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Interview mit Windflug Tinthand

(aus Latsis Welt)

Windflug Tinthand ist eine Trutznoilanerin. In dem Jahr, in das wir jetzt mal rasch zeitreisen *ssssst*, nämlich 729 ndB (aktuell schreiben wir in Noila 758), ist sie 34 Jahre alt. Sie ist groß und knochig, hat langes, schwarzes Haar, das sie nur ungern zusammenbindet, und trägt Hose, Hemd und Jacke aus einem groben, vermutlich selbst gewebten Stoff, darüber einen Wolfspelz.
Sie wirkt sehr wenig feminin, hat auch nie Wert darauf gelegt, im Gegenteil. Da Frauen in Trutznoila Menschen zweiter Klasse sind, sie aber eine recht freiheitliche Erziehung genossen hat, hat sie sich dem Rollenideal nach dem Tod ihres Vaters endgültig entzogen und hat einige Jahre als Mann verkleidet in Trutznoila, später dann einfach so in den von Menschen unbewohnten Gegenden Noilas verbracht.

 

Silph: Guten Tag, Frau Windhand. Ich hoffe, das ist die richtige Anrede für Sie?

Windflug Tinthand: [* lacht *] Nicht so ganz. Wenn Ihr es förmlich machen wolltet, müsstet Ihr mich "Tochter Tinthand" nennen, für mich reicht aber auch einfach Windflug. Ist mir sogar lieber, aus dem ganzen Brimborium bin ich lange genug raus. Tag Silph. Oder soll ich Frau Silph sagen?

Silph: Mich würde interessieren, wie Sie es geschafft haben, sich jahrelang als Mann auszugeben, ohne dass es jemand gemerkt hat. Gab es da spezielle Taktiken, die Sie benutzt haben?

Windflug Tinthand: Taktik eins: Brust wickeln. Tut weh, aber es war es mir damals wert.
Taktik zwei: nicht zu lange an einem Ort bleiben, sich für jünger ausgeben als man ist, und nicht zu viel Kontakt suchen.
Taktik drei: aussehen wie ich. [* grinst breit *] Meine Mutter war ja immer betrübt, dass aus der hässlichen Raupe nie ein bunter Schmetterling wurde - aber dann wäre ich sicher nicht lange durchgekommen und ich wäre heute Witwenheimerin, Hure oder tot.

Mara: Und wenn man das fragen darf, ohne Ihnen zu nahe zu treten - wie kam es, dass sie trotz der allgemeinen geringen Frauenfreundlichkeit ihre erwähnte freiheitliche Erziehung genossen?

Windflug Tinthand: Daran ist mein Vater Schuld. Er war ein ungewöhnlicher Mann. In gewisser Hinsicht jedenfalls. Ich war das einzige Kind, und mein Vater liebte mich ebenso wie ich ihn. Anfangs war er genauso mit mir umgegangen wie alle Väter mit ihren Töchtern - nämlich distanziert. Männer mischen sich in Frauendinge nicht ein, und die Erziehung von Mädchen ist reine Frauensache. Ich war schon als Kind sehr wissbegierig, habe alles hinterfragt und habe gegen Einschränkungen aufbegehrt. Vermutlich hätte meine Mutter es aber trotzdem geschafft, mich irgendwann in das "richtige" Frauenbild zu pressen, wenn mein Vater nicht irgendwann mitbekommen hätte, dass ich nicht so scheu, still, fleißig und naiv war wie jeder dachte, dass es normal sei. Er auch. Ich weiß übrigens bis heute nicht, ob es tatsächlich so ist und ich eine Ausnahme bin, oder ob es nur an der Erziehung liegt... Nun, jedenfalls fand er meine Abenteuerlust und Neugierde interessant, und er begann, sich mit mir zu beschäftigen. Ich weiß noch, wie er mich das erste Mal abholte und mit in den Stall zu seinem Wallach nahm. Er dachte, ich würde mich vor dem großen Tier fürchten, aber ich hatte nur Angst vor ihm selber. Ich war 5 und hatte ihn bis dahin nur als wortkargen Mann kennen gelernt, der meine Mutter nachts zum Schreien brachte (unser Haus hatte dünne Wände, und ich wusste nicht, was er da Schreckliches mit ihr tut) und tagsüber dazu, schüchtern und ehrfürchtig die Augen zu senken. Den Renner dagegen mochte ich gleich, obwohl er ein Beißer war und immer erst mal zuschnappte, bevor er sich mit den Menschen anfreundete - und ich war schneller auf seinen Rücken geklettert als mein Vater gucken konnte. Das hat ihm imponiert.
Von da an holte er mich immer wieder ab, und immer häufiger. Er unterrichtete mich, und wir machten lange Spaziergänge an der Küste. Daher kommt auch mein Name: beim Aussuchen hatte er mich vor Augen, mit im Seewind flatternden Haaren oben an der Klippspitze nördlich der Stadt.
Er hielt mich für Wert, sich mit mir zu beschäftigen - also konnte mir niemand erzählen, dass alle Frauen dümmer als Männer sind und unfähig, alleine zu überleben. Als mein Vater mich "Windflug" nannte und nicht sowas wie "Traumauge", "Sanftmund" oder "Glanzhand" (ihr wisst gar nicht, wie viele Frauen allein in Wasserblick genau so heißen), gab er mir - vermutlich völlig unbewusst - im Grunde schon einen Namen, der sich überhaupt nicht damit verträgt, bei irgendeinem Kerl im Haushalt zu arbeiten, der mir jedes Jahr ein Kind macht. Vermutlich wäre ich am Ende allerdings doch da gelandet, wenn er nicht so plötzlich gestorben wäre und mir auf einmal nur die Optionen Witwenheim, Gosse oder Abhauen offenstanden, weil mich so plötzlich dann erst recht kein Mann haben wollte... es waren ja schon vorher wenig gewesen.

