Noch lange hallten die Worte der Niasso im Gedächtnis des Frosches nach, während er weiter darum kämpfte, frei zu kommen. Er ahnte nicht, dass er ins Knochenloch gefallen war und das Öffnen des Deckels seinen Tod bedeuten würde, denn er war mittlerweile schon viel zu tief gesunken.
So kämpfte er noch eine ganze Weile gegen die roten Wände an, die ihn gefangen hielten, bevor er erschöpft inne hielt und nach Atem rang. Das Rot des Würfels begann schon vor seinen Augen zu flimmern, als sein Gefängnis sich plötzlich wie wild anfing zu drehen. Immer wieder berührte er mit einem erschütternden "Plong" etwas Hartes, sprang davon ab und stürzte weiter in die Tiefe. So unsanft behandelt, sprang der Deckel des Würfels auf einmal auf und ließ den Frosch frei.
Benommen und nach Atem ringend, schaute sich der Frosch um. Überall um ihn herum waberte feiner Nebel, in dem sich merkwürdige Schatten zu bewegen schienen. Er begriff nicht, wo er war, doch bevor er sich entschließen konnte aufzubrechen, schlossen sich zwei durchscheinende Kiefer um seinen kleinen Körper und verschlangen ihn.
"Gut gemacht, mein Freund!" Die Stimme, die diese Worte sprach, war so flüchtig wie der Nebel, der die Gestalt des Sprechenden umhüllte und seine Umrisse unkenntlich machte. Eine verzerrte Hand fuhr durch das Fell des Nebelwolfes, während die andere den roten Würfel umschlossen hielt.
"Dieser Gegenstand muss Anra‘sari wieder verlassen!" meinte Nograhm, der Herrscher über die Nebelfälle von Skah, nachdenklich und schickte seine Nebelwölfe aus, um einen der Dar‘etienne (1) zu ihm zu bringen, der diese Aufgabe übernehmen sollte.

Belisa sammelte gerade Kräuter, als vor ihr einer der Nebelwölfe aus dem Nichts auftauchte. Er musterte sie mit seinen funkelnden, grünen Augen und blieb abwartend stehen. Belisa hatte schon oft einen seiner Gattung gesehen, aber noch nie hatte einer von ihnen vor ihr ausgeharrt. Doch aus den Erinnerungen ihrer Vorfahren wusste sie, dass Nograhm sie zu sehen wünschte.
So nickte sie dem Nebelwolf bestätigend zu und machte sich auf zu Nograhm. Je weiter die beiden in den Wald vordrangen, desto mehr Nebelwölfe schlossen sich den beiden an, so dass sich Belisa bald von einem ganzen Rudel der schattenhaften Gestalten flankiert sah. Es musste etwas ungemein Wichtiges sein, wenn Nograhm alle seine Diener ausgeschickt hatte, um sie oder einen ihres Volkes zu finden.
Als sie schließlich die wabernden Seen am Fuße des Sturmgebirges erreicht hatte, wartete Nograhm bereits auf sie. Wie immer war seine Gestalt nicht auszumachen zwischen den Nebeln, aber das Leuchten seiner uralten, blauen Augen besänftigte ihre Unruhe.
Ruhig wartete sie ab, bis Nograhm das Wort an sie richten würde. Sie musste nicht lange warten, denn kaum hatte sich der letzte Nebelwolf zu seinen Füßen gelegt, reichte er Belisa den roten Würfel und meinte leise: "Bringe diesen Gegenstand nach Edador. Im Künstlerviertel findest du Espiró. Übergebe ihm den Würfel."
Er musterte Belisa noch einmal mit seinen allwissenden Augen, bevor er in den Nebeln verschwand. Auch seine Diener verflüchtigten sich im sanften Wind und ließen Belisa alleine an den Ufern der geisterhaften Seen zurück.
Solange Belisa sich erinnern konnte, war dies Nograhms Art: Wünsche auszusprechen, aber ihre Gründe niemals näher zu erläutern. Ihre Vorfahren und auch sie selbst akzeptierten diese Verhaltensweise seit Jahrhunderten, aber dieses Mal hätte sie sich gewünscht, mehr darüber zu erfahren, denn es war schon Generationen her, dass jemand aus ihrer Familie die Wälder von Skah verlassen hatte.

Den merkwürdigen roten Gegenstand nachdenklich in den Händen drehend, machte sie sich dennoch auf den Weg zur Küste, denn Nograhms Wünsche galt es zu erfüllen. Nur kurz hielt sie zu Hause an, um das Notwendigste zu packen und ihrer Familie Bescheid zu geben, bevor sie sich auf den Weg nach Daronis machte; der einzigen Hafenstadt im Norden Lyskaris‘ (2). Tage vergingen, bis sie unter dem schützenden Blätterdach ihrer Heimat ins Freie hinaustrat. Blinzelnd sah sie hinauf zur Sonne, die sie zum ersten Mal in ihrem Leben sah, ohne das gewaltige Baumkronen sie verdeckten. Ihr Herz begann schneller zu schlagen, als sie an die Reise dachte, die ihr nun bevorstand.
Zuletzt hatte Demian Waldläufer die Wälder verlassen, um den Kindern Elamatans (3) nach der Zeit der Feuerkriege beizustehen. Nograhm hatte seinerzeit viele Heiler der Wälder nach Tanmariv geschickt, um die grässlichen Wunden der Kriege mit den starken Heilkräutern der Nebelwälder zu heilen.
Jetzt sollte sie diese Reise antreten, um dieses merkwürdige rote Ding nach Edador zu bringen.

Während sie also auf ein Schiff wartete (4), das sie nach Edador bringen würde, regten sich tief im Süden Anra‘saris Geister längst vergangener Zeiten. Sie spürten, dass etwas Fremdes in ihre Welt eingedrungen war.
Bringt es zu mir! Es muss Anra‘sari so schnell wie möglich wieder verlassen, bevor es Unheil anrichtet.
Die zwei Jäger, denen der Auftrag erteilt worden war, nickten bestätigend und machten sich sofort auf die Reise.

Es vergingen mehrere Mondläufe, bis am Horizont endlich die Segel eines Handelsschiffes der Camarah auftauchten und Belisas heruntergebrannte Reiselust erneut entfachten.
So trat sie dem Kapitän der Perlmutt entschlossen entgegen, als sie ihn um eine Passage ersuchte. Dieser war bei ihrem Anblick zunächst viel zu erstaunt, um irgendetwas erwidern zu können. Die in verschiedenen Brauntönen gefleckte Haut, das kurze Haar, das in den Farben Grün, Braun, Rot und Weiß schimmerte und ihre bernsteinfarbenen Augen, die denen einer Katze glichen, verwirrten ihn völlig - sah er doch zum ersten Mal in seinem Leben eine der sagenumwobenen Heilerinnen aus dem Volke der Dar‘etienne.

(1) Die Dar‘etienne leben in den Wäldern von Skah, die die Nebelfälle vor der restlichen Welt verbergen. Sie sind humanoide Lebewesen, die ein genetisches Gedächtnis besitzen.
(2) Lyskaris ist einer von vier Kontinenten - der Herbstkontinent - Anra‘saris.
(3) Elamatan ist der Gott des Frühlings und wacht über den Kontinent Tanmariv. Mit den "Kindern Elamatans" sind somit alle Völker Tanmarivs gemeint.
(4) Daronis ist der zweitnördlichste Hafen Anra‘saris und wird nur selten von Handelsschiffen angelaufen.

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