"Jetzt warte doch. Ich bin nicht so schnell wie du." Mit hastigen Bewegungen ihrer kurzen Arme bog Aluí die grünen Blätter und Zweige zur Seite, um ihrem Bruder schneller durch das dichte Gebüsch folgen zu können. Schon mehrere Male hatte sie geglaubt, ihn verloren zu haben, aber dann hatte sie doch wieder seine helle Haut und die orangefarbene Strähne in seinem dunkelvioletten Haar im Dunkel der Nacht und des Unterholzes hervorblitzen sehen.
Sibrú blieb kurz stehen, um zu warten, bis seine jüngere Schwester herangekommen war. "Sei doch still", raunte er ihr durch die Nacht zu, "am Ende bemerken sie noch, dass wir uns fortgeschlichen haben." Er wandte sich wieder in die Richtung, die er zuvor eingeschlagen hatte, und begann, sich weiter den Weg durch das Gewirr von Büschen und Kletterpflanzen zu bahnen. Die beiden Tumalikinder hatten keinerlei Probleme, sich in der Finsternis zurechtzufinden - ihre Sinne waren vollkommen an ein Leben in der Nacht angepasst.
Auf einen neuerlichen Ruf seiner Schwester hielt Sibrú erneut kurz inne. Hätte er sie doch nur zu Hause gelassen, sie hielt ihn nur auf! Irritiert ließ er seinen Blick über die Wipfel schweifen. Der Wald klang heute anders als sonst, da war noch mehr als die üblichen Schreie der Eulen und Nachtvögel. Tatsächlich war da von weiter drinnen im Wald erregtes Pfeifen zu hören.
"Das sind sie", flüsterte Aluí, die ihren Bruder eingeholt hatte und nun ebenfalls aufmerksam in die Dunkelheit lauschte. "Und das klingt gar nicht gut. Lass uns zurück nach Hause gehen, wir bekommen nur Ärger."
Sibrús Augen leuchteten vor Aufregung. "Auf keinen Fall. Endlich passiert hier mal was, das will ich nicht verpassen. Geh doch nach Hause, wenn du Angst hast - ich bleibe hier."
Aluí blieb trotzig stehen. "Ich habe keine Angst. Aber ich weiß, dass die Erwachsenen uns nicht verboten hätten, in den Wald zu gehen, wenn sie nicht genau wüssten, dass es dort gefährlich ist."
"Das hättest du dir vorher überlegen müssen", gab ihr Bruder schroff zurück. "Jetzt red nicht lange, sondern komm!"
Widerwillig machte sich seine Schwester wieder daran, ihm zu folgen. Er hatte ja Recht - für einen Rückzieher war es zu spät, sie würden so oder so Ärger bekommen. Von irgendwo hinter den Bäumen drangen erneute Pfeiftöne an ihr Ohr, aber die Quelle war zu weit entfernt, um erkennen zu können, was sich die Jäger zuriefen.

Schreckliche Dinge hatten sich in dem kleinen Dorf ereignet - die Woche zuvor waren zwei schwarze Tumali blutüberströmt und nicht mehr wiederzuerkennen im Wald gefunden worden, und vorletzten Tag war einem weiteren dasselbe widerfahren. Irgendetwas musste da im Wald hausen, das über harmlose Dorfbewohner herfiel. Also hatte man einen Trupp Späher ausgesandt, die recht schnell herausgefunden hatten, was für die Morde verantwortlich war. Und genau dieses Etwas galt es jetzt zu richten. Noch während der Abenddämmerung hatte sich eine größere Gruppe von Jägern aufgemacht, um das Ungeheuer zu töten.
Was für ein Ereignis in der sonst so langweiligen Gegend! Sibrú hatte seinen Vater angebettelt, ihn begleiten zu dürfen, aber nein, mit seinen zwölf Jahren sei er noch zu jung. Also hatte er sich trotz des ausdrücklichen Verbots seiner Eltern, auch nur einen Schritt in den Wald zu tun, mit seiner Schwester heimlich nach draußen geschlichen, um sich das Geschehen vor Ort anzusehen.
Langsam arbeiteten sich die beiden durch die dichte Vegetation in Richtung der erwachsenen Tumali vor. Sibrú hatte bestimmt, sich durchs Gestrüpp zu schlagen, um nicht einem womöglich auf den Waldwegen postierten Aufpasser in die Arme zu laufen. Immer näher kamen sie dem Geschehen, und schließlich machte Sibrú plötzlich Halt und streckte den Arm aus, um seine Schwester ebenfalls zurückzuhalten.
"Was ist denn?", flüsterte Aluí.
"Schau." Ihr Bruder deutete nach vorne, wo sich hinter den Bäumen eine Lichtung erahnen ließ. Schon die ganze Zeit hatten die beiden nicht nur das hektische Pfeifen der Erwachsenen, sondern auch ein wildes Brüllen gehört, und jetzt hatten sie den Jagdschauplatz erreicht. Gebückt und bemüht, keinen Laut von sich zu geben, schlichen sich die Geschwister bis zum Rand der Lichtung vor und spähten durch das Blattwerk.