Fionna: Frau Tinthand, wie schaffen sie es auf ihren Reisen zu schreiben und das Geschriebene über die üblichen Reiseschwierigkeiten unbeschadet zu retten?

Windflug Tinthand: Oh, noch mehr Fragen! [* räuspert sich *] Soviel reden bin ich gar nicht mehr gewöhnt, hoffentlich macht meine Stimme da mit.
Meint Ihr, weil ich eigentlich am Ende einen riesigen Rucksack voll Papier mit mir hätte herumschleppen müssen, oder meint Ihr den Verlust von Aufzeichnungen bei Unwettern und anderen Katastrophen? [* lächelt leicht *]
Ersteres ist ganz einfach: Ich habe ja nur in den ersten drei Jahren, als ich noch in Trutznoila unterwegs war, wirklich konstant auf Reisen gelebt. Kurz danach bin ich zu den Nasdewína gekommen und habe dort Freunde gefunden, bei denen ich meine Papierberge lassen konnte. Na, und ein oder zwei Notizbücher kann man problemlos mit sich herumtragen. Ich schreibe klein und habe ein gutes Gedächtnis.
Zum zweiten Punkt: ich habe mehrmals Aufzeichnungen verloren. Einmal mein ganzes Gepäck, als ich in den Grünlanden in einen Fluss stürzte und mich nur mit viel Glück überhaupt selber retten konnte, geschweige denn meinen Rucksack Mit solchen Verlusten muss man leben. [* zuckt die Achseln *]

Pherim: Zunächst interessiert mich Ihr Name. Hat er eine Bedeutung und wenn ja, welche? Ist Windflug Ihr Vorname und Tinthand Ihr Nachname? Tragt Ihr diese Namen bereits seit Eurer Geburt oder habt Ihr sie euch irgendwie verdient? Es scheint mir nämlich als beschrieben Ihre Namen Fähigkeiten, die Sie besitzen, oder irre ich da?

Windflug Tinthand: Wie ich zu meinem Vornamen kam, habe ich gerade schon erklärt. Den sucht immer der Vater oder, sollte der schon tot sein oder sonst wie nicht aufzufinden, der nächste männliche Verwandte aus - Großvater oder Onkel in den meisten Fällen. Jungen bekommen ihren Namen mit 20, Mädchen schon mit 15, denn ab da sind sie heiratsfähig.
Und ja, Tinthand ist wohl der Nachname. Bei uns heißt es allerdings Vatername, und genau das ist es auch. Mein Vater hieß Tinthand mit Vornamen.

Pherim: Und eine weitere Frage habe ich: Wenn Sie so viel Wert darauf legen, als Mann oder zumindest maskulin zu wirken, warum tragen Sie Ihr Haar dann lang und offen? Sind dies nicht Zeichen von Weiblichkeit?

Windflug Tinthand: Nein, wieso? Ein Zopf wäre weiblich. Allerdings selbst das nicht bei den Gelbmänteln, den Nomaden im Norden. In Trutznoila sind lange, offene Haare sogar ein Zeichen der Obernschaft. Einfache Leute dürfen sie nicht länger als bis zum Kinn tragen.
[* grinst *] Außerdem sehe ich, dass Ihr selbst Euer Haar lang tragt. Ist das dann weiblich?
Mal abgesehen davon: ich bemühe mich ja längst nicht mehr, maskulin zu wirken, das habe ich nur in den ersten Jahren getan, und da habe ich die Haare vorher auf Kinnlänge gestutzt. Als Oberer fällt man nämlich mehr auf als als einfacher Bauernsohn.

