Dieser jedoch hatte seine Aufmerksamkeit längst auf etwas anderes gerichtet. Er folgte der Schneise einige Schritte weit und hielt dann an. "Sieh dir das mal an. So was hast du noch nicht gesehen." Aluí folgte ihm widerstrebend. Ihr Bruder deutete auf einen gewaltigen Haufen Dreck an einem der Bäume, der bestimmt den Durchmesser eines erwachsenen Tumali hatte.
"Das ist ein Ameisenhügel", tat Aluí die Entdeckung ab. "Nun komm, wir müssen den Weg zurück finden, bevor noch jemand merkt, dass wir nicht zu Hause sind."
"Das ist mit Sicherheit kein Tierbau", erklärte Sibrú. "Das stinkt nämlich." Beide sahen sich an. "Weißt du, was das ist? Das sind die Hinterlassenschaften dieser Bestie." Sibrú wandte sich wieder dem Haufen zu. Wenn er das Wesen nicht zuvor mit eigenen Augen gesehen hätte, hätte er es spätestens jetzt angesichts der Ausmaße dieses Kotberges mit der Angst zu tun bekommen.
Jäh verharrte sein Blick auf einer Stelle des Haufens. "Aluí, gib mir einen Stock." Die Angesprochene reagierte nicht. Schließlich beugte sich Sibrú vor und fing an, mit bloßen Händen in dem Haufen zu wühlen, entsetzte Blicke seiner Schwester im Rücken. Wenig später drehte er sich um und hielt triumphierend ein gleichmäßig geformtes Etwas hoch. An den wenigen Stellen, an denen der Gegenstand nicht mit Kot beschmutzt war, schimmerte etwas Goldenes hervor. Sibrú legte ihn vorsichtig auf den Boden und riss einige Blätter ab, mit denen er die Oberfläche seines Fundes zu reinigen begann. Nur wenig später konnte er erkennen, was genau er da vor sich hatte - einen hölzernen Würfel, etwa so doppelt so groß wie die Faust eines Erwachsenen, der mit fremdartigen goldenen Ornamenten verziert war.
Aluí hatte ihrem Bruder staunend zugesehen. "Wie kommt das denn da rein?" Staunend kniete sie sich neben ihn auf den Waldboden und betrachtete den Fund.
Sibrú hatte indes den Würfel geschüttelt - es schien nichts darin zu sein - und befingerte nun seine Seiten. "Anscheinend kann man ihn nicht aufmachen. Es ist einfach nur ein... Würfel."
"Gib mal her", bat Aluí.
"Nein, ich habe ihn gefunden, also darf ich ihn auch zuerst ansehen."
"Du hast ihn doch eben schon angesehen."
"Ich bin aber noch nicht fertig."
"Du hat doch selbst gesagt, dass man ihn nicht aufmachen kann!"
Aluí griff nach dem Fundstück, doch ihr Bruder hielt es eisern fest. "Tu deine Finger da weg!"
"Nein, jetzt bin ich dran." Beide krallten sich an gegenüberliegenden Seiten des Würfels fest und zogen mit aller Kraft daran.
Auf einmal glitt der Fund unter Sibrús kotbeschmierten Fingern weg. Die Kraft, mit der Aluí am anderen Ende gezogen hatte, sorgte dafür, dass sie nach hinten kippte und dabei den Würfel von sich schleuderte, der in hohem Bogen durch die Luft flog und hinter ihr auf dem Boden landete. Entsetzt sprang Sibrú auf, um den Schatz wieder an sich zu nehmen - der sich nunmehr wirklich als Schatz entpuppte. Der Aufprall musste irgendwie dazu geführt haben, dass sich eine Seite des Würfels geöffnet hatte und den Blick auf mehrere kleine Fläschchen freigab.
Augenblicklich war aller Streit vergessen. "Er hat sich geöffnet!" Er nahm eine der Phiolen heraus und hielt sie hoch. In ihrem Inneren schwappte eine bernsteinfarbene Flüssigkeit hin und her. "Sieh dir das mal an!"

