Shuni zwängte sich bereits durch mehrere Lagen des rauen Stoffes, bis sich seine Augen an das Dunkel gewöhnten. Im oberen Bereich der Tasche erkannte er im schwachen Licht, das hier durch die Nähte drang, ein kleines, vielversprechendes Päckchen. Der Inhalt war dank seiner feine Nase leicht zu erraten: würziger Käsegeruch ging von ihm aus. Mit geschickten Bewegungen öffnete Shuni das Papier und vergnügte sich sofort an dem fremdartig schmeckenden, dunkelgelben Käse. Mit vollem Mund begrüßte er Suash, der sich endlich auch aus irgendeinem Kleidungsstück hervorwühlte, und bot ihm ein kleines Stück von dem Käse an.
Zufrieden mampften die beiden vor sich hin, immer hellhörig, ob aus der Gaststube verdächtige Geräusche zu vernehmen waren, da erregte ein verschnürtes Lederbündel Suashs Aufmerksamkeit. Neugierig, wie Gnomen nun einmal sind, kroch er sofort hinüber und betrachtete es kurz. Dann löste er mit flinken Fingern den Knoten der Schnur und begann, das Leder zur Seite zu biegen.
Suashs Augen begannen zu leuchten, als zwischen den Lederschichten kunstvoll geschnitztes Holz sichtbar wurde. Der Gegenstand entpuppte sich schließlich als ein Würfel, mit geheimnisvollen Ornamenten und goldenen Beschlägen verziert. Suash war sich nicht über viele Dinge in seinem kleinen Leben sicher, doch in diesem Moment wusste er, er MUSSTE dieses Ding besitzen. "Shuni, schau!" Er zerrte es ein stückweit mehr aus seiner ledernen Hülle und strich verzückt mit den Fingerspitzen über die Oberfläche, während Shuni auf Händen und Knien herüberkroch, doch nicht ohne vorher noch schnell das Stück Käse in seiner Hand in sich hineingestopft zu haben. Erstauntes, heftiges Einatmen war zu hören, als er Suashs Fund sah, und ohne dass die beiden sich großartig darüber absprechen mussten, begannen sie, das Fundstück gemeinsam durch den Inhalt der Tasche zu schieben und zu drücken. Es war nicht einfach, denn der Würfel ging ihnen immerhin vom Fuß bis zur Brust. Doch er schien innen hohl zu sein, denn er wog nicht viel.
Mit geübten Bewegungen wurde die Öffnung, durch die sie in die Tasche eingedrungen waren, etwas erweitert, und mit der nunmehr etwas größeren Angst, entdeckt zu werden, eilten die beiden Tunichtgute mit dem Würfel zwischen sich unter den sitzenden Alben hinweg, unter der Sitzbank die Wand entlang und schließlich durch die stets offene Türöffnung hinaus in die dämmrigen Gassen der Südstadt von Òumbýæ. Niemand hatte etwas bemerkt, denn Gnome waren meisterliche Diebe! Dennoch waren sie sehr angespannt, denn sie konnten sich durch den klobigen Gegenstand nicht so behände bewegen, wie sie es gewohnt waren, während sie an den Mauerkanten entlang huschten, dem Stadtrand entgegen, wo direkt Óumvík, der Sumpfwald begann. Wenn sie erst einmal jenseits der Stadtgrenze im Wald anlangten, wo sich die Abenddämmerung in Dunkelheit verwandelte und keine Alben herumliefen, waren sie in Sicherheit.

"Hihi!" kicherte Shuni etwas nervös. "Keiner merkt's. Alle dumm."
Suash ging vorne, den Würfel in seinem Rücken, und sagte über die Schulter: "Still noch! Sind gleich da."
Nach wenigen Minuten gelangten die beiden Gnome zu einem Feldweg, der von der großen Straße abzweigte, die in die Stadt führte, und huschten dort hinein. Hier blieben sie aber auch nicht lange, sondern verschwanden schließlich im Unterholz des Waldes, und nur noch das gelegentliche Wackeln eines Farnblattes oder das Rascheln eines aus dem Schlaf gerissenen Twiggs (*) erinnerte an die kleinen Diebe.