Veria: Also, ähm, Windflug, wie war denn die Meinung Ihrer Mutter zu dieser Freiheit? Ihre Aussage legt nahe, dass sie davon zumindest in Ihrer Kindheit nicht viel hielt, aber war das nach dem Tod Ihres Vaters auch noch so? Haben Sie ihr von der geplanten Flucht erzählt?

Windflug Tinthand: Nein. Meine Mutter war ja wirklich etwas dumm. Ist sie vielleicht auch heute noch, keine Ahnung. Ich weiß nicht, wo sie ist. Ich konnte sie ja schlecht mitnehmen.
Sie war jedenfalls immer der Meinung, dass es sich für eine Frau nicht gehört, einfach draußen herumzulaufen, und dass eine Frau auch nichts über die Sterne, Landeskunde oder Recht wissen sollte. Aber natürlich konnte sie nichts mehr dagegen sagen, als Vater all das mit mir machte. Denn er war ja der Mann und wusste viel besser, was gut war. [* schnaubt bitter *] Naja, besser als sie wusste er es ja wirklich.
Aber ich möchte über meine Mutter nicht mehr reden, bitte.

Silph: Wenn du deinen Namen erst mit 15 bekommen hast, Windflug, wie bist du dann vorher genannt worden? Ich nehme an, dass du sehr viele Geschwister hattest, da ist doch sicher irgendwie unterschieden worden?

Windflug Tinthand: Nein, ich war das einzige Kind. Vorher wurde ich wie bei uns üblich nach meiner Mutter Schwerlied "Jungschwerlied" genannt. Das wurde allerdings sehr bald im täglichen Leben zu "Wildfang". [* grinst *]
Wenn ich Schwestern gehabt hätte, hätte ich je nach Alter eben "Zwei-" oder "Dreijungschwerlied" bzw. irgendwelche lustigen Kürzel davon geheißen.

Silph: Und wie bist du als Fünfjährige so schnell auf einen Beißer drauf gekommen? Du musst großes Talent mit Pferden haben.

Windflug Tinthand: Naja - das war jetzt von mir vielleicht etwas ungenau ausgedrückt. Zum einen meinte er das nie ernst, die Zähne schnappten immer in der Luft zu. Und zum anderen war er angebunden und konnte mich gar nicht erreichen. Treten hätte er natürlich können, aber wie gesagt, er war nicht wirklich bösartig. Naja, und das Raufklettern war auch nur darum kein Problem, weil seine Heukiste direkt neben ihm stand. Sonst wäre ich viel zu klein gewesen.

Vinni: Das klingt nach einem aufregenden Leben, dass du da führst... Und auch nach einem gefährlichen, mal ganz davon abgesehen, dass es sicher unangenehme Konsequenzen hätte als Frau entdeckt zu werden... Wusste wirklich niemand, dass du eine Frau bist? Auch nicht dort, wo du länger geblieben bist? Und wenn doch, wie haben die Leute auf eine so... unabhängige und selbstständige Frau reagiert?

Windflug Tinthand: Ja, aufregend war es eigentlich immer. Gelangweilt habe ich mich so gut wie nie. Im Augenblick plane ich allerdings, mir doch mal mehr Ruhe zu gönnen. Ich habe da ein nettes kleines Tal in der Nähe von Tjanad entdeckt, wo man ein paar Schafe halten und vielleicht sogar etwas Korn anbauen könnte. Mein bester Freund lebt mit seiner Familie in der Nähe, und ich werde einfach mal wo bleiben... [* schaut ein wenig verträumt *]
Ja... aber zurück zum Thema. Ja, unangenehme Konsequenzen hätte es sicher gehabt, wenn ich entdeckt worden wäre. Bin ich aber nicht. Jedenfalls nicht dass ich wüsste. Wie gesagt, ich bin in dieser Zeit wirklich nie länger als einen Mond - nein, in Trutz war ich fast zwei Monde, da bin ich dann aber mehrmals innerhalb der Stadt umgezogen. Kompliziert wurde es immer nur, wenn ich - also, als Frau hat man ja - jedenfalls: das Waschen war etwas schwierig in dieser Zeit, ohne aufzufallen. Jetzt wo ich so daran zurückdenke - doch, da bin ich einmal wohl knapp an einer Entdeckung vorbeigeschrammt. Mein Vermieter kam dreist einfach in meine Wohnung und sah die aufgespannte Wäscheleine. Er wollte sofort wissen, was ich mit all den Lappen täte, und hat mich dabei sehr aufmerksam und kritisch angesehen. Ich habe ihm was von Verpackungsmaterial erzählt und einige Kleinscheiben auf die Miete aufgeschlagen, weil ich seine Töpfe zum Waschen gebraucht hatte. Damit war er wohl fürs erste zufrieden, und ich bin am nächsten Tag gleich ausgezogen. Aber ansonsten ist es eben einfach immer gut gegangen. Ich habe riesiges Glück gehabt. Heute würde ich das nie im Leben wiederholen, einfach viel zu gefährlich. Es war der reine Leichtsinn.

