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Raunacht und es war eiskalt

(von Drauga Din)

Das vierundzwanzigste Türchen öffnet sich in die stille Nacht hinein. Ein eisiger Wind weht durch das Dorf, streicht um die Dorfbewohner herum, die nun nach und nach aus ihren Häusern treten, dick vermummt gegen die Kälte. Sie versammeln sich am großen Dorfplatz, doch man sieht nur Erwachsene, keine Kinder. Obwohl, wenn man genauer hinschaut…

Leise zieht Gerwin die Haustür hinter sich zu. Keiner hat bemerkt, dass er sich davongestohlen hat. Ein paar Momente hat er jetzt für sich, und mehr braucht er auch nicht, um zu sehen, was er sehen will.
Die Erwachsenen versammeln sich gerade draußen um das Raunachtsfeuer. Gemeinsam stimmen sie das Feuerlied an, um das Raunachtsfeuer zu segnen und sicher zu gehen, dass es die ganze Nacht brennen wird und die Dunkelheit und – vor allem – die bösartigen Wintergeister vertreiben wird.

Heute ist Raunacht, das heißt feiern, feiern mit Feuer, mit Musik, mit Tanz, mit Essen und Trinken, mit Freude und Mut. Um den Winter zu vergessen und zu verscheuchen, weil alle Nächte die kommen werden, alle bis zur nächsten Raunacht, einem nichts mehr anhaben können, weil die schlimmste schon überstanden ist.
Hier draußen ist es dunkel. Es ist dunkel und kalt, denn es ist Raunacht, und jedes Kind weiß was das bedeutet. Es heißt, wer diese Nacht alleine verbringt, der muss jämmerlich erfrieren und dessen Seele wird von den Wintergeistern geholt.

Aber solange das Feuer brennt, welches die Männer angezündet haben, fühlt sich Gerwin sicher genug, um einen Moment lang neugierig in die Dunkelheit zu spähen.
Doch nicht einmal das große Feuer kann der Nacht etwas entlocken. Weder Konturen, noch ganze Bilder, nur Schwarz und Rot, das Schwarz der Raunacht und das Rot des Raunachtsfeuers. Gerwin blinzelt. Natürlich sieht er nichts. So bedrohlich die Dunkelheit auch wirkt – am Feuer ist es interessanter.

Über dem Raunachtsfeuer hängt ein schwerer, schwarzer Kessel, gefüllt mit Wasser. Das Wasser ist für das Raunachtsbräu, eine Art Tee, der nur in dieser Nacht getrunken wird. Gerwin hat es noch nie getrunken, denn es ist nur für Erwachsene, er ist erst zehn, also noch gute sechs Jahre zu jung für das Bräu.

Gerwin drückt sich unbemerkt in den Schatten des Hauseingangs, und beobachtet sie von dort, wo ihn der tanzende Feuerschein nicht erreichen kann. Er fröstelt. Eigentlich sollte er drinnen sein, drinnen bei Großvater Marbod und den anderen Kindern.

Doch dieses Jahr will er endlich sehen, wie das Raunachtsbräu geschöpft wird, wie das Feuerlied gesungen wird, und, wenn er Glück hat, vielleicht sogar einen Wintergeist, der vor dem Feuer flieht.
Er hat es noch nie getrunken, doch für ihn gehört das Bräu zur Raunacht, nicht nur zum Begriff der Raunacht, auch zum Geruch der Raunacht. Er schnuppert. Hier draußen riecht es viel stärker. Bräu und Feuer, Dampf und Rauch. Altzenter Kraut, dessen zimtiger Duft Wintergeister von Türen und Fenstern wegscheucht, und Myg Batyn, das draugische Rauchkraut in den Pfeifen der Erwachsenen.

Raunacht ist aber nicht nur Duft, Rauch und Bräu, es sind auch Lieder. Nicht nur das Feuerlied, sondern auch die alten, schönen Lieder, die Fahrende Leute, meist Vagabundar, gegen einen Platz am Feuer und einen guten Schluck Bräu, gerne vortragen.

Raunacht ist aber vor allem die Raunachtsgeschichte, die Geschichte, die Gerwin und jedes andere Kind des Inselreiches und sogar manches Kind in Übersee kennen.
Gerwin mag sie gerne, die Geschichten um Helden, die die Welt zu dem gemacht haben, was sie ist, Helden, deren Reise im Dunkeln beginnt und im Licht endet.
Großvater kann sie auswendig, und diese eine Geschichte erzählt er nur ein Mal im Jahr. Weil er den Anfang nicht verpassen will – und weil die Erwachsenen bald wieder hineingehen werden und er natürlich nicht entdeckt werden darf – huscht Gerwin wieder hinein ins Warme.

So versammeln sich die Kinder am Feuer. Der nachdenkliche Gerwin, der dicke Kjeld, die stürmische Inghild, die grosse Medegund, der Sohn des Dorfaufsehers, Landogar, Oda die jüngste und der kleine Reimar, alle versammeln sie sich. Hoch über ihnen thront Großvater Marbod, auf einem reichverzierten Holzstuhl. Er trinkt aus einer großen Tasse Bräu und raucht aus einer langen Holzpfeife das Draugenkraut.
Der dürre, alte Mann mit grauem Haar und glatt rasiertem Gesicht will gerade beginnen, da öffnet sich die Tür ein zweites Mal und die Erwachsenen kommen herein. Ein eisiger Wind weht von draußen, die Kinder schaudern und recken ihre Hälse, um wenigstens einen kleinen Blick auf das Feuer zu werfen, sogar Gerwin, der eigentlich schon weiß, wie es aussieht.

Alle machen es sich bequem, nehmen sich noch eine Tasse Bräu, oder Tee, für die Kinder. Die Erwachsenen zünden sich noch eine Pfeife an, machen es sich behaglich, und dann beginnt Großvater Marbod mit der Geschichte, die er eigentlich gar nicht zu erzählen bräuchte, weil jeder sie auswendig kennt, er beginnt mit der Raunachtsgeschichte:

Vor langer Zeit, Raunacht es war,
Sie lag im Bett, todkrank offenbar.
Bei ihr, die Söhne, der Mann,
„Als wenn man so überhaupt feiern kann“.
Und so ward geblieben bei Mutter und Frau
Mit viel Trauer, Hoffnung und Bräu.
So kam es, unwiderruflich, bald,
Dunkle Nacht, und kein Fäller im Wald.
So kam es, unwiderruflich, bald
Schwarze Schatten, und es war eiskalt.
Nichts, weder Atmen noch Schreien,
Aufgehört hatte der Kranken Seien.
Ein Totenfest, noch auf die Nacht,
Danach ward sie verbrannt, und unter die Erd' gebracht.

Der Vater war anders, verdriesslich und alt,
Ertrug nicht den Anblick, der Jungen im Wald.
Er sah die Frau, die nun nicht mehr war,
Und es schmerzte ihn schrecklich, sogar.
Er schickte sie fort, weit weg und ganz bald
Ertrug nicht den Anblick der Söhne im Wald…


Und so erzählt der alte Marbod bis tief in die Nacht hinein.
Er erzählt bis die Raunacht mit ihren Schrecken und Freuden vorbei ist und alle ihr Leben weiterleben. Und er wird sie noch viele Male erzählen, viele Raunächte, bis auch sein Totenfest kommen wird, und bis eines Tages die Zeit für Gerwin kommen wird, sein erstes Raunachtsbräu zu trinken, und es schließlich den Helden aus den Geschichten gleichzutun, sein Zuhause zu verlassen und die Welt als Lehrling zu bereisen.

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