Elfenwerk

(von Diogenes)

So dicht vor der Wintersonnwende gelegen, ist das einundzwanzigste Türchen aus den Grautönen und Schattensträngen magischen Zwielichts gewebt. Schatten galten seit jeher als Übergänge zwischen Licht und Dunkel, zwischen hier und da, und wer sich durch dieses Türchen wagt, wird feststellen, dass dies immer noch so ist…

Gonniel, Elf und einer der mächtigeren Magier, Spezialist für Bewegungszauber und Herstellung magischer Gegenstände, nahm die Flasche mit dem zwergischen Bierbrand aus dem Regal, der 30 Jahre im Eichenfass gelagert hatte. Das würde ein schönes Geschenk für Lôcho sein. Diese Menschen!, dachte Gonniel. Sie merken gar nicht, wie die Angst vor der Dunkelheit sie bestimmt! Dafür machen sie schöne Dinge, um sie zu vertreiben. Und zu einem solchen „Ding“ war Gonniel eingeladen. Bloß eine kleine Zeremonie, in der für jeden Tag des Monates Dzîcho eine Kerze angezündet wird. Der Anfang des nächsten Monats markierte im Eshurânischen Kalender die Wintersonnenwende, die keine fröhliche Zeit war. Aber dafür leuchteten dann dreißig Kerzen auf dem Ständer, um dem dunkelsten Tag des Jahres die Furchtbarkeit zu nehmen. Gonniel würde den Anfang miterleben, mit einer Kerze, aber er war auch schon zur Wintersonnenwende eingeladen.
Gonniel überlegte.
Er nahm die angebrochene Flasche aus dem Regal und schenkte sich einen kräftigen Schluck ein. Er genoss den leicht bitteren, rauchigen, aber weichen Bierbrand. Es soll bloß keiner sagen, Zwerge verstünden nicht zu leben!, dachte er lächelnd.
Nach dem Bierbrand macht er sich fertig. Das Teleportieren hatte er noch als Jugendlicher gelernt, und das war nun schon über tausend Jahre her, also brauchte er kein Ritual mehr. Bloß ein wenig Konzentration und …

Er schwebte in einem grauen Nichts, die Geschenkflasche in der Hand.
Verpatzt! Cyughil! Verflucht!
Er schimpfte sich, dass er den Bierbrand getrunken hatte. Der hatte seine Konzentration gestört, zumal er den Zielort nur aus Beschreibungen kannte. Jetzt konnte er nur noch warten.
Die Stelle – sie war diesmal schwarz – kam bald in Sicht. Er hatte viel Erfahrung mit Portalzaubern aller Art, daher wusste er, dass diese Stelle, die immer alles andere als mittelgrau war, der einzige Ausgang war. Er setzte seinen Flugzauber ein, um schneller dort zu sein. Auch das war wohl ein Fehler gewesen, denn er konnte ihn nicht rechtzeitig aufheben. Es blieb ihm nichts über, als durch das Loch in der Realität zu steuern und zu hoffen, dass er weich fallen würde …
Da hatte er Glück. Eine Schneewehe stand an der Stelle, auf die er fiel. Als er aufstand, merkte er, wie bitter kalt es war. Es war Nacht. Ein voller Mond stand nahe des Horizonts. Er blickte in den Himmel und erkannte die Sterne nicht mehr. Der Mond sah anders aus. Andere Welt, aber das würde er bald haben, war er doch einer der wenigen, die die mächtigen Portalzauber, die man zum Reisen durch das Multiversum benutzen konnte, überhaupt kannten. Aber er musste feststellen, dass er nicht funktionierte. Leichte Panik kam in Gonniel auf, da fiel ihm ein Gebäude auf, aus dem Licht kam. Es schien aus Eis gemacht zu sein. Da auch sein Flugzauber nicht mehr funktionierte, machte er sich zu Fuß auf.

Das Gebäude war eine Art von Burg. Gonniel wusste, wie Festungen ausschauten, die zur Verteidigung taugten, und so wusste er auch, dass das hier nicht der Fall war. Es war eine Art Märchenschloss, gebaut in der Zeit, als die Nostalgie nach den „guten alten Zeiten vor dem Schießpulver“ modern gewesen war. Und es war tatsächlich aus Eis gebaut, jedoch hell erleuchtet. Eigentlich war es wunderschön. Neugierig betrat der Elf das Schloss
Drinnen war es viel wärmer. Vielleicht nicht sommerlich angenehm warm, aber viel wärmer als draußen. Eine kleine Gestalt, bunt angezogen mit roter Zipfelmütze entdeckte Gonniel, schlug einen Haken und lief davon, während er rief: »Vater! Vater! Ein Neuankömmling!« Und schon war er durch eine Tür verschwunden.
Gonniel hob die Augenbrauen.
Durch genau jene Tür kam ein Mann, anscheinend ein Mensch. Er war recht rundlich, trug einen weißen Vollbart, Halbmondbrillen und rotes Gewand – Tunika, Hosen und Zipfelmütze – das mit weißem Fell besetzt war. Das Schuhwerk bestand aus schwarzen, etwas klobigen Stiefeln, und die Tunika wurde mit einem schwarzen Gürtel zusammen gehalten.
»Ho, ho, ho!«, machte der Mann. »Wen haben wir denn da?«, fragte er freundlich.
»Ich heiße Gonniel«, sagte Gonniel. »Und wer bist du?«
»Ich? Ich habe viele Namen – Father Christmas, Père Noël, Babbo Natale, Olentzero und so weiter – aber einfach „Vater“ lasse ich mich am liebsten nennen. Und jetzt, wo du schon einmal da bist« – er drückte Gonniel einen Schraubenzieher und einen Gabelschlüssel in die Hand – »kannst beim Basteln der Weihnachtsgeschenke helfen.«
»Du willst was von mir!?«, fragte Gonniel unangenehm überrascht.
»Weihnachtsgeschenke«, sagte Olentzero geduldig. »Elfen machen Weihnachtsgeschenke. Wusstest du das nicht?«
»Nein. Was ist Weihnachten?«
Der Mann nahm sich die Zeit, es zu erklären.

Gonniel gefiel die Idee, mitten in dieser dunklen Zeit die Familie zu feiern. Er stellte noch ein paar Fragen, die mit Raum und Zeit zu tun hatten, und bat um etwas. Der Weihnachtsmann meinte, das sei kein Problem, schließlich könnte er sonst nicht in einer einzigen Nacht an Millionen von Kindern Geschenke verteilen. Daraufhin machte Gonniel, gemeinsam mit so vielen verschiedenen Elfen aus dem Multiversum, an die Arbeit. Er konnte einfach nicht anders, als die Geschenke mit ein bisschen Magie auszustatten, um sie noch ein wenig schöner zu machen. Oder mit ein bisschen mehr Magie …
Als er fertig war, erfüllte Olentzero Gonniels Bitte, dass er seine Verabredung mit Lûcho einhalten könne.

Und so kam ein junger Mann namens Harry P. zu einem höchst interessanten Besen.

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