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Unheilvolle Entdeckung

(von Cith-Ungul)

Das neunte Türchen hängt schief in den Angeln, und der gemauerte Türrahmen wirkt, als wollten seine Steine in jedem Augenblick in sich zusammenfallen. Während es sich quietschend öffnet, saust draußen eine kleine, sandfarbene Gestalt vorbei, dicht gefolgt von einer zweiten.

Der Alte vorzog das Gesicht als er seine Enkel durch die verlassenen Gassen toben sah.
Sie wussten nicht worin sie sich befanden, wie sollten sie auch? Selbst sein Großvater war noch nicht auf der Welt, als die jahrhundertelange Belagerung des dunklen Turms begann. Viele Krieger der Menschen hatten damals ihre Familie mit zum Belagerungsring genommen, das waren ihre Vorväter.
„Ho, Desios! Sei vorsichtig, du weißt, dass viele der Ruinen einstürzen können!“
Lachend kam der Kleine auf ihn zu gerannt. „Opa ist da! Opa ist da!“
Voller Freude kam die kleine Yatira um die Ecke gestürzt und viel ihm von hinten um den Hals.
„Ho, nicht zu schnell! Du weißt dass der alte Alberich nicht mehr der stabilste ist!“
Er musterte die beiden Geschwister, die beide noch keine zehn Winter gesehen hatten. Sie sahen ihren Großvater nicht oft, da er die meiste Zeit damit verbrachte, die alten Grauelfenschriften im Tempel beim heiligen Hain zu entziffern, und der lag mehrere Meilen vom Wohngebiet der Menschen entfernt.
Ihr Volk hatte einen Wall um ein ehemaliges Wohnviertel der Grauelfen angelegt, denn im Gegensatz zu den anderen Belagerern befanden sich die Menschen im Krieg mit dem Zauberer der die Bestien anführte. Auch wenn die Angriffe nach mehreren Jahren langsam weniger wurden und schließlich aufhörten, besserten die Krieger den Wall ständig aus, denn wenn die benachbarten Oger und Trolle Hunger verspürten machten sie vor nichts halt.
Stirnrunzelnd betrachtete er die Kleidung seiner Enkel. Der Junge trug eine sandfarbene Tunika mit grünen Schmuckrändern, an seiner Seite baumelte ein bronzener Dolch, das Mädchen hatte ein ebenfalls sandfarbenes Kleid und hatte eine goldene Brosche im Haar. „Wo habt ihr das her?“ fragte Alberich die Kinder, den beide Kleidungsstücke sahen sehr nach der Kleidung einfacher Grauelfen aus. Im Lager war es verboten die Sachen des alten Volkes zu tragen. Er wollte gerade zu einer Strafpredigt ansetzten als Turgur, der Vater der Kinder und sein Sohn, grinsend um die Ecke gelaufen kam. Auf seiner Schulter trug er eine große Truhe, die bis oben hin mit Schriftrollen gefüllt war.

„Na alter Mann? Was gibt es neues aus dem Tempel?“
Der Alte senkte die Stimme und richtete seinen Blick auf die strahlenden Kinder. „Ich habe eine Schriftrolle mit beunruhigendem Inhalt entdeckt. Bevor ich damit zum General gehe wollte ich deine Meinung dazu hören.“
Die freundliche Miene seines Sohnes verfinsterte sich. „Es geht wieder um den Turm oder?“
Der Turm war die Geißel vieler Menschengenerationen, er hatte eine magische dunkle Faszination. Sie wussten nicht mal mehr den Grund dafür, dass sie ihn schon so lange belagerten.
Die Kinder sahen fragend zwischen ihrem Vater und ihrem Großvater hin und her, sie spürten die Sorge der beiden. Ihr Vater lächelte die Kinder an und schickte sie fort, um in aller Ruhe mit Alberich zu sprechen.
„Worum ging es?“ fragte Turgur.
„Um eine alte Legende, lass sie mich dir erzählen, damit du verstehst. Der Turm war nicht immer dunkel, im Gegenteil: Einst war er als der ‚goldene Turm’ weit und breit bekannt. Wir stehen im ehemaligen Reich Dêra'kai! Doch...“
Turgur sog scharf die Luft ein, „Du weißt dass es in den Ruinen verboten ist von den Alten zu sprechen!“
Der Alte senkte die Stimme „Ich weiß, und deshalb möchte ich erst mit dir darüber sprechen! Also lass mich fortfahren!“ fuhr Alberich seinen Sohn an. „Du weißt doch sicher von den Grauelfen? Alle Vermutungen über ihre Stadtstaaten sind falsch! Einst gab es ein geeintes Imperium, ein Großreich von gigantischen Ausmaßen! Es wurde jedoch unterworfen, und aus der Region um die ehemalige Hauptstadt entstand das kleinere Dêra'kai.
Zu jenen Zeiten war der Turm golden und schön, er war ein Symbol für die Reinheit und für das Gute. Eine alte Legende sagte, der Turm würde sich dunkel verfärben und sich in sein Gegenteil kehren, würden jemals alle Grauelfen den Turm verlassen.

