Er trieb lange Zeit auf dem Wasser dahin, und wurde schließlich von dem coltharischen Kapitän Volban bemerkt, der am Bug seiner Táchibe, der Flußperle, stand und nach Sandbänken Ausschau hielt. "He da, Schiffsjunge! Mach dich nützlich und fisch’ mir das Glitzerding heraus!"
Der Knabe sprang ins Wasser und kletterte kurz darauf triefnass zurück an Bord. "Ein Würfel, Kapitän!"
"Das sehe ich selbst. Gib her." Vom ersten Moment an war Volban fasziniert. Beinahe andächtig strich er über das glatte Holz und die kunstvollen Muster. "Wer würde ein Prachtstück wie dich einfach verlieren?" brummte er in seinen Bart, um dann unvermittelt loszupoltern: "Was stehst du da und gaffst, du Bengel? Los, an die Arbeit, wisch diese Sauerei von einer Pfütze weg!"
Die Ruderer sahen sich nur wortlos an. Nicht umsonst nannten sie ihren Schiffsherrn liebevoll 'den Schinder'. Der Rest des Tages verlief jedoch unerwartet erfreulich: Volban zog sich in seine Kabine zurück, um das Stück Treibgut genauer zu studieren.

Ob es vielleicht ein Relikt aus der Zeit des Alten Reiches war? Oder nur ein ausgefallenes Accessoire aus der Schmiedestadt Carne? Sein Verdacht, dass es sich um ein magisches Artefakt handeln könnte, verdichtete sich zur Gewissheit, als er herausfand wie es zu öffnen war: Wenn man die Finger spreizte und auf drei Stellen zugleich drückte, schnappte der Deckel auf. Und der Innenraum war dreimal größer, als er hätte sein dürfen!
Volban ließ den Würfel vor Schreck beinahe fallen, fasste sich aber schnell wieder. "Sieh mal einer an", murmelte er. "Du und ich, wir sind wie für einander geschaffen!"
Er schielte argwöhnisch zur Kajütentür und bückte sich nach seiner Kleidertruhe. Hastig räumte er sie frei und hob vorsichtig den doppelten Boden an. Sorgfältig in Schleierseide eingeschlagene Phiolen kamen zum Vorschein. Tasheguánische Duftöle waren sehr selten und wertvoll. Volban war unter Umständen an sie herangekommen, die er niemandem freiwillig näher erläutern würde. Die als höchst wirksam geltenden Aphrodisiaka würden in Daerlon einen reißenden Absatz finden - falls er es schaffte, sie heil an den Zolleintreibern vorbeizuschmuggeln. Und diese Chancen waren durch den Würfel stark gestiegen. Dass ein coltharischer Schiffsherr wie er ein magisches Objekt mit wertvollem Inhalt besaß, würde erst keiner vermuten. Coltharer galten nämlich als äußerst abergläubisch. Allerdings war er nur zur Hälfte einer, obwohl man ihm diesen Makel nicht ansah. Und er würde bald allen beweisen, dass in der Tat wahres Händlerblut durch seine Adern floss! Zufrieden summend packte er die kleinen Phiolen in ihr neues Versteck. Mit dem Verkaufserlös würde er sich in den Collahandel und damit in die oberen Ränge der Coltharischen Handelsfahrer einkaufen. Bald schon würde er sich ganz in Blau kleiden dürfen.

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Drei Wochen später lief die Flußperle in Daerlon ein. Volban konnte kaum erwarten, bis die Liegegebühr bezahlt und die Ladung aus schweren Säcken voll flauschiger Mourakwolle endlich gelöscht war. So schnell wie möglich suchte er die Straße der Wohlgerüche auf. Hier wohnte ein sehr exklusiver Händler, der zu guten Preisen kaufte, ohne viele Fragen zu stellen. "Melde mich dem Herrn Chamides", befahl er dem Sklaven am Tor. "Sag ihm, Kapitän Volban von der Flußperle sei hier und möchte Geschäftliches mit ihm besprechen." Während er wartete bis er vorgelassen wurde, summte Volban zufrieden vor sich hin und tätschelte den Würfel in seiner Tasche.
Chamides empfing ihn recht bald. "Kapitän Volban, nehme ich an? Was führt Euch in mein bescheidenes Heim?"
Sie brachten die üblichen Floskeln hinter sich, dann rückte Volban mit seinem Anliegen heraus. "Ich bin durch Zufall in den Besitz einer kleinen aber exquisiten Auswahl erlesenster Düfte geraten. Aus den Trockenwäldern - Ihr wisst schon." Er blinzelte verschwörerisch.
"Von welcher Menge reden wir hier?" wollte der feiste Händler wissen.
"Achtzehn Phiolen."
Chamides Augen glitzerten vor Gier. Er pfiff durch die Zähne. "Beachtlich, in der Tat. Ich bin sehr interessiert. Natürlich werde ich die Qualität erst prüfen müssen."
"Natürlich." Volban holte den Würfel aus seiner Gürteltasche. Als er ihn öffnete, quoll eine Wolke widerlichen Fäulnisgestanks daraus hervor. "Was..?!"
"Bei den Göttern!" Chamides würgte, sprang auf und hielt sich die Nase zu. "Deckel zu!"
Volban traute seinen Augen nicht. Statt der wertvollen Phiolen lag da etwas, was wohl einmal ein toter Frosch gewesen war. Es stank bestialisch.
Chamides presste sich ein Tuch vor Mund und Nase, trotzdem war die Zornesröte seines Gesichts nicht zu übersehen. "Verflucht sei der Konkurrent, der Euch geschickt hat mir meine empfindliche Nase zu verderben!"
"Aber - aber..."
"Glaubt Ihr, ich lasse mich zum Narren halten? Hinaus mit Euch!"
Volban verließ fluchtartig das Haus. Draußen lehnte er sich an eine Mauer. Er war fassungslos, und den Tränen nahe. Das ging nicht mit rechten Dingen zu, nein, es stank förmlich nach Magie. "Du von Naerius verwünschtes Ding!" herrschte er den Würfel an. "Rück sofort mein Öl heraus!"

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