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Temmca und Belcume

© Sturmfaenger

Zu den Hochzeiten eines noch namenlosen orun’schen Bergvolks gehört das traditionelle Festmahl natürlich dazu.

Als Hauptspeise gibt es TEMMCA, das ist ein Mix aus zerdrückten und entwässerten Beeren (im Sommer frisch, im Winter gedörrt und kleingehäckselt), Hackfleisch, etwas Getreidemehl als Bindemittel und zermahlenen Nüssen. Diese Masse wird mit der Hand zu einem Bällchen geformt, in dessen Mitte ein großzügiger Kleks Beerenmarmelade gestrichen wird. Das Ganze wird in Blätter eingewickelt und im Erdofen gegart. Von Temmca gibt es nicht nur eine Sorte, sondern viele verschiedene, abhängig von der Beerensorte, der Herkunft des Fleisches, den benutzten Kräutern und den überlieferten Geheimtipps der Köchinnen. Die Temmca werden dann in Schüsseln serviert, aus der sich die Gäste mit den Fingern bedienen können. Die Klößchen werden in Quark, Pilzmus oder Honigsauce gedippt. Der Beerensaft wird mit Wasser oder pur dazu getrunken – jedenfalls von den Kindern. Erwachsene bevorzugen die vergorene Variante.

Soviel Süße erfordert einen Nachtisch, der den Gaumen auf andere Gedanken bringt. Da so hoch oben keine Trauben wachsen und Essig darum ein seltenes Luxusgut ist, haben sich die Bergvölker ihr eigenes Säuerungsgewürz erfunden: Belcume.

Ihre Nutztiere, die wiederkäuenden Giláh-Hochland-Hirsche, werden mit aromatischen Kräutern gefüttert und wenige Stunden später geschlachtet. Für die letzte Spezialität des Hochzeitsessens ist einer der Mägen des Giláh sehr wichtig: Der Belcmagen.

Er enthält eine vergleichsweise milde Magensäure (auch weil das Tier während des Wiederkäuens viel Speichel schluckt), in der die angedauten Kräuter schwimmen. Diese werden herausgefiltert und durch frische ersetzt, dann wird die Flüssigkeit ziehen gelassen, schließlich erneut gefiltert, und in verdünnter Form weiterverwendet.

Zum Abschluß des Hochzeitsessens werden kleine Schälchen gereicht, deren Boden mit einer fingerdicken Schicht von gewürztem Kuskus bedeckt ist. Darauf wird frisch aufgepufftes Getreide gekippt, darüber das verdünnte Belcume, und man verrührt das alles zu einem interessant schmeckenden Brei.

Durch die Verdünnung werden die Mundschleimhäute nicht mehr angegriffen als durch starken Essig, es prickelt nur ein wenig, was als typische Begleiterscheinung geschätzt wird. Zudem wird dieser ungewöhnliche Nachtisch gern mit massig Bier hinuntergeschüttet, und hat allein schon daher eine bleibende Beliebtheit bei den Männern.