Lehrjahre

(von Silph)

Helles Tageslicht fällt in den großen Raum mit den weißgekalkten Wänden. Neben der Tür steht ein niedriges Tischchen mit ordentlich sortierten Arbeitsmaterialien, und an den Wänden hängen Merktafeln mit komplizierten Zeichen, Diagrammen und geometrischen Formen.
Der Junge, der hier gerade gefegt hat, wirft vor dem Verlassen des Raums noch einen kurzen sehnsüchtigen Blick auf die Diagramme und den Fußboden. Dann verlässt er den Raum, ohne zu bemerken dass ein verirrter Sonnenstrahl die Linien eines Diagramms berührt, die daraufhin aufleuchten, und sich in geometrischer Perfektion wirbelnd zum dreiundzwanzigsten Türchen anordnen…

Der jüngste Lehrling hat den Boden für mich vorbereitet, dann hat er sich respektsvoll zurückgezogen, um mir Zeit und Platz für meine Arbeit zu geben. Fast beneide ich ihn darum, dass er nur kehren und putzen musste, bis alles blitzblank ist. Das kann ich wenigstens. Aber jetzt stehe ich hier mit meinem Blatt, auf dem das vom Meister gezeichnete Diagramm zu sehen ist, das ich auf den Boden übertragen soll. Mein Teil der Vorbereitungen.

Zögern oder gar herumlamentieren hat keinen Sinn, ich mache mich also an die Arbeit. Die Zeichnung schön ordentlich in die Mitte gebreitet, die Farben geholt… ich hasse Diagramme. Man rutscht stundenlang auf dem Boden herum und muss dabei noch aufpassen, dass man die Linien, die man schon gezogen hat, nicht verwischt. Ich habe kein Talent dafür, die Farben zu mischen, und von der Kreide muss ich husten. Die Abstandhalter wollen nie so, wie ich will, und in die Zirkelschnüre verwickele ich mich auch andauernd. Es ist, als hätten sich all die kleinen Werkzeuge der Kunst, die zu lernen meine Eltern mich hergeschickt haben, gegen mich verschworen. Dabei sollte ich doch eigentlich Talent haben. Der Meister hat mich sorgfältig geprüft, so wie alle anderen, die versucht haben, in den Kreis seiner Lehrlinge aufgenommen zu werden. Er hat meine Hände besehen und meine Augen geprüft und er hat mich über Geschichte und alte Legenden befragt. Am Ende hat er mich genommen. Mich, nicht die anderen. Während ich hier kniee und versuche, einen roten Kreis um einen blauen zu malen, ohne daß die Farben sich mischen, frage ich mich, warum eigentlich. Den Boden putzen und Mineralien stampfen konnte ich noch sehr gut, aber jetzt…

Dabei kann ich die Symbole. Ich kann sie lesen und ich weiß, wie sie aussehen. Ich kann sie benennen, ich kann sie erklären, ich kann sie sogar recht gut aufschreiben, solange sie nur klein zu sein brauchen. Ich kann ganze Reihen auf der Tafel mit Symbolen füllen, eins genau wie das andere, eine perfekte, ebenmäßige Linie aus Ranken, geheimnisvollen Rauten und Rosetten. Aber dann, wenn ich sie auf den Boden übertragen soll, dann wehren sie sich. Sie werden krumm und ungleichmäßig und ihre Proportionen stimmen nicht und der Meister wird wütend und fragt, ob ich noch immer nicht gelernt habe, die Maßeinheiten zu übertragen. Dabei habe ich das. Ich kann es berechnen und ich kann es abschätzen. Ich weiß genau, wie groß die einzelnen Elemente sein müssen. Ich kann sie nur nicht aufmalen. Selbst wenn ich es ganz langsam mache und mir die allergrößte Mühe gebe. Sie werden schief und, noch schlimmer, die Ecken schließen nicht genau miteinander ab. Wenn die Ecken nicht miteinander abschließen, dann kann sonstwas passieren. Alles bricht zusammen und das ganze Diagramm ist wertlos. Die ganze Arbeit umsonst.

Es klebt jetzt gelbe Kreide an meinen Knien, ich habe eine weiße Grundlinie hoffnunglos verwischt, als ich versucht habe, sie zu begradigen und eine meiner Kerzen tropft Wachs auf eine Reihe Halbmonde. Außerdem habe ich das ungute Gefühl, dass die Bögen des Wellenkranzes zu klein geraten sind. Ich sollte sie wegwischen und neu malen, aber dazu fehlt mir die Zeit. Ich kann die Schritte des ältesten Lehrlings schon auf der Treppe hören. Er kommt um zu sehen, wie weit ich bin.

Was das angeht, habe ich Glück. Der älteste Lehrling ist des Meisters rechte Hand und er hat das Recht, und andere zu bestrafen, wenn er glaubt, dass es Grund dazu gibt, oder wenn ihm danach ist. Er kann uns auspeitschen lassen oder uns Stockschläge geben, oder uns einfach zwingen, ohne Essen ins Bett zu gehen. All das würde Theomal nie tun, es sei denn, wir verdienen es wirklich. Sind faul oder frech oder bringen Schande über den Meister und seine Kunst. Ich vermeide es, von meinem Werk aufzusehen und ziehe noch schnell ein paar weitere Linien.

Die Schritte nähern sich weiter, dann hören sie auf, nur wenige Meter neben mir. Theomal würde nie aus Unachtsamkeit eine Linie verwischen, und er kann auch so sehen, wie gut meine Arbeit ist. Oder wie schlecht. Ich weiß, er besieht sie sich jetzt, und er sagt lange gar nichts. Dann seufzt er.

„Lass es sein“, sagt er. Er klingt resigniert. Auch er weiß, dass ich hier mein Bestes tue, also kann er mich nicht tadeln. „Ich lasse den Kleinen wieder hochkommen, er soll es säubern und du fängst von vorne an.“
Ich richte mich auf, setze mich auf meine Fersen und werfe einen hilflosen Blick um mich. Auf das Desaster von Linien und Mustern um mich herum. Ist es wirklich so schlimm?

„Einige Elemente sind schon sehr schön“, versucht Theomal zu trösten, „aber die Proportionen stimmen einfach nicht. Der Herdgott ist viel zu groß im Vergleich zum Streitwagen, und deine Opferschalen sind so winzig, dass nicht einmal der Juwelier Seiner Majestät irgendetwas damit anfangen könnte. Du musst lernen, größer zu arbeiten. Und du musst lernen, immer das ganze Bild im Auge zu behalten.“

Ich nicke nur gehorsam, dann beginne ich, mein Handwerkszeug einzusammeln. Ich kann hören, wie Theomal den Kleinen ruft, er soll nochmal putzen und kehren. Die Fläche wieder für mich vorbereiten, damit ich neu beginnen kann. Der Meister wird nicht aufgeben, bis ich gelernt habe, die Diagramme zu ziehen.
„Du hilfst mir solange Steine schneiden“, sagt Theomal zu mir. „Ich brauche mehr grüne für den Boden im Tempelbrunnen.“

Ich folge ihm nach draußen. Im Steine schneiden bin ich sehr viel besser als im Diagramme zeichnen. Beides ist nur eine Hilfsarbeit, aber sie ist sehr wichtig. Mit ungenau geschnittenen Steinen lässt sich kein gutes Mosaik legen. Genausowenig wie anhand eines schlecht gezeichneten Diagramms.

weiter zum nächsten Türchen