Wie jeden Morgen seit jenem Tag vor drei Monaten beschleunigte Ikimi den Schritt als er an die Klippe kam. Wie jeden Morgen versuchte er, nicht an seinen Schmerz zu denken, sich gesenkten Blickes an der Stelle vorbeizuschleichen, und wie jeden Morgen scheiterte er. Nur schnell weg von hier, weg zur Sicherheit seines Gartens. Ach, Akukeo... Dann lag der sonnige Hang endlich hinter ihm und er konnte unter die schützenden Arme des Bergwaldes schlüpfen. Geschafft! Doch was war das? Ikimi blieb abrupt stehen. Ein Geräusch wie ein dumpfer Schlag. Aber hier oben war alles still, das Geräusch musste vom Strand unterhalb der Klippe gekommen sein. Was konnte das wohl gewesen sein? Einen Moment rang der junge Mann mit sich, dann kehrte er um.

Der Anblick der Klippe im Sonnenlicht und des tiefblauen Meers dahinter nahm ihm den Atem. Viele Jahre, Jahrzehnte gar, hatten er und sein Zwillingsbruder hier des Morgens Abschied voneinander genommen. Er, Ikimi, der Gärtner und Akukeo, der Fischer. Und jeden Abend gab es ein Wiedersehen in ihrer Hütte, unten im Dorf. Doch dann war der Tag gekommen, an dem Akukeo nicht zurückgekehrt war. "Der Blaue hat ihn genommen, er nimmt gern die besten Fischer." So hatten die Alten versucht ihn zu trösten, doch was wussten sie schon vom Los, ein einzelner Zwilling zu sein?

Erst langsam hielt die Wirklichkeit wieder Einzug in Ikimis Trauer. Dort! Da hing eine Staubwolke über dem Strand zu seinen Füssen. Aber was konnte den Sand so aufgewirbelt haben? Ikimi ließ den Blick über Meer und Land schweifen, doch da war nichts. Kein Vogel schwebte am Himmel und nicht einmal eine Wolke zierte das endlose Blau über ihm. Langsam verwehte der Wind die Staubwolke unter ihm und Ikimi wusste, dass er dieser Sache auf den Grund gehen musste. Schnell prägte er sich die Stelle ein, dann machte er sich daran, die Felsen hinabzuklettern. Dass sie senkrecht in die Tiefe fielen, ja, an manchen Stellen sogar überhingen, störte ihn nicht. Schon als Kind war er immer gerne losgezogen, um nach Vogelnestern zu suchen. Er und Akukeo...

Irgendwie gelang es ihm, die Gedanken aus seinem Kopf zu verbannen uns sich auf den Abstieg zu konzentrieren und so gelangte er schließlich auf den Sand. Die Staubwolke war mittlerweile verflogen, doch er hatte sich die Stelle gut gemerkt. Es war nicht schwer, sie zu entdecken. Ein tiefes Loch, von einem ringförmigen Sandwall umgeben, markierte den Ort. Wieder fragte sich Ikimi, was um alles in der Welt mit solcher Wucht aus dem Himmel fallen konnte. Mit beiden Händen begann er zu graben, tiefer und tiefer. Doch als er das Ding endlich in den Händen hielt, war es anders, als alles, was er erwartet hatte, auch wenn er nicht sagen konnte, was er eigentlich erwartet hatte. Es war ein hölzerner Würfel, mit geschnitzten Zeichen, wie Ikimi sie noch nie gesehen hatte. Er drehte und wendete ihn in den Händen, doch er konnte sich keinen Reim darauf machen. Er wusste nur eines: solche Zeichen hatte er auf keiner der Inseln Terapanaroas jemals gesehen. Da war er sich ganz sicher.

Diese Sonne stieg höher und bald wurde es unangenehm warm, hier am Strand ohne Schatten. Ikimi raffte sich auf, endlich den Weg zu seinen Gärten höher am Berg fortzusetzen. Den Würfel schob er in seine Tasche. Heute Abend würde er sich weiter damit beschäftigen. Doch das Ding ließ ihm keine Ruhe. Da waren diese hellen, glänzenden Stellen gewesen. Zuerst hatte er sie für Holz gehalten, aber je länger er darüber nachdachte, desto sicherer war er, dass es das nicht sein konnte. Und so war seine Arbeit schon wieder vergessen, bevor er den kleinen Fleck erreichte, wo Beerensträucher und Stauden im Schatten von fruchttragenden Bäumen und mächtigen Palmen wuchsen. Er setzte sich ins hohe Gras am Stamm der großen Fruchtpalme und zog den Würfel wieder hervor.

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