Gut zwei Dutzend Tumali, mit langen Speeren bewaffnet, waren da am Werk - sie hatten einen Kreis gebildet, um so ihre Beute kontrolliert angreifen zu können. Selbige war größer als ein Haus, hatte mächtige Reißzähne, messerscharfe Klauen und einen monströsen, mit Dornen besetzten Schwanz, der wie eine Peitsche durch die Luft fuhr und dabei wiederholt Jäger von den Beinen riss und durch die Luft schleuderte. Wild schlug das Tier mit den Klauen um sich. Seine Bewegungen hatten etwas Unkontrolliertes, Verzweifeltes. War es etwa nachtblind und teilte nur zur Verteidigung Hiebe aus?
Sibrú hielt den Atem an. Neben sich hörte er seine Schwester leise Laute von sich geben. "Sei still, sonst bemerken sie uns noch", presste er zwischen den vor Aufregung zusammengebissenen Zähnen hervor. Doch Aluí hörte nicht auf, zu wimmern und ihn in die Seite zu stupsen. Schließlich gab er ihrem Drängen nach. "Was ist denn?" Sie deutete auf die linke Seite der Lichtung, wo ein Tumali reglos am Boden lag. "I- ... ist das Vater?" - "Quatsch", gab Sibrú zurück, "Vater hat rote Haare, so wie du."
Urplötzlich versteifte sich Aluís Körper unter der Hand ihres Bruders, die auf ihren Schultern lag. "D... da, sieh doch..." Die Blicke beider Kinder wanderten nach vorne und nahmen entsetzt wahr, dass das Tier die Reihen der Jäger durchbrochen hatte und geradewegs auf sie zukam.
Sibrú fiel siedendheiß ein, dass sich die Erwachsenen, bevor sie in den Wald gegangen waren, mit einer Flüssigkeit eingerieben hatten, damit das Tier ihre Duftstoffe nicht wahrnehmen konnte. "Es hat uns gewittert", entfuhr es ihm, "bloß weg hier!"
Beide sprangen auf und setzten zur Flucht an. So schnell sie ihre kurzen Beine trugen, rannten sie den Trampelpfad entlang zurück, den sie beim Hinweg angelegt hatten. Sibrú fiel beim Umsehen mehrmals hin, doch obwohl er sich sicher war, dass das Tier ihnen nicht mehr folgte, rappelte er sich immer wieder auf und lief weiter. Schließlich hatte er auch Aluí wieder eingeholt, die sich mit erstaunlicher Geschicklichkeit durch das dichte Gestrüpp bewegt hatte und nicht einmal gestolpert war. Sie war stehen geblieben und sah sich ratlos um. Keuchend hielt Sibrú ebenfalls inne, seine Blicke folgten den ihren. "Was ist denn?"
Aluí deutete in den Wald hinein. Vor ihr hatte jemand - oder wohl eher etwas - Gras, Büsche und kleinere Bäume niedergetrampelt, so dass eine regelrechte Schneise entstanden war. "Das waren bestimmt nicht wir. Wir sind vom Weg abgekommen." Vorwurfsvoll musterte sie ihren Bruder.

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