Doch als er sich von dem ersten Schreck erholt hatte, weigerte er sich strikt, sie an Bord gehen zu lassen. Alter Seemannsglaube besagte, dass die Nebelwölfe von Skah jeden überall hin verfolgen würden, der einer der Dar‘etienne in Gefahr brachte. Kapitän Seewald war dieses Risiko zu groß, denn die Reise nach Edador war lang und nicht ungefährlich.
Belisa wollte beinahe schon aufgeben, als sich die Augen des Kapitäns weiteten und er sie hastig an Bord bat. Der Grund für seinen plötzlichen Sinneswandel waren die unzähligen, nebelhaften Gestalten, die auf einmal hinter Belisa aufgetaucht waren. Die Blicke ihrer leuchtend grünen Augen hatten ihm klar gemacht, dass es wesentlich gefährlicher wäre, Belisa nicht mit an Bord zu nehmen.
Es sollten jedoch noch einige Tage vergehen, bis die Perlmutt wieder in See stechen würde, denn Kapitän Seewald hatte in Daronis noch einige Geschäfte zu erledigen. Tage, in denen die geheimnisvollen Jäger bereits nördlich Edadors Tanmariv betreten und einen Dieb angeheuert hatten, den sie Belisa entgegen schickten, um ihr den fremden Gegenstand abzunehmen.

Er ging in Hakoi an Bord der Perlmutt, als Belisa bereits stark unter der Seefahrt litt. Niemals hätte sie geglaubt, dass sie sich so elend fühlen könnte und selbst Demian Waldläufers Erinnerungen an seine beschwerliche Reise hatten sie nicht darauf vorbereitet, dass sie als Kind der Erde auf See nicht zurecht kommen würde.
Dabei machte ihr weniger das ungewohnte Schaukeln des Schiffes Probleme, als vielmehr der Umstand, dass sie ihre Energien nicht erneuern konnte. Sie war es gewohnt, barfuss über den atmenden, lebendigen Waldboden zu laufen und von Belirah (5) stets frische Energie zu beziehen. An Bord der Perlmutt jedoch berührten ihre blanken Sohlen nur totes Holz und machten sie trotz all ihrer mitgebrachten Heilkräuter krank. Erst der junge Mann, der in Hakoi an Bord der Perlmutt gegangen war, lenkte sie mit seinen abenteuerlichen Geschichten von ihrer Unpässlichkeit ab.
Da sie sich gut verstanden und die einzigen Passagiere an Bord waren, verbrachten sie die meiste Zeit der Reise gemeinsam unter Deck, da Belisa beim Anblick des offenen Meeres immer schwindlig wurde. Dennoch wurde Belisa vom plötzlichen Aufbruch ihres Freundes überrascht, als dieser bereits in Destarin von Bord ging und sie nicht bis nach Edador begleitete. Traurig winkte sie ihm zum Abschied, als die Perlmutt wieder aus dem Hafen auslief.
Kapitän Seewald trat in diesem Moment neben sie und musterte den kleiner werdenden Mann abschätzig. "Gut, dass wir den wieder los sind. Ihr solltet nachschauen, ob ihr noch all eure Habseligkeiten besitzt." brummelte er in seinen Bart und verschwand dann wieder.
Belisa wollte ihren Freund schon verteidigen, als dieser etwas Rotes ins Licht der Sonne hielt und ihr frech zugrinste. Belisa erkannte den Würfel in seinen Händen und zuckte erschrocken zusammen. Sie wusste mit unerträglicher Sicherheit, dass sie ihre Aufgabe nicht mehr erfüllen konnte.
Dies stimmte sie wütend und traurig zugleich, während sie fieberhaft überlegte wie sie ihr Versagen Nograhm würde erklären können.

