Es half nichts. Abgesehen von dem halbverwesten Frosch war der Würfel leer. Volban warf den Kadaver angewidert weg. Zum ersten Mal begann er zu verstehen, warum die Hornanden die Magie so verabscheuten. Hätte er es doch nur früher erkannt! Seinen Traum von Ansehen und Reichtum konnte er erst mal vergessen. Schlimmer noch, Chamides würde die Begebenheit überall herumerzählen und seinen Ruf ruinieren! Egal wie oft er den Würfel auch öffnete, immer war das Ergebnis dasselbe: Ein paar schmierige Froschreste, aber keine Phiolen. Nach zwei Stunden gab er auf.
"Jetzt weiß ich, warum man dich in den Rhenn geworfen hat", murmelte er verbittert. "Weil du nichts als Unglück bringst!" Der einzig würdige Abschluß für diesen furchtbaren Tag war ein ordentliches Besäufnis. Und das würde er sich jetzt gönnen. Er musste nur vorher den verfluchten Würfel loswerden. Auf der anderen Straßenseite hockte ein verkrüppelter Bettler, der seine Schale jedem Passanten hinhielt und mit stetigem Singsang um milde Gaben bat. Volban pfefferte ihm den Würfel hin. "Da! Werde glücklich damit!" Er lachte humorlos auf und ging die nächste Kneipe suchen.
"Segnen soll er Euch, der Gott Laoghan! Glaub’ ich..." rief ihm Galbi Klumpfuß zögernd hinterher, denn er wusste nicht recht, was er von der seltsamen Gabe halten sollte. "Un’ mich lieber gleich no’ mit.. Wassn das fürn Ding?!"

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"Was issn nu, Manuri? Willste’s ham oder nich?"
Manuri der Pfandleiher sah Galbi forschend an. "Du sagst jemand hat ihn dir geschenkt? Einfach so?"
Der Alte nickte eifrig. "Bei ’n Göttern, so wars! In mei’m Leben hab ich no’ nie nich so’n Almosen gekricht!"
Manuri zögerte. Es war eine schöne Arbeit - aber irgendetwas war ihm nicht ganz geheuer. Hehlerei konnte einen diverse Finger oder Hände kosten - wenn man Glück hatte und so leicht davonkam. Und er konnte es sich nicht leisten, Aufmerksamkeit auf das Pfandhaus zu ziehen, immerhin war es ein Stützpunkt der Uranach. "Warte mal kurz, Galbi. Ich muss Lissa fragen, was sie davon hält."
Der drahtige Wyssenier ging nach hinten in seinen Laden, wo eine alte Frau saß. Sie war nicht mehr ganz richtig im Kopf, hatte ihn aber mit ihren Vorahnungen schon oft vor Fehlkäufen bewahrt. "Na, Lissa? Sieh mal, was ich hier habe. Was meinst du dazu?"
Lissa ließ ihre Näharbeit sinken und streckte die Hände nach dem Würfel aus. "Ein Spielzeug für mich, Manuri? Gib es mal der alten Lissa, oh..." Sie drehte ihn hin und her, hielt ihn ans Ohr und schloss verzückt die Augen. "Es flüstert mir Dinge... von weit entfernten Orten... schenkst du es mir?"
"Mal sehen, Mütterchen." Manuri nahm ihr den Würfel mit sanfter Gewalt wieder ab, und ging nach vorne zu Galbi, der schon ungeduldig wurde. "Scheint in Ordnung zu sein. Ich biete dir zwanzig Cirrons."
Galbi nickte selig.
Vermutlich würde er sich nur wieder getrockneten Süßblattpilz davon kaufen, und die nächsten Wochen im Dauerrausch verbringen. Manuri seufzte innerlich und zahlte ihm das Geld in kleinen Münzen aus. Er konnte es nicht ändern.
Und der Würfel kam ihm gerade recht, wie ein Geschenk der Götter. In der Nacht zuvor war einer der Ihren gefangengenommen worden, und sie mussten ihn unbedingt wieder freibekommen. Die Wachen waren bestechlich, das war nicht das Problem, aber es kam auf die Person der jeweiligen Schicht an. Und Hauptmann Gelior hatte einen etwas überzüchteten Geschmack. Er bestand stets auf Kunstgegenständen, und hatte am liebsten noch mehrere zur Auswahl.
Nicht zu vergessen die gewisse andere Schwäche, die er hatte.
Der Uranach grinste. Ausgerechnet ein Würfel. Gelior würde ihn lieben!

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Volban rieb sich die Hände. Es war die vierte Runde 'Speer und Schild' die er gewann, und vor ihm lag schon ein beträchtlicher Haufen Geld. Seine schlechte Laune war nach ein paar Gläsern Dornbeerschnaps verflogen, ja, er war beinahe fröhlich. Das Schicksal begann bereits, seine Schulden an ihn zurückzuzahlen. Die kleinen Verwandten des Dämonenwürfels waren ihm heute Abend hold, und wenn das so weiterging, konnte er mit seinem Gewinn gleich morgen ein großzügiges Versöhnungsgeschenk an Chamides senden.
Wieder einmal gratulierte sich Volban zu seiner Gerissenheit. Der Kerl von der Stadtwache, der ihm gegenübersaß, verstand nicht, wie ihm geschah. Volban, der Iskender, und der braungebrannte Helonni-Nomade am Tisch nahmen ihn nach allen Regeln der Kunst aus. Die Würfel rollten. "Ha!" rief er aus. "Schon wieder gewonnen! Wirt, eine Runde Schwarzbier für alle!"
Der Wachmann sah verlegen aus, und machte Anstalten sich zu erheben. "Für mich nicht mehr, meine Freunde. Ich fürchte, ich muss aussteigen. Ich habe keine Münzen mehr."
"Aber, aber", meine Volban jovial. "wie schade wäre es doch, wenn gerade jetzt Eure Glückssträhne begänne, wo ihr Euch nun erst warmgespielt habt. Sicher habt Ihr doch noch irgendetwas, das ihr setzen könntet."
Widerstreitende Gefühle spiegelten sich auf Geliors Gesicht. "Nun ja, tatsächlich...", er kramte in seiner Manteltasche, "Ich habe heute zufällig diesen Würfel hier gef-"
"Blutiges Feuer!" schrie Volban entsetzt. Hastig sprang er auf, klaubte seine Gewinne zusammen und schob sie in die Tasche, wobei ein Gutteil danebenfiel - es war ihm egal. "Das Ding lebt! E-es verfolgt mich! Mein Untergang! Erbarmen!"
Hauptmann Gelior sah etwas beunruhigt den Würfel an, und dann den flüchtenden Coltharer, der in Richtung Hafen verschwand als wäre eine Horde Hornanden hinter ihm her.
Der Iskender schüttelte nur den den Kopf, und murmelte etwas von abergläubischen Verwandten.
Der Helonni klopfte Gelior beruhigend auf die Schulter. "Nun, Freund Hauptmann. Willst du noch weiterspielen? Mir gefällt dieser Tand. Ich will ihn haben."
Drei Stunden später machte sich der Helonni mit seinem Stück Tand auf den Weg nach Hause. Er sollte nie dort ankommen.

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