Aus dem Schatten der Häuser am Stadtrand löste sich eine schmale Gestalt. Lautlos schlich sie den Feldweg entlang und verschmolz wenig später völlig mit der zunehmenden Dunkelheit zwischen den Bäumen.

Nach einiger Zeit schweigenden Wanderns durch das Unterholz - eine seltene Situation unter Gnomen - erreichten Suash und Shumi eine etwas lichtere Stelle des Waldes. Mehrere große Felsen erhoben sich und verhinderten, dass sich das dichte Blätterdach hier schließen konnte. Zwischen diesen Felsen, unter umgestürzten Baumstämmen und Wildwuchs, konnte man schon flackernden Feuerschein sehen, und leises Singen ertönte, begleitet von den Klängen eines kleinen Zupfinstruments. Suash verharrte mit einem Mal, was zur Ursache hatte, dass Shumi durch den plötzlichen Halt mit seinem Kinn gegen den Würfelrand schlug. "Au! Wurzelpisser, was machst du?"
Suash wurde nachdenklich, ohne auf das Gezeter seines Kumpanen zu achten. Mit einer kurzen Handbewegung brachte er Shumi halbwegs zum Schweigen, zumindest solange, dass er ansetzen konnte: "Ruhig, Shumi! Denk doch nach. Der Würfel is so schön. Die anderen nehmen ihn weg! Mag ihn nicht hergeben!" Er strich wieder über die leicht im Licht des aufgehenden Mondes glänzenden Metallbeschläge des Würfels, der jetzt zwischen ihnen am Boden lag. Suash dachte ebenfalls mit seinem kleinen Kopf nach. Doch für ihn ergab sich aus dem Gesagten ein anderer Schluss.
"Du willst ihn nicht hergeben? Willst ihn allein, wie? Und ich? Und meine Kisa? Und Suni?" Gegen Ende wurde seine dünne Stimme lauter.
"Ach geh fort! Sie nehmen ihn weg, die anderen! Keiner soll's wissen! Nur du, du hast ihn ja schon gesehen."
"Sonst würdest ihn wohl ganz behalten? Mistschlucker! Geýtup (**)!"
Und bald keiften die beiden sich lautstark an und versuchten sich, mit Schimpfnamen zu übertrumpfen. Dass inzwischen bei den Felsen andere Gnome auf sie aufmerksam wurden, war ihnen mittlerweile egal, doch sie bemerkten so auch nicht, dass sich plötzlich ein Schatten von einem nahen Baum löste. Erst als blitzschnell eine große Hand niederfuhr und den Würfel unter sich bedeckte, hüpften die beiden Wichte mit einem Entsetzensschrei in die Höhe, um in dem Sekundenbruchteil, in dem ihre Füße den Waldboden wieder erreichten, so schnell das Weite zu suchen, dass man mit den Augen kaum folgen konnte. Oft genug hing ihr Überleben in der Wildnis von dieser Taktik ab: Bringe zunächst eine ausreichende Distanz zu einer möglichen Gefahr und versuche dann herauszufinden, ob es überhaupt eine Gefahr darstellt. So merkten sie auch hier erst, als sie halb unter einem moosbewachsenen Baumstumpf verschwunden waren, dass der Angreifer ein junger Alb war, der nunmehr laut lachend ihren Schatz in den Händen hielt.
Er hatte die beiden diebischen Gnome bereits an der Tür zum Gasthof bemerkt, als er draußen herumlungerte, weil er noch nicht nach Hause wollte. In der Nähe des Gasthofes bot sich ab und zu die Möglichkeit, einen kleinen Botengang zu erledigen, einem Fremden die Koffer zu tragen oder ähnliches, und Veýkapnar war um jedes kleine Geldstück dankbar, das er ergattern konnte.

(*) Twiggs sind kleine, mausähnliche Säuger, die in den Wäldern und Sümpfen im Norden von Æýansmottír leben.
(**) Geýtups sind recht unansehnliche, schleimige Kreaturen, die in den Sümpfen nahe Óumbýæs leben.

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