Nachdenklich fuhr er die Ornamente auf der Oberfläche mit dem Daumennagel nach. Mit etwas Fantasie bildeten sie Schriftzeichen.
Er stand auf, schritt an seiner Bücherwand entlang und zog schließlich Symbole und Skriphten aller Voelker und Zeyten heraus, das Standardwerk auf diesem Gebiet.
Alle sechs Seiten des Würfel zeigten die gleichen Schriftzeichen - so es denn welche waren.
Nein, da gab es keine Ähnlichkeit zu irgendeiner bekannten Schriftart.
Er legte einen Bogen Pergament auf eine Seite des Würfels, nahm ein Stück Zeichenkohle und rieb die Zeichen durch. Vielleicht konnte man an der Universität etwas damit anfangen. Er stellte den Würfel auf die Fensterbank, wo neben exotischen Götzenstatuen und einem echten Waldmenschendolch schon einige andere kuriose Gegenstände aus allen Teilen der Welt als Schmuck dienten. Er setzte sich an seinen Zeichentisch und beschäftigte sich wieder mit wichtigen Dingen, die Arbeit musste schließlich getan werden.

Areishas Ablösung war mit Sonnenuntergang eingetroffen. Ein humorloser Südländer, mit dem man sich nicht unterhalten konnte. Die Lust auf Spiele war Jemeiros vergangen. Er lieh sich etwas zu lesen aus der Bücherwand, ein Drama von Klimios dij Ayl, und verzog sich auf sein Lager.

Archendos öffnete das Fenster, kalte Nachtluft strömte in den dunklen Raum, vermischt mit den Gerüchen einer nächtlichen Großstadt. Er konnte die Brandung hören.
Ein Windstoß wirbelte seine Zeichnungen auf und wehte sie vom Tisch. Seufzend sammelte er sie wieder zusammen und beschwerte sie mit dem ersten Gegenstand, der ihm in die Finger kam, dem Holzwürfel. Hinter ihm knackte etwas. Er wollte sich gerade umdrehen, da legte sich etwas auf sein Gesicht, ein scharfer Geruch drang in seine Nase. Er wollte schreien, doch da spürte er, wie er das Bewusstsein verlor.

Jeremeios erwachte mit schmerzendem Genick. Er war tatsächlich auf seinem provisorischem Deckenlager eingeschlafen, nachdem in die Intrigen der Imnia in Die Kammerzofe beinahe so sehr gelangweilt hatte, wie die ganze letzte Woche..
Der Südländer lag mit dem Oberkörper auf dem Tisch. Während der Wache eingeschlafen, dafür würde ihm Jeremeios noch den Kopf waschen. Hinter dem Vorhang knarrte und raschelte es, der Alte war anscheinend noch wach. Jemeiros entschied sich, dem Soldaten seinen Schlaf zu lassen und ging hinüber zum Arbeitsbereich, um das Drama zurück zu stellen. Er zog den Vorhang beiseite und blickte auf eine hochgewachsene Gestalt in einem braunen Mantel. Jemeiros starrte ihn einen Augenblick lang völlig perplex an. Archendos lag regungslos auf dem Boden.
Der Unbekannte stand an Archendos' Zeichentisch, Papiere und etwas anderes, das Jemeiros nicht genau erkennen konnte, in den Händen. Dann wandte er sich ab und floh, Jemeiros gab einen Alarmschrei ab und folgte ihm. Im Laufen griff er nach seinem Säbel, und stellte fest, dass er ihn abgelegt hatte.
Die Gestalt erreichte die Tür, als diese gerade von außen geöffnet wurde. Die völlig verblüffte Wache wurde einfach umgerannt.
Jeremeios folgte dem Fremden auf die Straße, sah wie dieser der zweiten Wache auswich und setzte ihm nach. "Archendos liegt drinnen, kümmert euch um ihn", rief er über die Schulter zurück und folgte der Gestalt, die mit wehendem Mantel die Straße hinunter floh. Sie rannte erst in Richtung Hafen, runter zu den Kais, wandte sich dann aber nach links und lief durch eine Seitengasse in Richtung östliches Hafenviertel.
Der Abstand wurde größer, Jemeiros' Lungen pfiffen und seine Stiefel polterten über das Pflaster. Er wurde langsam alt und hatte etwas Fett angesetzt, aber ein ehemaliger Elitesoldat der reniischen Armee gibt nicht auf, niemals.
Jemand kam von hinten an ihn heran, überholte ihn und schloss zu dem Verfolgten auf. Eine der beiden Türwachen. Wenige Augenblicke später waren die beiden hinter einer Abzweigung verschwunden, Jemeiros lief verbissen weiter.
Der Weg führte an eine Abzweigung, die Wache stand ratlos da.
"Du nach rechts!", rief Jemeiros ohne anzuhalten.
"Jawohl, Hauptmann!"
Jemeiros wandte sich nach links. Papier wehte über den Boden, die Unterlagen aus Archendos' Haus, offensichtlich verloren.
Jeremeios zog die Balmuha im Laufen. Am Ende der Gasse sah er den Zipfel eines Mantels um die Ecke wischen. Als er um die Ecke bog, sah er, wie die Gestalt über einen schlafenden Bettler stolperte, beinahe fiel. Er feuerte die Balmuha ab, aber der Unbekannte wich erneut in eine Seitengasse aus, der Pfeil prallte wirkungslos von einer Mauer ab.
Jeremeios setzte über den verblüfften Bettler hinweg, bog in die Seitengasse ein... und stoppte aus vollem Lauf.
Eine Sackgasse, der Unbekannte war weg.
Hauswände auf drei Seiten, die Gasse diente ihrem Geruch nach für die Bewohner dieser Häuser als Kloake. Es gab keine Möglichkeit sie auf einem anderem Weg als dem, auf dem er herein gekommen war, zu verlassen. Trotzdem war der Unbekannte nicht da, spurlos verschwunden. Jeremeios Atem beruhigte sich langsam, er sah sich noch einmal um, fand aber keine Erklärung für das plötzliche Verschwinden.
Er zuckte mit den Achseln und verließ die Gasse.

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