und breitete sie über die auf der Ladefläche verstauten Cresstebündel.
Schon während er die Zeltstangen obendrauf warf, roch er brennendes Cresste. Der Qualm des Bündels nahm seinen Weg hinauf in die Lüfte. Tenet hielt es mit einer Hand, wedelte herum um ihn besser zu verteilen, in der anderen Hand das nächste Bündel schon bereit. Siyets Puls pochte laut in seinen Ohren. Er starrte den Luftgeist an. Sie warteten. Die Zeit schien stillzustehen.
Würde er auf das Rauchopfer reagieren? Es überhaupt bemerken?
Die Antwort kam erst nach vielen Herzschlägen, aber dafür mit der Wucht einer Orkanböe. Der Sog wurde stärker! Und nicht nur das – der Körper des Luftgeistes über ihnen erzitterte, das Pulsieren änderte seinen Rhythmus, wurde schneller und heftiger, und Siyet hätte schwören können, dass der Luftgeist ein wenig tiefer sank, obwohl es bei seinen riesenhaften Ausmaßen schwer zu sagen war.
„Er hat angebissen! Er mag es!“ Tenet hustete, lachte, hustete noch mehr, und sprang auf die Ladefläche. „Fahr los, Siyet! Fahr schon los!“
Siyet lachte auch, als er die Echsen mit einem kurzen Schnalzen seiner Zunge zur Eile antrieb. Sie rochen das Feuer und watschelten schneller Richtung Dorf als er ihnen je zugetraut hätte. Es stank aber auch wirklich zum Himmel!

***


Mit der hereinbrechenden Dämmerung kam Schluchtenbruch in Sicht, und zwar keineswegs zu früh! Langsam aber sicher ging ihnen das Brennmaterial aus. Mehr und mehr Cresstebündel waren dem Hunger des Luftgeistes geopfert worden, der mittlerweile sehr viel tiefer über dem Land hing, dem Wagen folgte, und den Rauch aufsog wie eine Jungechse das Nährwasser aus den Zitzen des Muttertiers.
Siyet hatte während der Fahrt mehr als einmal einen Blick über die Schulter riskiert um das mächtige Lebewesen staunend zu betrachten, nun aber konzentrierte er sich darauf, im Halbdunkel die Straße zu erreichen, die zum Platz der Feuertürme führte.
Von weitem schon sah er erleichtert, dass man sie – oder eher ihren riesenhaften Begleiter – bereits bemerkt hatte. Winzige Gestalten rannten aufgeregt hin und her, und dann gingen die Feuertürme in Flammen auf.
Siyet trieb die nun widerstrebenden Echsen genau darauf zu, und musste zum ersten Mal den Stock einsetzen, damit die feuerscheuen Tiere gehorchten. Dicke Rauchschwaden quollen vor ihnen in die Höhe, und als der Luftgeist sie schmeckte ließ er sofort vom Wagen ab und wandte sich dem reichen Festmahl zu.
Siyets Gewänder flatterten im Luftgeistwind, und er hielt nun endlich an und rutschte vom Sitz herunter um die Echsen zu beruhigen. Tenet sprang einen Moment später von der Ladefläche, trat das letzte glimmende Cresstebündel auf dem sandigen Boden aus und gesellte sich zu ihm. Sie rieben den Echsen geknickte Sutakkblätter über die Nüstern, um sie vom Brandgeruch abzulenken, und bald dachten die beiden Gierschlünde nur noch an den Inhalt des Futtersacks. Siyet schüttete ihn schließlich einfach auf dem Boden aus, und nun hatten Tenet und er endlich Gelegenheit, in aller Ruhe den Luftgeist zu bewundern, der im Cressterauch schwelgte.
Das Wirbeln in seinem Körper war nun wieder gleichmäßiger und ruhiger, und er schien einen Teil des schwindenden Lichts des Tages in sich zu bewahren, denn er schimmerte und glühte als ob er nicht dunklen Cressterauch sondern sanftes Wetterleuchten verspeist hätte.
Weder Siyet noch Tenet würden seinen Anblick je wieder vergessen. Beide hatten inzwischen ihre Grünstaubbrillen hochgeschoben und den Gesichtsschleier gelöst. Sie strahlten einander an.

„Versuch geglückt, hm?“
„Und das Beste kommt erst noch. Eine Wochenration Wasser? Ha! Mit Zins und Zinseszins! Soll mal einer noch behaupten wir zahlten unsere Schulden nicht zurück.“
Der Wassermagus, der Feuermeister und deren Gehilfen hatten kaum einen Blick für den Luftgeist übrig. Sie standen unter Zeitdruck, hetzten zwischen den Türmen und den Wasserleitrinnen hin und her, und öffneten in Erwartung des Luftwassers die ringförmig um den Feuerturmplatz angelegten Kanalschotte.
Siyet legte den Kopf in den Nacken, als die ersten Tropfen fielen. Sie klatschten auf sein Gesicht wie salzlose Tränen. Regen. Daran könnte er sich gewöhnen.
Aber wie alles Schöne würde der Regen nicht von Dauer sein. Er bedeutete, dass der Luftgeist sein Mahl beendet hatte. Er würde so lange über ihnen abregnen bis er wieder leicht genug war, um aufzusteigen und seine Reise über die Himmel fortzusetzen.
Siyet würde ihn wohl nie wiedersehen. Doch an seiner Abschiedsgabe würde er sich lange Zeit satt trinken können. Und das Erlebnis trug er nun im Herzen.
Wenn das mal kein Grund zum Feiern war!
Die Leute aus dem Dorf kamen lachend und jubelnd herbei, die Feuertürme zischten, und der Segen des Luftgeistes prasselte wie ein Sturzbach auf sie hernieder und verschwand gluckernd und gurgelnd in den Leitrinnen auf dem Weg in die großen Vorratsbecken.
Tante Nimwe, nass bis auf die Haut wie sie alle, kam auf sie zugerannt und umarmte erst Tenet, dann Siyet. „Wie habt ihr zwei das bloß geschafft?“
Im Nu waren sie von den anderen Dorfbewohnern umringt, die Siyet und Tenet auf die Schulter klopften und alles ganz genau wissen wollten. Tenet übernahm das Reden.
Siyet aber schwieg, blickte zum satten, im Luftwasser nur noch verschwommen wahrnehmbaren Luftgeist auf, spürte das Prasseln der Tropfen auf seiner Haut und beschloss, dass ihn der Geruch von Cresste ab sofort nie wieder stören würde.

weiter zum nächsten Türchen