Archendos drückte die Tür des Baderaumes hinter sich zu und schob den Riegel vor. Er seufzte und bemühte sich nicht mehr an den unerwünschten Besuch zu denken. Er öffnete den Schieber und das heiße Wasser strömte in das Hydrekem. Das Wasser stammte aus einem ungefähr 50 Fass fassenden Bronzetank auf dem Hof, floss durch den bereits von Henroi angeheiztem Ofen im alten Hühnerstall und von da aus durch Kupferrohre in den tiefer gelegenen Baderaum. Der Patriarch hatte ihm vor zwei Jahren für ein Exemplar dieses Systems ein hübsches Sümmchen gezahlt, dass seine Arbeit auf Monate hinaus finanziert hatte.

Archendos entkleidete sich, warf seine Kryita achtlos auf den Boden, prüfte die Temperatur mit den Zehen und ließ sich seufzend in das Becken sinken. Das Wasser war eine Spur zu heiß. Er griff nach dem Seil der Wasserschütte und zog. Eiskaltes Salzwasser rann aus der Schütte über sein Gesicht und Oberkörper. Ein nordisches Salzbad, einfach herrlich, die Südländer würden das nie verstehen.
Er schloss die Augen, zog stärker und öffnete den Schieber ganz. Etwas schlug schmerzhaft auf seinen Oberschenkel auf und versank im Wasser. Archendos gab einen kurzen Schreckensschrei von sich.
"Alles in Ordnung mit euch?", klang es sofort durch die Tür.
"Jaja, es ist nichts."
Das schien zu genügen, der Bewacher verzog sich wieder.
Archendos fischte im Wasser und bekam etwas Hartes, Kantiges zu fassen. Es war ein Würfel, ein ungefähr spanngroßer Holzwürfel. Er wog ein gutes Pfund. Wie bei Daitra kam so etwas in sein Badebecken? Das Salzwasserfass war erst an diesem Nachmittag von Henroi gefüllt worden und eigentlich sollte der auch alles Gröbere herausgefischt haben.
Archendos richtete sich auf und blickte in die Öffnung der Schütte. Er konnte nichts erkennen. Im Wasserfass nachzusehen sollte sich als relativ schwierig erweisen; es hing auf dem Hinterhof in seinem Gestell und Archendos' 'lieber Besuch' hinderte ihn seit Tagen energisch daran, das Haus zu verlassen. Er wog den Würfel abschätzend in der Hand; er war schwer für seine Größe, ein gutes Pfund bestimmt. Archendos legte den Würfel auf den Beckenrand, verlies das Becken und begann sich abzutrocknen, ohne den Blick von ihm zu wenden.

Jemeiros schlug Areishas zweite Linie mit einem Que-Manöver und verleibte sich grinsend ihren Spielstein ein.
Areisha fluchte leise und blickte konzentriert auf die verfahrenen Situation.
Der Alte kam mit einem Tuch um die Hüften aus dem Baderaum und Jermeiros nickte ihm zu, Areisha sah nicht einmal vom Spielbrett auf.
"Können wir noch irgendetwas für euch tun?"
Der Alte drehte sich um und sagte überraschend freundlich: "Nein, vielen Dank, ich mache mich wieder an die Arbeit." Er verschwand in seinem Arbeitsbereich und zog den Vorhang zu, der ihn von dem Wohnbereich abtrennte.
Jemeiros zuckte mit den Achseln und beobachtete Areisha beim Angestrengt-Denken. Seit fünf Tagen saßen er hier herum, spielte Spiele und bewachte jemanden, der nicht bewacht werden wollte.

Warum genau, darüber hatte ihn niemand informiert, die Sondersitzung des Rates war geheim gewesen und auch sein Auftrag hatte keine Begründung erhalten. Aber die Gerüchte waren eindeutig, es ging um politische Ränkespielchen ersten Ranges. Er bewachte den alten Archendos dij Djilvusi, Wissenschaftler, Schriftgelehrter und genialer Erfinder. Den begnadeten Konstrukteur, der mit seinen Bronzeguss-Sechspfündern der reniischen Armee im Oiska-Krieg kurze Nachladezeiten und damit den Sieg gebracht hatte.
Und er langweilte sich zu Tode dabei.

Archendos saß an der Werkbank und drehte das seltsame Objekt in den Händen. Das Holz trocknete langsam, nahm dabei aber auch keinen wesentlich helleren Farbton an. Die Oberfläche des Würfels war mit feinen, verschlungenen Schnitzereien verziert, einem Muster ohne offensichtlichem Sinn. Der Würfel wog genau ein Pfund und anderthalb Zim und hatte eine exakte Seitenlänge von einem Spann und einem Finger.
Auch die Wasserschütte hatte er mit Hilfe einer Lampe untersucht. Seine beiden Bewacher mussten ihn für verrückt gehalten haben, hatten sich aber nicht dazu hinreißen lassen, ihn zu fragen. Der Würfel musste im Salzwasserfass gewesen sein, und war wohl von Henroi, seinem Diener mit dem Wasser aus dem Ostmeer geschöpft worden. Das erklärte aber nur wie er in sein Hydrekem kam, und nicht, was er eigentlich darstellen sollte.

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