Im selben Moment war ein markerschütterndes Brüllen zu hören, das von irgendwo hinter den Bäumen kam und sich über die Wipfel hinweg ausbreitete. Augenblicke später erschütterte ein leichtes Beben den Waldboden, dann war wieder Ruhe eingekehrt. Die Kinder hatten verstanden. "Sie haben es getötet", hauchte Aluí. Sie trat an ihren Bruder heran und warf einen Blick auf die Gegenstände in seinen Händen. "Lass uns das besser später ansehen. Wenn wir nicht vor den Jägern zu Hause sind, gibt es mächtig Ärger."
"Ja, du hast Recht." Sibrú legte das Fläschchen wieder in den Würfel und klemmte einen kleinen Stock in den Spalt zwischen Deckel und Körper, damit er sich nicht wieder schloss. Sie schlugen die Richtung ein, von der sie auf die Schneise gestoßen waren, denn irgendwo dort mussten sie den Trampelpfad verlassen haben. Es gelang ihnen auch recht schnell, ihn wiederzufinden, und sie machten sich, halb gehend, halb rennend, auf den Rückweg. Bald tauchten auch schon die ersten, aus gestampften Pflanzen- und Holzteilen bestehenden Hütten des kleinen Tumali-Dorfes vor ihnen auf.
Beide sahen sich suchend nach den Jägern um, doch noch war alles ruhig. Lediglich die besorgten Frauen und Kinder der ausgezogenen Männer waren auf dem Dorfplatz zusammengekommen, um zu warten. Es würde wohl noch einige Zeit dauern, bis die Erwachsenen das schwere Tier so zerlegt hatten, dass sie es wegtragen konnten. Im Schatten der Hütten schlichen sich die beiden Kinder nach Hause.

Noch vor dem Eingang wurden sie von einer Nachbarin erwischt und ihrer Mutter übergeben, die nur auf sie gewartet zu haben schien. "Wo um alles in der Welt seid ihr gewesen? Ich habe die ganze Gegend nach euch abgesucht!"
"Wir waren beim Spielen im Ostdorf", log Aluí, "all die anderen Kinder durften raus, nur wir nicht."
Ihre Mutter schenkte ihr den schiefen Blick, den die beiden nur zu gut kannten - sie glaubte ihnen kein Wort. "Jetzt seht zu, dass ihr hineingeht", herrschte sie die beiden an, "über eure Bestrafung reden wir später. Und was habt ihr da eigentlich?"
Sibrú zeigte ihr resigniert seinen Fund. Er hatte ohnehin nicht geglaubt, ihn lange vor den scharfen Augen seiner Mutter verbergen zu können.
"Interessant. Aber wie das stinkt! Nein, dieses Ding kommt mir nicht ins Haus." Sie nahm ihrem Sohn den Würfel aus der Hand und legte ihn ein paar Schritte vor dem Eingang auf dem Boden ab. Ihre Kinder wollten protestieren, aber sie duldete keinerlei Widerspruch. "Morgen könnt ihr es wiederhaben." Sie schob die beiden nach drinnen und zog den schweren Vorhang zu.
Draußen begann es langsam zu dämmern. Noch vor Tagesanbruch kamen die Jäger zurück ins Dorf, große Tragen mit Tierfleisch auf dem Rücken. Alsbald setzte der für Tumal typische, morgendliche Tropenregen ein, der diesmal noch stärker zu sein schien als sonst. Vor den Hütten und auf dem Dorfplatz bildeten sich große Pfützen, die die festgetretene Erde vom Versickern abhielt und die langsam zu kleinen Bächen anschwollen. Ein solcher entstand auch vor der Hütte von Aluís und Sibrús Eltern. Irgendwann schließlich erfasste er den seltsamen Würfel und trieb ihn den sanften Abhang hinab, der zum Dorfplatz führte, wo sich das Wasser sammelte. Von dort wurde er von einem noch größeren Schwall in einen nahegelegenen Bach befördert, wo er sich gelegentlich zwischen großen Kieseln verhakte, er auf Dauer aber den Kampf gegen die Elemente verlor und immer wieder mitgerissen wurde. Auch der kleine Stock war längst fortgespült worden, so dass sich der Würfel wieder geschlossen hatte.

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