Vinni: Du hast sicher auch gelernt, dich selbst zu verteidigen und zu versorgen - kannst du also kämpfen und jagen? Wie muss man sich deine Ausrüstung vorstellen, wenn du allein unterwegs bist. Ich glaub nicht, dass du dich mit Rüstung und Waffen belastest.

Windflug Tinthand: [* lacht *] Ich und 'ne Rüstung... Nein, wirklich nicht, das wäre ja albern. Ich habe in meiner Zeit als Gefangene bei den Gelbmänteln ein wenig gelernt, mit der Armbrust umzugehen, aber seitdem nie wieder geübt.
Alles, was man braucht, um in der Wildnis zu überleben, ist warme Kleidung und Decken, mehrere Messer und ein gut austarierter kleiner Bogen. Und viel Durchhaltevermögen und Erfindungsreichtum. Waffen nutzen einem nicht viel. Für Menschen gefährliche Tiere gibt es in Noila wenige, und die meisten davon scheuen uns und laufen eher weg als dass sie angreifen. Und gegen andere Menschen, die einem Böses wollen, kann man sich als einzelne Frau sowieso nicht gut verteidigen. Da verlasse ich mich lieber auf die Tatsache, dass bei mir sowieso nichts zu holen ist. Mal abgesehen davon treiben sich Räuber auch eher in bewohnten Gegenden herum, also nicht da, wo ich normalerweise bin...

Shay: Hallo Windflug. In deinen Erklärungen kam jetzt schon mehrfach der Begriff "Witwenheim" vor. Was ist denn das?

Windflug Tinthand: Ich nehme an, "Hallo" ist ein Gruß, oder? Hallo Shay dann.
Ein Witwenheim ist in Trutznoila der Ort, an dem Kranke, Alte und Behinderte gepflegt werden, die zu Hause niemanden haben, der das tun könnte. Und es ist der Ort, an den Frauen ohne Ehemann gehen müssen. Wenn ihr Mann stirbt, sie verlässt oder sie überhaupt noch keinen hat, obwohl sie schon 22 Jahre alt ist, ist nicht die verbleibende Familie für die Frau verantwortlich, sondern der Staat. Und damit sie dem nicht auf die Tasche fällt, muss sie für ihren Unterhalt hart arbeiten, eben in den Witwenheimen. Das klingt zunächst vernünftig und gar nicht so schlecht - man ist dort versorgt, die Arbeit ist oft auch nicht schlimmer als im Haushalt, man ist nicht allein und hat ein Dach über dem Kopf. Schön ist es dort trotzdem nicht. Man hat zwar zu essen, aber nur das Einfachste und meist gerade so genug davon, und man ist eingesperrt. Eine Witwenheimerin darf nicht einfach ausgehen - und sie will das auch nicht wirklich, denn dann ist sie dem Spott und der Verachtung der Menschen draußen ausgesetzt. Witwenheimerinnen sind die unterste Stufe der Gesellschaft, noch weniger wert als die einfachsten Dienstleister. Und auch wenn niemand darüber spricht, ist es doch verbreitet, dass manche einflussreiche Männer sich dort "unverbrauchtere" Befriedigung holen als in den Hurenvierteln. Als Witwenheimerin kannst du nichts gegen so etwas unternehmen. Wenn du muckst, wirst du hinausgeworfen und kannst nur noch wirklich anschaffen gehen.
[* schnaubt wütend *] Wie auch immer das nun mit den Frauen und der Intelligenz sein mag: DAS ist wirklich eine Sauerei.

Parsana: Dürfen Frauen bei euch denn kein zweites Mal heiraten? Und was passiert mit Männern, die ihre Frau verloren haben?

Windflug Tinthand: [* guckt verwirrt *] Wie meinst du das? Ein Mann heiratet wieder oder bleibt alleine, ganz wie es ihm gefällt. Aber eine Frau kann doch nicht heiraten!
[* runzelt die Stirn *] Hm, das scheint bei euch wohl anders zu sein...
Um zur Frage zurückzukommen - also, natürlich darf ein Mann auch eine Witwe heiraten. Aber das wollen die wenigsten. Männer wollen ja immer junge Frauen. Wenn eine Frau schon Kinder hat, muss er ihr erlauben, diese anfangs regelmäßig zu besuchen. Und im schlimmsten Fall gibt es womöglich keine näheren Verwandten, so dass der zweite Ehemann die Kinder übernehmen muss. Wen wundert's da, dass es selten vorkommt, dass sich ein Mann eine Witwe aussucht.