Vier spitze Gesichtchen mit neugierigen großen Augen schoben sich vor den gesplitterten Baumstamm und bestaunten das seltsame Ding, das darin verborgen war. Es war aus Holz, wie es schien, und mit Metall? Selbst die Form schien schon völlig fremd. Es war ein Würfel - aber die Niasso, die all ihr Wissen aus dem sie umgebenden Sumpf und Dschungel nahmen, kannten nicht einmal ein Wort für eine solche Form. Staunend verharrten sie vor dem seltsamen Ding und wagten nicht, es zu berühren.

Schließlich fasste sich Tiquitiquai ein Herz - Großvater Lintolotek müsste sich doch schämen, brächte sie nicht den Mut auf! Langsam schob sich die schmale Hand zu dem seltsamen Ding. Ein einzelner dünner Finger berührte ihn kurz und - nichts passierte. Halbwegs erleichtert, griff die Niasso zu und zerrte den Würfel aus dem Baumstamm. Das metallgeschmückte Holz war warm und glatt und völlig fremd. Ratlos drehte sie das Ding in ihren Händen und reichte es schließlich den anderen. Der Würfel wanderte nun von Hand zu Hand - doch keiner konnte sich erklären, was das sein sollte, und wo es herkam. Aber vielleicht konnte die Cha’el dieses Rätsel lösen. Tiquitiquai bekam den Würfel zurück und geschwind machte sich der kleine Trupp auf den Rückweg. Immer wieder drehte Tiquitiquai dabei den Würfel in ihren gelenkigen Fingern, fuhr die seltsamen Ornamente nach und probierte mit spitzen Zähnchen, ob sie daran nagen konnte. Aber das Holz bekam nicht einmal einen Kratzer.

Die Niasso am Knochenloch hatten inzwischen die Überreste von Lintolotek zusammengeschnürt und warteten ungeduldig auf die Späher. So war ihr Empfang lebhaft, lautstark und überschwänglich. Sofort ging auch hier das seltsame fremde Ding von Hand zu Hand, wurde befühlt, berochen, gekostet, geschüttelt und bewundert. Keiner konnte sich recht erklären, woher es kam und wofür es gut war. Auch die Älteste konnte das Rätsel nicht lösen. Lange betrachtete sie das Ding und fuhr nachdenklich die seltsamen Ornamente nach. Als sie das Ding dabei noch schüttelte, sprang plötzlich mit einem metallenen Klicken eine Seite auf. Sofort zuckten die Niasso zurück - aber es war nur eine Klappe, die sich geöffnet hatte und nun einen Hohlraum offenbarte. Cha’el tastete mit ihrem langen faltigen Zeigefinger in die Höhlung. Sie war leer. Vielleicht musste man etwas hineintun? Tiquitiquai war sofort Feuer und Flamme für die Idee. Vielleicht war das Ding doch von den Geistern gekommen - und wenn man ihnen dafür etwas gab, erfüllten sie einen Wunsch? Viele Geschichten erzählten von Geistern, die Niasso auf die Probe stellten, und ihnen anschließend Wünsche erfüllten. Eine Weile wurde hin und herdiskutiert, die hohen aufgeregten Stimmchen der Niasso schwirrten wie Vogelgezwitscher durcheinander. Dann der Entschluss - etwas sollte in das Kistchen hineingelegt werden. Nur was?

Aufgeregt stoben die Niasso auseinander, um in Sumpf und Wasser nach einem passenden Geschenk zu suchen. Eine Knospe vom Mondblütenbaum vielleicht? Oder ein glänzender Käferpanzer? Eine angeschliffene Muschelklinge?

Mit großen Gejohle tauchten schließlich die Kinder bei Cha’el auf. Sie hatten einen dicken Wurzelfrosch gefangen, der quakend zu entkommen versuchte. Die Kinder tanzten mit dem Frosch um die Älteste und den Würfel herum, völlig begeistert von der Idee, den Geistern diesen Leckerbissen zu vermachen.

Cha’el setzte den Würfel vorsichtig auf den Boden, so dass die offene Seite nach oben zeigte. Der Frosch wurde hineingestopft und der Deckel geschlossen. Es kostete einigen Kampf mit dem glitschigen strampelnden Tier, bis endlich der Würfel geschlossen war. Alle Blicke lagen nun schweigend auf dem fremden Ding und warteten, ob etwas geschehen würde. Dumpf klang das Quaken des gefangenen Frosches. Dazu kamen die Geräusche, die der Frosch bei vergeblichen Befreiungsversuchen verursachte. Der Würfel wackelte durch seine Bemühungen... und rutschte schließlich davon. Hüpfte der Frosch mit dem ganzen Ding? Hastig versuchten die Niasso den Würfel zu schnappen, behinderten sich aber gegenseitig. Durch Hände und Füße rutschte er immer weiter, wurde versehentlich geschubst und geschoben - und platschte schließlich in das Knochenloch.

Betreten schauten die Niasso hinterher. Der Würfel sank schnell im klaren Wasser, zog eine kreiselnde Schmutzspur hinter sich her und einen Schleier winziger Luftbläschen. Dann versank er im schlammigen Grund.

"Weg", sagte Tiquitiquai enttäuscht. "Einfach weg." Im Sumpf versunken, im Wasser. Die Niasso waren ausgezeichnete Schwimmer - aber im Knochenloch würde kein Lebender wagen zu schwimmen. "Weg..."

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