Wutentbrannt und erbost stürmten die beiden Gnome wieder zurück, und aufgescheucht von dem Lärm, kamen hinter ihnen direkt fünfzehn weitere Gnomen hervorgepurzelt, alle laut schnatternd und schreiend. Veýkapnar, der Albenjunge, richtete sich auf, als die ersten Kiesel ihm entgegenflogen, und verbarg den Würfel schnell in seinem Gewand.

Nun wurde es ungemütlich, denn die beiden Gnome, die den Würfel gestohlen hatten, hatten inzwischen die anderen ihrer Bande darüber in Kenntnis gesetzt. Einer von ihnen begann bereits tollkühn, sein Hosenbein empor zu klettern, während ein anderer ein kleines Messerchen in einen Zeh von Veýkapnars linken Fußes rammte. Es war Suash, den der Verlust seines kostbaren Schatzes fast in den Wahnsinn trieb, doch das wusste der Alb nicht, denn für Alben sah ein Gnom wie der andere aus; mit einem Schmerzensschrei sprang Veýkapnar zurück, schüttelte den Kletterer ab, drehte sich um und lief eilig in den Wald zurück, eine keifende Masse von Gnomen hinter sich.

Den Tieren des Waldes blieb dieser Radau nicht unbemerkt. In den Baumwipfeln ertönte das Geschrei von Kretàr (***), und überall raschelte und kratzte es um Veýkapnar herum. Er geriet durch all das ein wenig in Panik, obwohl er eigentlich kein Grund dafür hatte, denn er war oft im Wald und auch nicht das erste Mal des Nachts. Die Farnwedel schlugen ihm ins Gesicht, und einmal blieb er an einer rauen Wurzel hängen und schlug lang hin. Schnell sprang er wieder auf, sein Fuß schmerzte und war aufgerissen. Er tastete nach dem Würfel unter seinem Gewand, er war bei dem Fall auf ihn gestürzt; es würde bestimmt einen blauen Fleck an seinen Rippen geben, doch der Würfel schien unversehrt geblieben zu sein.
Er wollte schon weiterhasten, als er bemerkte, dass die hellen, nervigen Stimmen der Gnome nicht mehr zu hören waren. Er hatte sie wohl schon längst hinter sich gelassen, doch hatte er das in der Aufregung wohl nicht bemerkt. Er atmete ein paar mal tief durch und versuchte, sein Herz etwas ruhiger schlagen zu lassen. Es war inzwischen ziemlich dunkel geworden, und mit einem Mal wurde ihm bewusst, dass er sich nicht mehr sicher war, wo er sich befand. Sein gerade etwas beruhigtes Herz begann sofort wieder an zu pochen, während er verzweifelt versuchte, sich an irgendetwas in dem Dunkel um sich herum zu orientieren.
Und plötzlich bemerkte er etwas anderes. Etwas, das ihn in noch viel mehr beunruhigte als die Vorstellung, möglicherweise an einen Baum gekauert die Nacht zu verbringen und morgen früh eine kräftige Abreibung zu erhalten. Es war totenstill um ihn herum, kein noch so leises Geräusch war zu hören. Und das, obwohl im Wald normalerweise stets irgendetwas raschelte, pfiff oder grunzte. Und dann nahm er den strengen Geruch wahr, den er bisher nicht bemerkt hatte, weil seine Aufmerksamkeit nur den kleinen Gnomen hinter ihm und dem Ausweichen von Ästen im Weg galt.
Das Blut gefror in seinen Adern. Es roch nach nassem Fell, nach modriger Wärme. Panik schnürte ihm die Kehle zu, und ohne dass er willentlichen Einfluss darauf hatten, entrang sich ihm ein leises Wimmern.

Veýkapnar sah den Schlag nicht kommen. Er hörte nur ein scharfes Rauschen in der Luft; dann verwandelte sich die Dunkelheit vor ihm in Gewalt, Blut und Schmerz. Der Aufprall warf ihn mehrere Meter nach hinten, er prallte gegen einen Baum, flog seitlich davon weg und blieb unter Farnbüschen liegen. Er spürte seine Beine nicht mehr - seine Hände tasteten nach unten, griffen in offenes Fleisch, in pulsierende Flüssigkeit. Ein lautes Schnauben ertönte neben ihm, und vor das etwas hellere Blätterdach des Waldes schob sich der gewaltige, pelzige Kopf eines Skráks, des gefürchtetsten Raubtieres des Landes. Etwas ragte aus seinem Maul, und Veýkapnar erkannte mit schwindendem Blick, dass es seine eigenen Beine waren, die ihm bei dem Schlag des gestachelten Schwanzes abgerissen wurden. Dann würgte er Blut empor, und sein Blick füllte sich mit ewiger Schwärze.

(***) Kretàr sind affenartige, rudelbildende Tiere, die zeitlebens in den obersten Baumregionen dichter Wälder leben.

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