Zum Knochenfischen war das ganze Dorf auf den Beinen. Singend und schwatzend zogen die Niasso durch den Sumpf; vorbei an moosbärtigen Fächerbäumen und wild rankenden Schlingpflanzen. Sie wanderten trittsicher über schmale Wege, die für fremde Augen im überfluteten Sumpfboden wohl kaum zu erkennen wären. Wasser und Sumpf waren vertraut, sie waren hier zu Hause. Die Niasso waren zierliche kleine Geschöpfe mit feingliedrigen Händen und Füßen. Die blasse Haut hatte einen bläulichen Schimmer, Haar und Augen waren hingegen nachtschwarz. Viele waren in schilfgeflochtene Stoffe gekleidet, einige in schuppiges Leder.

Cha’el, die Älteste, führte den fröhlichen Zug an. Hinter ihr folgten einige der Jäger mit Körben und Harpunen, und dahinter der Rest der Dorfbewohner. Männer, Frauen und Kinder, die zum Knochenloch zogen. Der Weg war allen gut bekannt: vorbei am großen Spinnenbaum, ein Stück entlang des Algenbächleins und dann um den Schlangenweiher. Sie waren diesen Weg erst vor einem Mond gegangen - als sie schweigend und traurig die Überreste von Lintolotek, Tanzende Perlmuschel, aus dem Dorf getragen hatten. Doch jetzt war es an der Zeit, ihn zurückzuholen.

Am Knochenloch angekommen, gebot Cha’el dem schwatzenden Völkchen zu schweigen. Einen Schreckvogelruf lang starrte sie schweigend in das klare, tiefe Wasser, dann nickte sie den anderen zu. Fröhlich und erwartungsvoll verteilten diese sich nun um das Wasserloch. Die Jäger setzten ihre Lasten ab und wiesen lebhaft schwatzend auf den Knochenbaum. Der riesige alte Baum stand dicht neben dem Wasserloch und streckte seine starken Arme weit über Sumpf und Wasser. Sein Stamm war rissig vom Alter und ehrwürdig weit war seine Krone. Doch Laub sah man kaum, da an Ästen und Zweigen überall Knochen und Muschelsplitter gebunden waren. Alte Schädel hingen in den Zweigen, achtsam mit Sehnen befestigt. Knöchelchen baumelten an dünnen Fasern und schwangen mit den Blättern im Wind.

Tiquitiquai, Kleine Schwester der Wasserschlange, hatte flink den Knochenbaum erklommen und angelte nun mit einer Harpune nach einem im Knochenloch versenkten Seil. Unter den aufmunternden Rufen der Dorfbewohner schnappte sie sich das Seil und begann, es hochzuziehen. Das Los hatte sie aus der Familie bestimmt, Großvater Lintolotek im Wasser zu versenken - und ihn nun zurückzuholen. In dem Mond, den sein toter Körper in dem Loch geruht hatte, konnten die Knochenputzerfische fein säuberlich alle Knochen abnagen, so dass er nun ins Dorf zurückkehren konnte.

Mit einiger Mühe zog Tiquitiquai den großen Korb aus dem Knochenloch. Die Jäger fassten mit zu, sobald er aus dem Wasser auftauchte. Gemeinsam wurde der Korb ans Ufer gesetzt und unter fröhlichen Rufen begrüßt. Lintolotek war gestorben - doch seine Knochen sicherte, dass sein Geist in der Nähe blieb und seine Freunde und Verwandten mit Rat und Hilfe unterstützte. Sofort wurde einer der sauber abgenagten Rippen an den Knochenbaum gebunden. Cha’el sicherte den Knoten mit einem Lied, während die Dorfbewohner bereits die Familie des Verstorbenen zu seiner Rückkehr beglückwünschten. Doch noch ehe die Knochen gezählt und getrocknet waren, ließ ein seltsames Geräusch alle aufhorchen. Ein dünnes Pfeifen, wie aus großer Höhe, wie ein Sturmwind, der rasch näher kam. Besorgt blickten die Niasso nach oben, konnte im dunstigen Himmel hinter vielblättrigen Laubkronen aber nichts entdecken. Das Geräusch blieb aber - und verstärkte sich noch. Und schließlich gab es einen mächtigen Schlag, der den Boden erzittern ließ. Für einen Herzschlag waren alle Geräusche des Sumpfes verstummt, und auch die Niasso hatten sich erschrocken hinter Büschen und Schilf versteckt. Nicht weit vom Knochenloch entfernt sahen sie zitternde Baumwipfel und eine blasse Rauchsäule.

Nichts geschah.

Als die Geräusche des Sumpfes allmählich wieder einsetzten, wagten sich auch die Niasso wieder aus ihren Verstecken. Ängstlich wurden Vermutungen ausgetauscht. War dort etwas vom Himmel gefallen? Hatte ein Blitz den Wald berührt? Oder trieben gar die Geister seltsame Scherze? Schnell siegte die unstillbare Neugier des lebhaften Völkchens über den Schreck und so zogen Späher aus, um die Ursache des Lärmes zu suchen. Tiquitiquai flitzte hinter Issahilar, Wassersänger, durch das Schilf. Vögel flogen auf und schimpften lautstark über die erneute Störung. Die Neugier ließ die Niasso aber nicht alle Vorsicht vergessen. Kurz vor dem Ort des Lärmes, verhielten sie ihre Schritte und schlichen schattengleich weiter. Die schmalen blauen Körper verschmolzen fast mit dem vielfältigen Grün des Sumpfwaldes. Lautlos glitten sie weiter, sahen aber nicht viel. Ein Baumstamm war gesplittert, ringsum lagen Holzsplitter und abgerissene Zweige und selbst der Rauch, der von dem Stamm aufstieg, war kaum noch zu erkennen. Mit schnellen Handzeichen berieten sich die Niasso. Eine Gefahr schien nicht wirklich zu bestehen - und wenn doch Geister ihre Macht im Spiel hatten, würde verstecken ohnehin nicht helfen. Reichlich unbehaglich wagten sich die Geschöpfe näher. In dem Baum... steckte etwas?

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