Alle, außer dem Erzmagier Fanaríl und der damaligen Kaiserin Rejalín, hielten diese alte Geschichte für die Hirngespinste des alten Reiches, den sie hielten sich für unbesiegbar, sie erkannten die Fehler des alten Reiches, ihr Gebiet soweit auszubreiten das sie es nicht mehr verteidigen können. Sie glaubten nicht daran das sie militärisch unterworfen werden könnten, und zum Schluss bereitete ihnen eine Seuche das Ende, nach und nach verloren sie ihre Städte.

Als sich die Seuche im Reich verbreitete und ihr Volk schwächte, bereiteten sich die Monstren auf einen Feldzug gegen Dêra'kai vor. Die geschwächten Grauelfen hatten dem nichts entgegen zu setzen und errichteten, nach wenigen gewaltsamen Übergriffen, eine magische Barriere. Jedoch rechneten sie nicht damit das sich die Seuche auch innerhalb des Walls bemerkbar machte. Sie raffte einen Elf nach dem anderen dahin, bis sich das Herrscherpaar, was mittlerweile nur noch über wenige Hundert regierte, zu einer Verzweiflungstat entschloss.
Sie zeugten einen Sohn, und brachten das Baby in ein unterirdisches Gewölbe. Sie belegten es mit ihren letzten magischen Kräften mit einem Zauber der ihn schneller wachsen ließ. Außerdem gaben sie ihrem Sohn die Waffen und die Rüstung des göttlichen Kaisers, des ersten Herrschers.
Nachdem die Kaiser ihre letzten magischen Reserven aufgebraucht hatten fiel die Barriere in sich zusammen. Die Monstren überrannten den letzten Teil der Festung. Als letzte Überlebende verbarrikadierten sich die Kaiserin und der Erzmagier in einem Zimmer auf der höchsten Stelle des Turmes. Dort hielten sie sich einige Wochen, doch den Monstren kam unerwartet Hilfe. Die letzten Alben, die Todfeinde der Grauelfen, schlichen sich in den Turm ein und töten den geschwächten Erzmagier. Sie enthaupteten die Kaiserin und bestiegen den Thron. Die Monstren freuten sich über die Hilfe, doch ihnen wurde bald bewusst dass es den Alben um die alleinige Herrschaft ging. Als der Kaiser der Alben den Turm betrat verbreitete sich unaufhaltsam der Schatten des Fluches im Turm, und er ward schwarz.“
Schockiert starrte Turgur seinen Vater an, „Unterirdisches System? Ein lebender Grauelf?“
„Ja mein Sohn, es gibt sie noch, und wenn ich den Zeilen glauben schenken darf, sinnen sie auf Rache.“
Noch lange nicht vom seinem Schock erholt stammelte Turgur „Aber kann es denn sein daß er noch lebt? Er müsste mehr als zweihundert Jahre alt sein!“
Alberich antwortete: „Grauelfen leben sehr viel länger als Menschen, sie sind praktisch sogar unsterblich wenn sie nicht von einer schweren Krankheit oder einer Verletzung dahin gerafft werden. Jedoch selbst den Tod durch eine Verletzung war für einen Grauelfen unwahrscheinlich, die Heilkundigen zu jener Zeit hatten ein weitreichendes Wissen, sie konnten laut den Aufzeichnungen Organe austauschen!“
Turgur antwortete, nachdenklich geworden: „Wenn das so ist solltest du sofort aufbrechen und den General informieren. Grauelfen waren nicht bekannt dafür, Unterschiede zwischen Menschen und Bestien zu machen. Wenn wir ihn jedoch dazu bewegen könnten ihn auf unsere Seite zu ziehen, wäre er sicherlich ein Verbündeter von unschätzbarem Wert.“ Nachdenklich beobachtete er die spielenden Kinder, „Er könnte die Zukunft aller verändern, zum Guten, wie auch zum Schlechten

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