Ein frisch benutzter Weg führte in die Höhle hinein. Nun, warum auch nicht. Ejhastnub hatte schon so manche Seltsamkeit gesehen. Und eine Höhle mochte nicht der unsicherste Ort sein hier in den Bergen.
"Willst Du da wirklich rein?" Ejhastnub drehte sich um. Dieser Ausdruck war ihm bisher fremd geblieben, im Gesicht der Fentin.
"Aber sicher. Dort ist eine Stadt, wo eine Stadt ist kann man handeln, und vom Handel lebe ich. Was hast Du, Sihi?" Nie hatte Sihijad vor irgend etwas Angst gehabt.
"Das ist so eng. Kein Platz an den Seiten. Der Berg wird mich erdrücken." Sie sah ihn mit schmalen Augen an. Dann sagte sie mit Bestimmtheit: "Ich warte hier."
Diesem Ton hatte Ejhastnub nichts entgegenzusetzen. Einer Fentin, die vor Raumangst ihre Beherrschung verlor wollte Er um nichts in der Welt gegenüber stehen. Daher meinte er schließlich nur: "Pass auf Dich auf."
Unvermittelt gab Sihijad ihm einen Kuss. Irgendwo auf ihren Reisen hatte sie mitbekommen, dass Menschen damit ihre Zuneigung ausdrückten. Nicht dass ihm das missfiel, doch ihr Raubtiergebiss und die raue Zunge, die ohne weiteres in der Lage war, ihm das Fleisch von den Knochen zu schaben war doch noch immer irritierend. "Bring mir was schönes mit." Mit diesen Worten verließ Sihijad den Wagen. Auch diesen Satz musste sie irgendwann unter den Menschen aufgeschnappt haben. Die Fentin machte sich nichts aus Besitztümern.

Die Lampen am Wagen stellten sich bald als unnötig heraus, da der Stollen in einem seltsamen rötlichen Licht erstrahlte. Zwar nicht hell, aber die Konturen gut sichtbar. Und schon bald erstrahlte die Stadt in der Höhle vor ihm. In einer Höhle, deren Ausmaße er nicht für möglich gehalten hätte, erhoben sich beleuchtete Säulen zwischen ebensolchen Häusern. Durch das rote Glimmen erschien innerhalb der Stadt auch mancherorts ein wesentlich stärkeres blaues Leuchten. Dennoch wollte Ejhastnub nicht auf seine Lampen verzichten. Die Bewohner dieser Stadt mussten sehr gute Augen haben, um sich in diesem Zwielicht zurechtzufinden. Nach einer Weile war er nahe genug heran, um die Bewohner erkennen zu können. Sie alle waren recht klein geraten. Seine Kleidung würde er hier wohl kaum los werden.

Am Stadttor wurde er von zwei der Zwerge, anders konnte er sie ob ihrer Körpergröße wirklich nicht bezeichnen, aufgehalten. Dies war ihm nicht ungewöhnlich. Bei dieser Gelegenheit pflegte er die Wachen nach den örtlichen Gepflogenheiten zu befragen. Noch bevor sie heran waren rief er ihnen entgegen: "Wohlan, werte Behüter dieser Stadt. Sagt an, ob es einem fahrenden Händler gestattet sei, dieserorts seine Waren anzubieten?"
Die Wachen sahen sich kurz an, ein belustigter Ausdruck schlich sich in ihre ernsten Minen. "Was für Waren habt ihr denn feilzubieten?"
"Nun, was sich auf meinem Wege ankaufen ließ, um es zu diesem erlesenen Ort zu bringen. Feinste Töpfe und Krüge aus den Werkstätten der Mönche zu Hermel, also biete ich Pelze und Stoffe aus Admont, fein gearbeiteten Schmuck der Meister dortselbst, Kräuter und Gewürze aus aller Herren Länder, ja selbst die geheimnisvolle Magierinsel besuchte ich, um dem hiesigem Volke zu gefallen zu sein."
Seltsamerweise waren die Wachen von der Aufzählung der fremden Orte nicht im Geringsten zu beeindrucken. "Habt ihr Waffen?"
"Wohl befinden sich unter meinen Waren zwei Dolche und einige Spieße, feinster Machart, die ..."
"Waffen könnt ihr hier lassen" wurde Ejhastnub in seinem Redefluss unterbrochen, "und bei der Abreise wieder abholen. Den Wagen ebenso."
Nun war es an Ejhastnub, nach den richtigen Worten zu suchen. "Meinen Wagen soll ich zurücklassen? Meine treuen Torgen? Die zu einem Teil meiner Familie wurden! Die Tiere, die die Freiheit der weiten Ebene kannten, den Wind auf hohen Gipfeln, die mich treu an jeder Gefahr vorüberzogen zurücklassen? Weis ich denn, ob sie in einem Stall nicht verenden?" Die Blicke wanderten zu den über mannshohen Kolossen vor dem Wagen, die die Pause genutzt hatten ein Schwein von einem Abfallhaufen zu vertreiben und sich nun selbst an diesem gütlich zu tun.
"Dann Verkauft Eure Waren eben außerhalb der Stadt." Mit diesen Worten begaben sich die Wächter wieder an ihre Posten.

Auch über den Marktstand vor den Toren war Ejhastnub nicht unglücklich. Nur wurde ihm normalerweise direkt gesagt, dass man kein fahrendes Volk in der Stadt haben wollte, und dies nicht auf irgendwelche Waffen, oder seinen Wagen geschoben. Er steuerte seinen Wagen ein Stück neben die Straße und breitete dort seinen Stand aus.

