Die schweren Schwingen eines Ridena berührten vor ihm fast den Boden, als dieser an Erent vorbeiflog. Zügel liefen, gerade noch gespannt, über seinen Rücken und wurden von einem Faeroni gehalten, der entspannt am Kutschbock saß. Neben ihm ragte der lange, leicht gekrümmte Griff einer Klinge über die Sitzbank, die so typisch für dieses Volk war. Bestickte Vorhänge waren vor die Fenster der geschlossenen Kutsche gezogen. Die Flügel der Kutsche waren steil angestellt, damit sie sich auch noch bei der geringen Fahrt, die sie im Moment machte, über dem Boden hielt.
Erent kam schlitternd zu stehen und sah gerade noch den Flügel auf sich zukommen. Dann lag er das nächste Mal am Boden. Freiwillig. Die drachenartigen Ridena sind nicht gerade für ihre Zimperlichkeit bekannt.
Er spürte den Luftzug in seinem Nacken, als der Flügel über ihn hinwegzog, sprang hoch und rannte der Kutsche hinterher.
Endlich genug Raum, um sich zu bewegen. Und um sich umzusehen.
Der Platz war von einer Reihe von Häusern umgeben, wie man sie überall in der Stadt finden konnte. Eine Mischung verschiedenster Stile, neu gebaut oder halb verfallen. Bewohnt waren alle von ihnen. Rauch stieg aus Schornsteinen und Fenstern in den Himmel, zeichnete eigenartige, schwerfällige Muster in die Luft.
Die Kutsche zog sanft nach links über den Platz, um in eine der großen Straßen von Lèn Nadri einzubiegen, die hier ihren Ausgang nahm. Rechts öffnete sich eine schmälere Straße.

Weiter.
Wieder flog der Staub unter seinen Schuhen.
Das Geschrei war leiser geworden auf dem großen Platz. Von anderen Geräuschen überdeckt. 
Um ihn herum waren immer noch eine Menge Leute, die Straße war voll, aber nicht gedrängt.
Wohin?
Erent blickte auf den kantigen Würfel in seiner Hand.
Und was ist mit dir? Mistding. Nichts als Ärger. Aber warum muss ich mich auch mit dieser Bande einlassen. Ist doch klar, dass daraus nur Schwierigkeiten entstehen können. Geld, was denn sonst. Und jetzt nur dieser Würfel. Der war das Ganze wirklich nicht wert.
Seine Hand fuhr zu seinem linken Ohr und versuchte, es aus seiner misslichen Lage zu befreien. Ein Blick auf seine Kleider machten das Bild nicht besser, das Erent im Augenblick bot. 
Jetzt erst fiel ihm auf, dass alle nicht nur wegen seines Laufens einen Bogen um ihn machten. Gerümpfte Nasen und abschätzige Blicke folgten ihm auf Schritt und Tritt.
"Beim ewigen Baum, ich sehe grauenhaft aus."

Vom klirrenden Klang der Waffen und dem Scheppern der Rüstungen war schon seit einigen Ecken und kleinen Gässchen nichts mehr zu hören.

Beim nächsten Brunnen, die alle von einem öffentlichen Wassersystem gespeist wurden, das noch immer als ein Wunder galt, da die drei Schollen der Stadt über kaum eigenes Wasser verfügten und die gewaltige Bevölkerung von außen versorgt werden musste - unzählige Schiffe der Breanor kamen aus den Tiefen herauf und brachten schon fast zerronnenes Eis und Wasser, um die Speicher der Stadt laufend zu füllen - wusch sich Erent so gut es im Moment möglich war.
Erstaunlich. Dieser Würfel ist kaum schmutzig. Obwohl er in diesem Misthaufen gelegen hat. Und glaubst du, das dich das retten wird?
Erent nahm den Würfel in eine Hand. Warf ihn leicht in die Höhe.
Siehst du, was dort drüben ist?
Langsam drehte er den Würfel in der Hand und streckte ihn in Richtung des Schollenrandes, zu dem ihn seine Flucht gebracht hatte.
Das kennst du wohl nicht, du Unding. Oder?
Er schritt gemächlich auf die Kante zu, die eine Seite des kleinen Platzes einnahm, in dessen Mitte sich der Brunnen befand.
Zuerst mir in den Bauch schlagen, dann in den Rücken. Wozu bist du überhaupt gut? Und diese nutzlose Verzierung? Nicht mal schön. Was machst du überhaupt hier? Was, keine Antwort?
Sein Arm bewegte sich nach hinten, nahm die Schulter mit und spannte sich an.
Sein Blick folgte dem Fallen des Würfels, bis dieser nur noch ein winziger Punkt weit unter ihm war und in einer Wolke verschwand.
Entspannt drehte sich Erent um.

"Endlich." Eine tiefe, ruhige und gelassene Stimme.

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