Für den dreckigblonden Lockenkopf, den er recht schmerzhaft traf, war er an sich nicht bestimmt gewesen...
"Au!" rief der empört und grapschte dann hastig nach Halt, um nicht vom Dach der wild bockenden, dahinrasenden Kutsche zu fallen. Verblüfft griff er nach dem hübschen Holzwürfel und starrte dann auf ihre drei Verfolger, die auf stolzen - und leider viel zu schnellen - Schimmeln hinter der flüchtenden Kutsche her preschten. Pfeile, Messer, ja vielleicht noch Steine hätte er von den Inquisitoren erwartet, aber verzierte kleine Edelholzkästchen? Das geborstene Fenster, das schon hinter der Ecke verschwand, um die sie gerade rasend und schlingernd bogen, bemerkte er nicht.
"Wenna, wie weit sind sie noch weg?" fragte die Stimme seiner Kapitänin aus dem Inneren der Kutsche drängend.
"Weit? Weit wäre gut! Ich würde eher sagen 'wie nah'! Zwanzig Schritt oder so. Ich will ja nicht hetzen, aber... Lasst Euch schnell was einfallen, Käptn!"
Unter ihm reckte sich der hellblonde Kopf seiner Kapitänin aus dem Kutschenfenster und hielt nach einem Ausweg Ausschau. Hinter ihnen preschten nun auch die drei Inquisitoren um die Ecke, voraus die Anführerin in ihrem prächtigen gold-weißen Gewand, hinterdrein die beiden alltäglich verkleideten Geheimermittler. Wenna warf nochmals einen schnellen Blick auf den Würfel. Welches göttliche Wunder die Inquisitoren sich auch immer von dem Ding erhofften, er würde nicht darauf warten!
Mit aller Kraft schleuderte er es der Oberinquisitorin entgegen - und war baff, als sie es mit einer schnellen, präzisen Bewegung vor sich aus der Luft griff und ihm ein vernichtendes Lächeln schenkte. Er konnte sie förmlich mit verächtlicher Stimme sagen hören: "Das hättest du wohl gerne, Bürschchen!"
"Äh... Käptn, wir brauchen einen Plan, und zwar schnell!" rief er.
"Einmal Plan, kommt sofort!" drang es schelmisch herauf, und er hoffte inständig, dass Käptn Federblaun tatsächlich genauso zuversichtlich sein durfte, wie sie klang.
"Berre, nächste Seitenstrasse rechts!" kommandierte sie, und der Kutscher konnte gar nicht anders als mit einem zackigen "Jawoll!" zu antworten. In einem scharfen Bogen schlidderte die Kutsche in die Seitenstrasse, Wenna wurde auf den Bauch geworfen und krallte sich verzweifelt kreischend am Rand des Kutschendaches fest. Dass sein Kopf so ruckartig seine Position geändert hatte, war sein Glück, denn dadurch verfehlte ihn der Holzwürfel, den die Inquisitorin gerade mit wütender Wucht nach ihm geworfen hatte. Er hörte, wie das Kästchen hinter ihm irgendwo abprallte und war heilfroh, dass 'irgendwo' nicht sein Kopf war. Dann musste er grinsen, weil er den Würfel in seiner vollen Zierlichkeit und Pracht auf einem Misthaufen an der Straßenecke thronen sah, wo er offenbar gelandet war. Seiner Meinung nach ein guter Aufbewahrungsort für eine Etharielsreliquie.
Als er seinen Blick wieder auf ihre Verfolger richtete, verging ihm allerdings das Grinsen. Sie hatten schon wieder ein paar Schritt aufgeholt!
"Halt, im Namen des Herren! Ergebt euch!" donnerte die Oberinquisitorin zum wiederholten Male, aber Wenna fand, dass Anhalten keine wirklich gute Idee war. Glücklicherweise schienen Berre und Käptn Federblaun das genauso zu sehen.
"Berre, nächste wieder rechts!" befahl Letztere jetzt. Diesmal konnte sich Wenna rechtzeitig festhalten. "Und jetzt schneller, wir brauchen soviel Vorsprung, wie wir kriegen können!"

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