Seine Dolche hatte Ejhastnub schon bald wieder von der Auslage genommen. Die Zwerge hatten nur verächtliche Blicke für diese übrig. Sonst machte Ejhastnub ein gutes Geschäft. Den griesgrämigen Zwerg bemerkte er erst, als er direkt vor ihm stand.
"Verkauft ihr nur, oder kauft ihr auch?" War die knappe Anrede, ohne seinen abschätzigen Blick von den Waren zu heben.
"Wenn ich nicht kaufte, edler Herr, so hätte ich wohl bald nichts mehr feilzubieten. Darf ich euren Worten entnehmen, dass ihr etwas anbieten wollt?"
Wortlos holte der Zwerg einen hölzernen Gegenstand hervor. Zunächst dachte Ejhastnub, dass es sich hierbei um einen einfachen Würfel handelte. Doch war es eine Schatulle. Sehr feine Holzschnitzereien zierten die Seiten, sowie den Deckel. "Was würdet ihr mir hierfür geben?"
Ejhastnub betrachtete den Schatullenwürfel eingehend. Es war wirklich eine sehr feine Arbeit, aus einem ihm unbekanntem Holz. Ja, jede Seite schien aus einem Anderen gefertigt. "Ein schönes Stück. An solcherlei Kleinoden hängt doch sicherlich auch eine Geschichte?" Vieles, besonders von den ausgefallenen Waren ließ sich besser verkaufen, wenn Ejhastnub eine darüber erzählen konnte.

"Nein. Der Kasten ist sehr fein gearbeitet, ein Meisterwerk. Als solcher schon einiges Wert."
"Das sehe ich. Doch ist er auch nicht besonders groß. Als Schmuckkasten wohl geeignet, doch kaum für größeres." Ejhastnub überlegte, was wohl ein angemessener Preis währe in Anbetracht der anderen, die er hier erzielt hatte. "Würdet ihr ihn mir für fünf Silberlinge überlassen?"
"Nun, es ist doch ein fein gearbeitetes Stück. Ich dachte an mindestens Sieben."
Ejhastnub betrachtete weiter den Würfel. Doch es fiel ihm kein Makel auf, mit dem er den Preis weiter hätte drücken können.
"Nun gut, so sieben Silberlinge." Mit diesen Worten legte er das verlangte Geld auf den Tisch. Der Zwerg betrachtete verdutzt die ihm fremde Prägung, doch dann strich er das Silber ein und ging ohne ein weiteres Wort zu verlieren seiner Wege.
Als der Strom der durch das Tor reisenden dünner wurde beschloss Ejhastnub, dass es nun auch für ihn Zeit war, zurückzukehren. Schließlich wurde er im Freien erwartet.
"Verehrte Damen und Herren, der Markttag kommt leider für mich zu einem Ende. Ich werde anderenorts erwartet, doch wer weiß was die Zeiten bringen, vielleicht stehe ich dereinst wieder hier, mit neuen Waren, neun Geschichten aus aller Welt." Mit diesen Worten schloss Ejhastnub den letzten Handel ab, schickte einige Kinder zurück und begann seinen Stand aufzuräumen. Unzufrieden war er mit den Geschäften nicht. Doch war er kaum dazu gekommen, seinen Warenbestand aufzustocken. Außer dem Würfel. Irgendwie hatte dieser Würfel sich in seinen Gedanken festgesetzt. Er war sich sicher, kein schlechtes Geschäft gemacht zu haben. Doch irgendwas war falsch. Er wünschte sich, er könnte herausfinden, was es war.

Die Sonne war längst hinter den Bergen verschwunden, als Ejhastnub aus der Höhle heraus fuhr. Irgend ein Gefühl der Fremdartigkeit, welches er nicht bemerkt hatte, bis es nicht mehr da war war von ihm gewichen. Wahrscheinlich war es bloß die Umgebung gewesen. Diese Enge im Berg. Irgendwo konnte er Sihi ja verstehen, dass sie da nicht hinein hatte wollen. Ach ja, Sihijad. Die junge Fentin hatte ja hier auf ihn warten wollen. Wo mochte sie nur sein? Im Dämmerlicht der aufsteigenden Nacht mochte es sich für ihn als unmöglich erweisen, sie zu erspähen. Schon wollte er sich darauf verlasen, dass sie ihn mit ihren viel besseren Sinnen fand. Doch der Lichtschein eines Feuers löste sein Problem. Dort saß tatsächlich Sihi, gegen einen Felsen gelehnt und briet ein Stück Fleisch. Im Schein des Feuers sah sie so unglaublich zart und schutzbedürftig aus. So genau das Gegenteil von dem, was sie war. Das Licht des Feuers spielte im seidigen Glanz ihres Fells. Nur ein Zucken des Haarbüschels an ihrer Ohrspitze verriet, dass sie Ejhastnubs kommen bereits bemerkt hatte. Ohne eine Regung erwartete sie die Ankunft des Wagens. Bei einem Menschen hätte leicht ein arroganter, oder beleidigter Eindruck entstehen können, doch für die Fentin war dies die Art, auf die sie ihr Vertrauen ausdrückten. Erst als einer der beiden Torgen sie mit seiner Nase anstieß reagierte sie und schob ihm ein großes Stück Fleisch ins Maul. Der grunzte zufrieden, und als ob er wüsste, dass sein Tagewerk getan war ließ er sich zu Boden sinken.

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