Nachdenklich fuhr er mit den Fingern über die Ornamente. Ja, das war wirklich kein Holz, aber was es war konnte er nicht sagen. Es schimmerte schwach im Licht, ähnlich wie Vulkanglas und doch ganz anders. Es fühlte sich kühl an, fast, als wäre es aus Mondlicht, das irgendjemand irgendwie verdichtet hatte. Er dachte an den dumpfen Schlag, den er gehört hatte, und wie tief der Würfel sich in den Sand eingegraben hatte. War er wirklich aus dem Himmel gefallen? War es vielleicht ein Zeichen von Itamifafailan, der Mondgöttin selbst? Zwischen den Palmblättern konnte er gerade den blassen Schimmer ihrer Sichel sehen, wie sie sich mühte, ihren Bruder einzuholen. Ja, nur von ihr, zu der er und sein Bruder schon immer ein besonderes Band gespürt hatten, konnte dieses Geschenk stammen. Aber was wollte sie ihm damit sagen?

Der Mittag kam und ging und Ikimi saß noch immer unter der Palme. Was sollte er mit diesem Ding? Es war schön, keine Frage, aber war es auch zu etwas nutze? Und würde es nicht den Zorn der Götter heraufbeschwören, wenn er etwas so Außergewöhnliches für sich behielt? Sein Blick ging hinaus auf das Meer, dort wo es zwischen einigen Bäumen hindurchblitzte, und auf einmal fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Er hatte dieses Geschenk nicht bekommen um es zu behalten, sondern um es weiterzugeben und es gab nur einen Gott, dem er es gerade darbringen konnte. Schnell erhob er sich und sah sich in seinem Garten um. Da, einige Blätter von der Lokono-Staude da drüben, ein Palmwedel, etwas Rinde vom Ulenuk-Baum... es war eine reiche Ernte die Ikimi schließlich am Palmstamm zusammengetragen hatte. Und keinen Moment zu früh, denn die Sonne verabschiedet sich schon nach ihrer Reise über den Himmel und er musste sich beeilen, wenn er noch vor Einbruch der Dunkelheit im Dorf sein wollte.

In ihrer, nein, seiner Hütte angekommen, entzündete er die Lampe mit Palmöl an den verlöschenden Kohlen des Herdfeuers und machte sich an die Arbeit. Bald hatte er die mitgebrachten Pflanzenteile in gleichbreite Streifen geteilt, die nun, zu sauberen Haufen geschichtet auf ihre Verwendung warteten. Dann begann er zu flechten und unter seinen geschickten Händen wuchs schnell ein bezauberndes Muster aus der rötlichen Lokone, den gelben Palmwedeln und dem fast weißen Ulenuk und all den anderen Pflanzen. Und ganz allmählich konnte man auch die Form erkennen, die er anstrebte. Mehrmals musste er aufstehen, um das Öl in der Lampe nachzufüllen, doch als die Nacht schon fast vergangen war, war es endlich getan. Er erhob sich, streckte die müden Glieder und bewunderte sein Kunstwerk. Doch wenn er seinen Plan in die Tat umsetzen wollte, blieb ihm nicht mehr viel Zeit. Schnell setzte er den Würfel in die dafür vorgesehene Vertiefung. Es passte perfekt. Er nahm das kleine Boot auf - den genau das hatte er geflochten - und verließ die Hütte. Still lag das Dorf da und selbst der Mond war untergegangen. Doch Itamifafailan hatte ihren Part getan. Am Strand angekommen, legte er das Boot in sein Kanu, schob dieses ins Wasser und paddelte los. Er fuhr immer gerade aus, genau nach Osten, und als sich der Himmel langsam rosig verfärbte, war von der Insel hinter ihm kaum mehr etwas zu sehen. Er hatte noch Zeit und während er das Kanu treiben ließ, sanft von den Wellen geschaukelt, dachte er an die schönen Dinge, die er gemeinsam mit Akukeo erlebt hatte. Dann ging die Sonne auf, verwandelte das Meer in eine Straße aus flüssigem Licht. Ikimi setzte das kleine Boot ins Wasser. Während er sein Kanu mit leichten Paddelschlägen auf der Stelle hielt, sah er zu, wie sein Werk den Würfel mit sich fortnahm, hin zum Meergott, auf dass der Akukeo freudig empfinge. Gerade als er den Blick abwenden wollte, sah Akimi einen Lichtblitz, genau an der Stelle, wo das Kästchen wohl gerade war. Ob das wohl das Licht der Sonne war, das sich in dem seltsamen Material spiegelte? Er hatte schon das Paddel in die Hand genommen, um nachzusehen, doch dann bezwang er seine Neugier. Er hatte den Würfel dem Meergott geopfert und es war nicht gut, sich in die Belange der Götter einzumischen.

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