"Hast du den Blitz dort gesehen?"
"Was?" Kenjuak sah verwundert von seiner Arbeit hoch. "Welcher Blitz?"
Angit wandte sich ihrem älteren Bruder zu. "Da war ein Lichtblitz auf dem Wasser. Nicht weit von der Küste entfernt."
Ihr Bruder schüttelte nur den Kopf und zeigte ihr damit deutlich, wie wenig er ihr glaubte. Ohne weiter darauf einzugehen wandte er sich wieder seinen Farben zu, mit denen er die Höhlenwand bemalte. Er hatte dieses Mal die Aufgabe, die Ereignisse des vergangenen Jahres in Tassaqs geweihter Höhle darzustellen, ehe der Stamm weiterzog.
"Was das wohl zu bedeuten hatte?", fragte Angit nachdenklich. "Der Blitz, meine ich."
Kenjuak beschloss, sie einfach zu ignorieren. Es war schon schwer genug, sich zu konzentrieren, wenn seine geschwätzige Schwester ihm bei der Arbeit zusah, auch ohne dass er auf ihre lebhafte Fantasie einging.
Er würde bald fertig sein und dann konnten sie weiterziehen. Im nächsten Jahr würde jemand anderer dafür zuständig sein. Vielleicht sogar Angit, überlegte Kenjuak nicht ohne Schadenfreude.
Gerade, als er die letzten Striche aufmalte, sprang Angit mit einem Schrei auf.
"Was ist?", fragte ihr Bruder genervt.
"Da treibt etwas zwischen den Wellen. Das muss ich mir näher ansehen."
Kenjuak beobachtete, wie seine Schwester über den Strand rannte, ihre Gewänder hoch raffte und ohne zu zögern mitsamt den Schuhen ins Wasser lief. Inzwischen sah auch er, dass tatsächlich irgendetwas nahe am Ufer in den Wellen auf- und abschaukelte. Angit griff danach und watete zurück an den Strand. Sobald sie wieder auf trockenem Boden stand ließ sie ihre Röcke sinken, schüttelte rasch das Wasser aus ihren Schuhen und kam zu Kenjuak zurück. Als sie ihm den Gegenstand hinhielt, konnte er doch eine gewisse Neugierde nicht unterdrücken.
Es war ein kleines Boot, geflochten aus einem seltsamen Material, das er noch nie zuvor gesehen hatte. Darin lag ein Holzkästchen, das mit hellen Mustern verziert war. Die Ornamente wirkten fremdartig für Kenjuak, aber das mochte nichts heißen. Vermutlich war es von den Südmenschen hergestellt und das meiste, was von ihnen kam, war ungewohnt und fremdartig. Möglicherweise hatten die Muster sogar eine Bedeutung und dienten ähnlichen Zwecken wie die Malereien in den Höhlen. Kenjuak strich über das Holz und die Muster. Was auch immer es war, es sah schön aus. Weshalb wohl jemand einen Holzwürfel in ein Boot setzte?
"Eigenartig, nicht wahr?", meinte Angit. "Irgendwie geheimnisvoll." Sie betrachtete den Würfel genauer, fuhr die Muster nach und sah schließlich auf die Höhlenwand. "Du solltest es aufmalen."
"Was?" Kenjuak starrte sie entgeistert an. "Das Kästchen? Ich kann das nicht einfach aufmalen."
"Ich glaube, dass das ein bedeutender Fund ist und als solcher sollte er aufgemalt werden."
Kenjuak konnte nicht glauben, dass sie das ernst meinte. Es war ihm verboten, etwas nach eigenem Gutdünken auf die Höhlenwand zu malen - nur was der Ältestenrat bestimmte fand hier seinen Platz.

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