Whiskis, der junge Dieb, ging währenddessen fröhlich pfeifend an Land und machte sich auf zum Waldpilz, wo er sich mit den beiden Südländern treffen wollte, die ihm für den Diebstahl des Würfels eine große Menge an Sithstreifen (6) versprochen hatten.
Es herrschte bereits reges Treiben, als er den Waldpilz betrat. Ein Blick über die Anwesenden zeigte ihm, dass seine Auftraggeber noch nicht angekommen waren und so setzte er sich an die Theke, um auf sie zu warten.
Nach zwei Gläsern Waldfeuers betraten die beiden hochgewachsenen Südländer schließlich den Waldpilz. Als sie an ihm vorbei gingen, um sich an einem der etwas abseits gelegeneren Tische hinzusetzen, ließ er den mittlerweile gut verpackten Würfel unauffällig in ihre Tasche fallen.
Whiskis war froh, dass sie endlich hier waren, denn die hohen Stimmen der kleinen Ghaffins (7) , die sich zwischen den Beinen der Menschen bewegten, taten ihm bereits in den Ohren weh.

Doch er war nicht der Einzige, der die Neuankömmlinge beobachtete. Suash und Shuni, zwei kleine Burschen von gerade einmal zwei Handbreit Körpergröße, lungerten wie so häufig unter der Eckbank der Kneipe, wo es dunkel war und sie nicht weiter auffielen, wenn sie heruntergefallene Speisereste verzehrten oder auch den einen oder anderen Becher Hochprozentigen dorthin schmuggelten und sich einen feuchtfröhlichen Abend machten. Suash war der erste, der die beiden fein gekleideten Alben bemerkte, die zur Tür hereinkamen und sich an einen Tisch abseits der anderen setzten.

"Shuni! Die beiden da. Sehen reich aus! Kommst du mit?"
"Warte, schau!"
Ein Mann löste sich von der Theke und steuerte den Tisch der beiden Gestalten an, die recht fremdartig gekleidet waren.

Ungezwungen setzte sich Whiskis zu ihnen an den Tisch, um sein Honorar entgegen zu nehmen. Er hatte nicht beobachtet, dass die beiden nachgeschaut hätten, was er ihnen da in ihre Tasche hatte fallen lassen, aber sie überreichten ihm kommentarlos einen großen Beutel voller Sithstreifen. Whiskis - der bereits öfter Geschäfte mit den beiden gemacht hatte - wunderte sich nicht weiter darüber. Er packte seine Sachen und verließ den Waldpilz wenig später.
Die beiden fein gekleideten Männer blieben dagegen sitzen und tranken ihre Waldfeuer, ohne ein Wort miteinander zu reden. Ein Beobachter hätte zweifelsohne geglaubt, dass sie noch auf eine weitere Person warten würden.

"Jetzt aber!
"Hihi ... sofort, ja!"
Die beiden in zusammengenähten Stoffresten gekleideten Grünschopfe flitzten durch das verrauchte Zwielicht Zwielicht und hatten keine Probleme, ungesehen bis unter die Sitzbank der Alben zu kommen, wie es ihnen auch sonst nie schwer fiel , nicht gesehen zu werden, wenn sie es nicht wollten. Sofern sie nicht gerade mit lautem Geplapper beschäftigt waren.
Mit funkelnden Augen betrachteten sie die edlen Gewänder der beiden Fremden, dann fiel ihr Blick auf das Reisegepäck, das unter dem Tisch lag. Die Hand des einen Alben ruhte auf einer großen, verzierten Tasche und hielt den Griff sorgsam umschlossen. Selbstverständlich war sofort das Interesse der beiden Gnome geweckt. Mit einem kleinen Messer war geschwind eine Öffnung in der Taschenwand geschnitten, und sobald sie groß genug war, zwängte sich Shuni, stets der dreistere von beiden, hindurch ins Innere des Gepäckstücks. Suash vergewisserte sich noch kurz, dass keiner der Alben bemerkte, was unter ihrem Tisch vor sich ging, und steckte dann seinen Kopf hinterher.

(5) Belirah ist die Göttin der Erde.
(6) Sithstreifen sind in etwa das was wir Geld nennen.
(7) Ghaffins sind kobaldartige Lebewesen, die vor allem in den Wäldern nördlich Edadors leben.

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